Das Mädchen und der Hund

von Inga Rothe (copyright)

Das kleine Mädchen saß da, in ihrem Zimmer, fühlte sich allein gelassen und weinte vor sich hin. Heute ist ihr Papa ausgezogen und obwohl die Mama immer gesagt hatte, das sei nur eine Sache zwischen Erwachsenen und das hätte nichts mit ihr zu tun, verstand sie es dennoch nicht. Natürlich hatte sie ihre Mama noch, der Papa war sonst auch immer viel weg, aber das ist etwas anderes.
Dicke Tränen bedeckten ihr kleines Gesicht. Plötzlich stand die Mutter in der Tür, setzte sich ebenfalls auf das Bett und nahm ihr kleines Mädchen in den Arm. “Ach, Schatz, nun weine doch nicht, du kannst doch deinen Papa immer sehen, wenn du willst, er wohnt doch nicht so weit entfernt von hier.” Er bleibt auch immer dein Papa.”
Doch das kleine Mädchen konnte sich gar nicht beruhigen. Es fühlte sich so klein wie damals, als sie in den Kindergarten kam und die Mama sie dort allein lies!
Lange kuschelte und redete sie mit ihrer Mama, aber so richtig froh war sie dennoch nicht. Dabei war sie kein kleines Baby mehr, sondern schon ein Schulkind!
Sie durfte in den ersten Tagen bei ihrer Mutter schlafen und fand es ganz toll. Einmal bemerkte sie, dass die Mama auch mal weinte und da nahm sie sich vor, ab sofort groß zu sein! Schließlich musste sie nun die Mama beschützen, jetzt wo doch der Papa nicht mehr da war. Bei diesem Gedanken wollten gerade wieder ein paar Kullertränen kommen, aber sie wischte sie sich energisch fort.
Sie war schon immer ein stilles Kind, nun wurde sie noch stiller.

Irgendwann konnte die Mutter es nicht mehr mit ansehen, wie ihr Kind leidend in ihrem Zimmer Ass. Es war nicht dazu zu bewegen, hinaus zu gehen, um mit den anderen Kindern zu spielen und hatte eine Idee. “Wie wäre es, wenn wir uns einen Katze holen?”
“Eine Katze? Eine richtige Katze?” antwortete das Mädchen.
Irgendwie war das eine tolle Idee, sie sollte eine Katze bekommen, die nur ihr gehört, mit dem sie spielen, schmusen und knuddeln konnte..

Am nächsten Tag fuhren sie gleich nach der Schule in ein Tierheim. Viele Katzen waren da, miauten, spielten oder saßen nur in der Ecke und schliefen. Das kleine Mädchen konnte sich gar nicht satt sehen.
Als sie noch näher kamen, hörte sie gegenüber einen kleinen Hund winseln und schaute in den kleinen Zwinger.
Ein kleines braun – weises Wollknäuel Ass da zusammen gekauert und winselte vor sich hin. Schon waren die Katzen vergessen.
Voller Mitleid kamen dem kleinen Mädchen die Tränen und sie rief ihre Mama. “Mama, schau einmal, der arme Hund!”
Das hörte auch einer von den Pflegern und kam dazu. “Ja, Kleine, der arme Welpe ist zu uns gebracht worden, weil seine Hundemama ihn nicht haben wollte und nun sehnt er sich nach ihr.”
“Die Mutter wollte ihn nicht haben?” erwiderte sie entsetzt.
“Es war ein besonders großer Wurf, das passiert schon mal. Wir haben die kleine Jackie, so heizt sie, hier aufgenommen und müssen sie noch mit der Flasche aufpäppeln. Sie ist ja noch so klein.
Sofort viel dem Mädchen wieder ihr Papa ein, der auch fort war, aber ihre Mama hat sie behalten! Wie schön, dass ihre Mama sie so lieb hatte!
“Und was ist mit dem Hundepapa?” fragte sie den Pfleger.
Nun, weist du, die Hundepapas kümmern sich nicht so um ihre Kinder die wohnen irgendwo, vielleicht spielen sie ja auch mal mit den Kleinen, aber das ist selten.
“Darf ich Jackie streicheln?” fragte sie.
Natürlich durfte sie und sie konnte gar nicht genug bekommen. Die kleine Jackie winselte nicht mehr, sondern leckte dem kleinen Mädchen die Hände und über ihr Gesicht. Kuschelte sich richtig an und man merkte, dass sich der kleine Welpe geborgen fühlte.
Mama zwinkerte dem kleinen Mädchen zu:
“Na, die kleine Jackie möchtest du wohl gerne mitnehmen, oder?”
“Mama, darf ich? Ich werde sie auch versorgen, aber was ist, wenn ich in die Schule muss?” Sofort verdunkelte sich ihr Gesicht wieder.
“Ach, Schatz, ich bin doch auch noch da!”
Jubelnd fiel sie ihrer Mutter um den Hals. Was war sie doch ein glückliches Kind, hatte eine Mama und einen Papa, wenn der auch nicht bei ihnen wohnte.

Zuerst wollte die Pfleger den Hund noch nicht hergeben. Da es auch noch nicht sicher war, dass er überleben würde. Nachdem die Mama mit ihr ein langes Gespräch führte und auch versicherte, dass sie mit dafür sorgen wollte, dass es der kleinen Jackie gut gehe, durften sie den Hund abholen, sobald sie alles zusammen hatten, was man für so einen kleinen Hund brauchte.
Sie kauften eine Hundebürste, ein Halsband, Leine, Futternapf, eine Babyflasche Körbchen usw.
Danach holten sie das kleine Bündel ab, aber nicht ohne genaue Fütterungsanleitung.

Man konnte zusehen, wie aus dem kleinem Wollknäuel eine schöne Hündin wurde, die fröhlich bellend hinter dem einst so ruhigen kleinem Mädchen hinterher lief. Oft sah man sie auch mit ihrem Papa, wenn sie alle drei über eine Wiese tobten.
Tränen oder Traurigkeit gehörten der Vergangenheit an …

Die kleinen Fehlerteufel

von Inga Rothe (copyright)

Ruhig geworden war es in der Grundschule. Alle Kinder hatten schulfrei und die letzten Lehrer verließen ebenfalls das Gebäude.
Nachdem die Putzfrauen mit ihrer Arbeit fertig waren, schloss der Hausmeister die Türen ab.
Somit war ein Schultag zu Ende, aber nicht für die kleinen Fehlerteufel. Die warteten nur darauf, dass alle weg waren, um mit ihrem Werk zu beginnen.
Pauli schnappte sich gleich das erste Heft, das im Lehrerzimmer zur Korrektur auf einem Stapel lag…
“Hihi, das war ja ein ganz schlauer Junge, ich finde keine Fehler, na so etwas!” rief er den anderen Fehlerteufeln zu.
“Stimmt, bei mir ist auch nichts!” erwiderte Kalle.
Na, dann werden wir denen mal ganz schnell welche machen, grinste Pauli und fing an.
Gegen Abend hatten die Beiden ihre Arbeit beendet und versteckten sich geschwind zwischen den Büchern.

