Das Lammesser

von Helmut Pöll (Copyright)

Herr Johannes war Koch. Ein sehr guter. Nein, er war mehr. Er war ein Zauberer der Genüsse, ein Mozart geschmacklicher Symphonien. Das erzählten alle, die in den Genuß seiner Kochkünste kamen. Aber das interessierte Herrn Johannes nicht.

Seit er sich zurückerinnern konnte hatte er Koch werden wollen. Das Brutzeln, das gierige Warten des siedenden Öls und das Fleischprasseln hatten ihn immer fasziniert und hingebungsvoll hatte er beobachtet, wie die Fleischstücke dabei langsam ihre Farbe veränderten. Er übte sich früh, im Lauf der Jahre verwandte er schließlich jeden Tag, jede Stunde, jede Minute darauf. Schon früh hielt er das Kochen für einen Tanz, einen komplizierten und harmonischen Tanz von Brokkoli, Lendensteak und Gewürzen, und er ahnte, daß dieser Tanz umso besser gelänge, je mehr er um alle Tanzenden wußte.

Nichts lag näher für ihn als eine Reise nach Südamerika, um die Gewohnheiten freilebender Rinder kennenzulernen, mit Fischern zum Fang auszufahren und in Afrika mit den Ameisen um Pfeffersträucher zu kriechen. Herr Johannes wollte alles wissen, damit ihm als Tanzmeister kein Zufall ins Werk patzen konnte.

Er wurde ein Zauberer in seiner Disziplin. Als die Gemüse, Salate und alle Spielarten von Fleisch jeden Widerstand fahren ließen und sich demütig seinem Willen beugten, als ihm bei den Hauptgängen alles gelang, dehnte er sein Interesse in Richtung der Nachspeisen. Nie wieder wollte er vor Torten und Desserts aller Herren Länder zittern, vor hochnäsigen Sacherorten, die ein großes Essen mit einem einzigen letzten Bissen zunichte machen konnten. Er verabscheute die Desserts. Könnte er das Wissen um sie nur vergessen machen! Er konnte nicht. Deswegen wollte er sie beherrschen.

Damals, als noch andere neben ihm beauftragt waren, nach seinem fürstlichen Hauptgang fürchterliche Nachspeisen nachzureichen fühlte er sich wie bei einem Violinkonzert, bei dem plötzlich jemand mit einer Buschtrommel durch den Saal trampelt.

Er wusste daß auch diese Zeit vorübergehen und er irgendwann in der Lage sein würde die Bedingungen zu stellen. Irgendwann war es soweit.

Irgendwann kochte er so gut, daß manche Leute während des Essens weinten. Er kochte nicht zuviel und nicht zuwenig. Das war kein Zufall. Er war immer gut vorbereitet. Herr Joahnnes wollte immer lange vorher wissen, wer bei ihm aß. Da hatte er für alles Zeit. Er sah sich seine Gäste zuvor genau an.

Und wenn man ihn nicht nahe genug heranließ hatte er immer einen Feldstecher mit um seine Gäste zumindest die Stunden vor dem Essen zu beobachten. Waren sie sehr hungrig, gesund oder müde?
„Ja, der Herr Direktor hat schlecht geschlafen, er hat kaum gefrühstückt. Oh ja, die gnädige Frau hat viel gefrühstückt. Sie kennen ja das Frühstück in diesen Hotels. Viel zu viel fett. So viel Fett, daß es einem bei den Ohren wieder herauskommt”. Alle diese Geschichten von Menschen im Hotel kannte er. Das war wirklich gräßlich.

Er befragte alle, die zu ihm wollten. Manche gaben zögerlich Auskunft, die Unverständigen weigerten sich. Insbesondere sein ehrlicher Rat wurde nicht hinreichend gewürdigt. Was war verkehrt, wenn er sagte: „gnädige Frau, vielen Dank für Ihre Auskunft. Sie erleichtern mir die Auswahl der Zutaten sehr. Sie sind eine Meisteresserin. Die Vorspeise, der Hauptgang, die Beilagen, und auch der Wein, den Sie gewählt haben, alles sehr harmonisch. Aber erlauben Sie mir noch die eine Bemerkung: Mit Herrn W., Ihrem Cousin mütterlicherseits, diesem Forellen- und Salzkartoffelesser, sollten Sie brechen. Er verdirbt Ihren Geschmack.”

Herr Johannes hatte doch keine bösen Hintergedanken, aber immer öfter stieß dieses direkte Fragen auf Verwunderung oder direkte Ablehnung. Das mußte er doch alles wissen! Wie konnte man von ihm erwarten auch nur den Herd anzustellen ohne daß man ihm Auskunft darüber gab wie der Gast geschlafen, was gefrühstückt, in welchen sozialen und Familienverhältnissen er lebte, ob er Sport trieb oder am Vorabend Liebe gemacht hatte? War denn das zuviel verlangt?

Wie sollte er sonst entscheiden ob er Fasan kredenzen sollte oder ob für das angeschlagene Gemüt ein leichter Gemüseauflauf nicht doch besser wäre? Ging ein General in die Schlacht ohne zu wissen wie das Gelände beschaffen war? Wohl nicht.

Das alles tat der Bewunderung, die ihm widerfuhr keinen Abbruch. Im Gegenteil. Mit der Zeit erwartete man diese Art kulinarischen Wahnsinn von ihm und auch auf offenkundige Bestätigungen dafür: sein Spleen galt vielen als höhere Weihe und die Gäste und deren Bedienstete kamen seinen Fragen zuvor, indem sie sich alle möglichen Antworten zurechtlegten, teils wahr und teils erfunden. Die Geschichte für Herrn Johannes gehörte zum Reisegepäck wie der Schrankkoffer. Sein Stern stieg weiter. Er kochte für Minister und Grafen und alle waren zufrieden. Einmal hatte er sogar einen König bekocht, den König eines unbedeutenden Landes, aber dort wurde das Himbeersorbet zum Dessert ein Fiasko.

Johannes hatte hinter dem Herd ein Loch in die Wand gebohrt, durch das er den Sitzplatz des Königs einsehen konnte. Es begann hoffnungsvoll, denn am Fürstentisch schlugen sich alle zunächst hemmungslos den Wanst voll. Beim Dessert aber zögerte der Gast. Er kostete einen kleinen Löffel voll, ließ das Sorbet im Mund zergehen, kippte den Pomadenkopf leicht schräg, lächelte süffisant, als wisse er nicht, was davon zu halten sei und legte den Löffel wieder weg.

In Johannes tobten Kämpfe. Was war nicht in Ordnung mit seinem Himbeersorbet? Hatte er etwas falsch gemacht? Etwas übersehen? Waren die Himbeeren zu alt? Zu früh gepflückt vielleicht? Er kostete sein Sorbet selbst und befand es für gut. Aber das beruhigte ihn nicht. Denn draußen verschmähte man seine Nachspeise. Schließlich hielt er es nicht mehr aus. Er war aus der Küche gestürzt, direkt auf den König zu. Er war so aufgebracht, daß er vergaß das lange Messer, mit dem er am Bratenschneiden für ein neues Gericht war, aus der Hand zu legen.

„Was ist?”, fragte er den Pomadenkopf mit bebender Stimme. „Warum essen Sie nicht? Was ist nicht in Ordnung mit meinem Himbeersorbet? Sie meinen wohl, weil sie mit einer Eskorte und 20 Wagen gekommen sind brauchen sie mein Himbeersorbet nicht ganz aufessen? Sie können überhaupt nicht satt sein. Meine Portionen sind genau richtig. Nicht zu klein und nicht zu groß. Ich habe sie genau beobachtet. Hätten sie in der Garderobe mit Ihrer Kurtisane keine Mozartkugeln gefressen, wäre das alles nicht passiert! Sie machen alles kaputt! Sie aus ihrem lächerlichen kleinen Land, wo es nicht einmal Himbeeren gibt!”.Herr Johannes war sehr erbost. Der erste Schock im Saal war groß. Trotzdem unternahm in den ersten Sekunden niemand etwas, obwohl es dem König schlecht ergangen wäre, wenn Herr Johannes mit seinem Fleischermesser wirklich böse Absichten gehabt hätte. Der Koch war aber so gespenstisch und unwirklich und mit dem Dampf, der ihm aus der Küche nachwehte, wie eine Erscheinung aufgetreten, daß er seine Anklage ungehindert zu Ende bringen konnte. Erst als irgendwo im Saal ein Glas zerklirrte und für alle der Traum platzte, überwältigte ihn die Sicherheit.

Er hätte im Gefängnis enden können, aber es geschah ihm nichts und er trug keine ernsthaften Verletzungen davon, außer ein paar Prellungen, als man ihn auf den Boden drückte und er sich wehrte. Der Vorfall wurde vertuscht, denn der König, ein Mann großer Gaumenfreuden, verwandte sich persönlich für ihn. So kam Herr Johannes unbehelligt wieder auf freien Fuß.

Dann, eines Tages, auf dem Höhepunkt seines Schaffens, rief man ihn zu bekannten Persönlichkeiten in ein abgelegenes Haus. Eine kleine Gruppe wichtiger Gäste sollte bewirtet werden. Das war er gewohnt. Es sollte dezent ablaufen, niemand sollte etwas wissen. Nichts Besonders zu kochen. Portugiesischer Lammrücken und irgendein italienisches Dessert. Wie langweilig. Wie phantasielos! Aber die Auswahl war schon getroffen und er hatte nichts Besseres zu tun.

Die Dame des Hauses persönlich wollte ihn abholen, damit die Diskretion unbedingt gewahrt blieb. Er erwartete sie mit einem Korb voll Gemüse und seinem Holzblock mit handgeschliffenen Messern. Als es klingelte drückte er den Türöffner, aber sie war schon vor der Wohnungstüre.

„Schnell kommen Sie”. Einen Moment zögerte Sie. Ist niemand bei Ihnen? Hat uns niemand gesehen?”
Sie waren schon auf der Treppe, als sie Johannes am Ärmel festhielt und mit einem leichten Nicken des Kopfes auf Gemüsekorb und Messerblock wies.
„Das brauchen Sie nicht, es ist alles da.”
„Das sagen sie immer”, sagte Johannes, „und hinterher fehlt wieder die Hälfte”.
Sie lachte.
„Nein wirklich, bitte. Neinnein, wir haben jetzt keine Zeit. Das bleibt in jedem Fall hier. Wie sieht denn das aus? Sie mit einem Messerblock! Das geht nicht, das nimmt Ihnen die Sicherheit sofort ab”.

Man hatte ihm bei seiner Odyssee durch die Kochschulen der Welt alles erzählt, manches nützlich und vielen Unsinn dazu, unter anderem „Johannes, der Kunde ist König” und das wirkte in diesem Moment. Deshalb liess er den Block mit den handgeschliffenen Messern zurück.

Drunten warteten eine große dunkle Limousine und ein Geländewagen, der sie begleitete. Johannes kannte niemanden. Das war er gewohnt. Regierungen kamen mit ihren Chauffeuren und Sicherheitsleuten, Regierungen gingen mit ihren Chauffeuren und Sicherheitsleuten, die Köche blieben dieselben.

Sie fuhren lange durch eine brunnenschwarze Nacht mit viel Regen. Ein Traumwetter. Niemand käme auf die Idee sein Essen schnell in sich hineinzuschaufeln, nur um hinterher im Mondlicht beim Grillengezirpe über die Wiesen zu laufen.

Das Haus lag abgelegen. Es war eine Villa in einem Park mit alten Kastanien, die man, so weit Herr Johannes wusste, nicht essen konnte. Man führte ihn in die Küche, eine kleine Landhausküche mit braun und schwarz kariertem Steinboden. Johannes mochte diese Art Küchen. Meistens strichen ein paar Katzen darin herum. Das beruhigte ihn. Er inspizierte die Schubladen, Schränke und den Vorratsraum und war zufrieden. Die Gastgeber hatten an alles gedacht. Er hatte sich unnötig Sorgen gemacht.

Die Salate immer zuerst! So machte er das. Es überkam ihn diese Hochstimmung wie bei einer heiligen Messe. Und während er noch den Salat trockentupfte, bereitete er sich gedanklich schon auf den Höhepunkt vor: den Lammbraten. Die Gastgeber hatten sicher gute Berater, denn das Lammfleisch war von erstklassiger Qualität. Das hatte Herr Joahnnes sofort gewittert.

Er hatte auch, während man ihn zur Küche führte, einen Blick über das gute Dutzend Gäste schweifen lassen und zu erfassen versucht, als welche Esser er die einzelnen Gäste einordnen könnte. Überschlagsmässig würde er sagen, daß die Lammenge gut gewählt war. Jedenfalls war es nicht zuwenig.

Sein Herz schlug schneller. Dann machte er sich an den Braten. Er mußte nur noch das richtige Messer finden. Die Messer waren in einer der großen Schubladen, das hatte er vorhin bei seiner Inspektion gesehen.

Alles, was das Herz begehrte, war da: Billigmesser, teure Messer, kleine Messer, Grosse Messer, Riesenmesser, Tomatenmesser, für Obst, für Brot und zum Ausbeinen, zum Tranchieren von Perlhühnern, Poularden und Chateaubriand, zum Schneiden von Artischocken, zum Hacken kleinerer Mengen von Petersilie, für Fische, für Geflügel, zum Herauslösen des Gehäuses bei Kernobst, für Kartoffeln und Käse. Für Melonen, Mango, Papaya und Brötchen. Aber keins für Lamm!

Das hatte er sich ja denken können! Er hatte extra noch gefragt. Die Sicherheit! Kochte die Sicherheit oder er? Er hätte nie darauf eingehen dürfen seinen eigenen Messerblock daheimzulassen. Vor der Abfahrt war das durch seinen Kopf gegeistert: „Ich und mein Messerblock oder keiner von uns” Das hätte er sagen sollen. Aber er hatte sich nicht getraut. Das geschah, wenn man Kompromisse einging.

Wie stellten die sich das vor? Wie sollte er das Lamm in Häppchen zerkleinern, die auf der Zunge zergingen. Mit dem Gemüsemesser, das den Braten ausfranste? Dann könnte er gleich Dynamit nehmen.

Die Küchentüre hatte eine Schiebefenster aus Milchglas, das einen Spalt offenstand. Er lugte zum Wohnraum hinüber, als erhoffte er beim Betrachten der Gäste eine Eingebung zu haben. Niemand würde ihn sehen. Doch schon nach wenigen Augenblicken, während der er auf die versammelten Gäste starrte, drehte die Hausherrin den Kopf. Sie zog die Augenbrauen hoch und schien zu fragen „was ist denn, wieso stehen sie nicht längst am Herd?”

