Perronella verkauft ein Fass / Decameron, 16. Novelle

von Giovanni Boccaccio

Perronella verbirgt, indem ihr Mann nach Hause kommt, ihren Liebhaber in einem Fasse. Der Mann sagt ihr, er habe das Faß verkauft, und sie erwidert ihm, sie habe es an einen andern noch besser verkauft, der eben hineingekrochen sei, um zu versuchen, ob es wasserdicht sei. Darauf steigt der Liebhaber heraus, befiehlt dem Manne, das Faß rein zu liefern, und nimmt es mit nach Hause.

In Neapel – es ist noch nicht lange her – hatte ein armer Mann ein niedliches und lebhaftes Mädchen namens Perronella zur Frau genommen; er selbst brachte sich in seinem Handwerk als Maurer und sie mit Spinnen durch, wobei sie jedoch nur kümmerlich ihr Leben fristeten. Einst warf ein junger lockerer Gesell seine Augen auf Perronella, und sie gefiel ihm so sehr, daß er sich in sie verliebte und auf mancherlei Weise so lange um ihre Gegenliebe warb, bis sie ihm nachgab.

Da nun der Mann am Morgen in aller Herrgottsfrühe ausgehen mußte, um zu arbeiten oder Arbeit zu suchen, so ward zwischen ihnen verabredet, daß der Liebhaber in der Nähe aufpassensollte, wenn der Ehemann wegginge, um sich hernach ins Haus zu schleichen, und weil das Gäßchen, wo sie wohnte, es hieß Avorio, sehr wenig belebt war, wurde es ihnen leicht, auf diese Weise des öfteren zusammenzukommen.

Inzwischen traf es sich aber an einem Morgen, als der brave Maurer ausgegangen und der junge Gesell, der sich Giannello Strignario nannte, sich zu dem Weibchen ins Haus gestohlen hatte, daß der Mann, der sonst vor abends nicht wiederzukommen pflegte, sehr bald wieder zurückkehrte und, weil er die Tür verschlossen fand, anklopfte. Gott sei ewig Lob, dachte er bei sich selbst, der mich zwar in Armut leben läßt, aber mir doch ein zumeist tugendsames, ehrbares Weib beschert hat! Seht doch, wie sie den Augenblick, da ich kaum den Rücken wende, die Haustür verriegelt, damit sie keinen lästigen Besuch bekomme.

Perronella, die ihren Mann schon am Klopfen erkannte, rief: “Ach, Giannello, ich bin des Todes! Da führt der Teufel meinen Mann her, der sonst nie um diese Zeit heimzukommen pflegt. Ich begreife nicht, was das bedeutet; wenn er nur dich nicht etwa gesehen hat, wie du hereinkamst. Doch dem sei, wie ihm wolle, und so bitte ich dich, krieche in das Faß, das dort steht; ich will hingehen und ihm aufmachen und sehen, wie es zugeht, daß er so früh wieder nach Hause kommt.”

Giannello stieg geschwind in das Faß. Perronella öffnete hierauf ihrem Manne die Tür und sagte übelgelaunt zu ihm: “Was ist das für eine Neuerung, daß du diesen Morgen so früh wieder zurückkommst? Es hat schier den Anschein, als hättest du heute nicht Lust zu arbeiten, daß du so mit deinem Handwerkszeuge im Arm wieder da bist. Wenn’s so weitergeht, wovon sollen wir dann leben? Woher sollen wir Brot nehmen? Denkst du, daß ich es dulden werde, daß du mir meinen Rock und mein bißchen übrige Habseligkeit verpfändest? Da sitze ich Tag und Nacht und spinne mir die Haut von den Fingern, nur um das Lampenöl zu verdienen. Mann! Mann! Es ist keine Frau in der Nachbarschaft, die sich nicht darüber verwundert und darüber aufhält, daßich mir so viele Mühe gebe und mir’s so sauer werden lasse, und hier kommst du mir wieder und läßt die Arme hängen, da du arbeiten solltest?” Bei diesen Worten fing sie an bitterlich zu weinen und fuhr fort zu klagen: “Ach, ich armes, geschlagenes Weib! Ich bin in einer Unglücksstunde geboren! Wie weit ist es mit mir gekommen; da ich doch den feinsten Jüngling zum Manne hätte haben können und ihn nur darum ausschlug, daß ich mir diesen nähme, der es nicht zu schätzen weiß, welch ein Weib er an mir bekommen hat. Andere Weiber tun sich gütlich mit ihren Liebhabern, und es gibt nicht eine, die nicht ein paar oder noch mehrere hat und läßt sich’s wohl sein und macht ihrem Manne weis, daß es um Mitternacht heller Tag ist. Aber ich armes Weib habe nichts als Kummer und Verdruß, weil ich zu gut bin und nicht an dergleichen Sachen denke; und ich weiß wahrlich nicht, warum ich mir nicht, so gut wie andere das tun, ein paar Liebhaber anschaffe. Merke dir’s nur, Mann, wenn ich das tun wollte, so würde sich bald genug jemand finden; denn es gibt feine, artige junge Leute genug, die mich lieben und die mir gewogen sind, und haben mir viel Geld und Kleider, Kleinode und was ich sonst nur wünsche, anbieten lassen. Ich hab’s aber nie übers Herz bringen können, weil ich nicht so eine oder so einer Tochter bin; und nun kommst du nach Hause, statt deiner Arbeit nachzugehen!”

“Ei, Frau,” sprach der Mann, “laß dir doch um des Himmels willen nicht deswegen das Herz schwer werden. Du kannst mir glauben, daß ich weiß, wer du bist, und daß ich es gerade diesen Morgen erst wieder bemerkt habe. Ich bin allerdings aus dem Hause gegangen, um zu arbeiten; allein ich sehe wohl, du weißt’s ebensowenig, als ich daran dachte, daß heute Sankt-Galleons-Tag ist und daß nicht gearbeitet wird, und deswegen siehst du mich um diese Stunde wiederkommen. Nichtsdestoweniger habe ich dafür gesorgt und auch Mittel gefunden, daß wir auf einen Monat und länger Brot haben werden; denn ich habe diesem Mann, der hier mit mir gekommen ist, das leere Stückfaß verkauft, das uns schon seit langer Zeit im Wege stand. Er gibt mir fünf Gulden dafür.”

“Das ist mir eben leid genug”, sprach Perronella. “Du bist ein Mann und gehst an allen Orten aus und ein und solltest daher am besten von allem Bescheid wissen, und doch verkaufst du ein Faß für fünf Gulden, das ich, als ein Weib, das kaum über die Schwelle kommt, da ich sah, daß es nur im Wege ist, für sieben an einen Menschen verkauft habe, der in dem Augenblicke, da du nach Hause kamst, hineingestiegen ist, um zu sehen, ob es auch dicht sei.”

Der Mann war froh, dies zu hören. “Guter Freund,” sprach er zu dem, der mit ihm gekommen war, das Faß zu besichtigen, “nehmt’s nicht übel, Ihr hört wohl, meine Frau hat das Faß schon für sieben Gulden verkauft; wofür Ihr mir nur fünf geboten habt.”

“Ei, in Gottes Namen”, sprach der andere und ging seiner Wege.

“Komm jetzt her,” sprach Perronella zu ihrem Manne, “weil du doch hier bist und mach’ selbst die Sache mit ihm ab.”

Giannello, der beide Ohren gespitzt und gehorcht hatte, ob er etwas zu befürchten hätte oder sich sonst auf etwas gefaßt machen mußte, hörte kaum Perronellas Worte, als er geschwind aus dem Fasse sprang und sich stellte, als ob er nichts davon gemerkt hätte, daß der Mann gekommen war. “Wo seid Ihr, gute Frau?” sprach er.

“Ich bin hier. Was ist zu Dienst?” sprach der Mann, der hinzukam.

“Wer seid denn Ihr?” fragte Giannelllo. “Ich wollte die Frau sprechen, mit der ich über das Faß gehandelt habe.”

“Das könnt Ihr getrost mit mir abmachen, antwortete der andere, “denn ich bin ihr Ehemann.”

“Das Faß scheint dicht genug zu sein,” versetzte Giannello; “allein Ihr scheint Hefe dringehabt zu haben, denn es sitzt voll krustigem Weinstein, der sich mit den Nägeln nicht abkratzen läßt, und ehe es nicht rein ist, mag ich’s nicht haben..”

“Darum soll der Handel nicht zurückgehen”, sprach Perronella. “Mein Mann wird es schon reinmachen.” “Das versteht sich”, sagte der Mann, legte sein Handwerkszeug ab, zog sein Wams aus, ließ ein Licht anzünden, sich eine Trogscharre geben, stieg in das Faß und fing an es abzukratzen. Perronella lehnte sich mit dem halben Leibe oben über das Faß, das nicht allzu hoch war, als wolle sie ihm zusehen, steckte den einer Arm bis über die Schultern hinein und zeigte ihm bald hier, bald dort eine Stelle, die er noch putzen müßte. “Schau, hier ist auch noch etwas sitzengeblieben.” Und während sie in dieser Lage den Mann auf dies und jenes aufmerksam machte, fiel es Giannello, der am Morgen sein Verlangen nicht völlig befriedigt hatte, weil der Ehemann zu früh heimkam, ein, es zu löschen, so gut er vermochte, da er im Moment nicht konnte, wie er eigentlich wollte. Er trat an die Frau heran, die mit ihrem Leib die ganze Öffnung des Fasses verschlossen hielt, und brachte seine jugendliche Begierde zur Erfüllung in der Art, wie in den weiten Steppen die zügellosen, brünstigen Hengste die parthischen Stuten bespringen, und ward in dem Augenblick fertig, als das Faß fertig ausgeschabt war. Dann zog er sich zurück, Perronella zog den Kopf aus dem Faß, und der Mann kroch heraus.

“Da habt Ihr das Licht, guter Freund,” sprach Perronella zu Giannello; “seht nach, ob es Euch jetzt rein genug ist.” Giannello warf einen Blick hinein, sagte, es sei in Ordnung, bezahlte die sieben Gulden und ließ das Faß nach seinem Hause bringen.

Pietro arrangiert sich mit seiner Frau / Decameron, 14. Novelle

von Giovanni Boccaccio

Pietro di Vinciolo geht aus zum Abendessen. Seine Frau läßt unterdessen einen jungen Burschen zu sich kommen. Pietro kommt wieder nach Hause und entdeckt die Streiche seiner Frau; weil er aber selbst nicht besser ist als sie, so verträgt er sich mit ihr in Güte.

In Perugia wohnte einmal ein reicher Mann namens Pietro di Vinciolo, der vielleicht mehr in der Absicht, andern ein Blendwerk vorzumachen und die böse Meinung zu widerlegen, die jedermann in Perugia von ihm hatte, als aus Neigung eine Frau nahm. Das Schicksal führte ihm auch ein Weib zu, welches ein Seitenstück zu seinen eigenen bösen Begierden war; denn die Frau, die er sich wählte war ein derbes rothaariges Weibchen von so warmem Blute, daß sie lieber zwei Männer als einen genommen hätte, indes sie einen Mann an ihm bekam, der sich mehr um andere Dinge als darum bekümmerte, seiner Frau die Liebe zu geben, die sie beanspruchen durfte. Da sie dieses gewahr ward und sich selbst jung und hübsch, voll Kraft und Saft fühlte, so kam es ihr im Anfang sehr ungelegen und gab nicht selten Anlaß zu harten Worten und zu unangenehmen Auftritten zwischen ihr und ihrem Ehemann. Als sie aber fand, daß sie dadurch mehr aufgebracht als ihr Mann gebessert ward, dachte sie bei sich selbst: Der Nichtswürdige vernachlässigt mich, um in Holzpantinen durchs Trockne zu gehen; warum soll ichnicht ebensogut ins Wasser gehen? Ich habe ihn geheiratet und ihm eine große Mitgift zugebracht, weil ich glaubte, einen Mann an ihm zu finden, der das begehre, wonach die Männer begehren und begehren müssen. Wenn ich anders von ihm gedacht hätte, so würde ich ihn nicht genommen haben. Er wußte, daß er an mir ein Weib bekäme, und wenn ihm das nicht behagte, so hätte er mich können sitzen lassen, wenn er die Weiber nicht ausstehen kann. Das läßt sich nicht länger aushalten. Wenn ich nicht hätte wollen in der Welt leben, so wäre ich in ein Kloster gegangen; wenn ich aber, um das Leben zu genießen, da ich nun einmal lebe und leben will, solange warten wollte, bis ich bei diesem mein Glück und mein Vergnügen fände, so könnte ich grau darüber werden, und wenn ich alt würde, es zu spät bereuen, daß ich meine Jugend ungenutzt hätte verstreichen lassen. Er selbst zeigt mir den Weg, wo ich meinen Zeitvertreib suchen soll, und was ihm zur Schmach und Schande gereichen muß, das ist für mich noch eher erlaubt und schicklich, denn ich handle dann nur den Gesetzen, er aber ihnen und der natürlichen Ordnung zugleich zuwider.

Nachdem das Weibchen dieses mehr als einmal bei sich erwogen hatte, machte sie, um ihren Endzweck heimlich zu erreichen, Bekanntschaft mit einer alten Frau, die eine wahre heilige Verdiana zu sein schien, die die Schlangen aus der Hand füttert. Mit dem Rosenkranz in der Hand war sie bei allen Wallfahrten zugegen, sprach von nichts als von dem Leben der Heiligen oder von den Wunden des heiligen Franziskus und ward fast von jedermann selbst für eine Heilige gehalten. Dieser offenbarte sie bei einer Gelegenheit, die ihr günstig schien, ihr Anliegen ohne Rückhalt.

“Bei Gott, der alles weiß, mein Töchterchen,” sprach die Alte, “du hast wohl recht, und wenn du sonst keine Ursache dazu hättest, so ist’s doch von dir und von einem jeden jungen Weib wohlgetan, daß ihr eure Jugendzeit nicht verschleudert; denn nichts kann einen mehr schmerzen, wenn man’s recht betrachtet, als verlorene Zeit; und wozu, in Henkers Namen, sind wir weiter nütze, wenn wir alt werden, als daß wir die Asche in der Kohlenpfanne glimmend erhalten? Wenn das irgend jemand weiß und davon erzählen kann, so bin ich’s. Ich bin eine von denen, die jetzt im Alter, da mir’s nicht mehr helfen kann, mit schweren und bittern Gewissensbissen bedauern muß, daß ich die Zeit so verstreichen ließ; denn obwohl ich sie nicht gänzlich verloren habe (du kannst wohl denken, daß ich keine solche alberne Gans war!), so tat ich doch nicht alles, was ich hätte tun können, und wenn ich jetzt an die Vergangenheit denke, da, wie du siehst, keiner mehr bereit wäre, Feuer aus mir zu schlagen, so weiß der Himmel, wie es mich schmerzt. Mit den Männern ist es ganz was anderes; die sind zu allerhand anderen Dingen nütze, und überhaupt taugen die meisten im Alter mehr als in der Jugend. Wir Weiber aber taugen zu nichts als hierzu und Kinder zu gebären, und darum sucht man uns auch nur und geht uns nach. Und sähest du’s an nichts anderem, so könntest du es doch daraus entnehmen, daß wir Frauen zu jederzeit dazu bereit sind, die Männer aber nicht. Überdies bringtein Weib zehn Männer von Kräften, aber zehn Männer vermögen nicht, eine Frau mattzusetzen. Weil wir nun einmal zu diesem Endzweck geboren sind, was ich dir wohl, noch mit mehreren Gründen beweisen könnte, so sage ich dir noch einmal, vergilt deinem Manne Gleiches mit Gleichem, damit im Alter deine Seele dem Leibe keine Vorwürfe zu machen habe.

Man hat auf dieser Welt nichts als was man genießt, besonders haben die Frauen noch mehr Ursache als die Männer, ihre Zeit zu nützen; denn du siehst wohl, wenn wir alt werden, so kümmert sich weder unser Mann noch andere Leute mehr um uns, sondern man schickt uns in die Küche, um mit dem Kater uns zu unterhalten und Töpfe und Näpfe zu zählen, und sie machen noch wohl noch gar Gassenhauer auf uns und singen: ‘Für die jungen Weiber Liebe, für die alten Weiber Hiebe’. Doch um dich nicht aufzuhalten, Töchterchen, so will ich dir jetzt nur sagen, daß du niemand besser wählen konntest als mich, um dir nach Wunsch zu dienen; denn mir ist gewiß keiner zu fein, daß ich mich nicht unterstände, ihm zu sagen, was nötig ist, und keiner zu plump und ungeschliffen, daß ich ihn nicht abhobelte und ihn dazu brächte, was ich will. Sage mir nur, wer dir am besten gefällt, und laß mich handeln. Aber eines muß ich dir sagen, mein Töchterchen, du darfst mich nicht vergessen; ich bin ein armes Weib, und du sollst auch von nun an Teil haben an all meinen Gebeten und Wallfahrten, damit unser Herrgott deinen abgeschiedenen Verwandten Licht und Kerze beschere.”

Die Alte schwieg, und die junge Frau ward mit ihr handelseinig, indem sie ihr das Nötige überließ. Sie beschrieb ihr einen jungen Menschen, den sie oft in ihrer Straße gesehen hatte, gab ihr ein Stück Pökelfleisch und ließ sie gehen mit Gott. Nach einigen Tagen führte ihr die Alte den von ihr bezeichneten Jüngling heimlich zu, und von Zeit zu Zeit wieder andere, und das Weibchen ließ, bei aller Furcht vor ihrem Mann, keine einzige gute Gelegenheit unbenutzt vorbeigehen.

Einmal war ihr Mann des Abends bei einem seiner Freunde namens Ercolano zum Essen eingeladen; sie befahl demnach der Alten, ihr einen Jüngling, der einer der hübschesten und muntersten in Perugia war, zu bringen. Die Alte richtete den Auftrag pünktlich aus. Als sie sich eben mit dem jungen Menschen zu Tische setzen wollte, pochte unvermutet ihr Mann an die Haustür. Sie war vor Schrecken fast des Todes und suchte womöglich den Jüngling vor ihm zu verbergen. Weil sie sich auf keinen besseren Platz besann oder keinen andern hatte, so ließ sie ihn im Hausflur neben dem Zimmer, wo sie aßen, sich unter einem Hühnerkorb verstecken, der dort war, und warf den Überzug einer Matratze darüber, die sie an diesem Tage hatte lüften lassen, worauf sie geschwind ihrem Mann die Tür öffnete. “Nun,” rief sie ihm entgegen, “hast du dein Abendessen so schnell durch die Gurgel gejagt?”

