Der achtzigste Geburtstag

von Christa Schmid-Lotz (Copyright)

Horst Binder kämpfte gegen den landwärts stürmenden Wind. Er erreichte das Wasser, das nach seinen Schuhen züngelte, Seetang und tote Quallen ans Ufer spülte. Da sah er sie. Eine Kugel von einer alten Dame, die mit Sonnenschirm und Kompotthütchen gleich ihm sich den Elementen aussetzte. Sie wandte ihm ein Krötengesicht zu, das bockig verzogen war.

„Das hat mir gerade noch gefehlt!“

„Wie bitte?”

„Heute ist mein achtzigster Geburtstag. Es könnte mein letzter sein. Und meine Familie hat mich im Stich gelassen!“

„Herzlichen Glückwunsch! Ist denn niemand nach Sylt gekommen?“

„Doch schon, aber sie haben mich weggeekelt. Sie wollen ohne mich feiern.“

„Das kann ich mir nicht vorstellen. Sie sind doch das Wichtigste an so einem Tag!“

„Kommen sie mit, ich zeige es Ihnen. Ich lade sie ein.“

„Horst Binder ist mein Name.“

„Klara Großhans.“

Er nahm ihren Arm und geleitete sie über die Bohlen zu einem Reethaus, vor dem sich ein paar Menschen versammelt hatten. Sie gestikulierten aufgeregt.

„Na, habt ihr die Platten schon geputzt?“, sagte das Krötengesicht und kniff die Augen zusammen.

„Aber Mutter”, erwiderte ein Mann mit Halbglatze und stahlblauen Augen. „Es ist alles für dich angerichtet. Und wen hast du denn da aufgegabelt?”

„Das ist mein Lover. Ich möchte ihn in die Familie einführen. Horst, das ist Johann, mein begnadeter Sohn, seine Frau Louise, süffig ihres Zeichens und meine Tochter Thea, die leider keinen Mann abgekriegt hat. Dann die drei Kinder: Heidrun, das Putzteufelchen, Christine mit dem gleichen stahlblauen Blick und Amadeus, Hoffnungsträger der Familie. Der Junge heißt Daniel, Christines Sohn, mein Urenkel.”

Betretenes Schweigen. Dann kam die Wirtin, klatschte in die Hände und rief:

„Wir können anfangen! Die Musikkapelle ist auch schon da.“
Die festlich gekleidete Schar bewegte sich ins Haus hinein, aber Horst verspürte keine Fröhlichkeit; es kam ihm eher vor wie ein Trauermarsch. Tuschelnd verteilte sich die Familie auf den Plätzen an der langen Tafel. Sie war mit roséfarbenem Damast gedeckt, Suppenlöffel, Messer, Gabeln und Dessertbestecke glänzten neben hoch aufgerichteten Servietten. Weingläser funkelten, Baguettebrötchen warteten darauf, mit Knoblauchbutter bestrichen zu werden. Die Kellner bewegten sich schnell und lautlos und schenkten den Apéritif ein. Es scharrte und raunte.

Plingpling. „Alle mal herhören!“ Johann war aufgestanden. „Wir haben uns heute hier versammelt, um den achtzigsten Geburtstag von Dir, liebe Mutter, zu feiern …“

„Achtzig Jahre…. So alt wird keine Sau….!“
Um Gottes Willen, wer war denn da so daneben? Die Dame mit dem schwarzem Dutt und einem Hühnerhals, der aus dem hochgeschlossenen Kleid ragte, erhob ihr Glas.

„Thea meint, dass es beachtlich sei, im toxischen Zeitalter ein so hohes Alter zu erreichen.“ Johann räusperte sich.

„Ich persönlich habe dir, liebe Mutter, viel zu verdanken. Deine Restelsuppen haben mich groß und stark gemacht, deine gestrickten Sweater gewärmt in kalten Zeiten. Nie werde ich die Schlangenhaut vergessen, die über deinem Bett hängt und das Bild des sterbenden Schauspielers auf der Toilette. Ich meine natürlich auf der Bühne. Dann gab es die Zeiten, wo du am Steuer unseres Käfers saßest und immer, wenn wir unser Ziel erreichten, daran vorbeigefahren bist.“

Einige Gäste lachten halblaut; Johanns Frau Louise protestierte:
„Nicht schon wieder! Das war doch Mutter gar nicht, das war ich. Aber jetzt Schluss damit. Krieg ich vielleicht mal ´nen Schluck Wein?”

Der Kellner eilte herbei, um ihren Wunsch zu erfüllen. Johann fuhr mit seiner Rede dort.
„Im Jahre 1957 bist du, liebe Klara ,ins Meer gefallen und hast dich nicht mal erkältet…“

„Aber das war doch Christine,” fiel ihm Daniel, der Enkel, ins Wort. „Oma hat das Eis aufgehackt, um darin zu baden!”

„Und deswegen ist sie so alt geworden. Was uns nicht umbringt, macht uns nur noch härter“, fügte Heidrun hinzu. Christine drehte eine von ihren blonden Locken zwischen den Fingern und grinste.
Die Kellner begannen, die Suppe aufzutragen.

Louise schaute konsterniert in die weißporzellanene Tasse.

„Was soll denn das sein?“

„Nordseekrabbensuppe mit Hummer und Rahm. Verfeinert durch einen Schuss Madeira.”

„Oh ja, Madeira ist immer gut.”

„Jetzt iss endlich deine Suppe, Johann,” keifte Louise. „Sie wird kalt.“

Johann sackte ein wenig in sich zusammen und setzte sich. Er nahm den Löffel und blickte stahlblau in die Runde. Bevor er ihn in die Suppe tauchen konnte, hatten die Kellner die Tassen wieder abgeräumt. Als nächster Gang erschienen zwei riesige Platten, die dampften und verführerisch dufteten.

„Rindfleisch in Burgundersoße, Pommes dauphinois, Brokkolischaum …“

Horst Binder lief das Wasser im Mund zusammen.

„Und was ist auf der anderen Platte, wenn ich fragen darf?“, meinte er.

„Steinbeißerfilet mit Safranwildreis an Crème und Sommersalate.“

„Mmmh.“ Er blickte zu Klara hinüber, die ihm zuzwinkerte.

Während sich alle den Köstlichkeiten widmeten, erhob Johann sich wieder und richtete seine Kamera auf jeden einzelnen. Besonders auf Christine. Ein Blitz durchzuckte die Gaststube und tauchte für einen Moment alles in ein gleißendes Licht.

„Jo-hann, jetzt lass doch mal dieses dämliche Geknipse. Wir wollen in Ruhe essen. Und ich krieg wohl mal wieder nichts von dem Steinbeißer?“

„Gnädige Frau, sie hatten sich für das Boeuf entschieden …“

„Ich werd doch noch wissen, was für einen Fisch ich essen wollte!“

Horst hörte, wie Klara, die neben ihm saß, mit den Zähnen knirschte.

„Könnte mich vielleicht auch mal jemand fragen, was ich gern hätte? Schließlich ist es mein Geburtstag!“

„Ach, Oma. Was möchtest du denn?“, fragte Daniel mit den Flatterhosen und den U -Bootschuhen.

„Steinbeißer und Boeuf und Madeirasoße. Und ein Bier, bitteschön, vom Wein krieg ich immer Sodbrennen.“
In Windeseile wurde das Bier gebracht.
Die Oma trank einen Schluck.

„Daniel, man stützt seine Arme nicht auf beim Essen!”
Sie nahm seinen rechten Arm und ließ ihn zweimal auf den Tisch krachen, woraufhin Fischstücke nebst Brokkolischaum durch die Luft sausten.

