In einem anderen Land

von Paola Reinhardt (copyright)

Jasminaugen und ein Duft von Sandelholz
braune Hände reichen mir Tee
in den Souks von Tunis
wo die Händler und Kunden um Preise feilschen
doch ich will keinen buntgeknüpften Teppich
kein Leder und keine blaue Traumseide
spüre nur Sehnsucht nach dir
doch Karthago ist näher als du
unter den fremden Sternen
ist mir nicht einmal der Mond vertraut
aber Zeit und Stunde stimmen genau überein
als wir jetzt zum Himmel hoch schauen
ich hier und du in einem anderen Land
die Technik überwindet gerade Schallmauern
höre deine Stimme an meinem Ohr
zwischen Jasminduft und dem Spiel der Flöten
und ich weine obwohl mich ein Märchen
aus Tausend und eine Nacht umgibt.

Hier und heute

von Paola Reinhardt (copyright)

Ich gehe
setze einen Schritt vor den anderen
guter Tag heute
die Frau die ihren Krebs besiegt hat
überholt mich
das Gespenst Angst sitzt noch
immer in ihren Rockfalten
ich
fühle mich unverwundbar
solange die Träume meine Bettdecke nicht
wegziehen
habe meine Haut in Drachenblut gebadet
kein Ahornblatt fiel darauf
daher
überschätze ich mich manchmal
Libellen tanzen im Sonnenlicht
der Fisch
springt ans Licht und zurück
ins rettende Wasser
die Ameise
unter meinem Fuß stirbt plötzlich
weil die Welt so ist wie sie ist
deshalb lasst
die Geigen für uns spielen
damit sie den Tod vertreiben.

Die Geschichte einer unendlichen Liebe

von Eduard Breimann (copyright)

Die Tänzer des Meeres

Wir fahren mit einem der flachen Fischerboote entlang der Küste von Kreta. Ich beuge mich über Bord und schaue ins klare Wasser, das den Blick in die Tiefe erlaubt. Wogendes Seegras sehe ich und Fische, große Schwärme, die wie auf Kommando gemeinsam und synchron die Richtung wechseln.
Und dann, still stehend und ruhig, eine sonderbare Gestalt; farbig schillernd im von der grellen Sonne beleuchteten Wasser. Ein Wesen, so bizarr und schön, dass mir der Atem stockt. Es blickt mich aus riesigen Augen an, sinkt langsam tiefer, verschwindet im Dämmerlicht.
„Halt an!“, rufe ich dem Bootsführer zu und beuge mich tief herab. „Da ist etwas Eigentümliches!“
„Was soll das schon sein“, sagt der Bootsführer. „Ein Hai? Kleiner als ein Hai?“
„Viel kleiner. Ein ganz kleines Tier. Ich weiß wie es heißt. Es ist zauberhaft und geheimnisvoll“, sage ich und möchte ihm am liebsten hinterher springen.
Das Boot schaukelt sanft in den flachen Wellen. Meine Gedanken verharren bei diesem Wesen, das so still im Wasser stand. Ich habe es sofort erkannt. Wer es einmal im Leben gesehen hat, der vergisst es nicht mehr.
Ich beschließe spontan ihm eine Geschichte zu geben. Eine Geschichte, die zu dem passt, was ich empfunden habe, als ich es erblickte. War da nicht eine unendliche Sanftheit, gepaart mit Traurigkeit in den dunklen Augen gewesen? War es das, was „Es“ so geheimnisvoll erscheinen ließ?
„Es“? In meiner Geschichte wird „Es“ ein „Er“ sein. Jawohl, ein männliches Wesen. Damit wir in dieser Geschichte einen Bezug zu ihm aufbauen können, will ich ihm einen Namen geben, ihm, dem Geheimnisvollen, dessen dunkle Augen mich fasziniert haben.
Wie soll ich ihn nennen? Ich könnte natürlich sagen: „Der Langschnauzige“, denn so sah er aus. Es wäre die Bezeichnung die es auf den biologischen Punkt bringen könnte, aber das würde sofort jedes romantische Gefühl töten.
Ähnlich erginge es, würde ich ihn – wie es besonders gebildete Menschen tun – „Hippocampus guttulatus“ oder „Hippocampus ramulosus“ nennen. Auch das vergessen wir mal sofort.
Nun wissen aber alle, die diese Geschichte lesen, dass ich von einem Wesen spreche, das man „Seepferdchen“ nennt. Oder hat das jemand noch nicht begriffen? Sie? Aha! Seepferdchen also. Was auch ein absoluter Blödsinn ist. Das hört sich an wie … na ungefähr wie „Kasperle“. Schuld an diesem Namen sind wohl wieder die ollen Griechen mit ihren Sagen, die nichts ausließen und die Seepferdchen als die Nachfahren jener Rösser ansahen, die Poseidons Streitwagen zogen.
Aber sie sind keine Sagengestalten, es sind echte Lebewesen. Wenn Sie solche Geschöpfe an Ihrem Urlaubsort – etwa am Mittelmeer – getrocknet in Schaufenstern oder Läden sehen, vergessen Sie nicht, woher sie gekommen sind. Aus den Tiefen der Meere. Denken Sie daran, dass sie vom Aussterben bedroht sind, weil sie in Massen aus dem Meer gefischt werden und dabei oder danach grausam getötet werden.

Für diese Geschichte will ich eines dieser Seepferdchen herauspicken, an ihm das Leben und Sterben vieler seiner Artgenossen deutlich werden lassen. Wir nähern uns diesem wunderbaren Lebewesen, dessen Geschichte ich erzählen will, indem ich ihm einen Namen gebe, der zu ihm passt. Es ist natürlich ein Fantasiename, der niemals zuvor – ich kann es beschwören – an die Ohren eines Fisches gekommen ist. Also: „Er“ soll fortan „Karl-Otto!“ heißen. Na, macht das was her?
„Warte noch!“, rufe ich dem Bootsführer zu. „Ich muss erst noch etwas erledigen.“
„Kostet Ihr Geld. Ist also Ihre Zeit, Herr Schriftsteller“, sagt der grantige Kerl und schaut auf seine Uhr.
Ich beuge mich tief über Bord, so tief, dass ich mit dem Mund das Wasser berühre. Mit den Händen forme ich einen Trichter und rufe ins blubbernde Wasser: „Karl-Otto!“ und noch einmal „Karl-Otto!“
Das Seepferdchen Karl-Otto bleibt unsichtbar, hat wohl kein Interesse an der Namensgebung. Das Wasser spritzt in meinen Mund, schmeckt sehr salzig. Ich tauche mit dem Gesicht hinein und rufe noch einmal mit aller Kraft „Karl-Otto!“. Nun hat „Er“ einen Namen und meine Geschichte kann beginnen.
„Touristen“, sagt der Bootsführer abfällig. „Die spinnen, die Touristen!“
„Fahr los!“, sage ich, lehne mich zurück, blicke übers Meer, in den milchigblauen Himmel und meine Gedanken versinken in Wasser des Mittelmeeres.

Seine Heimat ist die endlose Seegrasweide, die ihm Schutz und Nahrung bietet. Natürlich war „Er“ in Wirklichkeit namenlos, das muss uns zunächst einmal klar sein. Niemals in seinem langen Leben von immerhin 370 Hellzeiten hatte ihn einer aus der Tiefe mit Namen angesprochen – nicht einmal „Sie“. Seine Zeiten waren geteilt in Hell- und Dunkelzeiten, die ihm den Rhythmus gaben, nach dem er lebte.
„Sie“, das wusste er, seitdem er sie vor ungefähr 40 Hellzeiten gesehen hatte, war seine Zukunft – wenn er sie jemals wiedersehen würde.
„Sie“ war alles, was er in den Ruhezeiten, wenn er an seinem starken Seegrasstängel ausruhte, im Kopf hatte. „Sie“ machte ihn verrückt, ließ ihn alle Vorsicht vergessen; seine beiden eigenständigen Augen suchten in der Ferne, soweit es die Dämmerung dort unten zuließ und im sanft schwingenden Seegras nach ihr – ohne nach etwaigen Feinden Ausschau zu halten.
Weder interessierten ihn die kleinen Krebschen oder die Schwebegarnelen, die ansonsten seine Lieblingsspeise waren, noch die Jäger, die ihn gerne gefressen hätten. Nicht einmal der Schatten, den das Boot über ihm erzeugte, machte ihn neugierig. Nur Trauer und Leere füllten sein Denken.

Karl-Otto war ein stattlicher Kerl von sage und schreibe 18 Zentimeter Länge, die er natürlich nur bei ausgestrecktem Schwanz erreichte – was selten passierte. Majestätisch schwebte er im Wasser, bewegte den langen Kopf in Zeitlupe. Sein Knochenpanzer, der ihn von „Kopf bis Fuß“ schützend umhüllte, war rosarot, leuchtete prächtig im Halbdunkel, das in seinem Lebensbereich in den Hellzeiten herrschte. Natürlich ist das, was die Farbe seines Panzers betrifft, eine Momentaufnahme, denn als Karl-Otto „Sie“ gesehen hatte, war es um seine Farbe geschehen, wie wir später erfahren werden. Man muss wissen, dass die Farben der Seepferdchen nicht statisch sind, sondern schon mal wechseln können.
„Sie“ dagegen hatte einen knallgelben Panzer. Knallgelb? Ha! „Sie“ war nicht anders als andere Weibchen ihrer Art; nur eine Farbe reichte natürlich nicht.
„Man muss schon was tun, um die Konkurrenz aus dem Wasser zu schlagen“, lautete ihr Wahlspruch.
Rote Punkte zierten ihren Panzer, gaben ihrer zierlichen Figur ein erotisches Aussehen. Und genau darin hatte Karl-Otto sich zuerst verliebt. Zuerst! Denn als er ihr rechtes große Auge sah, mit dem sie ihn beobachtete, während das andere gierig die Flohkrebse – die gerade als Schwarm vorbeihuschten – betrachtete, war es vollends um ihn geschehen. Dieses große dunkle Auge trug die Geheimnisse der ewigen und unergründlichen Meereswelten in sich, ließ seine Seele in Tiefen versinken, in denen er sich verlor.
„Sie“ war kleiner als er, aber nicht sehr viel. Die zierliche Rückenflosse bewegte sich in einer Weise, die ihn elektrisierte; langsam ruderten ihre Brustflossen, drehten den schwebenden Körper in seine Richtung.
Immer hatte er geglaubt, dass er die Wahl hatte, dass er sich für das passende Weib entscheiden würde. Das war absolut klar und sein Selbstbewusstsein ließ nichts anderes zu. Und nun das. Er wusste sofort, dass „Sie“ ihn auserkoren hatte und nicht er „Sie“. Und doch war er bereit.
„Was ist nur mit mir los?“, dachte er ziemlich verwirrt.
Er vergaß alle seine Machogedanken. Noch nie war er so sicher gewesen wie bei ihr. „Sie ist es!“, dachte er nur – und war schon ein wenig verliebt. Wir kennen das ja. Manchmal genügt ein Blick aus dunklen oder blauen Augen und schon ist es geschehen.

„Sie“ verschwand nach dem Morgentanz, den „Sie“ – wie ihre Artgenossen – beim Wechsel von der Dunkel- zur Hellzeit vorführte. Manchmal schwebte „Sie“ weiter hinten über dem Seegras, fast am Rande seines Bereiches. Er suchte „Sie“, pendelte ihr langsam nach, ließ sich von der sanften Strömung, die das Seegrasfeld wogen ließ, treiben. Manchmal verlor er „Sie“ aus den Augen, aber dann tauchte „Sie“ wieder auf, tanzte um ihn herum. So ging das einige Hellzeiten lang. Allmählich hatte er das Gefühl, dass „Sie“ schon immer da gewesen war. Er ließ es zu, dass „Sie“ die fettesten „Schwebegarnelen vor seinem Saugrüssel in sich sog, hatte keinen Neid, nur Liebe für sie übrig.

Dann kam das Verhängnis. So nannte er das, was er nicht näher beschreiben, nicht erklären konnte, was aber schon immer als ein mögliches Unheil in seinem Bewusstsein verankert war. Er hatte sich gerade vom Grasstängel gelöst, schwebte mit kleinen Schlägen der Brustflossen in die Richtung, in der „Sie“ gewöhnlich die Dunkelzeit verbrachte. Weit hinten erblickte er sie, sah, wie sie sich nach oben bewegte, bereit für den allmorgendlichen Tanz.
Ein schwarzer Blitz schoss mit ungeheurer Geschwindigkeit über ihren Köpfen dahin, brüllte ins Wasser und zog einen wirbelnden Schleier hinter sich her.
Karl-Otto verkrampfte in einem angeborenen Reflex seinen langen Greifschwanz um den Seegrasstengel, der gerade neben ihm war, und ließ erst los, als sich das Wasser beruhigt hatte. Seine Augen suchten in Panik die Umgebung ab. „Sie“ war nicht mehr da!
Noch nie war er so schnell, so unüberlegt und hastig über den Grund geschwebt. Geschwebt? Ha! Wie der Blitz flog er dahin – mindestens einen Meter in fünf Minuten; seine Rückenflosse wirbelte nur so. Bis an den Rand seines Bereiches, den ihm kein anderes männliches Seepferdchen streitig machen würde, trieb er. Nur kurz verharrte er dort, umrundete sein ganzes Gebiet auf der Suche nach ihr. Nichts! „Sie“ war fort, weggerissen vom Schleier, der alles Bewegliche mitgenommen hatte.
Das war der Moment, in dem Karl-Otto mehrere Dinge – fast gleichzeitig – feststellte: Erstens begriff er seine große, unendliche Liebe zu der Entschwundenen. Zweitens empfand er eine furchtbare und tiefe Trauer. Drittens entwickelte sich eine tierische Wut auf alle schwarzen Blitze und ihre Schleier. Viertens schwor er denen eine wilde Rache und schließlich wurde ihm klar, dass er „Ihr“ unbedingt einen Namen geben musste. Denn da erging es ihm nicht anders als uns. Wie können wir – unsterblich verliebt – an so ein Wesen denken, wenn wir nicht einmal wissen, wie es heißt?
„Weil ich „Sie“ liebe, muss „Sie“ einen Namen haben“, sagte sich Karl-Otto und nannte „Sie“ fortan „Paulinchen“. Dem schließen wir uns an, denn er hatte die Wahl und wir finden den Namen passend für dieses überirdisch schöne Wesen.

Paulinchen war also verschwunden und so begann die Zeit, in der er trübsinnig über dem Seegras schwebte, unlustig die Beute in seinen Röhrenmund saugte und die Augen dabei in die Ferne schweifen ließ. Eines nach links und das andere nach rechts. Weder das rechte noch das linke Auge entdeckte jemals Paulinchen. Mal war es eine längst vergebene, sogar ziemlich schrullige Seepferdchenfrau, die ihm begegnete, mal eine, die zwar hübsch anzusehen war, aber kein Interesse an ihm zeigte.
Hatte ihn das früher geärgert – „Immerhin bin ich der Schönste weit und breit!“, dachte er dann – so ließ ihn das jetzt kalt.
Sein Tagesablauf war wie immer. Er löste sich vom Seegrasstängel, sobald die Hellzeit begann, die Umgebung sichtbar wurde, ließ sich von den vibrierenden Strömungen tragen und begann seinen Morgentanz. Ohne rechten Hunger saugte er vorbei schwebende Flohkrebse ein, zog den Kopf ein, wenn ein Raubfisch in der Nähe war und ließ sich treiben, bis die Dunkelzeit begann und er sich an seinen Platz begeben musste.