“Ich habe noch keinen Bissen über die Zunge gebracht”, sprach Pietro.

“Wie wäre das wohl zugegangen?” fragte sie.

“Das will ich dir sagen”, antwortete Pietro. “Ercolano, seine Frau und ich hatten uns kaum zu Tische gesetzt, so hörten wir neben uns jemand niesen. Das erste und zweite Mal achteten wir nicht darauf; als aber der Niesende sich zum dritten, vierten und fünften Male hören ließ und gar nicht aufhörte zu niesen, da nahm es uns endlich wunder, und Ercolano, der schon über seine Frau gemurrt hatte, daß sie uns zu lange an der Tür hatte warten lassen, fuhr auf und schrie wütend: ‘Was ist das? Wer niest hier so?’

Damit stand er auf und lief einer Treppe zu, die nicht weit von uns war und unter welcher sich ein Bretterverschlag befand, um Sachen aus der Hand zu legen, wie man dergleichen zur Bequemlichkeit der Bewohner in manchen Häusern hat. Weil es ihm schien, daß das Niesen von dorther komme, so öffnete er den Verschlag, und es schlug ihm ein unleidlicher Schwefeldampf entgegen. Ich muß dir sagen, daß uns der Schwefelgeruch schon vorher beschwerlich geworden war, und wie wir uns darüber beklagten, sprach die Frau, sie hätte ihre Schleier geschwefelt, um sie weiß zu bleichen, und hätte die Schwefelpfanne unter die Treppe gesetzt, wovon es noch ein wenig röche. Als der Dampf sich etwas verzogen hatte, guckte Ercolano in den Verschlag hinein und wurde den gewahr, der geniest hatte und noch immerfort nieste, weil ihm der Schwefeldampf den Atem benommen und alles Niesens ungeachtet die Brust schon dermaßen beklemmt hatte, daß er einige Minuten später nicht mehr hätte niesen noch irgend etwas anderes tun können. Als ihn Ercolano gewahr ward, rief er: ‘Ha, Weib! Jetzt seh’ ich, warum wir solange vor der Tür haben warten müssen, ehe du uns aufmachtest; aber ich will nimmer froh werden, wo ich dir das nicht bezahle.’ Als die Frau diese Drohung hörte und fand, daß ihre Sünde ans Licht gekommen war, sprang sie vom Tische auf und lief Hals über Kopf von dannen, ohne an eine Entschuldigung zu denken, und ich weiß nicht, wohin sie gelaufen ist. Ercolano merkte nicht darauf, daß seine Frau sich aus dem Staube machte, sondern rief dem Niesenden immer lauter zu, er solle herauskommen; allein er mochte rufen, solange er wollte, so rührte sich jener nicht, weil er schon ohnmächtig geworden war. Ercolano schleppte ihn also bei den Füßen heraus und sprang schon nach einem Messer, um ihm vollends den Rest zu geben. Weil mir selbst aber vor der Polizei bange war, so eilte ich hinzu und wehrte ihm, daß er den Menschen um die Ecke brachte, noch ihm Schaden zufügte. Indem ich nun den Burschen verteidigte und einen Riesenspektakel machte, kamen auch die Nachbarn dazu. Diese nahmen den jungen Mann, der sich nicht widersetzen konnte, und führten ihn weg, ich weiß nicht wohin. Siehst du! So wurden wir um unsere Mahlzeit betrogen, und ich habe sie nicht nur nicht durch die Gurgel gejagt, sondern noch keinen Bissen zum Munde gebracht, wie ich dir vorhin sagte.”

Die Frau merkte aus dieser Geschichte, daß andere Weiber ebenso klug wären wie sie, obwohl es nicht immer bei allen glücklich damit abliefe, und sie hätte zwar gern der Frau des Ercolano das Wort geredet; weil sie aber glaubte, sich von ihren eigenen Fehlern um so eher weiß zu brennen, wenn sie fremde Sünden tadele so rief sie: “Schöne Geschichten sind das, die ich da höre! Das ist also das ehrbare fromme Weib; das ist die keusche, treue Ehefrau, die ich immer für so heilig gehalten habe, daß ich bei ihr hätte beichten mögen; und was noch am schlimmsten ist: es sind ihre Jugendjahre schon vorbei, und sie sollte anderen mit gutem Beispiel vorangehen. Verwünscht sei die Stunde, da sie geboren ward, und verwünscht jede Stunde, die sie noch lebt, das treulose, ehrvergessene Weib, diese ewige Schmach und Schande aller Weiber in der Stadt. Sie tritt so ihre Ehre, die Treue, die sie ihrem Mann gelobt hat, und die Achtung der Welt mit Füßen. Sollte sie sich nicht schämen, ihren braven Mann, einen der ehrenhaftesten Bürger, der ihr so gut begegnet, durch einen anderen beschimpfen zu lassen und sich selbst mit in Schande zu stürzen? Ich will vor Gott keine Gnade haben, wenn ein solches Weibsbild Barmherzigkeit verdient; man sollte sie umbringen; man sollte sie lebendig auf den Scheiterhaufen setzen und sie zu Asche verbrennen.”

In dem Augenblick fiel ihr ihr guter Freund ein, der nicht weit davon unter dem Hühnerkorb saß, und sie fand deswegen für gut, ihren Mann zu erinnern, daß es Zeit wäre, zu Bett zu gehen. Pietro, der mehr Lust hatte zu essen als zu schlafen, fragte sie, ob sie nicht etwas zum Abendessen bei der Hand hätte.

“Abendessen?” sprach sie. “Hat sich was mit dem Abendessen, wenn du nicht zu Hause bist! Glaubst du, ich bin so eine wie das Weib des Ercolano? Geh nur lieber zu Bett, das wird das beste sein.”

Von ungefähr waren desselben Abends einige Bauern von Pietros Landgut zur Stadt gekommen, die ihm Feldfrüchte gebracht und ihre Esel in einen Stall gezogen hatten, der an den Hausflur stieß, in welchem der junge Mensch saß. Da sie vergessen hatten, ihr Vieh zu tränken, so zog einer von den Eseln, den der Durst anwandelte, den Kopf aus der Halfter, ging aus dem Stalle heraus und schnüffelte allenthalben nach Wasser herum, und so kam er gerade an den Hühnerkorb, unter welchem der Jüngling verborgen lag. Weil dieser sich auf allen Vieren niederducken mußte, so ragten die Finger seiner einen Hand ein wenig unter dem Korbe hervor, und sein Glück oder sein Unglück, wie man es nehmen will, fügte es so, daß ihn der Esel darauftrat so daß er vor Schmerz laut aufschrie. Den Pietro nahm das gewaltig wunder, weil er merkte, daß die Stimme sich in seinem Hause hören ließ. Er ging also hinaus in die Kammer, und da der arme Schelm, dem der Esel die Fingerspitzen noch immer festklemmte, fortfuhr zu winseln, so rief er: “Wer da?”

Ging nach dem Hühnerkorbe, hob ihn auf und fand den jungen Menschen darunter, der außer dem Schmerz, den ihm der Tritt des Esels verursachte, auch noch vor Furcht zitterte, daß Pietro ihm übel mitspielen würde.

Als Pietro in ihm einen erkannte, dem er aus seiner lasterhaften Neigung heraus schon lange nachgestiegen war, fragte er ihn: “Wie kommst du hierher?”

Der Jüngling antwortete ihm aber nicht auf seine Frage, sondern bat ihn nur um Gottes willen, Barmherzigkeit mit ihm zu haben.

“Steh auf”, sprach Pietro, “und fürchte nichts von mir – aber sage mir aufrichtig, wie und warum du hierher gekommen bist.”

Der arme Junge beichtete ihm alles. Pietro war über den Fund ebenso froh, als seine Frau bekümmert war. Er führte den Jüngling bei der Hand in das Zimmer, wo seine Frau in größten Ängsten saß. Pietro setzte sich ihr gegenüber und sagte: “Du schimpftest ja eben erst so unbarmherzig auf die Frau des Ercolano und sagtest, man müsse sie verbrennen, weil sie euch allen zum Schandfleck gereiche; warum vergaßest du aber, dich selbst mit einzuschließen? Oder wenn du dazu keine Lust hattest, wie durftest du es dann wagen, so von ihr zu reden, da du doch wußtest, daß du selbst es nicht besser machtest? Dich bewog wahrlich nichts anderes als der Hang, der euch allen gemein ist, daß ihr gern die fremde Schuld zum Deckmantel eurer eigenen gebraucht. Möchte das Feuer vom Himmel fallen und euch alle verzehren, ihr Natterngezücht!”

Als die Frau merkte, daß die erste Hitze ihres Mannes in Scheltworten verdampfte, und daß er eben nicht so gar böse darüber war, einen hübschen Knaben bei ihr zu finden, gewann sie wieder Mut und sagte: “Ich glaube wohl, daß du das Feuer vom Himmel über uns herunter wünschest, weil du deine Frau so lieb hast, wie der Hund den Knüppel; aber beim Himmel, dein Wunsch wird dir nicht erfüllt werden! Doch ich möchte wohl wissen, worüber du dich so zu beklagen hast; denn es wäre wahrhaftig sehr artig von dir, wenn du mich mit der Frau des Ercolano über einen Kamm scheren wolltest, die ein altes, scheinheiliges Mensch ist und dennoch von ihrem Mann alles hat, was sie nur wünschen kann, und er ihr begegnet, wie es einer Frau gebührt. Aber ich armes Weib habe es nicht so gut; denn du gibst mir zwar Kleider und Schuhe, aber du weißt leider wohl, wie es um das übrige steht, und wie lange es her ist, daß du nicht mehr bei mir gelegen hast; da ich doch lieber barfuß und in Lumpen gehen möchte, wenn ich von dir nur im Bett gut behandelt würde, als alle schönen Sachen von der Welt haben und mir so von dir begegnen lassen muß, wie du mich behandelst. Denn ich muß dir’s nur geradeheraus sagen, Pietro, ich bin eine Frau, so gut wie jede andere, und habe dieselben Neigungen und Bedürfnisse wie andere Frauen, und wenn ich finde, daß du sie nicht befriedigst, so hast du keine Ursache zu schelten, wenn ich mich anderswo versorge. Zum wenigsten mache ich dir nicht die Schande, daß ich mich mit Straßenjungen oder mit liederlichen Lumpenkerlen abgebe.”

Pietro merkte wohl, daß seine Frau nicht leicht wieder aufhören würde, da ihr die Zunge einmal gelöst war. Weil er sich nun wenig aus ihr machte, so sprach er: “Schweige nur, Frau, ich will dich schon zufriedenstellen. Tue mir nur jetzt den Gefallen, uns etwas zu essen zu geben; denn ich denke, dieser Bursche hat wohl ebensowenig zu Nacht gegessen als ich selbst.”

“Freilich nicht,” sprach die Frau; “denn als dich der Unstern herführte, wollten wir uns eben zu Tische setzen und essen.”

“So spute dich nur,” sprach Pietro, “daß wir zu essen bekommen; ich will hernach schon alles so einrichten, daß du dich nicht sollst zu beklagen haben.”

Als sie ihren Mann besänftigt sah, erhob sie sich, ließ schnell den Tisch decken und das Essen auftragen, das schon früher hergerichtet war. Dann ließ sie es sich mit ihrem lasterhaften Mann und dem hübschen Knaben gutschmecken.

Wie Pietro nach dem Abendessen seine Einrichtung traf, um alle drei zufriedenzustellen, das ist nicht bekannt. Nur soviel weiß man, daß am nächsten Morgen der Junge, als er heimging, sich lange nicht darüber klar werden konnte, ob die Frau oder der Mann ihm eifriger Bescheid getan. Genug, es soll damit gesagt sein, daß ein jeder suche, Gleiches mit Gleichem zu vergelten, und wenn er’s nicht auf der Stelle tun kann, so warte er, bis die Gelegenheit kommt; denn wie man in den Wald ruft, so schallt es wieder heraus.

Masetto und die Nonnen / Decameron, 5. Novelle

von Giovanni Boccaccio

Masetto von Lamporecchio stellt sich dumm, wird Gärtner in einem Nonnenkloster, wo die Nönnchen eine nach der andern bei ihm liegen.

Es stand einmal und steht noch heute in unserer Gegend im Geruch der Heiligkeit ein Nonnenkloster, das ich aber, um seinem guten Leumund keinen Abbruch zu tun, nicht nennen will, woselbst vor nicht gar langer Zeit, als in ihm nicht mehr als acht Nonnen nebst ihrer Äbtissin, lauter junge Geschöpfe, sich befanden, ein braver Mann als Gärtner in Diensten stand, dem sein geringer Lohn nicht genügte; daher er mit dem Kastellan des Klosters abrechnete und nach Lamporecchio, wo er zu Hause war, zurückkehrte. Hier befand sich unter mehreren, die ihn bewillkommten, ein junger, starker, rüstiger Bauer, und zugleich ein recht hübscher Bursche für einen Bauersmann, namens Masetto, der ihn fragte, wo er so lange sich umhergetrieben hätte. Der gute Gärtner, der Nuto hieß, sagte es ihm, und Masetto fragte ihn darauf, was sein Amt im Kloster gewesen wäre.

Nuto antwortete: “Ich hatte den schönen, großen Garten zu bestellen, und überdies ging ich zuweilen in den Wald, um Holz zu holen, trug Wasser und verrichtete allerhand andere kleine Geschäfte; allein die Weiber bezahlten mich so schlecht, daß ich mir kaum die Schuhe konnte flicken lassen. überdies sind’s lauter junge Dinger, die, wie ich glaube, den Teufel im Leibe haben. Denn man kann ihnen nichts recht machen. Wenn ich bisweilen im Garten zu tun hatte, so kam die eine und sprach: ‘Setzt das dorthin’, die andere: ‘Setzt das dorthin’; wieder eine andere nahm mir die Hacke aus der Hand und fand bald dieses, bald jenes nicht recht gemacht. So schoren sie mich so lange, bis ich die Arbeit liegen ließ und davonging. Um dieser und anderer Ursachen willen wollte ich nicht bleiben, sondern nahm meinen Abschied. Der Kastellan bat mich zwar, als ich wegging, ich möcht’ ihm doch einen andern Arbeiter verschaffen, wenn es sich so treffe, und ich hab’ es ihm auch zugesagt; aber er kann lange warten, bis ich ihm jemand auftreibe und schicke.”

Als Masetto den Nuto so reden hörte, wandelte ihn eine große Lust an, bei den Nonnen zu dienen, weil er aus seinen Worten schloß, daß er wohl mit ihnen zurechtkommen würde. Weil er aber fürchtete, sein Plan möge scheitern, wenn er sich davon gegen Nuto etwas merken ließe, so sprach er zu ihm: “Ach, du hast recht getan, daß du weggegangen; denn was hat man davon, bei Weibern zu dienen? Lieber bei Teufeln. Sechsmal von sieben wissen sie selbst nicht, was sie wollen.” Sobald aber die Unterredung vorbei war, sann Masetto gleich auf ein Mittel, zu den Nonnen zu kommen. Da er sich tüchtig fühlte, alles zu verrichten, was Nuto getan hatte, so blieb ihm nur der einzige Zweifel übrig, daß man ihn vielleicht deswegen nicht annehmen würde, weil er zu jung und zu hübsch wäre. Nach langem Hin- und Hersinnen dachte er endlich: Das Kloster ist ziemlich weit von hier, und niemand kennt mich da; wenn ich mich stelle, als wenn ich stumm wäre, so nimmt man mich sicherlich. In dieser Hoffnung warf er seine Axt auf die Schulter und wanderte, ohne jemand ein Wort zu sagen, in ärmlicher Kleidung nach dem Kloster, ging hinein und fand zufälligerweise den Kastellan im Hofe, den er nach der Art der Stummen durch Gebärden um etwas zu essen bat und ihm zu verstehen gab, daß er dafür, wenn es verlangt würde, Holz hacken wolle. Der Kastellan gab ihm gerne zu essen und wies ihm darauf einige Klötze an, mit denen Nuto nicht fertiggeworden war, die aber Masetto, als ein kraftvoller Bursche, in kurzer Zeit klein kriegte. Der Kastellan nahm ihn darauf mit sich in den Wald, ließ ihn Holz fällen und machte ihm durch Gebärden verständlich, einen Esel, den er ihm vorführte, damit zu beladen und nach dem Kloster zu treiben. Masetto richtete alles gehörig aus, und weil im Kloster noch manches zu erledigen war, so behielt der Kastellan ihn noch einige Tage bei sich im Hause, wo ihn eines Tages von ungefähr die Äbtissin bemerkte und den Kastellan fragte, wer der Mensch wäre.

“Madonna,” sprach der Kastellan, “es ist ein armer Taubstummer, der hier vor einigen Tagen um Almosen bettelte. Ich habe ihn verpflegt und ihn dafür allerhand notwendige Arbeit verrichten lassen. Wenn er es verstände, im Garten zu arbeiten, und er wollte hier bleiben, so glaube ich, wir würden gut mit ihm bedient sein, denn wir brauchen einen Gärtner; der Bursch ist rüstig, und man könnte mit ihm machen, was man wollte, ohne zu besorgen, daß er mit Euren Nonnen scharmuziere.”

“Du hast wahrlich nicht unrecht”, sprach die Äbtissin. “Sieh zu, ob er sich zu der Arbeit schickt, und gib dir Mühe, ihn hierzubehalten. Schenk ihm ein Paar Schuhe und einen alten Rock, schmier ihm Honig um den Bart und gib ihm gut zu essen.”

Der Kastellan versprach es, und Masetto, der nicht weit von ihnen war und sich stellte, als ob er den Hof kehrte, hörte die Unterredung mit an und dachte: “Wenn ihr mich nur ins Haus nehmt, so will ich euch euren Garten bearbeiten, wie er in eurem Leben nicht ist bearbeitet worden.” Da ihn nun der Kastellan zur Arbeit tüchtig fand und durch Zeichen und Gebärden von ihm verstanden hatte, daß er bereit wäre, alles zu tun, was man von ihm verlangte, nahm er ihn an, zeigte ihm, daß er den Garten bestellen und was er dabei machen sollte, und ließ ihn darauf bei seiner Arbeit, um seine eigenen Geschäfte im Kloster zu besorgen.