Er winkte ihr und sie kam.
„Wir könnten dann langsam beginnen”, sagte sie,
„unsere Gäste sind hungrig. Sie sind sicher bald fertig.”
„Die Salate sind fertig. Mit der Zubereitung des Lamms konnte ich bedauerlicherweise noch gar nicht beginnen”
„Sie haben noch gar nicht angefangen? Du liebe Zeit. Machen Sie schon. Was ist mit dem Lamm”, wollte sie wissen.
„Ich habe kein Lamm-Messer”, sagte Herr Johannes wahrheitsgemäß.Sie verdrehte die Augen.
„Herr Johannes. Eines sage ich Ihnen. Das ist wirklich nicht ihr Ernst.”
Sie war jetzt sehr wütend, das sah Herr Johannes sofort.
„Die Messer sind in der obersten Schublade”, presste sie mit bebender Stimme heraus.
„Da ist für jeden Mist ein eigenes Messer.”
„Aber keines für Lamm.”
„Dann nehmen sie irgendeines für dieses blöde Fleisch, Herrgott. Von mir aus eine Axt! Sind Sie doch nicht so fürchterlich kompliziert. Wir essen in einer halben Stunde, Herr Johannes, haben wir uns verstanden?”

Das war schiefgegangen. Johannes wollte erwidern, daß er das sehr wohl verstand und auch keine böse Absicht von seiner Seite vorliege, er aber unmöglich mit einem Gemüsemesser das Lamm zerteilen könne. Er kam aber nicht dazu. Die Hausherrin wartete keine Antwort ab, wandte sich um und ging wieder zu einer Gruppe zurück, die besorgte Gesichter über den Preis von Flugzeugen und japanische Handelsabkommen machte.

Von ihr aus könnte er eine Axt nehmen! So weit war es mit der Welt gekommen, daß sich niemand mehr für das richtige Schneiden eines Lammbratens interessierte.

Johannes war kein Phantast. Seine Gedanken waren klar. Natürlich hatte er beim Vortragen seines Anliegens von seinem Auftraggeber keine begeisterte Hilfe erwartet, so waren Hausherren nicht, aber mit etwas wie zähneknirschender Unterstützung hatte er schon gerechnet.

Nun musste er die Dinge selber in die Hand nehmen. Jetzt gleich. Es war keine Zeit zu verlieren. Trotzdem trödelte er noch weitere 15 Minuten herum, in denen er nervös durch die Küche strich und um irgendeine noch so abwegige Idee betete, die die Sache doch noch zu einem guten Ende bringen konnte. Vergeblich. Dann handelte er.

Er war so ruhig, daß er sein Herz pochen hörte, als er die Küchentür öffnete und hinausging. Er sah mit einem Blick, daß die Stimmung am Kippen war. Die Gäste klammerten sich an Ihre Wein- und Champagnergläser, als wären sie mit unsichtbaren Seilen in der Decke verankert. Es war nur eine Frage von Minuten, bis der erste enthemmte Gast lallte und taktlos nach dem Hauptgang fragte.

Es ging alles sehr schnell. Die Gastgeberin spürte den Luftzug, der aus der Küche kam und drehte sich sofort um. Hatte sie bei seinem ersten Hinaussehen noch freundlich und fragend geblickt und war voller Verständnis für den Koch im ungewohnten Gelände, kräuselten sich nun Sorgenfalten auf Ihrer Stirn und um ihren Mund spielte ein böser Zug. Ohne sich ihren Gästen zu empfehlen schoss sie sofort herüber und zischte: „Was ist denn jetzt schon wieder, Sie Idiot. Es geht hier um ein wichtiges Geschäft für unser Land. Versauen Sie das nicht.”

Da griff Johannes schnell zu. Er schnappte ihren Arm, drehte sie um und ehe sie begriff, was vor sich ging, hielt er sie von hinten fest umklammert und das kleine Messer an ihren weißen Schwanenhals. Sie schrie nicht, aber sie zitterte und allmählich kam der Schock.

Einige Sekunden ging alles wie gewohnt weiter. Die Gäste lachten und tranken wie in Zeitlupe, dann schrie eine Frau, der Klavierspieler verabschiedete sich mit Dissonanzen und die Sängerin in einem bodenlangen auberginefarbenen Kleid, die unbekümmert vor sich hingeträllert hatte, vergaß vor Schreck Luft zu holen und verstummte mit einem letzten Quieken. Es wurde totenstill.

Eine Handvoll Sicherheitskräfte, die wie Gäste aussahen, aber sich mit niemandem unterhielten und unauffällige Mikrofone trugen, waren sofort zur Stelle und versuchten sich anzuschleichen.

„Meine Herren”, sagte Herr Johannes, „Sie beeindrucken mich nicht. Sicher haben Sie sofort bemerkt, daß das Messer am Hals der sehr verehrten Frau Gastgeberin nur ein Gemüsemesser ist. Aber ich versichere Ihnen, mein Vorsatz ist felsenfest, Ihre Illusionen hingegen sind naiv und trügerisch.”

Diese Worte lösten ein unglaubliches Chaos aus. Alle schrieen durcheinander: „Er ist verrückt. Oh mein Gott, er wird sie umbringen. Tut doch einer endlich was.”

„Nein, ich bin nicht verrückt. Ich will nur ein Lamm-Messer um den Lammbraten zu schneiden. Ist denn das zuviel verlangt? Sie mit ihrer dilettantischen Einstellung. Das zieht sich durch ihr ganzes Leben, sehen sie sich doch an. Bei ihnen gibt es keine Ordnung. Sie fahren mit Hausschuhen Auto und stehen mit Straßenschuhen im Wohnzimmer herum.”

Ein eleganter Herr in dunklem Smoking schälte sich aus der Menge. Der Hausherr:
„Beruhige Dich mein Schatz”, sagte er zu seiner Frau „Es wird alles gut”. Und dann:
„Herr Johannes, auch Sie müssen sich nun wieder beruhigen. Lassen Sie meine Frau los und gehen sie wieder in die Küche. Wir haben kein Lammesser. Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort darauf”.

„Sehen Sie, das ist es! Genau das meine ich! Ich pfeife auf Ihr Ehrenwort! Weil sie lügen! Ich weiß in diesem Haus gibt es ein Lammesser, denn der Messersatz, der in der Küche liegt, wird nie ohne Lammesser verkauft. Sie können mir nichts vormachen.”

Der Hausherr schwieg beschämt und sah hilfesuchend in die Menge. Ein fast unmerkliches Zucken lief über sein römisches Profil. Da ahnte er wohl, daß er bei seinen Gästen beredten Beistand bei allen Fragen zu Handelsbabkommen und dem Für- und Wider von militärischen Interventionen finden würde, die Lammkrise aber alleine würde lösen müssen,

„Wir sind sehr reich, Herr Johannes. Wir haben viel Geld in der Schweiz. Sie können alles haben, aber lassen sie meine Frau los. Bitte. Was fordern sie?”

„Ich fordere das Lammesser. Sofort! Suchen Sie es!”

Ein paar Gäste kicherten unsicher. Aber Herrn Johannes war es ganz ernst.

„Suchen Sie es. Alle!”

Das hatte es noch nicht gegeben. Alle Gäste, der Hausherr und selbst die Sicherheitskräfte stellten das Haus auf den Kopf, rutschten auf Knien über Teppiche und Betonböden, krochen hinter Kommoden und lupften im Gewächshaus Orchideenblätter auf der Suche nach dem verschwundenen Schatz. Alle suchten, einige in den Gebieten, in denen sie sich am besten auskannten: die Sängerin suchte im Klavier, aber dort war das Lammesser auch nicht.

Ein Staatssekretär fand das Lammesser schließlich im Büro des Hausherrn, wo es scheinbar schon jahrelang als Brieföffner missbraucht worden war. Man brachte es in den Salon.

„Hier”, rief der Hausherr und reichte das Messer zum Koch.

„Sehr gut”, meinte Herr Johannes erleichtert, nahm das Lammesser in die freie Hand und prüfte seinen Schnitt mit dem Daumen.„Es ist stumpf”, sagte er, „weil Sie kein Lamm damit geschnitten haben. Sie müssen es schleifen”.

Ein Raunen lief durch die Menge. Auf einigen Gesichtern stand die Besorgnis, daß Herr Johannes, übermütig geworden, seine Forderungen ins Unermessliche treiben könnte.

„Sie müssen verhandeln”, sagten die Ratgeber zum Hausherrn.

„Wir verhandeln nicht”, sagte der Hausherr, „wir schleifen.”

Bevor nun aber die Suche erneut losging und sich alle daran machten einen Schleifstein zu finden, von dem nicht einmal sicher war, ob es ihn gab und viele nicht wussten, wie so etwas aussah, kam der verschreckten Abendgesellschaft der Zufall zu Hilfe. Einer der Anwesenden hatte nämlich nicht nur einen Schleifstein, sondern eine ganze Schleifsteinfabrik, nur eine halbe Fahrstunde entfernt. Seine Hilfe wurde dankend angenommen und der Fabrikant ging nach draußen, telefonierte und kam mit zufriedenem Gesicht zum Hausherrn zurück.

„Gleich ist es ausgestanden. Einer meiner Angestellten kommt persönlich mit einem Lieferwagen und unserem ganzen Schleifstein-Sortiment vorbei. Er war völlig außer sich als ich ihm die Geschichte erzählte.”

„Komisch”, sagte der Hausherr, „er hat mit der ganzen Sache doch gar nichts zu tun.”

Nun folgten die längsten Minuten des Abends. Während sich alle auf Sessel und Sofas warfen und mit starren Blicken auf das Brummen eines Lieferwagens warteten, bei mehreren Fehlalarmen, bei denen alle nach draußen stürmten um dann einem Moped nachzustarren, das in der Nacht verschwand, sorgte sich Herr Johannes, daß ihm der Arm am Schwanenhals einschlief. Wenn er vorher gewußt hätte, daß das so lange dauert!

Endlich drängte sich ein leises Brummen in die unerträgliche Stille, das nicht mehr verging und in dem bald alle den sich nähernden Lieferwagen erkannten.

„Schnell, schnell”, rief der Fabrikant, nahm persönlich das Lammesser und lief dem Wagen mit dem Schleifstein entgegen. Man hörte gedämpftes Kreischen, als die Klinge über den rotierenden Stein gezogen wurde und die, die sensationshungrig auf die Terrasse getreten waren, sahen aus der Luke des Lieferwagens sogar ein paar Funken rot in die Nacht sprühen. Dann näherten sich hastig Schritte.

„Lassen Sie mich durch”, rief eine unbekannte Stimme und herein stürmte ein Mann in mittleren Jahren. Sein Gesicht war von Schmerz und Panik verzerrt.

„Mein Liebling” rief er, „hat er Dir Leid zugefügt. Ich habe das Schlimmste befürchtet als Müller anrief.”

Johannes nahm das Lammesser, stellte befriedigt fest, daß es erstklassig geschliffen war, bedankte sich und ließ die Hausherrin los. Die versank kreidebleich und weinend in den Armen jenes unbekannten Helden, der der Tragödie durch ausgezeichnete Schleifarbeit eine glückliche Wendung gegeben hatte.

„Mein Liebes”, sagte er immer wieder und versuchte die befreite Geisel zu trösten, und er hieß Rudi, denn das zwitscherte und hauchte die Erschöpfte immer wieder weinend an seiner Schulter.

So sehr die Handlungen des Herrn Johannes alle bis aufs Äußerste gereizt und schockiert hatten, so schnell war durch die neue Lage alles vergessen.

„Na, das wird ja immer schöner heute abend”, rief ein angetrunkener Hausherr in die Runde. Er verlangte eine Erklärung und klar und direkt zu wissen, was ohnehin offensichtlich war. Das war ein wirklicher Skandal und es gab unschöne Szenen und anschließend leidenschaftliche Diskussionen und alle möglichen Angriffe und Rechtfertigungsversuche für und gegen die Dame des Hauses, bis nach geraumer Zeit Herr Johannes alle mit: „Das Lamm ist fertig” aufschreckte und für einen Moment niemand recht wußte was nun zu tun sei.

Das Vernünftigste schien schließlich allen nach dem ursprünglichen Plan weiterzumachen und zu Abend zu essen, auch wenn es schon drei Uhr morgens war. Der Unbekannte saß neben seiner Geliebten, beide ganz weit vom Hausherrn entfernt und über allen Gesprächen, worum immer sie sich auch drehten, hing nur die Frage „wie ging es nun weiter?”

Das wusste auch Herr Johannes nicht, der noch die Küche aufräumte, sich ein Taxi bestellte und ging. Es war wohl der Schock und die Überforderung aller durch die Fülle der Ereignisse, daß man ihn einfach ziehen ließ. Aber auch während der nächsten Tage, in der die zweite Geschichte des Abends zum Skandal hochkochte, hatte niemand Zeit an ihn zu denken. Der Hausherr wurde zwar noch einmal darauf angesprochen, aber er sagte: „lassen sie ihn, das würde uns jetzt grade noch fehlen”.

Herr Johannes aber zog seine Konsequenzen: Lamm würde er nie wieder kochen.

Made in taiwan

von Steffi Beckmann (Copyright)

kennen sie das? haben sie sich auch bereits des öfteren gedanken gemacht, wenn sie eines dieser ausländischen produkte in den händen hielten. was mag beispielsweise die informationen “made in taiwan” preisgeben? oder konsumieren sie solcher art produkte erst gar nicht?

es begab sich vor urzeiten, dass eine fette vollgefressene made nach genossenem mahle in ihrem gourmet menü einschlief. das menü, ein gelangweilter apfel, verband sich noch einige zeit mit dem windsüchtigen zweig, bevor er durch pflückerhand samt stiel von ihm getrennt wurde. einmal mehr eine abgerissene verbindung. der apfel erhielt ein vorerst anderes heim, zusammen mit seinen unzähligen brüdern und schwestern. bequem lagerte er nun in einer stiege und schmiedete insgeheim erste reisepläne. bekannt war, nur die besten und knackigsten waren auserwählt zu reisen. so auch er.
es war eine stürmische überfahrt von der die mittlererweile erwachte made kaum etwas mitbekam. sie fraß sich weiterhin durch. nach einiger zeit wurde es der made langweilig und sie beschloss ihr inzwischen fasst völlig vertilgtes menü zu verlassen um sich womöglich am nachbarlichen brunchbuffet erneut zu laben. auf dem etwas beschwerlichen weg dorthin wehte der made ein laues lüftchen um die ohren. sie wunderte sich einmal mehr, reckte sich über den stiegenrand und erblickte eine ihr bisher unbekannte welt. ohne wiesen, ohne apfelbäume dafür aber voll von kisten, tonnen und containern.

