Geschichten (er)finden

von Dieter J. Baumgart (copyright)

Aus der Reihe “Autoren unter sich”

Das er streichen wir doch mal gleich wieder – sagt jener, der mir stets dazwischenredet. In Ordnung, sage ich, aber ich setze es in Klammern, damit meine Leser wissen, daß es nicht da hingehört. – Wie du willst – sagt mein innerer Gesprächspartner. Sonst noch was? frage ich in der sicheren Annahme, daß es das noch nicht gewesen ist. – Du weißt, daß du kein Schriftsteller bist?! – Ich bin ein Geschichtenerzähler, aber… – Aber? – Aber ich würde mich freuen, wenn ich manchmal ein Dichter sein könnte. – Das zu beurteilen, solltest du deinen Zuhörern, deinen Lesern überlassen.
Könnte das der Anfang einer Geschichte sein? Nun, zumindest ist es der Grund, warum ich ein Geschichtenerzähler bin. Der Anfang einer Geschichte könnte aber so lauten:

„Erzählst du mir eine Geschichte?” fragt das Mädchen Swantje eines Nachts im Traum den Hasen Oliver. „Aber nicht spinnen, wie die Tina. Die erzählt immer Geschichten, die gar nicht wahr sind.”

„Alle Geschichten sind so lange wahr, wie man an sie glaubt. Und Tina glaubt an ihre Geschichten”, sagt da der Hase.

„Oliver, das versteh‚ ich nicht!”

„Weißt du, Geschichten sind wie gute Freunde. Sie werden aus Gedanken gemacht, und sie helfen denen, die an sie glauben.”

„Aber eine Geschichte, die nicht wahr ist, ist doch eine Lüge – oder nicht?”

„Wenn jemand eine Geschichte erzählt, an die er nicht glaubt, dann ist das eine Lüge.”

„Und deine Geschichten sind alle wahr?”

„Ich glaube an meine Geschichten.”

So fangen eigentlich alle meine Geschichten an, denn ich bin der Hase Oliver. Und ich glaube an meine Geschichten. Was natürlich ausschließt, daß ich sie erfinde.

„Ach, Sie schreiben Geschichten für Kinder?” werde ich dann gefragt.

Nein, ich schreibe Geschichten für kleine und große Menschen, und ich hasse es, wenn jemand daher kommt und nach Lesealter einordnet.

„Und wie finden Sie Ihre Geschichten?”

Ich lasse sie mir erzählen. Allerdings nicht von Menschen. Womit wir dann auch schon beim Thema sind. Ich schreibe auf, was andere mir erzählen. Andere, das sind Tiere, Pflanzen, Gegenstände. Was sie erzählen, höre ich mehr im Kopf, weniger mit den Ohren. Die Augen sind natürlich auch beteiligt. Und die Phantasie. Mit der hat es allerdings eine eigene Bewandtnis. Sie ist als Dolmetscher tätig, indem sie die fremden Erzählungen in meine Gedankensprache überträgt. Und dann sind da noch die Fakten. Die Fakten sind für die Logik zuständig, und in diesem Sinne halten sie dann auch die Phantasie im Zaum. Beispiel: Vor Jahren fand ich in der kommunalen Müllkippe, nahe unserem Dorf in Südfrankreich, ein Brett, das offensichtlich einmal ein Balken war und nach Jahrzehnte langem Wandern durch Flüsse eine faszinierende Form angenommen hatte. Zuhause angekommen, reinigte ich es vorsichtig und legte tatsächlich ein Gesicht, ein Brettgesicht frei. Ein Auge schaute mich an, ein Mund, der aus Platzgründen hochkant angeordnet war, sprach mit mir. Und ich schrieb auf, was ich hörte. Nach drei Tagen stand die Geschichte. Sie erhielt den Titel Unerwartete Begegnung und beginnt mit den Worten: „Oh, Verzeihung – ich starre Sie einfach so an…”
Dieses Brett begleitet mich stets auf meinen Lesungen, und es hat auch schon auf den Brettern, die die Welt bedeuten, gestanden, als seine Geschichte im Theater unserer Kreisstadt von einem Rezitator vorgetragen wurde.
Etwas anders verhält es sich mit der Parabel Schmetterlinge. Tatsächlich verdankt sie ihre Entstehung der Begegnung mit einem Schmetterling. Und das kam so: Vor einigen Jahren fuhren wir, meine Frau und ich, einen dieser schmalen Verbindungswege zwischen den Dörfern in der Garrigue (das ist die Buschlandschaft hier auf den Hochebenen) und wollten eine Freundin besuchen. Da bemerkte meine Frau einen Schmetterling, der sich im Scheibenwischer verfangen hatte und hilflos im Fahrtwind flatterte. Obwohl wir sicher waren, daß er längst tot sei, hielt ich an. Zu unserer Überraschung flog er plötzlich quicklebendig davon. Monate später hatte ich einen Diaporama-Termin in einem der übelsten Zuchthäuser Deutschlands, in Bielefeld-Brackwede. Am Morgen der Abfahrt nach Bielefeld und unter der Vorstellung dessen, was mich da wohl erwarten würde, fiel mir die Begegnung mit dem Schmetterling ein. Ich setzte mich hin und schrieb die Geschichte in einer halben Stunde. Ohne einen Buchstaben zu verändern, ging sie später in Druck. Zum erstenmal öffentlich gelesen habe ich sie – natürlich – in Bielefeld-Brackwede.
Diese Parabel über das Entstehen des Lächelns hatte ihren Ursprung tatsächlich nur im Kopf. Das Wesen des Lächelns war und ist für mich faszinierend. Unter den besonderen Umständen löste die fast vergessene Begegnung mit dem Schmetterling gedankliche Assoziationen aus, die in diese Geschichte, die inzwischen in 33 Sprachen übersetzt wurde, mündeten.
Natürlich sind die Protagonisten meiner Geschichten nicht selten auch Menschen. Es sind allerdings weder erträumte noch verabscheuungswürdige Idealfiguren, sie haben keine erfundenen Charaktermerkmale, und ich zwänge sie nicht in ein Handlungskorsett. Ich konfrontiere sie mit einer Situation in einer Umgebung, die mir bekannt ist oder über die ich mich eingehend informiert habe. Und dann sage ich: Nu macht mal… Und dann machen sie. Ich konstruiere keine spannenden Szenen, weil der ganz alltägliche Wahnsinn schon spannend genug ist. Auch hier ein Beispiel: Die Kurzgeschichte Keine Weihnachtsgeschichte hatte ich – ganz gegen meine Gewohnheit – als Krimi angelegt. Ein Banküberfall, der Täter, als Weihnachtsmann verkleidet, hat auf der Straße ein verlorengegangenes Mädchen aufgelesen und benutzt es als Geisel. Dann ließ ich den Dingen ihren Lauf, und es wurde spannend. Und zwar für mich, den Autor. Sehr bald geriet der Täter, der sich angesichts einer ausweglosen Situation selbst umbrachte, aus dem Blickfeld, und der Kassierer wurde zur Hauptperson. Der ursprüngliche Krimi wandelte sich in ein Psychogramm. Und das Ende der Geschichte war für mich bestimmt genau so überraschend wie für meine Leser. Natürlich gilt es besonders bei einer solchen Geschichte, die realen Spielregeln einzuhalten.

