Erster Mai

von Jürgen Jesinghaus (copyright)

I.

Die Burschen sind laut und harmlos. Sie haben sich den Traktor von einem Vater geliehen und fahren durch die Nacht. Die Birken auf dem Anhänger – gekauft oder geklaut? Einmal im Jahr kocht das Bauernblut. Eichen-Erinnerung. Weg mit dem Gestrüpp, abgehauen die Besen, gereinigt der Boden, der viele Jahrhunderte durch armdicke Wurzeln heiliger Bäume gelüftet wurde. Die Menschen hatten mit der Gier rodender Mönche Kolosse gefällt, das Fachwerk der Häuser aufgerichtet, Kirchenstühle geschnitzt, Hochseeschiffe gebaut – und jetzt? Jetzt liegen sie auf dem Bauch vor den Kümmerlingen, den Birken und Fichten, oder heben den Blick zu den Wipfeln: die Bifurkation erfüllt sie mit Sorge. Sie schleudern Kiesel nach den Katzen der Nachbarn und hindern sie, die Krallen an der Rinde zu wetzen. Reihenhausbesitzer stoßen die Nester der Amseln aus den Zweigen, damit der Garten nicht bekackt werde. Fichten und Birken in den Parzellen: Symbole der Unfruchtbarkeit auf unfruchtbarem Rasen. Wenn Ihr Mumm habt, Ihr Burschen, klettert über den Jägerzaun und fällt die Birke. Sie gehört nicht auf den schweren Boden. Schneidet sie dem Vater ab und schenkt sie der Tochter. Sein Gezeter soll eure Geilheit anfachen, euer Verlangen nach ihr, nach ihren braunen Waden, der weißen Brust mit den roten Knospen, die Ihr in der Loge eines Kinos oder im Hofausgang der Diskothek schon gesehen habt. Tut nicht so! Lasst euch nicht zweimal bitten: Rüber über den Zaun!

Sie sitzen auf den Seitenklappen des Anhängers, jeder eine Flasche Bier in der Hand, jeder auf den anderen achtend, ob er nicht beim Schlucken ins Hintertreffen geriete und in eine Außenseiterlage gedrängt würde. Niemand will der erste sein, niemand der letzte, alle wollen so sein wie alle anderen, dann sind sie laut und stark. Sie haben acht Bierkästen unter den Zweigen versteckt. Der Fahrer wird später den Streifenbeamten die Ordnungsmäßigkeit der nächtlichen Partie mit reinem Atem erklären (unter Hinweis auf eine Flasche Mineralwasser). Er wird in der Lage sein, außer den Wagenpapieren, dem Führerschein und der Rechnung für drei Birken auch das Erlaubnisschreiben für die Minderjährigen zu präsentieren, in dem die Vormünder ihr Einverständnis und die Übernahme der Haftung für alle Eventualitäten bescheinigen. Mit dieser Sicherheit ausgestattet, widmen sie sich der nächtlichen Ruhestörung unter dem Schutz eines anerkannten Brauchtums.

Der unruhige Schläfer wird geweckt, immer wieder, durch das anschwellende, von den Rheinbergen zurückgeworfene Tuckern des Traktors auf seiner Rundreise durch die Siedlung, über die asphaltierten Feldwege der Gemeinde. Wenn es abschwillt und sich verkehrt zu den süßen, fast sinnlichen Tönen einer italienischen Nacht, in der Musik, Korso und fernes Gelächter sich mit Düften vermischen, dann dreht sich der Schläfer zur Seite, wickelt sich wieder ein, um dösend auf das Versiegen zu lauschen und die Entfernung zwischen seinen Ohren und dem Trecker zu schätzen. Erst wenn es graut, der erste Vogel schlägt, erst im abschwellenden Brüllen besoffener Männer bleiben die Augen zu, und noch im Schlaf schwillt und ebbt die Rundfahrt. Wenn dann am Morgen, wie bestellt zum ersten Mai, die Sonne scheint, ein Traktor über die Landstraße rumpelt, hinter sich einen leeren Anhänger, dann zucken die Mundwinkel vor Wut und Erschöpfung, das Herz krampft sich zusammen. Und das erste herzhafte „gottverdammte Arschlöcher“ dieses Frühjahrs.

Heute ist Feiertag. Wenigstens die Rasenmäher bleiben im Keller – bis auf einen kleinen, den ein bandscheibengeschädigter Mann spielerisch über den grünen (und nichts als grünen) Rasen bewegt, um die vorwitzigen, sich der Ordnung des Gartens widersetzenden Halme zu bestrafen. Aber auch dieser Mann wird in einer halben Stunde Kaffee trinken und am Abend das erste Grillessen dieses Jahres zelebrieren, und während draußen feiner Spiritusqualm vorüberzieht (und die Terrassentür deswegen geschlossen bleibt) wird die Tagesschau Normalität stiften, zwar mit Berichten über Gewerkschaftskundgebungen, zwar mit Traktoraufmärschen protestierender Bauern, aber das wird die Vorfreude nicht schmälern, die Freude auf eine Nacht, wo spät die Autos wie immer bei laufendem Motor auf das Heben des Garagengitters warten, und wo Güterzüge durch die weite Halle eines vom Alb befreiten Schlafes in die Träume rattern.