Als Masetto nun täglich im Kloster arbeitete, fingen die Nönnchen bald an, ihn bei seiner Arbeit zu necken, ihm allerhand kleine Streiche zu spielen, wie die Leute den Stummen wohl zu tun pflegen, und ihm die leichtfertigsten Worte von der Welt zu sagen, weil sie glaubten, er verstände sie nicht. Die Äbtissin bekümmerte sich wenig oder nicht darum, denn sie glaubte vielleicht, ihm fehle etwas anderes geradeso als die Sprache.

Wie er nun eines Tages sich abgerackert und sich niedergelegt hatte, um auszuruhen, nahten sich zwei junge Nonnen, und weil er sich stellte, als wenn er schliefe, fingen sie an, ihn zu betrachten, und die eine, die etwas dreister war als die andere, sprach zur anderen: “Wenn ich mich auf dich verlassen könnte, so wollte ich dir einen Gedanken anvertrauen, der mir schon oft eingefallen ist, und der vielleicht dir selbst mit zustatten kommen könnte.”

“Sag’s nur getrost,” sprach die andere, “von mir soll keine Seele etwas erfahren.”

“Ich weiß nicht,” versetzte jene, “ob du schon darüber nachgesonnen hast, wie strenge man uns hier hält. Kein männliches Wesen darf zu uns hereinkommen, außer unserem Klosterverwalter, der ein Greis ist, und diesem Stummen. Und ich habe doch von manchen Frauen, die uns besuchen, gehört, daß alle Wonnen der Welt nichts sind gegen die, die das Weib beim Manne genießt. Weil ich das nun sonst nirgends erfahren kann, so ist mir schon oft eingefallen, mit diesem Stummen zu probieren, ob es wirklich wahr sei. Er eignet sich besser als jeder andere Mann dazu, denn er muß verschwiegen sein wie das Grab, ob er nun will oder nicht. Du siehst, er ist ein großer einfältiger Bengel, der länger ist als sein Verstand. Nun möchte ich gern hören, was du davon hältst?” “Herrjemine, was sprichst du!” sagte die andere. “Weißt du denn nicht, daß wir unsere Jungfräulichkeit dem lieben Herrgott gelobt haben?”

“Ei was!” versetzte jene. “Wie viele Dinge werden ihm nicht alle Tage gelobt, die niemand hält? Wenn wir sie ihm gelobt haben, so wird sich schon die eine oder andere finden, von der er sie als Ersatz der unseren erhält.”

“Aber wenn die Sache nun Folgen hätte?”

“Du denkst an die Folgen, ehe sie da sind”, sprach die erste wieder. “Kommt Zeit, kommt Rat, und es gibt tausend Mittel, es zu verheimlichen, wenn wir uns selbst nicht verplappern.”

Die andere, die ohnehin schon mehr als ihre Gespielin begierig war, zu erfahren, was der Mann für ein Tier wäre, fragte jene, wie sie’s denn anfangen wollten.

“Du siehst,” sprach jene, “es geht gegen drei Uhr nachmittags, und ich glaube, daß außer uns schon alle Schwestern schlafen. Laß uns indessen wohl zusehen, ob noch jemand im Garten ist, und wenn wir niemand finden, was haben wir dann weiter zu tun, als daß wir den Burschen bei der Hand nehmen und mit ihm hier in die Hütte gehen, wo man vor dem Regen untertritt? Solange die eine mit ihm drinnen ist, muß die andere Schildwache halten. Er ist so einfältig, daß wir mit ihm machen können, was wir wollen.”

Masetto hörte ihre ganze Verabredung, und mit dem besten Willen zu gehorchen, wartete er, daß ihn eine von den beiden abholte. Als sie sich aufmerksam umgesehen hatten und fanden, daß niemand sie belauschen könnte, nahte sich ihm diejenige, welche zuerst den Vorschlag gemacht hatte, und weckte ihn. Er stand auf; sie nahm ihn liebkosend bei der Hand, und einfältig lachend ließ er sich nach der Hütte führen, wo er sich nicht lange bitten ließ, zu tun, was man von ihm begehrte. Sobald er die Wünsche der einen befriedigt hatte, machte sie als treue Schwester ihrer Gespielin Platz, und Masetto stellte auch diese zufrieden und spielte dabei immer die Rolle des Blödsinnigen. Die Nönnchen ließen es nicht bei diesem ersten Versuche, die Reitkunst des Stummen zu erproben, bewenden und gestanden einander im Vertrauen, man habe ihnen nicht zuviel davon gerühmt. Sie wußten sich demnach günstige Stunden auch ferner zunutze zu machen, um sich mit dem Stummen die Zeit lüstern und lustig zu vertreiben.

Einmal begab es sich, daß eine von den anderen Nonnen aus dem Fenster ihrer Zelle den Handel gewahr ward und noch zwei anderen zeigte, was vorging. Sie dachten zuerst daran, der Äbtissin alles zu verraten. Doch besannen sie sich eines Bessern und beackerten mit ihren beiden Gespielinnen gemeinsam Masettos Acker. Durch Zufall wurden auch die drei übrigen Nonnen Teilnehmerinnen an dem Geheimnis, so daß nur noch die Äbtissin die einzige war, die nichts davon wußte. Indem nun diese einmal, wie es schwül war, allein im Garten wandelte, fand sie Masetto, den die Reitübungen der Nacht mehr als die Arbeiten des Tages ermüdet hatten, unter einem Mandelbaume liegen. Der Wind hatte ihm die leichten Kleider vorne ganz zurückgeweht, so daß er bloß dalag und die Äbtissin, die sich allein befand, einiges sehen ließ, das in ihr die gleichen Begierden weckte, die ihre Nonnen überfallen hatten. Sie weckte den Schläfer, nahm ihn mit in ihre Zelle und ließ ihn in einigen Tagen nicht von sich; zum nicht geringen Verdruß der Nonnen, die sich sehr beklagten, daß der Gärtner nicht kam und ihren Garten begoß. Die Äbtissin überließ sich unterdessen dem Vergnügen, welches sie vielleicht oft an anderen getadelt hatte. Endlich beurlaubte sie den Gärtner, und er ging wieder nach seiner Hütte. Weil sie ihn jedoch oft und oft zu ihrer Lust wiederkommen hieß und mehr als ihren billigen Anteil von ihm verlangte, besorgte Masetto, dem es auf die Dauer unmöglich war, so viele Frauen gleichzeitig zu befriedigen, sein Verstummen möchte ihm in der Länge teuer zu stehen kommen. Er fand demnach für gut, wie er an einem Abend bei der Äbtissin lag, sich den Zungenriemen zu lösen, und sagte: “Madonna, man pflegt zu sagen, ein Hahn sei genug für zehn Hühner, aber zehn Männer kaum für ein Weib; wie soll ich es denn aushalten, da ich hier neunen dienen muß? Ich bin durch das, was ich bisher geleistet habe, ganz heruntergekommen. Ich kann weder wenig noch viel mehr leisten. Haltet Maß, setzt der Sache ein Ziel oder laßt mich in Gottes Namen ziehen.”

Die Äbtissin erstaunte, da sie den vermeinten Taubstummen reden hörte. “Was ist das?” rief sie. “Ich dachte, du wärest stumm?”

“Das war ich auch,” sprach Masetto, “aber nicht von Natur, sondern eine Krankheit hatte mich der Sprache beraubt; und erst heute habe ich, dem Himmel sei Dank, sie wiedererhalten.”

Sie glaubte ihm und fragte, was er damit sagen wolle, daß er neunen dienen müßte. Masetto erzählte ihr alles und nun ward die Äbtissin gewahr, daß sie keine Nonne in ihrem Kloster hatte, die nicht viel gescheiter war als sie selbst. Sie faßte demnach den klugen Entschluß, sich mit ihren Nonnen und mit Masetto so abzufinden, daß dem Kloster kein Schimpf daraus erwüchse. Weil um dieselbe Zeit ihr alter Kastellan gestorben war, kamen sie überein, nachdem sie einander alles, was sich unter ihnen zugetragen, gebeichtet hatten, ihr Einverständnis mit Masetto den Leuten der Umgegend vorzureden, durch ihr Gebet und die Hilfe der Heiligen, nach dem das Kloster benannt war, hätte der taubstumme Masetto Gehör und Sprache wiedergewonnen. Sie machten ihn zu ihrem Kastellan und führten seine Pflichten auf ein erträgliches Maß zurück. Obwohl er auf diese Art manchen kleinen Mönch erzeugte, so hatte doch die Sache im stillen ihren Fortgang, bis erst nach dem Tode der Äbtissin etwas davon ruchbar wurde. Damals war Masetto schon alt, und es wandelte ihn die Lust des Alters an, mit dem erworbenen Reichtum in die Heimat zurückzukehren. Sein Wunsch wurde ihm gewährt. So kehrte Masetto betagt und reich und Vater von Kindern, mit denen er weder Mühe noch Kosten gehabt hatte, in die Heimat zurück, von der er, ein Beil auf dem Buckel, ausgegangen war, und erzählte jedem, der es hören oder nicht hören wollte, so verfahre Christus mit denen, die ihm Hörner aufsetzen.

Rumpelstilzchen

von Brüder Grimm

Es war einmal ein Müller, der war arm, aber er hatte eine schöne Tochter. Nun traf es sich, daß er mit dem König zu sprechen kam, und zu ihm sagte “ich habe eine Tochter, die kann Stroh zu Gold spinnen”. Dem König, der das Gold lieb hatte, gefiel die Kunst gar wohl, und er befahl die Müllerstochter sollte alsbald vor ihn gebracht werden. Dann führte er sie in eine Kammer, die ganz voll Stroh war, gab ihr Rad und Haspel, und sprach “wenn du diese Nacht durch bis morgen früh dieses Stroh nicht zu Gold versponnen hast, so mußt du sterben”. Darauf ward die Kammer verschlossen, und sie blieb allein darin.

Da saß nun die arme Müllerstochter, und wußte um ihr Leben keinen Rat, denn sie verstand gar nichts davon, wie das Stroh zu Gold zu spinnen war, und ihre Angst ward immer größer, daß sie endlich zu weinen anfing. Da ging auf einmal die Türe auf, und trat ein kleines Männchen herein und sprach “guten Abend, Jungfer Müllerin, warum weint sie so sehr?” “Ach”, antwortete das Mädchen, “ich soll Stroh zu Gold spinnen, und verstehe das nicht.” Sprach das Männchen “was gibst du mir, wenn ich dirs spinne?” “Mein Halsband” sagte das Mädchen. Das Männchen nahm das Halsband, setzte sich vor das Rädchen, und schnurr, schnurr, schnurr, dreimal gezogen, war die Spule voll. Dann steckte es eine andere auf, und schnurr, schnurr, schnurr, dreimal gezogen, war auch die zweite voll: und so gings fort bis zum Morgen, da war alles Stroh versponnen, und alle Spulen waren voll Gold. Als der König kam und nachsah, da erstaunte er und freute sich, aber sein Herz wurde nur noch begieriger, und er ließ die Müllerstochter in eine andere Kammer voll Stroh bringen, die noch viel größer war, und befahl ihr das auch in einer Nacht zu spinnen, wenn ihr das Leben lieb wäre. Das Mädchen wußte sich nicht zu helfen und weinte, da ging abermals die Türe auf, und das kleine Männchen kam und sprach “was gibst du mir wenn ich dir das Stroh zu Gold spinne?<~ “Meinen Ring von dem Finger” antwortete das Mädchen. Das Männchen nahm den Ring, und fing wieder an zu schnurren mit dem Rade, und hatte bis zum Morgen alles Stroh zu glänzendem Gold gesponnen. Der König freute sich über die Maßen bei dem Anblick, war aber noch immer nicht Goldes satt, sondern ließ die Müllerstochter in eine noch größere Kammer voll Stroh bringen und sprach “die mußt du noch in dieser Nacht verspinnen; wenn dir das gelingt, sollst du meine Gemahlin werden”. “Denn”, dachte er, “eine reichere Frau kannst du auf der Welt nicht haben.” Als das Mädchen allein war, kam das Männlein zum drittenmal wieder, und sprach was gibst du mir, wenn ich dir noch diesmal das Stroh spinne?” “Ich habe nichts mehr, das ich geben könnte” antwortete das Mädchen. “So versprich mir, wann du Königin wirst, dein erstes Kind.” “Wer weiß wie das noch geht” dachte die Müllerstochter, und wußte sich auch in der Not nicht anders zu helfen, und versprach dem Männchen was es verlangte; dafür spann das Männchen noch einmal das Stroh zu Gold. Und als am Morgen der König kam, und alles fand wie er gewünscht hatte, so hielt er Hochzeit mit ihr, und die schöne Müllerstochter ward eine Königin.

Über ein Jahr brachte sie ein schönes Kind zur Welt, und dachte gar nicht mehr an das Männchen, da trat es in ihre Kammer und sprach “nun gib mir, was du versprochen hast”. Die Königin erschrak, und bot dem Männchen alle Reichtümer des Königreichs an, wenn es ihr das Kind lassen wollte, aber das Männchen sprach ))nein, etwas Lebendes ist mir lieber als alle Schätze der Welt~. Da fing die Königin so an zu jammern und zu weinen, daß das Männchen Mitleiden mit ihr hatte, und sprach “drei Tage will ich dir Zeit lassen, wenn du bis dahin meinen Namen weißt, so sollst du dein Kind behalten”.

Nun dachte die Königin die ganze Nacht über an alle Namen, die sie jemals gehört hatte, und schickte einen Boten über Land, der sollte sich erkundigen weit und breit nach neuen Namen. Als am andern Tag das Männchen kam, fing sie an mit Caspar, Melchior, Balzer, und sagte alle Namen, die sie wußte, nach der Reihe her, aber bei jedem sprach das Männlein “so heiß ich nicht” Den zweiten Tag ließ sie herumfragen bei allen Leuten, und sagte dem Männlein die ungewöhnlichsten und seltsamsten vor, Rippenbiest, Hammelswade, Schnürbein, aber es blieb dabei “so heiß ich nicht” Den dritten Tag kam der Bote wieder zurück, und erzählte “neue Namen habe ich keinen einzigen finden können, aber wie ich an einen hohen Burg um die Waldecke kam, wo Fuchs und Has sich gute Nacht sagen, so sah ich da ein kleines Haus, und vor dem Haus brannte ein Feuer, und um das Feuer sprang ein gar zu lächerliches Männchen, hüpfte auf einem Bein, und schrie
“heute back ich, morgen brau ich,
übermorgen hol ich der Königin ihr Kind;
ach, wie gut ist daß niemand weiß
daß ich Rumpelstilzchen heiß!”

Da war die Königin ganz froh daß sie den Namen wußte, und als bald hernach das Männlein kam, und sprach “nun, Frau Königin, wie heiß ich?” fragte sie erst “heißest du Kunz?” “Nein.” “Heißest du Heinz?” “Nein.”
“Heißt du etwa Rumpelstilzchen?”

“Das hat dir der Teufel gesagt, das hat dir der Teufel gesagt” schrie das Männlein, und stieß mit dem rechten Fuß vor Zorn so tief in die Erde daß es bis an den Leib hineinfuhr, dann packte es in seiner Wut den linken Fuß mit beiden Händen, und riß sich selbst mitten entzwei.

Madame Baptiste

von Guy de Maupassant

Als ich in den Wartesaal zu Loubain trat, galt mein erster Blick der Uhr. Ich mußte zwei Stunden zehn Minuten auf den Schnellzug nach Paris warten.

Plötzlich fühlte ich mich so müde, als hätte ich einen zehn Meilen langen Fußmarsch hinter mir; dann blickte ich umher, als könnte ich an den Wänden ein Mittel ausfindig machen, um die Zeit totzuschlagen; dann ging ich wieder hinaus und blieb vor der Bahnhofstür stehen, während ich hin und her überlegte, was ich anfangen sollte.

Die Straße, eine Art Allee von mageren Akazienbäumen, zwischen zwei Reihen ungleichmäßiger, verschieden hoher Häuser, richtiger Kleinstadthäuser, stieg einen Hügel hinauf, und ganz in der Ferne waren Bäume zu sehen, als schließe ein Park sie ab. Von Zeit zu Zeit lief eine Katze über den Fahrdamm und trat behutsam über die Rinnsteine. Ein eilfertiger Köter schnüffelte an allen Bäumen herum und suchte nach Küchenabfällen. Kein Mensch war zu sehen.

Mich überkam eine düstere, mutlose Verstimmung. Was sollte ich anfangen? Was sollte ich anfangen? Schon malte ich mir aus, wie ich endlos lange und jeder andern Möglichkeit beraubt in dem kleinen Bahnhofscafe sitzen würde, vor mir ein ungenießbares Glas Bier und das unlesbare Lokalblatt, als ich einen Leichenzug gewahrte, der aus einer Seitenstraße in die Straße einbog, wo ich mich befand.

Der Anblick des Leichenwagens hatte etwas Tröstliches für mich. Auf diese Weise hatte ich wenigstens zehn Minuten gewonnen. Aber plötzlich steigerte sich meine Aufmerksamkeit. Das Gefolge bestand lediglich aus acht Herren, von denen einer weinte. Die andern plauderten freundschaftlich miteinander. Kein Prie ster folgte dem Sarge. Ich dachte: ,Also ein Zivilbegräbnis’, und dann überlegte ich, daß es in einer Stadt wie Loubain doch wenigstens an die hundert Freidenker geben müsse, die es sich zur Pflicht gemacht hätten, bei dieser Gelegenheit ihre Arnschauungen öffentlich kundzutun. Warum waren sie nicht erschienen? Die Eile, mit der sich der Trauerzug fortbewegte, sagte hinlänglich deutlich, daß der Tote ohne jede Feierlichkeit und demgemäß ohne kirchlichen Beistand bestattet werden sollte.

Meine müßige Neugier erging sich in den kompliziertesten Vermutungen, und gerade als der Leichenwagen an mir vorüberfuhr, überkam mich der absonderliche Wunsch, mich den acht Herren anzuschließen. Dann hatte ich wenigstens für eine Stunde eine Beschäftigung, und so setzte ich mich in Marsch, mit trauriger Miene, und ging hinter den andern her.