Wenn die Hauptperson nicht knarrend durch die Handlung staken soll, muß sie mit Leben gefüllt werden. Und zwar in aller gebotenen Zurückhaltung. Wenn da ein Sammelsurium von Einordnungshilfen zusammengebraut wird, geht das schnell zu Lasten der Glaubwürdigkeit. Also habe ich bei der Ausgestaltung bewußt auf eigene Erfahrungen, Reaktionen und Überlegungen – nicht aber auf Vorurteile – zurückgegriffen. Ich war nie Kassierer in einer Bank, aber ich habe Augen im Kopf und – was noch wichtiger ist – ich kenne genügend Bankangestellte, die mich auch in dieser Situation fair beraten. Eine gute Geschichte lebt von der Art und Weise, wie reale Situationen, manchmal kleinste Kleinigkeiten, dem Leser vermittelt werden. Vor allem aber sollte er, der Leser, nie das Gefühl bekommen, daß der Autor alles schon weiß und nur nichts verrät.
Gelegentlich – und das ist für mich immer wieder faszinierend – kann auch ein Traum eine Geschichte auslösen. Ein besonders skurriles Beispiel liegt der folgenden Geschichte zugrunde: Trikotagenfabrik, dieses Wort, es ist die veraltete Bezeichnung für einen Hersteller von Ober- und Unterbekleidung aus Strick- und Wirkwaren, geisterte nächtens durch mein Hirn. Dazu gesellte sich bald die gehbehinderte Fabrikbesitzerin, die sich, zwecks Kontrolle der Werktätigkeit, von ihrer Pflegerin in einem rollenden – und deshalb auch quietschenden – Eisenbett durch die Produktionsräume schieben ließ. Das brachte ihr die Spitznamen Das Ekel und – seitens der Humorvolleren – Die Straßenbahn ein. Wie gesagt, alles dieses beschäftigte mich im Traum, blieb mir aber auch am folgenden Morgen noch so gegenwärtig, daß sich, erst einmal nur gedanklich, ein Thema herausschälte: Die Beziehungen zwischen der Chefin und ihren Untergebenen in eben dieser Trikotagenfabrik. Als dann, sozusagen als Bindeglied zwischen den Parteien, die Gestalt des Oberbuchhalters hinzukam, machten sich die Ereignisse auf den Weg. Am Ende wurde es die tragische Geschichte eines Menschen, der sich, um anderen zu helfen, in ein Lügengebäude einspinnt, aus dem es schließlich kein Entkommen gibt. Der Titel Randnotiz ist gleichzeitig Rahmen und Schlußpunkt dieser menschlichen Tragödie.
Zusammenfassend muß ich natürlich sagen, daß die Art und Weise, wie ich an meine Themen komme, sehr aufwendig und schwer kalkulierbar ist. Kein guter Rat für Leute, die mit dem Schreiben Geld verdienen wollen oder müssen. Als Geschichtenerzähler wähle ich den direkten Weg zum Hörer und gewinne ihn nicht selten auch als Leser. Finanziell ist das ohne Frage ein Zusatzgeschäft, Lorbeeren werden auch nicht verteilt, und natürlich bleiben mir die Türen zum Literaturmarkt und seinen Einrichtungen verschlossen. Ich kann damit leben. Ich kann damit sogar gut leben, weil ich immer wieder auf Menschen treffe, die mich unterstützen, indem sie mir ihre Foren öffnen und bei der Gelegenheit feststellen, daß geteilte Freude tatsächlich doppelte, vielfache Freude ist. Als Geschichtenerzähler habe ich eine Maxime, die ich gern an den Schluß dieses Artikels stelle: Ich möchte meinen Zuhörern, meinen Lesern nicht die Zeit vertreiben – dazu ist sie zu kostbar. Ich möchte sie bereichern, indem ich die Gedanken anrege, mit den Themen zu spielen, Spaziergänge in der eigenen Erinnerungslandschaft zu unternehmen, Vergessenes wieder zu entdecken und in neue Zusammenhänge zu bringen.

Anmerkungen eines unordentlichen Menschen

von Dieter J. Baumgart (copyright)

Ordnung ist ein Hilfsmittel.
Aber wirklich NUR ein Hilfsmittel.

Geschichten, die sich einordnen lassen,
sollten in den entsprechenden Schuladen verbleiben.

Ordnung und Langeweile sind Geschwister.

Ordnung als Prinzip widerspricht dem Sch�pfungsgedanken,
der da ist Bewegung und Ver�nderung.

Schade drum:
Wenn phantasievolle Kinder zu ordentlichen Erwachsenen erzogen werden.

Pl�doyer f�r die Unordnung:
Wer nichts sucht, findet auch nichts.

Der Tschador als Kainsmal

von Dieter J. Baumgart (copyright)

Kopftuch, bäuerl. Kopfbedeckung (wahrscheinlich älteste) bes. für Frauen. In der Volkstracht ist das K. häufig mit Stickereien ausgeschmückt.
Brockhaus Enzyklopädie
Wieder einmal befassen sich hohe und höchste Gremien in Deutschland wie in Frankreich mit einem offensichtlich hochexplosiven Kleidungsstück. Angesichts dieser Diskussion könnte der enzyklopädische Eintrag wie folgt ergänzt werden: „2. K. s. a. ÕTschador, islam. Kopfbedeckung, als religiöses Symbol Gewalt verherrlichend und staatsgefährdend, unterhöhlt die freiheitliche Grundordnung”.
In diesem Sinne wird der hierzulande vereinfachend „Kopftuch” genannte islamische Schleier, so er das Haupt einer Frau schmückt, zum Symbol für Gewalt und Terror, weshalb seine Trägerinnen mit der ganzen Strenge noch zu bastelnder Gesetze von Positionen in öffentlichen Ämtern ferngehalten werden müssen. Der einfache Bürger, der in solchen Fällen der Staatsgewalt gern behilflich ist, läßt sich nicht lumpen und trägt sein Scherflein zur Hatz auf Kopftücher bei. „Wir wollen doch den armen Frauen nur helfen…” heißt es ebenso dumm wie scheinheilig. Statt mit Akzeptanz, wird ihnen mit Verboten und damit verbundenen Ausgrenzungen „geholfen”.
Bundespräsident Johannes Rau spricht sich – zu Recht, meine ich – für eine Gleichbehandlung aller religiösen Symbole aus, was ihm sogleich absurde Schelte aus allen Richtungen einträgt. Während im laizistischen Frankreich tabula rasa gemacht wird, indem mit dem Tschador auch gleich alle anderen religiösen Symbole aus staatlichen Einrichtungen verbannt werden, steht dem in Deutschland das Reichskonkordat entgegen, das am 20. 7. 1933 zwischen dem Hl. Stuhl und dem Deutschen Reich geschlossen wurde und wundersamer Weise nicht nur die folgenden Tausend Jahre überdauerte, sondern bis heute unverändert existiert. Eifersüchtig wacht die Katholische Kirche in schöner Eintracht mit der evangelischen Konkurrenz über ihre Machtbefugnisse im ehemals Hl. Römischen Reich Deutscher Nation.
So sind es also die christlichen Symbole, die hierzulande im öffentlichen Raum – je nach Bundesland mehr oder weniger – das Sagen haben. Gleichzeitig kursieren Worthülsen aller Art, welche die angebliche Weltoffenheit deutschen Denkens belegen sollen. Eine schizophrene „Wissensgesellschaft” von Handys Gnaden befindet öffentlich und hinter vorgehaltener Hand, wer sich wie zu kleiden hat. Während in den Ämtern nach „Kopftüchern” gefahndet wird, sprühen politische Wanderprediger unter dem Mantel des Islam ihr Gift unters Volk und beschäftigen hochkarätige Anwälte, die ihnen schließlich auch noch den Schutz des Grundgesetzes verschaffen.
Im Gegensatz zu islamisch kaschierten Hetzreden, denen im übrigen rechtsradikale verbale Absonderungen in keiner Weise nachstehen, versteht sich der Tschador als Bekenntnis zu einer Religion, deren Angehörigen in Deutschland lt. Grundgesetz die gleichen Rechte bei der Ausübung und Darstellung wie z.B. Christen und Juden gewährt werden. Dabei spielt es keine Rolle, ob der Tschador aus eigener Überzeugung oder auf Druck der Familie getragen wird. Mit einem Kopftuch – auch, wenn es ein Tschador ist – kann weder jemand erschlagen noch in die Luft gesprengt werden. Ebensowenig ist es möglich, auf die Gedanken der jeweiligen Trägerin zu schließen.
Der Islam ist – und das sollte sich allmählich zumindest unter Menschen guten Willens herumgesprochen haben – als Religion genauso friedlich und mörderisch, wie das Christentum. Und wie jede Religion ist er anfällig für machtpolitischen Mißbrauch. Wenn wir begreifen, daß Terroristen fanatisierte Mörder sind, daß ihre Überzeugung und ihr Wirken nicht im Einklang mit dem Islam stehen, dann können wir den Tschador als – wortloses – religiöses Bekenntnis nicht zum Kainsmal umarbeiten. Als Kleidungsstück ist er Bestandteil Islamischer Kultur. Kirchliche wie weltliche Vertreter Abendländischer Kultur wären gut beraten, ihr Selbstverständnis dahingehend zu überprüfen, ob ein von gegenseitigem Verständnis getragenes Miteinander dem – von Ausnahmen abgesehen – real existierenden Gegeneinander nicht vorzuziehen wäre.