II.

Wer es eilig hat, auf das Flachdach zu klettern zwecks Einrichtung eines MG-Nestes, um die Landstraße unter Feuer zu nehmen, oder wer einen Ball zurückholen will, der beim Bolzen auf das Dach geflogen ist, oder wer glaubt, in Abwesenheit der Bewohner von oben herab besser in das Haus einzubrechen, oder wer sonst es für nötig hält, auf das Dach zu steigen, z.B. um den Kies abzutragen und die Teerpappe zu erneuern, oder wer meint, die Aussicht von hier oben sei besonders schön, der hebt seine Hände an die Stangen der Leiter, die in Kopfhöhe beginnt, und stößt sich an der Hauswand ab, solange, bis er mit einem Fuß die untere Sprosse erreicht. Inzwischen sind die weißen Presskalkschindeln, die auf gelber Isoliermasse aufliegen, unter den Tritten geplatzt. Das geschieht immer, wenn jemand auf diese Weise das Haus entert. Immer werden die Platten erneuert und stets ist das Lamento groß, denn nie zahlt die Versicherung und nie findet sich ein Verursacher. Deshalb hat sich den zwei Schildern ´Parken verboten (privat)´ und ´Bolzen verboten´ ein drittes hinzugesellt: ´Leiter benutzen verboten´. Um dieses Verbot zu bekräftigen, wurde ein Knäuel aus Stacheldraht an der untersten Sprosse befestigt. Der Regen hat nun eine Rost-Wolke auf die weißen Fliesen gezeichnet (wo früher nur zwei zarte Striche in Verlängerung der Holme zu erkennen waren).

Dumpfe Schritte über dem Kopf, kurze Befehle, nachts, aus bedrohlicher Höhe, nicht von der Straße (dann dürfte man hoffen, dass sich Schritte und Befehle verflüchtigen), sondern auf dem eigenen Dach – trotz des Stacheldrahts an der Leiter! Fallschirmjäger in nachtblauer Seide, der Angriff aus dem All. Die Verteidigung wird kompliziert, wenn man sich nicht mehr auf die Zimmer im oberen Stock verlassen kann. Der Mut ist groß, denn die Wut ist groß. Der Hausherr erhebt sich, entschlossen. Liegenbleiben wäre das Eingeständnis einer Niederlage. Bademantel über, Socken an, durch den Flur ins Besucherzimmer, Rollos hochgerissen, je energischer desto besser (vielleicht bewegt es den Feind zum Rückzug), Blick durchs Fenster. Bürgerkrieg: Drei Männer zwischen den Gärten und Männer auf dem Dach, der laufende Motor – eines Panzers? Des Treckers. Erster Mai. Die beiden mannbaren Töchter im Nebenhaus beschwören die Burschen, ja alles vorsichtig zu machen, die Pflanzen nicht zu beschädigen, den Nachbarn nicht zu stören. Da erscheint schon die imposante Gestalt des Nachbarn auf dem Balkon, eines Herrn der Lage! Sein Anblick ruft Entschuldigungen hervor, ein Prost und hochgereckte Flaschen dem König im Morgenrock. Sie verlangen Leutseligkeit und Verständnis von ihm. Er gewährt sie und flicht einen leisen Tadel in seine Huld. Er schreit flüsternd:
„Macht solange den Motor aus – und Hals und Beinbruch.“

III.

In der Familie gab es zuerst ungläubiges Staunen, ja eine gewisse heitere Ratlosigkeit, es wurde sogar gelacht, dann drängte sich mehr und mehr die Frage in den Vordergrund: Warum gerade hier, die müssen doch wissen, dass hier kein Mädchen wohnt. Wer macht denn solche Scherze? Da sich die Eltern diese Frage nicht beantworten konnten, aber immer wieder stellten, je länger desto ungeduldiger, wurde der Sohn, siebzehn Jahre, gedrängt, nach einer Erklärung zu suchen.
„Diese Birke und das rosa Klosettpapier, wie Lametta in die Zweige geworfen, das macht man doch nur bei Mädchen – oder was hat das zu bedeuten. Hast du vielleicht eine Erklärung? Das sind doch deine Freunde, die wissen doch, dass du keine Schwester hast.“
Zwei Tage blieb die Birke an der Regenrinne festgebunden, bis der junge Mann das Bäumchen mit dem Rad zur Friedhofsgärtnerei schleifte. Er stopfte es Stück für Stück in die Häckselmaschine, nachdem er unter Aufsicht eines belustigten Arbeiters alle Äste mit der Axt abgehauen hatte. Immer wieder diese Frage: Wer macht das mit dir? Und endlich:
„Hast du es dir nicht selbst zuzuschreiben? Hast du vielleicht Anlass dazu gegeben, sprich! Hat dich jemand in der Umkleidekabine nach dem Turnen beobachtet?“
„Beobachtet wobei? Ich habe nichts mit Jungen, wenn Ihr das meint.“
„Das glauben wir ja, aber warum dann der hässliche Baum mit dem rosa Papier? Das lassen wir nicht auf uns sitzen! Das musst du in der Schule klären.“
Und in der Schule: Wer liebt dich denn, mein Süßer? Wer will dir an die Wäsche? In den Läden hat sich herumgesprochen, dass diesmal nicht nur Mädchen mit Liebesbeweisen bedacht wurden. Alle wissen, was das bedeutet. Keine Schülerin wird aussagen, dass sie mit ihm geschlafen hat. Einige werden behaupten, sie hätten beim Tanzen auf dem Schulball nichts gespürt, wie sonst bei den Kerlen. Die Mädchen gefallen sich in der Beschreibung ihrer Erlebnisse, haben sich notiert, wie oft sie geküsst wurden, und die Großmeisterinnen (die es schon einmal hinter sich gebracht haben) lächeln und sagen: Mit dem doch nicht. Und wenn die sagen, der hat nichts mit mir, dann hat er nichts mit Mädchen, dann macht der andere Schweinereien. Aber mit wem?