Die beiden letzten schauten sich erstaunt um und sprachen dann Ieise miteinander. Wahrscheinlich fragten sie sich, ob ich ein hiesiger sei. Dann besprachen sie sich mit den beiden, die vor ibnen gingen, und diese schauten sich ihrerseits nach mir um. Es war mir lästig, daß ich derrnaßen forschend betrachtet wurde, und um dem ein Ende zu machen, trat ich an meine Nachbarn heran. Ich grüßte und sagte: „Ich bitte um Entschuldigung, wenn ich Ihre Unterhaltung störe. Aber als ich dies Zivilbegräbnis sah, habe ich mich gedrängt gefühlt, ihm zu folgen, ohne übrigens den Toten zu kennen,
dem Sie das Geleit geben.” Einer der Herren sagte: „Es ist eine Tote.” Uberrascht fragte ich: „Aber es ist doch ein Zivilbegräbnis, nicht wahr?”

Der andere Herr, der mich augenscheinlich aufzuklären wünschte, ergriff das Wort: „Ja und nein. Die Geistlichkeit hat uns das Betreten der Kirche verboten.” Nun stieß ich ein verblüfftes: „Ach nein?” aus. Ich begriff nicht das mindeste.

Mein liebenswürdiger Nachbar vertraute mir leise an: „Oh, das ist eine lange Geschichte. Die junge Frau hat Selbstmord begangen, und deswegen kann sie nicht kirchlich begraben werden. Der erste da vorn, der weint, das ist ihr Mann.”

Da brachte ich zögernd hervor: „Was Sie da sagen, wundert und interessiert mich sehr. Würde es indiskret sein, wenn ich Sie bäte, mir die Geschichte zu erzählen? Wenn es Ihnen unangenehm ist, so nehmen Sie an, ich hätte nichts gesagt.”

Der Herr ergriffvertraulich meinen Arm. „Aber durchaus nicht, durchaus nicht. Kommen Sie, wir wollen ein paar Schritte zurückbleiben. Ich will es Ihnen erzählen; es ist sehr traurig. Wir haben Zeit genug, bis wir auf dem Friedhof sind, dessen Bäume Sie dort oben sehen; der Weg ist recht steil.”

Und er begann: „Sie müssen wissen, daß die junge Frau, Madame Paul Hamot, die Tochter eines wohlhabenden Kaufmannes aus unserer Stadt gewesen ist; Fontanelle heißt er. Als Kind, als sie elf war, ist ihr etwas Schreckliches zugestoßen; ein Diener hat sie mißbraucht. Sie ist davon tadkrank geworden; durch seine Brutalität hat der Lump sich selbst verraten. Es fand ein schauderhafter Prozeß statt, durch den ans Licht kam, daß das amme Wesen drei Monate lang das Opfer der schamlosen Lüste dieses Rohlings gewesen ist. Der Mensch ist zu lebenslänglicher Zwangsarbeit verurteilt worden.

„Die Kleine wuchs heran, mit einem Schandmal gezeichnet, einsam, ohne Spielgefährten, kaum daß die Erwachsenen sie einmal streichelten; sie glaubten, sie würden sich die Lippen besudeln, wenn sie sie auf die Stim küßten.

„Sie war für die Stadt eine Art Ungeheuer, eine Sehenswürdigkeit geworden. Man flüsterte einander zu: ,Sie wissen ja, die kleine Fontanelle. . .’ Auf der Straße drehten sich alle um, wenn sie vorbeiging. Es fanden sich nicht einmal Kindemwädchen, die mit ihr spazieren gingen, da die Dienstboten anderer Familien sich ängstlich abseits hielten, als ob von dem Kinde eine Ansteckung ausgehe, die allen gefährlich werden könne, die mit ihm in Berührung kämen.

„Es war ein Jammer, die amme Kleine auf den Spielplätzen zu beobachten, wo die Kinder alle Nachmittage sich tummelten. Sie blieb ganz allein; sie stand neben ihrer Kinderfrau und blickte traurig nach den andern hin, die miteinander lustig waren. Manchmal wurde das Verlangen, sich den Kindem zuzugesellen, unwiderstehlich in ihr, und dann ging sie schüchtern auf sie zu, mit furchtsamen Bewegungen, und trat zögernd an eine Gruppe heran, als sei sie sich ihrer Unwürdigkeit bewußt. Und auf der Stelle kamen von allen Bänken her die Mütter, die Kindermädchen, die Tanten gelaufen, ergriffen die ihrer Obhut anvertrauten Mädchen bei der Hand und zogen sie ungestüm weg. Die kleine Fontanelle stand wieder allein, bestürzt und verständnislos; und sie fing an zu weinen, aus kummerschwerem Herzen. Dann lief sie weg und verbarg schluchzend das Gesicht in der Schürze ihrer Kinderfrau.

„Sie wuchs heran; und es wurde immer schlimmer. Man hielt die jungen Mädchen von ihr fern, als habe sie die Pest. Bedenken Sie, daß das junge Ding nichts mehr zu lemen hatte, nichts: daß sie kein Anrecht auf den sinnbildlichen Orangenblütenkranz llatte; daß ihr, fast bevor sie lesen konnte, das furchtbare Geheimnis zuteil geworden war, das die Mütter unter Zittem und Beben erst am Hochzeitsabend den Töchtern zag andeuten.

„Wenn sie über die Straße ging, in Begleitung ihrer Erzieherin, als bedürfe sie steter Obhut in Anbetracht der unaufhörlichen Furcht vor einem neuen schrecklichen Abenteuer, wenn sie über die Straße ging, immer mit niedergeschlagenen Augen, als fühle sie eine geheimnisvolle Scham auf sich lasten, tuschelten die andern jungen Mädchen, die weniger nalv sind als man glauben sollte, miteinander, warfen ihr tückische Blicke zu, kicherten in sich hinein und wandten rasch mit erheuchelter Unbefangenheit den Kopf weg, wenn sie sie zufällig ansah.

Kaum jemals wurde sie gegrüßt. Nur ein paar Herren nahmen vor ihr den Hut ab. Die Mütter taten, als hätten sie sie nicht gesehen. Ein paar Witzbolde nannten sie ,Madame Baptiste’; so hieß nämlich der Diener, der sie geschändet und zugrunde gerichtet hatte.

„Um die heimlichen Qualen ihrer Seele wußte niemand, denn sie sprach fast nie und lachte überhaupt nicht. Selbst ihre Eltern schienen ihr gegenüber befangen zu sein, als trügen sie ihr in allc Ewigkeit einen Fehltritt nach, der nicht wieder gutzumachen war.

„Ein anständiger Mensch gibt einem entlassenen Zuchthäusler nur ungern die Hand, nicht wahr?“ Auch wenn dieser Zuchthausler sein eigener Sohn ist. Monsieur und Madame Fontanelle verhielten sich ihrer Tochter gegenüber, wie sie es einem aus dem Zuchtbaus entlassenen Sohn gegenüber getan hätten.

„Sie war hübsch, blaß, schlank, zierlich, vornehm. Sie hätte mir schon getallen, ohne diese Geschichte.

„Als wir nun einen neuen Unterpräfekten bekamen, das ist jetzt andertbalb Jahre her, da brachte er seinen Privatsekretär mit, einen komischen Kerl, der im Quartier Latin ein lockeres Leben gefuhrt hatte, wie es schien.

„Er sah Mademoiselle Fontanelle und verliebte sich in sie. Er wurde aufgeklärt. Er begnügte sich, zu antworten: ,Bah, gerade das ist eine Garantie für die Zukunft. Mir ist es lieber, wenn so etwas vorher geschehen ist, als daß es nachher geschieht. Wenn ich solch eine Frau habe, kann ich ruhig schlafen.’

„Er machte ihr den Hof, bat um ihre Hand und heiratete sie. Und da er einigermaßen unverfroren war, machte er Besuche, als sei nicht das mindeste vorgefallen. Ein paar Leute erwiderten sie; andere versteiften sich darauf, es nicht zu tun. Schließlich jedoch fing man an, zu vergessen, und sie fand ihren Platz in der Gesellschaft.

„Ich muß erwähnen, daß sie zu ihrem Manne aufblickte wie zu einem Gott. Bedenken Sie, daß er ihr die Ehre wiedergegeben, daß er sie in eine Welt der Ordnung eingeführt, daß er der öffentlichen Meinung getrotzt und sie besiegt, daß er Schmähungen die Stirn geboten, daß er, mit einem Worte, einen Mut bewiesen hatte, wie ihn nur wenige Männer aufgebracht hätten. Sie empfand für ihn eine heiße und scheue Leidenschaft.

„Sie wurde Mutter, und als das bekannt wurde, öffneten ihr auch die Empfindlichsten die Türen, als sei sie durch die Mutterschaft endgültig gereinigt worden. Das ist seltsam, aber es ist nun einmal so. . .

„Alles ließ sich also aufs beste an, bis wir neulich hier in der Stadt das Patronatsfest feierten. Der Präfekt, umgeben von seinem Gefolge und den Honoratioren, führte den Vorsitz beim Preissingen der Gesangvereine; er hatte seine Rede gehalten, und nun begann die Preisverteilung; sein Privatsekretär, Paul Hamot, händigte die Preise den Empfängern aus.

„Sie wissen, daß sich bei dergleichen Gelegenheiten stets Eifersüchteleien und Rivalitäten erheben, die die Leute jede Mäßigung vergessen lassen. Alle Damen der Stadt waren da, auf der Tribüne. Nun trat der Leiter des Gesangvereins des Dorfes Mormillon vor. Sein Chor hatte nur einen zweiten Preis bekommen. Schließlich kann doch nicht jeder einen ersten Preis bekommen, nicht wahr?

„Als nun der Privatsekretär ihm seine Medaille überreichte, warf der Mensch sie ihm ins Gesicht und schrie: ,Die kannst du für Baptiste aufheben, die Medaille. Eigentlich bist du dem ja sogar den ersten Preis schuldig, genau so wie mir.’

Darauf lachte eine Menge Menschen laut los. Das Volk ist weder barmherzig noch taktvoll, und alle Blicke richteten sich auf die arme Fsau.

„Haben Sie je eine Frau wahnsinnig werden sehen? – Nein? – Nun, wir haben das erlebt! Dreimal ist sie aufgestanden und wieder auf ihren Stuhl zurückgefallen, als wolle sie sich in Sicherheit bringen und erkenne, daß sie die Menge, die sie umgab, nicht durchbrechen könne. Zum Überfluß schrie noch eine Stimme von irgendwo aus dem Publikum: ,Oha, Madame Baptiste!’ Darauf brach ein großer Lärm los, ein Gemisch aus Heiterkeitsausbrüchen und Bezeigungen des Unwillens.

„Es gab ein Durcheinander, einen Tumult; alle Köpfe waren in Bewegung. Das Schimpfwort ging von Mund zu Mund; man stieß und schubste einander, um das Gesicht sehen zu können, das die Unglückliche machte; Männer hoben ihre Frauen hoch, um es ihnen zu zeigen; die Leute fragten: ,Welche ist es denn? Die in Blau?’ Halbwüchsige stießen Hahnenschreie aus; da und dort wurde schallend gelacht.

„Sie regte sich nicht mehr; völlig von Sinnen saß sie in ihrem Scssel, als sei sie ein Schaugegenstand für die Masse. Sie konnte sich weder verstecken noch bewegen noch ihr Gesicht verbergen. Ihre Lider öffneten und schlossen sich, als ob ein überstarka Licht ihr die Augen verbrenne; sie schnaufte wie ein Pferd, das sich einen Steilhang hinaufquält.

„Es war ein Anblick, der einem das Herz zerriß.

„Monsieur Hamot hatte den Flegel bei der Gurgel gepackt, und inmitten eines furchtbaren Tumults rollten sie am Boden.

Die Feierlichkeit wurde abgebrochen.

„Eine Stunde später, als die Hamots auf dem Heimweg waren, kletterte die junge Frau, die seit der Beleidigung kein einziges Wort gesprochen hatte, aber zitterte, als würden alle ihre Nerven durch Sprungfedern zum Tanzen gebracht, plötzlich über das Brückengeländer, ohne daß ihr Mann sie hätte zurückhalten können, und warf sich in den Fluß.

„Unter den Brückenbogen ist das Wasser tief. Erst nach zwei Stunden konnte sie geborgen werden. Natürlich war sie tot.”

Der Erzähler schwieg. Dann fügte er hinzu: „Es war vielleicht das beste, was sie in ihrer Lage hätte tun können. Es gibt Dinge, über die man nicht hinwegkommen kann.

Jetzt verstehen Sie wohl, weshalb uns die Geistlichkeit den Eintritt in die Kirche verweigert hat. Oh, wenn sie kirchlich begraben worden wäre, hätte die ganze Stadt teilgenommen. Aber Sie verstehen wohl: nun kommt noch der Selbstmord zu der andern Geschichte hinzu, und da haben die besseren Familien sich zurückgehalten; überdies ist es hier eine gewagk Sache, an einem Begräbnis ohne Priester teilzunehmen.”

Wir durchschritten die Friedhofspforte. Und ich wartete, tief bewegt, bis der Sarg in die Gruft hinabgesenkt worden war, und trat dann an den armen, schluchzenden Mann heran und drückte ihm kräftig die Hand.

Er blickte mich durch seine Tränen hindurch überrascht an und stieß dann hervor: „Ich danke Ihnen.”

Ich habe nicht bedauert, daß ich diesem Leichenzug gefolgt bin.

Der Jäger Gracchus

von Franz Kafka

Zwei Knaben saßen auf der Quaimauer und spielten Würfel. Ein Mann las eine Zeitung auf den Stufen eines Denkmals im Schatten des säbelschwingenden Helden. Ein Mädchen am Brunnen füllte Wasser in ihre Bütte. Ein Obstverkäufer lag neben seiner Ware und blickte auf den See hinaus. In der Tiefe einer Kneipe sah man durch die leeren Tür- und Fensterlöcher zwei Männer beim Wein. Der Wirt saß vorn an einem Tisch und schlummerte. Eine Barke schwebte leise, als werde sie über dem Wasser getragen, in den kleinen Hafen. Ein Mann in blauem Kittel stieg ans Land und zog die Seile durch die Ringe. Zwei andere Männer in dunklen Röcken mit Silberknöpfen trugen hinter dem Bootsmann eine Bahre, auf der unter einem großen blumengemusterten, gefransten Seidentuch offenbar ein Mensch lag.

Auf dem Quai kümmerte sich niemand um die Ankömmlinge, selbst als sie die Bahre niederstellten, um auf den Bootsführer zu warten, der noch an den Seilen arbeitete, trat niemand heran, niemand richtete eine Frage an sie, niemand sah sie genauer an.

Der Führer wurde noch ein wenig aufgehalten durch eine Frau, die, ein Kind an der Brust, mit aufgelösten Haaren sich jetzt auf Deck zeigte. Dann kam er, wies auf ein gelbliches, zweistöckiges Haus, das sich links nahe beim Wasser geradlinig erhob, die Träger nahmen die Last auf und trugen sie durch das niedrige, aber von schlanken Säulen gebildete Tor. Ein kleiner Junge öffnete ein Fenster, bemerkte noch gerade, wie der Trupp im Haus verschwand, und schloß wieder eilig das Fenster. Auch das Tor wurde nun geschlossen, es war aus schwarzem Eichenholz sorgfältig gefügt. Ein Taubenschwarm, der bisher den Glockenturm umflogen hatte, ließ sich jetzt vor dem Hause nieder. Als werde im Hause ihre Nahrung aufbewahrt, sammelten sich die Tauben vor dem Tor. Eine flog bis zum ersten Stock auf und pickte an die Fensterscheibe. Es waren hellfarbige wohlgepflegte, lebhafte Tiere. In großem Schwung warf ihnen die Frau aus der Barke Körner hin, die sammelten sie auf und flogen dann zu der Frau hinüber.

Ein Mann im Zylinderhut mit Trauerband kam eines der schmalen, stark abfallenden Gäßchen, die zum Hafen führten, herab. Er blickte aufmerksam umher, alles bekümmerte ihn, der Anblick von Unrat in einem Winkel ließ ihn das Gesicht verzerren. Auf den Stufen des Denkmals lagen Obstschalen, er schob sie im Vorbeigehen mit seinem Stock hinunter. An der Stubentür klopfte er an, gleichzeitig nahm er den Zylinderhut in seine schwarzbehandschuhte Rechte. Gleich wurde geöffnet, wohl fünfzig kleine Knaben bildeten ein Spalier im langen Flurgang und verbeugten sich.

Der Bootsführer kam die Treppe herab, begrüßte den Herrn, führte ihn hinauf, im ersten Stockwerk umging er mit ihm den von leicht gebauten, zierlichen Loggien umgebenen Hof und beide traten, während die Knaben in respektvoller Entfernung nachdrängten, in einen kühlen, großen Raum an der Hinterseite des Hauses, dem gegenüber kein Haus mehr, sondern nur eine kahle, grauschwarze Felsenwand zu sehen war. Die Träger waren damit beschäftigt, zu Häupten der Bahre einige lange Kerzen aufzustellen und anzuzünden, aber Licht entstand dadurch nicht, es wurden förmlich nur die früher ruhenden Schatten aufgescheucht und flackerten über die Wände. Von der Bahre war das Tuch zurückgeschlagen. Es lag dort ein Mann mit wild durcheinandergewachsenem Haar und Bart, gebräunter Haut, etwa einem Jäger gleichend. Er lag bewegungslos, scheinbar atemlos mit geschlossenen Augen da, trotzdem deutete nur die Umgebung an, daß es vielleicht ein Toter war.