Sprache

von Dieter J. Baumgart (copyright)

Um es vorwegzunehmen: Ich bin weder Lingu-, noch German- oder sonst ein – ist. Und wenn ich mich im Folgenden mit dem Thema Sprache befasse, dann bitte ich die Vertreter der genannten Fachbereiche um Nachsicht, wenn ich Behauptungen aufstelle, die nicht wissenschaftlich untermauert, sondern lediglich plausibel sind. Was mich an der Sprache schlechthin fasziniert, ist ihre vielseitige Verwendbarkeit. Sprache ist der Humus, auf dem Kultur gedeiht, und das Gift, an dem sie zugrunde geht. Sprache ist ein Werkzeug, das jeder Mensch nach seinen Fähigkeiten und in Verbindung mit charakterlichen Vorgaben ge- oder mißbraucht. Aus dem Grundstoff Sprache lassen sich mit Hilfe der Schrift Gedankenbilder weben oder Tagesbefehle ans Kasernentor klatschen. Jedes Wort hat seinen Ursprung, seine Wurzel, die sich bis in die Zeit der Urlaute zurückverfolgen läßt. Ausnahmen bilden die von Werbetextern konstruierten Abscheulichkeiten und geläufige Satzkonstruktionen, in denen Politikern die soziale Quadratur des kapitalistischen Teufelskreises so perfekt gelingt, daß jeder Versuch, die Argumentation logisch in den Griff zu bekommen, schon in den ersten Anfängen zum Scheitern verurteilt ist.
Älter als die Lautsprache ist die vielerorts noch gebräuchliche Körpersprache, die, in der Eindeutigkeit ihrer Äußerungen, der Lautsprache zwar weit überlegen ist, aber doch nur recht einfache Formen einer auf Sichtweite begrenzten Kommunikation zuläßt. Das schönste uns Menschen noch verbliebene Wort aus der Körpersprache ist das sehr ansteckende Lächeln. Viele Menschen haben eine Heidenangst vor Infektionen aller Art; so gerät das Lächeln leider immer mehr in Vergessenheit, was schade ist. Ich wünsche mir eine Kampagne zur Rettung des Lächelns. Wenn ich bei Hyper U, das ist unser Supermarkt in der Kreisstadt, an der Kasse stehe und die eingekauften Waren auf das Rollband lege, dann lächelt die Verkäuferin lieb in einen über dem Durchgang angebrachten Spiegel, um zu kontrollieren, ob ich auch nichts im Korb vergessen habe und sagt „Bonjour“. Ich lächle ebenfalls lieb, so lange, bis sie mich anschaut, denn natürlich habe ich nichts im Korb vergessen, und manchmal lächelt sie dann zurück, weil ich sie angesteckt habe. Ich denke, das ist doch schon ein Anfang, nicht wahr?
‚Eure Rede aber sei: ja, ja; nein, nein. Was darüber ist, das ist vom Übel.‘ heißt es sehr richtig in Matthäus 5, 37. Leider ist auch dieser Hinweis nahezu vollständig in Vergessenheit geraten, was nicht nur schade ist, sondern auch dazu führt, daß jedes ja oder nein zum weder noch wird, so ihm, eingeleitet von den obskuren wenn und aber, ein Rattenschwanz von Auslegungen folgt. Juristen und Politiker (häufig und aus guten Gründen übrigens in Personalunion) sind wahre Meister im sprachlichen Vernebeln von Stellungnahmen aller Art. Werden sie mit konkreten Fragen in die Enge getrieben, beginnen die entsprechenden Antworten häufig mit ich würde… und enden entsprechend mit …wenn Sie so wollen. Die Festlegung auf ein klares Ja oder Nein kann für Politiker tödlich sein und wird, wenn irgend möglich, vermieden. Juristen, die keine Politiker sind, befinden sich da in einer besseren Lage: Eine jegliche Anfrage wird mit einem Schriftsatz beschieden, der im Bedarfsfall von einem rechtskundigen Mitmenschen (meist auch ein Jurist) in die Laiensprache übersetzt werden kann. Im Falle eines Rechtsstreits schlagen solche Übersetzungen kostenträchtig zu Buche, weshalb der einfache Bürger die Kommunikation besser den Anwälten überläßt, das Urteil abwartet und – je nach Vermögenslage – in die Revision geht oder es bleiben läßt. Sollte er, der einfache Bürger, mit dem Urteil einverstanden sein, kann er davon ausgehen, daß die Gegenpartei Rechtsmittel einlegt. Wäre dies nicht so, dann hätte sich ein Verfahren von vornherein erübrigt.
Aus all dem ergibt sich, daß der Umgang mit Sprache nicht ganz ungefährlich ist. Dabei ist es gleich, ob es sich um Körpersprache in Form von Gesten, um Laut- oder Schriftsprache handelt. Eine falsche oder auch nur mißverständliche Geste kann ebenso wie ein falsches Wort, womöglich auch noch am falschen Ort gesprochen oder auf das falsche Papier geschrieben, weitreichende negative Folgen haben. Vorsichtige Mitmenschen schließen solche Folgen von vornherein aus, indem sie die Hände in den Taschen und den Mund geschlossen halten. Daß diese Vorsichtsmaßnahmen erhebliche Einbußen an Lebensqualität mit sich bringen, soll allerdings nicht unerwähnt bleiben. Denn schließlich ist Sprache auch ein Kommunikationsmittel. Das lautsprachliche Äquivalent zum körpersprachlichen Lächeln ist das Du, das auch gern mit einem mundsprachlichen Kuß besiegelt wird. Die Sprache der Liebenden ist ein inniges Gemisch aus allen drei Sprachgattungen. Es ist zu vermuten, daß sie uns, trotz sich überschlagender Neuentwicklungen auf dem Gebiet der Kommunikationstechnik, auch weiterhin erhalten bleibt. Eng verwandt mit der Sprache der Liebenden ist die Sprache der Dichtung. Beide haben sie ihren Ursprung im Herzen, nicht im Kopf. In diesem Zusammenhang erlaube ich mir die Feststellung, daß ein Schriftsteller noch lange kein Dichter ist. Kühne Wortkonstruktionen, die ohne Rücksicht auf Inhalte und statische Erfordernisse des Satzbaus nach Art des Scrabble auf das auch in diesem Falle geduldige Papier gezaubert werden, eignen sich nicht als Herberge für Gedanken und offenbaren mit ihrer Leere die geistige Inneneinrichtung des Verfassers. Wenn ich nachfolgend zwei Sätze aus meiner Erzählung „Unter Bäumen“ zitiere, dann nicht, um durch die Hintertür Werbung für eigene Erzeugnisse zu machen, sondern weil es um einen Beitrag zum Thema geht: „Gedanken“, hatte vor langer Zeit einmal eine weise, alte Eule zu ihren Kindern gesagt, „Gedanken sind aus einem besonderen Material gewebt. Glaube, Phantasie, Erkenntnis gehören dazu. – Und Liebe. Liebe ist der Kettfaden, der alles zusammenhält. Gedanken sind die Kleidung der Seele.“
Aller Sprache Anfang war – und ist häufig auch heute noch – der Gedanke, der Wunsch, einander mitzuteilen. Mit der Entstehung der Keilschrift vor fünf Jahrtausenden setzte eine Entwicklung ein, die immer mehr zu einer Entfremdung zwischen dem Gedanken und seiner Fassung in Worte führt. Denn der Gedanke, flüchtig und flexibel, läßt sich nur ungern schriftlich fixieren. Ungereimtheiten, wie die oben erwähnten, sind dann das Ergebnis und haben Ärger, wenn nicht gar Schlimmeres zur Folge. Vermutlich ist dieses Problem der Entfremdung zwischen Gedanke und Schrift auch die Ursache dafür, daß biblische Verlautbarungen lange Zeit nur in Latein – einer Sprache, die dem Großteil der Gläubigen nicht geläufig war, verkündet wurden. Auf diese Weise ersparten sich die Verkündiger unqualifizierte Rückfragen und das Kirchenvolk hatte mit dem Glauben keine Probleme. Inzwischen beschränken sich die Kontakte mit Latein, soweit es den schlichten Bürger betrifft, auf Besuche bei Medizinern und das damit in Zusammenhang stehende Lesen von Packungsbeilagen. Die Diskrepanz zwischen Gedanke und Schrift jedoch bleibt und vergrößert sich zusehends. Die Probleme liegen auf der Hand: Einerseits der flüchtige Gedanke, kaum ausgesprochen, schon verhallt, andererseits das lange, in manchen Fällen viel zu lange haltbare, geschriebene Wort. Gäbe es eine Einrichtung nach Art eines Fundbüros, unendliche Reihen von geschriebenen Wörtern würden Tag und Nacht Schlange stehen und wegen ihres abhanden gekommenen Sinngehalts nachfragen. So artikuliert der Volksmund bekanntlich: Worte sind Schall und Rauch, womit er Gesprochenes meint, während die gebildete Oberschicht, mehr dem Gedruckten verpflichtet, gern auf nomen est omen abhebt. Nonsens est consens könnte es im Hinblick auf die zahllosen Versuche wenig begnadeter Werbetexter heißen, die in ihren Bemühungen, Sprache nach allen Regeln der Werbepsychologie umzufunktionieren nimmer nachlassen. Statt des Pegasus satteln sie den Zeitgeist und verwüsten die Sprachlandschaft nachhaltig. Es liegt mir fern, die Sprache der Werbung in Bausch und Bogen zu verdammen. Genügend Beispiele belegen, daß Werbetexte durchaus intelligent und pfiffig sein können – selbst wenn es um Wahlen oder Waschmittel geht.