„Überleg doch mal! Ist dir was Besonderes an Lehrern aufgefallen? Hat dir einer schöne Augen gemacht?“
„Ein Lehrer schöne Augen! Seid Ihr bescheuert? Wir sind in einer Art persönlicher AG. Der Deutschlehrer hat uns paarmal nach Hause eingeladen.“
„Und was hat er dort mit euch gemacht? Ist er verheiratet?“
„Mit uns hat er gar nichts gemacht. Wir haben gemeinsam Michelangelos Sonette gelesen. Der Lehrer hat italienisch rezitiert, und dann haben wir seine deutsche Übersetzung besprochen.“
„Ich denke, der ist Regisseur oder Modeschöpfer oder sowas!“
„Michelangelo war Architekt, Bildhauer, Maler, Dichter – kein Mittelstürmer bei Lazio Rom, wenn du das meinst!“
„Werd nicht frech! Wie sieht es denn bei deinem Lehrer zu Hause aus?“
„Flur, Zimmer, Tisch, Stühle, Schrank.“
„Keine Bilder? Nackte Männer an den Wänden? Fotos griechischer Statuen, Wagenlenker, Diskuswerfer, die Griechen waren doch alle – äh.“
„Was waren die Griechen?“
„Werd nicht frech!“
„Nein, nicht, was du denkst, nur Reproduktionen, eine Venus in der Muschel und eine Maria Magdalena als Sünderin, ziemlich geil.“
„Werd nicht frech!“
„Und ein echtes Gemälde, die zeitgenössische Kopie eines Bildes aus dem 17. Jahrhundert, hat über Tausend Euro gekostet. Es zeigt einen Christus mit zum Himmel verdrehten Augen, als wär ihm gerade einer abgegangen.“
„Da haben wir es ja! Wer gehört denn sonst noch zu dieser sogenannten AG?“
„Peter.“
„Ihr beiden alleine? Aha! Und warum Ihr beiden alleine?“
„Die anderen interessieren sich nicht für Literatur.“
„Ausgerechnet mein Sohn muss sich dafür interessieren. Ich habe einen Sohn, der sich für Literatur interessiert!“
Ob Peter auch einen Maibaum erhalten habe. Nein, der wohne schon im Städtischen. Da seien die rückständigen Bräuche abgeschafft worden.
„Du bist der einzige vom Lande, der sich für Literatur interessiert? Was haben wir großgezogen! Geh in die Jugendmannschaft des Fußballclubs, damit du dein Ansehen wieder herstellst.“
„Verzichte. Da werden Torschützen von hinten besprungen.“
„Werd bloß nicht frech, du Literat!“

Wiedervereinigung

von Jürgen Jesinghaus (copyright)

Brosheim war um 4 Uhr aufgestanden. Um 6 wartete er an der Pforte des Ministeriums. Es dauerte 20 Minuten, bis der Bus eintraf, der seit der Vereinigung einen Umweg über das Bonner Regierungsviertel nahm. Pünktlich 7.30 stiegen die Passagiere am militärischen Teil des Konrad-Adenauer-Flughafens aus und reihten sich in eine Schlange, die zur Abfertigungshalle kroch. Es begann zu nieseln. Die aufgespannten Schirme stießen sich. Die Stimmung war schon um 7.45 gefroren. Brosheim bewegte sich unter den vielen Beamten, die ihre Dienststellen in Ostberlin als Kommissare besuchten, beneidet, gehasst, verachtet von den Eingeborenen, die alle Verstecke verraten, alle Schätze abliefern und am Ende einer Schamfrist selbst verschwinden mussten, in einem abgelegenen Büro oder arbeitslos in der billigen Platte. Aber welch ein klägliches, frierendes Invasionsheer, diese Beamten! Sie sahen aus wie politische Gefangene, unter Arrest gestellt durch die Bundeswehr.