sie vermuten richtig. die made befand sich just in diesem moment im containerhafen. mehr wusste sie nicht, bis jetzt. sie war ein aufgewecktes kleines ding und gerade als ein hafenarbeiter an ihr vorüber hastete heftete sie sich ihm an den ärmel. vollkommen unbemerkt natürlich. wie clever von ihr. sie sollte es nicht bereuen. der hafenarbeiter beendete gerade seinen kräftezehrenden arbeitsalltag und begab sich seinerseits auf den heimweg. nun erschloss sich für die fette reisemade die gesamte schönheit der umgebung. bequem gelagert, wie in einer sänfte genoss sie den ausblick. das weite meer, die vielen schiffe, die schmucken lagerhäuser. die skyline der stadt. dies alles lag ihr förmilch vor dem bauch. als der hafenarbeiter samt made das hafengelände gerade verlassen wollte erspähte diese ein großes, wenn auch verwittertes holzschild “welcome to taiwan” las sie gerade noch im vorbeischaukeln. nun wusste sie wo sie war. freudig erregt, wenn auch gleichermaßen etwas schockiert, stellte sie fest, sie war tausende seemeilen von zu hause entfernt. dies ließ sie über kurz oder lang in tränen ausbrechen. neben der bis eben andauernden freude machte sich nun bereits heimweh in ihr breit. ihre familie würde sie bereits vermissen. ihre brüder und schwestern sie im bauche der amsel vermuten. wahrscheinlich wurden gerade die trauerfeierlichkeiten für sie abgehalten. welch jammer. und nun, durch eine hastige armbewegung des hafenarbeiters wurde sie auch noch abgeschüttelt. entsetzlich.
wochen später, die made hatte sich in ihre neue situation voll und ganz ergeben. ihre tage waren gefüllt von der nahrungssuche im hafenmüll und ihr bauch auch. es begann ihr zu gefallen. neue freunde wimmelten um sie herum. für diese war sie der exot. und nun prahlte sie bereits öffentlich mit ihren reise erlebnissen. manchmal schmückte sie diese geflissentlich aus um aufzutrumpfen. in stilleren stunden nagte jedoch das schlechte gewissen an ihr. sie dachte an die daheimgebliebenen, zurückgelassenen, womöglich noch immer um sie trauernden. was sollte sie anstellen um ihnen wenigstens ein winziges lebenszeichen zukommen zu lassen?

in einer dieser schlaflosen nächte hatte die made dann eine stichhaltige idee. sie suchte das nächste tattoo studio auf. es gab einige davon am hafen. nun ließ sie sich ihren namen, zum glück hatten ihre eltern sie einfach nur “made” getauft, auf den bauch tätowieren. platz war genug. um den heilungsprozess der tattoowunde zu unterbinden schrubbelte sie täglich mehrmals über kies, holz und mancherlei andere spitzige gegenstände. so kam es, dass sich das tatto entzündete und an stelle des namens in der haut, eine geschwulst in form des schriftzuges obenauf bildete. die made war höchst erfreut und glücklich darüber. jeder andere hätte den tätowierer verklagt.

entschlossen kroch sie nun auf den nächstliegenden und bald zu verladenden kistenstapel. eine ladung kirschsirup. einiges an glas war bereits zu bruch gegangen. unmittelbar an den kisten staute sich ein see des roten saftes. die made, äußerst vorsichtig, tauchte ihren fettgefressenen balg hinein. allerdings nur den teil mit der geschwulst. nun kroch sie auf die einzelnen kistenwände und hinterließ ihre spuren. dort wo eben noch stand “in taiwan” war nun plötzlich zu lesen “made in taiwan”. zufrieden mit sich und ihrem werk und vor allem beruhigter ringelte sie zurück zu dem stinkenden abfallhaufen, der vorerst ihre neue heimat war.
bedenken sie, das madige hallo, als die kiste mit dem kirschsirup natürlich genau an die madenheimatliche apfelplantage ausgeliefert wurde. ein wahres freudenfest wurde nun dort gefeiert. es wurde gezecht und geschlemmt. gelacht und gejauchzt. allerdings war die apfelernte danach vollkommen vernichtet. wen interessierte das. doch nur den plantagenbesitzer und was zählte der schon. schliesslich wusste man nun, die made lebte. da stand es ja, ja rot auf holz.
letztendlich gründete die made in taiwan eine familie und vermehrte sich rasend. kinder und kindeskinder wurden auf pilgerreise in aller herren länder geschickt. jedoch nicht, ohne sie vorher darin zu unterweisen ihren namenszug zu hinterlassen. wo auch immer sie sich gerade befinden mögen.
sehen sie, daher tragen allerhand konsumprodukte bis zum heutigen tage die besten reisegrüsse mittlererweile aller maden dieser welt. also wundern sie sich nicht weiter, sondern fühlen sie sich einfach nur gegrüßt.

Prof.doofe

von Steffi Beckmann (Copyright)

wissen sie, wenn ich auf meine jugendzeit zurückblicke, und das tue ich liebend gern ab und an, dann denke ich meist, sie ist mir erst kurzeitig verloren gegangen. während der ausbildungszeit war es an meinem nonnenkloster üblich, außer sich mit wissen bereitwillig und ergeben vollstopfen zu lassen, auch den laufenden betrieb des etablissements tatkräftig zu unterstützen. jede woche war daher eine andere gruppe vor sich her pubertierender junger damen damit beschäftigt, das triste gebäude zu reinigen. es wurde uns weiterhin aufgegeben, in der klosterküche nach bestem, wenn auch mangelhaftem wissen zu handeln und dort für kalorienerzeugung gesund zu sorgen. als callgirl in der telefonzentrale zu vermitteln war während des gesamtunterfangens noch die herrlichste aller aufgaben. am großen eingangsportal den besuchern beim eintreten behilflich zu sein, eine sehr angenehme beschäftigung. eine wirklich willkommene abwechslung, eigentlich. im vergleich zu dem sonst doch eher langweiligen klosteralltag.

als ich nun dazumal mit meiner schwester im geiste diesen aufgaben sehr gut gewachsen schien, beauftragte man auch uns. so saßen wir im glashaus, welches auch mundartlich abwertend pförtnerloge genannt werden durfte. richtige callgirls, für einen tag gewissermaßen. es galt anrufe nicht nur entgegenzunehmen, sondern vielmehr auch weiterzuleiten. wir hatten die gewaltige aufgabe, die anreisenden vips artig zu escortieren. wie sie bereits merken, wir waren vielfältig gefordert. nicht nur als callgirls, sondern mehr noch als vip-escort service für gewisse minuten. in der freien zeit zwischen den dienstlichen aufgaben erzählten wir uns allerhand dummes zeug. das weiß ich heute. bei einem dieser girly einsätze ereignete sich nun folgendes:

meine schwester im geiste war gerade dabei, mir zu erläutern, wie ihr letzter tanzabend verschritten war. tränen des lachens vergossen wir reichlich. störend schrillte das telefon dazwischen und unterbrach unsere lachlust. sie nahm den hörer ab, meldete sich vorschriftsmäßig und so gar nicht sittenwidrig, dann stutzte sie knapp und legte den hörer wieder auf. kurze zeit darauf quengelte das sprachrohr abermals. sie reagierte artig. gleichermaßen. gespannt ob ihrer, mir als seltsam anmutenden reaktion, äußerte ich zaghaft aber entschlossen eine frage. nämlich, was sie denn entsetzte. aus ungläubigen augen sah mich die schwester an und sprach, was für ein spinner er denn wäre am anderen ende der leitung, der, nachdem sie ihr gelerntes sprüchlein aufgesagte, sie immer als „doofe“ betitelte.
gänse wie wir damals waren, begannen wir zu schnattern, junge gössel. das unbarmherzige kommunikationsmittel meldete sich nun abermals. gleiches szenario, nur diesmal war die junge schwester cleverer. dachte sie. nachdem der offensichtliche strolch „doofe“ durch die leitung gezischt hatte, konterte sie spitzzüngig: „selber doof“ dann legte sie sofort auf. wir störten uns nicht weiter an diesem ereignis und begaben uns fast nahtlos zu unserem gesprächsthema.
etwa drei stunden im anschluss begehrte ein älterer, graumelierter herr im dunklen anzug zugang durch das portal. eine imponierende erscheinung, so wie er dastand, vor dem call-center. aha, ein weiterer vip. es war an mir, ihn aufrichtig höflich nach seinen wünschen und phantasien zu befragen. also entsprang ich leichtfüßig gekonnt dem glashaus. entbot ihm ein freundliches „guten tag, sie wünschen bitte?“ er musterte mich streng, ihm schien zu gefallen, was er sah. dann stand er mir rede und antwort: „mein name ist professor doofe, ich hatte einen termin bei ihrem rektor. eigentlich bereits vor zwei stunden. auch war es meine absicht zu stornieren, telefonisch. besser noch eine zeitverschiebung ausrichten zu lassen. leider wurde das telefonat mehrmals auf grobe art unterbrochen.“ ich spürte meine gesichtszüge entgleiten, rang um beherrschung. lieb und ernsthaft, wie man es mich gelehrt hatte, geleitete ich ihn bis an die tür des rektors. anschließend kehrte ich, noch immer purpur im gesicht, in das gläserne call-center zurück.

peinlich.

Cola und Jaspe

von Christa Schmid-Lotz (Copyright)

Der Motor hustete, spuckte und verstummte dann ganz. Die Cessna sackte ein paar Meter in die Tiefe. Mein Herz begann zu rasen.

„Paolo, wir stürzen ab!“, schrie ich.

„Ich versuche im Gleitflug runterzugehen,“ rief er nervös. „Halt dich fest!“

Die Hochfläche eines Berges erschien vor uns. Gras und Kraut kamen in rasender Fahrt näher. Das Flugzeug schlingerte; ich wurde von meinem Sitz gegen die Wand geworfen. Dann hatten wir Bodenkontakt. Es krachte und schepperte, die Maschine drehte sich im Kreis und blieb schließlich stehen.

„Madre de la puta“, fluchte Paolo und kletterte aus dem Cockpit,
so was ist mir in meinem ganzen Leben noch nicht passiert!“

Ich öffnete die Kabinentür, stieg völlig benommen aus und sah mich um. Außer ein paar blauen Flecken und Prellungen waren wir unversehrt. Wir befanden uns auf einem Plateau, auf das die Sonne erbarmungslos nieder brannte. Unter uns lag eine Nebeldecke, aus der Tafelberge wie abgesägte Baumstümpfe hervorragten.

„Das Gelände ist sumpfig“, stellte Paolo resigniert fest. „Ich bringe die Maschine nicht mehr in die Luft! Und die Instrumente sind hin.“

Ich schluckte, meine Knie waren weich. „Wo sind wir eigentlich genau?“

„Etwa fünfzig Kilometer von Santa Elena entfernt. Und tausend von Ciudad Guyana.“

Paolos Miene war finster.

„Dann kann ich mir also das Orinoko-Delta abschminken…..und den Geologen-Kongress ebenso!“

„Stefan! Wir können froh sein, wenn wir das überleben. Und du denkst an deinen Kongress!“

„So ein Scheiß, verdammt. Ich dachte immer, ich wäre ein Glückskind!“

„Stefan, auf jeden Fall müssen wir weg sein, bevor die Nacht beginnt. Hier oben gibt es Gewitterstürme, die lebensgefährlich werden können!“

„Wie sollen wir denn da runterkommen?“ Ich stöhnte verzweifelt.

„Der Fels fällt fast fünfhundert Meter ab. Im Süden könnte es gehen…nimm nur das Notwendigste mit, auch den Schlafsack.“

Mein Herz machte einen Satz. „Aber wir können doch nicht hundert Kilometer durch den Urwald und die Savanne gehen?“

„Ich will versuchen, ein Indiodorf oder ein Goldgräberlager zu erreichen….“

Paolo schnappte sich seinen Rucksack und die Wasserflasche und setzte sich in Bewegung. Ich folgte ihm mit einer Mischung aus Grimm und Angst. Bald aber hatte ich den Eindruck zu träumen. Ich sah Schopfbäume, Riesenrosetten und Pflanzen mit Kannenblättern, in denen sich das Wasser gesammelt hatte. Geckos sonnten sich auf Steinen wie Drachen aus der Saurierzeit. Später kamen wir durch eine Schlucht aus Bergkristallen; sie schimmerten in Kaskaden von Dunkelrot bis Hellrosa. Die Sonne stand schon ziemlich tief.

„Wir müssen runter!“, stellte Paolo fest.

„Was….an dieser steilen Stelle? Was ist, wenn wir abstürzen?“

„Du musst da hinunter, wenn dir dein Leben lieb ist!“

Unsere Jeans und Hemden wurden von Dornen zerrissen, die Haut blutete und schmerzte.

„Bleib mal stehen,“ sagte Paolo. „In dieser Mulde sollten wir die Nacht verbringen.“

Ich verstand gleich darauf den Grund. Die Dunkelheit fiel ganz plötzlich über uns herein. Wir krochen in unsere Schlafsäcke und lauschten den Stimmen, die allmählich erwachten. Es zirpte, wisperte, raschelte, klagte, knackte und quiekte. An Schlaf war nicht zu denken. Gegen Mitternacht ging ein Gewitter sintflutartig auf uns nieder. Der Donner krachte Schlag um Schlag, die Kiefern und Dornbüsche tanzten wie wildgewordene Staubwedel und wir hatten Mühe, nicht den Berg hinab gespült zu werden. Grollend verzog sich der Spuk; patschnass und verloren saßen wir am Berg. Wir konnten immer noch nicht schlafen, weil jetzt weiter unten die Brüllaffen loslegten.

„Das war sicher die Rache der Götter,“ versuchte Paolo zu scherzen.„Wir haben einen heiligen Berg betreten!“

Sobald die Sonne durch den Nebel drang, rafften wir uns auf und stolperten weiter. In unseren Turnschuhen quatschte das Wasser. Je weiter wir herunterkamen, desto heißer wurde es; alles begann zu dampfen. Die Krüppelformen der Urwaldbäume, Flechten und Moose wurden abgelöst von Riesenfarnen, Bromelien und Palmen. Meine Augen brannten; ich sah undeutlich, wie atemberaubend die Landschaft war, die wir durchquerten. Immer wieder mussten wir hinter Wasserfällen hindurchkriechen oder durch Bäche waten, die über Bergkristall, rötlichen Jaspe und Steine aller sonstigen Farbtöne flossen; das Wasser war colafarben und erfrischend.

Ich sah ein leuchtendes Etwas am Rande eines Baches sitzen und streckte halb erschöpft die Hand danach aus.

„Was ist denn das?“, fragte ich, „der Frosch ist ja knallrot.“

Paolo riss mich zurück.

„Bist du wahnsinnig? Die Berührung ist tödlich! Die Indios stellen ein Pfeilgift daraus her.“

Ich wusste nicht mehr, wo oben und unten war. Wieder diese Lähmung in den Kniekehlen.
„Mensch Paolo, wenn mir das ohne dich passiert wäre! Und es gibt sicher auch Schlangen!“

„Kaum giftige, dafür aber Riesenspinnen, von denen das keiner weiß!“

„Paolo, ich halt das nicht mehr lange durch. Mir tut alles weh und ich habe Hunger!“

„Wir werden bald einen der Weißwasserflüsse erreichen. Dann sehen wir weiter.“

Die Stunden dehnten sich. Inzwischen war es unerträglich heiß und wir wurden von Moskitos zerstochen. Unsere Haut sah aus wie ein Streuselkuchen. Ich träumte von Cola, von knusprigen Steaks und Riesenbratwürsten. Allmählich wurde ich so müde, dass ich mich am liebsten unter einen Urwaldriesen gelegt hätte. Aber Paolo hielt mich wach und damit am Leben. Schließlich standen wir am Ufer eines Flusses, der lehmig-trüb dahinfloss. Eine Schar Papageien flog kreischend davon.

Ich zog Schuhe und Hosen aus, watete ins Wasser und versank gleich bis zu den Schenkeln im Schlamm. Mühsam durchquerten wir den weißschäumenden Bach. Auf der anderen Seite trafen wir auf einen Weg. Ein großes Gefühl der Erleichterung überkam mich. Ich faltete die Hände und dankte Gott, obwohl ich sonst für die Kirche nichts übrig hatte. Paolo sah ebenfalls entspannt aus. Wir folgten dem Pfad bis zu einer Lichtung mit einem Wellblechgebäude, gingen näher heran und traten ein. Ein Mann saß über einen Tisch gebeugt, auf dem zwei Waagen aus Messing standen. Er drehte sich langsam zu uns herum.