Der Herr trat zur Bahre, legte eine Hand dem Daliegenden auf die Stirn, kniete dann nieder und betete. Der Bootsführer winkte den Trägern, das Zimmer zu verlassen, sie gingen hinaus, vertrieben die Knaben, die sich draußen angesammelt hatten, und schlossen die Tür. Dem Herrn schien aber auch diese Stille noch nicht zu genügen, er sah den Bootsführer an, dieser verstand und ging durch eine Seitentür ins Nebenzimmer. Sofort schlug der Mann auf der Bahre die Augen auf, wandte schmerzlich lächelnd das Gesicht dem Herrn zu und sagte: »Wer bist du?« – Der Herr erhob sich ohne weiteres Staunen aus seiner knienden Stellung und antwortete: »Der Bürgermeister von Riva.«

Der Mann auf der Bahre nickte, zeigte mit schwach ausgestrecktem Arm auf einen Sessel und sagte, nachdem der Bürgermeister seiner Einladung gefolgt war: »Ich wußte es ja, Herr Bürgermeister, aber im ersten Augenblick habe ich immer alles vergessen, alles geht mir in der Runde und es ist besser, ich frage, auch wenn ich alles weiß. Auch Sie wissen wahrscheinlich, daß ich der Jäger Gracchus bin.«

»Gewiß«, sagte der Bürgermeister. »Sie wurden mir heute in der Nacht angekündigt. Wir schliefen längst. Da rief gegen Mitternacht meine Frau: ›Salvatore‹, – so heiße ich – ›sieh die Taube am Fenster!‹ Es war wirklich eine Taube, aber groß wie ein Hahn. Sie flog zu meinem Ohr und sagte: ›Morgen kommt der tote Jäger Gracchus, empfange ihn im Namen der Stadt.‹«

Der Jäger nickte und zog die Zungenspitze zwischen den Lippen durch: »Ja, die Tauben fliegen vor mir her. Glauben Sie aber, Herr Bürgermeister, daß ich in Riva bleiben soll?«

»Das kann ich noch nicht sagen«, antwortete der Bürgermeister. »Sind Sie tot?«

»Ja«, sagte der Jäger, »wie Sie sehen. – Vor vielen Jahren, es müssen aber ungemein viel Jahre sein, stürzte ich im Schwarzwald – das ist in Deutschland – von einem Felsen, als ich eine Gemse verfolgte. Seitdem bin ich tot.«

»Aber Sie leben doch auch«, sagte der Bürgermeister.

»Gewissermaßen«, sagte der Jäger, »gewissermaßen lebe ich auch. Mein Todeskahn verfehlte die Fahrt, eine falsche Drehung des Steuers, ein Augenblick der Unaufmerksamkeit des Führers, eine Ablenkung durch meine wunderschöne Heimat, ich weiß nicht, was es war, nur das weiß ich, daß ich auf der Erde blieb und daß mein Kahn seither die irdischen Gewässer befährt. So reise ich, der nur in seinen Bergen leben wollte, nach meinem Tode durch alle Länder der Erde.«

»Und Sie haben keinen Teil am Jenseits?« fragte der Bürgermeister mit gerunzelter Stirne.

»Ich bin«, antwortete der Jäger, »immer auf der großen Treppe, die hinaufführt. Auf dieser unendlich weiten Freitreppe treibe ich mich herum, bald oben, bald unten, bald rechts, bald links, immer in Bewegung. Aus dem Jäger ist ein Schmetterling geworden. Lachen Sie nicht.«

»Ich lache nicht«, verwahrte sich der Bürgermeister.

»Sehr einsichtig«, sagte der Jäger. »Immer bin ich in Bewegung. Nehme ich aber den größten Aufschwung und leuchtet mir schon oben das Tor, erwache ich auf meinem alten, in irgendeinem irdischen Gewässer öde steckenden Kahn. Der Grundfehler meines einstmaligen Sterbens umgrinst mich in meiner Kajüte. Julia, die Frau des Bootsführers, klopft und bringt mir zu meiner Bahre das Morgengetränk des Landes, dessen Küste wir gerade befahren, Ich liege auf einer Holzpritsche, habe – es ist kein Vergnügen, mich zu betrachten – ein schmutziges Totenhemd an, Haar und Bart, grau und schwarz, geht unentwirrbar durcheinander, meine Beine sind mit einem großen, seidenen, blumengemusterten, langgefransten Frauentuch bedeckt. Zu meinen Häupten steht eine Kirchenkerze und leuchtet mir. An der Wand mir gegenüber ist ein kleines Bild, ein Buschmann offenbar, der mit einem Speer nach mir zielt und hinter einem großartig bemalten Schild sich möglichst deckt. Man begegnet auf Schiffen manchen dummen Darstellungen, diese ist aber eine der dümmsten. Sonst ist mein Holzkäfig ganz leer. Durch eine Luke der Seitenwand kommt die warme Luft der südlichen Nacht, und ich höre das Wasser an die alte Barke schlagen.

Hier liege ich seit damals, als ich, noch lebendiger Jäger Gracchus, zu Hause im Schwarzwald eine Gemse verfolgte und abstürzte. Alles ging der Ordnung nach. Ich verfolgte, stürzte ab, verblutete in einer Schlucht, war tot und diese Barke sollte mich ins Jenseits tragen. Ich erinnere mich noch, wie fröhlich ich mich hier auf der Pritsche ausstreckte zum erstenmal. Niemals haben die Berge solchen Gesang von mir gehört wie diese vier damals noch dämmerigen Wände.

Ich hatte gern gelebt und war gern gestorben, glücklich warf ich, ehe ich den Bord betrat, das Lumpenpack der Büchse, der Tasche, des Jagdgewehrs vor mir hinunter, das ich immer stolz getragen hatte, und in das Totenhemd schlüpfte ich wie ein Mädchen ins Hochzeitskleid. Hier lag ich und wartete. Dann geschah das Unglück.«

»Ein schlimmes Schicksal«, sagte der Bürgermeister mit abwehrend erhobener Hand. »Und Sie tragen gar keine Schuld daran?«

»Keine«, sagte der Jäger, »ich war Jäger, ist das etwa eine Schuld? Aufgestellt war ich als Jäger im Schwarzwald, wo es damals noch Wölfe gab. Ich lauerte auf, schoß, traf, zog das Fell ab, ist das eine Schuld? Meine Arbeit wurde gesegnet. ›Der große Jäger vom Schwarzwald‹ hieß ich. Ist das eine Schuld?«

»Ich bin nicht berufen, das zu entscheiden«, sagte der Bürgermeister, »doch scheint auch mir keine Schuld darin zu liegen. Aber wer trägt denn die Schuld?«

»Der Bootsmann«, sagte der Jäger. »Niemand wird lesen, was ich hier schreibe, niemand wird kommen, mir zu helfen; wäre als Aufgabe gesetzt mir zu helfen, so blieben alle Türen aller Häuser geschlossen, alle Fenster geschlossen, alle liegen in den Betten, die Decken über den Kopf geschlagen, eine nächtliche Herberge die ganze Erde. Das hat guten Sinn, denn niemand weiß von mir, und wüßte er von mir, so wüßte er meinen Aufenthalt nicht, und wüßte er meinen Aufenthalt, so wüßte er mich dort nicht festzuhalten, so wüßte er nicht, wie mir zu helfen. Der Gedanke, mir helfen zu wollen, ist eine Krankheit und muß im Bett geheilt werden.

Das weiß ich und schreie also nicht, um Hilfe herbeizurufen, selbst wenn ich in Augenblicken – unbeherrscht wie ich bin, zum Beispiel gerade jetzt – sehr stark daran denke. Aber es genügt wohl zum Austreiben solcher Gedanken, wenn ich umherblicke und mir vergegenwärtige, wo ich bin und – das darf ich wohl behaupten – seit Jahrhunderten wohne.«

»Außerordentlich«, sagte der Bürgermeister, »außerordentlich. – Und nun gedenken Sie bei uns in Riva zu bleiben?«

»Ich gedenke nicht«, sagte der Jäger lächelnd und legte, um den Spott gutzumachen, die Hand auf das Knie des Bürgermeisters. »Ich bin hier, mehr weiß ich nicht, mehr kann ich nicht tun. Mein Kahn ist ohne Steuer, er fährt mit dem Wind, der in den untersten Regionen des Todes bläst.«

Auch ich war in Arkadien!

von Joseph (Karl Benedikt) Freiherr von Eichendorff

Da saß ich denn glücklich wieder hinter meinem Pulte, um dir meinen Reisebericht abzustatten. Es ist mir aber auf dieser Reise so viel Wunderliches begegnet, daß ich in der Tat nicht recht weiß, wo ich anfangen soll. Am besten, ich hebe, wie die Rosine aus dem Kuchen, ohne weiteres sogleich das Hauptabenteuer für dich aus.

Du weißt, ich lebte seit langer Zeit fast wie ein Einsiedler und habe von der Welt und ihrer Julirevolution leider wenig Notiz genommen. Als ich meinen letzten Ausflug machte, war eben die Deutschheit aufgekommen und stand in ihrer dicksten Blüte. Ich kehrte daher auch diesmal nach Möglichkeit das Deutsche heraus, ja ich hatte mein gescheiteltes Haar, wie Albrecht Dürer, schlicht herabwachsen lassen und mir bei meinem Schneider, nicht ohne gründliche historische Vorstudien, einen gewissen germanischen Reiseschnitt besonders bestellt. Aber da kam ich gut an! Schon auf dem Postwagen – dieser fliegenden Universität – in den nächsten Kaffeehäusern, Konditoreien und Tabagien konnte ich mit ebensoviel Erstaunen als Beschämung gewahr werden, wie weit ich in der Kultur zurück war.

Die Deutschen, fand ich, waren unterdes französisch, die Franzosen deutsch, beide aber wiederum ein wenig polnisch geworden; jeder wenigstens verlangt das liberum veto für sich und möchte in Europa einen großen polnischen Reichstag stiften. Ich gestehe, daß mir weder das Polnische noch das Französische so gar geläufig ist, und ich stand daher ziemlich verblüfft da in meinem altdeutschen Rocke. Doch zur Sache:

Eines Tages kehrte ich in dem, dir wohl noch bekannten, großen Gasthofe «Zum goldenen Zeitgeist» ein. Das war, wie du dich erinnern wirst, zu unserer Zeit die ästhetische Börse der Schöngeister, wo wir bei einem Schoppen saueren Landweines gemütlich die Valuta und den täglichen Kurs der Poeten notierten. Da ging es damals ziemlich still her, denn wir hatten alle mehr Witz als Geld. Höchstens einige Gitarrenklänge, ein paar Toasts oder ein leidlicher Lärm, wenn wir um Schlegels Luzinde zankten, oder einen zufällig verlaufenen Kotzebuaner hinausschmissen. Ich frug sogleich eifrig nach den alten Gesellen. Aber sie waren wie verschollen, man wollte sich nicht einmal ihrer Namen mehr zu entsinnen wissen. Einen nur wies mir der Kellner mit ironischem Lächeln nach: vom «Goldenen Zeitgeiste» links ab, die erste Quergasse rechts, dann ins nächste Sackgäßchen wieder halb links ab bis ans Ende – ich glaube, der ironische Kellner wollte mich zur Welt hinausweisen. Nun ist es allerdings richtig: einige hat seitdem der Pegasus abgeworfen, andere haben ihn selbst abgeschafft, weil er Futter braucht und keines gibt. Genug, auch hier war alles verwandelt.

Dagegen verspürte ich jetzt im Hause eine wunderliche Unruhe; ein scharfer Zugwind pfiff durch alle Gänge, die Türen klappten heftig auf und zu, fremde Leute mit sehr erhitzten Gesichtern rannten hin und her, besprachen sich heimlich miteinander und rannten wieder, kurz: ein Rumoren, Gehen und Kommen treppauf, treppab, als wollte der ganze Zeitgeist plötzlich mit der Schnellpost aufbrechen.

Noch mehr aber stieg meine Verwunderung, als ich des Abends mich zu der Fremdentafel begab. Schon beim Eintritt in den langen, gewölbten Eßsaal fiel mir eine Reihe hoher Betpulte auf, die an den Wänden aufgestellt waren. Vor den Pulten knieten viele elegant gekleidete Herren jedes Alters und beteten mit großer Devotion aus aufgeschlagenen Folianten, in denen sie von Zeit zu Zeit geräuschvoll blätterten. Andere schritten eifrig im Saale auf und nieder und schienen das eben Gelesene mit vieler Anstrengung zu memorieren. Ich hielt jene Folianten für Evangelienbücher oder Missalien, mußte aber, da ich an den Pulten einmal näher vorüberzustreifen wagte, zu meinem Erstaunen bemerken, daß es kolossale Zeitungen waren, englische und französische.

Als mich endlich einige dieser Devoten gewahr wurden, kamen sie schnell auf mich zu und begrüßten mich mit einer sonderbaren kurzen Verneigung nach der linken Seite hin, wobei sie mich schroff ansahen und irgendeine Erwiderung zu erwarten schienen. Diese linkische Begrüßung wiederholte sich, sooft ein Neuer ankam, worauf, wie ich bemerkte, jeder Eintretende sogleich ernst und stolz mit einem kurzen: «Preßfreiheit, Garantie» oder «Konstitution» antwortete. – Ich muß gestehen, mir war dabei ein wenig bang zumute, denn, je mehr der Saal sich allmählich füllte, je mehr wuchs ein seltsames, geheimnisvolles Knurren und Murren unter ihnen, allerlei Zeichen und Gewirre. Ja der Kellner selbst, als er mir den Speisezettel reichte, kniff mich dabei so eigen in die Finger, daß ich in der Angst unwillkürlich mit einem Freimaurerhändedruck replizierte; aber weit gefehlt! Der Kerl wandte schon wieder mit seinem fatalen ironischen Lächeln mir verächtlich den Rücken.

Bei Tische selbst aber präsidierte ein großer, breiter, starker Mann mit dickem Backenbart und Adlernase, den sie den Professor nannten. Nachdem er gleich beim ersten Niedersitzen einen Sessel eingebrochen und mit dem Ellenbogen einige Gläser umgeworfen hatte, streifte er sich beide Ärmel auf und begann mit einem gewissen martialischen Anstande, den Braten zu zerlegen. Nichtsdestoweniger harangierte er zu gleicher Zeit die Gesellschaft in einer abstrakten Rede über Freiheit, Toleranz und so weiter, und wie das alles endlich zur Wahrheit werden müsse. Dabei langte er über den langen Tisch weg bald nach dem Salzfaß, bald nach der Pfefferbüchse, und schnitt und trank und sprach und kaute mit solchem Nachdruck, daß er ganz rotblau im Gesichte wurde. Aller Augen hingen an seinem glänzenden Munde, nicht ohne schmachtende Seitenblicke auf den Braten, denn er aß beim Vorschneiden in der Tat nicht nur das Beste, sondern fast alles allein auf. Einige benutzten die Momente, wo er den Mund zu voll genommen hatte, um selbst zu Worte zu kommen; sie gaben von dem vorhin Memorierten, wie ich leicht bemerken konnte, da ich selbst vor dem Essen auf meiner Stube im Moniteur geblättert hatte. Nur ein einziger, ein neidgelber schlanker Mensch, der bei dem Vorschneiden des Professors so seine eigenen Gedanken zu haben schien, unternahm es, dem letzteren mit scheuer, dünner Stimme zu widersprechen. Die Toleranz, wagte er zu meinen, könne nur dann eine Wahrheit werden, wenn beim Essen wie im Staat jeder Gast und jedes Volk seinen Braten und seine Freiheit appret für sich habe und so weiter. Der Unglückselige! Erschrocken sahen die anderen den Professor an, wie er es aufnähme. Dieser aber geruhete, zwischen den Weinflaschen hindurch einen zornigen, zerschmetternden Blick auf den Sprecher zu schleudern. Da sprang sogleich die ganze Gesellschaft von den Stühlen auf, nahm den Dünnen ohne weiteres in ihre Mitte, und eh’ ich mich besinnen konnte, war er zum Saale hinaus, ich sah nur seine Rockschöße noch um den Türpfosten fliegen. – Darauf ergriff jeder sein volles Glas, drängte sich um den Professor und trank ihm, mit einer tiefen Verbeugung, auf die untertänigste Gesundheit der Freiheit zu.

Jetzt wurde mit nicht geringem Lärm noch eine Menge anderer Toasts ausgebracht, die ich dir nicht zu nennen vermag; es schienen sämtliche Begriffe aus des Professors Kompendium des Naturrechts zu sein. Ich weiß nur, daß nach und nach die Zungen, dann die Köpfe schwer und immer schwerer wurden, bis zuletzt alle, wie nasse Kleidungsstücke, rings über den Stühlen umherhingen. Die Kerzen flackerten verlöschend durch den weiten, stillen Saal und warfen ungewisse Scheine über die bleichen, totenähnlichen Gesichter der Schlafenden. Mir ward ganz unheimlich; ich sah unwillkürlich in meinen Taschenkalender und gewahrte mit Schauern, daß heute Walpurgis war.

Nur der Professor allein hatte sich aufrecht erhalten, der konnte was vertragen. Er schritt mächtig im Saale auf und nieder, seine Augen rollten, sein Kopf dampfte sichtbar aus den emporgesträubten Haaren. Auf einmal blieb er dicht vor mir stehen und maß mich mit den Blicken vom Scheitel bis zur Zehe. «Sie gefallen mir», sagte er endlich, «solche Leute können wir brauchen. Seh’n Sie hier in die Runde: die matten Wichte da sind von dem bißchen Patriotismus schon umgefallen.» – Ich wußte nicht, was ich entgegnen sollte. – Er aber schritt noch einmal den Saal entlang, dann sagte er plötzlich: «Kurz und gut, solche Stunde kehrt so leicht nicht wieder. Wollen Sie mit mir auf den Blocksberg?» – Ich sah ihn groß an, da er aber noch immer fragend vor mir stand, wandte ich im höchsten Erstaunen meine Aufklärung ein, schon Nicolai und Biester hätten ja längst bewiesen – «Ach, dummes Zeug!», erwiderte er, «das ist ja eben die Aufklärung!»

Hier wurden wir durch ein schallendes Gewieher von draußen unterbrochen. Ich trat an das Fenster und bemerkte – obgleich wir uns im zweiten Stockwerk befanden – dicht vor den Scheiben ein gewaltiges, störriges und sträubendes Roß, das mit flatternder Mähne in der Luft zu schweben schien. Der Kellner, in einen roten Karbonarimantel gehüllt, hielt das Pferd mit großer Anstrengung an einer langen Leine fest. Ich hätte es ohne Bedenken für den Pegasus gehalten, wenn es nicht Schlangenfüße und ungeheure Fledermausflügel gehabt hätte. – «Jetzt nur nicht lange gefackelt, es ist die höchste Zeit!» rief der Professor, schlug mit einem Ruck die Scheiben ein, schob mich durchs Fenster auf das Roß, schwang sich hinter mich, und wie aus einer Bombe geschossen flogen wir plötzlich zwischen den Giebeln und Schornsteinen in die stille Nacht hinaus.