Die Tupolew fiel aus. Es würde heißen, sowjetische Maschinen seien reparaturanfälliger oder älter oder werweißwas, oder die Herren von der fliegenden Truppe könnten noch nicht korrekt mit ihr umgehen. Dann endlich kam die Ersatzmaschine, eine Iljuschin der DDR-Hinterlassenschaft. 11.37 hob sie ab. In Schönefeld wartete Brosheim auf einen Fahrer des Ex-DDR-Außenministeriums, der einige ministerielle Außenstellen anfahren sollte (Genscher also auch zuständig für Außenstellen). Der Fahrer tauchte auf, wollte aber nicht eher mit dem Kleinbus abfahren, als bis die zweite Maschine im Gefolge der Iljuschin gelandet war. Brosheim defilierte inzwischen an den wachhabenden Rotarmisten vorbei und fragte sich, was die hier noch zu suchen hätten. Er besah sich die Auslagen der Shops, die schon so hießen und vollgestopft waren mit Gütern aus dem Westen: Marlboro, Playboy, Sony. Kurz nach 14 Uhr erreichte er die Außenstelle Unter den Linden. Er verschlang eine Bratwurst an der einzigen Bude auf dem Pariser Platz, nahe dem Bretterverschlag, der das Brandenburger Tor umschloss. Danach war er bereit, mit dem ehemaligen Leiter der Sektion für automatisierte Verfahren zu sprechen, und gewann einen ungefähren Überblick über die Geräte, die er registrieren und an einem Ort zusammenziehen sollte, zwecks eventueller Verteilung an neue Verwaltungseinheiten, die noch zu schaffen wären.

„Mir soll es ja egal sein, aber darf ich fragen, ob Sie unsere Maschinen, pardon, Ihre Geräte mitzunehmen gedenken, nach Bonn?“
„Nun, das kommt auf den Zustand an, ihre Einsatzmöglichkeiten und so weiter.“ Und so weiter – sollte bedeuten, dass Brosheim keine Lust hatte, mit jemandem, der längst nicht mehr zuständig war, darüber zu diskutieren. Und der Sektionsleiter:
„Sie werden es vielleicht nicht glauben, aber ich habe Dezember 89, als ich noch zu dem Laden gehörte, Geräte des West-Standards in Hannover eingekauft, 386er im Novell-Netz, Peacock-Monitore, beste Qualität. Außerdem stehen noch einige PC1715, wenn Ihnen das was sagt, und jede Menge Nadeldrucker K6311 im HdM.“
„Robotron?“ fragte Brosheim aus gelangweilter Höflichkeit.
„Natürlich Robotron! Thermodrucker gefällig? Plotter? K6303, K6411, können Sie alles haben, sogar einige KC85, 3er und 4er, mit Z80-Prozessoren, Home Computer made in GDR. Ich weiß jemanden, der die Sachen verschleudert, und gegen einen gewissen Aufpreis kann ich sie Ihnen anbieten.“
Er lächelte unverschämt, so dass sich Brosheim zur Antwort genötigt sah:
„Ich möchte darauf hinweisen, dass alle informationstechnischen Geräte des ehemaligen Ministeriums nicht in Privatbesitz übergehen dürfen. Sie gehören der Bundesrepublik Deutschland!“
Wow!
Er musste die Geräte der Bundesrepublik Deutschland nur in einem Raum der Außenstelle Unter den Linden sammeln. Dazu brauchte er einen Wagen und einen Fahrer, der ihn beim Transport vom HdM, dem Haus der Ministerien an der Leipziger Straße, zur Hand ging.

Brosheim folgte dem dumpfen Gemurmel, das aus halboffenen Türen zweier Büroräume drang. Er schob mit dem Finger die Tür des linken Raumes auf und drehte vorsichtig seinen Kopf um das Türblatt, das wie ein Schild seinen Körper deckte. Zwei Damen um die vierzig unterhielten sich, so dass er, den Schutz der Tür verlassend und einen Schritt in das Zimmer wagend, durch ein deutliches Guten Tag auf sich aufmerksam machen musste. Der Raum war bis zur Schulterhöhe gelb gestrichen. Darüber klebte eine kleingeblümte Tapete, auf der sich zwei helle Rechtecke abzeichneten, ein großes im Querformat und darüber ein kleines im Längsformat. Brosheim studierte die Rechtecke und ihre gegenseitige Lage.
„Wat kiekste“, fragte eine Dame, „da oben kommt der Kohl zu hängen, darunter det Abendmahl.“
Er sagte so freundlich er konnte (besonders freundlich konnte er nicht):
„Mein Name ist Brosheim, ich suche den Leiter der Fahrbereitschaft.“
„Ich bin die Leiterin“, antwortete die andere Dame, betont freundlich, um den ungünstigen Eindruck ihrer Kollegin auszugleichen, „kann ich was für Sie tun?“
„Ich brauche jemanden, der mir die technischen Geräte aus dem HdM rüberholt.“
„Darf ich fragen, wer Sie denn sind?“
Brosheim bemühte sich um eine bescheidene Antwort und erklärte, welchen Auftrag er erledigen müsse und auf welche Veranlassung hin.
„Da werden Sie nicht viel Glück haben, fürchte ich.“
„Sie sind doch die Fahrdienstleiterin. Oder waren Sie es?“
„Ich bin es bis zum 31. März nächsten Jahres. Gehn Sie mal nebenan und fragen nach Herrn Debus. Der wird übernommen. Kann aber sein, dass er nicht da ist.“
„Herr Debus“, wiederholte Brosheim. „Er würde doch tun, was Sie ihm auftragen. Warum teilen Sie ihm die Fahrt nicht zu?“
„Machen Sie mal. Der hört auf Sie. Der will noch was werden.“
Brosheim verließ das Zimmer und zog die Tür ins Schloss.