„Öööörps,“ ein Rülpser entfuhr ihren herabgezogenen Mundwinkeln.Horst konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. Er sah, wie sehr die anderen ihr Kichern verbergen mussten. Nur Louise und Thea schauten indigniert in die Runde. Johann war schon wieder aufgesprungen und rannte mit seiner Filmkamera um den Tisch. Sein Essen dampfte nicht mehr.

„Jetzt brauch ich ´nen Schnaps“, ließ sich Louise vernehmen.

„Mutti, ich glaub, es reicht jetzt. Du hast schon eine ganze Flasche Wein!”, sagte Heidrun verärgert.

„Das ist meine Sache. Und wo ist eigentlich mein lieber, lieber Wuschel?“

Auf dieses Stichwort kam eine Töle unter dem Tisch hervor. Wuschel stellte die Kommodenbeine quer, legte den Schäferhundkopf schief und wackelte mit dem Schwanz, der von seinem Dackelkörper weggebogen war.

„Hallo Wuschel“, rief Daniel, nahm ein Stück Fleisch von seinem Teller und warf es ihm hin.
Horst sah, wie Klara dunkelrot anlief.

„So ein Benehmen ist un-mög-lich!“, kreischte sie und schlug mit der Faust auf den Tisch, dass das Bier überschwappte und die Weingläser zitterten. „Kann denn an meinem Achtzigsten kein einziger auf mich Rücksicht nehmen?“

Johanns Augen wurden eisig.
„Und könntest du mal aufhören, dich in die Erziehung einzumischen?“

„Also wenn hier einer erzieht, dann ich!“, fuhr Christine auf. In ihrem Gesicht erschienen hektische Flecken.

„Das ist die Höhe. Das ist die absolute Höhe. Da wird man achtzig Jahre alt und muss sich so von seiner Sippe beleidigen lassen…“. Klara presste die Hand aufs Herz und begann zu schreien, spitz und schrill, immer lauter, drohte umzukippen, stand dann ruckartig auf, knallte ihren Stuhl gegen den Tisch und lief zur Tür hinaus. Wuschel bellte wie verrückt und wollte ihr nach, dabei zog er den Tisch, an dem er festgebunden war, ein Stück mit sich. Aus den umgekippten Gläsern tropften Wein und Bierschaum auf den Boden. Alle waren aufgesprungen und standen wie zu Salzsäulen erstarrt. Horst fasste sich als erster und stürmte Klara hinterher.

Die Nacht war noch nicht ganz hereingebrochen, aber der Wind hatte an Stärke zugenommen. Ängstlich kreischten Möwen in der Höhe, am Horizont war ein Wetterleuchten zu sehen. Instinktiv nahm Horst den Weg zum Strand. Sah dort eine kleine dunkle Masse am Wasser sitzen. Er ließ sich neben ihr im feuchten Sand nieder.

„Klara, das haben die doch nicht bös gemeint. Es wollte Ihnen niemand weh tun.“

Ein Blitz zuckte über das Meer, gefolgt von Donnergrollen.

„Huch! Ich hab’s Ihnen ja gesagt, die wollen mich wegekeln. Das ist immer so!“

Das Gewitter war jetzt über ihnen. Blitz und Donner folgten Schlag um Schlag, der Himmel öffnete seine Schleusen, der Wind hatte sich zum Sturm ausgewachsen und das Meer kochte.

Horst schrie gegen die elementare Gewalt: „Jetzt machen Sie mal nicht so ein Butterhexengesicht und kommen sie zurück. Es gibt noch Sorbets mit Mangostiften und Sternfrüchten, wie ich gesehen habe. Mit feiner Schokolade verziert …“

Sie sah ihn, völlig durchnässt, aus blauen, halb ängstlichen, halb schalkhaften Augen an.

„Gut, dass Sie da sind, Horst. Sie sind der einzige, der noch nicht verrückt geworden ist.“

Er nahm ihre Hände und drückte sie. Sie legte den Arm um ihn und gab ihm einen Kuss. Ihre grauen Haare flatterten über sein Gesicht. Aus der Ferne hörten sie aufgeregtes Rufen.

„Kla-ra, wo bist du …?”

Glasbetonkörper

von Christa Schmid-Lotz (Copyright)

Die U-Bahn kündigte sich mit einem Windstoß an; die Wagen sausten an Steffen vorbei und standen schließlich still. Ein Menschenstrom ergoss sich aus den Türen, drohte ihn mitzureißen. Er kämpfte sich durch die Menge und stieg ein.
„Zurückbleiben, bitte …”, sagte die Stimme aus dem Lautsprecher.

Die Bahn war überfüllt, ausdruckslos starrten die Menschen vor sich hin. Steffen hielt sich an einem Griff fest, der schmierig war und nach Schweiß roch. Er sah einen freien Platz und setzte sich. Ihm gegenüber saß eine junge Frau, die in einem Buch las. Sie hatte halblange, dunkelblonde Haare, ein schmales Gesicht, genau wie Anne. Steffen versuchte, den Titel zu erfassen. „Das Leben ist ein Schatten und nicht aufzuhalten”. Das zielt direkt auf mich, dachte er. Ich fühle mich nur noch als Schatten meiner selbst. Er schluckte und sah wieder auf das Buch. Nicht aufzuhalten, nicht auszuhalten. Ja, so ist es. Ich halte mich selbst nicht aus. Das Leben jagt an mir vorbei, die Zeit zerfließt und lässt sich nicht fassen.
Bei dem Gedanken, dass sie ihn anschauen könnte, begann sein Herz schneller zu klopfen
Die junge Frau sah auf und lächelte. Einen Moment stand die Zeit still. Anne am Strand auf der Sithonia, ihre Augen hatten die Farbe des Meeres.
„Interessiert Sie das Buch?”, fragte sie.
Er fiel in die Gegenwart zurück und der Schweiß brach ihm aus allen Poren.
„Ich interessiere mich für gar nichts”, antwortete er. Sein Mund war trocken.
Sie schaute ihn erschrocken an. Steffen wand sich innerlich, er wollte raus, nur raus. Die Bahn verlangsamte ihre Fahrt.
„Nächster Halt: Ostendstraße”, tönte die Stimme aus dem Lautsprecher. Steffen stand abrupt auf und drängte sich durch die Menge zur Tür. Er stolperte über den Bahnsteig, rannte hinaus in die kalte Dezemberluft, zum Mainufer hinab. Hier konnte er freier atmen. Die Sonne hing blass zwischen schweren Wolken; Blätter raschelten unter seinen Schuhen. Gedankenverloren ging er den gemauerten Kai entlang. Hier war er im Sommer oft mit Anne gewesen. In den Nächten nach den Rockkonzerten hatten sie sich unter den Palmen im „Nizza” geliebt. Sie war alles gewesen für ihn. Ich habe nicht mehr die Kraft für zwei, hatte sie bei ihrer letzten Begegnung gesagt.
Das Wasser war schmutziggrün; Krähen fielen zeternd in die Pappeln ein und ein Obdachloser prostete ihm mit einer Flasche Rotwein zu. Vielleicht liege ich auch bald auf der Straße wie der, dachte Steffen. Hinter den Weiden ragten die Glasbetonkörper der Großbanken in den Himmel. Ein Schweigen lag über Frankfurt, untermalt vom Grundrauschen der Zivilisation.