Mir vergingen Atem und Gedanken bei diesem unverhofften Ritt; ich war es ganz ungewohnt, mich so ohne weiteres über alles Bestehende hinwegzusetzen und zwischen Himmel und Erde im leeren Nichts zu schweben. Mein Begleiter dagegen, wie ich wohl bemerken konnte, schien sich hier erst recht zu Hause zu befinden. Zwischen Schlaf und Wachen die Marseillaise sumsend, schmauchte er behaglich eine Zigarre und bollerte nur von Zeit zu Zeit ungeduldig mit seinen Stiefeln an die Rippen unserer geflügelten Bestie. Da hatte ich denn Muße genug, mich nach allen Seiten hin umzusehen. Tief unter uns lag es wie eine Länderkarte: Städte, Dörfer, Hügel und Wälder flogen wechselnd im Mondschein vorüber. Nur an manchen einzelnen Flecken schien die Nacht wunderlich zu gären. Ungeheure Staubwirbel schlangen sich durcheinander, und sooft der Wind den Qualm auf Augenblicke teilte, erschien es darunter wie kochende Schlammvulkane.

Vor uns aber, im Grau der Nacht stand, allmählich wechselnd, eine große, dunkle Wolke; ich erkannte bald, daß es der Blocksberg war, auf den wir zuflogen. Je näher wir kamen, je mehr füllte die Luft sich ringsumher mit seltsamem Sausen, fernem Rufen und dem Geheul vaterländischer Gesänge. Zahllose Gestalten huschten überall durch den Wind, an denen wir aber, da sie schlechter beritten waren, pfeifend vorüberrauschten. Mit Verwunderung bemerkte ich unter ihnen bekannte Redakteurs liberaler Zeitschriften; sie ritten auf großen Schreibfedern,welche manchmal schnaubend spritzelten, um den guten Städten unten, die rein und friedlich im Mondglanze lagen, tüchtige Tintenkleckse anzuhängen.

Bald konnten wir nun auch die einzelnen Konturen und Felsengruppen des Berges selbst deutlich unterscheiden. «Sehen Sie nur, wie es da wimmelt!» rief mir mein Professor zu, indem er endlich den Schlaf aus den Augen wischte und sich auf dem Rücken des Tieres vergnügt zurechtrückte. Und in der Tat, aus allen Steinritzen und Felsenspalten unten sah ich unabsehbare Scharen aufducken, klettern und steigen, oft plötzlich über das lockere Gerölle hinabschurrend und immer wieder unverdrossen emporklimmend. Mein Gott, wo kommt all der Plunder her! dachte ich bei mir. Da hörte ich auf einmal Gesang erschallen. Es war eine Prozession weißgekleideter liberaler Mädchen, die sich abquälten, ein gesticktes Banner zu dem Feste hinauszutragen. Der Wind zerarbeitete gar wacker die große Fahne, in deren flatternde Zipfel, sooft sie die Erde streiften, sich Eidechsen und dicke Kröten anhingen. Noch schlimmer schien es weiter unten mehreren anständig gekleideten Männern zu ergehen, die sich vergeblich dem anderen lustigen Gesindel nachzukommen bemühten. Der Professor rieb sich lustig die Hände. «Es geschieht ihnen schon recht», sagte er, «das sind die Doktrinärs, halb des Himmels und halb des Teufels, sie wollen es mit keinem verderben.» – Ich konnte nun deutlich vernehmen, wie diese Unglücklichen jede an ihnen vorüberhuschende Gestalt mit weitläufigen Demonstrationen beredt haranguierten. Aber, ehe sie sichs versahen, kehrte ein fliegender Besen sich schnell in der Luft um und schlug ihnen die Hüte vom Kopf, oder ein Bock, den sie eben überzeugt zu haben glaubten, stieß sie plötzlich von der mühsam erklommenen Höhe kopfüber wieder hinab. Noch lange hörte ich sie aus ferner Tiefe kläglich rufen: «Nehmt uns mit, nehmt uns doch mit!» worauf jedesmal ein schadenfrohes Gelächter aus allen Schluften erschallte.
Lärm, Gewirre, Drängen, Fluchen und Stoßen nahmen jetzt mit jeder Minute betäubend zu. Von Zeit zu Zeit aber schoß zwischen dem Gestrüpp und Geklüfte eine ungeheure goldflammende Schlange, wie glühende Lava das unermeßliche Getümmel plötzlich beleuchtend, den ganzen Berg hinunter, und ein allgemeines Hurra begrüßte sie vom Gipfel bis in die tiefsten Gründe hinab. Ich glaubte, das gölte unserer Ankunft, und dankte, mit gebührender Höflichkeit mein Haupt entblößend. – «Aber sind Sie toll?» fuhr mich der Professor zornig an, indem er mir den Hut bis über die Augen wieder aufstülpte – «solche servile Gewohnheiten deutschen Knechtsinns!»

Hier stießen wir, etwa in der Mitte des Berges, plötzlich ans Land. Unser Roß wälzte sich sogleich zur Seite und nahm nach dem ermüdenden Fluge ein Schlammbad. Wir aber drangen weiter vor. «Halten Sie sich nur an meinem Rockschoß», rief mir der Professor zu und machte ohne Umstände mit beiden Ellenbogen Platz. Da konnte ich bemerken, in welchem Ansehen der starke Mann hier stand. Von allen Seiten wichen die Wimmelnden, so gut es gehen wollte, ehrerbietig aus, obgleich es mir vorkam, als zwickten sie, sooft er sich wandte, mich hinterrücksheimlich in die Waden.

Unter solchen Gewaltstreichen erreichten wir endlich eine Restauration, die, ziemlich geschmacklos, sich unter einem dreifarbigen Zelte befand, auf welchem ein fuchsroter alter Hahn saß und unaufhörlich krähte. Sieben Pfeifer saßen zur Seiten auf einem Stein und bliesen das Ça ira vom Anfang bis zu Ende und wieder und immer wieder von vorn, so langweilig, als bliesen sie schon auf dem letzten Loche. Auf der Tribüne der Restauration aber stand der Wirt und schrie mitten durch das Geblase mit durchdringender Stimme seine Wunderbüchsen und Likörflaschen aus: Konstitutionswasser, doppelte Freiheit! und so weiter. Unten schossen Kinder Purzelbäume und warfen jauchzend ihre roten Mützchen in die Luft, das Volk war wie besessen, sie würgten einander ordentlich, jeder wollte sein Geld zuerst los sein.

Hatt’ ich nun aber den Professor schon im «Goldenen Zeitgeist» bewundert, so mußte ich ihn jetzt fast vergöttern. Stürzte er doch fünf, sechs Flaschen abgezogene Garantie hinunter, ohne sich zu schütteln, und fand zuletzt all das Zeug noch nicht scharf genug! Auch ich mußte davon kosten, konnte es aber nicht herunterbringen, so widerlich fuselte der Schnaps. «Alles Pariser Fabrikat!» rief mir der Professor zu. – «Muß auf dem Transport ein wenig gelitten haben». erwiderte ich bescheiden. – «Kleinigkeit!» mengte sich der Wirt herein, «man tut etwas gestoßenen Pfeffer daran, die Leute mögens nicht, wenn es sie nicht in die Zunge beißt.» Währenddes war der Professor schon mit beiden Füßen in ein Paar dicke Schmierstiefel gefahren; ich mußte eiligst desgleichen tun. «Wir müssen nun immer weiter hinauf», sagte er, «wer mit der Zeit fortgehen will, der muß sich vorsehn, da gehts durch dick und dünn.» In der Tat begann nun auch von allen Seiten ein allgemeiner Aufbruch, als wenn man kochenden Brei im Kessel umrührte. Bald darauf aber schien der ganze Zug an der Spitze auf einmal wieder ins Stocken zu geraten. Es entstand vorn ein Drängen und Wogen, dann ein heftiges Gezänk, das sich nach und nach, wie ein Lauffeuer, nach allen Richtungen hin verbreitete; man konnte zuletzt durch den Lärm nur noch einzelne grobe Stimmen deutlicher unterscheiden, die beinah wie Rebellion klangen. -«Was gibts denn?» schrie der Professor voller Ungeduld. Da kamen mehrere junge Doktoren plötzlich herangestürzt, schreckensbleich und mit allen Zeichen der Verzweifelung, der eine hatte seinen Hut, der andere seinen Rockschoß in dem Getümmel verloren. «Alles aus!» riefen sie atemlos, «Sie wollen hier bei der Schnapsbude bleiben, es geht ein Schrei durchs ganze Volk nach Braten und Likör, sie mögen nichts von Freiheit und Prinzipien mehr wissen, sie wollen durchaus nicht weiter fortschreiten!» – «So fraternisiert dochmit dem Lumpengesindel», rief der Professor. – «Zu spät!» erwiderten jene, «sie sind alle schon betrunken. O unsere Reputation! Was wird die öffentliche Meinung sagen? wir kommen um ein Dezennium zurück!» – «Nun, so soll sie doch!» donnerte der Professor mit seiner Stentorstimme ganz wütend in das dickste Getümmel hinein, «wollt ihr wohl frei und patriotisch und gebildet sein in des Teufels Namen!» Hiermit stemmte er mit hinreißender Gewalt seinen breiten Rücken gegen die rebellische Masse; die entlaufenen Doktoren und andere Honoratioren folgten mutig seinem Beispiel, die liberalen Mädchen mit ihrer Fahne wallten singend voran, die sieben Pfeifer spielten auf, und so rückte über liederliche Handwerker und betrunkene alte Weiber hinweg, die noch auf dem Boden keiften, die ganze Konfusion unter dem ungeheuersten Lärm und Gezänke langsam der Höhe zu.

Mir klopfte das Herz, als wir uns endlich der Stelle näherten, wo der berühmte Hexenaltar steht; ich blickte nach allen Seiten, ob nicht bald eine Teufelsklaue aus den Nebeln langte, die, wie Drachenleiber, vor uns den Boden streiften. Auf einmal tat es einen kurzen matten Blitz, als wenn es dem Himmel von der Pfanne gebrannt wäre. Was auch der Professor sagen mag, ich laß es mir nicht ausstreiten, ich sah damals einen Kerl mit Kolophonium und Laterne schnell hinter den einen Felsen huschen. Eh’ ich indes noch darüber reiflich nachdenken konnte, erfolgte ein zweiter, ordentlicher Blitz, das Nachtgewölk teilte sich knarrend und auf dem Hexenstein vor uns, in bläulicher bengalischer Beleuchtung, stand plötzlich ein ziemlich leichtfertig angezogenes Frauenzimmer zierlich auf einem Beine, beide Arme über sich emporgeschwungen, zu ihren beiden Seiten zwei elegant gekleidete junge Männer in Schuh und Strümpfen und Klapphüte unter den Armen, mit den beiden anderen Armen über dem Haupte der Dame in malerischer Stellung einen luftigen Schwibbogen bildend.

In demselben Augenblick lag auch die ganze Schar der Wallfahrer, mit den Angesichtern auf den Boden gestreckt, in tiefster Anbetung versunken. Ich erschrak, als ich fragend um mich her schaute und mich auf einmal als den einzigen Aufrechtstehenden befand in der kuriosen Gemeine. – «Die öffentliche Meinung!» rief da leise eine Stimme hinter mir, und zugleich fühlte ich ein Paar Fäuste so derb in beiden Kniekehlen, daß ich gleichfalls auf meine Knie hinstürzte.

Als ich einigermaßen wieder zur Besinnung gekommen war, stand mein Professor schon vor dem Altar und hielt eine gutgesetzte Rede an die öffentliche Meinung. Er sprach und log wie gedruckt: von ihren außerordentlichen Eigenschaften, dann von den Volkstugenden, von der Preßfreiheit und dem allgemeinen Schrei darnach. Ich aber wußte wohl, was sie geschrien hatten und wer eigentlich gepreßt worden war.

Die Rede dauerte erstaunlich lange. Die arme öffentliche Meinung konnt’ es kaum mehr aushalten, sie stellte sich bald auf dieses, bald auf jenes Bein, das andere vor sich in die Luft streckend wie eine Gans, die Langeweile hat. Da hatte ich denn Zeit genug, sie mir recht genau zu betrachten. Sie trug ein prächtiges Ballkleid von Schillertaft, der bei der bengalischen Beleuchtung wechselnd in allen Farben spielte, ihre Finger funkelten von Ringen, von der Stirn blitzte ein ungeheures regardez-moi, aber alles, wie mir schien, von böhmischen Steinen. Übrigens war sie etwas kurzer, derber Konstitution, daher stand sie auf dem Kothurn, während dicke Sträuße hoher Pfauenfedern von ihrer turmähnlichen Frisur herabnickten. Ein leises Bärtchen auf der Oberlippe stand ihr gar nicht übel; dabei hatte sie ein gewisses air enragé, ich weiß nicht, ob von Schminke oder von der gezwungenen Stellung, oder ob sie gleichfalls gegen die Nachtluft einen Schnaps genommen hatte.

Währenddes war der Professor allmählich in seiner Redewut fast außer sich geraten. «Triumph! Triumph!» schrie er, ganz rotblau im Gesicht, «das Volk hat sich selbst geistig emanzipiert. Die Augen Europas – was sag’ ich Europas! – des Weltbaues, sind in diesem hochwichtigen Augenblick auf uns gerichtet. Ja, wenn man mich hier niederwürfe und knebelte, die Gewalt der Wahrheit würde den Knebel aus dem Munde speien, und gefesselt von dem Boden noch würde himmelwärts ich schreien: Es werde Licht, es weiche die Finsternis, nieder mit der Zensur!»

Ein ungeheures Bravogebrüll donnerte den ganzen Berg hinab und wieder herauf. Einige Stimmen riefen: Da capo! Der Professor, der sich unterdes ein wenig erholt hatte, schickte sich auch unverdrossen an, von neuem loszulegen, und ich glaube in der Tat, er spräche noch heut, wenn die öffentliche Meinung, die sich seit geraumer Zeit schon zu ennuyieren schien, nicht schnell vom Altar herabgesprungen wäre, sein Haupt mit ihrem Fächer berührend, als wollte sie ihn zum Ritter schlagen. Darauf rauschte sie in ihrem Taftgewande wohlgefällig durch die Reihen ihrer Getreuen. Da entstand aber bald ein außerordentliches Gedränge um sie her. Jeder wollte wenigstens den Saum ihres Kleides küssen, wobei sie denn manchem mit ihren Pantöffelchen unversehens einen derben Tritt versetzte, oder wohl auch ihr Schnupftuch fallen ließ und sich dann totlachen wollte, wenn sie sich darum rissen, um es ihr zu apportieren. Viele junge Autoren umschwärmten sie von allen Seiten und suchten sich durch elegante Konversation und politische Witze bei ihr zu insinuieren, während sie jeden Laut aus dem Munde der Angebeteten eifrig in ihre Etuikalender notierten. Mehrere ernstere Männer dagegen schritten nebenher und lasen ihr mit lauter Stimme die schönsten Paragraphen ihrer neuen Kompendien vor. Sie aber ließ ihre spielenden Augen durch die Scharen ergehen und hatte gar bald einen Studenten erspäht, der, unablässig nach Freiheit schreiend, sich mit Ziegenhainer und Kanonen in dem Gedränge Bahn machte. Er war auf seinem Stiefelknecht hergeritten, ein junger Bursch von kräftigem Gliederbau, mehr Bart als Gesicht, mehr Stiefel als Mann. Sie winkte ihn heran, hing sich ohne weiteres an seinen Arm und, eh’ ichs mich versah, war sie mitten durch das Getümmel im Dunkel der verschwiegenen Nacht mit ihm verschwunden.

Ich schaute dem Paar, ganz erstaunt, noch lange nach, wäre aber dabei um ein Haar umgerannt worden. Denn die anderen schienen eben nicht viel aus dem Verschwinden zu machen, vielmehr sah ich sie nun, mit einer mir unerklärlichen Geschäftigkeit, plötzlich in großer Eile hin und her laufen, den Professor mitten unter ihnen, voller Eifer anordnend, rufend und treibend. Einige hatten sich an den Zipfel eines vorüberfliegenden Nebelstreifs gehängt und bogen ihn herunter, andere rollten ein leichtes Gewölk wie einen Vorhang auf, während wieder andere sich wunderlich in eine schwere dicke Wolke hineinarbeiteten, die sich auch wirklich nach und nach in Bäume, Felsen und Häuser zu gestalten anfing. Im Hintergrunde aber schien sich ein seltsames Wolkengerüst mit Bogen und Galerien langsam aufzubauen, alles grau in grau; dazwischen pfiff ein heftiger Zugwind, daß ich meinen Hut mit beiden Händen auf dem Kopfe festhalten mußte, und die Fackeln warfen wilde rote Streiflichter zwischen die Wolkengebilde, überall ein chaotisches Dehnen und Wogen, als sollte die Welt von neuem erschaffen werden. – Vom Professor erfuhr ich endlich im Fluge, daß man in aller Geschwindigkeit eine Bühne einrichte, um vor den Augen der öffentlichen Meinung sich die Zukunft ein wenig einzuexerzieren.

In der Tat, ich bemerkte nun auch bald, wie jene Galerien sich allmählich mit Zuschauern füllten, aber lauter nur halbkenntliche Gestalten, deren Gliedmaßen allmählich nebelhaft auseinanderzufließen schienen; ich glaube, es war auch ein zukünftiges Publikum, das in der Eile noch nicht ganz fertig geworden war, aber doch schon sehr laut plauderte. Nur die Hauptloge stand noch leer; sie war prächtig ausgeschmückt, über ihr funkelte eine Sonne im Brillantfeuer, deren Gesicht, zu meinem großen Erstaunen, grauenhaft die Augen rollte und bald schmunzelte, bald gähnte. – Endlich erschien die öffentliche Meinung mit bedeutendem Geräusch in der Loge, das ganze Publikum stand auf und verneigte sich ehrerbietig. In demselben Augenblick wurde ein Böller gelöst, und ohne Ouvertüre, Prolog oder andern Übergang ging unten sogleich die Zukunft los.