Gegen 8 Uhr betrat Lehrer Müller das Klassenzimmer, schnappte sich den Heftstapel und machte sich daran, die Fehler zu korrigieren. Er schüttelte nur noch mit dem Kopf.
“Wie kann das nur sein, der schlaue Carsten hat 50 Fehler? Madline, 65!
Da er in der 3. Stunde in seiner Klasse unterrichten musste, schaffte er es gerade noch, die Hefte fertig zu bearbeiten.
Als er dann die Klasse betrat, machte er eine sehr bedenkliche Miene.

“Kinder, was ist mit euch los? So ein schlechtes Diktatergebnis habe ich noch nie gesehen!
Carsten, buchstabiere doch einmal das Wort Feuerwehrmann.”
Carsten stand auf, wie es sich gehörte und buchstabierte: “F-e-u-e-r-w-e-h-r-m-a-n-n”
“Richtig, aber warum schreibst du im Diktat, V-ä-u-e-a-r-w-ä-r-m-a-n???”
Entsetzt schaute Carsten die anderen Schüler an, die sich vor Lachen krümmten.
“Madline, wie schreibt man denn, “es brannte im ganzen Haus”?”
Diese war nun ganz durcheinander, denn was sollte diese Frage, sie wußte doch wie das geschrieben wurde, denn sie gehörte zu den besten Schülerinnen.

So ging das nun die ganze Stunde, Fehler, über Fehler und keiner konnte sich erklären, wie so etwas sein konnte.
Da meldete sich Marius: “Herr Müller, ich habe gehört, wenn Kinder nicht genug Gemüse essen, sei das nicht gut, vielleicht kommt es daher, ich mag nämlich keine Gemüse!”
“Kinder dürfen nicht soviel Süßigkeiten essen!” rief Oliver.
“Kinder sollen gegen 10 Uhr ein 2. Frühstück einhalten, weil da der Zuckerwert im Körper sinkt und sie sich dann nicht konzentrieren können, sagt meine Mama. Aber das mache ich doch schon” meinte Madline.
“Stimmt Kinder, eine ausgewogene Ernährung kann auch eine Ursache sein, aber was ich hier sehe, das ist mehr als merkwürdig! Schlimmer als Diktate in der ersten Klasse”.

Nach dem Unterricht trafen sich alle Lehrer im Lehrerzimmer und waren sehr ratlos.
Die kleinen Fehlerteufel hatten überall, in jeder Klasse ihre Spuren hinterlassen.
“Das geht nicht mit rechten Dingen zu, irgendetwas stimmt hier nicht!” sagte der Rektor, “ich habe heute Morgen Zettel verteilt und selbst darin waren mehr als 30 Fehler!”
Nachdenklich verließen die Lehrer die Schule.

Kaum war diese wieder abgeschlossen und niemand mehr da, kamen die kleinen Fehlerteufel aus ihrer Ecke hervor.
Wie freuten sie sich über ihre Tat, jubelten vor Stolz!
Heute hatten sie nichts zu tun, denn alle Lehrer hatten die Hefte mit nach Hause genommen.
“Oooch, das ist aber langweilig!” maulte Pauli.
“Dann müssen wir uns eben die Bücher vornehmen!” meinte Kalle.

Am nächsten Morgen trafen sich alle Schüler auf dem Schulhof und diskutierten, was das sein konnte, wie kann jemand soviel Fehler machen?
Sebastian, der Schulsprecher meinte: “Da hilft nur eins, wir müssen büffeln! In acht Wochen sind die Zeugnisse fällig, wir können uns das nicht leisten. Jeder, der besser ist, nimmt sich einen Schwächeren und übt mit ihm!”
So wurde es dann auch gemacht.

Lehrer Müller wunderte sich, das die Leistungen der Klasse immer besser wurden.
Wieder schrieben sie ein Diktat. Diesmal ließ Herr Müller die Hefte nicht liegen, sondern nahm sie mit nach Hause.
Er staunte nicht schlecht, denn drei Fehler, mehr gab es nicht.

“Ich bin ganz stolz auf euch, Kinder!” Sogar Benjamin, unser kleines Sorgenkind, hat nur drei Fehler! Da ihr so fleißig ward, lese ich euch heute die Geschichte von der kleinen Hexe vor!”
Er holte sich das Buch aus dem Lehrerzimmer und schlug es auf. Was ist das denn? Er erschrak furchtbar, denn es stand da: “Di klaine Häkse”
Herr Müller musste sich erst einmal hinsetzen, der Schreck war zu groß für so einen gelehrten Mann!
Was sollte er jetzt tun? Alle Schüler schauten ihn an! Der artige Carsten ging zu ihm hin und fragte, ob ihm etwas fehlte.
Herr Müller konnte nicht sprechen, zeigte ihm das Buch! Entsetzt gab Carsten es weiter.

“Habt ihr schon mal etwas von Fehlerteufeln gehört?” fragte Anne plötzlich.
Alle sahen sie erstaunt und fragend an. Nein, davon hatten sie noch nichts gehört.
“Das müssen die aber gewesen sein, denn solche Fehler macht kein Autor und kein Verleger gibt solch ein Buch heraus, indem so viele und dumme Fehler sind!”

Lehrer Müller hatte sich wieder gefasst und stimmte zu.
“Ja, lKinder, das könnte es sein. Für heute machen wir erst einmal Schluss und werden morgen darüber reden.”
Im Lehrerzimmer herrschte Aufregung, was konnte man tun?
Der Rektor befahl, das alle Lehrer fortan die Hefte zu Hause korrigieren und die Bücher auch nicht mehr in der Schule liegen bleiben sollten.

Tatsächlich, nachdem die Fehlerteufel bis zu den Ferien nichts mehr zu tun hatten und in den Ferien sowieso vor lauter lange Weile verzweifelten, beschlossen sie, die Schule zu verlassen und vielleicht wo anders ihr Unwesen zu treiben. An dieser Schule waren sie jedenfalls nicht mehr zu sehen.