Er lief am Eisernen Steg vorbei zum Römer. Das Rauschen wurde stärker. Menschen glitten vorüber wie Schatten, Satzfetzen gellten in seinen Ohren. Das ist die Hölle, dachte er, durch die Welt zu gehen und von niemandem bemerkt zu werden. Auf dem Römer waren Weihnachtsstände aufgebaut; Düfte nach Thüringer Bratwurst und Glühwein wehten ihm entgegen. Das Gedränge und die Stimmen wurden so dicht, dass er das Gefühl hatte, zur Bedeutungslosigkeit zu schrumpfen. Er kämpfte sich zu einem Stand durch und bestellte eine Curry mit Pommes. Beim Essen tropfte ihm Ketchup auf den Mantelkragen. Ein paar Jugendliche schauten in seine Richtung und lachten. Steffen verließ fluchtartig den Weihnachtsmarkt. Vor der Buchhandlung „Wohlthat” fiel sein Blick auf ein Plakat:„Weitere terroristische Anschläge auf weiche Ziele werden erwartet. Meiden Sie strategisch wichtige Punkte.” Das Gefühl der Angst und der Trennung vom Rest der Welt steigerte sich zur Panik. Kalter Schweiß lief ihm den Rücken herunter; er hatte das Gefühl, von den Beinen aufwärts gelähmt zu werden. Lauf, solange du noch kannst!, rief er sich zu.

Er rannte durch die Fußgängerzone, rannte immer weiter, bis er an eine Kreuzung kam. Autos hupten, das Rauschen schwoll an, steigerte sich zu einem Brausen, schwoll wieder ab. Reifen quietschten, Lastwagen dröhnten, ein Presslufthammer ließ die Erde erzittern und das Dröhnen ging in ein Krachen über, das die Welt zu sprengen drohte. Steffen verlor den Boden unter den Füßen. Die Fassaden der Häuser senkten sich; in einem rasenden Wirbel flogen Menschen, Fahrräder, Autos, Wasserhäuschen und Schaufenster an ihm vorüber. Das Krachen wurde zum Kreischen, wurde durchdringend, überlaut, ohrenbetäubend, markerschütternd, grenzüberschreiend. Die Mauern stürzten mit einem finalen Knall über ihm zusammen.

Er öffnete die Augen. Kalkwände, der Geruch nach Desinfektionsmitteln. Eine Frau näherte sich seinem Bett. Sie trug einen weißen Kittel und blickte ihn aus warmen, braunen Augen an.
„Guten Abend”, sagte sie mit einer angenehm tiefen Stimme.
„Wie komme ich hierher? Ich will sofort nach Hause.”
Steffen machte Anstalten, aus dem Bett zu steigen.
Sanft drückte sie ihn zurück in die Kissen.
„Mein Name ist Dr. Christiansen”, sagte sie und lächelte.„Sie sind vom Notarzt bei uns eingeliefert worden. Sie hatten eine psychotische Dekompensation.”
„So ein Quatsch! Was soll denn das sein?”
„Sie sind seelisch zusammengebrochen.”
„Etwas ist über mich hereingestürzt – dann verlor ich das Bewusstsein.”
„Jeder psychisch kranke Mensch ist hypersensibel, was seine Umwelt betrifft. Sie brauchen vor allem Ruhe und Schonung.”
Ob es wirklich Hilfe für ihn gab? Er sehnte sich nach nichts mehr als danach. Einfach nur Ruhe, eine Welt, die überschaubar war, mit leisen Tönen und Menschen, die miteinander redeten.
„Ich brauche Sie nicht”, sagte er laut.
„Wir bieten Ihnen an, einige Zeit zur Behandlung hier zu bleiben. Mit den neuen Psychopharmaka und mit Psychotherapie können wir Ihnen helfen, ein beschwerdefreieres Leben zu führen.”

Glaub ihr nicht. Die wollen dich lahm legen, deine Gefühle niedermachen. Er wusste nicht, ob diese Stimme in ihm oder außerhalb seiner selbst war.
Steffen presste die Lippen zusammen. In seinem Kopf rasten die Gedanken. Er konnte keinen von ihnen fassen, auch nicht den Bruchteil von einem Gedanken.
Die Ärztin schaute ihm in die Augen.
„Wir brauchen Ihre Compliance. Sind Sie mit der Behandlung einverstanden? Ich möchte Ihnen eine Haldol- Spritze geben. Sie wirkt dämpfend auf das zentrale Nervensystem.”
„Nein, keine Spritze, lass dich nicht von ihnen einfangen”, schrie die Stimme. „Lauf weg! Du kannst dich noch retten!”Steffen sprang aus dem Bett, stieß die Ärztin beiseite, rannte aus dem Zimmer, vorbei an Pflegern und Schwestern, die ihn vergeblich aufzuhalten versuchten, hinaus aus der Klinik, in die Stadt hinein. Er keuchte und sah gehetzt in die Gesichter, die sich zu teuflischen Fratzen verzerrt hatten. Steffen hielt inne. Einen Moment lang stand die Zeit still.
Ohrenbetäubendes Krachen riss ihn herum. Schaufensterscheiben klirrten. Es schmerzte ihn in den Ohren und er presste verzweifelt seine Hände darauf. Das Ungeheuer bohrte sich hinein in das Glas, in den Beton, in die berstenden Fassaden. Alles Leben ging in Flammen auf, alle Zivilisation brach auseinander und flog dem Nichts entgegen. Und über dem zerflatternden Sinn sah er ihre Augen, die über alle Grenzen hinweg voller Liebe waren.

Der Augenblick Verlassenheit

von Christa Schmid-Lotz (Copyright)

Am Strand roch es nach Seetang und vertrocknetem Fisch. Ein paar eingebrannte Quallen dazwischen, blassblau und glitschig. Paul warf einen Blick auf das Meer. Das Ufer war mit Buchenwäldern bestanden; die Ostsee war jetzt, bei einem schwachen Wind aus Westen, glatt wie ein Spiegel. Dort, wo die Muschelbänke begannen, gingen ihre Farben vom Türkisen ins Tintenblaue über.

Pauls Vater warf den Seesack ins Boot, schob es ins Wasser und setzte sich auf den Bug. Mit seiner Prinz-Heinrich-Mütze sah er aus wie ein Skipper. Paul ließ sich auf der Ruderbank nieder und zog sich das Hemd über den Kopf. In den Falten seines Bauches juckte der Schweiß.
Die Ruder drehten sich knarrend in den Riemen und dort, wo die Blätter das Wasser berührten, bildeten sich Kreise, die sich immer weiter ausdehnten.
„Kannst du nicht schneller rudern, Paul?“, sagte sein Vater zu seinem Rücken. „Da wird man ja ganz rammdösig. Und du musst die Ruder flacher eintauchen, sonst kommen wir heute nicht mehr nach Glücksburg.“
Paul tauchte die Ruder flacher ein und zog sie schneller durchs Wasser.
Der Strand mit der knorrigen Eiche und den grünen Hügeln dahinter wurde immer kleiner. Eine Zeit lang war nichts zu hören als ein gleichmäßiges Plätschern, das Quaken der Blässhühner und vereinzelte Schreie von Möwen. Im Nordwesten standen Sommerwolken.