Als er das Lachen durch die verschlossene Tür hörte und auf sich bezog, betrat er ohne anzuklopfen wieder den Raum. Die beiden Frauen wandten ihm ihre roten Gesichter zu. Die Fahrdienstleiterin wischte sich über die Augen.
„Nichts für ungut“, sagte sie, „kann ich Ihnen weiterhelfen?“
„Ich bräuchte einen Kombi oder kleinen Lastwagen. Es ist nicht damit getan, dass Herr Debus einen PKW fährt. Es würde dann zu lange dauern.“
„Ich bräuchte jetzt einen Kumpeltod“, sagte die Frau, „wir haben nicht über Sie gelacht. Wir würden über einen, der aus Bonn kommt, nicht lachen. Wir haben jedenfalls nicht direkt über Sie gelacht, nicht über Sie persönlich. Sie haben mich nur an jemanden erinnert. Sie müssen sich nichts draus machen. Hier geht im Augenblick alles drunter und drüber. Wir lachen, obwohl den wenigsten der Sinn danach steht. Wenn Debus da ist, dann auch der Barkas. Er ist der einzige, der ihn fährt. Ob er heute noch dazu kommt, wo die Fahrer ihren Rausschmiss feiern, das kann ich Ihnen nicht versprechen.“
„Ich würde wahrscheinlich den Witz nicht verstehen, über den Sie gelacht haben?“
„Herr …“
„Brosheim.“
„Herr Brosheim, wären Sie mindestens fünf Jahre in diesem Laden, beim Genossen Erich und seiner feisten Margot, ich glaube, Sie hätten alles sofort verstanden.“
„Habe ich eine Ähnlichkeit mit Ihrem Genossen?“ fragte er, irritiert, ja empört, dass sein Erscheinen eine Assoziation zu vergangenen DDR-Verhältnissen wachgerufen haben sollte. Die Damen lachten wieder und die Fahrdienstleiterin kam auf ihn zu. Sie war eine kompakte Frau mit breitem Hintern, ausgeprägten Brüsten, von denen die offene Jacke herabhing, so dass zwischen Jacke und Rock eine Handbreit Abstand klaffte. Sie stampfte ihm entgegen in einer Wolke unbestimmbaren Parfüms. Ihre Backen waren übersät mit rötlichem Gerinsel. Die Augen zwinkerten, ohne etwas zu meinen.
„Sie haben keinerlei Ähnlichkeit mit dem Genossen Erich. Seien Sie froh und kommen Sie jetzt mit.“
Sie packte ihn am Arm.
„Der helle Fleck, was hat da gehangen?“ fragte Brosheim. „Das würde mich interessieren.“
„Würde, wenn wat? Interessiert et Sie nu oder nich? Ein Poster hat da gehangen, ein Gruppenfoto der Nationalelf nach dem Sieg über die BRD in Hamburg.“
„Aber das war doch nicht nötig, es abzuhängen!“
„Selbstverständlich nicht“, sagte sie verdrießlich, „es gehört jemandem, den Ihr rausgeworfen habt. Er hat es mit in seine Datsche genommen.“

Sie traten auf den Flur hinaus. Das Lachen hatte sich erschöpft. Brosheim wusste nicht, ob er auf den Arm genommen wurde, und schnaufte zweimal, was als Lachen oder Missfallen gedeutet werden konnte. Die Fahrdienstleiterin achtete nicht mehr darauf. Sie rief in das gegenüberliegende Zimmer:
„Der Debus! Sein Typ wird verlangt.“
Jemand quäkte durch den Raum:
„Der Debus, der kann uns mal.“
„Und ihr könnt mich mal“, rief die Frau in den Raum zurück.
„Komm rein, Henriette, wenn du keine Schneiderin bist. Wat willste denn wieder vom Debus? Der bringt es dir nicht, du Nymphomanin.“
Das folgende Gelächter klang freudlos und einstudiert.
„Ick schau später nochmal vorbei“, rief sie und schob Brosheim in den Raum, „behandelt ihn gut. Er ist einer von drüben.“
„Buuh, der erste, der sich hier runtertraut!“