„Buenos dias,“ sagte Paolo. „ wir hatten eine Bruchlandung auf einem der Tepuis“.Die dunkle Miene des Mannes wurde besorgt und freundlich.

„Buenos dias. Das hätte tödlich enden können. Ihr müsst ja völlig ausgehungert sein!“

„Das kann man wohl sagen!“

Der Mann holte drei Flaschen Bier aus einem Kühlschrank, öffnete sie und stellte sie auf den Tisch. Dann schälte er Papayas und Mangos, zündete Holz in einem Eisentrog an, legte einen Rost darüber und briet zwei Fische mit Süßkartoffeln.

„Das sind Ayaras, Raubfische aus dem Rio Caroni.“

Mir lief das Wasser im Munde zusammen wie nie zuvor im Leben. Auch Paolo schaute gierig auf den Rost.

Der Goldgräber breitete Bananenblätter auf den Tisch und legte das Essen darauf.

„Ola,“ meinte Paolo und griff nach dem goldbraunen Fisch, „ wie weit ist es denn noch bis Santa Elena?“

Ich wollte gar nichts denken und stürzte mich auf die Mahlzeit.

Der Mann sagte: „Etwa vierzig Kilometer, schätze ich. Ihr könnt hier übernachten und morgen weiter gehen. Ein großer Teil des Weges führt durch die Savanne. Was heißt Weg – ich kann euch einen Kompass mitgeben, falls ihr keinen dabeihabt.“

Paolo leckte sich das Fett von den Lippen, nahm den letzten Schluck Bier und meinte:
„Ich falle um vor Müdigkeit. Können wir uns irgendwo hinlegen?“

„Auf der Veranda sind Hängematten.“

Wir dankten dem Mann und fragten ihn nach seinem Namen. Er hieß Feliciano.

Ich kroch in die Hängematte, zog das Moskitonetz über mich und hörte die Mücken fieseln. Die Nacht fiel wieder herab wie eine schwarze Wand.

Ein misstöniges Krächzen weckte mich. Als ich die Augen aufschlug, sah ich einen Tukan auf dem Geländer der Veranda sitzen. Sein gelber Riesenschnabel zog das blauweiße Körperchen fast zu Boden. Er flog zu mir herüber und setzte sich auf meine Schulter. Paolo war schon in der Küche bei Feliciano. Ich setzte mich an den Holztisch und sagte:

„Hat der Vogel was an mir gefressen?“

Feliciano lachte. „Der ist zahm. Er leistet mir Gesellschaft in der Einsamkeit hier draußen.“

Paolo schaute mir zufrieden entgegen. Auf dem Tisch lagen Ananas, kleine goldgelbe Bananen, gebackene schwarze Bohnen und Rühreier.

Wir langten kräftig zu. Der Kaffee schmeckte ein bisschen nach Zicchoree.

„Wo kriegst du die Sachen denn her, Feliciano? Hier mitten im Urwald?“

„Hinter der Hütte habe ich einen Garten. Strom bekomme ich von einem Generator. Und die Dosen mit Bohnen, das Bier und andere Luxusgegenstände bekomme ich alle zwei Monate eingeflogen. Ihr könnt auch so lange warten…allerdings war der Hubschrauber erst gestern da.“

„Auf keinen Fall“, warf ich erschreckt ein. Ich spürte schon wieder das Kribbeln der Ungeduld.

„Stefan“, meinte Paolo streng, „weißt du, dass es lebensgefährlich ist, worauf wir uns da einlassen würden?“

„Paolo“, entgegnete ich gereizt, „dass sind zwei verlorene Monate für mich!“

Er lenkte ein. „Na gut, in ein bis zwei Tagen müssten wir eine dieser Urwaldpisten erreichen. Ich will dann aber keine Klagen mehr hören!“

„Was machst du denn hier eigentlich?“, fragte Paolo Feliciano..

„Ich schürfe nach Gold und Diamanten. Das heißt, ich habe eine primitive Waschanlage im Fluss.“

Die Sonne näherte sich schon wieder dem Zenit und es war unerträglich schwül.

Feliciano gab jedem von uns einen Beutel mit Wasser und Verpflegung.

„Buen suerte“, sagte er und gab uns die Hand.

Wir gingen den Weg zum Fluss zurück. Mir lief der Schweiß den Rücken herunter.

„Hier am Ufer können wir nicht entlanggehen“, sagte Paolo, „der Urwald ist dort undurchdringlich. Wir müssen mitten hindurch.“

„Traust du dir zu, die Richtung einzuhalten?“, fragte ich, schon wieder mit einem Anflug von Panik.

„Mit dem Kompass sollte es gehen. Wir haben uns immer nach Süden zu halten.“

Im Wald kamen wir einigermaßen vorwärts. Riesenmangobäume wechselten mit Würgefeigen und Bromelien. Schlingpflanzen rankten sich um die Stämme. Wider Erwarten war kein Laut zu hören. Allmählich ging es bergauf. Nachdem wir uns durch dorniges Gebüsch gekämpft hatten, standen wir auf einer Hochfläche. Unübersehbar, wellig grün dehnte sich der Urwald. Im Süden, wo die Sonne stand, musste die Zivilisation sein, Goldgräberlager, El Dorado, Santa Elena mit seinen Hotels, Bars und Geschäften.

Die Vorstellung an ein Bad im Pool hielt mich aufrecht. Paolo begann, auf der anderen Seite den Berg hinunterzusteigen. Nach einer Zeit mühsamen Gehens erreichten wir einen der grauweißen Flüsse.

„Paolo, ich würde gern ein bisschen schwimmen. Ist das o.k.??“

„Ja, aber nicht zu lange“, meinte der mit einem Blick zur Sonne, deren Licht durch das Blätterdach fiel.

Ich warf meine Kleider ans Ufer, watete in den Fluss hinein und sprang in die kühlen Fluten. Beim Untertauchen sah ich etwas im trüben Wasser glänzen. Ich ging bis auf den Grund und nahm es in die Hand. Es war ein Stein. Aufgeregt tauchte ich wieder auf, warf ihn ans Ufer und setzte mich klatschnass neben Paolo.

„Du, das ist …“

„Mensch, Stefan, das ist ein Rohdiamant. Und er gehört uns. Jeder hat das Recht, hier zu schürfen! Was meinst du als Geologe denn, was der wert ist?“

„Der könnte – bei dieser Größe – so ein bis zwei Millionen Dollar bringen. Paolo, damit sind wir reich! Wir können alles an den Nagel hängen, ein Projekt durchziehen, um die Welt reisen, aber nicht in einer Cessna, Hummer essen und Sekt trinken und die Welt kann uns mal sonst wo…“

„Festina lente, Stefan, Eile mit Weile. Erst mal müssen wir aus dem verdammten Dschungel wieder rauskommen, sonst nützt uns kein Diamant der Welt etwas.“

Ich zog mich an, steckte den Stein in meinen Beutel und holte die Wasserflasche heraus.

„Nicht mehr viel drin. Und die Feigen und das Brot sind auch bald alle.“

„Wir sind immer noch in Gefahr,“ sagte Paolo. „Aber wenigstens können wir aus den Schwarzwasserflüssen trinken. Und Mangos essen.“

Ich folgte ihm mit zwiespältigen Gedanken. Es erschien aussichtslos, in den nächsten Tagen ein Lager zu erreichen. Wir liefen immer nach Süden. Oft mussten wir kleinere Tepuis überqueren und immer dieselbe Aussicht. Ich begann dieses Land zu hassen. Beim Durchqueren der Flüsse bohrten sich Blutegel ins Fleisch. Nachts krochen uns Spinnen und Ameisen übers Gesicht, stachen zu und die Geräusche machten mir nach wie vor Angst. Morgens hatten wir juckende Quaddeln am Körper. Von den ewigen Mangos und dem sauren Wasser war unsere Mundhaut aufgerissen. Am dritten Tag erreichten wir einen Weißwasserfluss. Ein jäher Schrecken durchfuhr mich.

„Paolo“, sagte ich heiser, „ hier sind wir doch schon einmal gewesen.“

Er sank entmutigt ins Gras.„Hier war es, wo du den Stein gefunden hast.“

Ich ließ mich in den Morast des Ufers fallen und begann zu weinen.

„Ich möchte nach Hause“, schluchzte ich, „wäre ich doch niemals in dieses verdammte Flugzeug gestiegen!“

Paolos Augen verengten sich vor Wut.

„Wegen dir sind wir doch in diese Lage geraten. Wegen deinem verdammten Ehrgeiz!“

In mir zerplatzte etwas.

„Wenn du die Cessna richtig gewartet hättest, wäre ich jetzt in Bolivar und würde Cuba Libre schlürfen!“

Paolo ballte die Fäuste und sprang mich an. Ich wehrte ihn mit letzter Kraft ab und rollte mich zur Seite.

„Hör auf“, schrie ich, „sollen wir uns noch gegenseitig umbringen?“

„Jesu Christo, „ stöhnte er, „die Prüfungen bleiben uns nicht erspart. Ich glaube, wir werden sterben. Hätte ich nur meine Familie nicht allein gelassen. Das ist die Rache der Götter.“

„Das ist Hokuspokus.“ Ich setzte mich auf. „Ich habe auch eine Familie. Die ganze Zeit sehe ich ihre Gesichter vor mir. Ich möchte weitergehen. Kommst du mit?“

Über Paolos Gesicht huschte ein kleines Lächeln.

„Das hätte ich dir niemals zugetraut!“

Weiter ging es durch die grünbraune Hölle. Irgendwann lichtete sich der Urwald. Erbarmungslos brannte die Sonne auf die Große Savanne. Unsere Schritte wurden immer langsamer. Außer Wasserschweinen und Reihern, die sich am Rand der Tümpel aufhielten, bekamen wir nichts zu Gesicht. Ich war am Ende meiner Kräfte. Wir beide waren über und über mit rotem Staub bedeckt. Der Horizont flimmerte vor meinen Augen und der Magen stülpte sich um vor Hunger. Meine Beine waren mit verkrusteten Stellen bedeckt, aus denen ich Blutegel gezogen hatte. Paolo sah nicht besser aus. Wir sanken nacheinander auf den ausgedörrten Boden. Es war aus. Wir würden niemals mehr herauskommen.

Im Dunst der Ferne war eine weißer Fleck zu erkennen. Ich kniff die Augen zusammen.

„Paolo“, krächzte ich mühsam, „das muss eine Fata Morgana sein.“

Er sah in die Richtung, in die ich blickte und stand langsam auf.

„Das könnte unsere Rettung sein. Es ist eine Kapelle.“

Mit neuer Hoffnung stolperten wir weiter. Schließlich erreichten wir die kleine Kirche. Kühl und dämmrig war es darin, ein Kruzifix hing über dem Altar, aber es gab keine Spur eines Menschen.

Da hörten wir es. Ein Krachen, als wenn weiter weg ein Berg in die Luft geflogen wäre. Mein Zittern konnte ich nicht mehr beherrschen. Mir schlugen die Zähne aufeinander. Ich blickte zu Paolo. Dessen Pupillen glänzten auf in den rotgeäderten Augäpfeln.

„Das ist es, „ sagte er, „ das sind die Mienen der ‚Minerva’, der großen Gesellschaft, die bei El Dorado Gold und Diamanten abbaut.“

Mit neuer Hoffnung schleppten wir uns in die Richtung, aus der wir die Detonation gehört hatten. Nach etwa einer Stunde erreichten wir eine Wellblechsiedlung. Indiokinder standen scheu vor den Eingängen, schwarze Schweine wälzten sich im Staub. Dann kamen wir ins Zentrum von Eldorado. Es sah aus wie im Wilden Westen. Einige der ausgemergelten, braunverbrannten Männer hatten Cowboyhüte auf und überall hingen Schilder mit den Preisen für Gold und Diamanten. Keiner blickte uns an, zwischen diesen Desperados und Abenteurern fielen wir gar nicht weiter auf. Keiner grüßte. Wir wankten in ein kleines Hotel, duschten, aßen geschmortes Rindfleisch mit Bohnen, tranken Cola und sanken auf die etwas muffeligen Betten.

Am nächsten Tag spazierten wir ausgeruht durch das Städtchen. Wir setzten uns an einen Tisch an der Straße und bestellten einen Café doble.

„Was machen wir denn jetzt, Paolo? Wir haben kein Geld.“

„Wir könnten versuchen, unser Fundstück einem der Agenten anzubieten. Aber da werden wir sicher übers Ohr gehauen.“

„Wir müssen es wagen“, sagte ich ungeduldig. Wieder dieses Kribbeln!

„Ich möchte nicht in diesem Dorf am Ende der Welt versauern. Wir müssen einen Flug nach Cuidad Guyana kriegen.“

„Jetzt reicht’s mir aber ein für alle Mal mit deiner Ungeduld! Zunächst müssen wir an Geld und dann nach Santa Elena kommen!“

„Sorry, ich werde nicht mehr drängeln.“

„O.k., versuchen wir es“, meinte Paolo besänftigt.

Er warf die letzten Münzen, die er in seiner Tasche gefunden hatte, auf den Tisch. Wir erhoben uns und steuerten eines der Büros an.

Ein ölig dreinblickender, geschniegelter Mann blickte uns entgegen.

„Que?“, sagte er barsch.

„Wir haben einen Rohdiamanten. Der muss einen ziemlichen Wert haben.“

Der Mann griff nach dem Stein, legte ihn auf eine Waage und pfiff durch die Zähne.

„Ola, das ist wirklich ein Riesenfund. Wo habt ihr den her?“

„Aus dem Urwald“, sagte ich, meine Erregung unterdrückend.

„Hier gehört alles weit und breit der Minerva. Einen solchen Stein nicht freiwillig abzuliefern, ist Diebstahl!“

Paolo gab mir ein Zeichen, griff nach dem Diamanten und mit einem Satz waren wir bei der Tür.

Wir rannten, was wir konnten, in Richtung Hotel und hörten ihn hinter uns her brüllen. Dort rissen wir unser armseliges Zeug an uns und machten, dass wir aus dem Ort herauskamen. Eine Schotterpiste zog sich durch die Savanne nach Süden; es gab sogar einen Wegweiser, auf dem stand: Santa Elena – 20 Km. Wir begannen eilig die Piste hinunterzuwandern. Ich schaute mich immer wieder um. Eine Klapperkiste nahm uns mit bis zur nächsten Stadt. Jeden Moment konnte ein Fahrzeug auftauchen. In Santa Elena gingen wir als erstes zu dem kleinen Flugplatz, von dem wir vor einer Woche gestartet waren. Ein Pilot erbot sich, uns nach Cuidad Guyana zu fliegen. Er sah vertrauenswürdig aus.