„Ich muss mit dir reden“, sagte Pauls Vater.
Was jetzt kommen würde, konnte Paul sich denken. Wenn sein Vater doch einmal, nur einmal still sein, die Ruhe, das Licht, den leisen Schlag der Wellen auf sich wirken lassen könnte.
„Du warst immer mein Hoffnungsträger, Paul“, sagte die Stimme in seinem Rücken.
Paul erwiderte nichts.
„Hörst du mir überhaupt zu?“
Paul ließ die Ruder ins Wasser hängen und drehte sich um. Sein Vater hatte die Prinz-Heinrich-Mütze abgenommen. Feine Schweißperlen standen auf seinem Gesicht. Paul sah seine Augen, einen kurzen, schmerzhaften Moment lang seine Augen. Sie waren blau und kalt.
Im Nordwesten ballten sich die Wolken zu Türmen auf.
„Natürlich höre ich dir zu! Setz dich doch auf die andere Seite, damit ich dich sehen kann.“
„Hier sitze ich besser. Ich möchte dich etwas fragen. Warum heiratest du eigentlich nicht deine Ex-Kollegin Sabine? Das ist so eine nette Frau!“
„Ich liebe sie nicht.“
Paul drehte sich um und ruderte weiter. Seine Hände waren aufgescheuert. Die Stimme bohrte sich in seinen Hinterkopf:
„Warum bist du so bockig? Hast du mit Frauen nichts am Hut?“
Paul spürte, wie ihm das Blut in den Kopf stieg.
„Ich werde schon noch die Richtige finden. Lass mich nur machen.“
„Wenn ich dich machen lasse, kommt nichts dabei heraus. Ich warte jetzt schon vierzig Jahre, dass sich bei dir was tut. Und abnehmen könntest du auch.“
„Lass mich doch endlich in Ruhe!“
„Dich in Ruhe lassen? Paul! Ich hatte gehofft, du würdest meine Rumfabrik übernehmen. Statt dessen fällst du durch die Wirtschaftsprüfung und schmeißt einen Job nach dem anderen hin. Und ich habe so viel Geld für dein Studium investiert! “
„Warte nur, bis ich wieder einen Job habe! Dann wirst du sehen, was in mir steckt.“
„Da kann ich warten, bis ich schwarz werde“, sagte sein Vater.

Paul hatte den Impuls, ihm das Ruder über den Kopf zu schlagen. Aber er unterdrückte ihn. Der Himmel im Nordwesten hatte sich schwefelgelb verfärbt. Eine Windbö strich über die Oberfläche, ließ Kräuselwellen darüber flattern und brachte das Boot zum Schaukeln.
„Sollen wir nicht umkehren?“, fragte Paul.
„Du bist und bleibst ein Bangbüx!“
Der Wind zerrte an Paul, warm und heftig fuhr er ihm ins Gesicht. Er hatte ein Gefühl im Bauch, das ihn zu lähmen drohte.
Ein orangegelbes Licht blitzte am Ufer auf.
„Das ist eine Sturmwarnung!“, rief Paul.

„Ich möchte nur einmal erleben, dass du eine Sache durchhältst“, sagte die Stimme in seinem Rücken giftig.
„Auch, wenn es lebensgefährlich wird?“
„An der Ostsee gibt es keine gefährlichen Stürme.“
Entsetzt sah Paul, dass sich das Schwefelgelb in eine tiefschwarze Wolkenwand verwandelt hatte. Der Wind heulte und pfiff ihm in die Ohren. Die See sah aus wie kochendes Blei. Paul wendete das Boot und begann zurückzurudern.
„Du ziehst mal wieder den Schwanz ein, anstatt dich der Gefahr zu stellen!“, geiferte die Stimme in seinem Rücken. Paul drehte sich um und schrie in den Wind hinein:
„Wenn du dich umbringen willst … von mir aus. Ich habe noch was vor mit meinem Leben.“
Die Wellen rollten von Nordwest heran und barsten krachend an Steuerbord. Das Boot schlingerte stark.
„Du bist ein Versager!“, brüllte sein Vater.
„Und was ist mit dir?“
Die Gischt nahm Paul fast den Atem. Er schrie:
„Du könntest … ja auch mit einer Jacht an einer Regatta …“
„Regatta?“
„Statt dich von deinem Sohn, dem Versager …“
„Werd nicht frech!“
„ … auf der Ostsee herumrudern zu lassen!“
Eine weitere Welle warf das Boot fast um. Paul legte sich in die Riemen. Seine Hände hatten Blasen und sein Herz klopfte wie verrückt. Der Himmel war rabenschwarz. Die Wogen türmten sich höher und höher auf; das Boot tanzte auf ihnen wie eine Nussschale. Pauls Arme schmerzten; er konnte kaum aus den Augen schauen, so sehr brannten sie von der salzigen Gischt.
Plötzlich ließ er die Arme sinken. Die Ruder glitten aus den Riemen, das Boot drehte sich im Kreis und schlug um.

Ein Platschen, ein herrlich nasses und kühles Gefühl am ganzen Körper, undurchdringliches, schwarzgrün wogendes Wasser. Das Meer drang Paul in den Mund. Dann kam er wieder hoch, sah das Boot kieloben schwimmen. Sein Vater klammerte sich daran fest; seine Mütze war weggeflogen und in seinen wässrigblauen Augen stand panische Angst.

Paul kämpfte sich zu ihm hinüber.
„Jetzt sind wir baden gegangen, nicht?“, schrie er in das Inferno hinein.
„Ja, so was … Dummes! Hilf mir!“
„Wir müssen sehen, dass wir zum Ufer kommen.“
„ Die Aktien“, rief sein Vater. „Rum-Export … sind heute … gestiegen. Werde dich … beteiligen …“
„Dein Geld nützt uns jetzt einen Dreck!“

Der Himmel öffnete seine Schleusen zum Finale. Haselnussgroße Hagelkörner prasselten auf sie herab. Die Wellen mannshoch, Gischt bis zum Horizont.Paul sank, tiefer und tiefer in die grüne Unendlichkeit hinab. Drehte sich wieder und wieder um sich selbst. Wie wäre es, sich immer weiter sinken zu lassen? Aufzuhören, um das bisschen Leben und Leiden zu kämpfen? Das Wasser drang ihm in Mund und Nase, füllte ihn völlig aus. Sein Vater ließ einen Drachen steigen. Paul lief ihm entgegen, rannte über eine Wiese, die übersät war mit Trollblumen und Vergissmeinnicht. Sein Vater nahm ihn nicht wahr, konzentrierte sich völlig auf sein Tun. Paul öffnete den Mund zum Schreien; es kam kein Ton heraus. Sein Vater würde ihn niemals hören. Hatte ihn nie gesehen.
Plötzlich war Paul wieder oben. Seewasser quoll ihm aus Mund und Nase; er hustete und spuckte. Sah alles wie durch einen Vorhang. Wurde von den Wellen hierhin und dorthin geworfen, sah Sterne durch die jagenden Wolken blinken, sah das Halbrund des Mondes, das Meer, das aufgewühlt war wie niemals zuvor, hörte den Sturm tosen. Dazwischen zitterte ein Licht. Paul bewegte Arme und Beine im gleichen Rhythmus. Das Licht kam langsam näher.

Grenzgänger

von Christa Schmid-Lotz (Copyright)

Hoch über den Pyrenäen flirrt das Licht des Mittelmeeres und Dörfer reihen sich wie Perlen in die Wellen aus Erde und Macchia. Einzelne Gehöfte stehen neben Steineichen, Ziegen grasen verstreut und klettern über Felsen. Am Fuß der Berge, umrahmt von Rebstöcken das Städtchen Banyuls sur Mer. Es war das steingewordene Asyl dreier Menschen geworden, ein Haus, ockerrot, dessen Fenster sich zum Meer hin öffneten. Die Sonne war untergegangen und die Nacht fiel ohne Übergang herein. Lisa Fittko kehrte aus dem Ort zurück, wo sie Brot, Wasser und Decken organisiert hatte.