Vier Personen saßen an einem Tisch. Auf ihm standen Gläser und Flaschen in Pfützen von Schnaps. Brosheim wurde mit einer freundlichen, alles verzeihenden Neugier empfangen. Aber niemand bot ihm einen Stuhl an.
„Sie wollen unsere Dienste in Anspruch nehmen?“
„Die Mithilfe von Herrn Debus.“
„Der ist mal weg, beim Chef, beim neuen. Der ist auch nicht besser als der alte, gelinde gesagt.“
„Haltet den Mund“, sagte der 1. Fahrer.
Der 2.: „Den Mund habe ich lange genug gehalten, und was hat es mir gebracht?“
Der 3.: „Hättest ihn vielleicht früher mal aufmachen sollen.“
Der 2.: „Ich habe meinen Mund gehalten, im Gegensatz zu einigen, die für meinen Geschmack zu viel geredet haben.“
Der 1.: „Mensch, halt den Mund.“
Der 2.: „Verweigert hab ich mich der Partei.“
Der 3.: „Gefragt worden biste nich.“
Der 2.: „Die haben jeden gefragt!“
Der 3.: „Und was haben sie dich gefragt? Ob dir das Spionieren bei uns Spaß macht?“
Der 2.: „Nu mal langsam, ganz langsam.“
Der 1.: „Ihr tut so, als könntest ihr euch die Streitereien erlauben.“
Der 2.: „Nu man sachteken. Du auch. Deinen Ratschlag brauchen wir nicht, früher nicht und heute auch nicht. Der neue Herr wundert sich schon über uns. Rausgeschmissen haben sie die meisten hier, müssen Sie wissen.“
Brosheim sah sich um.
Der 3.: „Als ob den das interessierte.“
Der 1.: „Hört doch auf, der kann nüscht dafür.“
Der 2.: „Herr, mich haben sie gefragt, ob ich der Partei angehören will, wo ich eine Heimat fände. Nein, hab ich gesagt, Parteiarbeit liegt mir nicht. Ich kann nicht reden, und Politik geht nicht in meinen Kopp. Was hab ich nu davon? Ich bin alt und durfte seit elf Jahren immer dasselbe tun. Was hat es mir gebracht? Ich steh auf der Straße, und die roten Säue sind wieder da, wo sie waren, wo sie nie wegzugehen brauchten. Sind einfach sitzen geblieben auf ihren Pavianärschen. Und warum? Weil sie der BRD-Kommission, Ihrer Kommission, vorgeflunkert haben, alle hätten gemusst, und es wär nur darauf angekommen, anständig zu bleiben. Ich bin auch anständig geblieben, aber unsereins kriegt den Tritt in den Arsch. Elf Jahre umsonst. Erst werden wir von denen getreten und betrogen, dann von den neuen. Ich habe immer meinen Dienst getan. Ich war nie in der Partei. Ich habe sogar mal Schwierigkeiten gehabt. Damals Schwierigkeiten, heute rausgeschmissen. So is det!“
Der 1.: „Ich kenn einen Fall, bei dem stand im Zeugnis: hat Probleme, sich ins Kollektiv einzuordnen. Man sollte meinen, der wird von euch Wessis mit Kusshand übernommen. Wat war? Hintenrum hab ich gehört, dass man ihn abgelehnt hatte wegen offiziell was anderem. Aber inoffiziell hat es geheißen: Wer sich nicht einordnen kann, wird auch bei uns Schwierigkeiten machen, also bei den neuen Herrschaften. Den haben sie erstmal in die Warteschleife gesetzt. Von da fliegt er dann in die Arbeitslosigkeit.“
Der 2.: „Elf Jahre umsonst. Das ist der Dank dafür. Sie können mir das auch nicht erklären, nehme ich an.“
„Mein Versuch, etwas zu erklären“, versetzte Brosheim, „wäre für Sie kein Trost. Ich glaube nicht, dass Sie aus politischen Gründen entlassen worden sind. Das hat gar nichts damit zu tun, ob Sie in der Partei waren oder nicht, oder dass Sie damalige Minister gefahren haben.“
„Warum dann?“
„Es hat etwas damit zu tun, dass jetzt nicht mehr so viele Fahrer gebraucht werden. Nehme ich an.“
Der 2.: „Sagen Sie es doch ruhig. Weil ich zu alt bin. 53 Jahre und zu alt. Ich kriege ihn noch freihändig hoch, aber ich bin zu alt. Nach elf Jahren bin ich zu alt. Ich war noch nie arbeitslos, nicht einmal bei den roten Säuen. Jetzt heißt es: Nicht zu gebrauchen. Da war es früher besser als heute. Das sage ich ganz offen. Es sind alles Schweine. Und die roten Schweine von damals werden übernommen. Die sind fein raus.“
Der 3.: „Nenn doch mal einige.“
Der 2.: „Könnt ick, könnt ick! Was ich weiß, schreibe ich mal an die Zeitung. Die Kommission hatte ja keine Ahnung. Die hat sich um die Finger wickeln lassen. Wer am besten geredet hat, den haben sie genommen. Ich könnte Ihnen noch einiges über die sagen. Aber es geht mich nichts mehr an. Aus, vorbei. Interessiert mich nicht. Ich wähle keine Partei mehr. Wir sind die Verlierer sowieso immer. Für die Einheit bezahl ich – und die meisten hier von uns. Aber kassieren tun die anderen.“
Nach einem Augenblick des Grübelns sagte er mit verzogenen Lippen, die das Weinen ankündigten:
„Die muss auch gehen.“
Er fing an zu schluchzen, aus Mitleid mit sich selbst, weil er sich gering achtete und meinte, an ihm dürfe man das Unrecht vollstrecken, weil er nichts mehr tauge, weil er schon zu alt und für die neue Gesellschaft unnütz sei, aber an jener, der Mittdreißigerin, der aus dem Sekretariat, mit der alle gerne was gehabt hätten, an der habe man das Unrecht, das ihm widerfahren ist, nicht auch vollstrecken dürfen. Brosheim sah sie an, dem Augenzeig des Sprechers folgend, und traf unerwartet auf den entfalteten Blick der Gepriesenen, eines Opfers der ungerechten und unfähigen Kommission. Er war peinlich berührt von dem zur Schau gestellten Blick dieser Frau, die sehr schön war. Er dachte an die gespannte Ruhe einer Gastgeberin, die einen Plan verfolgt, wenn sie den Bademantel langsam ausbreitet und den Beobachter selber suchen lässt nach einem Mal, einer Wunde, einem Biss. Ecce homo. Was für eine Klasse-Frau. Sieh diesen Schmerz.
„Sie müssen auch gehen?“ fragte er kloßig.
Sie nickte.
„Warum?“
„Warum!“
„Sie stellen Fragen!“ sagte jemand.
„Lass ihn doch, er kümmert sich wenigstens, der erste nach den Kündigungsbriefen. Glauben Sie bloß nicht, dass nach der feierlichen Ansprache, mit der sie uns den Tritt gegeben haben, jemand von den Bonzen bei uns hier unten gewesen wäre. Die roten Säue katzbuckeln schon wieder. Wenn Sie was wollen, müssen Sie zu denen gehen, die lesen Ihnen jeden Wunsch von den Hühneraugen, nachdem sie Ihre Füße geküsst haben.“
„Also, Sie alle müssen gehen?“
„Deutlicher kann man es nicht sagen.“
„Es tut mir leid“, flüsterte er.
Sie nahm ihren Blick zurück und lächelte. Was wissen Sie schon. Was können Sie schon tun. Wer sind Sie denn. Auch wenn Sie aus dem Westen kommen. Ein unbedeutender Handlanger. Sonst säßen Sie nicht hier. Brosheim spürte, dass sie ihm nichts zutraute. Er war ihresgleichen. Ein Kumpel. Sie hatte ihn richtig eingeschätzt. Er würde keine Verhältnisse ändern.
„Die roten Säue“, schluchzte der 2. Fahrer, der den Mittelpunkt bildete, das Haupt der Verschwörung. Brosheim dämmerte es, was er mit den roten Säuen sagen wollte: Sie haben uns verraten. Sie haben unseren kleinen Staat kaputtgemacht und die Reste verkauft, für eine sichere Stellung bei den neuen Machthabern.
„Aber wie uns die Neuen behandeln!“
Der Mann senkte seinen Kopf. Brosheim sog den Schweiß der Frau ein. Die schöne Mittdreißigerin hatte sich erhoben. Sie griff an ihm vorbei zu einer Flasche Schnaps und hielt sie mit beiden Händen über die Gläser wie einen Schlauch. Sie vergoss so viel, dass Brosheim der scharfe Geruch in die Nase stach. Ein Rinnsal Schnaps hing wie ein Faden von der Tischkante und nässte die Hose des Fahrers, der sein Schicksal beweinte.
„Hör auf zu flennen!“
Sie stieß dem Fahrer die Flasche gegen die Hand, die als Kopfstütze ausgedient hatte und griffbereit durch die Luft irrte. Die Frau hielt Brosheim ein tropfendes Glas vors Gesicht.
„Prost“, sagte sie, „du bist der erste von drüben, der sich hier blicken lässt, nachdem die blauen Briefe ausgeteilt wurden.“
Er griff das Glas, hob es, bevor er trank, und wartete, dass andere mit ihm trinken würden, aber die Korona sah ihn nur an. Er kam sich vor wie jemand, dem man Gift gereicht hatte.
„Ich würde gerne helfen“, sagte er laut und kippte den Schnaps in sich, „aber ich kann es nicht.“
Alle lachten.
Der 1.: „Lass mal, du bist der einzige, der sich hier blicken lässt. Lass gut sein. Uns kann keiner helfen. Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott. Prost. Tu noch einen rein. Heute wird nicht mehr gefahren. Wenn Sie mich fragen, ick fahr heut nich mehr.“
Der 3.: „Wenn Henriette sagt, du fährst, dann fährste bis ans Ende der Welt.“
Der 1.: „Bis zum Arsch der Welt.“
Der 2.: „Fahr zur Hölle, ick fahr heut ooch nich mehr.“
Er versuchte aufzustehen und wedelte mit der freien Hand gegen Debus, der in diesem Augenblick das Zimmer betrat.
„Der Junge ist in Ordnung, auch wenn er von euch übernommen wird.“
Der Sprecher ließ sich auf den Stuhl zurückfallen.
„Er soll mitfeiern, obwohl er übernommen wird. Darf ich vorstellen, Ihr neuer Kollege, der Genosse Debus.“
Er lachte bräsig, stolz auf seinen Oppositionsmut, der in dem Wort Genosse lag.
„Ich soll jemanden fahren“, bemerkte Debus misstrauisch.
„Hat Henriette gesagt, dass du einen fahren sollst?“
„Einen fahren lassen sollste!“
Der 2. Fahrer, der Flenner, kreischte und stieß seinen Atem durch den aufgeklappten Mund. Er neigte sich vornüber, weil die Luft, die seinen Körper stützte, aus ihm wich – in Brosheims Gesicht, der sich angewidert abwandte.