Die Hell- und die Dunkelzeiten gingen vorüber, seine Gefühle für Paulinchen waren und blieben unverändert. Karl-Otto verstand nicht, was passiert war, konnte nicht an ihren Tod glauben, denn dazu hätte er sie da auf dem Seegras liegen sehen müssen. Dann erst hätte er verstanden, hätte mit seiner nie endenden Trauer leben müssen. So aber war er dazu nicht fähig, wusste nur, dass es mit dem schwarzen Blitz zu tun hatte, der sie mitgenommen hatte.
Tief in seinem Gedächtnis hatte er den Schrei seines Vaters verwahrt, der von so einem schwarzen Blitz entführt worden war. Da war er gerade zwanzig Hellzeiten alt gewesen. Die Alten und seine Mutter hatten sich damals schreckliche Geschichten erzählt. Von diesem schwarzen Blitz und dem Schleier, der sie erfasste und mitnahm.
„Wer einmal in diesem Schleier ist, der kommt niemals zurück“, hatte der Bruder seines Vaters erzählt. Er war Witwer, hatte seine geliebte Frau auf solche Weise verloren.
Aber auch er wusste nicht, wohin der Schleier sie brachte. Ob sie dort an anderer Stelle weiterlebten oder von dem schwarzen Blitz gefressen wurde, wie manche behaupteten, das blieb unklar.
„Es wird eine Hellzeit kommen, da sind wir alle wieder zusammen“, versprach damals eine schon ziemlich tüddelige alte Tante, die immer so geheimnisvolle Sachen sprach. Aber das glaubte kaum einer und die Angst war seit dieser Zeit immer in ihm gewesen. Jetzt kam noch die Trauer hinzu; die Trauer um das entführte Paulinchen. Um sein Paulinchen!

Es war eine Hellzeit wie alle andern zuvor – und wie keine danach. Karl-Otto hatte seinen Greifschwanz um den dunklen Seegrasstängel gelegt und träumte mit offenen Augen.
Ein Schwarm Mamorbrassen kam von links und zog an ihm vorbei. Er hatte keines seiner beiden Augen für sie übrig. Auch nicht für den roten Meerbarbenkönig, der ihn abfällig musterte. Nicht einmal die quirligen Zebra-Brassen, die einen wilden Zickzackkurs vor seinem Saugrüssel vorführten, fanden seine Beachtung.
„Paulinchen!“, dachte er wehmütig, als er ihren feinen quittegelben, rot gepunkteten Panzer über der Seegraswiese schweben sah.
„Leider nur ein Traum“, dachte er und saugte mit halber Kraft – und völlig gedankenlos – eine Schwebegarnele ein, die gerade vorbei kam. „Sie wird nie mehr kommen. Nie mehr.“
Karl-Otto drehte seine Augen nach links, dann nach rechts, betrachtete den Schwarm der Goldstrieme, der langsam vorbeizog und schaute wieder rüber zum Seegrasfeld. Es wogte leicht in der sanften Strömung, Halme reckten sich und mitten drin leuchtete ein quittegelber Fleck. Starr schaute er auf diesen Punkt, konnte nichts anderes mehr denken als „Paulinchen“. Der quittegelbe Punkt schwebte langsam näher, unendlich langsam, wurde größer und größer. Rote Punkte sah er und dachte, das käme von seinen schlechten Augen. Aber dann kam der Moment, in dem alle Zweifel zu Wassertropfen wurden, die sich im Mittelmeer auflösten.
„Sie ist es!“
Ja, es war Paulinchen. Langsam trieb sie heran, wedelte spielerisch mit den zierlichen Brustflossen. „Hallo“, sagte sie und hatte nur Augen für ihn.
„Paulinchen“, seufzte Karl-Otto. „Wo warst du nur?“
„Hä? Wer ist denn Paulinchen?“, fragte Paulinchen und drehte sich so, dass ihr rechtes Auge nach hinten schauen konnte. Aber da war nur ein Sägebarsch, der bestimmt nicht Paulinchen hieß.
„Du. Ich meine, du bist Paulinchen. Ich habe dich vermisst.“
„So?“, fragte sie etwas schnippisch. „Und wieso Paulinchen?“
„Nun ja, einfach so. Es passt zu dir“, sagte er und ließ den Seegrasstängel los.
„Ich habe einen Namen? Das gab’s ja noch nie! Und warum dies?“
„Du warst so lange weg. Damit ich an dich denken konnte, so richtig, meine ich, habe ich dir den Namen Paulinchen gegeben. Fiel mir einfach so ein.“
„So, so. Fiel dir einfach so ein. – Und du? Wie soll ich dich nennen? Wenn schon, dann du auch. Soll ich mir etwas aussuchen?“
„Nein, nein! Ich glaube, ich habe schon einen. Ist nur so ein Gefühl, aber ich meine … Ob ich es geträumt habe? Oder hat mich jemand so gerufen? Nun ja, ist ja auch egal. Ich weiß einfach, dass ich Karl-Otto heiße. Gefällt dir der Name?“
„Karl-Otto? Hmm! Nun ja, das spricht sich gut und bei deinem schönen Kranz, den du auf dem Kopfe trägst, da … Also, irgendwie wirkst du besonders, also so passend zu dem Namen.“
„Fein. – Nun sag schon, Paulinchen. Wo, liebes Paulinchen, bist du gewesen? Was ist mit dir passiert?“
„Ach, Karl-Otto, das war schrecklich. Dieser Schleier, du weißt schon, riss mich an sich, zog mich mit sich, dass mir ganz schwindelig wurde. Unzählige unserer Art waren in dem Schleier gefangen, wurden von großen Fischen zerquetscht, erdrückt. Es war ein Jammer. Die Fische, die sonst hier um uns herum leben, die waren wütend, tobten wie du es noch nie gesehen hast. Besonders ein Zackenbarsch, du weißt schon, dieser braune Riese, der war wild und böse. Er biss schließlich ein Loch in den Schleier, sauste hindurch und war verschwunden.
Ein paar unserer Artgenossen fielen gemeinsam mit mir hinterher, purzelten durch das Loch. Ja, so war das. Dann habe ich mich auf den Weg gemacht, zurück zu dir. Ich wollte nur zu dir. Ich hatte dich doch gesehen und wusste …“
„Was, Paulinchen, wusstest du?“
„Ach, ich mag’s nicht sagen“, flüsterte Paulinchen und ihr Panzer wurde für einen Moment ganz rot.
Sie glitt zu ihm hin, verhakte ihren Greifschwanz in seinen, zog ihn also mit sich und er folgte willig. Sie drehten sich, stiegen mühelos empor, ließen sich wieder sinken, bis die Schwanzspitzen das Gras berührten, kreisten langsam um ihre Achse.
Er ließ den Blick nicht von ihr, fühlte eine Schwerelosigkeit, wie er sie noch nie erlebt hatte, glitt mit ihr in die Höhe, bis die Helligkeit den Augen weh tat, fühlte voller Glück ihre Nähe.
„Komm“, sagte er und zog sie mit sich zu seinem dicken und festen Seegrasstängel. „Komm zu mir.“
Sie hakten sich beide am glatten Stängel ein, nutzten ihn als Dreh- und Angelpunkt, um sich in gleichem Rhythmus um ihn zu winden, an ihm auf und ab zu gleiten.
Endlos, schier endlos dauerte dieses Spiel, bis Paulinchen sich löste und langsam mit der sanften Strömung wegtrieb.
„Bleib!“, rief er, aber sie drehte nur das linke Auge zu ihm hin und wieder glaubte er die Geheimnisse des unendlichen Meeres zu sehen.
„Bis morgen“, rief sie leise und er wusste, dass alles gut und richtig war.

Als die Dunkelzeit sich unter die Grasmatten verkroch, die bunten Schuppen des Meerpfaus wieder im Licht glänzten, da war sie ganz dicht bei ihm. Langsam hakte sie sich unter ihm an den Stängel, begann erneut ihren Tanz, dem er synchron folgte.
„Komm“, sagte sie nach einiger Zeit, löste sich und schwebte frei vor ihm
Er folgte ihr und schaute auf seinen lang ausgestreckten Greifschwanz. Erschrocken blickte er zu ihr hin, sah, dass ihr quittegelber Panzer stärker glänzte als zuvor.
„Schau mich an!“, rief er. „Schau dir das an!“
„Ich weiß“, rief Paulinchen zurück. „Dein Panzer sieht genau so aus wie meiner. Das ist das Zeichen, weißt du das nicht?“
Ja, so war es, sein Panzer sah genau so quittegelb aus wie der von Paulinchen, hatte fast an den gleichen Stellen rote Punkte.
„Komm“, rief Paulinchen, „lass uns ein wenig dein Wohngebiet ansehen. Mal sehen, ob Nahrung genug für uns da ist. Wir sind nun ein Paar.“
„Wenn du es sagst“, seufzte er glücklich.
Sie hakten ihre Greifschwänze ineinander und ließen sich treiben. Nur ganz langsam kamen sie voran, öffneten ab und zu ihre Saugrüssel, um Fischlarven einzusaugen. So flanierten sie kreuz und quer durch das Revier.
„Es gefällt mir hier. So viele Larven von Insekten, so viel Plankton und Schwebegarnelen. Du wohnst nicht schlecht – und das ist gut für unsere Kinder.“
„Unsere … Unsere Kinder? – Du meinst?“
„Wenn ich was sage, dann meine ich es auch“, sagte Paulinchen und ihre unergründlichen Augen schossen Blitze. „Oder willst du keine Kinder? Verstehen könnte ich es ja, denn es ist ja schließlich Männersache. Vorbei für lange Hellzeiten mit dem lustigen Leben. Nur noch Kinder, Kinder, Kinder.“
„Oh! Nein, das ist es nicht. Nein, das ist schon gut so. Ich meine nur …“
„Was meinst du nur?“
„Nun ja, wir kennen uns doch erst ein paar Hellzeiten. Du meinst das reicht?“
„Ha! Diese Männer! Wie lange soll ich denn um dich werben? Wie hättest du es denn gerne? 365 Hellzeiten? So lange hast du nun auch nicht mehr zu leben.“
„Oh, du irrst dich. Ich sehe zwar älter aus, aber es sind erst runde 400 Hellzeiten, die mein Panzer auf sich geladen hat. Und da bleiben mir, bei allen Meeresgöttern, immer noch gute 1800 Hellzeiten.“
„Oha! Du kannst aber gut rechnen. Ja, ich habe dich wirklich für älter und reifer gehalten.“
„Ich bin reifer!“
„Gut! Das sage ich doch die ganze Zeit. Also?“
„Frauen! – Ach Paulinchen, du hast ja Recht. Wenn nicht jetzt, wann dann!“
„Ja“, sagte sie und entschwebte, ließ ihn ratlos zurück.

Gerade brach die vierte Hellzeit an, nachdem Paulinchen ihrem Karl-Otto erklärt hatte, dass sie von ihm Kinder haben möchte. In den Dunkelzeiten, wenn sie nicht da war, in ihrem Revier schlief, drehten sich seine Gedanken nur noch um das Eine. Ja, er wollte es mit ihr tun, wollte ihre Kinder gebären. In stiller Lust sehnte er die Hellzeiten herbei, wartete auf Paulinchen, auf ihren morgendlichen graziösen Tanz.
An diesem Morgen kam sie später als sonst, tanzte dicht vor ihm, zog ihn magisch an. Stundenlang tanzten sie, mit ihren Greifschwänzen verhakt, langsam und voller Lust.
Plötzlich stockte Paulinchen, löste sich von ihm reckte die Rüsselschnauze steil nach oben, streckte den Greifschwanz pfeilgerade nach unten. So verharrte sie.
Er blickte sie an, voller Verlangen, und Wellen durchströmten seinen Körper, ließen den Panzer zittern.
„Komm!“, sagte Paulinchen. „Komm jetzt.“
Karl-Otto konnte keinen klaren Gedanken fassen, wusste nur, dass es endlich so weit war. Alle seine Träume der letzten Dunkelzeiten würden sich jetzt erfüllen.
Und er wusste genau, was zu tun war, obschon es ihm niemand gezeigt hatte. Er musste die Brusttasche bereit machen. Mehrfach bewegte er den Schwanz wie die Klinge eines Klappmessers vor und zurück, pumpte auf diese Weise Wasser in seinen Beutel hinein und wieder hinaus. Erst als er wusste, dass der Beutel gesäubert, mit frischem, sauerstoffreichen Wasser ausgespült war, wurde er langsamer, stand schließlich still vor Paulinchen.
„Jetzt!“, sagte er nur und zeigte mit seiner langen Schnauze zur Wasseroberfläche.
Paulinchen näherte sich, dockte an Karl-Ottos Bauchtasche an und begann die Eier hinein zu pressen.
„Ich liebe dich“, sagte sie leise, als alles geschehen war.
„Ja“, seufzte Karl-Otto. „Es ist so. Ich liebe dich auch.“
Sprach’s und löste sich von ihr, blieb nur mit dem Greifschwanz verbunden. Der geheimnisvolle Vorgang der Befruchtung schloss sich sehr schnell in seinem Brustbeutel ab.
„War ich gut?“, fragte Paulinchen.
Karl-Otto nickte. „Hab leider keinen Vergleich“, sagte er.
„Das ist gut. Anders wäre für unsere Art auch ungewöhnlich. – Genau zweihundert waren’s übrigens. Pass gut auf, dass keins verloren geht“, ermahnte ihn Paulinchen.
„Wie schön das war! Herrlich, liebstes Paulinchen“, rief Karl-Otto und vergaß die ganze schöne Unterwasserwelt.

Sie begannen jeden Morgen mit einem Tanz, der sie einstimmte auf die neue Hellzeit. Paulinchen blieb nur während des Tanzes bei ihm, entschwebte dann bald und ließ ihren Karl-Otto alleine. Aber nie war sie weit weg, suchte die Seegraswiesen in seine Nähe nach Futter ab und wenn die Dunkelzeit kam, saß sie an ihrem Stängel.
Karl-Otto wurde behäbiger, löste sich nur noch für den Tanz vom Seegrasstängel. Genau 24 Hellzeiten nach ihrem Geschlechtsakt war es soweit. Die Dunkelzeit war gerade hereingebrochen. Still war es hier am Grund des Meeres und alle Hellzeitfische schliefen bereits. Karl-Otto spürte es, wusste instinktiv, dass der große Moment gekommen war.
„Ich werde Vater“, dachte er und spürte Stolz – aber auch etwas Bange.
Aus den Eiern, die sich in seiner Gebärmutterwand eingenistet hatten, schlüpften genau zweihundert kräftige, wenn auch winzige Seepferdchen. Karl-Otto pumpte mit dem Greifschwanz, zwängte die quirligen Kleinen hinaus, schleuderte sie in die feindliche Unterwasserwelt.
Neugierig schaute sein rechtes Auge nach unten zu seinem Beutel, während das andere die Umgebung beobachtete.
„So klein“, dachte er und wünschte sich Paulinchen herbei, damit sie das Wunder sehen und ihn bewundern könnte.
Aber Paulinchen kam, wie immer, erst als die Hellzeit schon fortgeschritten war. Da war bereits alles geschehen, die zweihundert kleinen Seepferdchen längst im Seegrasbett verschwunden waren.
„Na endlich!“, rief er ihr entgegen, machte keine Anstalten, ihre Tanzbewegungen mitzumachen. „Ich bin fix und fertig! Sie sind gekommen, während du geschlafen hast. Es war soooo anstrengend. Ich hätte deine Nähe gebraucht, Paulinchen.“
„Oh! Alle sind geboren? Sind sie gesund? Hast du sie gezählt? Fehlt auch keins?“
„Andere Sorgen hast du nicht? Frag mich mal wie es mir geht. Mein Greifschwanz hat Muskelkater, meine Brusttasche fühlt sich an, als wenn noch weitere zweihundert drin stecken würden. Ihr Weiber habt es gut. Ich möchte nur, dass ihr einmal – wirklich nur einmal – gebären müsstet. Aber dann würdet ihr wahrscheinlich auf den Geschlechtsakt verzichten. Na ja, die Natur weiß schon, was sie macht.“
„Ach, du Armer! Du tust mir so Leid. Kann ich was für dich tun? Hast du denn schon gefrühstückt?“
„Ja!“, knurrte er, schon wieder versöhnt. „Drei Schwebegarnelen. Alte! Unappetitliche. Aber was sollte ich machen, war ja zu schlapp, um mich weiter weg zu wagen.“
„Komm, mein Liebster. Bewegung wird dir gut tun. Lass uns einmal durch dein Revier flanieren und schauen, was wir als zweites Frühstück erhaschen können. Und morgen sieht die Wasserwelt schon wieder ganz anders aus.“
„Ihr Weiber habt gut reden. Na gut. Lass uns durchs Revier eilen, damit ich schnell wieder an meinem Stängel sitzen kann.“ Sprach’s und schwebte langsam davon.