Die Schwalbe Lilly

von Inga Rothe (copyright)

“Es ist so weit, rief die Mutter, wir müssen fliegen, sonst schaffen wir es nicht mehr in den Süden.”
Alle Schwalbenkinder waren außer sich vor Freude, denn sie flogen zum ersten mal die weite Strecke. Nur die kleine Lilly, bekam mal wieder gar nichts mit. Sie spielte mit einer Fliege anstatt sie zu essen, denn man musste schon gut genährt sein um so eine Reise zu überstehen.
Viele Vögel waren schon voraus geflogen und es wurde wirklich Zeit! Ein schlimmes Unwetter hielt sie einige Tage zurück und nun mussten sie aufholen.
Die Mutter führte sie noch einmal zu einem Teich, wo sie noch einmal richtig zulangen und das frische Wasser genießen und ein Bad nehmen konnten.
Alle gehorchten, nur die kleine Lilly nicht! Mama schimpfte, als sie ihre Flugkünste zeigte, ihre Geschwister klatschten Beifall.
“Lilly, habe ich dir nicht gesagt, dass du deine Kräfte sparen sollst? Wie willst du das durchhalten, ich sehe schon, irgendwo musst du zurückbleiben und wir können dich nicht mitnehmen, da wir sonst alle erfrieren müssen!”
Mama Schwalbe machte sich große Sorgen um sie, aber es fehlte eben der Vater. Dieser kam vor einigen Wochen ums Leben, als ein großer Kater auf ihn wartete und er nur einen Moment nicht aufpasste …
Oh, wie sehr sie ihn doch vermisste. Nun musste sie allein mit den vier Kinder in den Süden fliegen und auf alle Kinder allein achten.
Lilly war ein besonderes Schwalbenkind, sie war sehr neugierig, wollte alles genau wissen und ging allem auf dem Grund.
Sie liebte die Natur, die Sonne. Es gab so viel zu entdecken, da blieb kaum Zeit zum Lernen.
Es ging los! Im hohen Bogen flogen sie über die Bäume! Lilly jauchzte und war begeistert, wie klein doch unten alles wurde.
Ihre Geschwister flogen gerade aus, immer hinter ihrer Mutter her, doch sie machte Bogen, Schleifen, Sturzflüge, es war herrlich ein Schwalbenkind zu sein …
Nach einigen Tagen wurde Lilly ruhiger. Sie war aus der Puste und konnte kaum noch folgen. Ach, hätte sie doch nur auf die Anderen gehört!
Mama Schwalbe war ernsthaft in Sorge, was sollte nun werden? Sie mussten sich beeilen, der Winter kam.
Zwei Tage später konnte Lilly nicht mehr, sie war zu erschöpft! Nichts half mehr. Sie fühlte sich elend und konnte kaum noch ihre Flügel bewegen.
Die Mutter musste sie zurücklassen um ihre anderen Kinder zu retten. Sie gab ihr noch ein paar Ratschläge, liess etwas zu essen zurück und flog traurig weiter.

Lilly schlief tagelang in einem verlassenen Schwalbennest und wurde wach, als sie beinahe zu Tode gefroren war.
Sie hatte Hunger, aber es war nichts mehr da. Langsam versuchte sie aus dem Nest zu gleiten, hatte kaum noch Kraft. Es dauerte lange, bis sie etwas zu essen fand. Gerade als sie darauf zu fliegen wollte, bekam sie einen Schlag und es wurde dunkel um sie.
Als sie erwachte, wusste sie nicht wo sie war. Ein Menschenjunge versuchte ihr etwas essbares in den Schnabel zu geben. Alles tat ihr weh. Was war nur geschehen?
“Hallo kleine Schwalbe, wach auf, ich heiße Friedhelm und will dir helfen. Habe keine Angst, der olle Kater packt dich nie wieder an! Er hat dich am Flügel erwischt, aber das heilt bestimmt wieder.”
Ja, stimmt, jetzt fiel es Lilly wieder ein. Was sollte sie nun tun, ihr Flügel war verbunden und tat furchtbar weh. Wird sie jemals wieder fliegen
können? Nein, sie wollte nichts essen, lieber wollte sie sterben, denn wenn sie nicht mehr fliegen kann, wie soll sie dann überleben?
Friedhelm setzte sie in einen großen Käfig und Lilly schloss die Augen. Ich will sterben, nie mehr werde ich meine Mama sehen und meine Geschwister!
“Ist da jemand?” Lilly erschrak, wer sprach da ihre Sprache? Zaghaft öffnete sie ihre Augen und erschrak. Da sass ein großer Schwalbenopa, der noch mehr Verbände hatte als sie. Der hatte beide Flügel verbunden und sehen konnte der auch nichts mehr!
“Ist da jemand?” Fragte er noch einmal.
“Ja, ich, die Lilly. Wer bist du?”
” Ich bin der Opa Karl! Ein Schwalbenkind um diese Zeit hier in dem kalten Norden! Was machst du denn hier?”
“Ich, ich, ich …” Lilly fing an zu weinen und erzählte danach dem Schwalbenopa ihr ganzes Leid.
Schwalbenopa Karl berichtete, dass er sich ein Bein und beide Flügel gebrochen hatte. Weil seine Augen nicht mehr so gut waren, war er gegen eine Mauer geflogen. Friedhelm hatte ihn dann noch vor einer Katze gerettet hatte.
Er ist mit ihm zu einem Doktor gegangen und nun hofft er, bald wieder gesund zu sein.
Lilly war froh, etwas Gesellschaft zu haben und hörte dem Schwalbenopa gerne zu, wenn er ihr Geschichten erzählte.
Langsam ging es ihr auch besser.
Friedhelm fütterte sie immer noch und sie kam wieder zu Kräften.
Nach ein paar Wochen konnte sie den Käfig wieder verlassen und ein
wenig Fliegen üben. Bald klappte das wieder wie vorher.
Draußen war es kalt, sie konnte kaum Futter finden, wenn Friedhelm sie nicht versorgt hätte, wäre sie längst gestorben.
Der Käfig war immer noch ihr “Nest”, in dem sie schlief oder sich mit Schwalbenopa Karl unterhielt.
Dem ging es gar nicht besser, er wurde immer schwächer. Nun war sie es, die ihm Geschichten erzählte.
Immer wieder dachte sie an ihre Mutter, an ihre Geschwister und hatte solches Heimweh!
Eines Tages, der Schnee war fort, flog sie hinaus. Endlich konnte sie sich wieder selber Futter suchen, wenn auch nicht lange, denn es war immer noch sehr kalt.
Heute fand sie einen besonders dicke Fliege und wollte sie dem Schwalbenopa bringen, doch der Schwalbenopa Karl war tot, Lilly konnte es gar nicht glauben, was sollte sie jetzt tun, sie kam sich vor, als sei sie ganz allein auf dieser Welt. Sie weinte sich beinahe die Augen aus. Nichts konnte sie mehr erfreuen, auch nicht die Sonnenstrahlen, die nun langsam wärmer wurden.
Wieder einmal sass sie auf dem Telefonmast und war ganz traurig. Friedhelm konnte sie heute auch nicht mehr aufheitern. Wieder kullerten viele Schwalbentränen den Baum hinunter.
Plötzlich hörte sie ein einen Gesang, der ihr sehr bekannt vor kam. ” Witt-witt-twitt…biwist!”
Das Lied hatte ihre Mama immer gesungen, wenn sie mit ihren Geschwistern und den Papa über den Wald flogen.
Sie schaute hoch zum Himmel. Waren das nicht Schwalben?
Nein, das kann nicht sein, ist denn schon Frühling?
Sie reckte ihr Köpfchen empor, so dass sie beinahe vom Mast gefallen wäre. Das kann nicht sein, ich träume oder? Da oben, das könnte meine Mama sein und da hinter, es sind drei Schwalben, aber die sind viel zu groß, nein, das sind sie nicht …
Dennoch, sie wollte es genau wissen und flog in die Lüfte.
Mama Schwalbe hörte auf zu singen und erinnerte sich an Lilly, hier musste sie ihr Kind zurücklassen! Ob sie wohl noch lebt? Sicher wurde sie von einer Katze gefressen, sie kannte ja die Gefahren nicht, da sie nie aufpasste, wenn Schulstunde war.
Lillys stockte der Atem, das war sie, das war ihre Mama! Vor lauter Aufregung bekam sie keinen Piep heraus. Sie sauste durch die Luft wie ein Wirbelwind und genau auf ihre Mama zu. Beinahe wäre es zu einem Zusammenstoß gekommen, aber Lilly schaffte es noch rechtzeitig zu bremsen.
Gerade wollte Mutter Schwalbe los schimpfen, als sie Lilly erkannte!
Auch sie bekam keinen Ton heraus, lies sich einfach fallen und landete auf einem Baum.