Die Cessna startete, wurde schneller; jetzt hob sie ab vom Boden. Palmen und Bananenbäume sausten an uns vorbei. Die rote Piste wurde unter uns sichtbar, die Savanne dehnte sich grünbraun unter uns, endlos waren die Wälder, colafarben und weiß schlängelten sich die Flüsse durch die Landschaft. Aus dem Dunst ragten einzelne Tepuis heraus. Nach etwa zwanzig Minuten verlangsamte sich der Rotor, wir verloren an Höhe. Mein Herz setzte aus, die Hände wurden feucht. Paolo starrte mich entsetzt und bleich an.

„Passiert das Gleiche jetzt noch mal?, flüsterte ich ihm hastig zu. Wir hatten keine Zeit mehr zum Nachdenken. Ein großer, gerodeter Platz kam in Sicht. Die Cessna landete ruckelnd und kam zum Stehen. Aus einem Wellblechgebäude traten zwei Männer in Anzügen.

Der achtzigste Geburtstag

von Christa Schmid-Lotz (Copyright)

Horst Binder kämpfte gegen den landwärts stürmenden Wind. Er erreichte das Wasser, das nach seinen Schuhen züngelte, Seetang und tote Quallen ans Ufer spülte. Da sah er sie. Eine Kugel von einer alten Dame, die mit Sonnenschirm und Kompotthütchen gleich ihm sich den Elementen aussetzte. Sie wandte ihm ein Krötengesicht zu, das bockig verzogen war.

„Das hat mir gerade noch gefehlt!“

„Wie bitte?”

„Heute ist mein achtzigster Geburtstag. Es könnte mein letzter sein. Und meine Familie hat mich im Stich gelassen!“

„Herzlichen Glückwunsch! Ist denn niemand nach Sylt gekommen?“

„Doch schon, aber sie haben mich weggeekelt. Sie wollen ohne mich feiern.“

„Das kann ich mir nicht vorstellen. Sie sind doch das Wichtigste an so einem Tag!“

„Kommen sie mit, ich zeige es Ihnen. Ich lade sie ein.“

„Horst Binder ist mein Name.“

„Klara Großhans.“

Er nahm ihren Arm und geleitete sie über die Bohlen zu einem Reethaus, vor dem sich ein paar Menschen versammelt hatten. Sie gestikulierten aufgeregt.

„Na, habt ihr die Platten schon geputzt?“, sagte das Krötengesicht und kniff die Augen zusammen.

„Aber Mutter”, erwiderte ein Mann mit Halbglatze und stahlblauen Augen. „Es ist alles für dich angerichtet. Und wen hast du denn da aufgegabelt?”

„Das ist mein Lover. Ich möchte ihn in die Familie einführen. Horst, das ist Johann, mein begnadeter Sohn, seine Frau Louise, süffig ihres Zeichens und meine Tochter Thea, die leider keinen Mann abgekriegt hat. Dann die drei Kinder: Heidrun, das Putzteufelchen, Christine mit dem gleichen stahlblauen Blick und Amadeus, Hoffnungsträger der Familie. Der Junge heißt Daniel, Christines Sohn, mein Urenkel.”

Betretenes Schweigen. Dann kam die Wirtin, klatschte in die Hände und rief:

„Wir können anfangen! Die Musikkapelle ist auch schon da.“
Die festlich gekleidete Schar bewegte sich ins Haus hinein, aber Horst verspürte keine Fröhlichkeit; es kam ihm eher vor wie ein Trauermarsch. Tuschelnd verteilte sich die Familie auf den Plätzen an der langen Tafel. Sie war mit roséfarbenem Damast gedeckt, Suppenlöffel, Messer, Gabeln und Dessertbestecke glänzten neben hoch aufgerichteten Servietten. Weingläser funkelten, Baguettebrötchen warteten darauf, mit Knoblauchbutter bestrichen zu werden. Die Kellner bewegten sich schnell und lautlos und schenkten den Apéritif ein. Es scharrte und raunte.

Plingpling. „Alle mal herhören!“ Johann war aufgestanden. „Wir haben uns heute hier versammelt, um den achtzigsten Geburtstag von Dir, liebe Mutter, zu feiern …“

„Achtzig Jahre…. So alt wird keine Sau….!“
Um Gottes Willen, wer war denn da so daneben? Die Dame mit dem schwarzem Dutt und einem Hühnerhals, der aus dem hochgeschlossenen Kleid ragte, erhob ihr Glas.

„Thea meint, dass es beachtlich sei, im toxischen Zeitalter ein so hohes Alter zu erreichen.“ Johann räusperte sich.

„Ich persönlich habe dir, liebe Mutter, viel zu verdanken. Deine Restelsuppen haben mich groß und stark gemacht, deine gestrickten Sweater gewärmt in kalten Zeiten. Nie werde ich die Schlangenhaut vergessen, die über deinem Bett hängt und das Bild des sterbenden Schauspielers auf der Toilette. Ich meine natürlich auf der Bühne. Dann gab es die Zeiten, wo du am Steuer unseres Käfers saßest und immer, wenn wir unser Ziel erreichten, daran vorbeigefahren bist.“

Einige Gäste lachten halblaut; Johanns Frau Louise protestierte:
„Nicht schon wieder! Das war doch Mutter gar nicht, das war ich. Aber jetzt Schluss damit. Krieg ich vielleicht mal ´nen Schluck Wein?”

Der Kellner eilte herbei, um ihren Wunsch zu erfüllen. Johann fuhr mit seiner Rede dort.
„Im Jahre 1957 bist du, liebe Klara ,ins Meer gefallen und hast dich nicht mal erkältet…“

„Aber das war doch Christine,” fiel ihm Daniel, der Enkel, ins Wort. „Oma hat das Eis aufgehackt, um darin zu baden!”

„Und deswegen ist sie so alt geworden. Was uns nicht umbringt, macht uns nur noch härter“, fügte Heidrun hinzu. Christine drehte eine von ihren blonden Locken zwischen den Fingern und grinste.
Die Kellner begannen, die Suppe aufzutragen.

Louise schaute konsterniert in die weißporzellanene Tasse.

„Was soll denn das sein?“

„Nordseekrabbensuppe mit Hummer und Rahm. Verfeinert durch einen Schuss Madeira.”

„Oh ja, Madeira ist immer gut.”

„Jetzt iss endlich deine Suppe, Johann,” keifte Louise. „Sie wird kalt.“

Johann sackte ein wenig in sich zusammen und setzte sich. Er nahm den Löffel und blickte stahlblau in die Runde. Bevor er ihn in die Suppe tauchen konnte, hatten die Kellner die Tassen wieder abgeräumt. Als nächster Gang erschienen zwei riesige Platten, die dampften und verführerisch dufteten.

„Rindfleisch in Burgundersoße, Pommes dauphinois, Brokkolischaum …“

Horst Binder lief das Wasser im Mund zusammen.

„Und was ist auf der anderen Platte, wenn ich fragen darf?“, meinte er.

„Steinbeißerfilet mit Safranwildreis an Crème und Sommersalate.“

„Mmmh.“ Er blickte zu Klara hinüber, die ihm zuzwinkerte.

Während sich alle den Köstlichkeiten widmeten, erhob Johann sich wieder und richtete seine Kamera auf jeden einzelnen. Besonders auf Christine. Ein Blitz durchzuckte die Gaststube und tauchte für einen Moment alles in ein gleißendes Licht.

„Jo-hann, jetzt lass doch mal dieses dämliche Geknipse. Wir wollen in Ruhe essen. Und ich krieg wohl mal wieder nichts von dem Steinbeißer?“

„Gnädige Frau, sie hatten sich für das Boeuf entschieden …“

„Ich werd doch noch wissen, was für einen Fisch ich essen wollte!“

Horst hörte, wie Klara, die neben ihm saß, mit den Zähnen knirschte.

„Könnte mich vielleicht auch mal jemand fragen, was ich gern hätte? Schließlich ist es mein Geburtstag!“

„Ach, Oma. Was möchtest du denn?“, fragte Daniel mit den Flatterhosen und den U -Bootschuhen.

„Steinbeißer und Boeuf und Madeirasoße. Und ein Bier, bitteschön, vom Wein krieg ich immer Sodbrennen.“
In Windeseile wurde das Bier gebracht.
Die Oma trank einen Schluck.

„Daniel, man stützt seine Arme nicht auf beim Essen!”
Sie nahm seinen rechten Arm und ließ ihn zweimal auf den Tisch krachen, woraufhin Fischstücke nebst Brokkolischaum durch die Luft sausten.

„Öööörps,“ ein Rülpser entfuhr ihren herabgezogenen Mundwinkeln.Horst konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. Er sah, wie sehr die anderen ihr Kichern verbergen mussten. Nur Louise und Thea schauten indigniert in die Runde. Johann war schon wieder aufgesprungen und rannte mit seiner Filmkamera um den Tisch. Sein Essen dampfte nicht mehr.

„Jetzt brauch ich ´nen Schnaps“, ließ sich Louise vernehmen.

„Mutti, ich glaub, es reicht jetzt. Du hast schon eine ganze Flasche Wein!”, sagte Heidrun verärgert.

„Das ist meine Sache. Und wo ist eigentlich mein lieber, lieber Wuschel?“

Auf dieses Stichwort kam eine Töle unter dem Tisch hervor. Wuschel stellte die Kommodenbeine quer, legte den Schäferhundkopf schief und wackelte mit dem Schwanz, der von seinem Dackelkörper weggebogen war.

„Hallo Wuschel“, rief Daniel, nahm ein Stück Fleisch von seinem Teller und warf es ihm hin.
Horst sah, wie Klara dunkelrot anlief.

„So ein Benehmen ist un-mög-lich!“, kreischte sie und schlug mit der Faust auf den Tisch, dass das Bier überschwappte und die Weingläser zitterten. „Kann denn an meinem Achtzigsten kein einziger auf mich Rücksicht nehmen?“

Johanns Augen wurden eisig.
„Und könntest du mal aufhören, dich in die Erziehung einzumischen?“

„Also wenn hier einer erzieht, dann ich!“, fuhr Christine auf. In ihrem Gesicht erschienen hektische Flecken.

„Das ist die Höhe. Das ist die absolute Höhe. Da wird man achtzig Jahre alt und muss sich so von seiner Sippe beleidigen lassen…“. Klara presste die Hand aufs Herz und begann zu schreien, spitz und schrill, immer lauter, drohte umzukippen, stand dann ruckartig auf, knallte ihren Stuhl gegen den Tisch und lief zur Tür hinaus. Wuschel bellte wie verrückt und wollte ihr nach, dabei zog er den Tisch, an dem er festgebunden war, ein Stück mit sich. Aus den umgekippten Gläsern tropften Wein und Bierschaum auf den Boden. Alle waren aufgesprungen und standen wie zu Salzsäulen erstarrt. Horst fasste sich als erster und stürmte Klara hinterher.

Die Nacht war noch nicht ganz hereingebrochen, aber der Wind hatte an Stärke zugenommen. Ängstlich kreischten Möwen in der Höhe, am Horizont war ein Wetterleuchten zu sehen. Instinktiv nahm Horst den Weg zum Strand. Sah dort eine kleine dunkle Masse am Wasser sitzen. Er ließ sich neben ihr im feuchten Sand nieder.

„Klara, das haben die doch nicht bös gemeint. Es wollte Ihnen niemand weh tun.“

Ein Blitz zuckte über das Meer, gefolgt von Donnergrollen.

„Huch! Ich hab’s Ihnen ja gesagt, die wollen mich wegekeln. Das ist immer so!“

Das Gewitter war jetzt über ihnen. Blitz und Donner folgten Schlag um Schlag, der Himmel öffnete seine Schleusen, der Wind hatte sich zum Sturm ausgewachsen und das Meer kochte.

Horst schrie gegen die elementare Gewalt: „Jetzt machen Sie mal nicht so ein Butterhexengesicht und kommen sie zurück. Es gibt noch Sorbets mit Mangostiften und Sternfrüchten, wie ich gesehen habe. Mit feiner Schokolade verziert …“

Sie sah ihn, völlig durchnässt, aus blauen, halb ängstlichen, halb schalkhaften Augen an.

„Gut, dass Sie da sind, Horst. Sie sind der einzige, der noch nicht verrückt geworden ist.“

Er nahm ihre Hände und drückte sie. Sie legte den Arm um ihn und gab ihm einen Kuss. Ihre grauen Haare flatterten über sein Gesicht. Aus der Ferne hörten sie aufgeregtes Rufen.

„Kla-ra, wo bist du …?”

Glasbetonkörper

von Christa Schmid-Lotz (Copyright)

Die U-Bahn kündigte sich mit einem Windstoß an; die Wagen sausten an Steffen vorbei und standen schließlich still. Ein Menschenstrom ergoss sich aus den Türen, drohte ihn mitzureißen. Er kämpfte sich durch die Menge und stieg ein.
„Zurückbleiben, bitte …”, sagte die Stimme aus dem Lautsprecher.

Die Bahn war überfüllt, ausdruckslos starrten die Menschen vor sich hin. Steffen hielt sich an einem Griff fest, der schmierig war und nach Schweiß roch. Er sah einen freien Platz und setzte sich. Ihm gegenüber saß eine junge Frau, die in einem Buch las. Sie hatte halblange, dunkelblonde Haare, ein schmales Gesicht, genau wie Anne. Steffen versuchte, den Titel zu erfassen. „Das Leben ist ein Schatten und nicht aufzuhalten”. Das zielt direkt auf mich, dachte er. Ich fühle mich nur noch als Schatten meiner selbst. Er schluckte und sah wieder auf das Buch. Nicht aufzuhalten, nicht auszuhalten. Ja, so ist es. Ich halte mich selbst nicht aus. Das Leben jagt an mir vorbei, die Zeit zerfließt und lässt sich nicht fassen.
Bei dem Gedanken, dass sie ihn anschauen könnte, begann sein Herz schneller zu klopfen
Die junge Frau sah auf und lächelte. Einen Moment stand die Zeit still. Anne am Strand auf der Sithonia, ihre Augen hatten die Farbe des Meeres.
„Interessiert Sie das Buch?”, fragte sie.
Er fiel in die Gegenwart zurück und der Schweiß brach ihm aus allen Poren.
„Ich interessiere mich für gar nichts”, antwortete er. Sein Mund war trocken.
Sie schaute ihn erschrocken an. Steffen wand sich innerlich, er wollte raus, nur raus. Die Bahn verlangsamte ihre Fahrt.
„Nächster Halt: Ostendstraße”, tönte die Stimme aus dem Lautsprecher. Steffen stand abrupt auf und drängte sich durch die Menge zur Tür. Er stolperte über den Bahnsteig, rannte hinaus in die kalte Dezemberluft, zum Mainufer hinab. Hier konnte er freier atmen. Die Sonne hing blass zwischen schweren Wolken; Blätter raschelten unter seinen Schuhen. Gedankenverloren ging er den gemauerten Kai entlang. Hier war er im Sommer oft mit Anne gewesen. In den Nächten nach den Rockkonzerten hatten sie sich unter den Palmen im „Nizza” geliebt. Sie war alles gewesen für ihn. Ich habe nicht mehr die Kraft für zwei, hatte sie bei ihrer letzten Begegnung gesagt.
Das Wasser war schmutziggrün; Krähen fielen zeternd in die Pappeln ein und ein Obdachloser prostete ihm mit einer Flasche Rotwein zu. Vielleicht liege ich auch bald auf der Straße wie der, dachte Steffen. Hinter den Weiden ragten die Glasbetonkörper der Großbanken in den Himmel. Ein Schweigen lag über Frankfurt, untermalt vom Grundrauschen der Zivilisation.