Die Hell- und Dunkelzeiten wechselten sich ab wie immer. Die Nahrung war reichlich wie stets und es gab nur selten Raubfische, die durchs Revier streiften. Sie waren keine wirkliche Gefahr. Wer von denen einmal einen Panzer wie Karl-Otto und Paulinchen ihn trugen im Maul gehabt hatte, der verzichtete auf diesen Leckerbissen. So lebte es sich also gut und gefahrlos.
An einem besonders hellen Tag entdeckten die beiden bei ihren gemächlichen Streifzügen durchs Revier drei ihrer Jungen. Sie segelten auf sie zu, wollten sie näher betrachten. Aber die tauchten glatt weg, als sie ihnen zu nahe kamen, kümmerten sich nie um sie.
„Typisch!“, seufzte Paulinchen. „Was haben wir nicht auf uns genommen, um sie in die Welt zu setzen. Und nun das. Schau sie dir an! Keine Achtung vor dem Alter. Von Dank einmal ganz zu schweigen.“
„Wenn hier einer ärgerlich sein könnte, dann ich. Wer hat denn die Qualen und Sorgen in der Schwangerschaft gehabt? Na? Das war doch wohl ich. Ärgere ich mich über die Bengel? I wo! Das ist nun mal der Lauf der Unterwasserwelt. Sie leben ihr Leben, werden sich ihr eigenes Revier suchen müssen. Lassen wir sie in Ruhe. Sei froh, dass sie uns nicht das Futter vom Saugrüssel wegfressen“, entgegnete Karl-Otto.
Sie schwebten zurück zu seinem Platz, hängten sich an seinen Seegrasstängel und plötzlich begann Paulinchen mit leichten Schaukelbewegungen den Stängeltanz, wie sie ihn damals getanzt hatte. Zögerlich nur folgte ihr Karl-Otto.
„Du meinst?“, fragte er, schon etwas atemlos.
„Ja, ich meine. Wäre es nicht schön, wenn wir es noch einmal machen würden? Die Lust damals! Hast du vergessen?“
„Ach, Paulinchen, ich bin nicht mehr der Jüngste. Ob ich das noch durchstehen kann?“
Sie drehte sich schneller, zog ihn mit sich, glitt am Stängel auf und ab, drehte sich um ihn herum.
„Ich war dir immer treu. Hab’s nie mit einem anderen Seepferdchen getrieben, das weißt du. Und als Lohn könntest du doch …“
„Und ich? War ich nicht treu?“, fragte Karl-Otto. „Nie war ich in der Nähe eines diese losen Weiber, die ab und zu durchs Revier schweben. Würde mir gar nicht einfallen. Aber deshalb muss man doch nicht …“
„Doch, muss man. Mich hat die Lust gepackt“, rief Paulinchen.
Sie löste ihren Greifschwanz vom Stängel und trieb leicht mit den Brustflossen paddelnd vor ihm her. „Komm!“, rief sie. „Lass es uns beginnen. Es dauert eine Weile bis ich soweit bin.“
Ihre letzten Worte gingen unter im Rauschen und Dröhnen und als der schwarze Blitz über sie hinwegfegte, als der Schleier durchs Wasser rauschte, da wusste Karl-Otto, dass es vorbei war. Diesmal, das spürte er instinktiv, würde kein brauner Zackenbarsch den Lebensretter spielen. Diesmal war einmal zu viel.

Karl-Otto verließ seinen Seegrasstängel nie mehr. Er saugte zufällig vorbeischwebende Nahrung in seinen Rüssel, ohne darauf zu achten, was er erwischt hatte. Die Hell- und Dunkelzeiten kamen und gingen. In seinen Träumen sah er sie, fühlte noch einmal wie sie in seine Brusttasche die Eier legte. Wenn er wach wurde, die grausame Leere verspürte, dann wusste er, dass sein Leben sich dem Ende zuneigte.
„Kinder habe ich genug in die Welt gesetzt“, dachte er. „Ich habe meine Schuldigkeit getan. Ich kann in Ruhe gehen. Und wer weiß, vielleicht kommt etwas danach. Vielleicht hat die alte Tante doch Recht, die immer von einem großen Meer sprach, in dem wir uns alle wiedersehen; in dem sich alle Liebenden treffen und für immer zusammen sein können. Vielleicht.“
Als die Dunkelzeit anbrach, löste sich sein Greifschwanz, streckte sich langsam wie bei der Paarung und sein langer Rüssel zeigte hoch zum letzten Hellzeitschimmer. Langsam, sehr langsam rutsche Karl-Otto herunter, lag reglos im sanft sich bewegenden Seegras und als die neue Hellzeit begann, hatten die Gräser seinen leblosen Körper unter sich begraben.

Am Abend ging ich durch die Altstadt von Iraklio. Wahre Touristenströme bevölkerten die Straßen; ein Sprachengewirr füllte die Abendluft.
In der Nähe der Agios-Titos-Kirche befand sich eines der größten Souvenirgeschäfte der Insel. Draußen vor dem Geschäft hatten sie einen riesigen Baldachin aufgespannt. Da waren sie! Kleine, große, Langschnauzige und Kurzschnauzige. An bunten Bändern hingen sie. Es sah aus, als hätte man sie damit stranguliert, sie aufgehängt, damit sie ersticken.
Langsam schlenderte ich näher, betrachtete die Auslagen. Die Touristen drängten sich im Laden; der Besitzer und sein Gehilfe bedienten die zahlreichen Käufer. Vor mir stand ein Paar mit zwei kleinen Töchtern. Sie sprachen deutsch und die sommerlich gekleideten Kinder befummelten die handgefertigten Puppen. Plötzlich entdeckte eine, die größere, die baumelnden Seepferdchen.
„Papa! So eins will ich haben. Für mein Zimmer. Das hänge ich mir übers Bett.“
„Ich auch. Ich auch“, rief ihre Schwester und zeigte auf ein großes langschnauziges Seepferdchen, dessen Augen aus Glas und tot in die Gegend starrten.
„Kauf sie ihnen doch“, sagte die Frau und der Mann nickte, nahm zwei Seepferdchen aus der Befestigung, ließ sich von seinen Töchtern durch eifriges Nicken bestätigen, dass es die richtigen waren und zwängte sich durch die Menge zur Kasse.
„Wisst ihr, dass sie im Meer ganz friedlich leben? Ungefähr sechs Jahre werden sie alt. Wenn sie einen Partner oder eine Partnern gefunden haben, dann bleiben sie ein Leben Lang zusammen“, sagte ich zu den Töchtern, die mich erstaunt ansahen.
„Was wollen Sie von den Kindern?“, fragte die Frau mit aggressiver, verteidigungsbereiter Stimme.
„Nichts. – Oder doch etwas. Ich wollte ihnen erklären, dass dies keine künstlichen Figuren sind; dass es Lebewesen waren, die glücklich dort unten im Meer gelebt haben. Bis ein Fischer sie mit Netzen einfing. Hunderte und Tausende. Viele wurden dabei zerquetscht und zerrissen. Die Überlebenden wurden anschließend getötet und getrocknet. Für die Touristen.“
„Ach hören Sie doch auf!“, rief die Frau. „Die Fischer und andere wollen auch nur leben. Und von diesem Zeugs gibt es genug da unten im Wasser. Verderben Sie meinen Kindern nicht die Freude an den Dingern.“
„Ja“, sagte ich leise. „Wenn sie begreifen würden, dass es keine Dinger sind, sondern echte, liebenswerte Lebewesen, dann könnte ihnen tatsächlich der Spaß daran vergehen.“
„Was ist hier los?“, fragte der Mann, der es geschafft hatte zu bezahlen; auch er in Sprache und Körperhaltung angriffsbereit.
„Nichts. Nichts“, sagte ich und erst im Wegdrehen schaute ich ihm ins Gesicht. „Ich wollte Ihren Kindern nur erklären, dass die Erde nicht nur den Menschen gehört, dass es auch andere Lebewesen gibt, die ein Recht auf Leben haben.“

Weihnachten 1944

von Eduard Breimann (copyright)

Erinnerungen

„Weihnachten ist für uns Christen etwas Besonderes. Wenn die Welt untergeht und rundum das Chaos herrscht, werden wir unser Weihnachten doch noch feiern“, sagte Opa am Heiligen Abend.
Er stand auf dem alten Werkstattstuhl und schmückte den zimmerhohen Tannenbaum. Es war kalt im guten Wohnzimmer und deshalb hatte Fred seine dicke Jacke angezogen. Die Fenster waren mit schweren Rollos verschlossen, damit kein Lichtschimmer von Draußen zu sehen war. Wenn das Licht angemacht wurde, ging Opa ums Haus herum und schaute nach.
„Verdunkelung muss man ernst nehmen, Fred. Du weißt, dass unsere Feinde nachts von da oben schauen wo Licht ist. Genau da schmeißen sie Ihre Bomben hin.“
Er saß auf der Chaiselongue und schaute aufmerksam zu. So ein Ding stand auch im gewöhnlichen Wohnzimmer, dem täglichen, aber zu dem durfte man ‚Sofa’ sagen. Zu diesem nicht. Ins gewöhnliche Wohnzimmer durfte man immer, wann man wollte; ins gute Wohnzimmer nicht.
„Die Chaiselongue war sehr, sehr teuer. Und sie ist etwas Besonderes“, hatte Oma zu ihm gesagt. „Deshalb nennen wir das nicht Sofa, sondern Chaiselongue. Das macht was, das hört sich so teuer an wie es war.“
Es war das erste Mal, dass er dabei sein durfte. Früher hatten sie erzählt, das Christkind würde den Baum schmücken. Das war vorbei; er wusste jetzt, dass alles von Oma und Opa gemacht wurde, was Weihnachten passierte.
Stück für Stück verwandelte sich der Tannenbaum zum Weihnachtsbaum. Auf der abgeschnittenen Spitze hockte schon der rotweiße Engel mit dem kostbaren Brokatkleid und besah sich fortan gemeinsam mit Fred diese Wandlung. Es folgten silbrigweiße Glaskugeln, die wie Seifenblasen aussahen. Sie waren rund oder auch an einer Seite nach innen gewölbt und dort fein ziseliert, mit weißem Pulver bestreut.
„Die sind alle aus Glas. Wenn ich sie feste drücke, platzen sie; wenn eine runter fällt, gibt’s Scherben – und Schimpfe von Oma. Oma hängt an ihnen; sie hat sie mit in die Ehe gebracht“, erklärte Opa. „Also hüte dich und fass sie nie an.“
Tat er nicht; Omas Schimpfe war ziemlich schlecht zu ertragen. Nun mussten silbrig angestrichene Glöckchen aus Glas befestigt werden; die weißen Streusel auf der Oberfläche sahen aus wie Raureif. Opa schälte silbrige Vögel, mit einem Schwanz aus buschig abstehenden weißen Borsten aus dem Pappkarton; fünf solcher Vögel verteilte er im Baum.
„Die singen immer das Lied ‚Ihr Kinderlein kommet’ – aber so leise, dass es nur das Christkind hören kann“, sagte Opa.
Fred beobachtete die Vögel, die auf den dünnen Zweigen wippten. „Opa! Ich bin doch kein kleiner Junge mehr. Das stimmt gar nicht.“
„Na ja; muss ich wohl erst noch lernen, dass du schon fast erwachsen bist. Im letzten Jahr hast du’s noch geglaubt und dein Ohr dran gehalten.“
Er warf silbern glänzendes Lametta in dicken Strängen auf die Zweige. Fred wollte auch mal und durfte einige der glitzernden Streifen auf die untersten Äste werfen. Zum Schluss wurden die Klemmen für die Kerzen angebracht, die im Vorjahr nicht völlig abgebrannt waren. Sie mussten für dieses Jahr noch reichen; es gab keine mehr zu kaufen.
„Eine beschissene Zeit, Fred. Ähm. Ein schlechte, wollte ich sagen. – Jetzt kommt das Wichtigste. Komm, du musst mir helfen.“
Sie zogen gemeinsam die schwere Krippe unter den Baum. „Jetzt muss nur noch einer deiner Onkel oder dein Papa Heimaturlaub bekommen, dann wird das Fest wirklich schön“, sagte Opa, aber sehr hoffnungsvoll klang seine Stimme nicht.

Am ersten Weihnachtstag gingen sie morgens um sieben Uhr in die Christmette. Er hielt sich an Opas Hand fest; die Straße war rutschig. Leichter Eisregen hatte eine spiegelglatte Fläche geschaffen, auf die jetzt pulveriger Schnee fiel. Der Mond hatte sich hinter tief hängenden Wolken versteckt. Die Straße war sehr dunkel; keine Laterne brannte, nirgendwo war ein Licht im Dorf – es war totenstill, nur ihre Schritte knirschten im trockenen Schnee.
„Glockengeläut gibt es schon lange nicht mehr“, sagte Opa. „Früher riefen die Glocken uns täglich zur Messe. Sie hatten Namen: Marianne, Magdalena, Cäcilia und Regula.“
„Richtige Namen! Wie Fred und so. Komisch.“
„Nicht komisch. Waren den Heiligen geweiht. Weißt du, das war sehr feierlich, wenn alle vier großen Glocken geläutet haben. Die ganze Luft war voller Musik. Du wolltest am liebsten mit den Glocken singen. Irgendwann wird das wieder so sein, warte nur, Fred.“
„Ich glaube, ich hab sie noch nie gehört“, antwortete er. „Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie das ist, wie sich das anhört. Warum läuten sie nicht mehr, Opa? Dürfen sie nicht, weil Krieg ist?“
„Ja, weil Krieg ist. Sie sind nicht mehr da. Nichts hängt mehr da oben im Glockenturm. Man hat sie geholt, um Kanonen und Bomben daraus zu bauen.“
„Blöd! Finde ich nicht gut! – Wie singen denn Glocken?“
„Mein Gott, wie beschreibe ich einem, der nie Glocken gehört hat, ihren Klang? Das ist wie das Läuten unserer kleinen Glasglocken am Weihnachtsbaum, nur viel lauter und noch schöner.“
„Ich will, dass der Krieg vorbei ist! Warum muss der so lange dauern? Krieg ist blöde. – Aber noch blöder ist, dass die sogar die Glocken geklaut haben. Das ist Kacke!“
„Jau“, sagte Opa, „geklaut ist das richtige Wort. Und Kacke durftest du diesmal dazu sagen – ausnahmsweise. Es ist eine Schande. Glocken, die zum friedlichen Gottesdienst gerufen haben, müssen jetzt mithelfen, Menschen zu töten.“
Einmal rutschte Fred auf dem Blaubasalt aus und Opa musste ihn auffangen. Fred fühlte sich eigentümlich sicher und wohl; Opa war sein Zuhause. Ihm konnte nichts passieren, wenn Opa da war, keiner würde ihm was tun – da war er sich sicher; auch nicht dieses Ungeheure, die Sirene, die nachts so oft heulte und auch nicht diese Flieger, die Bomben abwarfen, wenn sie Lichter sahen.
Es war kalt in der Kirche. St. Andreas hatte schon während des ganzen Winters keine Kohlen mehr zugeteilt bekommen.
„Die wollen nicht, dass wir die Predigt von Pfarrer Schnell hören, weißt du. Darum soll es kalt sein in der Kirche, Und sie scheinen Erfolg damit zu haben; manchen ist es schon zu kalt – oder zu gefährlich – sie gehen nicht mehr hin. So viele leere Bänke hat es noch nie gegeben“, hatte Opa in der letzten Woche erklärt, als Fred sich über die Kälte in der Kirche beklagt hatte.
„Sag das bloß nicht laut, Bernhard. Und außerdem fehlen ja auch die Männer, die eingezogen sind. Darum ist es leer“, hatte Oma ihn ermahnt.
„Und auf der Seite der Frauen? Sind die etwa auch eingezogen worden, Gertrud?“, hatte Opa gefragt.
Fred sah den Atem der Menschen und probierte Wolkenformen, indem er die Lippen spitzte. Er war heute erstmals auf der Männerseite, gemeinsam mit Opa. Der Gottesdienst gefiel ihm, vor allen Dingen mochte er die schönen Melodien der Weihnachtslieder. Als ‚Zu Bethlehem geboren’, gesungen wurde, sang er einfach mit; weder Text noch Melodie hatten etwas mit dem Original gemeinsam. Das brachte ihm strafende Blicke der umstehenden Männer und ein Lächeln von Opa ein.
„Dominus vobiscum. – Et cum spiritu tuo. Benedicat vos omnipotens Deus, Pater, et Filius, et Spiritus Sanctus. – Amen. Ite, missa est. – Deo gratias.“
„Gehet hin in Frieden? In welchen? Wo ist der?“ sagte Opa leise und seine Stimme zitterte.
Mit Drängen, Schubsen und Schieben bewegten sich die Männer zur Seitentür, als der Pfarrer und die Messdiener die Kirche verlassen hatten.