„ Ich bin ganz aufgeregt … es ist das erste Mal, dass ich Flüchtlinge über die Berge führe!“

Walter erschrak.„Ich dachte, wir nehmen den Küstenweg …“

„Feuchtwanger hat ein bisschen viel geredet in New York … seitdem wird die Küste stärker bewacht. Die Gestapo schnüffelt schon in Cerbère herum. Es ist die einzige Möglichkeit. Der Bürgermeister hat mir den Schmugglerpfad über die Pyrenäen gezeigt.“

„Also, gehen wir.“

Walter nahm seine schwarze Tasche und verließ mit Lisa und den beiden anderen das Haus. Sein Herz tat weh, er fühlte sich müde und unendlich alt. Er wäre gern noch an diesem Ort geblieben, hätte den Fischern beim Einholen der Netze zugeschaut und geschrieben. Doch die Flucht, die schon durch halb Frankreich geführt hatte, war noch nicht zuende. Sie wanderten bergauf durch die Weinberge und kamen nur langsam voran. Es wurde kühler, der Weg steiniger und steiler. Außer dem Schrei der Eulen und den Ziegenglocken war kein Laut zu vernehmen. Der Kegel von Lisas Taschenlampe tanzte voraus und erhellte den Abglanz einer Vegetation, die auch in diesen Höhen noch dem Wetter trotzte. Sterne standen eisig klar am Himmel. Walters Atem ging schwer. Er spürte die Nervosität der anderen. Mühsam stolperte er weiter, die schwarze Tasche an sich pressend. Sie war ihm wichtiger als sein Leben. Sie mussten sich unter freiem Himmel ein Nachtlager einrichten und drängten sich zusammen, um sich zu wärmen. Am anderen Tag stieg die Sonne glühend empor. Nach Stunden, die Walter wie Tage vorkamen, sahen sie die roten Dächer von Port Bou unter sich. Weit draußen auf dem Meer, im Glast des Horizontes, zog ein Dampfer dahin.

„Wir sind da!“, rief Lisa. „Gehen Sie gleich zum Polizeiposten und zeigen Sie Ihre Papiere. Sie haben ja von Horkheimer das Visum für die USA. Und morgen früh nehmen Sie den ersten Zug nach Lissabon … aber das wissen Sie ja alles. Viel Glück in Spanien, Herr Benjamin!“

„Viel Glück in der freien France,“ entgegnete er mit einer Verbeugung.

Lisa verabschiedete sich von ihren Begleitern und machte sich auf den Rückweg. Walter nahm seine letzten Kräfte zusammen und stieg mit den anderen den Berg hinab. Verbrannte Erde überall. Kein Haus des Dorfes war ganz geblieben, der riesige Bahnhof schwer beschädigt. An diesem Ort hatte die letzte Schlacht des spanischen Bürgerkrieges stattgefunden.
Auf der Polizeiwache wies man ihre Papiere zurück.

„Sie brauchen ein französisches Ausreisevisum, um bei uns einzureisen. Wurde gestern von der Regierung beschlossen“

Den drei Flüchtlingen wich alles Blut aus dem Gesicht. Sie wussten, was das bedeutete.
In einer Seitengasse stand das Gebäude, das ihnen Zuflucht bieten sollte. Walter klopfte an die Tür und kurze Zeit später wurde ihnen aufgemacht. Der Mann sah hastig in die Gasse hinein.

„Venga, Senoras, Senor Benjamin … Sie sehen furchtbar krank aus! Aqui, in diese Kammer. Die Damen nach oben.“
„Ich bin am Ende. Könnten Sie mir einen Arzt schicken?“
„Si, un poco mas tarde.“

Walter legte sich aufs Bett und schloss die Augen. Das alles hätte er sich und vor allem den anderen ersparen können, wenn er schon damals in Ibiza … er hörte, wie die Wellen an den Strand rauschten und die Möwen kreischten. Die Schmerzen waren wieder stärker geworden. Er zog seine Tasche zu sich herüber und entnahm ihr ein Päckchen, drehte sich zitternd eine Zigarette und rauchte sie hastig. Der Schmerz ließ nach und er hatte das Gefühl, dass der Raum sich allmählich ausdehnte. Es war, als seien noch mehr Menschen um ihn herum. Irgendwann dämmerte er hinüber.

Jemand fasste ihn sanft an der Schulter. Der Medico war gekommen. Er war schwarz gekleidet, lang aufgeschossen und uralt.
Walter richtete sich auf.
„Ich danke Ihnen unendlich, dass sie gekommen sind, Monsieur. “

Die Bewegungen des Arztes waren langsam, unsicher, sein Ausdruck einsilbig.
„Wo sitzt denn der Schmerz? Da?“
„Ja, genau da …“
Wie der Holzwurm, der den Herrn Holz auffrisst, dachte er.
„Ich gebe Ihnen etwas Laudanum. Nehmen Sie auf keinen Fall Morphin zu sich!“

5.40. Ein Pfiff des Zuges hatte ihn geweckt. Jetzt müssten Sie eigentlich, ohne Kaffee zu trinken, in die Kleider fahren und zum Bahnhof rennen. Barcelona, Madrid, Lissabon. Er würde nie mehr den Fischern beim Einholen der Netze, den Tänzerinnen im Barrio Chino zuschauen. Sein Schreiben, die Literatur war unterlegen im Kampf gegen die Barbarei. Er bekam keine Luft mehr, hörte sein eigenes, erbittertes Röcheln.

6.15. Ein Hahn krähte. Halb liegend schrieb er einen Brief an seinen Freund David, nahm eine große Dosis Morphin und lehnte sich wieder zurück.

„Monsieur, Sie haben mir doch versprochen …“, aber das war jetzt nicht mehr wichtig. Er versank in einer dunklen, ihn süß umfangenden Namenlosigkeit, die nur mehr Bilder des Gewesenen zuließen. Er würde über keine weitere Grenze mehr gehen, keinen Geleitbrief mehr vorweisen müssen. Die dicke Brille sank ihm von der Nase und mit einem Seufzer schloss er die Augen.

Als der Arzt seine Untersuchung beendet hatte, krachte es an der Tür. Ein Beamter der Guardia Civil kam hereingepoltert.

„Que paso? Was ist passiert?“
„Senor Benjamin ist tot.“
„Todesursache?“
„Hirnblutung.“
„Es desagragable. Das ist unangenehm.“

Er ging hinaus und sie hörten ihn halblaut mit einem Kollegen sprechen. Beide kamen mit ernsten Mienen zurück.

„Die Umstände veranlassen uns zu einer Ausnahme. Die beiden Damen dürfen einreisen.“Epilog
Der Friedhof von Port Bou steht auf einem Felsen über dem Meer. An seinem Eingang befindet sich eine Tafel mit den Worten: Schwerer ist es, das Gedächtnis der Namenlosen zu wahren als das der Berühmten. Dem Gedächtnis der Namenlosen ist die historische Konstruktion geweiht. Der Besucher erfährt, dass die schwarze Tasche, die wertvolle Dokumente enthielt, nie wieder aufgetaucht ist. Und dass an diesem Ort ein Kampf gegen das Vergessen stattfindet. Er geht durch einen Tunnel, der im Wasser endet. Aber nur scheinbar führt der Weg in die Freiheit; es ist eine Glaswand davor. Ockerrot kleben die Häuser in der Bucht, verbrannte Erde und Baumstümpfe weisen anklagend in den Himmel, mächtig ragt das Gebirge empor, Dörfer reihen sich wie Perlen in die Wellen und am Horizont verglast das Licht.

September

von Christa Schmid-Lotz (Copyright)

Es ist zwölf Uhr mittags, die blaue Stunde im Frühherbst, wenn der Markt aussieht wie frisch gewaschen, Auberginen glänzen, Blumenkohlköpfe sich in ihre Blätter hüllen und der Bauer mit flotten Sprüchen Kartoffeln in die Körbe der Frauen leert. Ich sitze an einem Tisch mittendrin und schreibe einen Bericht für meine Zeitung. Es summt wie in einem Bienenkorb. Die Gesichter der Menschen sind fröhlich; sie denken an nichts als an ihr Mittagessen. Ein Duft nach Zwiebelkuchen haucht mich an. Das Licht reflektiert so stark, dass meine Augen schmerzen. Der Kaffee ist noch heiß.