Die drei anderen Schwalben waren erstaunt, irgendwie kam ihnen diese Schwalbe bekannt vor. Ja, keine andere Schwalbe außer ihrer Schwester Lilly konnte so viele Luftkunststücke, aber die Lilly, war die nicht längst gestorben?
Auch sie setzten sich auf einen Ast und schauten neugierig zu ihrer Mutter rüber und der fremden Schwalbe, die Lilly sehr ähnlich sah.
Da rief Mama Schwalbe sie zu sich und sagte, das sei Lilly, sie hätte überlebt, weil ein kleiner Junge sie gesund gepflegt hatte.
Alle waren sehr glücklich und freuten sich, dass Lilly nichts passiert war.
Sie erzählten sich bis zum frühen Morgen, was so alles geschehen war. Berichteten aus dem Süden und dass es hier doch viel schöner sei.
Gegen 7 Uhr erblickten sie den kleinen Friedhelm, der nach Lilly Ausschau hielt. Fröhlich machte diese einen Sturzflug in Richtung des Jungens und zwitscherte, so wie sie es noch niemals in den letzten Monaten getan hatte.
Friedhelm schaute sie an, dann sah er auf dem Baum eine ganze Schwalbenfamilie und wusste, das war Lillys Familie. Anstatt sich zu freuen, wurde er sehr traurig, denn nun würde Lilly ihn verlassen und mit ihnen ziehen …
Genau das dachte Lilly plötzlich auch und flog wieder zu ihrer Mutter.
“Mama, was wird denn nun? Können wir nicht hier bleiben?”
“Ja mein Kind, da dein Menschenfreund dich gerettet hat, wollen wir ihn und seiner Familie Glück bereiten, du weisst doch, wenn wir an den Häusern unser Nest bauen, bedeutet das Glück!
Wir werden hier bleiben, aber im Herbst müssen wir wieder zurück nach Afrika, sonst erfrieren wir und du kommst mit.”
Lilly trällerte nun froh ihr Lied und die anderen stimmten ein. Witt-witt-twitt…biwist!

Irgendwie hatte sich alles verändert, die Luft war wärmer, die Sonne strahlte, es war Frühling!
Mama Schwalbe baute ein Nest unter der Dachrinne von dem Haus, in dem Friedhelm wohnte. Sie hatte einen neuen Mann gefunden und war sehr glücklich. Ihre Geschwister flogen ebenfalls mit einem Partner davon, nur Lilly war immer noch allein.
Aber sie hatte noch soviel zu entdecken und so gar keine Augen für Schwalbenmänner!
He, wer sass denn da auf ihrem Telefonmast und schaute sie an? Den kannte sie ja noch gar nicht.
Er hatte eine rostbraune Kehle, genau wie sie und an seinem Hals sah es aus, als hätte er ein schwarzes Halsband. Sein Rücken glänzte bläulich schwarz in der Sonne! Sie wurde ganz verlegen, als er ihr Beifall klatschte, für den gerade vollbrachten eleganten Bogenflug.
Er schaute ihr frech in die Augen und dieser Blick lies sie nicht mehr los. Was war nur geschehen? Sie wurde doch nicht etwa krank. Sie zitterte und hatte kaum noch Kraft auf der Dachrinne zu landen.
“Du da, das ist mein Mast auf dem du da sitzt, krächzte sie dem Schwalbenmann zu und tat so, als würde er ihr gleichgültig sein. Huch, wieder durchdrangen sie diese Blicke und trafen sie direkt ins Schwalbenherz.
Der Schwalbenmann flog zu ihr und setzte sich neben sie. Lilly verschlug es den Atem! Was für ein Mann!
“Ich beobachte dich schon einige Tage, sagte er und wollte dich fragen, ob du mit mir ein Nest bauen möchtest.” Lilly konnte sich kaum bewegen, sie hatte das Gefühl, als träumte sie gerade ihren schönsten Traum.
Der Schwalbenmann berührte zärtlich ihre Flügel und vor Schreck fiel Lilly von der Dachrinne. Doch der Schwalbenmann konnte sie auffangen und hob sie wieder in die Lüfte.
Von überall hörten sie die Vögel singen und Der Schwalbenmann erzählte ihr, es sei Hochzeitsgesang, ob sie nicht auch daran teilnehmen wollte, als seine Frau.
Lilly konnte immer noch nichts sagen, nickte nur und legte ihr Köpfchen an seiner weisen Brust.
Am selben Abend wurde Hochzeit gefeiert. Viele Schwalben kamen, auch ihre Geschwister! Danach bauten sie ebenfalls ein Nest aus Schlamm und Halmen, zum Schluss polsterten sie es mit den schönsten Federn aus, die sie hatten.
Dann legte Lilly sieben Eier und wärmte diese, in der Menschensprache heisst das Brüten.
Nach wenigen Wochen hatten sie es geschafft, aus den weißlichen grob braunen gepunkteten Eiern schlüpften sieben süße Schwalbenkinder. Sie waren nun Eltern!
Lillys Mann holte das Futter, während Lilly sie auf ihre Flugzeit vorbereitete und ihnen auch von Schwalbenopa Karl erzählte.
Nach drei Wochen war es soweit, die sieben Schwalbenkinder mussten Fliegen lernen!
Im nu hatten sie es gelernt und so schnell wie das Frühjahr und der Sommer gekommen waren, so schnell kam der Herbst!
Zeit zum Aufbrechen in den Süden! Diesmal trafen sich alle Schwalben und flogen gemeinsam. Lilly dachte noch viel an das letzte Jahr zurück. Sie freute sich schon auf das Frühjahr, denn dann wollten sie in ihr Nest zurückkehren, das dann auf sie wartete, an dem Haus vom kleinen Friedhelm!