Während Opa eine Schaufel glühender Kohlen aus dem Küchenherd ins gute Wohnzimmer trug wurde das Frühstück vorbereitet. Sie saßen am Küchentisch, aßen selbstgebackenes Brot mit Rübenkraut, das Oma im Herbst im großen Waschkessel hergestellt hatte. Nur Opa hatte sich ein Stück Blutwurst aufgelegt – er mochte kein Rübenkraut – und aß lieber Wurst vom selbstgeschlachteten Schwein.
Als Opa zurück kam, sagte er: „Pass auf Fred. Wenn das Christkind kommt, bringt es bestimmt Geschenke mit.“
„Wann kommt es denn?“, fragte Fred, weil er das Spiel der Erwachsenen nicht kaputt machen wollte.
„Das weiß man nicht so genau; wir werden es aber hören. Wenn es klingelt, dann ist es so weit“, sagte Opa mit leiser Stimme, die geheimnisvoll klingen sollte.
Oma und Mama nickten ihre Zustimmung zu der Erklärung und Oma zog einen Brief aus der Schürzentasche. „Von Theo! Ist gestern gekommen, Hat lange gebraucht von Russland bis in unser Dorf.“
„Glaub nicht, dass unsere noch in Russland sind. Die sagen ja nichts, aber was man so hört. Die sollen doch schon vor Berlin stehen, die Russen“, sagte Freds Mama und er dachte, dass sie dann sicher bald auch nach Berndorf kommen würden, diese Russen oder wie die hießen.
„Muss noch mal nach den Kohlen sehen“, murmelte Opa und ging raus. Kurz danach klingelte es unüberhörbar.
„Da! Das Christkind war da“, sagte Fred und sprang vom Stuhl.
Die Kerzen am Baum flackerten, als er die Tür zum Wohnzimmer öffnete. Das Lametta glitzerte, in den silbrig glänzenden Kugeln spiegelten sich die Kerzenflammen und es roch nach Wald im guten Wohnzimmer; Opa – oder das Christkind? – hatte Tannenzweige in den Ofen gesteckt.
Auf Freds Rücken war ein Kribbeln, ein wohliger Schauer. Es war eben doch Weihnachten und alles war geheimnisvoll. Egal wer da geklingelt hatte.
Unter dem Weihnachtsbaum lagen die Geschenke des Christkinds. Oma hob sie hoch, betrachtete jedes Teil kurz und reichte es weiter. Für die Erwachsenen gab es nur was zum Anziehen, selbstgenähte oder selbstgestrickte Sachen; Fausthandschuhe, Schals und Kittel.
Fred bekam Fäustlinge aus roter Wolle und eine braune Hose, deren Stoff aussah wie der von Opas abgelegter Sonntagshose, die am Hosenboden dünn geworden war. Oma hielt ihm einen rotgelb gestrichenen Lastwagen aus Holz hin. „Das hat Opa für dich beim Christkind bestellt. Ist das nicht schön?“
Fred nickte, er hatte Opa beobachtet, als der den Wagen angestrichen hatte. Warum die Erwachsenen das Weihnachtsspiel so ernst nahmen, blieb ihm ein Rätsel. Aber er spielte es trotzdem mit; für nichts in der Welt hätte er auf so einen Abend verzichtet.
„Hoffentlich kommen die Bomben nicht jetzt, wo es so schön ist“, sagte er und die Erwachsenen nickten.
„Kindermund!“, sagte Opa mit düsterer Stimme.
„Schlimm, wenn in diesen Stunden schon die Jüngsten solche Sorgen haben“, sagte Oma und Opa strich ihm über die Stachelhaare.
Fred fühlte ein richtiges Glück. Die Zeit, bevor sie ‚Stille Nacht, Heilige Nacht’ sangen, war so wunderbar ruhig; sie sollte nie zu Ende gehen. Er legte sich vor der Krippe auf den Bauch und betrachtete die in der Bewegung erstarrten Figuren.
„Jetzt lese ich den Brief von Theo vor“, verkündete Oma, zog ihn aus dem Umschlag und las mit stockender Stimme vor. Fred lauschte angestrengt, verstand nicht alles, aber dass sein Onkel kalte Zehen hatte, immer frieren musste und dass sie die Russen bald besiegen würden, das behielt er.
Es war still, als Oma fertig war mit Lesen. Nur im Ofen knisterte es hin und wieder. Sie saßen noch lange im guten Wohnzimmer, bis Opa besorgt die Kerzen betrachtete.
„Ich muss sie ausmachen. Wir müssen sparsam damit umgehen. Wir wollen sie doch noch bis Mariä Lichtmess benutzen.“
Der Duft der erloschenen Kerzen verbreitete sich im ganzen Raum, gab allem einen neuen, feierlichen Charakter – aber nur für einen Augenblick.
„Wie in der Kirche“, dachte er, weil er den Geruch nach Kerzen und Weihrauch wunderbar fand.
Aber dann zog Opa Bernhard die Verdunkelungsrollos hoch, damit das schneegraue Licht der Nacht in den Raum fiel. Die schöne Stimmung flog weg; der Baum stand schwarz in der Ecke. Weihnachten war schon vorüber.

Trotzdem

von Paola Reinhardt (copyright)

Tränen in den Augen
während mein Mund lügt
dabei kann er diese
schlaflosen Nächte nicht leugnen
lächele die Amsel an
die in den tristen Blättern
des Fliederbaums
neben meinem Fenster singt
die schweren Dolden
sind längst vertrocknet
nun wirkt er wie eine Frau
die ihre Jugend verschwendet hat
und nicht an das Alter dachte
trotzdem nehme ich nichts zurück
von meinem Treueschwur
werde dazu stehen
auch wenn ich umsonst
auf deine Rückkehr warte.

Kalte Erde

von Paola Reinhardt (copyright)

Das leise Geräusch des Motors summte durch die Felder. Lea hätte es am liebsten verscheucht wie ein lästiges Insekt, das die Weite und die Stille um sie herum störte. Sie öffnete das linke Seitenfenster und lächelte, als sie die rapsgelb zitternden Felder roch. Nach dem vorhergegangenen Regen verströmten sie einen so intensiven Geruch, wie Lea ihn noch nie wahrgenommen hatte. Am liebsten hätte sie den Wagen angehalten, aber der Bahnübergang, den sie gerade überquerte, war wohl nicht der richtige Ort dafür. Durch die Frontscheibe sah sie ein Stück Himmel von einem klaren seidigen Blau. Es erinnerte sie an den Sari der jungen Inderin, die ihr vor einer halben Stunde auf dem Wochenmarkt begegnet war. Und für den Bruchteil von Sekunden glaubte Lea sogar noch jetzt, das Aneinanderklirren der Goldreifen zu hören, die die schmalen Handgelenke der Fremden geschmückt hatten.
Für Jakob hatte sie dort spanische Erdbeeren gekauft. Vielleicht gelang es ihr ja, ihn damit zu versöhnen, wenn er die leere Garage entdeckte. Er wollte nicht, dass sie mit dem Auto fuhr und schon gar nicht hierher. Deshalb war er ja extra mit ihr in die nahe Stadt gezogen, damit sie vergessen sollte. Ihre Hand fuhr nervös über die linke Wange bis hinauf in die Haare, durchkämmte sie flüchtig. Immer wieder, immer wieder. Eine Geste, die sie häufig automatisch ausführte. Von der sie wusste, ohne sie abstellen zu können. Im Augenblick gelang es ihr jedoch recht gut, die belastenden Gedanken zu verscheuchen und die Weite der Landschaft am Fuß des kleinen Hügels zu genießen, den sie gerade in Jakobs Auto hinunterfuhr.
Die Birken rechts und links der Straße trugen bereits jetzt im April ihr Maigrün und die junge Saat der Kornfelder zeigten einen kräftigen Wuchs. Im Hintergrund die grauen Ausläufer der Egge, etwas weiter der Fernsehmast, auf den Höhen des Teutoburger Waldes nahe Bielefeld gelegen.
Kurz hinter dem schlichten Holzkreuz, das die Autofahrer an einen zurückliegenden Verkehrsunfall erinnern sollte, bog Lea in eine Linkskurve ein, die zu einem Wirtschaftsweg führte. Nach etwa dreihundert Metern parkte sie das Auto in einer Einbuchtung, hinter der sich eine alte Holzbarriere befand, unter die sie ohne Schwierigkeiten hindurch kriechen konnte. So wie sie es oft getan hatte, wenn sie hier mit Marlene spazieren ging.
Der Wind hatte hier draußen viel mehr Platz als in der Stadt, um sich auszutoben. Er blies ihr die langen Haare ins Gesicht und ließ Gänsehaut auf ihren Armen wachsen. Lea fror. Für diesen Ausflug war sie mit einer Strickjacke einfach zu dünn angezogen. Dafür würde Jakob sie aber nachher nicht so schnell vermissen, wenn er vom Joggen heimkam und ihren Mantel am Garderobenhaken hängen sah. Lea lächelte, und dieses kleine triumphierende Lächeln blieb noch eine Weile in ihrem Gesicht, während sie den schmalen Grasweg entlang der gestutzten Koppelweiden ging, an die ein Bach grenzte, der in diesem Frühjahr ungewöhnlich viel Wasser mit sich führte. Sogar auf den angrenzenden Wiese standen noch immer große Lachen von den letzten Regengüssen, und wenn sie sich keine nassen Füße holen wollte, so musste sie das schmutzig braune Wasser vorsichtig umgehen.

Plötzlich verdunkelte sich der Himmel über der einsamen Spaziergängerin und ein Schwarm Raben ließ sich laut krächzend auf dem angrenzenden Acker nieder. Kurz darauf noch ein zweiter und dann noch ein dritter. Inzwischen mussten es weit über hundert Vögel sein. Mit ihren langen, plumpen Körpern und den starken Schnäbeln wirkten sie beinahe bedrohlich auf Lea, die sogar einen Augenblick lang überlegte, schnell wieder umzukehren. Auch immer mehr Grauwolken waren am Horizont aufgezogen, hatten sich zusammengeballt und verkündeten Regen.
Auf einmal erhoben sich die Raben unter lautem Gekrächze, ließen sich dann aber zu Leas Verwunderung auf ein anderes Feld ganz in der Nähe nieder. Von weitem wirkten sie gleich weniger bedrohlich, fast wie eine Federdecke, die sich schützend über den Boden ausgebreitet hatte.
Die Erde war kalt, in die sie Marlene gelegt hatten. Warum sagte ihr denn niemand, wo sich die Stelle befand, damit sie etwas Warmes darüber legen konnte. Hatte sie als Mutter nicht ein Recht darauf, es zu wissen? Schließlich hatte das Kind doch fast vier Monate in ihrem Bauch gelebt, bevor der Arzt es ihr weggenommen hatte. Ob die Raben ihr vielleicht ein Zeichen geben wollten?
„Marlene!“
Lea rannte auf das dunkle Feld zu, stolperte dabei über einen Maulwurfhaufen und fiel hin. Ihr braunes Haar bedeckte das weiße Gesicht mit den hellblauen Augen und hinderte sie am Sehen. Ärgerlich strich sie es mit ihren nassen schmutzigen Händen zurück. Immer wieder, immer wieder, bis es ihr fest am Kopf klebte. Weinend rief dabei immer wieder nach Marlene und schlug wie wild auf den Sandboden ein.

Da beugte sich jemand zu ihr herunter und eine Hand berührte vorsichtig ihre Schultern.
„Komm steh auf, Lea, ich helfe dir!“, sagte Jakob. „Steh auf und komm mit mir nach Hause, sonst ist Marlene sehr traurig. Sie ist nicht hier, sondern an einem Ort, wo es ihr gut geht. Das habe ich dir doch schon das letzte Mal gesagt, als du sie hier gesucht hast. Warum glaubst du mir nicht?“
Verwundert blickte Lea zu ihrem Mann hoch. Dann ließ sie sich ohne Gegenwehr von ihm hoch helfen. Sie lächelte, als sie dicht vor ihm stand, legte ihre Arme um seinen Hals und sah ihn mit einem Blick an, der ihn bis ins Herz traf und ihn immer wieder dazu brachte, seine Bemühungen, ihr zu helfen, nicht aufzugeben.
„Ja, jetzt erinnere ich mich wieder, Jakob. Bist du mir sehr böse, dass ich es vergessen hatte? Ich habe dir Erdbeeren auf dem Markt gekauft. Erdbeeren aus Spanien. Dort scheint immer die Sonne und die Erde ist nicht so kalt wie hier. Was meinst du, sollten wir Marlene nicht lieber dorthin bringen?“

Wo bist du?

von Paola Reinhardt (copyright)

Du hast dich einfach davon gemacht
wie der Schillerfalter im letzten Sommer
der sorglos und tänzelnd die Blumen beglückte
und dann weiter flog als hätte es nie
diese zärtlichen Berührungen gegeben.

Ich habe überall nach dir gesucht
sogar im fernen Regenbogenland
wo die Farben zuhause sind und
alle Wünsche ihre Heimat haben
doch ich habe dich nicht gefunden.

Nur Gedankenspiele

von Paola Reinhardt (copyright)

Herbstzeitlose Gedanken vergiften mein Blut
obwohl es in den Tälern bereits
zitronenfaltergelb und augenblau blüht
mein Herz aber ist im Gletschereis
der Berge über uns stecken geblieben
seitdem du so beharrlich
Pfirsichblütenträumen nachjagst
die Farbe blasslila hat dir nie gefallen
gib acht dass sie dir nicht zum Verhängnis wird
so blind wie dich dein Spätjugendwahn gemacht hat.

O, Johanna

von Jürgen Jesinghaus (copyright)

Diebstähle haben nachts zu geschehen. Der Landwirt Odilo Moosmer schwieg zuerst, als er gefragt wurde, warum er annehme, er sei nachts bestohlen worden. Nach einer Weile sagte er nur, am folgenden Tag sei es ihm aufgefallen. Hätte es nicht auch am Sonntagvormittag gewesen sein können? Wer stiehlt schon sonntags! Aber wenn man es genau betrachtet, jaaa. Wir wollen es genau betrachten, sagte der Kommissar. Der Diebstahl des Hochspannungs-Schwachstrom-Geräts vom Weidezaun ist der Auslöser für diesen Bericht über Johanna. Der Dieb müsste gehörig ins Licht gestellt werden – wenn er nur bekannt wäre! Er hat Grund zu schweigen. Aber eines Tages wird er reden. Seine Träume werden sich immer wieder um das Eine drehen, bis zu dem Tag, an dem er den Diebstahl zugibt. Moosmer inserierte. Er forderte den Dieb öffentlich auf, der Polizei den gestohlenen Generator samt Trafo und Erdspieß auszuhändigen. Die Apparatur sei radioaktiv (nach dem GAU von Tschernobyl war Radioaktivität ein guter Grund für Panik).