Aber das Gros der Anzeigentexte ist doch eher eine Beleidigung für den Konsumenten, der damit angesprochen werden soll und sein Gehirn in Erwartung dessen nicht schon vorsorglich abgeschaltet hat. Daß das in allen öffentlichen wie privaten Lebensbereichen grassierende Substantiv Handy mit dem englischen Verb handy nichts gemein hat, ist wahrscheinlich ebensowenig bekannt wie die Tatsache, daß der deutsche Begriff Handy aus dem mundartlich Schwäbischen kommt und nur aus werblichen Gründen ‚anglifiziert‘ wurde: „Hano! Jo – hänn die koi Schnur?“ Bitte, es darf gelacht werden. Dieser Scherz ist garantiert nicht älter als das ihm zugrunde liegende Mobiltelephon.
Sehr angenehm, weil frei von Streß, sind Unterhaltungen mit Tieren, wenn auf die üblichen Befehle und sonstigen Versuche, den Hund, das Pferd oder die Katze zu etwas zu bewegen, was in deren Augen absolut unsinnig ist, verzichtet wird. Mehr als fünfzig Jahre ist es her, und trotzdem habe ich noch die gelegentlichen abendlichen Unterhaltungen mit einer Kuh im Ohr. Zur Winterszeit war die freistehende Toilette – in diesem Falle sagt man wohl Klo? –, war also das betreffende Gehäuse hinter der Scheune zugeschneit, und der Weg zur Befriedigung entsprechender Bedürfnisse führte in den Stall. Die mitgenommene Stallaterne verbreitete sanftes Licht und die älteste der anwesenden Kühe wandte widerkäuend den Kopf, sah mich Knirps mit mildem Blick aus schwarzen Augen an und brummte leise „Muuh-huu…“, was soviel heißt wie: „Na? Auch mal wieder da? Kalt draußen, nicht wahr?“
„Muuh, muuhu!“ antwortete ich dann, und zufrieden drehte sie sich wieder um und schnüffelte genießerisch im Heu.
Es ist einfach nicht wahr, wenn phantasielose Mitmenschen behaupten, mit Tieren kann man nicht reden. Man kann! Schon das Gespräch mit einer Entenschar vermittelt interessante Eindrücke. Wenn ich mich mit leise fragendem „waag – aag –aaag“ nähere, werde ich erst einmal mißtrauisch zur Kenntnis genommen. Da kommt also ein Mensch und will ein Gespräch anfangen, mit uns! drücken die hochgereckten Köpfe aus. Die Oberente tritt näher und mustert mich aus klugen, kleinen Äuglein.
„Waarg-waag“ wiederhole ich mein Gesprächsangebot. „Aaag-arg“ erwidert die Oberente, während die anderen interessiert herbei watscheln. So entwickelt sich nicht selten ein längerer Meinungsaustausch, der von Umstehenden belustigt bis abschätzig beobachtet wird. Kinder hingegen sagen nicht selten: „Mami, guck mal, der spricht mit denen!“
Völlig fassungslose Hundegesichter habe ich vor mir, wenn ich mich in der Hühnersprache an sie wende. Verständlich, ich wäre auch einigermaßen verunsichert, wenn ein mit mir befreundeter Hund plötzlich miauen würde. Bemerkenswert ist aber auch die anschließende Reaktion der Angesprochenen. Während der eine entsetzt das Weite sucht, brechen andere in unkontrolliertes Gebell aus. Größere Hunde neigen auch dazu, mir das Gesicht abzuschlecken, weil sie unter der Menschenmaske eine Henne vermuten. „Die leben wie Hund und Katze“, eine Redensart, die auf Leute abzielt, welche im Umgang miteinander nur Zank und Streit kennen. Daß Hund und Katze aber auch im besten Einvernehmen und engem Körperkontakt anzutreffen sind, ist bekannt. Die Redensart hingegen basiert auf einem körpersprachlichen Problem, das von Hund und Katze nur zu bewältigen ist, wenn sie entweder miteinander aufgewachsen sind, oder eines der Tiere das andere von klein auf als schutzbedürftig angenommen hat. Die Natur hat Hunde und Katzen mit absolut gegensätzlichen Signalen in der Körpersprache ausgestattet: Ein erhobener Schwanz, der bei Katzen höchstes Wohlbehagen ausdrückt, ist für Hunde fast schon ein aggressiver Akt.
Freudiges Schwanzwedeln hingegen ist für Katzen eine absolut bösartige Anmache. Daß es auch anders geht belegt, daß Tiere – ebenso wie Menschen – in früher Jugend durchaus noch lernfähig sind und selbst angeborene Verhaltensmuster relativieren können. Das Lächeln übrigens, dieses so schöne, wenn auch seltene ‚Wort‘ aus der menschlichen Körpersprache, ist auch Hunden und Katzen nicht fremd. Es äußert sich im feinen Spiel der Zunge um die Lippen, die in diesem Falle als Lefzen bezeichnet werden, und heißt soviel wie ich mag dich, ich find‘ es schön bei dir. Eine ganz andere Art der Körpersprache ist besonders bei Hunden ausgeprägt und reizt mich immer wieder, ein entsprechendes Benimm-Buch unter dem Titel Wer pinkelt wann wie oft wohin? zu verfassen. Daß Hunde mit der Nase lesen, ist bekannt. Daß der wäßrige Lesestoff aber nicht nur dem Meinungsaustausch dient (ich war eher hier – aber ich war als letzter hier), sondern auch regionale und überregionale Kontakte vermittelt, erhellt aus der Tatsache, daß außer Bäumen gern auch Autofelgen als Datenträger herangezogen werden.
Es steht außer Frage: Sprache – in welcher Form auch immer sie gepflegt wird – ist wohl das faszinierendste Element im Umgang der Lebewesen miteinander. Aber Sprache bedarf auch – ganz besonders in der menschlichen Gesellschaft – intensiver Pflege, denn wenn sie nur der Einrichtung von Grenzzäunen in den Köpfen dient, dann verkommt sie zum Stacheldraht.