Die Mutprobe

von Inga Rothe (copyright)

Marlene, Kathrin, Susanne und Emely trafen sich in der großen Pause, um einen Plan für ihren neuen Club auszuarbeiten. Sie gingen alle in die 4. Klasse und kannten sich schon aus dem Kindergarten.
“Ich denke, alle die mitmachen wollen, sollten eine Mutprobe bestehen.” Sagte Marlene, die die Größere war. “Au ja, tolle Idee! Und dann müssen wir uns noch einen Namen aussuchen!” entgegnete Susanne.
Sie verabredeten sich am Nachmittag bei Marlene.
Die Zeit verging recht schnell und so saßen sie alle in Marlenes Zimmer.
“Wir wollen doch alten Leuten helfen und auch kranken, darum müssen wir einen Namen finden, der auch passt.” meinte Susanne.
“Klaro, das finde ich auch. Wie wäre es denn mit “die Helferlein”?” entgegnete Marlene
“Helferlein? Hm, nee, das klingt doof. Hört sich an, wie ein Babyverein!” erwiderte Emely”, “Aber wie wäre es mit “die Angel”?”
“Wieso Angel? Wir wollen doch keine Fische fangen!” lachte Susanne.
“Mensch bist du blöd, das heißt doch Engel! Habe ich neulich gelesen!” sagte entrüstet Emely. “Dann musst du es aber auch richtig aussprechen, das heißt nicht Angel, sondern Ängel” kicherte Kathrin.
“Hm, was ist, wenn die Leute den Ausdruck nicht kennen?” warf Susanne ein.
“Ich habe es, wie wäre es mit “die Kinder der guten Taten?” schlug Marlene vor.
Schnell wurde man sich einig, denn es hörte sich ja gut an und sagte alles aus.
“Was nutzt uns eine gute Tat, wenn wir schon bei dem geringsten Geräusch in die Hosen machen?” sagte Kathrin.
“Tzz, ich habe keine Angst, ich gehe sogar nachts in den Keller!”
“Ich gehe sogar in den Wald, wenn es dunkel ist.” riefen Emely und Susanne .
“Reden kann jeder, aber es auch tun?” meinte Marlene.
Also schrieben sie erst einmal ein paar Stichpunkte auf.
“Ich habe da etwas tolles” schlug Kathrin vor, “jemand geht mir verbundenen Augen über die Straße!”
“Bist du verrückt, das ist zu gefährlich!” riefen die anderen durcheinander.
“Na gut, dann eben im Dunklen auf einen Friedhof gehen, ganz allein.” meinte Marlene.
Dieser Vorschlag wurde angenommen und sie planten, dass sie am Tage auf einem bestimmten Grab für jede einen Stein legen wollten, den sie dann im Dunkeln holen wollten.
“Wann soll es los gehen?” fragte Kathrin “Na, gleich morgen, denn jetzt ist es ja schon dunkel und wir können nichts mehr sehen. Also nach der Schule gehen wir gleich zum Friedhof, um uns eine Stelle auszusuchen.” erwiderte Marlene.
Genauso taten sie es dann auch.
Gegen 13 Uhr fanden sie sich am Friedhof ein. Emely war plötzlich ganz komisch zu mute. Susanne schluckte tapfer und suchte schon mal vier kleine Steine.
Mitten auf dem Friedhofsweg entdeckten sie ein Grab, das etwas abseits lag. Das sollte es sein und sie legten vier Steine auf dem Marmorstein.
Da es Februar war, musste es um 18 Uhr dunkel sein und sie wollten sich um diese Zeit vor dem Friedhof treffen.

17:30 Uhr, Emely erschrak, wie schnell doch die Zeit vergeht. Mit Zittern dachte sie an die Mutprobe. Nur gut, das keine ihrer Freundinnen etwas gemerkt hatte, sie fürchtete sich ganz schrecklich, aber sie wollte ja Mitglied werden. Schnell packte sie ihr kleines Kuscheltier in ihren Mantel, das sollte ihr Mut machen und ging zum Friedhof.
Die Anderen waren schon da. Ganz so dunkel war es nicht, man konnte noch ein klein wenig sehen.
Susanne meinte, sie bekäme wohl eine Grippe und fühle sich gar nicht gut. “Blödsinn, “entgegnete Marlene, “du hast ja nur Angst!”
Nun wurde ausgewählt, wer zuerst gehen sollte.
Marlene war die Erste. Sie zeigte keine Angst und lief sofort los.
Nach ein paar Minuten war sie wieder da und zeigte ihren Stein ganz stolz.
Nun war Kathrin an der Reihe, auch sie kam schnell zurück und hatte einen Stein in der Hand.
Susanne fasste allen Mut zusammen und ging los. Ihr war richtig schlecht vor Angst und als ihr dann noch eine Maus über den Weg huschte, schrie sie auf und lief so schnell sie nur konnte zurück. Schnappte sich aber noch schnell einen Stein, der vor ihr am Boden lag, um dann wieder so schnell ihre Füße sie tragen konnten zu den Anderen zu laufen.
“Was ist passiert?” fragte Emely, “warum hast du geschrieen?”
Susanne wurde wieder ganz mutig und da sie eigentlich bekannt war, für ihre Horrorgeschichten, erzählte sie: “Ich erreichte gerade die Mitte des Weges, da hielt mich ein Geist fest! Der sagte, ich solle mich beeilen, denn bald kommen alle Geister aus ihrem Grab und feiern den Karneval des Todes!”
“Puh, nur gut, das wir die Steine haben!” entgegneten Kathrin und Marlene.
“Aber ich muss noch da durch”. sagte Emely ängstlich und ihr lief eine Gänsehaut dem Rücken herunter.
Keiner wollte sie begleiten, denn das war ja auch nicht ausgemacht. Also musste sie gehen.
Sie nahm ihr Kuscheltier ganz fest in die Hand und sang ein Lied. Aber auch das half nicht viel. Dort drüben knackte es und da hinten, war da nicht etwas? Nein, sie konnte nicht weiter gehen. Schnell suchte sie nach einem ähnlichen Stein und lief schnell zurück.
“Wow, du bist aber mutig, Emely, ich wäre da nicht mehr hin gegangen.” riefen die Anderen.
Still gingen die Mädchen nun heim.
Am nächsten Tag sprachen sie auch nicht viel in der Schule, sondern jede für sich verschwand ganz schnell, anders wie sonst.
Emely hatte ein ganz schlechtes Gewissen, denn eigentlich hatte sie ja gelogen und was ist, wenn die Anderen nun ihren Stein auf dem Grab entdeckten? Sie musste da ganz schnell hin, und zwar sofort!
Komisch, am Tage hatte sie keine Angst. Aber was ist denn das? An dem Grab standen die anderen Mädchen und lachten. Auch das noch, sie hatten ihre Lüge bemerkt!
“Na, Emely, hast uns ganz schön angeschmiert, oder?” meinte Marlene.
“Ja, ich gebe es zu, aber warum müssen wir denn auch eine Mutprobe machen, wenn wir doch alten Leuten helfen wollen?” sagte sie kleinlaut.
“Na, dann komm mal her und schaue hier auf das Grab, was siehst Du da?” entgegnete Marlene.
Emely trat vor und was sah sie? Alle vier Steine lagen da! Wie konnte das sein?