Johanna hatte das Kind. Sie musste sich und Bébé, den Sohn, selbst über Wasser halten. Da war aus dem Physikstudium nichts geworden. Sie lernte Friseurin, weil Herr Ottokar Ferken sich danach gedrängt hatte, ihr ein Gehalt zu zahlen, dessen Höhe fast an das einer ausgebildeten Kraft heranreichte. Kein Wunder: Johanna war gut gebaut, nicht schön, aber hübsch, außerdem geschickt, von rascher Auffassung.

Der neue Beruf gefiel ihr. Er würde auch nur vorübergehend sein. Das Studium hatte sie nicht aus den Augen verloren. Sie verdiente gut an Trinkgeldern. Obwohl ihr das Meiste in die Hand gedrückt wurde, versäumte sie nie, es in den Gemeinschaftstopf zu legen. Sie war die einzige Herrenfriseurin. Kein Kunde wurde aufdringlich. So konnte sie in der jeweiligen Viertelstunde des Haut- und Haarkontakts gut mit ihnen auskommen. Die meisten Herren verkrampften sich. Sie rückte deshalb ihre Köpfe zurecht oder packte sie an den Schultern, um sie in die geeignete Positur zu setzen. Sie hatte gelernt, im Spiegel ihren Augen zu begegnen und dabei zu lächeln. Manch einer errötete und wusste keinen Fluchtweg, denn er musste unter dem weiten Tuch in der vereinbarten Haltung ruhig sitzen bleiben. Schon wahr, es blieb nicht aus, dass sie das eine oder andere Mal mit der Brust einen Kopf berührte. Sie trug bei der Arbeit derbe Büstenhalter, um den weichen, intimen Kontakt zu meiden. Aber was sie dadurch an Vorteil erreichte, erkaufte sie durch den Nachteil, dass ihre Brust noch mehr herausgehoben wurde. Das machte die tupfenden Berührungen nicht seltener.

Dann passierte Folgendes. Ihr Chef, besagter Ferken, bat sie ins Büro.
„Frau Brosheim. Ich beabsichtige, unseren Betrieb attraktiver zu gestalten. Wie Ihnen nicht verborgen geblieben sein dürfte, leben meine Frau und ich in Scheidung. Kurz und gut, es wird über kurz oder lang zu einer Trennung und damit zu einer Aufteilung des Geschäftes kommen. Meine Frau übernimmt den Damensalon. Und ich habe vor, den Herrensalon auszubauen. Ich möchte etwas Besonderes in die Wege leiten, was den Kundenkreis über diese Stadt hinaus ausdehnen wird.“
Bei ‘ausdehnen’ schaute Ferken über seine Brille hinweg in Johannas Gesicht, um sich zu vergewissern, dass sie die Bedeutung seines geschäftlichen Vorhabens begriffen habe. So weit so gut. Johanna hatte nichts dagegen, dass er sich scheiden ließ. Sie interessierte sich nicht für ihn, und die Ausdehnung seiner geschäftlichen Tätigkeiten würde ihr nicht schaden. Dann das! Ob sie sich im Nachtleben ein bisschen auskenne? Durch den Freund vielleicht? Kleiner Bar-Bummel? Stadt mit Herz, offenherzig eben, oben ohne, der Kunde ist König.
„Und wenn der Kunde König ist, dann auch spendabel. Für Sie fällt ein schöner Batzen ab. Gott hat sie vorzüglich ausgestattet. Sie brauchen nichts zu verstecken. Sie sollten es sichtbar werden lassen und die Herren frisieren, rasieren, maniküren, massieren. Verstehen Sie? Das Trinkgeld dürfen Sie behalten. Meinen Vorteil beziehe ich über den regulären Preis. Ich mache Ihnen keine Vorschriften darüber, wem Sie Ihre private Telefonnummer anvertrauen. Ich meine, Sie verstehen, was ich meine?“

Warum hatte sie ihn ausreden lassen! Weil sie das Gehörte nicht für wahr hielt. Sie glaubte zu träumen, einen der zügellosen Träume, denen sich auch anständige Menschen hingeben. Johanna packte alles in eine Plastiktüte, ihren Kittel, ihre leichten Schuhe, ein Foto von Robert de Niro, das sie aus einer Illustrierten ausgeschnitten und unter einen Bildhalter geklemmt hatte. Sie warf ihr Handtäschchen obenauf und rief ihrer Kollegin zu: „Ich rufe dich später an.“ Schon war sie aus dem Salon und hörte nicht mehr, dass jemand „Kundschaft“ schrie.

Karl Bebisch war erfolgreich. Er hatte es zwar nicht zur Berühmtheit gebracht, glaubte aber, dass sie ihm eines Tages zufallen würde, obwohl er als Vierzigjähriger nicht zu den Jungmanagern gehörte, die nach ihrem Ingenieurstudium in einer Garage Computer zusammenbauen und bevor sie die Dreißig erreicht haben schon Umsatz-Millionäre sind und sich in der Wirtschaftspresse als Beispiel für Einfallsreichtum feiern lassen, als Persönlichkeiten, denen es zusteht, teure Autos zu fahren und in Bluejeans bei Aufsichtsratssitzungen zu erscheinen. Bebisch hatte sein Ingenieurstudium abgebrochen, um sich frühzeitig in der Geschäftswelt zu orientieren, die ihm mehr zusagte als das schweigsame, ernste Umfeld, wo sich Männer wohlfühlen, die sich am Funktionieren schwer verständlicher Maschinen berauschen. Das war nicht seine Sache. Auch lagen ihm Bluejeans nicht, sie standen ihm nicht einmal. Seine Sache war es, sich nach der Herrenmode zu kleiden. Er konnte es sich leisten. Denn nach kargen Anfängen hatte er, durch die Bekanntschaft mit einem Informatikstudenten angeregt, den Sprung in die Software-Entwicklung gewagt und ein brauchbares Abrechnungssystem für eine Autofirma zuwege gebracht.

Nach der Umstellung auf Anwendungs-Software hatte er per Anzeige eine „intelligente Datatypistin“ gesucht und in Johanna Brosheim gefunden. Es machte ihm nichts aus, dass Johanna, die Friseurin, zu Hause über keinen PC verfügte und infolgedessen auch keinen elektronischen Briefkasten besaß, über den sie als „arbeitsame und lernwillige Mitarbeiterin eines zukunftsorientierten Unternehmens“ erreichbar gewesen wäre. Er fühlte sich in ihrer Gesellschaft wohl. Nicht, dass er sich sofort in sie verliebt hätte. Nein, er war nur stolz darauf, Chef einer so attraktiven Frau zu sein, stolz auf seine erste Angestellte mit Abitur, eine Ebenbürtige, die ihm dienen würde.

Er kehrte nie den Chef gegen sie heraus, aber den dynamischen Weltmann. Er schuf ein Kraftfeld um sie. Daher hatte sie stets das Gefühl seiner Gegenwart. Mal stürmte er durch ihr Büro, dann wieder rief er ihr aus halboffenen Tür etwas zu. In der Firma hieß es bald: „Der Chef hat mir einen Termin zugerufen“, in Eile, im Vorüberrauschen. So dynamisch war er. Dieses Kraftfeld manifestierte sich manchmal in Johannas Zimmer. Es wurde dann für Augenblicke sichtbar. Sie hatte Angst vor diesen Erscheinungen. Eines Tages wird er dich in Anspruch nehmen, dachte sie, wird von dir Übermenschliches verlangen, und du wirst bis zehn Uhr abends hier sitzen. Nichts dergleichen. Sie fing sogar an, sich zu langweilen, wenn er sich nicht in ihrer Nähe aufhielt.

Die große Welt des zukunftsorientierten Unternehmens spielte sich ab in dem Stockwerk über ihr, wo Herr Bebisch inmitten vieler Flipcharts drei fünfbeinige Chefsessel hinter einem Tapeziertisch aufgestellt hatte, um bequem vor ausgebreiteten Plänen optimale Lösungen zu diskutieren. Sie wusste es, weil er sie ab und zu als Protokollantin gebrauchte, auch weil sie dort einmal zur Verblüffung der Anwesenden das Prinzip der Kodierung und Dekodierung ohne Schlüsselaustausch erläutert hatte: Ein Kasten hat zwei Schlösser a und b. Frau A verschließt a und schickt den Kasten zu B. Frau B verschließt b und sendet den Kasten zurück an A. Frau A entriegelt a und schickt den Kasten wieder zu B, wo ihn Frau B mit dem eigenen Schlüssel entriegelt. Voila! Dabei hatte Johanna gelacht.

Sie hielt es für ein Zeichen von Respekt vor der Würde berufstätiger Frauen, dass Karl Bebisch sie niemals gebeten hatte, Kaffee für ihn zu kochen, obwohl er Kaffee trank wie andere Männer Bier. Dann geschah es. Er stand vor ihrem PC, auf dem Sprung, die eine Hand über die Augen gelegt, als versuchte er sich zu erinnern, was ihn so eilig in dieses Zimmer getrieben hatte. Das Kraftfeld strudelte um ihn herum. Da sagte sie:
„Soll ich Ihnen einen Kaffee kochen, Herr Bebisch?“
Wie kam sie dazu, eine solche Frage zu stellen, als wäre Kaffeekochen ein angeborenes weibliches Bedürfnis! Aber jetzt war es heraus. Da spürte sie plötzlich, wie sein Kraftfeld zusammenfiel und sich in ihn zurückzog. Stattdessen breitete sich ein Geruch von Rasierwasser aus. Herr Bebisch hatte die Hand fallen lassen und schaute Johanna an mit einem Ausdruck der Müdigkeit.
„Gerne, Frau Brosheim, und für sich bitte auch einen. Ich hole den Kaffee und die Tassen, wenn Sie zwischenzeitlich schon mal das Wasser aufsetzen.“
Ab dieser Zeit hatte sich das Kraftfeld von ihm abgelöst und wirbelte im All. Nur kleine Turbulenzen wurden von Zeit zu Zeit hinter seinen Augen sichtbar. Jetzt kam er öfters zu ihr, nahm sich Zeit.

Die Frage ‘Soll ich Ihnen einen Kaffee kochen’ hätte sie besser nicht gestellt, nicht weil sie damit in ein Klischee gefallen war, das sie verabscheute, sondern weil die Frage dazu führte, mit Herrn Bebisch näher bekannt zu werden, sich für seine Hobbys zu interessieren, vor allem für das eine: Motorrad. Und nicht Tennis (das wäre für Johanna besser gewesen). Gut, sie hätte sich auf dem Centercourt gelangweilt, vielleicht mit Bebisch oder seinen Bekannten spielen müssen, vielleicht hätte sie ihre Muskeln vor der Ballkanone gestählt, ihre Figur getrimmt, ihren Schwerpunkt tiefer gelegt – aber nicht ihr Leben verloren. Dabei interessierte sich Herr Bebisch auch für Tennis, aber nur von Berufs wegen, denn die meisten seiner Kunden waren Mitglieder von Tennisclubs, so dass er sich für den Sport und seine Matadore zu interessieren begann, um in privatdienstlichen Gesprächen nicht nur Empfänger zu sein, sondern auch dort seine Kompetenz, seine umfassende Bildung, die nicht einmal vor Tennis Halt machte, hervorzukehren und den positiven Eindruck, den er seiner Meinung nach in geschäftlichen Unterredungen hinterließ, zu vertiefen: Dies ist ein Mensch mit Durchblick. Trotzdem, er spielte kein Tennis. Er hätte es vielleicht getan, wenn er jemals in einen Club eingeführt worden wäre. Aber es hatte ihn niemand eingeführt, vermutlich weil jeder voraussetzte, dass er bereits einem Verein angehörte oder dass er Mitglied in einem Playboy- oder Rotary-Club war oder wenigstens Freimaurer oder irgendetwas anderes, was seiner gehobenen Stellung angestanden hätte.

Tennis verschaffte ihm nicht die Befriedigung wie das Motorrad, das ihm, gemessen am Tennis, fast schon einen geistig zu nennenden Genuss bot: Sein Kopf ruhte vorausschauend auf den Schultern und war verbunden über die Nerven, die ummantelt vom Fleisch seiner langen Finger, zu den Griffen strebten und dadurch, dass sie auf Geheiß seines Geistes kleine Bewegungen ausführten, ein Hundertfaches an Energie hervorriefen und dienstbar machen konnten. Dagegen war ihm Tennis ein biederes Handwerk, obwohl – zugegeben – dieser Sport ein geometrisches Talent voraussetzt, die Beherrschung des Dreidimensionalen. Er meinte nicht oben, neben, unten, er meinte Feld, Ball, Gegner und das in dynamischer Beziehung. Johanna nickte. Sie verstand das sehr gut.

„Motorrad, nur mit Köpfchen!“ meinte er, „Biker sind nicht doof, dürfen es nicht sein. Auch Berufsfahrer sind intelligente Leute, gerade sie. Damals hatte ich noch den BMW 1602 tii mit Solex-Doppelvergaser, ein nervöses Auto. Mir war der Keilriemen gerissen. Den Ersatzriemen konnte ich kaum auseinander ziehen. Ich brachte ihn nicht über das Rad der Lichtmaschine. Ich steh an der Landstraße, hält ein Brummi, heraus steigt der Fahrer. Was, glauben Sie, macht der? Beugt sich unter die Haube und schaukelt den Motorblock ganz sachte, bis der Keilriemen in die Nut vom Rad der Lichtmaschine passt. Er taucht unter der Haube auf und sagt, das werde ich nie vergessen: Wenn der Prophet nicht zum Berge will, muss der Berg zum Propheten kommen. Sagts und geht. Ich habe Respekt vor solchen Leuten!“
Johanna fragte nur:
„Muss es nicht umgekehrt heißen: Wenn der Berg nicht zum Propheten kommt …?“
„Aber Johanna, ich darf sie doch Johanna nennen, der Berg – das ist der Motorblock!“
„Selbstverständlich, sonst wäre der Motorblock ein Prophet und der Berg ein Keilriemen.“
„Sie nehmen mich nicht ernst, Johanna! Das muss sich ändern. Wie wäre es mit einem Gläschen Wein? Ich ziehe den italienischen dem französischen vor.“

Bebisch gehörte zu den gereiften Männern, die ihr Handwerk zu beherrschen meinen und von allen Seiten auf den Punkt kommen. Alle Wege führen zu diesem Punkt, dem Puncto puncti. Johanna ließ es sich gefallen, ließ sich beim Vornamen anreden, weil er das höfliche Sie beibehielt, und sie nahm auch seine Einladung an. Das war noch nicht der denkwürdige Abend, aber eben doch der Anfang einer Reihe von Einladungen, die Johanna halfen, sich an ihren Chef zu gewöhnen, und die sie den Fehler begehen ließen, in einem Brief an Philipp über ihre neue Beziehung zu berichten.

Philipp, der Vater ihres Sohnes, war der einzige Mann, den sie über sich stellte und dem sie gewissermaßen als ihrer vorgesetzten Instanz berichtete. Aber der von Johanna überschätzte Student fand sich sehr gescheit, als er ihr nach einem Monat antwortete, dass er sowieso nie an seine Vaterschaft geglaubt habe und dass sie ja nun hinreichend versorgt sei. Er habe damals doch nur als Seelentröster gedient. Und dass sie sexuelle Erfahrungen mitgebracht habe, sei von ihm dankbar zur Kenntnis genommen worden, denn Mädchen zu Frauen zu machen, das sei eine verantwortungsvolle, eine pädagogische Aufgabe. Philipp lebte in der letzten Phase seiner Pubertät: Druff und durch. Wer seinen Weg nicht macht, ist selber schuld. Andere nehmen auch keine Rücksichten. Im Alter bis dreißig stehen die Jünglinge der Welt frontal gegenüber, haben sich noch nicht arrangiert und sind schon so oft gekränkt worden, dass sie sich einen (von ihnen als Lebensweisheit bezeichneten) Zynismus aneignen, der die Kränkung anderer als notwendiges Übel erscheinen lässt. Auch Philipps Brief, der trotz seiner drei Seiten mit 55 Cent richtig frankiert war, auch er steht in der Konkurrenz der möglichen Ursachen für den tödlichen Unfall Johanna Brosheims. Denn nach diesem Brief kochte sie für Herrn Bebisch nicht nur den Kaffee, sie warf sich ihm in die Arme.

