Das Haus am Deich

von Paola Reinhardt (copyright)

Sie war mit dem Auto hierher gefahren. Drei Stunden und vierzig Minuten, abwechselnd über Landstraße und Autobahn. Ab Osnabrück bis zur Abfahrt Oldenburg Ost eigentlich nur immer geradeaus. Danach hatte sie sich allerdings zweimal verfahren. Doch nun stand sie endlich hier in dem fensterlosen Büro des Maklers, dessen Namen sie sich aus dem Internet gefischt hatte, um sich den Schlüssel für das gemietete Ferienhaus abzuholen.
„Es ist auch zu verkaufen“, sagte der Mann, als er ihr den Preis für die Kurtaxe abnahm und die Lauferei zur Kurverwaltung.
„Das Haus? Nein danke! Was soll ich mit einem Haus der Küste, in dem ich höchstens vier oder fünf Wochen im Jahr Urlaub machen könnte?“ Verena Wagner schüttelte den Kopf und steckte das Portmonee in ihre Handtasche zurück.
„Ich dachte nur, dass Sie es wissen sollten“, entgegnete Hennig Kleeve und ging zu seinem Schreibtisch zurück, auf dem ein flimmernder, grauer Computer stand. Das gleiche Modell, das Verena schon vor drei Jahren daheim durch einen Flachbildschirm ersetzt hatte.
Der Mann zog beim Gehen den rechten Fuß ein wenig nach, aber mit einer solchen Leichtigkeit, als habe er diese Art der Vorwärtsbewegung seit Jahren geübt und inzwischen fast perfektioniert. Verena lächelte über ihre Gedanken. Dann folgte sie Henning Kleeve zu seinem Schreibtisch und füllte mit ihrer sorgfältigen, aber ungewöhnlich eckigen Handschrift das Anmeldeformular aus.
Im dritten Jahr ihrer Gymnasialzeit hatte sie aus einer Laune heraus plötzlich damit begonnen, runde Buchstaben durch eckige zu ersetzen. Zuerst war sie damit bei ihren Lehrern auf Widerstand gestoßen. Doch sie ließ sich durch kein Veto beeinflussen. Und seitdem war genau diese Art zu schreiben, ihr Markenzeichen geworden. Heute vermochte jeder Besucher oder Mitarbeiter in der Universitätsbliothek, der zum zweiten Mal ein geschriebenes Wort von ihr sah, sie sofort als Schreiberin zu identifizieren.
Friesenhörn 33 stand auf dem Zettel, den Verena in der Hand hielt, als sie den provisorischen Büroraum verließ, in dem auch ein Maler seine Bilder ausstellte. Alles Motive von der Küste: Dünenlandschaften, verschiedene Boote, aufgewühltes Meer, Wolkenberge am blauen Himmel. Nicht gerade Verenas Geschmack, doch in einem Luftkurort wie diesen gab es bestimmt Käufer dafür.
Auf dem Weg zum Parkplatz begegnete ihr ein älterer Mann, der sie unter dem Rand seines dunklen Hutes hinweg eine Spur zu neugierig ansah, als dass es ihr nicht hätte aufgefallen müssen. Verena schüttelte verwundert den Kopf, stieg in ihr Auto und mit einem entsprechenden Ausweis, ausgestellt für die Dauer ihres hiesigen Aufenthalts, erreichte sie schon bald ohne Umwege die angegebenen Adresse: Friesenhörn 33.
Etwa gegen siebzehn Uhr schloss sie die Tür ihres Urlaubsdomizils auf. Dabei hatte sie einen Augenblick lang das Gefühl, sie könnte dies länger als für die Dauer von drei Wochen tun. Vielleicht sogar für den Rest ihres Lebens?
Das ist doch kompletter Unsinn!, ärgerte sie sich und trat ein. Die Luft im Innern des Wohnraums mit integrierter Essecke und Küche war so schwül, als wäre hier schon seit Jahren nicht mehr gelüftet worden. Rasch durchschritt sie das Wohnzimmer und öffnete die zweiflügelige Balkontür, die zu einer überdachten Terrasse führte. Dort standen in einer Ecke auf leicht vermoosten Waschbetonplatten ein runder Tisch und zwei Stühle aus Teakholz. Dahinter ein Rosenbeet, an dem die letzten Blüten bereits verwelkt waren, und die wenigen Knospen sich kaum noch öffnen würden. In einem kahlen Fleck des verunkrauteten Rasens pickte eine Amsel mit verbissenem Eifer nach Würmern. Den Abschluss des Grundstücks bildete eine Buchenhecke, die dabei war, sich zu entlauben. Genauso wie die Rotbuche im Nachbargarten.
Verena ging zurück ins Wohnzimmer und blieb vor dem großen Schwarz-Weiß Bild stehen, das fast die ganze Wand hinter der braunen Ledersitzgarnitur ausmachte. Warum es ihr schon beim Betreten des Raumes bedrückend erschienen war, vermochte sie auch jetzt noch nicht zu sagen. Es zeigte eine Kirmes mit verschiedenen Buden, Karussells und eine Menge Schaulustiger, unter denen sich auch einige Kinder mit Luftballons in den Händen befanden. Etwas abseits davon balancierte ein Clown mit Pappnase, schwarzer Hose und karierter Jacke mit seinem aufgespannten Schirm über ein Seil, das in einer Höhe von cirka zwei Metern über den Boden gespannt sein musste. Auf seinem weißen Gesicht lag eine schwarze Träne.
Eigenartig berührt, ging Verena näher an das Bild heran, um sich das Kind genauer anzusehen, das interessiert der Darbietung des Clowns folgte. Irritiert wischte sie sich über die Augen, kniff sie zusammen, riss sie wieder auf und wollte nicht glauben, was sie da sah. Das kleine Mädchen mit den langen schwarzen Haaren, die ihr bis auf den Rücken des fast bodenlangen Sommerkleids fielen, war sie. Der faltenreiche Stoff war an der linken Seite durch eine Puppe hochgezogen, die sie fest an den Körper gepresst hielt. Es war die gleiche Puppe, die Verena von ihrem Vater zum vierten Geburtstag geschenkt bekommen hatte. Kurz bevor er von einem Tag auf den anderen verschwand.
Obwohl sie sich in den letzten dreißig Jahren bestimmt sehr verändert hatte, so zeigte ihr Profil doch heute noch die gleichen hohen Wangenknochen wie damals, und ihre Nase diese leichte Biegung nach oben. Es gab also nicht den geringsten Zweifel an der Identität.
Eine feine Gänsehaut lief Verena über die Arme, kroch hoch bis zum Hals und dann den Rücken hinunter bis zu den Fußsohlen. Und als sie vor Rührung schlucken musste, spürte sie, wie die feinen Sehnen an ihrem Hals deutlich hervortraten. Die Konfrontation mit der Vergangenheit, über die ihre Mutter bis zum Tod nicht hatte reden wollen, tat weh.
Wer hatte dieses Bild gemalt? War es der Besitzer dieses Hauses, oder vielleicht ein von ihm bestellter Maler? Fragen, die sofort nach eine Antwort verlangten!
Hektisch suchte sie in ihrer Handtasche unter Schlüsselbund, Portmonee, Papiertaschentüchern und dem Prospektmaterial über den Ferienort nach ihrem Handy. Und als sie es endlich gefunden hatte, wählte sie mit zitternden Fingern die Telefonnummer des Maklers. Doch am anderen Ende der Leitung meldete sich niemand, obwohl sie es noch drei bis vier Mal versuchte.
Wahrscheinlich hatte Henning Kleewe sein Büro längst verlassen. Die Privatnummer war auf der Visitenkarte leider nicht aufgeführt. Hier konnte und wollte Verena nicht bleiben! Bestimmt würde sich für die heutige Nacht noch ein Hotelzimmer am Ort finden lassen. Und morgen, morgen konnte man weiter sehen.
Hastig blätterte sie im Telefonbuch, kam zu den Buchstaben Ho… Plötzlich erfasste sie ein solcher Zorn, dass sie die Seiten zuschlug.
„Ich werde mir das ansonsten schöne Haus doch nicht durch ein Bild vermiesen lassen“, sagte sie laut. „Und dieses Kind da“, sie streckte ihre Hand nach der Schwarz-Weiß-Malerei aus, „also dieses Kind, es könnte genauso gut irgendein xbeliebiges Kind sein. Kinder sahen sich in einem gewissen Alter doch alle irgendwie ähnlich! Außerdem war die Puppe von damals bestimmt kein Unikat.“
Es gab eben Zufälle im Leben, die nichts zu bedeuten hatten. Und dieser hier, das war so einer! Deshalb bestand für sie auch nicht der geringste Grund, jetzt völlig kopflos zu reagieren. Vielleicht hatte der unbekannte Maler sie irgendwo mal als Kind gesehen, sich ihr Gesicht eingeprägt, und als er dieses Bild malte, sich daran erinnert.
Ja, so und nicht anders, musste es gewesen sein! Gleich morgen würde sie sich von Hennig Kleeve den Namen des Hausbesitzers geben lassen und ihn anrufen. Und falls er hier in der Gegend wohnen sollte, wollte sie ihn aufsuchen und sich mit ihm über das große Schwarz-Weiß Bild unterhalten.
Während sich Verena bereits in einem imaginären Gespräch mit dem Fremden befand, fiel ihr der Mann mit dem großen dunklen Hut wieder ein, der sie so neugierig angestarrt hatte. Doch sie schob diesen Gedanken schnell wieder zur Seite und ging nach draußen, um ihre Koffer hereinzuholen die noch immer vor der offenen Haustür standen.
Die Schlafzimmer lagen im oberen Stockwerk und hinauf führte eine steile Treppe mit mindestens zwanzig Stufen. Kein leichtes Unterfangen mit schwerem Gepäck!