Zeit

von Dieter J. Baumgart (copyright)

„Warum“, so fragte vor Jahren einmal ein Rundfunkmoderator morgens gegen neun Uhr und sechsundvierzig Minuten seinen Kollegen am Mikrophon, „warum, meinst Du, rennt die Zeit so schnell?“ „Ich weiß es nicht“, entgegnete jener, vermutlich ein fragendes Antlitz offenbarend, was aber, da es sich um eine Rundfunksendung handelte, nicht überliefert ist.
Überliefert hingegen ist die Antwort, die er erhielt, und die lautete folgendermaßen:

„Weil sie Angst hat, totgeschlagen zu werden!“

Ein Wortspiel mit wahrhaft philosophischem Hintergrund.

Bevor es Flugzeuge gab,
hatte Gott schon die Vögel erfunden.
Allerdings sind sie kleiner,
langsamer
und fliegen nicht so hoch.

Eine schwache Leistung, diese Menschen.
Der Lehrling triumphiert
über den Meister.

Am Anfang war die Zeit, und sie war Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in einem. Und die Zeit schuf die Bewegung als ihr lebendiges Spiegelbild. Und die Bewegung gebar das Licht, und das Licht zeugte Leben…

Auch eine Art Schöpfungsgeschichte, oder?
Aber eine gottlose! werde ich gescholten.
Was ist Gott? frage ich zurück und vermeide bewußt die Personifizierung des Begriffs, denn es liegt nicht in meiner Absicht, eine religiöse Streitschrift zu verfassen. Und wenn in dieser, meiner kurzgefaßten Schöpfungsgeschichte der Mensch fehlt, dann wird im folgenden noch viel von ihm die Rede sein. Zeichnet er doch verantwortlich für eine Reihe von Anmaßungen. Wobei ich die gelegentlich vertretene Ansicht, das Ebenbild Gottes zu sein, einmal außer acht lassen möchte. Beleuchten hingegen möchte ich unser menschliches, allzu menschliches Verhältnis zur Zeit. Oder, anders ausgedrückt, unseren Umgang mit dem, was wir umgangssprachlich mit Zeit bezeichnen, was im Grunde Bewegung ist, die wir mit Hilfe von Uhren in den Griff zu bekommen trachten. Und in diesem Sinne ist „meine“ Schöpfungsgeschichte durchaus der Rote Faden, von dem sich die folgenden Anmerkungen leiten lassen.
Dieser, unser Umgang mit dem, was wir Zeit nennen, ist Ausdruck eines gnadenlosen Prinzips: Treten und getreten werden. Die einen treten, weil es Spaß macht, die anderen treten, weil sie getreten werden. Wobei der Spaß am Treten nicht selten nur ein Vorwand ist, der das Gefühl, getreten zu werden, überdecken soll. Getreten wird in der Regel nach unten. Das führt unweigerlich dazu, daß denjenigen, die ganz unten sind, die Möglichkeit, ebenfalls zu treten, verschlossen bleibt. Ein unerfreulicher Zustand, zu dessen Bekämpfung im Fernsehen entsprechend geistlose Serien bereitgestellt werden. Die so vermittelte Scheinwelt läßt sich dank Videorecorder konservieren und vervielfachen, was den Blick von der Ausweglosigkeit der eigenen Lage ablenkt und das Denken als einen wirklich unnötigen und noch dazu schmerzhaften Luxus erscheinen läßt. Aus dieser Tretmühle, wie der Volksmund sehr schön formuliert, auszubrechen, ist immer weniger Menschen möglich. Mit Geld allein ist es jedenfalls nicht getan, und so manchen wirklichen Aussteiger – ich meine nicht die Angeblichen, die sich finanziell gut ausgestattet ins Nichtstun verabschieden – zieht es wieder zurück ins fremdbestimmte Leben. Die Beweggründe sind mannigfaltig: Persönliche Bindungen spielen da eine Rolle, Anerkennung und – auch das soll nicht verschwiegen werden – der Kampf ums Dasein mit den gewohnten, weil auch vom Gegner verwendeten Mitteln. Genaugenommen sind es also die bekannten Spielregeln der Gesellschaft, in der man aufgewachsen ist.
Die Gesellschaft, von der hier die Rede ist, zeichnet sich dadurch aus, daß sie Mitglieder, die sich nicht an die Regel Nr.1 Treten & getreten werden halten, ausstößt und zu Aussteigern wider Willen macht. Es sind jene, für die Zeit – oder sagen wir richtiger Bewegung – jeden Sinn verloren hat. Energien, die unter anderen Umständen in der Form von Arbeitskraft der Gesellschaft zugute gekommen und vielleicht sogar für die Ausgestaltung von Lebensperspektiven aufgewendet worden wären, entladen sich schließlich in Aggressionen als einzigem Lebenssinn. Die Zeit-ist-Geld-Gesellschaft: Ein menschenverachtender Verein, auch wenn es um die Ausbeutung von Ressourcen und die damit häufig verbundene Vernichtung anderer Gesellschaftsformen geht. Der Kolonialismus alter Prägung ist längst einer Technik gewichen, die in ihrer Perversion schon wieder menschenfreundlich ist, wenn sie die Gepeinigten aus einem Leben in Unterdrückung entläßt.