Die Lösung ist ganz einfach, keiner der Mädchen hatte den Mut und zeigte einen anderen Stein vor. In Zukunft wollten sie aber ehrlich zueinander sein und auch mal zugeben, dass sie auch mal Angst haben.
Ü ber diese Mutprobe mussten sie noch lange lachen.
Genau, man muss doch keine Mutprobe bestehen, wenn man eine gute Tat vollziehen will, oder?

Die Angst um Carlos

von Inga Rothe (copyright)

Fröhlich machte sich Susi auf dem Heimweg. Endlich Ferien!
Ihr Zeugnis konnte sich sehen lassen, denn es waren nur Einser und Zweier darin. Mama hatte ihr versprochen, dass sie in den Ferien mehr Zeit haben wollte für sie. Papa hat nächste Woche Urlaub und dann wollten sie auch einige Tagesausflüge machen.
In Urlaub fahren war nicht drin, denn sie hatten viele Hühner, Gänse und Enten zu Hause, die versorgt werden mußten. Susi fand es herrlich, auf einem Hof zu wohnen, mit all dem Federvieh. Natürlich hatte Mama viel Arbeit, aber jetzt konnte sie mithelfen und alle hatten mehr Zeit.
Freunde hatte sie kaum, denn sie wohnte ziemlich außerhalb und keiner von denen verstand, wie man so leben konnte. Die Eltern kauften sich lieber die Eier, während Susi fast jeden Morgen ihre aus den Nestern holte. Gemüse, Kartoffeln, alles aus eigenem Garten. Klar, da gab es dann auch schon mal Hähnchen, Enten oder Gänsebraten, das war nun mal so. Meistens wurden die Tiere verkauft, und so lange sie die Tiere ohne Kopf sah, also so, wie sie auch im Geschäft gekauft werden, machte ihr das nicht viel aus. Einfach nicht daran denken, dachte sie.

Ihr gehörte Carlos, ein wunderschöner Hahn. Sie hatte miterlebt, als er aus seinem Ei schlüpfte und seit dem gehört er einfach zu Susi. Wenn sie in die Schule geht, muß er eingesperrt werden, sonst läuft er ihr auch dahin nach. Papa sagte schon immer zu ihr, sie sei die Hühnersusi, aber das meinte er scherzhaft. In der Schule wurde sie nur Ökosusi genannt, aber das machte ihr nichts aus. Endlich sah sie ihren Hof. Es war ein heißer Tag, so wie er im Juli sein sollte, durch die Bäume war sie etwas vor der Sonne geschützt. Die meiste Strecke führte an einem Wald vorbei und wenn man die Anhöhe erreicht hatte, lag vor einem ein Tal, mit grünen Wiesen und Weiden. Susi begrüßte zuerst die Pferde, von Bauer Brune, dann die Kühe vom Bauer Lennert. Es war, als würde die Tiere schon auf sie warten.Gerne hätte sie auch Kühe und Pferde gehabt, aber das wäre zu viel Arbeit für Mama gewesen, denn alleine von Ackerbau und Viehzucht zu leben, lohnt nicht mehr, meinte der Papa. Früher gehörte das ganze Land ihren Opa. aber auch der hatte es sehr schwer. Nach seinem Tod zogen sie hier ein. Die Weiden wurden verpachtet und es blieb nur noch das Federvieh übrig. Das ist nun schon fünf Jahre her, Susi erinnerte sich, sie feierte hier ihren 6. Geburtstag. Am Wegesrand standen Mohnblumen, Susi band einen Strauß und lief schnell noch die paar Meter bis zum Haus. “Da bist du ja, meine Große.” begrüßte sie die Mutter. Susi hielt ihr den Blumenstrauß und ihr Zeugnis entgegen. Stolz umarmte Frau Franz ihre Tochter. Ja, wie groß sie doch schon geworden ist, ihr kleiner Wirbelwind von einst. Kaum hatte Susi ihre Schultasche abgelegt, hörte sie auch schon Carlos krähen. Schnell befreite sie den Hahn aus seinem Stall, der nun glücklich um sie herum gackerte. “Ich weiß auch nicht, was der heute hat, den ganzen Tag kräht er schon. Das wird immer schlimmer. Langsam könnte er sich ja auch einmal um seine Hühnerdamen kümmern, aber die scheinen ihm nicht zu interessieren” lachte die Mama, als sie das sah. Nach dem Mittagessen wurde schnell wieder alles abgespült und Susi machte mit ihrer Mutter einen Spaziergang. Carlos folgte den Beiden brav wie ein Hund.”Ach Mama”, sagte plötzlich Susi, “wir haben es doch wirklich schön. Schau nur diese tolle Gegend, es riecht nach Natur.”
“Ja mein Kind, du bist genauso naturverbunden wie ich. Niemals könnte ich in der Stadt wohnen und dein Vater auch nicht.”
Susi nahm Mamas Hand und sie schlenderten langsam zurück.
Irgend etwas stimmte heute nicht, denn man hörte die Hühner gar nicht gackern, wie sonst, wenn man den Hof betritt. Carlos flog auf einem Zaunpfahl und krähte, als wolle er auch sagen, hier ist etwas nicht in Ordnung. In diesem Augenblick kam auch schon Susis Vater von der Arbeit. “Oh je,”sagte die Mutter, wir haben uns richtig verplaudert. Ich muß Papa schnell das Essen wärmen. Schaut ihr doch gleich mal nach den Hühnern, vielleicht ist es aber auch nur die Hitze.”
Susi brauchte dem Vater nichts zu sagen, denn dem fiel sofort auf, das es stiller war als sonst. Als sie auf der Hühnerwiese ankamen, sahen sie einige Hühner in einer Ecke gekauert. Es schien, als bekämen sie keine Luft. Entsetzt sah Susi ihren Vater an. “Heute Morgen ging es ihnen noch gut, was kann das denn sein?”
“Ich weiß es nicht, aber ich werde sofort den Tierarzt verständigen”, meinte er und ging schnell ins Haus. Ängstlich folgte Susi ihm. Carlos flog von dem Pfahl herunter und setzte sich vor die Haustür. Mama schaute sorgenvoll auf Susi und es schien, als würde sie beten.
“Der Tierarzt kommt sofort und ich hoffe, es ist nicht die Hühnerpest.” sagte der Vater und setzte sich erst einmal hin.”Oh Gott, ich habe es heute Morgen erst wieder im Radio gehört, in Kevelar soll es auch einen Fall geben.” antwortete die Mutter.
“Mama, was ist das? Was ist los?” wollte nun Susi wissen und sie hatte plötzlich wahnsinnige Angst. Hühnerpest, Carlos ist doch auch ein Huhn. Schon klingelte es und die Tierarzt war da.
Die Mutter meinte, Susi solle hier im Haus auf sie warten, aber sie schlich etwas später leise hinterher und versteckte sich.
“Nein”, schrie ihre Mutter, “das darf doch nicht sein. Alle unsere Hühner?”
Der Vater legte seinen Arm um sie und auch er hatte Tränen in den Augen.”Ja, Frau Franz, es handelt sich um H7N7, dieses Killervirus sorgt bei Hühnern für Fieber, Atemnot und Durchfall. Sie legen keine Eier mehr, sterben in nur wenigen Tagen.”
“Stimmt, heute habe ich keine Eier gefunden.” murmelte die Mutter.
“Es tut mir sehr leid für sie, aber wir müssen hier alles absperren. Alle Hühner müssen getötet werden und…”
Den Rest hörte Susi nicht mehr, denn das was sie gehört hatte, reichte. Sie mußte so schnell es geht mit Carlos fliehen, sonst würde auch er getötet werden. Schnell lief sie ins Haus, holte den großen Vogelkäfig, packte ganz schnell ein paar Sachen zusammen und lief zum Hinterausgang. Aber da stand plötzlich ein Polizeiauto. Zum Glück gab es noch einen Seitenausgang und es war inzwischen dunkel geworden. Beinahe wäre sie noch über Carlos gestolpert, der vor der Tür stand, als ob er es geahnt hätte. Susi steckte ihn in den großen Käfig und hoffte, er würde ruhig sein.
Bald erreichten sie den Wald und je so mehr sie darin verschwanden, um so sicherer fühlte Susi sich. Zeit zum Ausruhen nahm sie sich kaum, denn sie wußte aus Filmen, man würde alles absuchen, um jemanden zu finden. Nur gut, daß sie an die Taschenlampe gedacht hatte, denn es wurde stockfinster.