Eine Wolke schiebt sich vor die Sonne. Plötzlich stehen zwei Männer vor mir. Undurchdringliche Gesichter, Mäntel aus fließendem Wollstoff. Alles wird grau; ich fühle mich hoffnungslos. Der Bauer schaut feindselig zu mir herüber. Auf meiner Stirn sammeln sich Tröpfchen.

„Zeigen Sie mal, was Sie da geschrieben haben“, sagt einer von ihnen.

„Was geht Sie das an“?

Statt einer Antwort reißt er mir den Notizblock aus der Hand.
Er überfliegt das Geschriebene und sieht mich mit Betonaugen an.

„Aha, das habe ich mir gedacht. Eine Hetzkampagne gegen unseren Buchkonzern. Sie behaupten, er habe alles aufgekauft, was es an Verlagen gab. Sie behaupten, wir hätten im Dritten Reich mit den Nazis zusammen gearbeitet. Dass wir Bücher verbrannt haben. Dass wir literarische Maulkörbe verhängen. Sie erdreisten sich sogar zu schreiben, dass unser Verlagstower in New York nicht nur metallisch grau sei, sondern die ganze Welt beherrsche.“

„Es ist die Wahrheit“, sage ich müde. „Wir haben eine Diktatur und es werden wieder Bücher verbrannt.“

Ich weiß, was mich erwartet. Eine Zelle, zwei mal drei Meter. Ein Fenster zum Hof; der Blick geht bis zu den blauen Bergen. In der Nebenzelle der Chefredakteur und in der Nacht krachen Schüsse. Dieser Marktplatz ist der Abschied. Einmal noch wollte ich das Leben in seiner ganzen Vielheit sehen. Ich stehe auf. Der Blumenkohl quillt aus seiner grünen Krause, die Auberginen glänzen nicht mehr, ein Schwarm von Tauben fliegt klatschend davon und der Bauer verkauft seine Kartoffeln.

Der andere Tod

von Eduard Breimann (copyright)

Endlich ist wieder Lichtzeit. Sie fühlt sich leicht, schwebt körperlos in einem konturlosen, unfassbaren Raum. Sie entspannt sich – wie immer, wenn die Dunkelzeit der Lichtzeit weicht. Sie treibt in den unendlich langsamen Wogen seismischer Rhythmen, wie in einem Ozean, bewusstseinsfern – und doch hilflos und ungeschützt.
Trotzdem hat sie keine Angst. Hier ist sie sicher – das weiß sie. Nie mehr will sie weg von hier, nie mehr zurück in diese andere Welt, von der ihr manche Träume erzählen. Hier ist alles gut und ohne eine Zukunft, die sie fürchten müsste.
‚Hier?’, hat sie manchmal gedacht. ‚Was ist hier?’ Aber weiter dachte sie nie. Lange schon ruht sie in der Stille, dem Auf und Ab, dem Wechsel von Dunkelzeit und Hellzeit, der Zeit ohne Schwingungen und der Zeit mit den wohltuenden Wellen, den Zeiten mut guten und bösen Träumen.
Ihre Gedanken reihen sich sorgfältig, wie Perlen auf einer Schnur. Sie wartet stets ab, bis der Vorgang abgeschlossen ist. Sie befühlt und betrachtet jeden Gedanken, lange, ausführlich und ohne Hast. Es eilt nicht; sie hat genügend Zeit.

Heute beginnt die Hellzeit anders. Sie spürt eine Unruhe, die ihren Geist vibrieren lässt. Da ist etwas, dass sie nicht kennt, das eigentümliche Schwingungen auslöst.
Sie fühlt einen Druck, der ihre Gedanken langsamer werden lässt. Sie horcht in sich, tastet den Raum ab. Sie forscht voller Spannung nach diesem neuen Gefühl, sucht nach Erfahrung und nach Gründen.
‚Vielleicht sind es diese Stimmwellen?’, denkt sie träge. – ’Woran erinnern sie mich?’
„Bleib draußen!“
Verzögert, weit gedehnt, perlen Töne in ihr Bewusstsein. Die Melodie bleibt gerade noch erkennbar, zeigt ihre Schönheit noch in dieser neuen Zeitform. Die Töne erklingen leise, gedämpft wie durch dichten Nebel, fallen sanft in ihre Gedanken, lassen sie erzittern.
Noch nie sind solche Töne zu ihr durchgedrungen. Sie verdrängen die lautlos dröhnende Tiefe, in der sie schwebt. Einzelne Tonfolgen, kurz, zerhackt, die ihr immer ein Rätsel waren, die kennt sie.
Heute aber laufen sie fast ungehindert, in stetiger, unendlich langer Folge, in ihr inneres Ohr. – Heute ist die Lichtzeit klarer als sonst. Der Nebel fehlt und weit hinten erkennt sie ein weiß strahlendes Viereck.
Die Klänge berühren sie, laufen in Wellen, wie das klare, warme Wasser eines Sees, durch ihren Geist. Sie lässt sich treiben, sucht nach ihren Träumen.

Traumbilder kommen nur in der Lichtzeit; in der Dunkelzeit zieht sich ihr Geist in eine Tiefe zurück, die keine Träume zulässt. Sie versinkt langsam, spürt, dass die Gedanken sie verlassen. Die Dunkelzeit ist Todzeit. Nie finden Traumbilder den Weg in die Dunkelheit. Sie sehnt sich nach den Träumen – nach den guten Bildern.
Oh! Jetzt kann sie träumen. Endlich! Ein stimmloser Traum füllt ihr Bewusstsein, Bilder strömen bunt und lebendig vor ihre Augen.
Sie betrachtet die junge Frau, die in einem hellen Kleid barfuß über einer Wiese schwebt. Das Kleid schwingt, flattert und zeigt lange, sehr braune Beine. Sie tanzt auf Zehenspitzen, berührt kaum die Grashalme; ihr Gesicht ist zur Sonne gedreht.
Das Haar schimmert blond, fast weiß und die ausgestreckten Arme fahren in Abständen in den Nacken, werfen die langen, seidigen Haare in die Luft. Sie schweben, flirren und legen sich wie in Zeitlupe auf die Schultern zurück. Das Mädchen dreht sich, schwingt in der Hüfte – und zeigt ihr lautloses Lachen.
So oft schon hat sie dieses Mädchen gesehen. Sie kennt sie, fühlt sich eins mit ihr. Sie ahnt, dass das Mädchen für sie tanzt. Jetzt blickt das Mädchen zu dem jungen Mann, der auf einer bunten Decke liegt, sich ausstreckt und sie fordernd, verlangend ansieht.
Ihn will sie nicht sehen, will nicht wissen, was das Mädchen tun wird. Sie schaltet den Traum ab. Diese Träume kann sie ausknipsen. Andere nicht.