Und die Zeit schuf die Bewegung als ihr lebendiges Spiegelbild…

Ebensowenig wie ein Spiegelbild ohne Original existieren kann, ist die Wahrnehmung von Bewegung ohne den Faktor Zeit möglich. Aber Zeit ist nicht gleich Bewegung! Hier wird der fundamentale Irrtum, der dem menschlichen Umgang mit der Zeit zugrunde liegt, deutlich. Der Ursprung unseres Zeitmißverständnisses geht zurück auf die Beobachtung der Bewegung der Gestirne, von denen die Sonne, zuständig für die Einteilung unseres Daseins in Tag und Nacht, das wichtigste ist. Die Behauptung wider besseres Wissen, die Sonne drehe sich um die Erde, ist ein Musterbeispiel für menschliche Machtgier und die Mittel, die zum Erhalt dieser Macht eingesetzt wurden. Die Erde als Mittelpunkt des Universums, das untermauerte die Behauptung, daß, wer auf der Erde das Sagen hat, auch Herr des Weltalls und damit der gesamten Schöpfung sei. In der auf möglichst profitable Maschinen- und Transportlaufzeiten bedachten Industriegesellschaft spielen Tag und Nacht nur noch eine untergeordnete Rolle, die zuweilen lediglich in lästigen Lärmschutzbestimmungen relevant ist. Vor diesem Hintergrund gewinnt der sehr deutsche Kampf um Ladenschlußzeiten einen Grad an Albernheit, den ich nicht vertiefen muß. In der Konsumgesellschaft gehört der jahreszeitliche Wechsel in der Versorgung mit Nahrungsmitteln der Vergangenheit an, was aber keinen Einfluß auf jene hat, die von dieser Konsumgesellschaft ausgebeutet werden, ohne ihr anzugehören und nur mittelbar in Form von Hungerkatastrophen von sich reden machen.
Die Zeit, der einst in der Göttlichen Weltordnung mit Chronos sogar ein eigener Vorstandsbereich eingeräumt wurde, die Zeit, die als Traumzeit noch heute den Aborigines in Australien heilig ist, diese Zeit wurde in das Räderwerk menschlicher Machtbedürfnisse eingearbeitet. Eine dämonische Dreifaltigkeit – Geld, Uhr und Maschine –, installiert, gewartet und ständig auf den neuesten Stand gebracht von einer Zeit-ist-Geld-Gesellschaft ohne Haftung, sitzt seitdem einem Großteil der Menschheit im Nacken und bestimmt ihr Leben. Ein phänomenaler Virus mit Namen Zeitgeist wütet in den Hirnen, und eine nach neuesten psychologischen Erkenntnissen ausgefeilte Produktwerbung besorgt den Rest. Auf der Strecke bleibt das, was schon seit langem nur noch als leere Floskel in der Verbrauchersprache fortlebt: Lebensqualität. Die Freizeit, einst hart erkämpft, wurde auf einen hart umkämpften Freizeitmarkt reduziert.

Alles wird schneller. Und weil Kommunikation recht aufwendig und – auf den ersten Blick jedenfalls – wenig produktiv sein kann, leisten wir uns auf Kosten der Kommunikation eine Pseudo-Informationsgesellschaft, die sich zumindest als Wirtschaftsmotor bewährt. Nicht Wissen ist gefragt, das machen die Fachleute schon unter sich aus. Information heißt das Zauberwort. Schnell – schneller – noch schneller – am schnellsten: Das Informationsgewäsch quält sich nicht mehr durch die Kupferstrippe, es rast durchs Glasfaserkabel. Und der upgedatete Konsument ist dank mobilem Telephon überall erreichbar. Begeistert gibt er auch den letzten Rest von Privatsphäre auf, denn nur wer mitmacht hat – scheinbar – Macht. Mobil – mobiler – am mobilsten. Die mobile Gesellschaft: Wer nicht unter die Räder kommt, fährt vor die Wand. Wer zu spät kommt, bleibt am Leben. Die freie Fahrt für freie Bürger im kollektiven Freizeitparadies wird mangels praktikabler Möglichkeiten auf den Straßen der mittlerweile fast zubetonierten Bundesrepublik auf die Datenautobahn verlagert. Die hier anstehenden Staus können ungefährdet mit einem Bierchen oder einem Computerspiel auf dem Zweitrechner überbrückt werden und füllen zudem die Kassen der Telephongesellschaften und ihrer Aktionäre. Surfen ist in und Zeit ist Geld. Und mit dem Zeitgeist im Nacken erstehen die Cyber-Freaks flugs ein schnelleres Modem und bei der Gelegenheit auch gleich noch ein paar zusätzliche Gigabytes für die Festplatte. Zeit ist Geld – und wenn sich Geld sparen läßt, ist gleiches auch mit der Zeit möglich – so die für viele Zeitgenossen logische Schlußfolgerung. Doch bei näherem Hinsehen offenbart sich der voluminöse Haken an der Sache.
Geld hat man – oder man hat es nicht. Zeit hingegen ist – niemand hat sie, weder mehr noch weniger. Aber es kommt noch schlimmer: Die Zeit rennt nicht, oh nein, sie geht auch nicht. Ja, noch nicht einmal zum Vergehen läßt sie sich bewegen. Denn sie steht! Zeit ist eine Konstante. Was sich bewegt, sind wir selbst, als Teil eines sich bewegenden Universums. Bewegung ist Leben und schließt jede Form der Veränderung ein. Bezogen auf unsere mehr oder weniger lange individuelle Existenz, die nach vorherrschender Meinung mit der Geburt beginnt und mit dem Tod endet, ist diese Grundbewegung das, was wir unter dem Begriff Altern verstehen. Und vor dem Hintergrund dieses Vorgangs, auf den wir – dem Schöpfer allen Lebens sei es gedankt – nur unwesentlich Einfluß nehmen können, spielt sich nun das ab, was gemeinhin als Menschliches Dasein bezeichnet wird und offenbar nur mit Hilfe von Uhren in den Griff zu bekommen ist. Uhren sind – das will ich nicht bezweifeln – eine nützliche Erfindung, ein unentbehrliches Hilfsmittel im Umgang miteinander. Allerdings läßt sich nicht bestreiten, daß die Menschheit seit jeher keine glückliche Hand im Umgang mit ihren eigenen Erfindungen hat. Wir machen uns zum Untertan unserer Hilfsmittel mit dem Erfolg, daß wir selbst immer hilfsbedürftiger werden und versuchen, diesen Zustand mit dem Einsatz neuer Hilfsmittel erträglicher zu gestalten, was aber erfahrungsgemäß nur auf eine Verschlimmbesserung hinausläuft.