Er lief am Eisernen Steg vorbei zum Römer. Das Rauschen wurde stärker. Menschen glitten vorüber wie Schatten, Satzfetzen gellten in seinen Ohren. Das ist die Hölle, dachte er, durch die Welt zu gehen und von niemandem bemerkt zu werden. Auf dem Römer waren Weihnachtsstände aufgebaut; Düfte nach Thüringer Bratwurst und Glühwein wehten ihm entgegen. Das Gedränge und die Stimmen wurden so dicht, dass er das Gefühl hatte, zur Bedeutungslosigkeit zu schrumpfen. Er kämpfte sich zu einem Stand durch und bestellte eine Curry mit Pommes. Beim Essen tropfte ihm Ketchup auf den Mantelkragen. Ein paar Jugendliche schauten in seine Richtung und lachten. Steffen verließ fluchtartig den Weihnachtsmarkt. Vor der Buchhandlung „Wohlthat” fiel sein Blick auf ein Plakat:„Weitere terroristische Anschläge auf weiche Ziele werden erwartet. Meiden Sie strategisch wichtige Punkte.” Das Gefühl der Angst und der Trennung vom Rest der Welt steigerte sich zur Panik. Kalter Schweiß lief ihm den Rücken herunter; er hatte das Gefühl, von den Beinen aufwärts gelähmt zu werden. Lauf, solange du noch kannst!, rief er sich zu.

Er rannte durch die Fußgängerzone, rannte immer weiter, bis er an eine Kreuzung kam. Autos hupten, das Rauschen schwoll an, steigerte sich zu einem Brausen, schwoll wieder ab. Reifen quietschten, Lastwagen dröhnten, ein Presslufthammer ließ die Erde erzittern und das Dröhnen ging in ein Krachen über, das die Welt zu sprengen drohte. Steffen verlor den Boden unter den Füßen. Die Fassaden der Häuser senkten sich; in einem rasenden Wirbel flogen Menschen, Fahrräder, Autos, Wasserhäuschen und Schaufenster an ihm vorüber. Das Krachen wurde zum Kreischen, wurde durchdringend, überlaut, ohrenbetäubend, markerschütternd, grenzüberschreiend. Die Mauern stürzten mit einem finalen Knall über ihm zusammen.

Er öffnete die Augen. Kalkwände, der Geruch nach Desinfektionsmitteln. Eine Frau näherte sich seinem Bett. Sie trug einen weißen Kittel und blickte ihn aus warmen, braunen Augen an.
„Guten Abend”, sagte sie mit einer angenehm tiefen Stimme.
„Wie komme ich hierher? Ich will sofort nach Hause.”
Steffen machte Anstalten, aus dem Bett zu steigen.
Sanft drückte sie ihn zurück in die Kissen.
„Mein Name ist Dr. Christiansen”, sagte sie und lächelte.„Sie sind vom Notarzt bei uns eingeliefert worden. Sie hatten eine psychotische Dekompensation.”
„So ein Quatsch! Was soll denn das sein?”
„Sie sind seelisch zusammengebrochen.”
„Etwas ist über mich hereingestürzt – dann verlor ich das Bewusstsein.”
„Jeder psychisch kranke Mensch ist hypersensibel, was seine Umwelt betrifft. Sie brauchen vor allem Ruhe und Schonung.”
Ob es wirklich Hilfe für ihn gab? Er sehnte sich nach nichts mehr als danach. Einfach nur Ruhe, eine Welt, die überschaubar war, mit leisen Tönen und Menschen, die miteinander redeten.
„Ich brauche Sie nicht”, sagte er laut.
„Wir bieten Ihnen an, einige Zeit zur Behandlung hier zu bleiben. Mit den neuen Psychopharmaka und mit Psychotherapie können wir Ihnen helfen, ein beschwerdefreieres Leben zu führen.”

Glaub ihr nicht. Die wollen dich lahm legen, deine Gefühle niedermachen. Er wusste nicht, ob diese Stimme in ihm oder außerhalb seiner selbst war.
Steffen presste die Lippen zusammen. In seinem Kopf rasten die Gedanken. Er konnte keinen von ihnen fassen, auch nicht den Bruchteil von einem Gedanken.
Die Ärztin schaute ihm in die Augen.
„Wir brauchen Ihre Compliance. Sind Sie mit der Behandlung einverstanden? Ich möchte Ihnen eine Haldol- Spritze geben. Sie wirkt dämpfend auf das zentrale Nervensystem.”
„Nein, keine Spritze, lass dich nicht von ihnen einfangen”, schrie die Stimme. „Lauf weg! Du kannst dich noch retten!”Steffen sprang aus dem Bett, stieß die Ärztin beiseite, rannte aus dem Zimmer, vorbei an Pflegern und Schwestern, die ihn vergeblich aufzuhalten versuchten, hinaus aus der Klinik, in die Stadt hinein. Er keuchte und sah gehetzt in die Gesichter, die sich zu teuflischen Fratzen verzerrt hatten. Steffen hielt inne. Einen Moment lang stand die Zeit still.
Ohrenbetäubendes Krachen riss ihn herum. Schaufensterscheiben klirrten. Es schmerzte ihn in den Ohren und er presste verzweifelt seine Hände darauf. Das Ungeheuer bohrte sich hinein in das Glas, in den Beton, in die berstenden Fassaden. Alles Leben ging in Flammen auf, alle Zivilisation brach auseinander und flog dem Nichts entgegen. Und über dem zerflatternden Sinn sah er ihre Augen, die über alle Grenzen hinweg voller Liebe waren.

Der Augenblick Verlassenheit

von Christa Schmid-Lotz (Copyright)

Am Strand roch es nach Seetang und vertrocknetem Fisch. Ein paar eingebrannte Quallen dazwischen, blassblau und glitschig. Paul warf einen Blick auf das Meer. Das Ufer war mit Buchenwäldern bestanden; die Ostsee war jetzt, bei einem schwachen Wind aus Westen, glatt wie ein Spiegel. Dort, wo die Muschelbänke begannen, gingen ihre Farben vom Türkisen ins Tintenblaue über.

Pauls Vater warf den Seesack ins Boot, schob es ins Wasser und setzte sich auf den Bug. Mit seiner Prinz-Heinrich-Mütze sah er aus wie ein Skipper. Paul ließ sich auf der Ruderbank nieder und zog sich das Hemd über den Kopf. In den Falten seines Bauches juckte der Schweiß.
Die Ruder drehten sich knarrend in den Riemen und dort, wo die Blätter das Wasser berührten, bildeten sich Kreise, die sich immer weiter ausdehnten.
„Kannst du nicht schneller rudern, Paul?“, sagte sein Vater zu seinem Rücken. „Da wird man ja ganz rammdösig. Und du musst die Ruder flacher eintauchen, sonst kommen wir heute nicht mehr nach Glücksburg.“
Paul tauchte die Ruder flacher ein und zog sie schneller durchs Wasser.
Der Strand mit der knorrigen Eiche und den grünen Hügeln dahinter wurde immer kleiner. Eine Zeit lang war nichts zu hören als ein gleichmäßiges Plätschern, das Quaken der Blässhühner und vereinzelte Schreie von Möwen. Im Nordwesten standen Sommerwolken.

„Ich muss mit dir reden“, sagte Pauls Vater.
Was jetzt kommen würde, konnte Paul sich denken. Wenn sein Vater doch einmal, nur einmal still sein, die Ruhe, das Licht, den leisen Schlag der Wellen auf sich wirken lassen könnte.
„Du warst immer mein Hoffnungsträger, Paul“, sagte die Stimme in seinem Rücken.
Paul erwiderte nichts.
„Hörst du mir überhaupt zu?“
Paul ließ die Ruder ins Wasser hängen und drehte sich um. Sein Vater hatte die Prinz-Heinrich-Mütze abgenommen. Feine Schweißperlen standen auf seinem Gesicht. Paul sah seine Augen, einen kurzen, schmerzhaften Moment lang seine Augen. Sie waren blau und kalt.
Im Nordwesten ballten sich die Wolken zu Türmen auf.
„Natürlich höre ich dir zu! Setz dich doch auf die andere Seite, damit ich dich sehen kann.“
„Hier sitze ich besser. Ich möchte dich etwas fragen. Warum heiratest du eigentlich nicht deine Ex-Kollegin Sabine? Das ist so eine nette Frau!“
„Ich liebe sie nicht.“
Paul drehte sich um und ruderte weiter. Seine Hände waren aufgescheuert. Die Stimme bohrte sich in seinen Hinterkopf:
„Warum bist du so bockig? Hast du mit Frauen nichts am Hut?“
Paul spürte, wie ihm das Blut in den Kopf stieg.
„Ich werde schon noch die Richtige finden. Lass mich nur machen.“
„Wenn ich dich machen lasse, kommt nichts dabei heraus. Ich warte jetzt schon vierzig Jahre, dass sich bei dir was tut. Und abnehmen könntest du auch.“
„Lass mich doch endlich in Ruhe!“
„Dich in Ruhe lassen? Paul! Ich hatte gehofft, du würdest meine Rumfabrik übernehmen. Statt dessen fällst du durch die Wirtschaftsprüfung und schmeißt einen Job nach dem anderen hin. Und ich habe so viel Geld für dein Studium investiert! “
„Warte nur, bis ich wieder einen Job habe! Dann wirst du sehen, was in mir steckt.“
„Da kann ich warten, bis ich schwarz werde“, sagte sein Vater.

Paul hatte den Impuls, ihm das Ruder über den Kopf zu schlagen. Aber er unterdrückte ihn. Der Himmel im Nordwesten hatte sich schwefelgelb verfärbt. Eine Windbö strich über die Oberfläche, ließ Kräuselwellen darüber flattern und brachte das Boot zum Schaukeln.
„Sollen wir nicht umkehren?“, fragte Paul.
„Du bist und bleibst ein Bangbüx!“
Der Wind zerrte an Paul, warm und heftig fuhr er ihm ins Gesicht. Er hatte ein Gefühl im Bauch, das ihn zu lähmen drohte.
Ein orangegelbes Licht blitzte am Ufer auf.
„Das ist eine Sturmwarnung!“, rief Paul.

„Ich möchte nur einmal erleben, dass du eine Sache durchhältst“, sagte die Stimme in seinem Rücken giftig.
„Auch, wenn es lebensgefährlich wird?“
„An der Ostsee gibt es keine gefährlichen Stürme.“
Entsetzt sah Paul, dass sich das Schwefelgelb in eine tiefschwarze Wolkenwand verwandelt hatte. Der Wind heulte und pfiff ihm in die Ohren. Die See sah aus wie kochendes Blei. Paul wendete das Boot und begann zurückzurudern.
„Du ziehst mal wieder den Schwanz ein, anstatt dich der Gefahr zu stellen!“, geiferte die Stimme in seinem Rücken. Paul drehte sich um und schrie in den Wind hinein:
„Wenn du dich umbringen willst … von mir aus. Ich habe noch was vor mit meinem Leben.“
Die Wellen rollten von Nordwest heran und barsten krachend an Steuerbord. Das Boot schlingerte stark.
„Du bist ein Versager!“, brüllte sein Vater.
„Und was ist mit dir?“
Die Gischt nahm Paul fast den Atem. Er schrie:
„Du könntest … ja auch mit einer Jacht an einer Regatta …“
„Regatta?“
„Statt dich von deinem Sohn, dem Versager …“
„Werd nicht frech!“
„ … auf der Ostsee herumrudern zu lassen!“
Eine weitere Welle warf das Boot fast um. Paul legte sich in die Riemen. Seine Hände hatten Blasen und sein Herz klopfte wie verrückt. Der Himmel war rabenschwarz. Die Wogen türmten sich höher und höher auf; das Boot tanzte auf ihnen wie eine Nussschale. Pauls Arme schmerzten; er konnte kaum aus den Augen schauen, so sehr brannten sie von der salzigen Gischt.
Plötzlich ließ er die Arme sinken. Die Ruder glitten aus den Riemen, das Boot drehte sich im Kreis und schlug um.

Ein Platschen, ein herrlich nasses und kühles Gefühl am ganzen Körper, undurchdringliches, schwarzgrün wogendes Wasser. Das Meer drang Paul in den Mund. Dann kam er wieder hoch, sah das Boot kieloben schwimmen. Sein Vater klammerte sich daran fest; seine Mütze war weggeflogen und in seinen wässrigblauen Augen stand panische Angst.

Paul kämpfte sich zu ihm hinüber.
„Jetzt sind wir baden gegangen, nicht?“, schrie er in das Inferno hinein.
„Ja, so was … Dummes! Hilf mir!“
„Wir müssen sehen, dass wir zum Ufer kommen.“
„ Die Aktien“, rief sein Vater. „Rum-Export … sind heute … gestiegen. Werde dich … beteiligen …“
„Dein Geld nützt uns jetzt einen Dreck!“

Der Himmel öffnete seine Schleusen zum Finale. Haselnussgroße Hagelkörner prasselten auf sie herab. Die Wellen mannshoch, Gischt bis zum Horizont.Paul sank, tiefer und tiefer in die grüne Unendlichkeit hinab. Drehte sich wieder und wieder um sich selbst. Wie wäre es, sich immer weiter sinken zu lassen? Aufzuhören, um das bisschen Leben und Leiden zu kämpfen? Das Wasser drang ihm in Mund und Nase, füllte ihn völlig aus. Sein Vater ließ einen Drachen steigen. Paul lief ihm entgegen, rannte über eine Wiese, die übersät war mit Trollblumen und Vergissmeinnicht. Sein Vater nahm ihn nicht wahr, konzentrierte sich völlig auf sein Tun. Paul öffnete den Mund zum Schreien; es kam kein Ton heraus. Sein Vater würde ihn niemals hören. Hatte ihn nie gesehen.
Plötzlich war Paul wieder oben. Seewasser quoll ihm aus Mund und Nase; er hustete und spuckte. Sah alles wie durch einen Vorhang. Wurde von den Wellen hierhin und dorthin geworfen, sah Sterne durch die jagenden Wolken blinken, sah das Halbrund des Mondes, das Meer, das aufgewühlt war wie niemals zuvor, hörte den Sturm tosen. Dazwischen zitterte ein Licht. Paul bewegte Arme und Beine im gleichen Rhythmus. Das Licht kam langsam näher.

Grenzgänger

von Christa Schmid-Lotz (Copyright)

Hoch über den Pyrenäen flirrt das Licht des Mittelmeeres und Dörfer reihen sich wie Perlen in die Wellen aus Erde und Macchia. Einzelne Gehöfte stehen neben Steineichen, Ziegen grasen verstreut und klettern über Felsen. Am Fuß der Berge, umrahmt von Rebstöcken das Städtchen Banyuls sur Mer. Es war das steingewordene Asyl dreier Menschen geworden, ein Haus, ockerrot, dessen Fenster sich zum Meer hin öffneten. Die Sonne war untergegangen und die Nacht fiel ohne Übergang herein. Lisa Fittko kehrte aus dem Ort zurück, wo sie Brot, Wasser und Decken organisiert hatte.