Erst als die Sonne aufging, setze sie sich völlig erschöpft auf einen Baumstamm. Sie hatte keine Ahnung wo sie war, hatte einige Straßen überquert und sich immer weit von einer Straße gehalten. Carlos verhielt sich ruhig, er spürte wohl die Gefahr, in der er sich befand. Susi ließ ihn erst einmal aus seinem Käfig und teilte mit ihm eine Scheibe Brot. Nun sah sie sich erst einmal genauer um. Vor ihr lag das Wiehengebirge, da mußte sie hin, da würde man sie nicht so leicht finden. Zum Glück regnete es nicht, sondern es begann wieder ein schöner Sommertag. Carlos setzte sich wieder in den Käfig, als wollte er sagen, weiter.Susi packte schnell alles ein und setzte ihren Weg fort. Nach ungefähr 15 Kilometer, durch Wald und Wiesen, erreichte sie das Gebirge. Sie passte immer ganz genau auf, daß sie niemand sah.Als sie endlich oben war und auch einen Unterschlupf fand, ließ sie sich nieder. Hunger hatte sie gar nicht, da war nur diese Angst. Schnell noch ein paar Zweige über die Mulde und endlich konnte sie ausruhen. Sie fiel sofort in einem tiefen Schlaf. Am nächsten Mittag wurde sie wieder wach und bemerkte nun ihre Blasen an den Füßen.Carlos, den sie abends aus dem Käfig gelassen hatte, lag friedlich in einer Ecke.
Er hatte seit der Flucht nicht mehr gekräht und darüber war Susi sehr froh, denn sonst hätte er sie verraten. Nachdem sie nun erst einmal etwas gegessen hatte, erkundete sie die Umgebung, gefolgt von Carlos, dem es hier anscheinend gut gefiel.Sie fand eine Quelle und auch eine Höhle.In der Schule hatte sie gelernt, daß unter dem Wiehengebirge früher ein Bergwerk war und viele Höhlen zu finden sind, ja sogar ganze Stollen, die aber zu gefährlich geworden und mit Gittern verschlossen wurden.
So eine Höhle fand sie. Genug Platz um geschützt zu sein. Die Quelle war ganz in der Nähe, was wollte sie also mehr. Sie holte ihre Sachen und versuchte es sich so gemütlich wie möglich zu machen. Wenn nur nicht dieses Heimweh wäre. Was Mama und Papa wohl machen. Die Tränen kullerten über ihr Gesicht. Carlos drückte sich an sie, als wolle er sie trösten. Irgendwann schlief sie ein und wurde durch ein gewaltiges Donnern in der Nacht geweckt.
Sie hatte Glück, denn die Höhle blieb trocken. Früher hatte sie immer Angst vor Gewittern, aber jetzt gar nicht mehr. Sie fühlte sich geborgen, trotz allem.
Am Morgen machte sie sich auf, um Waldbeeren zu pflücken, denn sie mußte ja etwas essen und sparsam mit dem wenigen Brot sein, das sie sich mitgenommen hatte.
Auf ihren Streifzügen fand sie eine Kuhwiese unten im Tal und sicher hatte der Bauer nichts dagegen, wenn sie den Kühen etwas Milch abnahm. Gemolken hatte sie noch nie, aber es bei Bauer Lennert gesehen. Tatsächlich, es dauerte zwar, aber es klappte. Somit war also auch für Milch gesorgt. Susi lebte nun schon über eine Woche in der Höhle. Überall waren ihre Bilder in den Zeitungen und man warnte auch vor dem Hahn, da sich auf dem Hof die Hühnerpest breit gemacht hatte. Alle Tiere konnten getötet werden, bis auf dem Hahn. Die Medien berichteten täglich, aber Susi blieb verschwunden. Herr und Frau Franz hatten die schlimmsten Befürchtungen, denn es gab auch Meldungen von entführten Kindern. Dieses nutzten einige Trittbrettfahrer und forderten Lösegeld. Susi bekam davon nichts mit. Es wurden Suchmanschaften aufgestellt, aber nichts, keine Spur von ihr.Leider verschlechterte sich das Wetter und es wurde immer schwieriger ins Tal zu kommen, denn Susi hatte sich keine Jacke mitgenommen und neue Anziehsachen schon gar nicht. Sie konnte ihr Kleidung jetzt auch nicht mehr waschen, da sie ja nicht trocknete.
Dennoch, obwohl es beinahe vier Wochen waren, sie hielt durch. Carlos fand kaum noch eßbares, aber auch er war körperlich fit.
An einem Nachmittag fühlte Susi sich richtig schlecht, sie konnte gar nicht aufstehen, alles tat ihr weh. Der Hals besonders. Sie schien Fieber zu haben, denn sie fror, obwohl die Sonne wieder schien.
Trotzdem mußte sie aufstehen und ins Tal hinunter, denn sie brauchte Milch. Sie schleppte sich hinunter, mußte mehrere Pausen einlegen und kam endlich unten an. Zitternd versuchte sie eine Kuh zu melken, aber heute klappte es nicht.Carlos suchte sich mittlerweile etwas zu fressen, blieb aber immer in der Nähe.Plötzlich wurde es schwarz vor Susis Augen und sie wurde ohnmächtig.