Zuerst kam ein langer Mann in schlichter bürgerlicher Kleidung plötzlich dahergestürzt, ein Purpurmantel flog von seiner Schulter hinter ihm her, eine Krone saß ihm in der Eile etwas schief auf dem Haupt; dabei die Adlernase, die kleinen blitzenden Augen, die flammenrote Stirn: er war offenbar seines Gewerbes ein Tyrann. Er schritt hastig auf und ab, sich manchmal mit dem Purpurmantel den Schweiß von der Stirn wischend, und studierte in einem dicken Buche über Urrecht und Menschheitswohl, wie ich an den großen goldnen Buchstaben auf dem Rücken des Buches erkennen konnte. Ein Oberpriester im Talar eines ägyptischen Weisen schritt ihm mit einer brennenden Kerze feierlich voran. Ich hätte beinah laut aufgelacht: es war wahrhaftig niemand anders als mein Professor! Er hatte nicht geringe Not hier, denn, um immer in gehöriger Distanz voranzubleiben, suchte er, halb rückwärts gewendet, Schnelligkeit und Richtung in den Augen des Tyrannen vorauszulesen, der oft anhielt, oft plötzlich wieder rasch vorschritt und dem Professor unverhofft auf die Fersen trat. Auf einmal blieb der Tyrann mit über der Brust verschränkten Armen, wie in tiefes Nachsinnen versunken, stehen. Dann, nach einer gedankenschweren Pause, rief er plötzlich: «Ja, seid umschlungen, Millionen! Es weiche die Finsternis, nieder mit der Zensur!» – Da klatschte die öffentliche Meinung von neuem, die anderen folgten, der Tyrann verneigte sich, die Krone vom Kopfe lüftend, und verschwand mit Würde hinter den Wolkenkulissen.

Jetzt blieb der Professor in seinem Priestertalar allein zurück. Er schien die Exposition des Ganzen machen zu wollen und freute sich in einem salbungsreichen Monologe weitläufig über die gute Applikation des Tyrannen, wie er schon seit geraumer Frist sich auf den Patriotismus lege und es sich recht sauer werden lasse, mit der Zeit fortzuschreiten und so weiter. Währender so deklamierte, traten noch andere und immer mehrere Oberpriester von allen Seiten herzu, jeder von ihnen hatte gleichfalls ein brennendes Licht in der Hand. Sie verneigten sich erst verbindlich einer vor dem andern und drückten dann ihr gerechtes Erstaunen aus, wie sie in Behandlung des Tyrannen und sonst im Fache der Vaterländerei bereits so Großes vollbracht, wobei sie sich wechselseitig auf das vergnüglichste lobten. Das schien aber nicht ernstlich gemeint, denn jeder Lobende wandte sich jedesmal mit einem verächtlichen Achselzucken von dem eben Belobten und suchte ihm heimlich von seinem tropfenden Lichte einige Kleckse auf den weißen Talar beizubringen, bei welcher Gelegenheit ich denn bemerkte, daß ihre Kerzen bloße Talglichter waren und einen übeln Dunst verbreiteten.

Zwei von den Oberpriestern schienen besonders ihr vertrauliches Stündchen zu haben. Sie nahmen eine Prise Tabak zusammen und beklagten sich, daß es so langsam ginge in der Welt. Sie würden endlich auch alt und schäbig, und ihre Kerzen brennten sie bald auf die Finger. Das Volk werde es am Ende noch merken, daß sie den Tyrannen nur darum in solchen Edelmut und Resignation brächten, um dann selber auf seinem Throne Platz zu nehmen und kommode zu regieren, wie es ihnen eben konveniere. Jeder von ihnen habe doch unten, der eine sein Schätzchen, die durchaus Königin, der andere einen lüderlichen Vetter, der Minister werden wolle. – Vergeblich hustete der Professor immer lauter und lauter; vergebens schimpfte er halbleise: «Seid ihr betrunken, daß ihr das alles hier vor dem Volke ausplaudert!» – Endlich erscholl ein Schrei des einen plauderhaften Oberpriesters; der Professor hatte dem Unglücklichen insgeheim auf sein bestes Hühnerauge getreten.

Glücklicherweise indes war das ganze Gespräch nicht bis zu den Ohren der öffentlichen Meinung gekommen. Diese hatte schon lange nicht mehr aufgepaßt, sie schwatzte mit ihren Nachbarn, bog sich weit aus der Loge hervor und musterte das Publikum durch ihr Opernglas. Der Schrei des Getretenen erregte endlich ihre Aufmerksamkeit. Sie meinte, sie hätten da unten wieder einen philosophischen Zank, was sie jederzeit gewaltig langweilte. Sie ergriff daher rasch ihre Papagenoflöte, die sie beständig am Halse trug, und fing in ihrer Launenhaftigkeit einen Kontertanz zu blasen an. Umsonst protestierten die erschrockenen Oberpriester, das liege ja gar nicht im Plane des Stückes, es half alles nichts, sie mußten, ohne alles vernünftige Motiv, nach ihrer Pfeife tanzen. Das war wie ein Fackeltanz betrunkener Derwische; die langen Habite flogen, bläuliche Irrlichter, wie sie sprangen, schlugen foppend zwischen ihnen aus dem Boden auf, sie betropften sich mit den Talglichtern von oben bis unten, daß es eine Schande war, und der Schweiß strömte von ihren Angesichtern, bis sie endlich in verwegenen Luftsprüngen plötzlich nach allen Seiten auseinanderstoben. Mein armer Professor war dabei unversehens in einen Sumpf geraten; ich sprang herbei und half ihm heraus, aber den einen Schmierstiefel mußte er doch drin stecken lassen.

Die hurtige Zukunft inzwischen ging über umgefallene Oberpriester und Schmierstiefel unaufhaltsam ihren Gang weiter fort. Ein Mittelgewölk wurde schnell aufgerollt, und man übersah auf einmal einen weiten Marktplatz, voll der lebhaftesten Geschäftigkeit, von den schönsten Palästen umgeben. Aber die Besitzer der letzteren schienen ausgezogen oder verstorben zu sein; wenigstens erblickte man überall nur Tagelöhner und Fabrikarbeiter, die sich selbst ihre Stiefel putzten, ihre Frauen hingen durchlöcherte Wäsche über die marmornen Fensterbrüstungen zum Trocknen aus, mit den offenen Fenstern klappte der Wind, und von Zeit zu Zeit flogen die Scherben einer zerbrochenen Scheibe den Vorüberwandelnden an die Köpfe. Anderes Volk, als hätte man einen Sack voll Lumpen ausgeschüttet, sonnte sich, behaglich über die Marmortreppen der Paläste hingestreckt. Eine prächtige, mit vier Pferden bespannte Staatskarosse rollte über den Platz; mit Erstaunen sah ich am Wagenfenster den nackten Ellenbogen eines Handwerkers, der aus dem zerrissenen Ärmel sich in der Sonne spiegelte. Hinten auf dem Wagentritt aber standen zwei Kavaliere und blickten im Bewußtsein aufgeklärten Edelmuts stolz von der Höhe herab, zu der ihre starken Seelen sich zu erheben gewußt.

Das Patriarchalische dieses rührenden Völkerglücks wurde nur durch einen betäubenden Lärm auf dem Platze selbst unterbrochen. Da gabs ein Heben, Messen, Hämmern und Klappern. Es waren die Oberpriester und andere Gelehrte, sie bauten eine große Regierungsmaschine nach der neuesten Erfindung des Professors, der sich darauf ein Patent erteilen zu lassen im Sinne führte.

Mitten durch dieses Getümmel aber sah man den Tyrannen in Pantoffeln und Schlafrock, als Landesvater unter seinen Kindern, mit einer langen Pfeife auf und nieder wandeln. Krone und Mantel hatte er unterdes an einen Türpfosten an den Nagel gehängt, mit dem Zepter rührte eine rüstige Schneiderfrau im Kessel den Brei für ihre Gesellen um. Er selbst hatte, des Budgets eingedenk, sogar den Gebrauch eines Hutes verschmäht, um ihn nicht durch vieles Grüßen abzunutzen. Überhaupt schien er es in der Popularität schon ziemlich weit gebracht zu haben, nur faßte er es offenbar noch etwas ungeschickt an. So kostete er zum Beispiel unnützerweise von dem Brei im Kessel und verbrannte sich den Mund, ja alle zehn Schritte rief er wiederholt: «Où peut-on être mieux, qu’au sein de sa famille!» was die Kerls, die kein Französisch verstanden, für eine jesuitische Zauberformel hielten.

Dazwischen gähnte er dann zuweilen wie eine Hyäne, als wollte er seine Untertanen verschlingen, Da wurde dem Professor, der es bemerkte, ein wenig angst. Er suchte seine Aufmerksamkeit auf die neue Regierungsmaschine zu lenken. Aber der Tyrann konnte sich durchaus nicht darein verstehen, die Pfeife ging ihm aus, sein Verstand stand ihm still dabei. Vergeblich sprachen die Oberpriester erklärend von Intelligenz, Garantien, Handels-, Rede-, Gedanken-, Gewerbe-, Preß- und anderer Freiheit. «Ja, wenn ich nur etwas davon hätt», entgegnete der Tyrann, kaltblütig seine Pfeife ausklopfend. Man sah es ihm an, wie er sich bezwang und abstrapazierte, human zu sein, er sah schon ordentlich angegriffen aus von den Bürgertugenden.

Bis hierher war nun alles ganz vortrefflich gegangen. Aber wie es wohl im Leben geschieht, es gehört oft nur ein kleiner Stein dazu, um in den weisesten Kopf ein Loch zu schlagen. So begab sichs nun auch hier. Der Tyrann, an nichts als an seine Fortschritte denkend, war eben bescheiden zur Seite getreten, um seine Tabakspfeife von neuem zu stopfen, als er plötzlich mit langen Schritten und allen Symptomen langverhaltener Wut, wie ein leuchtendes Ungewitter, wieder hervorstürzte; seine Stirn glühte aus dem bleichen Gesicht, die Augen funkelten, der Schlafrock rauschte weit im Winde – das Volk hatte ihm seinen Tabaksbeutel gestohlen! Der Professor, als er ihn so daherfliegen sah, erschrak sehr. «Um Gottes willen», rief er ihm entgegen, «wie wird Ihnen? Woher dieser unverhoffte Rückfall? Sie bringen uns das ganze Stück ins Wackeln!» – Die öffentliche Meinung pfiff aus Leibeskräften, das gebildete Publikum pochte in gerechtem Unwillen, die Oberpriester langten in der Angst eine Konstitution nach der anderen aus den Taschen und warfen sie dem Wüterich zwischen die langen Beine, um ihn zum Stolpern zu bringen. Alles vergebens! Er wollte von Bürgertugend, Popularität und Völkerglück nichts mehr hören und nahm, wie ein Stier, einen entsetzlichen Anlauf, um die ganze Zukunft umzurennen.

Doch die Konfusion sollte noch immer größer werden. Den Faulenzern auf dem Platze, die sich hier eigentlich durch Selbstdenken hatten emanzipieren sollen, war inzwischen auch die Zeit lang geworden. Was haben sie zu tun? Während die anderen an der Regierungsmaschine arbeiten, nehmen sie, ganz wider den Plan des Stückes, heimlich Krone und Purpurmantel vom Nagel, holen das Zepter dazu und begeben sich damit ohne weiteres nach der Restauration. Unterwegs kriegen sie Händel untereinander, zerreißen sich und ihre Beute und lassen sich für die Stücke in der Restauration Schnaps geben. Der Wirt, ein anschlägiger Kopf, wie er diese unerwartete Wendung der Staatsaktion sieht, besinnt sich nicht lange, zapft und läßt laufen, was er hat, leimt und flickt die Stücke schnell wieder zusammen, legt selber Kron’ und Mantel an, nimmt das Zepter in die Rechte und führt die freudetrunkene Bande wie einen Kometenschweif nach der Bühne zurück.

War nun die Zukunft vorhin schon im Wackeln, so schien sie jetzt ganz und gar in Stücke gehen zu wollen. Derweil die Oberpriester und Schriftgelehrten noch immer beflissen waren, den empörten Tyrannen wieder zu zähmen, ging auf einmal ein Mittelvorhang auf, und man erblickte im Hintergrunde den Thron selbst, auf dem soeben der Wirt aus der Restauration sich breit und vergnüglich zurechtsetzte wie einer, der mit seiner eigenen Pfiffigkeit wohl zufrieden war. Seine ganze Nation drängte sich, taumelte, lag und hing über Stufen und Lehne des Thrones um ihn her, so daß er gleich zu Anfang von seinem Zepter einen nachdrücklichen Gebrauch machen mußte.

Der Professor und die Seinigen aber standen unten wie angedonnert, sie trauten sich nicht an den unerwarteten Usurpator und feuerten nur aus der Ferne mit wütenden Blicken. Dann traten sie schnell auf die Seite, steckten die Köpfe zusammen und schienen zu konspirieren. Mit Erstaunen glaubte ich dabei einigemal meinen Namen nennen zu hören und konnte wohl bemerken, daß sie mich öfters bedeutungsvoll ansahen. Mein Gott, dachte ich, nun kommst du am Ende noch selbst mit in das Stück hinein, und ein heimliches Entsetzen rieselte mir durch alle Glieder. Es dauerte auch nicht lange, so kam der Professor auf mich zugezogen, riß mir meinen Oberrock vom Leibe und zog mir rasch ein prächtiges Hofkleid an, ein anderer rasierte mich, ein dritter steckte mir einen dicken Blumenstrauß vorn ins Knopfloch – ich wußte nicht, wie mir geschah. In der Eile erfuhr ich dann: wie sie der Meinung seien, ich als Uneingeweihter bringe hier alles in solche Unordnung durch meine kritische Gegenwart; auch könnte ich wohl, wenn ich morgen vom Blocksberg käme, unten alles ausplaudern. Umbringen wollten sie mich nicht, weil ich der öffentlichen Meinung ausnehmend gefalle; ich mußte mich daher mit der letzteren sogleich vermählen, um ganz der Ihrige zu werden. – «Aber das ist ja ein Vergnügen zum Tollwerden!» rief ich auf das heftigste erschrocken aus. – «Bah, Kleinigkeit», fiel mir der Professor in die Rede, «wir alle, die Sie hier sehen, sind schon mit ihr verheiratet.» Mich schauerte bei dem Gedanken dieser ungeheuern Schwägerschaft!

Unterdes waren die anderen Gelehrten dennoch mit dem Volke um den Besitz des Thrones handgemein geworden; darüber bekamen die Prinzipien Luft, die sie in die Regierungsmaschine verbaut hatten. Eins nach dem anderen streckte neugierig den Kopf hervor, und da es so lustig herging draußen, rüttelten und schüttelten sie und brachen den ganzen Plunder entzwei. Da sah man dort einen dünnen Paragraphen, dort ein schweres Korollarium, hier einen luftigen Heischesatz aus den Trümmern steigen, und kaum fühlten sie sich frei, so lagen sie einander auch schon wieder in den Haaren und stürzten raufend in das dickste Getümmel.

Nun entstand eine allgemeine Schlägerei, da wußte keiner mehr, wer Freund oder Feind war! Dazwischen raste der Sturm, Besen flogen, tiefer unten krähte der rote Hahn wieder, bliesen die sieben Pfeifer, schrie der Wirt, die Bühne suchte die alte Freiheit und rührte und reckte sich in wilde Nebelqualme auseinander, ein entsetzliches übermenschliches Lachen ging durch die Lüfte, der ganze Berg schien auf einmal sich in die Runde zu drehen, erst langsam, dann geschwinder und immer geschwinder – mir vergingen die Gedanken, ich stürzte besinnungslos zu Boden.

Als ich die Augen wieder aufschlug, lag ich ruhig in dem Gasthofe «Zum goldenen Zeitgeist» im Bett. Die Sonne schien schon hell ins Zimmer, der fatale Kellner stand neben mir und lächelte wieder so ironisch, daß ich mich schämte, nach dem Professor, dem Pegasus und dem Blocksberg zu fragen. Ich griff verwirrt nach meinem Kopf; ich fühlte so etwas von Katzenjammer. Und in der Tat, da ichs jetzt recht betrachte, ich weiß nicht, ob nicht am Ende alles bloß ein Traum war, der mir, wie eine Fata Morgana, die duftigen Küsten jenes volksersehnten Eldorados vorgespiegelt. Dem aber sei nun wie ihm wolle, genug: auch ich war in Arkadien!

Des Kaisers neue Kleider

von Hans Christian Anderson

Vor vielen Jahren lebte ein Kaiser, der so ungeheuer viel auf neue Kleider hielt, daß er all sein Geld dafür ausgab, um recht geputzt zu sein. Er kümmerte sich nicht um seine Soldaten, kümmerte sich nicht um Theater und liebte es nicht, in den Wald zu fahren, außer um seine neuen Kleider zu zeigen. Er hatte einen Rock für jede Stunde des Tages, und ebenso wie man von einem König sagte, er ist im Rat, so sagte man hier immer: “Der Kaiser ist in der Garderobe!”

In der großen Stadt, in der er wohnte, ging es sehr munter her. An jedem Tag kamen viele Fremde an, und eines Tages kamen auch zwei Betrüger, die gaben sich für Weber aus und sagten, daß sie das schönste Zeug, was man sich denken könne, zu weben verstanden. Die Farben und das Muster seien nicht allein ungewöhnlich schön, sondern die Kleider, die von dem Zeuge genäht würden, sollten die wunderbare Eigenschaft besitzen, daß sie für jeden Menschen unsichtbar seien, der nicht für sein Amt tauge oder der unverzeihlich dumm sei.

“Das wären ja prächtige Kleider”, dachte der Kaiser; wenn ich solche hätte, könnte ich ja dahinterkommen, welche Männer in meinem Reiche zu dem Amte, das sie haben, nicht taugen, ich könnte die Klugen von den Dummen unterscheiden! Ja, das Zeug muß sogleich für mich gewebt werden!’ Er gab den beiden Betrügern viel Handgeld, damit sie ihre Arbeit beginnen sollten.

Sie stellten auch zwei Webstühle auf, taten, als ob sie arbeiteten, aber sie hatten nicht das geringste auf dem Stuhle. Trotzdem verlangten sie die feinste Seide und das prächtigste Gold, das steckten sie aber in ihre eigene Tasche und arbeiteten an den leeren Stühlen bis spät in die Nacht hinein.

“Nun möchte ich doch wissen, wie weit sie mit dem Zeuge sind!” dachte der Kaiser, aber es war ihm beklommen zumute, wenn er daran dachte, daß keiner, der dumm sei oder schlecht zu seinem Amte tauge, es sehen könne. Er glaubte zwar, daß er für sich selbst nichts zu fürchten brauche, aber er wollte doch erst einen andern senden, um zu sehen, wie es damit stehe. Alle Menschen in der ganzen Stadt wußten, welche besondere Kraft das Zeug habe, und alle waren begierig zu sehen, wie schlecht oder dumm ihr Nachbar sei.