„Also, was ist“, fragte Debus verlegen und blickte auf Brosheim.
„Ich bitte Sie, mit mir zusammen ein paar Büromaschinen, Computer und so, aus dem HdM hierher zu transportieren, vielleicht auch zur Dependance im Außenministerium. Ich weiß noch nicht genau.“
Die Männer und die Frau schwiegen erwartungsvoll. Debus zuckte mit den Schultern.
„Ja, gut.“
Der Flenner brüllte:
„Hab ich es nicht gesagt: Henriette! Sie hat nämlich ein mütterliches Verhältnis zu ihm. Sie weiß, was gut für ihn ist. Wenn es unbedingt sein muss, fährste den Herrn, hat sie zu ihm gesagt. Hat sie das gesagt? Muss es sein, Henriette, hat er dann gefragt, weil er sich nämlich kein Bein ausreißt und immer im Hintergrund darauf wartet, dass die Arbeit zufällig auch mal bei ihm vorbeischaut. Und Henriette hat ihn dann herumgekriegt.“
„Für Henriette tu ich alles“, sagte der junge Mann trotzig.
„Kipp dir vorher einen hinter die Binde.“
„Ich bin im Dienst.“
Der Flenner winkte versöhnlich ab.
„Er ist ein guter Junge, hat sein Leben noch vor sich. Prost.“
Brosheim beugte sich über den Tisch, füllte sein Glas aus einer Flasche, kippte es und legte der schönen Frau die Hand auf die Schulter.
„Wir fahren dann. Ich spreche auf jeden Fall mit dem Personalrat.“
Diesmal lachte keiner. Sie waren zu erschöpft. Jemand sagte sogar Aufwiedersehen.