Als Verena sich nach ungefähr einer Stunde auf den Weg zum Deich machte, hatte sie inzwischen auch den letzten Winkel des Hauses inspiziert, die mitgebrachten Vorräte in den Kühlschrank geräumt und sich der Funktionsfähigkeit des Fernsehers während der ersten Abendnachrichten versichert.
Am Himmel zeigten sich bereits die ersten Sterne und ein runder Mond versprach eine helle Nacht. Welkes Laub raschelte unter ihren Füßen und Trautropfen schimmerten in dem Spinnennetz, in das sie sich an der Gartenpforte verfing. Sie zerriss es, und setzte ihren Weg durch die Feriensiedlung fort.
Als sie am Ende der Straße anlangte, sah sie bereits den Deich vor sich liegen. Leichtfüßig lief sie die breiten Steinstufen zur Krone hinauf, spürte aber, kaum oben angekommen, eine ungewohnte Kurzatmigkeit. Sicher lag es am kalten Wind, der ihr direkt ins Gesicht blies und sie trotz des hochgeschlagenen Anorakkragens noch frösteln ließ.
Es war Ebbe. Das Meer hatte sich vom Land zurückgezogen und nur dunklen Schlamm zurückgelassen. Verena war zunächst von der Kargheit der Landschaft enttäuscht. Doch dann begann sie auf einmal die Weite des Raums, an dessen Ende sich Himmel und Erde in der aufkommenden Dunkelheit zu vereinen schienen, förmlich zu spüren. Sie lächelte versöhnt.