“Ich will meinen alten, ehrlichen Minister zu den Webern senden”, dachte der Kaiser, er kann am besten beurteilen, wie der Stoff sich ausnimmt, denn er hat Verstand, und keiner versieht sein Amt besser als er!’

Nun ging der alte, gute Minister in den Saal hinein, wo die zwei Betrüger saßen und an den leeren Webstühlen arbeiteten. “Gott behüte uns!” dachte der alte Minister und riß die Augen auf. “Ich kann ja nichts erblicken!” Aber das sagte er nicht.

Beide Betrüger baten ihn näher zu treten und fragten, ob es nicht ein hübsches Muster und schöne Farben seien. Dann zeigten sie auf den leeren Stuhl, und der arme, alte Minister fuhr fort, die Augen aufzureißen, aber er konnte nichts sehen, denn es war nichts da. “Herr Gott”, dachte er, “sollte ich dumm sein? Das habe ich nie geglaubt, und das darf kein Mensch wissen! Sollte ich nicht zu meinem Amte taugen? Nein, es geht nicht an, daß ich erzähle, ich könne das Zeug nicht sehen!”

“Nun, Sie sagen nichts dazu?” fragte der eine von den Webern.

“Oh, es ist niedlich, ganz allerliebst!” antwortete der alte Minister und sah durch seine Brille. “Dieses Muster und diese Farben! – Ja, ich werde dem Kaiser sagen, daß es mir sehr gefällt!”

“Nun, das freut uns!” sagten beide Weber, und darauf benannten sie die Farben mit Namen und erklärten das seltsame Muster. Der alte Minister merkte gut auf, damit er dasselbe sagen könne, wenn er zum Kaiser zurückkomme, und das tat er auch.

Nun verlangten die Betrüger mehr Geld, mehr Seide und mehr Gold zum Weben. Sie steckten alles in ihre eigenen Taschen, auf den Webstuhl kam kein Faden, aber sie fuhren fort, wie bisher an den leeren Stühlen zu arbeiten.

Der Kaiser sandte bald wieder einen anderen tüchtigen Staatsmann hin, um zu sehen, wie es mit dem Weben stehe und ob das Zeug bald fertig sei; es ging ihm aber gerade wie dem ersten, er guckte und guckte; weil aber außer dem Webstuhl nichts da war, so konnte er nichts sehen.

“Ist das nicht ein ganz besonders prächtiges und hübsches Stück Zeug?” fragten die beiden Betrüger und zeigten und erklärten das prächtige Muster, das gar nicht da war.

“Dumm bin ich nicht”, dachte der Mann; “es ist also mein gutes Amt, zu dem ich nicht tauge! Das wäre seltsam genug, aber das muß man sich nicht merken lassen!” Daher lobte er das Zeug, das er nicht sah, und versicherte ihnen seine Freude über die schönen Farben und das herrliche Muster. “Ja, es ist ganz allerliebst!” sagte er zum Kaiser.

Alle Menschen in der Stadt sprachen von dem prächtigen Zeuge. Nun wollte der Kaiser es selbst sehen, während es noch auf dem Webstuhl sei. Mit einer ganzen Schar auserwählter Männer, unter denen auch die beiden ehrlichen Staatsmänner waren, die schon früher dagewesen, ging er zu den beiden listigen Betrügern hin, die nun aus allen Kräften webten, aber ohne Faser oder Faden.

“Ja, ist das nicht prächtig?” sagten die beiden ehrlichen Staatsmänner. “Wollen Eure Majestät sehen, welches Muster, welche Farben?” und dann zeigten sie auf den leeren Webstuhl, denn sie glaubten, daß die andern das Zeug wohl sehen könnten.

“Was!” dachte der Kaiser; ich sehe gar nichts! Das ist ja erschrecklich! Bin ich dumm? Tauge ich nicht dazu, Kaiser zu sein? Das wäre das Schrecklichste, was mir begegnen könnte. “Oh, es ist sehr hübsch”, sagte er; “es hat meinen allerhöchsten Beifall!” und er nickte zufrieden und betrachtete den leeren Webstuhl; er wollte nicht sagen, daß er nichts sehen könne. Das ganze Gefolge, was er mit sich hatte, sah und sah, aber es bekam nicht mehr heraus als alle die andern, aber sie sagten gleich wie der Kaiser: “Oh, das ist hübsch!’ und sie rieten ihm, diese neuen prächtigen Kleider das erste Mal bei dem großen Feste, das bevorstand, zu tragen.

“Es ist herrlich, niedlich, ausgezeichnet!” ging es von Mund zu Mund, und man schien allerseits innig erfreut darüber. Der Kaiser verlieh jedem der Betrüger ein Ritterkreuz, um es in das Knopfloch zu hängen, und den Titel Hofweber.

Die ganze Nacht vor dem Morgen, an dem das Fest stattfinden sollte, waren die Betrüger auf und hatten sechzehn Lichte angezündet, damit man sie auch recht gut bei ihrer Arbeit beobachten konnte. Die Leute konnten sehen, daß sie stark beschäftigt waren, des Kaisers neue Kleider fertigzumachen. Sie taten, als ob sie das Zeug aus dem Webstuhl nähmen, sie schnitten in die Luft mit großen Scheren, sie nähten mit Nähnadeln ohne Faden und sagten zuletzt: “Sieh, nun sind die Kleider fertig!”

Der Kaiser mit seinen vornehmsten Beamten kam selbst, und beide Betrüger hoben den einen Arm in die Höhe, gerade, als ob sie etwas hielten, und sagten: “Seht, hier sind die Beinkleider, hier ist das Kleid, hier ist der Mantel!” und so weiter. “Es ist so leicht wie Spinnwebe; man sollte glauben, man habe nichts auf dem Körper, aber das ist gerade die Schönheit dabei!”

“Ja!” sagten alle Beamten, aber sie konnten nichts sehen, denn es war nichts da.

“Belieben Eure Kaiserliche Majestät Ihre Kleider abzulegen”, sagten die Betrüger, “so wollen wir Ihnen die neuen hier vor dem großen Spiegel anziehen!”

Der Kaiser legte seine Kleider ab, und die Betrüger stellten sich, als ob sie ihm ein jedes Stück der neuen Kleider anzogen, die fertig genäht sein sollten, und der Kaiser wendete und drehte sich vor dem Spiegel.

“Ei, wie gut sie kleiden, wie herrlich sie sitzen!” sagten alle. “Welches Muster, welche Farben! Das ist ein kostbarer Anzug!”

“Draußen stehen sie mit dem Thronhimmel, der über Eurer Majestät getragen werden soll!” meldete der Oberzeremonienmeister.

“Seht, ich bin ja fertig!” sagte der Kaiser. “Sitzt es nicht gut?” und dann wendete er sich nochmals zu dem Spiegel; denn es sollte scheinen, als ob er seine Kleider recht betrachte.

Die Kammerherren, die das Recht hatten, die Schleppe zu tragen, griffen mit den Händen gegen den Fußboden, als ob sie die Schleppe aufhöben, sie gingen und taten, als hielten sie etwas in der Luft; sie wagten es nicht, es sich merken zu lassen, daß sie nichts sehen konnten.

So ging der Kaiser unter dem prächtigen Thronhimmel, und alle Menschen auf der Straße und in den Fenstern sprachen: “Wie sind des Kaisers neue Kleider unvergleichlich! Welche Schleppe er am Kleide hat! Wie schön sie sitzt!” Keiner wollte es sich merken lassen, daß er nichts sah; denn dann hätte er ja nicht zu seinem Amte getaugt oder wäre sehr dumm gewesen. Keine Kleider des Kaisers hatten solches Glück gemacht wie diese.

“Aber er hat ja gar nichts an!” sagte endlich ein kleines Kind. “Hört die Stimme der Unschuld!” sagte der Vater; und der eine zischelte dem andern zu, was das Kind gesagt hatte.

“Aber er hat ja gar nichts an!” rief zuletzt das ganze Volk. Das ergriff den Kaiser, denn das Volk schien ihm recht zu haben, aber er dachte bei sich: “Nun muß ich aushalten.” Und die Kammerherren gingen und trugen die Schleppe, die gar nicht da war.

Die Jungfrau von Thilhouze

von Honoré de Balzac

Hauste da auf seinem Schlosse unweit des Fleckens Thilhouze der Herre von Valesnes, der ein gar gebrechlich Weib sein eigen nannte. Die enthielt ihm, war’s nun Laune, war’s ob ihrer Hinfälligkeit, jahraus jahrein jene Freuden vor, die doch jedes Ehegelöbnis in sich schließt. Allerdings war er aber auch ein abstoßend schmutziger Kerl, der nur an die Jagd dachte und daheim unausstehlich war wie Ofenqualm. Zudem war er seine geschlagenen sechzig Jahre alt; aber die Natur verteilt ihre Gaben ohne hinzuschaun, ob einer blind, verwachsen oder häßlich ist. Und wie das Sprichwort sagt: “Jedes Töpchen findet sein Deckelchen,” so schaute auch der Herre von Valesnes allenthalben nach Töpflein aus, die er decken könnte und ging solchermaßen auch oft auf die Schürzenjagd. Jungfräulein allerdings waren kaum aufzutreiben, aber nach endlosem Suchen und Spüren ward ihm doch eines Tages zugetragen: in Thilhouze lebe eine alte Weberswittib, deren Mädel, ein Ding von sechzehn Jahren, ein wahrer Schatz sei, ihrer Mutter immer am Rocke hinge, bei ihr schlafen und arbeiten müsse und vor plumpen Witzen der Dorfburschen, und gar vor deren Handgreiflichkeiten sorglich behütet sei. Doch hätten die beiden jetzt nichts zu nagen und zu beißen, lebten bei einem armen Verwandten und wüßten kaum, mit welchem Lumpen sich kleiden, geschweige womit im Winter heizen. Und während die Tochter zur Jungfrau erblühe, verkäme die Mutter im Elend, einzig bedacht auf des Mägdleins Jungfernschaft wie ein Alchymist auf seine Schmelztiegel.

Da sich das alles bestätigte, benutzte der Edelmann eine Gelegenheit, wo er eingeregnet war, trat in die Hütte, wo die beiden spannen, und ließ vor allem Holz holen, um sich beim Feuer zu trocknen. Inzwischen setzte er sich auf einen Schemel und beschaute im Dämmerlicht der Hütte die Reize der Jungfrau von Thilhouze: ihre kräftigen roten Arme, ihre festen Vorbauten, die ein kühles Herz deckten wie Bastionen, ihre wuchtigen runden Hüften, alles war so verlockend frisch wie ein Frosttag, jugendlich wie Maigrün, und im ganzen besehen überaus appetitlich und lecker. Dabei schaute sie mit ihren blauen Augen gar bescheiden drein, und wenn man ihr gesagt hätte: “Komm, laß mich deine Liebe kosten,” so hätte sie gewißlich in aller Unschuld gefragt: “Aber wie denn?” So ward denn auch dem Edelmann gar kitzlich zu Mute und beim Hinschauen renkte er den Hals wie ein alter Affe beim Nüssestehlen. Das sah die Mutter wohl, doch hielt sie fein ihren Mund, da er in der Gegend allmächtig war. Als nun das Feuer brannte, hub der Jägersmann an und sagte zu der Alten: “Ha, das heizt ein wie die Äuglein Eures Mädels.”

“Leider,” meinte jene, “machen die unsere Suppe nicht wärmer.”

“So tut sie zu meiner Frau als Kammermädchen, dafür würden wir Euch gern täglich zwei Bündel Holz liefern.”

“Was nützt das Feuer, wenn nichts zu kochen da ist.”

“Vier Metzen Korn im Jahr sollt Ihr auch haben.”

“Wohin damit? Ich habe weder Topf noch Kasten.”

“Gut, gut,” rief der Jungfernjäger, “Ihr sollt Schränke, Töpfe, Kessel und noch ein gutes Bett obendrein bekommen.”

“Das wird im Regen faulen,” sefzte die Alte, “denn ich habe kein Haus.”

“So sollt Ihr auch zeitlebens das Häuslein haben, wo einst mein Jägermeister wohnte.”

“Sapperlot!” rief die Alte und ließ den Spinnrocken fallen, “ist das wahr? Und was wird mein Mädel haben?”

“Es ist wahr, und Euer Mädel kriegt seinen Dienstlohn.”

“Ach, gnädiger Herr, wenn Ihr nicht meiner spottet, so wollte ich bitten, solches beim Notare zu bestätigen.”

“Aber bin ich nicht Edelmann? Mein Wort genügt!”

“Da will ich auch nichts wider sagen; aber ich liebe meine Tochter über alles und gestern noch sagte der Pfarrer, daß wir unsere Kindlein allezeit hüten müssen.”

“Gut, gut! Also laßt den Notar rufen.”

Bald kam ein alter Holzhacker angewackelt, der gut und gerne einen Vertrag aufsetzte und von dem Edelmanne unterzeichnen ließ – mit einem Kreuze, denn dem Herrn von Valesnes war die Kunst des Schreibens fremd. Und als so alles verbrieft und versiegelt war, hub dieser an: “Also, Mutterchen, nun sind Eure frommen Sorgen ob Eurer Tochter Jungfernschaft behoben?”

“Freilich, denn der Pfarrer sagte: ‘bis sie selbst vernünftig sind,’ und meine Tochter ist überaus vernünftig.”

Und zu dieser sagte die Alte: “Marie Ehrlein, deine Tugend ist dein höchstes Gut. Dorten, wo du nun hingehst, werden ihr alle nachstellen, und der gnädige Herr vornweg. Aber du weißt nun was sie wert ist und darum hab’ wohl acht und sorge, daß du sie nur daran gibst, wenn du zuvor sicher im ehelichen Fettnäpfchen sitzt, sonst bist du verratzt.”

“Jawohl, liebe Mutter,” sprach die Jungfrau und dann verließ sie die Hütte und trat bei der Edelfrau in Dienst, die mit ihr wohl zufrieden war.

Als man in der Nachbarschaft hörte, wie hoch die Jungfernschaft der Thilhouze im Preise stand, da wurden die Hausmütter inne, daß die Tugend doch ein recht profitlich Ding sei, und waren fortan eifrig besorgt, daß ihrer Töchter Jungfernschaft blühte und gedieh. Leider war ihr Mühen just so riskabel wie die Zucht von Seidenraupen; denn auch Jungfernschaften sind empfindliche Werte und gehen gar leicht drauf. Immerhin gab’s einige Mägdelein, die in den Klöstern für Jungfrauen gehalten wurden, doch mag ich nicht meine Hand dafür ins Feuer legen, da ich es nicht nach Vervilles trefflichem Rezepte nachprüfen konnte. Kurz, Marie Ehrlein befolgte ihrer Mutter weise Ratschläge und war für keinerlei Versprechungen des Edelmannes zu haben, und als er anfing, handgreiflich zu werden, da fauchte sie wie eine wilde Katze und schrie: “Ich sag’s der gnädigen Frau!” Und so kam es, daß der Wackere nach sechs Monaten noch nicht auf die Kosten des ersten Holzscheites gekommen war. Je mehr er drängte, um so widerborstiger wurde sie, und einmal antwortete sie auf seine zärtliche Frage kurz: “Wenn Ihr mich drum gebracht habt, werdet Ihr sie mir ersetzen?” Ein andermal: “Und wenn ich so viele hätte, wie Löcher im Sieb, Ihr kriegtet nicht eine, denn Ihr seid mir zu häßlich!”

Dem Edelmanne dünkte jedes ihrer Worte lichtester Tugendseim und wenn er so durch den Rock und sonsten ihre runden Reize sich abzeichnen sah, dann wuchs seine Greisenliebe noch beträchtlich. Um ihr aber alle Ausreden abzuschneiden, ließ er eines Tages seinen alten Schaffner holen, der seine siebenzig und etzliche alt war, und erklärte ihm, er müsse sie verheiraten, um sich sein altes Fell wärmen zu lassen, und Marie Ehrlich sei dazu just die rechte. Dem Schaffner, der sein ruhiges Auskommen hatte, schien es gar nicht lockend, Pflichten zu übernehmen, denen er sich entwachsen glaubte, aber sein Herr setzte ihm auseinander, daß er ihm einen Gefallen damit täte und sich um sein Weib nicht zu kümmern brauche. Und so biß der Schaffner denn in den sauren Apfel. Marie Ehrlein aber ließ sich am Verlobungstage vor allem eine gehörige Mitgift verschreiben, die sie über den Verlust ihrer Jungfernschaft trösten sollte; und als dann so alle Bedenken aus dem Wege geräumt waren, gab sie dem Edelmann auch die Erlaubnis, sie nach vollzogener Trauung so oft heimzusuchen, als er nur könne.

Das ließ sich der Herre gesagt sein und kaum war die Hochzeit aus und sein Weib im Bette, da schlüpfte er schon in das Zimmer, darinnen wie in einem Schmuckkästlein die Perle ruhte, für die er Holz, Renten, Korn, Haus und seinen Schaffner drangegeben hatte. Um kurz zu sein: die Jungfrau von Thilhouze war wirklich wunderschön, wie er alsbald beim sanften Scheine des Kaminfeuers feststellen konnte: wie er sie so lecker und jugend-duftend im Bett liegen sah, reute ihm sein Geld nicht. Und da er sich den königlichen Bissen nicht länger versagen wollte, so hub er flugs an mit erfahrener Hand in dem Buche ihrer jugendlichen Schönheit zu blättern. Aber da nun geschah es, daß er aus übergroßem Eifer plötzlich den Zusammenhang verlor, mitten im Verse zu stammeln anfing und endlich kläglich stecken blieb. Worauf das Mägdelein in aller Unschuld meinte: “Mich dünkt, hier wäre etwas mehr Schwung recht am Platze!”

Dieser Satz sickerte bald durch und Marie Ehrlein wurde, ich weiß selbst nicht wie, darob berühmt. Denn heute noch spricht man bei uns von einer ‘Jungfrau von Thilhouze’, wenn man eine Ehefrau meint, die so ist, wie ich – sie Euch nicht wünschen möchte, dafern Ihr nicht geborene Stoiker seid!

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