Die Wellen der Musik werden unregelmäßig, andere, unbekannte Töne laufen quer durch die weichen Schwingungen. Sie sind hart und unrhythmisch. Stimmen!
„Ich sagte … draußen bleiben!“
„… spinnst! … ändert sich nie mehr. Guck sie doch an, diesen … Mach endlich die Musik …“
Ein Traum. Ein Stimmentraum. Solche Träume sind schrecklich. Sie sind außen, nicht bei und nicht in ihr. Diese Träume kann man nicht abstellen. Sie sind nicht oft da. Wenn sie auftauchen, möchte sie abschalten, fliehen.
Ihr Geist zittert, spürt Gefahr und will sich verstecken. Aber in ihrem Raum gibt es keinen Schlupfwinkel; sie schwebt offen und ohne Deckung, liegt bloß und verletzlich vor dieser Stimme. Es ist unmöglich für sie, die Klänge und Worte zu ordnen, sie zu begreifen. Aber die Wellen, die sie machen, sind eine greifbare Gefahr, sind böse – und wollen sie vernichten.
„Das werde ich nicht; sie freut sich über Musik, das weiß ich“, sagt eine andre, sanfte und leise Stimme.
Das ist die gute Stimme, die sie erträgt. Sie kennt diese Stimme – schon immer; sie ist ihr Schutz und ihre Zuflucht in den bösen Träumen.
Sie kann sich auch gute Geschichten träumen, in denen diese Stimme vorkommt. Die lassen sie lächeln. Aber manchmal kommen die anderen Träume, die ihr Angst machen wollen. Dann ist diese Stimme die letzte Zuflucht. Sie weiß nicht genau, wie sie diese Stimme nennen soll, aber es ist ihr auch nicht wichtig.
„Du spinnst doch … Seit … Monaten liegt sie jetzt hier? Zehn? Zwölf? Sie … noch zwanzig Jahre so …, wenn wir nichts dagegen tun.“
Ihr Geist verkrampft sich; ein Schmerz durchschießt sie. Sie hat keine Möglichkeit diesem Schmerz auszuweichen oder ihm Ausdruck zu geben. Sie kann nicht schreien, nicht weinen.
„Ja, ja. Elf Monate. Na und? Es ist mein Kind. Meine Tochter. Und sie lebt. Du – du – du weißt doch nichts, gar nichts. Für dich ist sie eine Hirntote mit einem primitiven pflanzlichen Leben. Du glaubst, du kannst sie ausreißen wie Gemüse oder Unkraut, ja?“
Die kantigen Stöße der vertrauten Stimme sind fast noch schwerer zu ertragen als die der bösen Stimme. Sie fühlt die harten Wellen, die ihren Geist treffen, spürt wachsende Angst und Entsetzen.
‚Was ist das?’ – ‚Was wollen diese Stimmen?’ – ‚Ich will euch nicht hören. Lasst mich.’
Noch nie ist sie vor der guten Stimme geflüchtet. Noch nie hat sie einen Traum mit ihr abgeschaltet. Jetzt möchte sie ihn ausknipsen. Er tut weh. Sie versucht in andere Träume zu flüchten, aber es gelingt nicht. Sie muss bleiben.
„… bist bettelarm geworden, erhältst … Sozialhilfe … gehst nie mehr aus … Ich will … tanzen gehen, ich will mit dir … Strand liegen. Ich will, dass du … lachen kannst. Du bist … ein Wrack – sieh dich doch an. Füttern, Hintern abwischen, waschen, massieren, eincremen und … diesem Torso. … sie riecht. … Haufen Fleisch ohne Gehirn … wert?“
„Hör auf! Wenn … regieren würde, wärst du längst … und hättest … Euthanasie. Du Unmensch! Du … Angst. Lebenswert oder Lebensunwert. Mehr kennst du nicht. Warum … geliebt? Ich brauchte … Hilfe … deinen Hass.“
Es geht nicht mehr. Jetzt muss sie endlich weg von hier. Sie will diese Stimmen nicht mehr hören. In riesigen Wellen überspült sie die Angst.
‚Ich will nicht.’ – ‚Bitte – bitte.’ – ‚Lasst mich in Ruhe’, schreit sie lautlos.
Sie spürt die anströmende Panik, die von jeder Wortwelle angeschoben wird, die sie überflutet. Endlich – endlich – kommt ein Traum und sie will aufatmen und entspannen.
Sie sieht die junge Frau, die sie so gut kennt. Sie trägt noch immer dieses helle, weite Kleid. Es ist dunkel. Straßenlampen hängen wie blasse Monde am Himmel. Grelle Autolichter blitzen. Die Frau steigt in ein Auto. Sie weiß, dass es ein Auto ist. Einfach so. Die Hände verkrampfen sich am Steuer. Die Frau weint unaufhörlich.
Ihre Augen sind geschlossen; sie weint. Tränenspuren spiegeln das Licht der entgegen kommenden Autos. Sie fährt direkt auf einen Bus zu, öffnet den Mund, stemmt die Arme auf das Lenkrad, reißt die Augen weit auf, schreit und schreit.
Die Stimme gellt und tobt durch ihr Bewusstsein und sie will den Traum abschalten. Sofort. Aus. Schnell aus. Plötzlich ist alles schwarz, dann weiß – und es ist wieder Hellzeit.

Sie hasst diesen Traum, der schon so oft da war. Und trotzdem haben ihr die Angstschreie heute geholfen. Die Frau hat für sie geschrien, hat für sie alle Angst und Panik heraus gebrüllt. Jetzt kann sie ihren Geist zurückfallen lassen. Sie ist erschöpft.
Ein neuer Traum. Die Stimmen sind wieder da. Harte Wellen stoßen sich an ihrem Körper, quälen sie unsäglich.
„Wenn es nach mir ginge, würden wir … dieses unwürdige Leben zu beenden. Frag sie doch. Wenn sie … könnte, dann würde sie … Mama, mach Schluss … Zustand. Töte mich endlich.“
„Halte den Mund, du Ungeheuer. Verschwinde! Raus, raus, raus!“
„Sie wollte … selber Schluss …, damals. Das hast du … gesagt. Wegen … Idioten, … betrogen …, ein Kind angedreht … dann abgehauen. Stimmt das nicht? Warum sollte sie, ohne … Verstand, weiter leben …? Sag es mir.“
Wieder diese Schmerzen; stechende, rasende Wellen in ihrem körperlosen Verstand. Sie versucht zu fliehen. Wohin? Wohin? Es gibt kein anderswo. Sie ist Außer-sich-selbst.

Der andere Traum ist wieder da. Sie sieht die junge Frau auf der regennassen Straße liegen, schwebt über der Straße, unmittelbar über dem verrenkten Körper der Frau.
Rot gekleidete Männer stehen um sie herum. Grelles Blaulicht blitzt, zeichnet die Gesichter der Helfer um, legt harte Schatten unter die Augen der Zuschauer. Sie kann die aufgerissenen Augen der Gaffer erkennen, die sich an die Absperrung drängen.
Stimmen gehören nicht in diese Träume. Diese Traumbilder sind ohne Stimmen. Nur manchmal, wenn sie in Not ist, dann kommt die gute Stimme. Sie hilft ihr, den Traum zu beenden.

Die Traumbilder wechseln, sie ist verwirrt. Es geht so schnell, viel zu schnell.
„Los, raus jetzt. Endgültig! Wir sprechen über …, über mein Kind. Es lebt! Weißt du … hören kann?“
„Du … verrückt!“
Der Traum schweigt. Stille. Eine gute Stille. Die Töne der Musik sind weg. Die harten Wellen sind weg. Sie entspannt sich. Was für ein Traum. Ein böser Traum. Einer, der sich nicht abschalten lässt.
Oh, sie hat viele Träume, und sie hat Zeit für Träume. Sie liebt ihre Träume. Nicht alle! Diesen nicht! Er war böse und sie will ihn nicht mehr träumen. Ihr Vorrat an schönen Träumen ist noch nicht aufgebraucht; sie ist voll davon.
‚Schön ist es hier – nur hier.’ – ‚Es gefällt mir’, denkt sie langsam, entspannt sich und kann wieder lächeln.