„Moien!“, sagte auf einmal eine Stimme so dicht hinter ihr, dass sie sich nicht hätte umdrehen können, ohne dabei die unbekannte Gestalt zu berühren.
„Moien“, antwortete sie und spürte Puls und Herzschlag wie verrückt rasen, während sie darauf wartete, dass sich ihr der Fremde zeigen würde. Doch obwohl sie minutenlang starr auf der gleichen Stelle ausharrte, unfähig auch nur einen einzigen klaren Gedanken zu fassen, kam es nicht zu einer solchen Begegnung. Und als sie es endlich wagte, ihren Körper vorsichtig im Halbkreis zu drehen, war der Mann, der so dicht hinter ihre gestanden hatte, bereits wieder verschwunden. Lautlos verschwunden, als hätte es ihn nie gegeben, sondern nur in ihrer Fantasie existiert.
In Panik rannte Verena die grüne Seite des Deiches hinunter, ohne zu gucken wohin sie trat, fiel hin, stand auf und nahm ihren Lauf wieder auf.
Als sie unten auf dem schmalen Radfahrweg ankam, konnte sie jedoch auch hier den Unbekannten nicht entdecken. Sie sah nur einen Mann und eine Frau auf ihren Fahrrädern dicht an ihr vorbei fahren, an denen die Lampendynamos surrten.
Plötzlich stupste etwas Feuchtes an ihre schlaff herunter hängende Hand. Verena schrie vor Scheck laut auf, doch da hörte sie auch schon ein Lamm neben sich blöken. Es war anscheinend der Obhut des Schäfers entkommen, den sie beim Aufstieg zur Deichkrone zusammen mit seiner Herde gesehen hatte. Erleichtert bückte sie sich und streichelte den schmalen, langen Kopf mit den dunklen Augen.
Da entdeckte sie zu ihren Füßen einen Clown. Einen Clown im schwarzen Gewand, schwarzer Mütze mit weißem Pompon obendrauf, darunter ein maskenhaftes Gesicht mit einem weißen plissierten Kragen um den Hals.
Doch es war kein Clown, wie man ihn zu Dutzenden kaufen konnte, sondern einer, auf dessen Wange eine schwarze Träne lag. Verena hob ihn auf und starrte ihn sekundenlang an. Dann warf sie ihn auf den Boden und lief davon. Lief so schnell sie konnte, lief bis zum Haus Friesenhörn 33. Dort angekommen, lehnte sie sich keuchend an die Hauswand und sah zu ihrer Verwunderung, dass die Eingangstür nur angelehnt war. Dabei erinnerte sie sich genau daran, sie vorhin abgeschlossen zu haben.
Was erwartete sie wohl drinnen, wenn sie jetzt hineinging? Sicher war es besser, kein Wagnis einzugehen, sondern auf der Stelle von hier zu verschwinden! Allerdings müsste sie dann Wagenschlüssel, Geld und Papiere im Haus zurücklassen und würde wahrscheinlich alles verlieren. Während Verena Für und Wider gegeneinander abwog, überkam sie plötzlich eine seltsame Ruhe und eine Gewissheit, richtig zu handeln. Lächelnd überschritt sie die Schwelle.

Eine dunkle Gestalt stand vor dem großen Schwarz-Weiß Bild und starrte es an. Der Mond fiel auf das hutlose Gesicht mit den hohen Wangenknochen, auf die Nase mit der leichten Biegung nach oben.

Ein Kommentar zu Das Haus am Deich

  1. schade das es nicht weiter lesen kann…eine ehr schöne,spannende geschichte die einen nicht mehr loslassen will!
    lg mielle

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