Ich muss doch sehr bitten, Mister Hyde!

von Manfred Ach (copyright)

Werter Herr, verschiedene Umstände, die sich in letzter Zeit mehrfach ergeben haben, veranlassen mich zu diesem Schreiben. Ich muss Sie dringend bitten, auf die bisher doch zur beiderseitigen Zufriedenheit eingehaltene Trennung unserer Bereiche wieder stärker zu achten.

Als ich dieser Tage morgens in meiner Schreibmaschine einen von Ihnen eingespannten Bogen vorfand, war ich von Ihren sinistren Zeilen peinlich berührt. Ich muss Sie ersuchen, werter Herr, Ihre nächtlichen Aufzeichnungen in die dafür vorgesehene Ablage zu geben. Was, glauben Sie, würde geschehen, wenn ein Unbehelligter dergleichen in die Finger bekäme?

Auch stören mich die sorglos liegengelassenen Zettel, die derzeit überall vorzufinden sind in Jackett-Taschen, am Frühstückstisch und zwischen den Seiten ansonsten durchaus seriöser Bücher. Die sich häufen neben der Nachttischlampe und die neuerdings auch zwischen den Akten und Unterlagen meiner beruflichen Geschäfte auftauchen. Es ist nicht auszudenken, werter Herr, welche Komplikationen entstehen würden, wenn Unbefugte dies bemerkten. Zum Glück sind Ihre Stenogramme, die an altakkadische Schriftzeichen erinnern, kaum leserlich. Aber ein geschultes Auge könnte mit einiger Kombinatorik doch Rückschlüsse ziehen und Ihre Heimlichkeiten aufdecken. Der Verdacht konspirativer Tätigkeit läge zumindest nahe, das muss doch einleuchten, werter Herr.

Sogar auf Zeitungsseiten finden sich Randbemerkungen und, was noch schlimmer ist, Anstreichungen! Anstatt, wie üblich, dergleichen als Ausriss sicher in Kladden zu verwahren, wie man das doch wohl bei Ihrem risikoreichen Leben annehmen sollte, lassen Sie alles offen herumliegen, werter Herr. Ihre ohnehin gefährliche Lektüre stellen Sie nicht an den Platz zurück, wo sie zwischen Unverdächtigem kaum auffallen würde, nein, Sie haben die Stirn, überdeutliche Spuren zu legen, indem Sie z.B. Bataille, Baudelaire und Baudrillard nebeneinander stellen. Das ist Wahnsinn, werter Herr.

Besonders erregt mich, dass Sie von Ihren Streifzügen auch noch belastendes Material mitbringen. Waren dies früher beschriftete Bierdeckel und vollgekritzelte Servietten, so muss ich nun mit Entsetzen feststellen, dass Sie wahre Beutestücke, regelrechte Objekte, ins Haus schleppen. Kürzlich die Scherbe mit dem aufgemalten Drudenfuß und den in Blut getauchten Mercedesstern, gestern eine Streichholzschachtel mit einer vertrockneten Libelle, heute den uringetränkten Schlafrockgürtel! Wir sind kein okkultes Museum, werter Herr!

Was ich auf keinen Fall länger hinzunehmen gewillt bin, sind die Unannehmlichkeiten, die mir nun in schriftlicher Form ob Ihres Verhaltens ins Haus flattern. Nicht nur, dass ich wegen Ihres losen Mundwerks schon mehrfach einen Anwalt bemühen musste und Ihre Neigung zu Gewalttätigkeiten teuer zu bezahlen hatte, Sie scheinen auch manchmal mein Briefpapier und mein Telefon zu benutzen, um mir vor aller Welt eine Suppe einzubrocken, an der ich dann lange zu löffeln habe. Dass mir das auf den Magen schlägt, werter Herr, könnten Sie sich ja denken, aber Sie denken ja gar nicht daran, damit aufzuhören, im Gegenteil, immer wieder übertreffen Sie meine schlimmsten Befürchtungen. Ich komme kaum dazu, etwas Entsetzliches zu denken, schon sind Sie dabei, es in die Tat umzusetzen. Ich wage es schon nicht mehr, mir von irgendetwas eine Vorstellung zu machen, denn schon beschämen Sie mich mit Ihrer infamen Gedankenleserei. Da heißt es immer, Geschwindigkeit sei keine Hexerei. Dabei sind Sie, wo immer ich mich hindenke, schon dort. Manchmal kommt es mir so vor, als sei ich nur noch dazu da, Ihre Verwüstungen zu beseitigen, Ihr Machwerk zu vertuschen, Ihr Treiben zu beschönigen. Das geht allmählich über meine Kraft, werter Herr.