„ Ich bin ganz aufgeregt … es ist das erste Mal, dass ich Flüchtlinge über die Berge führe!“

Walter erschrak.„Ich dachte, wir nehmen den Küstenweg …“

„Feuchtwanger hat ein bisschen viel geredet in New York … seitdem wird die Küste stärker bewacht. Die Gestapo schnüffelt schon in Cerbère herum. Es ist die einzige Möglichkeit. Der Bürgermeister hat mir den Schmugglerpfad über die Pyrenäen gezeigt.“

„Also, gehen wir.“

Walter nahm seine schwarze Tasche und verließ mit Lisa und den beiden anderen das Haus. Sein Herz tat weh, er fühlte sich müde und unendlich alt. Er wäre gern noch an diesem Ort geblieben, hätte den Fischern beim Einholen der Netze zugeschaut und geschrieben. Doch die Flucht, die schon durch halb Frankreich geführt hatte, war noch nicht zuende. Sie wanderten bergauf durch die Weinberge und kamen nur langsam voran. Es wurde kühler, der Weg steiniger und steiler. Außer dem Schrei der Eulen und den Ziegenglocken war kein Laut zu vernehmen. Der Kegel von Lisas Taschenlampe tanzte voraus und erhellte den Abglanz einer Vegetation, die auch in diesen Höhen noch dem Wetter trotzte. Sterne standen eisig klar am Himmel. Walters Atem ging schwer. Er spürte die Nervosität der anderen. Mühsam stolperte er weiter, die schwarze Tasche an sich pressend. Sie war ihm wichtiger als sein Leben. Sie mussten sich unter freiem Himmel ein Nachtlager einrichten und drängten sich zusammen, um sich zu wärmen. Am anderen Tag stieg die Sonne glühend empor. Nach Stunden, die Walter wie Tage vorkamen, sahen sie die roten Dächer von Port Bou unter sich. Weit draußen auf dem Meer, im Glast des Horizontes, zog ein Dampfer dahin.

„Wir sind da!“, rief Lisa. „Gehen Sie gleich zum Polizeiposten und zeigen Sie Ihre Papiere. Sie haben ja von Horkheimer das Visum für die USA. Und morgen früh nehmen Sie den ersten Zug nach Lissabon … aber das wissen Sie ja alles. Viel Glück in Spanien, Herr Benjamin!“

„Viel Glück in der freien France,“ entgegnete er mit einer Verbeugung.

Lisa verabschiedete sich von ihren Begleitern und machte sich auf den Rückweg. Walter nahm seine letzten Kräfte zusammen und stieg mit den anderen den Berg hinab. Verbrannte Erde überall. Kein Haus des Dorfes war ganz geblieben, der riesige Bahnhof schwer beschädigt. An diesem Ort hatte die letzte Schlacht des spanischen Bürgerkrieges stattgefunden.
Auf der Polizeiwache wies man ihre Papiere zurück.

„Sie brauchen ein französisches Ausreisevisum, um bei uns einzureisen. Wurde gestern von der Regierung beschlossen“

Den drei Flüchtlingen wich alles Blut aus dem Gesicht. Sie wussten, was das bedeutete.
In einer Seitengasse stand das Gebäude, das ihnen Zuflucht bieten sollte. Walter klopfte an die Tür und kurze Zeit später wurde ihnen aufgemacht. Der Mann sah hastig in die Gasse hinein.

„Venga, Senoras, Senor Benjamin … Sie sehen furchtbar krank aus! Aqui, in diese Kammer. Die Damen nach oben.“
„Ich bin am Ende. Könnten Sie mir einen Arzt schicken?“
„Si, un poco mas tarde.“

Walter legte sich aufs Bett und schloss die Augen. Das alles hätte er sich und vor allem den anderen ersparen können, wenn er schon damals in Ibiza … er hörte, wie die Wellen an den Strand rauschten und die Möwen kreischten. Die Schmerzen waren wieder stärker geworden. Er zog seine Tasche zu sich herüber und entnahm ihr ein Päckchen, drehte sich zitternd eine Zigarette und rauchte sie hastig. Der Schmerz ließ nach und er hatte das Gefühl, dass der Raum sich allmählich ausdehnte. Es war, als seien noch mehr Menschen um ihn herum. Irgendwann dämmerte er hinüber.

Jemand fasste ihn sanft an der Schulter. Der Medico war gekommen. Er war schwarz gekleidet, lang aufgeschossen und uralt.
Walter richtete sich auf.
„Ich danke Ihnen unendlich, dass sie gekommen sind, Monsieur. “

Die Bewegungen des Arztes waren langsam, unsicher, sein Ausdruck einsilbig.
„Wo sitzt denn der Schmerz? Da?“
„Ja, genau da …“
Wie der Holzwurm, der den Herrn Holz auffrisst, dachte er.
„Ich gebe Ihnen etwas Laudanum. Nehmen Sie auf keinen Fall Morphin zu sich!“

5.40. Ein Pfiff des Zuges hatte ihn geweckt. Jetzt müssten Sie eigentlich, ohne Kaffee zu trinken, in die Kleider fahren und zum Bahnhof rennen. Barcelona, Madrid, Lissabon. Er würde nie mehr den Fischern beim Einholen der Netze, den Tänzerinnen im Barrio Chino zuschauen. Sein Schreiben, die Literatur war unterlegen im Kampf gegen die Barbarei. Er bekam keine Luft mehr, hörte sein eigenes, erbittertes Röcheln.

6.15. Ein Hahn krähte. Halb liegend schrieb er einen Brief an seinen Freund David, nahm eine große Dosis Morphin und lehnte sich wieder zurück.

„Monsieur, Sie haben mir doch versprochen …“, aber das war jetzt nicht mehr wichtig. Er versank in einer dunklen, ihn süß umfangenden Namenlosigkeit, die nur mehr Bilder des Gewesenen zuließen. Er würde über keine weitere Grenze mehr gehen, keinen Geleitbrief mehr vorweisen müssen. Die dicke Brille sank ihm von der Nase und mit einem Seufzer schloss er die Augen.

Als der Arzt seine Untersuchung beendet hatte, krachte es an der Tür. Ein Beamter der Guardia Civil kam hereingepoltert.

„Que paso? Was ist passiert?“
„Senor Benjamin ist tot.“
„Todesursache?“
„Hirnblutung.“
„Es desagragable. Das ist unangenehm.“

Er ging hinaus und sie hörten ihn halblaut mit einem Kollegen sprechen. Beide kamen mit ernsten Mienen zurück.

„Die Umstände veranlassen uns zu einer Ausnahme. Die beiden Damen dürfen einreisen.“Epilog
Der Friedhof von Port Bou steht auf einem Felsen über dem Meer. An seinem Eingang befindet sich eine Tafel mit den Worten: Schwerer ist es, das Gedächtnis der Namenlosen zu wahren als das der Berühmten. Dem Gedächtnis der Namenlosen ist die historische Konstruktion geweiht. Der Besucher erfährt, dass die schwarze Tasche, die wertvolle Dokumente enthielt, nie wieder aufgetaucht ist. Und dass an diesem Ort ein Kampf gegen das Vergessen stattfindet. Er geht durch einen Tunnel, der im Wasser endet. Aber nur scheinbar führt der Weg in die Freiheit; es ist eine Glaswand davor. Ockerrot kleben die Häuser in der Bucht, verbrannte Erde und Baumstümpfe weisen anklagend in den Himmel, mächtig ragt das Gebirge empor, Dörfer reihen sich wie Perlen in die Wellen und am Horizont verglast das Licht.

September

von Christa Schmid-Lotz (Copyright)

Es ist zwölf Uhr mittags, die blaue Stunde im Frühherbst, wenn der Markt aussieht wie frisch gewaschen, Auberginen glänzen, Blumenkohlköpfe sich in ihre Blätter hüllen und der Bauer mit flotten Sprüchen Kartoffeln in die Körbe der Frauen leert. Ich sitze an einem Tisch mittendrin und schreibe einen Bericht für meine Zeitung. Es summt wie in einem Bienenkorb. Die Gesichter der Menschen sind fröhlich; sie denken an nichts als an ihr Mittagessen. Ein Duft nach Zwiebelkuchen haucht mich an. Das Licht reflektiert so stark, dass meine Augen schmerzen. Der Kaffee ist noch heiß.

Eine Wolke schiebt sich vor die Sonne. Plötzlich stehen zwei Männer vor mir. Undurchdringliche Gesichter, Mäntel aus fließendem Wollstoff. Alles wird grau; ich fühle mich hoffnungslos. Der Bauer schaut feindselig zu mir herüber. Auf meiner Stirn sammeln sich Tröpfchen.

„Zeigen Sie mal, was Sie da geschrieben haben“, sagt einer von ihnen.

„Was geht Sie das an“?

Statt einer Antwort reißt er mir den Notizblock aus der Hand.
Er überfliegt das Geschriebene und sieht mich mit Betonaugen an.

„Aha, das habe ich mir gedacht. Eine Hetzkampagne gegen unseren Buchkonzern. Sie behaupten, er habe alles aufgekauft, was es an Verlagen gab. Sie behaupten, wir hätten im Dritten Reich mit den Nazis zusammen gearbeitet. Dass wir Bücher verbrannt haben. Dass wir literarische Maulkörbe verhängen. Sie erdreisten sich sogar zu schreiben, dass unser Verlagstower in New York nicht nur metallisch grau sei, sondern die ganze Welt beherrsche.“

„Es ist die Wahrheit“, sage ich müde. „Wir haben eine Diktatur und es werden wieder Bücher verbrannt.“

Ich weiß, was mich erwartet. Eine Zelle, zwei mal drei Meter. Ein Fenster zum Hof; der Blick geht bis zu den blauen Bergen. In der Nebenzelle der Chefredakteur und in der Nacht krachen Schüsse. Dieser Marktplatz ist der Abschied. Einmal noch wollte ich das Leben in seiner ganzen Vielheit sehen. Ich stehe auf. Der Blumenkohl quillt aus seiner grünen Krause, die Auberginen glänzen nicht mehr, ein Schwarm von Tauben fliegt klatschend davon und der Bauer verkauft seine Kartoffeln.

Der andere Tod

von Eduard Breimann (copyright)

Endlich ist wieder Lichtzeit. Sie fühlt sich leicht, schwebt körperlos in einem konturlosen, unfassbaren Raum. Sie entspannt sich – wie immer, wenn die Dunkelzeit der Lichtzeit weicht. Sie treibt in den unendlich langsamen Wogen seismischer Rhythmen, wie in einem Ozean, bewusstseinsfern – und doch hilflos und ungeschützt.
Trotzdem hat sie keine Angst. Hier ist sie sicher – das weiß sie. Nie mehr will sie weg von hier, nie mehr zurück in diese andere Welt, von der ihr manche Träume erzählen. Hier ist alles gut und ohne eine Zukunft, die sie fürchten müsste.
‚Hier?’, hat sie manchmal gedacht. ‚Was ist hier?’ Aber weiter dachte sie nie. Lange schon ruht sie in der Stille, dem Auf und Ab, dem Wechsel von Dunkelzeit und Hellzeit, der Zeit ohne Schwingungen und der Zeit mit den wohltuenden Wellen, den Zeiten mut guten und bösen Träumen.
Ihre Gedanken reihen sich sorgfältig, wie Perlen auf einer Schnur. Sie wartet stets ab, bis der Vorgang abgeschlossen ist. Sie befühlt und betrachtet jeden Gedanken, lange, ausführlich und ohne Hast. Es eilt nicht; sie hat genügend Zeit.

Heute beginnt die Hellzeit anders. Sie spürt eine Unruhe, die ihren Geist vibrieren lässt. Da ist etwas, dass sie nicht kennt, das eigentümliche Schwingungen auslöst.
Sie fühlt einen Druck, der ihre Gedanken langsamer werden lässt. Sie horcht in sich, tastet den Raum ab. Sie forscht voller Spannung nach diesem neuen Gefühl, sucht nach Erfahrung und nach Gründen.
‚Vielleicht sind es diese Stimmwellen?’, denkt sie träge. – ’Woran erinnern sie mich?’
„Bleib draußen!“
Verzögert, weit gedehnt, perlen Töne in ihr Bewusstsein. Die Melodie bleibt gerade noch erkennbar, zeigt ihre Schönheit noch in dieser neuen Zeitform. Die Töne erklingen leise, gedämpft wie durch dichten Nebel, fallen sanft in ihre Gedanken, lassen sie erzittern.
Noch nie sind solche Töne zu ihr durchgedrungen. Sie verdrängen die lautlos dröhnende Tiefe, in der sie schwebt. Einzelne Tonfolgen, kurz, zerhackt, die ihr immer ein Rätsel waren, die kennt sie.
Heute aber laufen sie fast ungehindert, in stetiger, unendlich langer Folge, in ihr inneres Ohr. – Heute ist die Lichtzeit klarer als sonst. Der Nebel fehlt und weit hinten erkennt sie ein weiß strahlendes Viereck.
Die Klänge berühren sie, laufen in Wellen, wie das klare, warme Wasser eines Sees, durch ihren Geist. Sie lässt sich treiben, sucht nach ihren Träumen.

Traumbilder kommen nur in der Lichtzeit; in der Dunkelzeit zieht sich ihr Geist in eine Tiefe zurück, die keine Träume zulässt. Sie versinkt langsam, spürt, dass die Gedanken sie verlassen. Die Dunkelzeit ist Todzeit. Nie finden Traumbilder den Weg in die Dunkelheit. Sie sehnt sich nach den Träumen – nach den guten Bildern.
Oh! Jetzt kann sie träumen. Endlich! Ein stimmloser Traum füllt ihr Bewusstsein, Bilder strömen bunt und lebendig vor ihre Augen.
Sie betrachtet die junge Frau, die in einem hellen Kleid barfuß über einer Wiese schwebt. Das Kleid schwingt, flattert und zeigt lange, sehr braune Beine. Sie tanzt auf Zehenspitzen, berührt kaum die Grashalme; ihr Gesicht ist zur Sonne gedreht.
Das Haar schimmert blond, fast weiß und die ausgestreckten Arme fahren in Abständen in den Nacken, werfen die langen, seidigen Haare in die Luft. Sie schweben, flirren und legen sich wie in Zeitlupe auf die Schultern zurück. Das Mädchen dreht sich, schwingt in der Hüfte – und zeigt ihr lautloses Lachen.
So oft schon hat sie dieses Mädchen gesehen. Sie kennt sie, fühlt sich eins mit ihr. Sie ahnt, dass das Mädchen für sie tanzt. Jetzt blickt das Mädchen zu dem jungen Mann, der auf einer bunten Decke liegt, sich ausstreckt und sie fordernd, verlangend ansieht.
Ihn will sie nicht sehen, will nicht wissen, was das Mädchen tun wird. Sie schaltet den Traum ab. Diese Träume kann sie ausknipsen. Andere nicht.