„Liebes! Kleines! Hörst du …? Komm, gib … Zeichen, … mich hören …“
Die Stimme ist gut, sie ist ihre Zuflucht, die sie heute so dringend braucht. Die Lichtzeit geht zu Ende; sie spürt bereits die einströmende Dunkelzeit.
„Beweg … Pupille, ja? Drück … Hand! Mach …, bitte!“
Die Stimme hallt in ihr nach; aber sie hat nichts verstanden. Worte sind Schwingungen. Sanfte und streichelnde. Kantige und schmerzhafte. Sie haben keine Bedeutung.
„… keine Angst, … Liebes. Ich bin … für dich … Soll er doch … Ich pass … auf“, flüstert die sanfte Stimme; sie tut gut und gibt Sicherheit.
„Ich erzähle dir …, was wir … auf dem Bauernhof erlebt … Weißt du …?“
Die Worte fließen in sie hinein, suchen und finden Bilder in ihrem Kopf. Sie lösen etwas aus, ohne dass sie es will, ohne dass sie es begreift.
Neue Bilder, bunt und leicht. Sie erblickt ein Pferd, das ohne Sattel wild, voller Übermut, über eine Wiese galoppiert, spaßig die Hinterbeine in die Luft wirft. Seine Mähne fliegt hoch, schwingt im Rhythmus der Sprünge und dann hört sie etwas. Es gibt doch noch andere Traumgeräusche. Nicht nur die gute Stimme. Ein lang gezogenes Wiehern ertönt, legt sich auf ihre Brust und verklingt langsam. Es ist, als hätte das Pferd gelacht.
‚Pferd’, denkt sie langsam und ihre Gedanken irren umher, springen über Wiesen und Felder.
Sie sieht die Bilder eines Ferkels, das sich an den warmen, dicken Bauch seiner Mutter schmiegt. Und sie sieht auf einer Bank eine junge Frau sitzen, die mit einem Kind spielt.
Die Frau ist nicht sie. Sie weiß ganz einfach, dass es die Frau ist, die zu ihr spricht. Sie lächelt und als die Dunkelzeit kommt, versinkt ihr Geist ohne Angst.

Die Hell- und Dunkelzeiten kommen und gehen. Sie kann immer häufiger die Schwingungen der Musik empfinden. Die Töne werden lauter, klarer und dichter.
Sie lächelt, wundert sich, als sie erkennt, dass eine besonders schöne Tonfolge immer wieder, bei jeder Lichtzeit, erklingt. Sie mag diese Töne, denen sie keinen Namen geben kann. Sie weiß von einer anderen Zeit, in der sie so etwas gehört und gemocht hat.
„Liebling! Wie geht es dir?“
Die Stimme verwebt sich mit den Tönen der Musik, schwingt im Gleichklang, zerstört die weichen Wellen nicht. Das Wort ‚Liebling’, denkt sie; das Wort ist gut. ‚Liebling.’
‚Das Wort ist in meinen guten Träumen’, denkt sie glücklich und versinkt wieder in sehr bunten Bildern.
Der harte Schall der Schritte wirkt wie Donner; vom Steinboden prallen die Geräuschwellen in ihr Bewusstsein, reißen sie aus einem Traum.
Atem! Ein heftiger, schneller Atem ist direkt über ihr, streicht über den Körper. Es ist der Atem der bösen Stimme. Sie verkrampft entsetzt, sucht nach einem Ausweg.
‚Weg! Weg! Nicht dieser Traum. Nicht dieser.’
Der Traum lässt sich nicht abschalten. Schmerzen befallen sie, sind überall. Der Traum stülpt sich über sie, umhüllt sie, legt sich schwer auf sie.
Die Lichtzeit wird geteilt. Es ist nebeneinander Dunkelzeit und Lichtzeit. Noch nie, noch nie waren sie beide gleichzeitig da. In der einen Hälfte bleibt es hell, in der anderen wird es schwarz; dicht über ihrem körperlosen Bewusstsein liegt diese Schwärze. Dann wird es total schwarz, geraten die Wellen in konfuse Strömungen.
‚Es ist doch noch keine Dunkelzeit.’
Sie sitzt im Auto. Sie! Lichter tauchen auf, Straßenlampen werfen ihr Licht auf nassen Asphalt, Scheinwerfer bohren zittrige Strahlen in die Schwärze. Sie verkrampft ihre Hände um das Lenkrad. Die Scheinwerfer des Omnibusses sind direkt vor ihr, blenden sie. Das ist das Ende!
‚Aus! Abschalten!’, schreit sie, aber der Schrei bleibt lautlos, verhallt im konturenlosen Raum.
Die Angst wird unerträglich; sie öffnet den Mund, weit, schmerzhaft weit.
Sie schreit!
„Neiiiiin!“
Die Lichter verwischen sich, verstecken sich hinter dichtem Nebel. Ihr Schrei hallt mit tausend Echos durch den Raum. Plötzlich treibt sie weg, fließt zurück in ihren Körper; sie spürt ihre Glieder.
Sie ist wieder In-sich-selbst.
Arme und Rücken schmerzen unerträglich, die Kehle brennt. Es sind neue Schmerzen, andere. Sie bekommt keine Luft. Will atmen. Will leben.
Mit beiden Armen, die sich nur schwer heben lassen wollen, stößt sie sich vom Lenkrad ab, spürt Widerstand, drückt und stemmt heftiger.
Sie weiß plötzlich, dass sie nicht in einem Auto sitzt, sie stemmt sich nicht gegen ein Lenkrad, fährt nicht vor einen Bus.
Sie bäumt sich auf, spürt einen Körper, der ihr etwas vor den Mund drückt.
Sie schreit in das Kopfkissen, bis sie in unendlicher Schwärze versinkt. Ein erstickter, letzter Schrei flieht aus ihrem Mund. Er hört nicht auf, lässt sich nicht abschalten. Dann ist die Schwärze weg.
Sie sieht!
Sie sieht einen tiefschwarzen, riesigen Schatten, der an der Wand neben dem Fenster hoch wächst. Ihr Atem rasselt, ihre Brust brennt, ihre Glieder, der Kopf und der Rücken schmerzen so stark, dass sie schreien muss, immer wieder. Sie schreit, tobt und wimmert; sie will nicht in diesem Traum sein. Sie muss zurück. Sofort. Zurück in das schützende Außer-sich-selbst.
Erschöpft liegt sie da, stiert in das helle Viereck vor ihren Augen. Es ist still im Raum. Es ist eine andere Stille, als die, die sie bisher kannte.
Sie hört ihren eigenen Atem. Er rasselt und grunzt. Und andere Geräusche sind da. So viele Töne. Regen peitscht gegen das Fenster. Es prasselt, Tropfen fallen auf das Fensterbrett, klatschen auf die Scheibe. Vor dem Fenster wuchtet sich das Dreieck einer Fichte in den grauen Himmel, lässt sich widerstrebend vom böigen Wind bewegen.

Sie weiß, dass die Zeit der Träume vorbei ist; sie weint, möchte zurück in ihren Traum, in ihre Sicherheit. Es dauert lange, bis sie aufgibt.
Der Regen hat aufgehört, es wird heller im Zimmer. Die Wände haben Farbe. Sie sind lindgrün. Blumen stehen auf einem Tisch. Bunte Bilder hängen an den Wänden.
„Ich bin – ich bin Tina!“, denkt sie.
Und sie hört die leichten Schritte ihrer Mutter vor der Tür. Diese Schritte kennt sie. Sie kennt sie, wie alles, was sie jemals von ihrer Mutter gehört hat.

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