Und die Bewegung gebar das Licht, und das Licht zeugte Leben…
Die Uhr ist ein Hilfsmittel zur Erfassung von Bewegungsabläufen aller Art. Mit der höchsten uns bekannten Geschwindigkeit eilt das Licht im Vakuum dahin. Nicht wenige Gestirne, die uns in klaren Nächten eine Ahnung von der Unendlichkeit vermitteln, existieren längst nicht mehr. Nur das Licht, das sie einst aussandten, ist noch auf dem Wege zu uns. Denn trotz seiner extremen Geschwindigkeit von 299 792 Kilometern in der Sekunde benötigt es Milliarden von Jahren für seine Reise durch den Raum. Keine guten Aussichten für Zeitreisende. Im modernen Sprachgebrauch wuchert die Vokabel Zeit in ungezählten Wortverbindungen, deren Logik nicht einmal mehr in Ansetzen erkennbar ist. Zeit heilt keine Wunden. Das muß die Wunde schon selbst tun. Und während sie im Sport einerseits zur Auszeit verkümmert, wird sie andererseits mit Millionenbeträgen pro Hundertstel Sekunde gehandelt. Nicht die Zeit ist relativ, sondern die Bewegungsabläufe sind es, deren Geschwindigkeiten wir dank des Hilfsmittels Uhr miteinander vergleichen können. Gäbe es nur eine Geschwindigkeit für jegliche Bewegung, könnten wir auf Uhren verzichten, denn es gäbe nichts zu messen, und eine ärgerliche Feststellung im modernen Arbeitsleben bliebe uns erspart: daß manche Leute schneller oder langsamer arbeiten als andere.
Wie aber konnte es im Laufe der Zeit zu einem so fundamentalen Mißverständnis, ja, zu einer regelrechten Umkehrung der Fakten im Verhältnis der Menschen zur Zeit kommen?
Ursache für dieses Fiasko ist ein alter Menschheitstraum: das ewige Leben. Aber das einzige, was in dieser Welt ewig ist, das ist die Zeit. Sie bleibt, und nur an ihr lassen sich alle Veränderungen messen. Die Zeit ist das Maß aller Dinge. Das aber kollidiert mit dem Anspruch einer Spezies auf Unsterblichkeit, die auch unter dem Begriff Krone der Schöpfung von sich reden macht. Also wurde flugs eine neue Weltordnung installiert: Nicht der Mensch vergeht, sondern die Zeit! Gesagt, getan. Machen wir uns die Zeit untertan, zerstückeln wir sie in Sekundenbruchteile. Die Zeit ist käuflich, sie läßt sich vermehren. Und da gegen das Sterben augenscheinlich kein Kraut gewachsen ist (Einfrieren erfordert bekanntlich noch immer eine ununterbrochene Stromversorgung), wird gegen entsprechende Vorleistungen ein Leben nach dem Tode und zu Füßen eines der zahlreichen Götter propagiert, in deren Namen man sich zu Lebzeiten die Köpfe eingeschlagen hat. Vorher aber durchrasen wir unser individuelles Dasein, machen die Geschwindigkeit zum Maßstab allen Erlebens, unterscheiden uns letztlich aber nur in der Wucht des Aufpralls gegen die Wand, die Tod heißt und eigentlich eine Tür ist. Hier geben wir, ungeachtet dessen, was wir – wie schnell auch immer – erworben oder verloren haben, unsere individuelle Existenz auf, was uns dann auch der kritischen Nachfrage enthebt, inwieweit sich diese Raserei eigentlich gelohnt hat. Unserer scheinbaren Selbständigkeit beraubt, zerfallen wir in jene Bausteine, aus denen wir entstanden. Wieder eingegliedert in die Bewegungsstrukturen des Universums sind wir das Material, aus dem unaufhörlich neues, individuelles Leben unterschiedlichster Form entsteht. Physisch an diesen Planeten gebunden, sind wir psychisch wieder eins mit einer Schöpfung, die sich ganz gewiß nicht von einer selbsternannten Krone den Takt vorgeben läßt.
Wozu denn dann der ganze Aufwand? Wenn am Ende – nichts ist?
Leben ist die Suche des Nichts nach dem Etwas. Ein anderer Umgang mit der Zeit und die Erkenntnis, daß der Weg das Ziel ist, könnte diese Suche auf vielen Gebieten verträglicher gestalten. Denn am Ende gibt es weder Gewinner noch Verlierer. Am Ende beginnen wir allemal wieder von vorn und finden das vor, was wir verlassen haben.

Verzeihung – aber ich habe kein Händie …

von Dieter J. Baumgart (copyright)

…nein, nein, ein Händie habe ich nicht – ich bin, um es geradeheraus zu sagen, ich bin ein Kommunikationsdinosaurier. Oh, ich bin durchaus handy. – Bitte? Ach, schauen Sie, das hat was mit Anglizismen zu tun, aber das würde jetzt wirklich zu weit führen. Es ist der Nutzen, ich kann den Nutzen nicht erkennen – für mich, meine ich. Telefongesellschaften sehen das sicherlich etwas anders. Und wenn Familien Pleite gehen, weil der Nachwuchs stundenlang telekommuniziert, dann ist das ein Kollateralschaden – so sagt man doch, nicht wahr? Arbeitsplätze? Sie erlauben, daß ich traurig in mich hineinkichere?
Sehen Sie, ich habe den größeren Teil meines Lebens, wie es so schön heißt, fremdbestimmt verbracht. Und wenn das Fernsprechgerät durch Läuten auf sich aufmerksam machte, dann reagierte ich dienstleistungsgemäß mit Abheben und nahm Wünsche, Anregungen, Forderungen, gelegentlich auch Schmähungen oder ausgemachten Blödsinn dankend entgegen. Andererseits blieb es auch mir nicht erspart, Mitmenschinnen und Mitmenschen hin und wieder mit ausgemachtem Blödsinn zu belästigen. Zwar habe ich mich dafür nicht entschuldigt, legte jedoch Wert darauf, mich zunächst nach dem Befinden meines unbekannten Gesprächspartners zu erkundigen, was der Anonymität die Kälte nahm und auch die Absurdität meiner dann folgenden Wünsche etwas dämpfte. Manchmal entdeckte ich auf diese Weise durchaus sympathische Menschen, was dem Dienstgespräch zeitweilig die Züge einer privaten Unterhaltung verlieh. Und nun, da ich mir im Umgang mit der mir zur Verfügung stehenden Zeit etwas größere Freiheiten erlauben darf, möchte ich zumindest im Rahmen der Möglichkeiten selbst entscheiden, wann und wo ich mit wem rede. Das heißt, ich vermeide, immer und überall für andere telekommunikativ erreichbar zu sein.
Von Zeit zu Zeit führe ich auch Selbstgespräche, und vermutlich würde ich es als störend empfinden, wenn es dann plötzlich am Gürtel oder in der Jackentasche piept oder brummt… Ach, Sie meinen, ich könnte es auch abschalten? Ja, wozu trage ich es dann mit mir herum. Für den Notfall? Je nach dem, an welchem Wochentag und zu welcher Uhrzeit der Notfall eintritt, ist es vielleicht völlig belanglos, ob ich mich eines Mobiltelefons bediene – so ich noch in der Lage bin – oder nicht.
Sie meinen, ich sei ein Ignorant? Ach, nein, nicht eigentlich. Aber die Dinge passieren doch, gleich, ob ich vorher oder hinterher per Händie informiert werde oder nicht. Und was ich nicht weiß, das macht mich tatsächlich nicht heiß. Sollte es aber doch etwas geben, das ich wissen müßte, dann werde ich es schon irgendwie erfahren. Sollte ich es aber nicht erfahren, dann war es für mich auch nicht wichtig.
Etwas, das für mich wichtig sein kann, wird doch erst für mich wichtig, wenn ich es weiß. Je nach dem, um was es sich handelt, reagiere ich vielleicht verärgert, womöglich panikartig und beschwöre damit Komplikationen herauf, die mir ohne dieses Wissen erspart geblieben wären. Ganz abgesehen davon, daß sich unglaublich viele Dinge von selbst erledigen. Es ist dieser zwar menschlich verständliche, nichtsdestoweniger aber doch jammervoll unbefriedigende Versuch, dem Zufall ins Handwerk zu pfuschen. Ich kann mir per Händie jederzeit anhören, wie das Wetter wird. Ob es aber wirklich so wird, steht auf einem anderen Blatt, und ändern kann ich es schon gar nicht. Wozu, so frage ich, muß ich wissen, ob morgen die Sonne scheint, wenn es dann doch regnet? Andererseits hänge ich an einem unerwartet sonnigen Morgen einem schönen Gedanken nach, und plötzlich schnurrt oder fiepst es in der Tasche: Jemand konfrontiert mich mit „…hast du schon gehört…du wolltest doch…da muß noch…“ Fort ist der schöne Gedanke. Ja, muß ich mir das antun?
Die Frage ist doch nicht, wie wichtig ich bin, sondern wie wichtig ich mir bin. Nicht daß wir uns mißverstehen: Ich habe es hinter mir. Ich meine, ich muß weder andere noch mich selbst davon überzeugen, daß ich ein wichtiges Rädchen im allgemeinen Getriebe bin. Das war früher anders, und vermutlich hätte mir die Tatsache, daß mein Arbeitgeber mich mit einem oder sogar mehreren Händies ausstattet, durchaus ein Gefühl erhöhter Wichtigkeit vermittelt. Das Händie als eine Art Westentaschen-Dienstwagen, nicht wahr?
Zugegeben, gelegentlich sitzt mir im Restaurant so eine Art Schalk im Nacken – nein, nicht der Schalck, der hieß Bindestrich Golodkowski, und der betreffende Nacken war einiges feister als meiner – und ich ergreife das Brillenetui meiner Gattin, die sich eben in den entsprechenden Räumlichkeiten erfrischt, führe es ans linke Ohr und murmele ernst vor mich hin. Das ist so eine angenehme Art des Eingebundenseins in das Geschehen rundherum: der Mensch da – als wie ich – dieser Mensch da, sitzt nicht nur dumm herum, er hat etwas zu sagen, er wird gebraucht… Eine Scheinwelt per Brillenetui. Nein, nein, nicht daß wir uns mißverstehen: mein Bedarf an Wichtigkeit ist gedeckt. Und wenn mich der Schalk in diesem Sinne bespringt, dann nur gedanklich. Ein bißchen Spaß muß sein, nicht wahr? Im übrigen käme es mir nie in den Sinn, an Ihrer Wichtigkeit, verehrte Leserin, geehrter Leser, zu zweifeln. Und sollte ich Sie einmal mit Brillenetui am Ohr im Restaurant überraschen, ich hätte Verständnis dafür …