Warm und erschöpft und wund von der Hingabe an den Mann, der im Bett mit der Besessenheit eines Jagdhundes ihren Leib durchwühlt hatte, stand sie fröstelnd vor der Garage und wartete darauf, dass Karl (sie nannte ihn jetzt Karl) die Maschine herausschieben würde, um sie nach Hause zu bringen. Sie wohnte, der niedrigen Miete halber, im ländlichen Umkreis, den zwei Buslinien mit der Stadt verbinden. Johanna durfte nicht die ganze Nacht bei Karl bleiben, denn ihr Kind war wehleidig, und die Frau, die auf es aufpasste, hatte bei Herrn Bebisch angerufen, weil sie wusste, dass Johanna noch spät abends, auch an Samstagen, „wichtige Korrespondenz“ im Haus des Junggesellen zu erledigen pflegte. So war vielleicht doch Bébé die Ursache für den Tod seiner Mutter? Oder die Frau, die bei Bebisch angerufen hatte und besser ein Mittel hätte suchen sollen, das Kind zu beruhigen, statt dem Liebespaar die gemeinsame Nacht zu stehlen? Oder der Friseur? Hatte er sie nicht in die Arme von Bebisch getrieben? Oder Philipp?

Die Nacht war klar und darum schwarz an den scharfen Rändern des Scheinwerferkegels, der einen waagerechten Brunnen bohrte, dessen Grund im Horizont lag. Bebisch vertraute der weißen Linie. Er vertraute darauf, dass Landstraßen leer sind, wenn auf ihnen keine gelben oder roten Lichter erstrahlen. Deshalb drehte er noch einmal am Gasgriff und beschleunigte. Johanna presste sich fest an die Lederjacke des Fahrers, der sich nicht nach vorn beugte, denn er wollte sie vor dem Fahrtwind schützen und ihr gestatten, Luft zu holen mit zur Seite geneigtem Kopf. Sie konnte nichts erkennen, obwohl sie die Augen offen hielt.

Das Fleisch explodiert wie nach einem Granateinschlag. Die führerlose Maschine schleift über die Piste. Sie sprüht Funken. Sie erscheint in dem fahlen Licht wie mit Tang behangen, mit Resten von Segeltuch. Erst als sie hinter dem Gestrüpp, das sie durchbrochen hat, in Flammen steht, wird sichtbar, was die Dunkelheit verhüllte und was nun die Flammen braten, Teile der vom Motorrad geschlachteten Kuh, die aus einem durch keine elektrischen Impulse verteidigten Weidezaun gebrochen war. Als Odilo Moosmer von dem Unfall in der Nähe seines Anwesens hörte, dämmerte ihm, dass zwischen der Katastrophe und dem Diebstahl des Generators ein Zusammenhang besteht.

Die Schwestern

von Jürgen Jesinghaus (copyright)

I.

Almut und Berta lebten im selben Haus, auf derselben Etage, in benachbarten Wohnungen. Lange nach dem Tod der Ehemänner hatte die jüngere Schwester in das Haus der älteren ziehen müssen. Ihre in Jahrzehnten der Witwenschaft erworbenen Gewohnheiten, die sie für Freiheit hielten, bewahrten sich die Schwestern dadurch, dass jede ihr eigenes Appartement beanspruchte.

Sie waren am Nachmittag gemeinsam in die Stadt gefahren. Nach der Tagesschau wollten sie sich bei Berta treffen, Tee trinken, Mensch-ärgere-dich-nicht spielen und sich gegenseitig quälende Fürsorge angedeihen lassen. Almut las Zeitung, um zu erfahren, wie sich die Welt zum Schlechten verändert hätte. Sie hasste Frauen in Führungspositionen, die vielen Außenministerinnen zum Beispiel, denn sie wäre selbst gerne eine erfolgreiche Frau gewesen, war aber durch eine strenge, ungerechte Erziehung an der Entwicklung zum Erfolg gehindert worden. So liebte sie am meisten nur ihren tüchtigen Bruder Konrad und durch ihn sich selbst. Aber davon abgesehen, besaß sie ein grundfreundliches Wesen. So hatte sie ihrer Schwester befohlen, die Tageszeitungen nach der Lektüre auf den Fußabtreter des Nachbarn zu werfen, um ihm das Studium der Todesanzeigen und Aktienkurse zu ermöglichen.

Sie liest mir zu lange, oder glotzt sie in die Fernseh-Röhre? Berta, die schon den Tee aufgebrüht hatte, sorgte sich um die Schwester. Sie drückte die Aus-Taste ihres Zapper-Geräts, weil sie den Musikantenstadl nicht sehen wollte („das Gehampel ist für Menschen, die im Altersheim leben“) und begab sich auf die Reise zu Almut. Sie schlurfte zur Flurtür. Der Spion nützte wenig, denn die Osteoporose hatte sie hinabgebeugt, so dass Berta nur das Treppenhaus kontrollieren konnte, wenn sie auf einem Fußbänkchen stand. Sie kämpfte mit dem Schlüssel, der selbstherrlicher wurde und hämisch dem Druck der Greisenhand spottete. Nach dem Sieg über ihn zog Berta die Türe auf und rutschte über die Fliesen des Etagenflurs zur anderen Wohnung. Sie schellte, obwohl sie Almuts Schlüssel in ihrer Wolljacke aufbewahrte. Berta schellte abermals und dann wütend ein drittes Mal. Almut hat ihr Hörgerät aus dem Ohr genommen, sie tut es, um mich zu ärgern! Dann schloss Berta das Refugium ihrer Schwester auf.


Berta wimmerte den Namen der Schwester und mischte Vorwürfe in das Jammern. Wo bleibst du, der Tee wird kalt. Sie schlurfte über den Estrich und begleitete ihren unsicheren Gang mit der Klage über Almuts Unpünktlichkeit. Im Wohnzimmer angelangt, stützte sie sich auf den Chippendale-Stuhl, eine Hinterlassenschaft ihres Schwagers, eines Studienrats, der „Chippendale“ mit hörbaren Anführungszeichen auszusprechen pflegte. Almut saß im Ohrensessel, die Zeitung auf den Knien, ihren Blick auf die „Schwarzwaldmühle“ gerichtet, auf ein Ölgemälde, das die dankbare letzte Klasse ihrem Mann, dem Studienrat, zur Pensionierung geschenkt hatte, und aus dem Almut nun eine späte Erkenntnis zu empfangen schien. Berta: „Stier nicht so, ich habe das nie leiden können!“ Sie bewegte sich auf die Schwester zu und stieß sie mit dem Zeigefinger, um Almut zur Wahrnehmung ihrer Anwesenheit zu zwingen. Die aufgeschlagene Zeitung rutschte zu Boden. Unbeeindruckt davon hielt Almut ihre Augen auf die Mühle gerichtet, die Mühle im Schatten einer Bergflanke hinter einem Wiesengrund, auf den die Sonne scheint, an einem Bach, der die Nacht tintenblau über das Rad davonschwemmt. Berta konnte Almuts Augen nicht zudrücken, stattdessen schlug sie mit der Hand in die Richtung des Bildes. Sie weinte den Namen der Schwester. In der Wohnung nebenan verkochte der Rest des Teewassers. Der Kessel pfiff. Wie eine schwarze Bergflanke in den Fluss gleitet, so die Tote aus dem Sessel, der Schwerkraft widerwillig nachgebend. Berta schrie. Sie wankte zum Telefon und drückte die Nummertasten.

Als Philipp sich meldete, flüsterte sie:
„Ich glaube, Almut ist tot. Was muss ich machen?“
„Lass deinen Arzt kommen. Er weiß, was man machen muss.“
Sie bettelte: „Komm bitte!“
„Mein Auto ist kaputt. Ich müsste mir eines leihen. Ich komme morgen früh. Außerdem regnet es. Der Rückreiseverkehr verstopft die Autobahn.“ Sie rechtete:
„Ich war mit Almut in der Stadt, da hat es nicht geregnet! Sie hat sich heute nicht wohl gefühlt. Gestern ging es ihr gut, da sagte sie, wir wollen morgen in die Stadt gehen, ich will mir die Bluse kaufen. Sie wollte unbedingt die rote Bluse kaufen. Jetzt liegt Almut vor der Heizung. Du musst kommen und sie aufheben!“ Philipp glaubte, die Alte sei verrückt geworden. „Ruf zuallererst den Arzt an, du musst zu zuallererst deinen Arzt anrufen. Vielleicht komme ich später, auf jeden Fall morgen. Gib mir deine Adresse und deine Nummer. Ruf du deinen Arzt an, er weiß, was zu tun ist. Und geh in deine Wohnung zurück.“
„Ich bleibe hier, ich lass sie nicht alleine!“
„Dreh um Gottes willen die Heizung aus!“ rief Philipp, aber Berta hatte bereits aufgelegt, als energische Bekräftigung ihres Willens, die Tote nicht alleine zu lassen.

Philipp, Konrads Enkel, ist der einzige erreichbare Verwandte des Geschwisterpaares. Die anderen hielten sich nicht für zuständig oder waren fortgezogen, ausgewandert oder gestorben. Er rief die Auskunft an. Er versuchte es immer wieder, bis er endlich Bertas Telefon-Nummer notieren konnte. Dann bemühte er sich, seine Großtante Berta zu erreichen. Vergeblich. Einmal war besetzt, und er beruhigte sich damit, dass sie den Arzt angerufen hätte. Wenn sie das Telefon nicht hören kann, hört sie dann die Klingel? Er besaß keinen Schlüssel zu den Wohnungen der Schwestern. Es war ein Fehler, nicht rechtzeitig nützliche Vorkehrungen zu treffen. Rechtzeitig! Im Nachhinein weiß man, was das gewesen wäre. Er wählte noch einmal und lauschte ungeduldig dem Freizeichen. Er stellte sich vor, wie der Arzt vor der Haustür steht und schellt. Er sah im Geist seine Tante Berta unter dem grellen Licht einer Deckenlampe, in einem Kegel des Schweigens, wie sie auf die Leiche stiert, die an der Heizung liegt und verschmort. Er griff abermals zum Hörer und wählte die Auskunft der Bahn AG. Der nächste Zug geht in 7 Minuten, der übernächste in zwei Stunden, mindestens einmal umsteigen. Er wäre frühestens in 4 Stunden dort. Er setzte sich und überlegte, was zu tun sei: Die Polizei benachrichtigen, ein Taxi mieten, ein Auto leihen. Philipp machte sich unbestimmte Vorwürfe.

Das Telefon schrillte. Berta rief an: „Ich musste sie von der Heizung zerren, dabei ist sie auf den Kopf gefallen. Aber der Arzt war da und hat sie aufgehoben. Er kennt einen guten Bestatter. Er hat ihn für mich angerufen. Es soll ein sehr gutes, sehr seriöses Institut sein. Du kannst morgen kommen“, sagte sie lakonisch, „ich werde die Nacht schon überstehen.“ Er fragte sie nur noch: „Warum bist du eben nicht ans Telefon gegangen?“
„Es hat niemand angerufen. Komm morgen, ich kann das nicht alles alleine erledigen. Heute besucht mich der Bestatter, ein SEHR seriöser Mann, den mir der Arzt empfohlen hat.“ Philipp dachte, lass dir bloß keinen Prunksarg aus Eiche andrehen, keinen Talar aus Damast, keine Schleifchen und Tüllkissen.
„Gute Nacht, Tante, ich komme morgen. Versuch zu schlafen.“
„Schlafen! Du hast Vorstellungen. Ich grübele die ganze Zeit über.“
„Mach dir was zu essen.“
„In diesem Augenblick denkst du ans Essen!“
„Setz dich einfach ruhig hin“, sagte er, „und denk daran, dass sie friedlich eingeschlafen ist.“ Er schnitt eine Fratze in das Telefon, weil er die Redensart verabscheute.
„Das werde ich tun und Gott danken, dass er sie vor mir zu sich genommen hat. Sie wäre alleine doch nicht zurecht gekommen.“ Sie hängte unvermittelt ein, als hätte sie sich über das Gerede ihres Großneffen geärgert.

Die Wohnung war kleiner, als er sie in Erinnerung hatte, eine weiße Schachtel, kärglich ausgestattet, das größte Bild in ihr zu klein geraten. Es zeigt eine Mühle im Schwarzwald. Auf seinem Rundgang durch die Wohnung der Verstorbenen bückte er sich unwillkürlich, als er ins Schlafzimmer trat.
„Ich denke, dass Almut jeden Augenblick durch die Tür kommt.“ Die Tante war ihm gefolgt. Philipp hatte sie nicht gehört und erschrak durch die plötzliche Anrede von hinten. Er nickte.
„Du hast sie sehr lange nicht gesehen.“
„Lange nicht“, entgegnete er, „ich war als Kind bei ihr in Wilhelmshaven, bei den Schiffen.“
„Wann hast du Schiffe gesehen?“
„In Wilhelmshaven, auf dem Werksgelände am alten Hafenbecken, wo die Kähne lagen.“
„Das war nicht Wilhelmshaven, sondern Wilhelmsburg.“
„Du erinnerst dich gut.“
„Ja, sie hatte keinen Dachschaden, sie war nur allem gegenüber so furchtbar negativ eingestellt. Sie hat die moderne Zeit nicht begriffen.“
„Ich meine, DU erinnerst dich gut.“
Sie sah ihn kalt und abschätzend an. „Jaja, du warst damals noch klein. An was erinnerst du dich noch?“
„Nur an die Schiffe.“
„Du hattest Angst vor ihnen. Du hattest Angst, dass sie in dein Zimmer kommen, wo du schliefst“, sie lachte wie ein Mädchen, „du hattest Angst, dass sie aus dem Hafen herausklettern.“

Philipp hatte in Gedanken nach dem Stöpsel eines Flakons gegriffen. „Du darfst es haben“, hörte er sie sagen, „ich brauche es nicht.“
„Entschuldigung.“
„Du darfst ALLES haben, ich kann es sowieso nicht unterbringen. Schenk es deiner Frau.“
„Ich bin nicht verheiratet.“
„Du bist nicht verheiratet? Was bist du denn?“
Er lächelte gequält. „Befreundet.“
„Almut hätte das nicht verstanden, du in deinem Alter! Sie war tüddelig geworden, sie fühlte sich gestern nicht wohl. Ich bin froh, dass es so gekommen ist. Wer kriegt denn nun ihre Mäntel, ihre Wäsche, ihre Nachthemden? Das Rote Kreuz? Die zerreißen alles und machen Putzlappen daraus. Du warst doch verheiratet?“
„Nein.“
„Almut sagt aber, du bist verheiratet.“
„Ich müsste es wissen, Tante!“
„Egal, du nimmst die Mäntel, sonst muss ich sie der Gemeindeschwester schenken.“
„Tu das.“
„DER nicht. Sie behandelt uns wie Kinder, wie ganz alte Menschen. Schenk sie deiner Studienfreundin. Du bist doch Student? Onkel hielt große Stücke auf dich. Du solltest unbedingt studieren. Du studierst doch?“
„Ja.“ Er lachte befreit.

„Der Mantel ist nagelneu.“ Sie schlurfte zum Kleiderschrank. „Mach ihn auf! Der Kamelhaarmantel ist neu wie ein Kinderpo, sie hat ihn voriges Jahr gekauft. Schade, dass du nicht verheiratet bist. Die Ehe ist ein Schutz, eine feste Burg. Unsere Eltern waren sehr glücklich verheiratet. Almut hat nie etwas auf sie kommen lassen. Für sie war Mutter eine Heilige.“ Sie kicherte.
„War sie es nicht?“
„Sie ist früh gestorben und hat viel gelitten. Almut hatte viel von ihr, nur dass sie nicht so früh gestorben ist. Sie könnte jetzt die Mutter von unserer Mutter sein. Sie war es, die mich das erste Mal zum Frauenarzt begleitet hat, nicht meine Mutter!“ Sie ging ins Wohnzimmer und ließ Philipp vor dem offenen Schrank stehen.