Als sie erwachte, befand sie sich auf einem Sofa. Eine alte Frau saß über sie gebeugt und kühlte ihr Gesicht.
“Hallo, kleine Dame, geht es dir wieder besser”? Susi fühlte sich sehr schwach und fror entsetzlich.
“Gleich kommt Doktor Wiesner, der hilft dir schon wieder auf die Beine”, sagte die Frau sanft und drückte Susi leicht wieder in die Kissen.
Sofort schlief sie wieder ein und wurde erst wach, als ein älterer Herr sie abhörte.
“Na, da hat sie aber Glück gehabt, es ist nur eine Grippe, keine Lungenentzündung.”
In diesem Moment krähte Carlos vor dem Fenster und Susi erschrak beinahe zu Tode. Jetzt fiel ihr wieder alles ein und sie fing an zu weinen.
Der Doktor gab ihr eine Spritze, damit ihr Fieber runter ging und nun erzählte die alte Bäuerin, dass sie Susi mitten auf der Kuhweide gefunden hätte. Um sie herum lief ein Hahn, der sich wie wild gebärdete, als sie näher kam.
“So etwas habe ich noch nie erlebt, Doktor Wiesner! Ich habe das Kind auf den Heuwagen geladen und der Hahn sprang mit hinauf. Nun kräht er wie ein Besessener und will ins Haus.”
Kopfschüttelnd schaute dieser nach draussen. Aber da war doch vor Wochen eine Geschichte, wo ein Mädchen verschwand mit einem Hahn, fiel ihm ein.
“Sag mal, wie heißt du denn, Kleine?” fragte er Susi.
“Ich sehe schon, du fürchtest dich, aber wir tun dir nichts. Du bist das Mädchen, das weggelaufen ist, wegen der Hühnerpest, oder?”
Susi nickte schwach.
Doktor Wiesner ließ sich den Kuchen schmecken, den ihm die Bäuerin reichte. Nachdem er den Kaffe getrunken hatte, fragte er sich, wie es nun weiter gehen sollte.
“Na, deine Eltern werden sich freuen, das es ihrem Kind so weit ganz gut geht. Ich denke, wir sollten sie anrufen. Hast du die Telefonnummer im Kopf?” fragte er Susi.
“Aber was wird aus Carlos? Wird er getötet?”
“Nein, er ist doch gesund. Du hast ihm das Leben gerettet.”

Nachdem Susi ihm die Telefonnummer gab, rief der Doktor die Eltern an. Diese waren überglücklich und machten sich sofort auf dem Weg, um Susi zu holen.
Der Doktor blieb noch und erklärte Susi, wie gefährlich es war, so zu handeln.
“Strenge Hygienevorschriften herrschen in den betroffenen Gebieten. Alles muß desinfiziert werden, alle Hühner müssen getötet werden, der Kot kann überall kleben, an Autoreifen und an Stiefeln kann er von Hof zu Hof getragen werden. Der Mensch kann aber nicht nur Überträger sein, er ist auch selbst gefährdet.
In dem Kot gibt es ganz viele Viren, und wenn man die einatmet, diese kleinen Partikel vom Kot, dann kann man sich infizieren oder wenn es in die Augen kommt. Folge kann eine Bindehautentzündung sein, dazu können Fieber und Husten kommen. Zum Glück aber hast du nur eine normale Sommergrippe, denn deinem Hahn fehlt nichts. Wo hast du dich denn aufgehalten die ganzen Wochen?”
Nun erzählte Susi alles ganz genau. Es ging ihr plötzlich wieder besser, ob das nur die Freude war, endlich wieder nach Hause zu können?
Als ihre Eltern kamen, nutze Carlos die Gelegenheit, sofort durch den Türspalt zu Susi zu kommen. Er flog wie ein zu groß gewordener Wellensittich direkt auf ihrer Schulter.
Doktor Wiesner und die alte Bäuerin konnten sich kaum halten vor lachen.Es wurde spät, als Susi mit den Eltern den Hof betraten. Traurig schaute Susi zum Hühnerstall.
Papa nahm sie in die Arme und sagte:
“Wenn dieser Virus erst einmal vorbei ist und nicht mehr in Deutschland grassiert, dann kaufen wir uns wieder Hühner. Vorerst aber muß Carlos alleine bleiben, aber den interessiert ja sowieso nur seine Susi.”
“Also wenn ich mich so recht erinnere, hatte ich mir die Ferien auch anders vorgestellt.” meinte Mama, “wenn du wieder gesund bist, dann mußt du uns dein Versteck zeigen.”Am nächsten Tag meldeten sich die Medien und auch die Zeitungen um über Susis Abenteuer zu berichten. Carlos krähte mal wieder mehr als sonst, denn schließlich war er doch die Hauptperson!
Als die Schule wieder begann, war Susi richtig berühmt und jeder wollte mit ihr befreundet sein, denn für sie war sie eine Heldin!

Paola Reinhardt

Paola Reinhardt

Paola Reinhardt, in Paderborn geboren und dort aufgewachsen, lebt in Bad Lippspringe. Während ihrer langjährigen Tätigkeit als Sekretärin (Uni Pb) schrieb sie schon früh kleinere Erzählungen und Gedichte, u. a. auch Manuskripte für den WDR-Kinderfunk. 1982 erschien die erste größere Kurzgeschichte (“in: “Für Sie”). Zahlreiche weitere folgten in unterschiedlichen Printmedien. Darüber hinaus Veröffentlichungen in Anthologien.

„Lilli“ ist ihr erster Roman (2004), mehr Informationen und Bestellmöglichkeit
“Nicht unter die Haut” ist ihr zweiter Roman (2006),
mehr Informationen und Bestellmöglichkeit

Kontakte:

http://paola-literatur.de/index.html

paola.reinhardt@gmx.de

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