Die Einsamkeit des Schreibens

von Christa Schmid-Lotz (copyright)

Der Mensch kann ein angesehenes Mitglied der Gesellschaft sein, kann Vater, kann Mutter sein, ist immer Kind irgendwelcher Väter und Mütter, kann sich verirren, verwirren – aber er wird nur dann, wenn er sein Eigentliches entwickelt, zur Reife kommen.

Wenn nun einer zum Schreiben sich berufen fühlt, hat er mehrere Möglichkeiten: er kann es ganz nebenher tun, just for fun. Kleine Geschichten und Gedichte für die Familie, für die Freunde, für die Sonntagszeitung, um auch andere damit zu beglücken und natürlich auch für die Leser im Internet.

Das wird ihn aber nicht zufrieden stellen. Er wird sich zurückziehen, er braucht Ruhe, um seine Ideen zu entwickeln und zu Papier zu bringen. Die Unruhe einer Familie, eines verzehrenden Jobs hindern ihn, seine inneren Bilder auszuformen. Das gibt Konflikte mit der Realität. Der Autor hat neben seinem Alltag noch eine andere Welt. Er hat Bilder, hat Figuren, mit denen er kommunizieren kann. Das wird die innere Einsamkeit ausfüllen. Der Schreiber fühlt keine Leere und Depression, wenn er allein ist, sondern kann sich mit diesen Figuren recht gut vergnügen.

Ist also der Schreibende dazu verdammt, allein zu sein und sein Leben mit niemandem teilen zu können?
Da gibt es wieder mehrere Möglichkeiten. Er hat einen Partner, der über genügend Stärke verfügt und seine eigenen Interessen verfolgt und bei dem es immer wieder Punkte gibt, wo sich beide begegnen und einander befruchten können.

Ich denke an Thomas Mann, der jeden Tag zu einer bestimmten Zeit zwei Seiten schrieb und in dieser Zeit nicht gestört werden durfte. Oder Hesse, der in Montagnola einen separaten Trakt bewohnte und manchmal tagelang nur über Zettel mit seiner Umwelt verkehrte.

Ich selbst gehöre zu denen, die sich einen Traum erfüllen wollen, aber in ihrer Mittelmäßigkeit immer mal wieder auf die Schnauze fallen. Aber immer wieder aufstehen und weiterschreiben, weil es ein innerstes Bedürfnis ist…und die auch Einsamkeit in Kauf nehmen, um dem Traum wenigstens etappenweise näher zu kommen.

„Du bist ja völlig neben der Kappe”, sagen die anderen.
„In einem Monat ist das vorbei”, sage ich.
Wird es in einem Monat vorbei sein?

Die zweite Möglichkeit: wir umgeben uns mit einem gleichgesinnten Freundeskreis, der es ertragen kann, dass wir uns immer wieder zurückziehen müssen, um zu schreiben. Wir können nichts zu Papier bringen inmitten von schwätzenden Leuten, Partygetöse, klingelnden Telefonen und Menschen, die ständig etwas von uns wollen.

Was ist aber, wenn wir nach Hause kommen, wenn niemand da ist, kein Licht brennt, alles noch daliegt wie morgens – wenn wir das Bedürfnis haben, dass uns einfach mal jemand in den Arm nimmt, mit uns spricht, mit uns isst, uns liebt!

Es ist nicht wirklich lösbar. Vielleicht könnte es phasenweise stattfinden. Als ganz Junge könnten wir mir unserem Talent einen großen Erfolg landen, dem weitere folgen. Wenn die Luft da droben zu dünn geworden ist, können wir uns wieder der Gesellschaft zuwenden, Wärme und Nähe erleben, die doch auch immer wieder so verletzlich und zerbrechlich sein kann.

Wir können auch alle Phasen des „normalen” Lebens durchlaufen und nach Abhaken des gesellschaftlichen Anspruchs das zu leben, was wir eigentlich sind und sein wollen. Und da können wir wirklich nur Gleichgesinnte brauchen.

Wir sind verantwortlich für das, was wir tun und wie wir leben. Niemand anderes. Niemand ist schuld an den Entscheidungen, die wir gefällt haben. Wenn wir einmal diese Stufe erreicht haben, können wir wechseln zwischen Einsamkeit, Schreiben, dem Innen und dem Außen und dem erneuten Hineingehen ins Leben, uns hineinwerfen und dem Tod eine Nase drehen-
Und wir können die Grenzen, die jeder von uns hat, niemals vollständig überwinden. Können nie, nur augenblicksweise, eins sein mit anderen, mit einem anderen. Beim Schreiben können wir diese Momente erleben.

Seltsam, im Nebel zu wandern,
Leben ist Einsamsein,
kein Mensch kennt den andern,
jeder ist allein.

Aber: Es gibt wirkliche Momente der Begegnung zwischen Menschen, welcher Art auch immer. Und die sind wesentlich und sind der Sinn und aus ihnen spricht Gott.

Aufbruch nach Blaubeuren. Roman aus dem Dreißigjährigen Krieg.   Eduard Mörike

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