Er eilte hinterher und stützte sie. „Da hat sie gelegen“, schluchzte Berta und wackelte mit dem Kopf. „Sie hatte ihre gute Perücke auf. Ich habe dem Bestatter auch die rote Bluse mitgegeben. Sie würde sich darüber freuen. Wenigstens jetzt. Früher war sie furchtbar negativ eingestellt. Wie unsere Mutter. Immer hatte sie an allem etwas auszusetzen. Dass du mit einer Frau zusammenlebst, ohne verheiratet zu sein, hätte sie nicht verstanden. Dabei war sie das erste EHELICHE Kind.“ Sie hielt erschrocken inne – und nach einer Pause: „Du musst alles mitnehmen, was du gebrauchen kannst. Guck dir die Bücher an, was dir nicht gefällt, wirf weg.“
„Was für Bücher?“
Sie deutete auf die Glastür des Wohnzimmerschranks.
„Das Mokkaservice ist sehr schön.“ Er schwärmte.
„Was willst du mit dem Mokkaservice?“ fragte sie misstrauisch.
„Es ist sehr schön.“
„Du kannst es haben“, sagte sie verächtlich.
„Ich finde nur, dass es sehr schön ist.“
„Ich habe keinen Platz dafür, nimm es mit, auch das Silber nimm mit.“
„Ich wusste nicht, dass Almut die ältere von euch war.“
„Ich war die jüngere. Warum interessierst du dich dafür?“
„Wir sprechen über alte Zeiten, Tante! Erzähl von deiner Schwester.“
„Warum interessiert dich das?“
„Ich bin nicht gekommen, um dein Mokkaservice und die silbernen Löffel abzuholen!“ Sie näherte sich ihm und reichte mit der Hand hinauf zu seiner Backe, um sie zu streicheln.
„Du warst noch ein ganz kleiner Junge damals in Wilhelmsburg. Unsere Mutter war kurz vorher an einer Lungenentzündung gestorben. Du spieltest oft bei den Aussiedlern im Werk. Aber eines Tages wurde es dir verboten, nämlich als du kamst und polnische Wörter gebrauchtest. An eines erinnere ich mich noch: Pieronie. Onkel war aufgebracht, aber ich habe gelacht. Es war, glaube ich, das erste Mal nach dem Tod von Mutter, dass ich so gelacht habe.“ Philipp hörte nachsichtig zu. Er konnte sich nur an Schiffe erinnern.

Sie bewegte ihren Blick auf den Sessel, aus dem ihre Schwester gerutscht war. „Nun ist sie auch dahin. Willst du was trinken?“
„Ich mach uns einen Tee“, antwortete Philipp beflissen, obwohl er keine Lust hatte, in einer fremden Küche nach den Zutaten zu suchen.
„Du weißt nicht, wo die Sachen sind, und ich muss etwas Normales tun.“ Philipp empfand ihre Antwort als Gedankenleserei. Er sah auf ihren gebeugten Leib und empfand Respekt. Sie schlurfte in die Küche wie in zu großen Pantoffeln über das Parkett eines Königsschlosses. So wirkte sie besonders hinfällig, und widerwillig dachte er daran, dass er sie in ein Altersheim würde komplimentieren müssen.
„Hast du eine Hilfe?“
„Was sagst du?“
„Ob du eine Hilfe hast.“
„Ich versteh dich nicht.“

Er trat ans Fenster. Die breite Autostraße, dahinter Schrebergärten, ein sandiger Kinderspielplatz. Aus dem spärlichen Fichten- und Birkenbewuchs starrten verrusste Spitzdachhäuser zurück, Arbeitersiedlung, dahinter auf einem Hügel die weiße, fensterlose Mauer einer Cola-Abfüllstation und im Dunst des Horizonts der Förderturm einer Zeche. Gerüst und Rad sahen aus wie ein spiegelbildliches R. Philipp wollte die Alte fragen, wie die Zeche heißt. Er scheute aber die Mühe, der Schwerhörigen erklären zu müssen, was er gefragt hatte und warum. Er tippte auf „Sophie“. Die Beklommenheit der Männer, die hinunterfahren, drückt sich in Frauennamen aus.

Berta kam herein und stellte das Geschirr ab.
„Es lohnt sich nicht, dass du es mitnimmst. Plunder. Ich schenke es Frau Möller für das Gartenhaus.“
Philipp half ihr beim Eingießen.
„Wie heißt die Zeche?“ fragte er doch. Berta sah in verständnislos an.
„Die Zeche da hinten, wie heißt die?“
„Wozu willst du das wissen?“
„Ich dachte nur, du wüsstest es.“
„Nein. Ich wohne über 20 Jahre hier, und ich weiß es nicht. Almut hätte es gewusst. Sie wusste alles besser. Jetzt ist sie dahingegangen.“
Berta weinte etwas. Philipp empfand es nicht als herzzerreißend. Es war nur ein physiologischer Akt.
„Du hättest mich nicht daran erinnern sollen“, sagte sie endlich.
„Ich habe doch nur von der Zeche gesprochen.“ Philipp antwortete vorwurfsvoll, aber leise, um sie nicht zu kränken.
„Es erinnert mich eben ALLES an Almut. Es war ja erst gestern. Ich werde Möllers fragen, wie die Zeche heißt.“
„Das brauchst du nicht, es ist nicht so wichtig.“
„Doch, ich frage Möllers. Die müssten es genau wissen, sie wohnen schon acht Jahre im Haus. Ich war nicht so gut in der Schule. Ich war die jüngste. Ich habe mir bei meinem Vater einiges herausnehmen dürfen.“
Philipp schlug die Beine übereinander und hob mit spitzen Fingern die Tasse. Er war bereit zuzuhören und sah sich in der Rolle einer Hofdame, die der Kaiserin an einem Lacktischchen gegenübersitzt.
„Ich habe ihm den Schnurrbart abgeschnitten, als er seinen Mittagsschlaf hielt. Almut hätte so etwas nie tun dürfen.“
„Du auch nicht“, sagte er und führte die Tasse zum Mund.
„Ja, was man alles nicht darf, aber ich habe es getan, Punktum.“ Sie beobachtete ihn mit dem Blick eines Vogels.
„Das war sehr riskant.“
Sie lächelte zufrieden und nickte. „Ja, ich war sein Liebling, die jüngere von uns beiden. Ich sage dir was, jetzt wo sie tot ist. Konrad war das älteste Kind.“ Sie schwieg eine peinliche Weile, bevor sie fortfuhr, fast schreiend: „Mutter ist auf dem Bauernhof überfallen worden. Unser Vater hat sie dann geheiratet. Das erste Kind dieser Ehe war Almut, aber Konrad war das älteste.“
„Du bist die einzige, die weiß, dass Konrad nur euer Halbbruder ist?“
„Außer dir. Ich hätte es mit ins Grab nehmen sollen!“
„Gibt es einen Grund, warum ich wissen muss, dass mein Großvater der Bastard eines Frauenschänders war?“
„Almut hat alles besser gewusst, aber DAS nicht. Das hat sie nie erfahren.“
„Es war DEIN Geheimnis? Sie hätte die Wahrheit schwer ertragen?“
„Für sie war Mutter ein Engel.“
„War sie es nicht?“
„Wir haben sie geliebt wie einen Engel Gottes, aber sie war streng zu uns.“
„Wie alt war sie, als sie vergewaltigt wurde?“ Sie sah ihn erschrocken an, erschreckt über die Rohheit seiner Ausdrucksweise, und bewegte lautlos ihren Kiefer. Dann krächzte sie:
„Ein Rechenexempel! Genug von alten Zeiten. Genug! Sag mir, was ich alles erledigen muss und hilf mir dabei! Du kannst in Almuts Bett schlafen, solange du hier bist.“ Es graute ihn davor, obwohl sie nicht in dem Bett gestorben war und obwohl er als Kind schon einmal darin geschlafen hatte.
„Du weißt, dass ich keinen Urlaub habe. Ich werde übermorgen wiederkommen und dann die eine Nacht in ihrem Bett schlafen, wenn du meinst.“
„Es ist das Bett, in dem Mutter starb“, sagte sie, als wäre diese Mitteilung ein besonderer Anreiz für den Großneffen und eine Ehre, darin zu schlafen.
„Ist es nicht auch das Ehebett von Almut?“
„Es ist eben ein Bett“, sagte sie, „was willst du noch alles wissen?!“ Er wunderte sich über ihre klare, energische Art. Das Weinen und Schlurfen, dachte er, täuscht nicht darüber hinweg, dass sie einen harten Kern hat, die Rationalität alter Frauen.

II.

Sie war mürrisch am Morgen des Beerdigungstages. Ein krummer Ast. Philipp spürte nichts mehr von dem vertrauten Verhältnis. Gestern hatte sie rote Backen vom vielen Sprechen und Bekennen, aber heute morgen wollte sie nichts essen. Sie trank nur einen Schluck Kaffee. Jetzt drängte sie ihn. „Ich will nicht zu spät kommen, ich will auf keinen Fall zu spät kommen.“
„Es ist die letzte Beerdigung heute.“ Er wagte den Einwand, weil sie ihn wieder gedrängt hatte.
„Trotzdem, ich war immer pünktlich.“
„Tante Almut wird es egal sein.“ Er bereute seine Bemerkung, bevor er sie ausgesprochen hatte.
„Hast du das Taxi bestellt?“
„Es sind noch zwei Stunden, es hat keine Eile.“
„Ich will nichts mehr hören, bestell endlich ein Taxi!“ Er bestellte ein Taxi.
„Hast du das Taxi bestellt?“
„Ja.“
„Warum kommt es dann nicht?“

Sie schluffte wütend ins Badezimmer. Von dort hörte er sie sprechen. Darum stand er auf und blieb vor der angelehnten Türe stehen. „Bist du es?“ rief sie hinaus und blickte ihn verstört an. Fast hätte er aufgelacht. Sie hielt einen Lippenstift in der Hand, die Oberlippe war rot verschmiert, an den Falten ihrer Backe klebte Rouge. Sie sah aus wie ein Kaninchen mit einer Möhre im Maul. Sie sagte:
„Almut hat bei der Bank gearbeitet.“
„Ja?“
„Daher legte sie Wert auf Pünktlichkeit.“
Er nickte. „Damals waren Banken noch seriös. Man konnte sich auf sie verlassen. Das Taxi wird pünktlich sein.“
„Das weißt du also genau!“ Wie unerbittlich sie ist, dachte er, ich möchte wissen, was in ihrem Kopf vorgeht.
„Du bist beschmiert, Tante.“ Er schob sie sanft vor den Spiegel, benetzte ein Taschentuch und tupfte ihre Backe ab. „Du hast zu kräftig aufgetragen. Wenn du willst, helfe ich dir.“
„Ich wasche alles ab. Almut konnte es sowieso nicht leiden.“
„Es würde dir aber stehen.“
„Es war nur so ein Einfall.“
„Ich helfe dir.“
„Schluss jetzt!“
„Der Lippenstift ist neu?“
„Es geht dich nichts an!“ Er lachte und sie lachte zurück. „Ich habe ihn vor zwei Monaten gekauft. Als Almut beim Augenarzt war, bin ich in die Stadt gefahren und habe beim Italiener Eis gegessen mit einem Schuss Maraschino. Ich musste sowieso in die Apotheke, um Arztseife zu kaufen.“ Wollte sie ihm weismachen, sie hätte den Stift aus der Apotheke?
„Ich helfe dir, Tante. Deine Lippen könnten Farbe vertragen.“ Sie genierte sich, aber sie ließ sich auf den Stuhl drücken, der vor dem Waschbecken bereitstand. Er versuchte, den Stift über die trockenen Lippen zu ziehen und blieb in der lappigen Haut stecken. „Du musst deine Zähne fletschen.“ Er half nach und spannte die Lippen zwischen Zeigefinger und Daumen. Nach einer viertel Stunde war er zufrieden und sagte es ihr. Sie zog sich am Waschbeckenrand hoch und stand entgeistert eine Weile ihrem Spiegelbild gegenüber. „Ich werde so auf keinen Fall zum Friedhof fahren! Almut hätte es lächerlich gefunden. Sie hat es nie leiden können.“
„Sieh mich an.“ Sie schaute ihn im Spiegel an. „Es ist SCHEISSegal, was Almut dazu gesagt hätte. Du bist seit 65 Jahren eine erwachsene Frau und tust gefälligst, was DU willst.“
„Ich will, dass du mir das Zeug wieder abwischst, DAS will ich.“ Er wischte ihr das Zeug wieder ab und küsste sie auf die Stirn.
„Den Stift schenke bitte deiner Gattin.“
„Ich bin nicht verheiratet.“
„Trotzdem, schenk ihn deiner Freundin.“
„Behalte ihn erst einmal.“
„Du erbst ihn früh genug, was?“
„So habe ich das nicht gemeint.“
„Dann bist du ein Schafskopf. Glaubst du, ich bin unsterblich? Ich kann jeden Tag abberufen werden.“
„Das kann jeder.“
„Du musst immer das letzte Wort haben! Almut musste auch immer das letzte Wort haben. Es ist nicht meine Schuld, dass sie vor mir gegangen ist. Mutter war ein Engel, aber sie war sehr streng. Zu spät nach Hause kommen, gab es nicht. Als ich schon im Büro arbeitete, musste ich mir Ausreden einfallen lassen, wenn ich eine Stunde später kam. Ich war eine behütete Tochter.“
„Deine Mutter war kein Engel. Du warst eine gegängelte Tochter.“
Sie sah ihm groß in die Augen. „Meine Mutter war eine arme Frau, sie hatte es sehr schwer. Ich lasse nichts auf sie kommen. Almut hat mich gegängelt, das stimmt. Als Mutter starb, wurde SIE meine Mutter.“
„Hat sie dir auch den Mann ausgesucht?“
„Quatsch. Meinen Mann habe ich mir selbst ausgesucht. Er war allerdings mit Almut verlobt, so gut wie verlobt. Das ist ein Menschenalter her. Mein Mann ist vor dreißig Jahren gestorben. Almut hat mir verziehen, schon lange verziehen.“

Im Taxi wurde nicht gesprochen. Am Friedhof angekommen, konnte Berta den Gurt nicht lösen, der sie fast stranguliert hätte. Sie strich nervös mit ihren Fingerknochen darüber. Der Taxifahrer schien nicht zu begreifen. Philipp saß im Fond, stieg hastig aus, öffnete die Vordertür und lehnte sich über die eingesunkene Frau, um nach dem Knopf zu tasten, auf den er drücken müsste, um den Gurt auszuklinken. Der Mann am Steuer schwieg. Philipp war zu beschäftigt, um nach dem Grund seiner Gleichgültigkeit zu fragen. Er erinnerte sich an einen Chauffeur, der ihm gesagt hatte, dass er alte Frauen nicht ausstehen könne, sie stänkerten und stänken und erinnerten ihn an seine Mutter, die eine Hure gewesen sei. Philipp hatte damals nicht gewagt, sich darauf einzulassen, und jetzt hatte er keine Lust, den Taxifahrer um Hilfe zu bitten. Er fand die Entriegelung. Als Berta Anstalten machte, sich zu erheben, umfasste er ihre Knie und drehte sie vorsichtig in der Sitzschale. Er zog an dem Arm, den seine Tante ihm entgegenstreckte, und hievte sie aus dem Wagen. Da stand sie, vom Tageslicht grausam beschienen, ein weiblicher Lazarus, der lieber in der Dunkelheit seines Grabes geblieben wäre.

Philipp hakte sie unter. Sie wankte über das Kopfsteinpflaster der Vorstadtstraße zu dem monumentalen Portal, dessen Details er während der Pilgerschaft studierte, dabei bemerkte er die asymmetrische Anbringung der gemeißelten Schrift „Friedhof“. Aus einer quälenden Berechnung zog er den Schluss, dass es ursprünglich „Helden-Friedhof“ geheißen hatte. Er spürte ein Ziehen an seinem Arm. Die Alte löste sich von ihm und schlurfte in das Blumenlädchen neben dem Haupteingang.