Meine Tage sind gezählt, merken Sie sich das. Da es zweifellos für beide Seiten katastrophale Folgen hätte, wenn ich die Beziehungen zu Ihnen völlig abbreche, sehe ich mich gezwungen, Sie strengstens zu ermahnen und Sie ein allerletztes Mal aufzufordern, mich um alles in der Welt nicht weiter mit Ihren Einmischungen und Übergriffen zu belästigen. Verniedlichen Sie das Problem nicht mit Ihren üblichen Hinweisen auf die letztlich friedliche Koexistenz und werfen Sie mir nicht wieder kleinliches Auseinanderdividieren vor. Es handelt sich hier keineswegs um eine Haarspalterei, werter Herr.

Auskurieren

von Manfred Ach (copyright)

In Bad Aibling fühlen Sie sich wohl. Bad Dürkheim hält viele Überraschungen für Sie bereit. Bad Lauterberg ist eine Reise wert. Bad Mergentheim ist gut für jeden. Bad Salzig verspricht einen angenehmen Aufenthalt. In Bad Rippoldsau werden auch Sie im Nu gesund. In Bad Wiessee wurden schon hoffnungslose Fälle geheilt. In Bad Soden ist der Kranke König. Bad Nauheim hat noch keinem geschadet. Bad Honnef hat die preisgünstigsten Angebote. Bad Reichenhall ist nie umsonst. In Bad König dürfen Sie sich verwöhnen lassen. Bad Homburg kuriert Sie exklusiv. In Baden-Baden werden Sie ein neuer Mensch. In Bad Boll werden Sie wieder der Alte. Bad Höhenstadt lässt Ihr Herz höher schlagen. Bad Griesbach vertreibt Ihnen die Langeweile. Bad Godesberg erleichtert Ihnen vieles.
Bad Friedrichshall ist eine andere Welt. Bad Grund ist bestens erprobt. Bad Essen wird auch Verwöhnte überraschen. Bad Überkingen hält, was es verspricht. Bad Kissingen verspricht, was es hält. In Bad Ems fällt Ihnen der Abschied schwer. Nach Bad Hersfeld kehrt man immer wieder gern zurück. Bad Gögging ist und bleibt Bad Gögging. Einmal Bad Kreuznach, immer Bad Kreuznach. In Bad Pfullingen pfühlt man sich wohl.

Nonsens morgens

von Dieter J. Baumgart (copyright)

Kleine Brötchen gebacken

Die Butter
ist die Mutter
des unehelichen Brötchens.
Vom Vater weiss man nur,
dass er
sehr klein war.

Morgenstunde

Das Meer
hat einen über den Durst getrunken.
Mit Schaum auf den Lippen
liegt es am Strand
und betrachtet seinen finnischen Busen
im Spiegel.

Badefreuden

Der Hahn
ist heute sehr aufgedreht.
Fröhlich krähend
springt er in die Wanne
und nimmt ein Bad.

Zeitlos

Die Uhr
hat einen Tag Urlaub genommen.
Stundenlang steht sie im Viertel
und verkauft Herbstzeitlose,
das Stück
zu neunzig Minuten.

Aphrodisiakum

Die Spinne
hat im weltweiten Netz
eine Spanische Fliege entdeckt.
Hemmungslos surft sie
und verheizt Flatrates
auf Jahre im Voraus.

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