Die Wellen der Musik werden unregelmäßig, andere, unbekannte Töne laufen quer durch die weichen Schwingungen. Sie sind hart und unrhythmisch. Stimmen!
„Ich sagte … draußen bleiben!“
„… spinnst! … ändert sich nie mehr. Guck sie doch an, diesen … Mach endlich die Musik …“
Ein Traum. Ein Stimmentraum. Solche Träume sind schrecklich. Sie sind außen, nicht bei und nicht in ihr. Diese Träume kann man nicht abstellen. Sie sind nicht oft da. Wenn sie auftauchen, möchte sie abschalten, fliehen.
Ihr Geist zittert, spürt Gefahr und will sich verstecken. Aber in ihrem Raum gibt es keinen Schlupfwinkel; sie schwebt offen und ohne Deckung, liegt bloß und verletzlich vor dieser Stimme. Es ist unmöglich für sie, die Klänge und Worte zu ordnen, sie zu begreifen. Aber die Wellen, die sie machen, sind eine greifbare Gefahr, sind böse – und wollen sie vernichten.
„Das werde ich nicht; sie freut sich über Musik, das weiß ich“, sagt eine andre, sanfte und leise Stimme.
Das ist die gute Stimme, die sie erträgt. Sie kennt diese Stimme – schon immer; sie ist ihr Schutz und ihre Zuflucht in den bösen Träumen.
Sie kann sich auch gute Geschichten träumen, in denen diese Stimme vorkommt. Die lassen sie lächeln. Aber manchmal kommen die anderen Träume, die ihr Angst machen wollen. Dann ist diese Stimme die letzte Zuflucht. Sie weiß nicht genau, wie sie diese Stimme nennen soll, aber es ist ihr auch nicht wichtig.
„Du spinnst doch … Seit … Monaten liegt sie jetzt hier? Zehn? Zwölf? Sie … noch zwanzig Jahre so …, wenn wir nichts dagegen tun.“
Ihr Geist verkrampft sich; ein Schmerz durchschießt sie. Sie hat keine Möglichkeit diesem Schmerz auszuweichen oder ihm Ausdruck zu geben. Sie kann nicht schreien, nicht weinen.
„Ja, ja. Elf Monate. Na und? Es ist mein Kind. Meine Tochter. Und sie lebt. Du – du – du weißt doch nichts, gar nichts. Für dich ist sie eine Hirntote mit einem primitiven pflanzlichen Leben. Du glaubst, du kannst sie ausreißen wie Gemüse oder Unkraut, ja?“
Die kantigen Stöße der vertrauten Stimme sind fast noch schwerer zu ertragen als die der bösen Stimme. Sie fühlt die harten Wellen, die ihren Geist treffen, spürt wachsende Angst und Entsetzen.
‚Was ist das?’ – ‚Was wollen diese Stimmen?’ – ‚Ich will euch nicht hören. Lasst mich.’
Noch nie ist sie vor der guten Stimme geflüchtet. Noch nie hat sie einen Traum mit ihr abgeschaltet. Jetzt möchte sie ihn ausknipsen. Er tut weh. Sie versucht in andere Träume zu flüchten, aber es gelingt nicht. Sie muss bleiben.
„… bist bettelarm geworden, erhältst … Sozialhilfe … gehst nie mehr aus … Ich will … tanzen gehen, ich will mit dir … Strand liegen. Ich will, dass du … lachen kannst. Du bist … ein Wrack – sieh dich doch an. Füttern, Hintern abwischen, waschen, massieren, eincremen und … diesem Torso. … sie riecht. … Haufen Fleisch ohne Gehirn … wert?“
„Hör auf! Wenn … regieren würde, wärst du längst … und hättest … Euthanasie. Du Unmensch! Du … Angst. Lebenswert oder Lebensunwert. Mehr kennst du nicht. Warum … geliebt? Ich brauchte … Hilfe … deinen Hass.“
Es geht nicht mehr. Jetzt muss sie endlich weg von hier. Sie will diese Stimmen nicht mehr hören. In riesigen Wellen überspült sie die Angst.
‚Ich will nicht.’ – ‚Bitte – bitte.’ – ‚Lasst mich in Ruhe’, schreit sie lautlos.
Sie spürt die anströmende Panik, die von jeder Wortwelle angeschoben wird, die sie überflutet. Endlich – endlich – kommt ein Traum und sie will aufatmen und entspannen.
Sie sieht die junge Frau, die sie so gut kennt. Sie trägt noch immer dieses helle, weite Kleid. Es ist dunkel. Straßenlampen hängen wie blasse Monde am Himmel. Grelle Autolichter blitzen. Die Frau steigt in ein Auto. Sie weiß, dass es ein Auto ist. Einfach so. Die Hände verkrampfen sich am Steuer. Die Frau weint unaufhörlich.
Ihre Augen sind geschlossen; sie weint. Tränenspuren spiegeln das Licht der entgegen kommenden Autos. Sie fährt direkt auf einen Bus zu, öffnet den Mund, stemmt die Arme auf das Lenkrad, reißt die Augen weit auf, schreit und schreit.
Die Stimme gellt und tobt durch ihr Bewusstsein und sie will den Traum abschalten. Sofort. Aus. Schnell aus. Plötzlich ist alles schwarz, dann weiß – und es ist wieder Hellzeit.

Sie hasst diesen Traum, der schon so oft da war. Und trotzdem haben ihr die Angstschreie heute geholfen. Die Frau hat für sie geschrien, hat für sie alle Angst und Panik heraus gebrüllt. Jetzt kann sie ihren Geist zurückfallen lassen. Sie ist erschöpft.
Ein neuer Traum. Die Stimmen sind wieder da. Harte Wellen stoßen sich an ihrem Körper, quälen sie unsäglich.
„Wenn es nach mir ginge, würden wir … dieses unwürdige Leben zu beenden. Frag sie doch. Wenn sie … könnte, dann würde sie … Mama, mach Schluss … Zustand. Töte mich endlich.“
„Halte den Mund, du Ungeheuer. Verschwinde! Raus, raus, raus!“
„Sie wollte … selber Schluss …, damals. Das hast du … gesagt. Wegen … Idioten, … betrogen …, ein Kind angedreht … dann abgehauen. Stimmt das nicht? Warum sollte sie, ohne … Verstand, weiter leben …? Sag es mir.“
Wieder diese Schmerzen; stechende, rasende Wellen in ihrem körperlosen Verstand. Sie versucht zu fliehen. Wohin? Wohin? Es gibt kein anderswo. Sie ist Außer-sich-selbst.

Der andere Traum ist wieder da. Sie sieht die junge Frau auf der regennassen Straße liegen, schwebt über der Straße, unmittelbar über dem verrenkten Körper der Frau.
Rot gekleidete Männer stehen um sie herum. Grelles Blaulicht blitzt, zeichnet die Gesichter der Helfer um, legt harte Schatten unter die Augen der Zuschauer. Sie kann die aufgerissenen Augen der Gaffer erkennen, die sich an die Absperrung drängen.
Stimmen gehören nicht in diese Träume. Diese Traumbilder sind ohne Stimmen. Nur manchmal, wenn sie in Not ist, dann kommt die gute Stimme. Sie hilft ihr, den Traum zu beenden.

Die Traumbilder wechseln, sie ist verwirrt. Es geht so schnell, viel zu schnell.
„Los, raus jetzt. Endgültig! Wir sprechen über …, über mein Kind. Es lebt! Weißt du … hören kann?“
„Du … verrückt!“
Der Traum schweigt. Stille. Eine gute Stille. Die Töne der Musik sind weg. Die harten Wellen sind weg. Sie entspannt sich. Was für ein Traum. Ein böser Traum. Einer, der sich nicht abschalten lässt.
Oh, sie hat viele Träume, und sie hat Zeit für Träume. Sie liebt ihre Träume. Nicht alle! Diesen nicht! Er war böse und sie will ihn nicht mehr träumen. Ihr Vorrat an schönen Träumen ist noch nicht aufgebraucht; sie ist voll davon.
‚Schön ist es hier – nur hier.’ – ‚Es gefällt mir’, denkt sie langsam, entspannt sich und kann wieder lächeln.

„Liebes! Kleines! Hörst du …? Komm, gib … Zeichen, … mich hören …“
Die Stimme ist gut, sie ist ihre Zuflucht, die sie heute so dringend braucht. Die Lichtzeit geht zu Ende; sie spürt bereits die einströmende Dunkelzeit.
„Beweg … Pupille, ja? Drück … Hand! Mach …, bitte!“
Die Stimme hallt in ihr nach; aber sie hat nichts verstanden. Worte sind Schwingungen. Sanfte und streichelnde. Kantige und schmerzhafte. Sie haben keine Bedeutung.
„… keine Angst, … Liebes. Ich bin … für dich … Soll er doch … Ich pass … auf“, flüstert die sanfte Stimme; sie tut gut und gibt Sicherheit.
„Ich erzähle dir …, was wir … auf dem Bauernhof erlebt … Weißt du …?“
Die Worte fließen in sie hinein, suchen und finden Bilder in ihrem Kopf. Sie lösen etwas aus, ohne dass sie es will, ohne dass sie es begreift.
Neue Bilder, bunt und leicht. Sie erblickt ein Pferd, das ohne Sattel wild, voller Übermut, über eine Wiese galoppiert, spaßig die Hinterbeine in die Luft wirft. Seine Mähne fliegt hoch, schwingt im Rhythmus der Sprünge und dann hört sie etwas. Es gibt doch noch andere Traumgeräusche. Nicht nur die gute Stimme. Ein lang gezogenes Wiehern ertönt, legt sich auf ihre Brust und verklingt langsam. Es ist, als hätte das Pferd gelacht.
‚Pferd’, denkt sie langsam und ihre Gedanken irren umher, springen über Wiesen und Felder.
Sie sieht die Bilder eines Ferkels, das sich an den warmen, dicken Bauch seiner Mutter schmiegt. Und sie sieht auf einer Bank eine junge Frau sitzen, die mit einem Kind spielt.
Die Frau ist nicht sie. Sie weiß ganz einfach, dass es die Frau ist, die zu ihr spricht. Sie lächelt und als die Dunkelzeit kommt, versinkt ihr Geist ohne Angst.

Die Hell- und Dunkelzeiten kommen und gehen. Sie kann immer häufiger die Schwingungen der Musik empfinden. Die Töne werden lauter, klarer und dichter.
Sie lächelt, wundert sich, als sie erkennt, dass eine besonders schöne Tonfolge immer wieder, bei jeder Lichtzeit, erklingt. Sie mag diese Töne, denen sie keinen Namen geben kann. Sie weiß von einer anderen Zeit, in der sie so etwas gehört und gemocht hat.
„Liebling! Wie geht es dir?“
Die Stimme verwebt sich mit den Tönen der Musik, schwingt im Gleichklang, zerstört die weichen Wellen nicht. Das Wort ‚Liebling’, denkt sie; das Wort ist gut. ‚Liebling.’
‚Das Wort ist in meinen guten Träumen’, denkt sie glücklich und versinkt wieder in sehr bunten Bildern.
Der harte Schall der Schritte wirkt wie Donner; vom Steinboden prallen die Geräuschwellen in ihr Bewusstsein, reißen sie aus einem Traum.
Atem! Ein heftiger, schneller Atem ist direkt über ihr, streicht über den Körper. Es ist der Atem der bösen Stimme. Sie verkrampft entsetzt, sucht nach einem Ausweg.
‚Weg! Weg! Nicht dieser Traum. Nicht dieser.’
Der Traum lässt sich nicht abschalten. Schmerzen befallen sie, sind überall. Der Traum stülpt sich über sie, umhüllt sie, legt sich schwer auf sie.
Die Lichtzeit wird geteilt. Es ist nebeneinander Dunkelzeit und Lichtzeit. Noch nie, noch nie waren sie beide gleichzeitig da. In der einen Hälfte bleibt es hell, in der anderen wird es schwarz; dicht über ihrem körperlosen Bewusstsein liegt diese Schwärze. Dann wird es total schwarz, geraten die Wellen in konfuse Strömungen.
‚Es ist doch noch keine Dunkelzeit.’
Sie sitzt im Auto. Sie! Lichter tauchen auf, Straßenlampen werfen ihr Licht auf nassen Asphalt, Scheinwerfer bohren zittrige Strahlen in die Schwärze. Sie verkrampft ihre Hände um das Lenkrad. Die Scheinwerfer des Omnibusses sind direkt vor ihr, blenden sie. Das ist das Ende!
‚Aus! Abschalten!’, schreit sie, aber der Schrei bleibt lautlos, verhallt im konturenlosen Raum.
Die Angst wird unerträglich; sie öffnet den Mund, weit, schmerzhaft weit.
Sie schreit!
„Neiiiiin!“
Die Lichter verwischen sich, verstecken sich hinter dichtem Nebel. Ihr Schrei hallt mit tausend Echos durch den Raum. Plötzlich treibt sie weg, fließt zurück in ihren Körper; sie spürt ihre Glieder.
Sie ist wieder In-sich-selbst.
Arme und Rücken schmerzen unerträglich, die Kehle brennt. Es sind neue Schmerzen, andere. Sie bekommt keine Luft. Will atmen. Will leben.
Mit beiden Armen, die sich nur schwer heben lassen wollen, stößt sie sich vom Lenkrad ab, spürt Widerstand, drückt und stemmt heftiger.
Sie weiß plötzlich, dass sie nicht in einem Auto sitzt, sie stemmt sich nicht gegen ein Lenkrad, fährt nicht vor einen Bus.
Sie bäumt sich auf, spürt einen Körper, der ihr etwas vor den Mund drückt.
Sie schreit in das Kopfkissen, bis sie in unendlicher Schwärze versinkt. Ein erstickter, letzter Schrei flieht aus ihrem Mund. Er hört nicht auf, lässt sich nicht abschalten. Dann ist die Schwärze weg.
Sie sieht!
Sie sieht einen tiefschwarzen, riesigen Schatten, der an der Wand neben dem Fenster hoch wächst. Ihr Atem rasselt, ihre Brust brennt, ihre Glieder, der Kopf und der Rücken schmerzen so stark, dass sie schreien muss, immer wieder. Sie schreit, tobt und wimmert; sie will nicht in diesem Traum sein. Sie muss zurück. Sofort. Zurück in das schützende Außer-sich-selbst.
Erschöpft liegt sie da, stiert in das helle Viereck vor ihren Augen. Es ist still im Raum. Es ist eine andere Stille, als die, die sie bisher kannte.
Sie hört ihren eigenen Atem. Er rasselt und grunzt. Und andere Geräusche sind da. So viele Töne. Regen peitscht gegen das Fenster. Es prasselt, Tropfen fallen auf das Fensterbrett, klatschen auf die Scheibe. Vor dem Fenster wuchtet sich das Dreieck einer Fichte in den grauen Himmel, lässt sich widerstrebend vom böigen Wind bewegen.

Sie weiß, dass die Zeit der Träume vorbei ist; sie weint, möchte zurück in ihren Traum, in ihre Sicherheit. Es dauert lange, bis sie aufgibt.
Der Regen hat aufgehört, es wird heller im Zimmer. Die Wände haben Farbe. Sie sind lindgrün. Blumen stehen auf einem Tisch. Bunte Bilder hängen an den Wänden.
„Ich bin – ich bin Tina!“, denkt sie.
Und sie hört die leichten Schritte ihrer Mutter vor der Tür. Diese Schritte kennt sie. Sie kennt sie, wie alles, was sie jemals von ihrer Mutter gehört hat.

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