Unterdessen beobachtete er, wie von der anderen Straßenseite sechs befrackte Herren aus einer Gaststätte kamen. Sie schritten je zwei zu zwei in gedämpfter Unterhaltung an ihm vorüber. Er sah ihre geröteten Backen, die runden Gesichter. Wegen der Mischung aus Würde und Kutschergehabe hielt er sie anfänglich für Mitglieder eines Gesangvereins, die einem der ihren das letzte Ständchen bringen würden. Wohin er schaute, es stieß ihn ab: die geklinkerte Gaststätte, aus der die Sargträger gekommen waren, die Gleise unter einer Pappelallee. Über dem Fluchtpunkt, den sie bildeten, erhob sich eine Fabrik oder ein Krematorium. Aus einem Schornstein flatterte grauer Rauch vor dem farblosen Mittagshimmel. Philipp würde sich nicht eher rühren, als bis die Alte mit einer Handvoll lächerlicher Blümchen zurückgekehrt wäre. Er hasste es, den Toten Lebendiges nachzuwerfen, und dachte mit grimmiger Genugtuung daran, dass es ebenso angemessen wäre, Hunde zu erwürgen und ihren Kadaver ins Grab zu schleudern.

„Hallo! Hallo! Sind Sie der Mann?“ Das Geschrei nötigte ihn, sich umzudrehen. Eine Frau in grüner Schürze winkte ihm zu. „Gehören Sie zu der Dame, Ihrer Mutter? Kommen Sie schnell! Schnell!“ Philipp lief. Er rannte in das Blumenlädchen. Eine Halbwüchsige hielt die Augen aufgerissen und wies mit theatralischer Geste auf einen Vorhang. Die Bretter der Verkaufsbude federten unter Philipps Schritten. Er schlug den Vorhang zur Seite. Berta saß ausdruckslos auf dem Boden, an einen Sack Humus gelehnt. Philipp taumelte zurück und sah, wie die Halbwüchsige floh. Die Frau in der Schürze betrat zögernd den Laden, als fürchtete sie eine Explosion. Er fragte nach einem Telefon. Er fühlte sich schuldig, als wäre seine Tante nicht gestorben, wenn er sie in den Laden begleitet hätte.
„Ich habe schon den Rettungswagen angerufen“, so die Verkäuferin.
„Danke, darf ich hier warten?“ Sie nickte. Er versuchte, sich zu konzentrieren. Er wusste nicht, auf was. „Hat sie etwas gekauft?“ fragte er verzweifelt. Die Frau wurde über und über rot.
„Ich hätte es Ihnen herausgegeben“, sagte sie, „ich habe nicht daran gedacht. Das Ganze hier ist ein Schock für uns. Ihrer Frau Mutter ist das Gebinde hingefallen, und mein Mädchen hat es fortgelegt. Dort, der kleine Kranz.“ Er winkte ab und versuchte zu lächeln.
„Wie ist es gekommen?“ fragte er, um die Wartezeit zu überbrücken, aber so, als hätte er kein Interesse daran zu erfahren, wie es gekommen war. „Hat sie etwas gesagt?“
„Die Dame ist umgefallen, in den Vorhang hinein, sie hat nichts gesagt, sie hat nur gestöhnt, aber nichts mehr gesagt.“ Die Verkäuferin rang ihre Hände vor Nervosität und blickte suchend durch das Auslagefenster. „Ich habe bestimmt angerufen.“

Ein Kleintransporter fuhr vor. Zwei Männer stiegen aus. Sie ließen den Motor laufen und gingen stracks zum Blumenladen. Das Lehrmädchen folgte ihnen in einigem Abstand. Die Männer traten ein und sahen sich um. „Wir sind von der Arbeiterwohlfahrt“, sagte einer.
„Mein Gott“, rief Philipp, „dort liegt eine Tote!“
Der eine Mann fragte: „Haben Sie schon den Arzt angerufen?“
„Nein, ich dachte die Frau …“
Die Floristin flehte die Männer an: „Sie könnten sie doch wenigstens wegschaffen.“ Der Mann, der gesprochen hatte, verkniff sein Gesicht. „Wir transportieren keine Leichen. Haben Sie uns etwa deswegen angerufen?“ Die Frau erwiderte kleinlaut, dass ihr Mann Mitglied der Arwo sei.
„Wir können da aber trotzdem nichts machen, wirklich nicht. Rufen Sie am besten einen Arzt. Unser Beileid und noch einen schönen Tag.“
„Ich muss zur Beerdigung“, warf Philipp ein und verlangte von den Männern, da sie einmal hier seien, ihm zu helfen. Die beiden schauten sich verblüfft an, ehe sie begriffen. „Sie haben hier einen Termin?“, fragte der eine, der die Unterhaltung bestritt, „wenn Sie sowieso einen Termin haben, können Sie ebenso gut den Bestattungsunternehmer einschalten. Die Maulwürfe sind immer dabei, wenn es was zu beerdigen gibt.“ Philipp lächelte dünn.
Die Blumenhändlerin schrie: „Die Dame muss weg, die kann hier nicht liegen bleiben!“

Philipp sprach das Lehrmädchen an, das ihn von der Seite angaffte. „Ich hole Hilfe, beruhigen Sie Ihre Chefin, ich regele das.“ Er schritt um Sicherheit und Festigkeit bemüht durch das Portal und ging unter den kahlen Querhölzern der Pergola auf eine Pforte zu, hinter der er die Kapelle vermutete. Im Inneren des Backsteingebäudes, das wie ein überdimensionierter Ziegelstein auf dem schmutzigen Kies des Versammlungsplatzes lag, von wo die letzten Fahrten beginnen, kam er an einer offenen Bürotüre vorbei. Er sah im Vorübergehen, dass sich niemand im Zimmer aufhielt. Auch die Warteräume für die Trauergäste waren leer. Vor einem Schildchen „Bestattungen: Zu neuen Ufern“ blieb er stehen. Er drückte gegen den Messinggriff.

Ein Leichenträger lugte durch die Öffnung. „Sie sind zu früh dran“, flüsterte er, als wollte er ein Kind an dem vorzeitigen Betreten der Weihnachtsstube hindern – milde, aber bestimmt. Dann vergrößerte er den Spalt soweit, dass die ganze Gestalt sichtbar wurde. „Wir können aber auch jetzt schon anfangen, wenn Sie dem Pastor Bescheid geben.“
„Ich suche den Leiter der Bestattungsfirma, es ist sehr wichtig.“
„Der Herr vom Bestattungsinstitut“, korrigierte der Mann und strich sich über die gelben Haare, die einen Rand vom Zylindertragen aufwiesen, „der wäre schon wichtig, bei der Feierlichkeit ist er aber nicht zugegen.“ Philipp schilderte dem Träger den Vorfall im Blumenladen und dass die Floristin einem Nervenzusammenbruch nahe sei, nicht zu reden von dem verängstigten Lehrmädchen. Der Mann fasste Philipp an der Schulter und trat mit ihm, die Tür hinter sich zuziehend, auf den Flur hinaus, der dem einer Behörde glich. Die braune Ölfarbe reichte bis hinauf zur grauen Decke. Er knöpfte seine Jacke zu. „Wir haben pausiert“, sagte er und streifte sich Brotreste von dem blanken Stoff.

In diesem Augenblick bog ein Mann, der sich in einem Trenchcoat zu verstecken schien und einen Künstlerhut trug, um die Flurecke und trippelte auf Philipp zu, der ihm entgegen ging und fragte: „Sind Sie der Leiter des Bestattungsinstituts?“
„Ich bin der Pastor. Ich mache die Beerdigung.“
„Von mir aus könnten wir sofort beginnen, wenn nicht meine andere Tante auch noch gestorben wäre.“
„Wie denn das? Wie entsetzlich! Das ist ja tragisch! Das kommt nicht alle Tage vor.“ Der Pastor versuchte, mit beiden Händen Philipps Hände zu ergreifen. Philipp entzog sich ihm und erwiderte: „Entsetzlich, ja, plötzlich und unerwartet.“ Dabei schaute er den Leichenträger an, der zustimmend nickte, als wollte er den Geistlichen auffordern, Philipps Bemerkung gebührend ernst zu nehmen.
„Ich fasse mich kurz“, sprach der Pastor, „wenn es zehn Minütchen Zeit hätte? Ich werde nur das Eingangslied intonieren, Gebet, Segen undsoweiter, und ich möchte die Herren vom neuen Ufer bitten, der Toten in der Kapelle auch die Ehre zu erweisen.“ Der Pastor streifte sich den Trenchcoat ab, unter dem er einen gedeckten Straßenanzug trug.

Philipp verließ das Gebäude, um im Blumengeschäft eine Entscheidung zu treffen, die ihm noch würde einfallen müssen. Ihm kam die Floristin entgegen. „Was geschieht denn nun? Jemand muss sich doch darum kümmern!“ Sie zerrte an seinem Mantel. „Ich kümmere mich“, Philipp war gereizt, „erlauben Sie, dass ich mich sofort darum kümmere!“ Er ließ die Verkäuferin stehen, ging an dem Lehrmädchen vorüber, das damit beschäftigt war, einer Kundin vom Betreten des Ladens abzuraten. Im Blumengeschäft drängte er sich durch den Vorhang zum Lagerraum. Die Portiere fiel hinter ihm zurück, so dass er einen Augenblick nichts sah, bis er sich an das blasse Licht, das durch ein verstaubtes Kippfenster hereinschien, gewöhnt hatte. Er schämte sich, vor der Toten davongelaufen zu sein, sie gewissermaßen verleugnet zu haben, als wäre er nur zufällig dabei gewesen. Er neigte sich zu ihr, schloss ihr die Augen und setzte sie zurecht. Es war ein Leichtes. Bevor er sie aufhob, riss er den Vorhang herunter, ging noch einmal zur Tür, rief das Mädchen zu sich, das widerstrebend folgte, und erklärte ihm, er werde nun mit seiner Tante herauskommen. Die Verkäuferin, die sich der Kundschaft vor dem Laden angenommen hatte, flüsterte, die Dame habe einen Schwächeanfall erlitten, und der Sohn werde sie nun zum Wagen bringen, um sie zum Arzt zu fahren. Philipp nahm die Leiche auf und lagerte ihren Kopf an seiner Schulter.

In einer steifen, aber nicht würdelosen Haltung ging er an den Frauen vorüber durch das Friedhofsportal. Hinter dem Portikus, von den viereckigen Backsteinsäulen teilweise verdeckt, parkte ein schwarzer Mercedes. Philipp schritt, die Leiche auf den Armen, zur offenen Pforte der Aussegnungskapelle. Im Vorraum stand der Bahrwagen. Er ließ die Leiche darauf niedergleiten. Mit ein paar Handgriffen brachte er sie in eine ausgestreckte Lage, dann schob er den Wagen in die Kapelle wie zu einem Dinner leichenfressender Dämonen, die in dem gläsernen Licht des Kirchenraums auf ihn warten – und ihn verfluchen, wenn sie sehen, wie wenig er bringt.

Die Anwesenden sahen ihn entgeistert an. Der Pfarrer vor dem Katafalk flüsterte: „Wir warten auf Sie, weil wir ohne Sie nicht anfangen können.“ Währenddessen schaute er entsetzt auf die Fracht, die Philipp durch den Gang rollte bis zur ersten Stuhlreihe.
„Wir können jetzt anfangen“, sagte Philipp.
„Das geht aber nicht, das ist nicht vorgesehen!“
„Fangen Sie endlich an!“
„Aber wie stellen Sie sich denn das Weitere vor, angesichts des – des unpräparierten Leichnams?“
„Wir stellen uns das so vor, dass Sie am Wortlaut Ihrer Predigt festhalten und jetzt endlich anfangen!“
Der Pastor begab sich zu einem Pult und wühlte in seinen Konzeptblättern.
„Wir beginnen dann am besten mit dem Lied 510: Wie herrlich ist die neue Welt.“ Er blickte flehend auf die Leichenträger hinab, die ihre Augen fest auf ihn gerichtet hielten, und begann mit zitternder, unerwartet melodischer Stimme zu singen. Philipp stand da mit geneigtem Kopf. Er blickte erst hoch, als die Männer den Gesang beendet hatten.

Der Pfarrer sprach ihn an: „Ich lese aus dem Brief des Apostels Paulus an die Philipper: Meine Brüder, ich schätze mich selbst noch nicht so ein, dass ichs ergriffen habe. Eins aber sage ich: Ich vergesse, was dahinten ist, und strecke mich nach dem, was da vorne ist. So spricht der Apostel. Wir alle sind, wie Paulus, fassungslos vor der Macht des Todes, welche die Macht Gottes ist, und begreifen sie nicht.“ Da ist was dran, dachte Philipp und schaute an dem Pastor vorbei auf das Relief eines Heldenchristus´, der vor Zeiten Kriegerwitwen Ingrimm und Stolz eingeflößt hatte.

Nach der Predigt, während derer sich Philipp einige Male veranlasst sah, dem Pastor zuzunicken, weil der Fortgang des Sermons von seiner wiederholten Zustimmung abzuhängen schien, entstand eine Diskussion über die weiteren Maßnahmen. Die Träger weigerten sich, die Tote von dem Bahrwagen, den sie für den Transport des Sarges benötigten, herunterzuheben und an einen geeigneten Ort zu schaffen. Der Pastor stand mit gefalteten Händen daneben und schaute von einem Gesicht zum anderen, bis Philipp sich auf das schwarze Auto hinter dem Portikus besann und die Kapelle verließ. Er vermutete den Leichenbestatter in der Nähe und sollte darin Recht behalten. Dieser stand in Demutshaltung hinter einer Säule, ein großer Mann in Philipps Alter, der sich hängen ließ, ähnlich gekleidet wie der evangelische Geistliche. Philipp erläuterte ihm das Besondere an dieser Trauerfeier. Der Mann nahm eine geschäftsmäßige Haltung an und versicherte Philipp, er werde alles in seine Hand nehmen, „wenn Sie mir Ihr Vertrauen schenken“. Er verbeugte sich und schritt gewichtig in die Aussegnungshalle. Dort wies er die Leichenträger an – im Ton eines Chefs, der auf einem Bauhof befiehlt – die Leiche anzupacken und in einen Raum zu bringen, den er näher bezeichnete. Philipp ließ es sich nicht nehmen, Berta selbst dorthin zu tragen.

Als er zurückkehrte, standen die Träger – Zylinder auf den Köpfen – aufgestellt im Hauptgang. Der Sarg hing zwischen ihnen. Der Pastor wartete an der Pforte. Alle schauten auf Philipp und setzten sich wortlos in Bewegung, als er die Träger erreicht hatte. Der Bahrwagen war ins Freie gezogen worden. Die Träger beluden ihn jetzt mit Almuts Sarg. Dann knirschte er, begleitet von acht Personen, über den Kies auf dem langen Weg zu der entlegenen Grube. Philipp las im Vorübergehen die Inschriften der Grabsteine.

Der Trauerzug näherte sich einem ältlichen Paar. Es drückte sich an den Wegrand und stellte sich frontal dort auf. Der Mann zog den Hut und hielt ihn vor seinen Bauch, die Frau senkte ihren Kopf. Philipp grüßte sie andeutungsweise. Die anteilnehmende Geste rührte ihn. Er empfand die Entblößung des einen Hauptes und die Neigung des anderen in diesem Zusammenspiel als würdevoll, kultiviert, traditionsbestimmt. Er fing an zu weinen und schob seine Schwäche auf den Eindruck, den diese alte, vornehme Geste auf ihn gemacht hatte, aber er weinte vor allem über seine Tante Berta, die auf dem Abstelltisch eines Warteraums lag wie ein vertrocknetes Insekt auf einer Fensterbank. Sie hatte so vieles im Leben verpasst. Noch gestern war sie wütend darüber gewesen.

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