Debus ging einen Schritt vor Brosheim, der ihn von hinten ansprach:
„Sie haben einen Vertrag?“
„Noch nicht.“
„Aber Sie kriegen einen?“
„Ich denke mal.“
„Wie lange arbeiten Sie schon hier?“
Debus schaute auf die Uhr und Brosheim musste darüber lachen.
Als sie auf den Hof hinausgingen, wurde der junge Mann freundlicher. Der Anblick seines Autos gab ihm Selbstvertrauen zurück.
„Dieser Kombi ist gar nicht schlecht, ein Barkas B-1000. Da kriegen Sie eine Menge rein und können immer noch Spitze, na, 120 fahren.“
Brosheim stieg ein, nachdem Debus von innen die Tür geöffnet hatte. Sie unterhielten sich eine Weile über technische Einzelheiten. Was das 1000 bedeutet. Nunja, es bedeutet sich selbst, 1000 Kubikzentimeter Hubraum, anders gesagt: Eine 1-Liter-Maschine, 3-Zylinder-2-Takt-Frontantrieb. Wie viel PS? An die 50 dürften es sein, und knapp 50 Liter gehen in den Tank. Ob auch Viertakter davon existierten? Viertakter waren immer im Gespräch, wären gar kein Problem für DDR-Ingenieure gewesen, aber ohne die da oben gings nicht. Dann voriges Jahr auf der Leipziger Messe: der B-1000-1 mit Viertaktmotor. Den hätte sich Debus gerne beschaffen lassen. Ob sie die Barkas auch exportiert hätten? Na klar doch, nach Ägypten, aber auch woanders hin.

Als sie in die Behrenstraße einfädelten, stieß Brosheims Blick auf den Lenin-Kopf an dem Klinkerbau schräg gegenüber (der ihm heute morgen schon aufgefallen war). Er feixte:
„Lenin ist politisch doch gar nicht mehr korrekt. Ihr habt vergessen, ihn abzuschrauben. Der muss weg.“
„Herr, wollen Sie den dritten Weltkrieg anfangen? Der Genosse Lenin gehört den Russen mitsamt dem Haus dran. Der Bau da lässt sich nicht wiedervereinigen. Er gehört zur sowjetischen Botschaft. Hinter den Klinkern baden die Botschaftsrussen, ihre Familien und Gäste und die Wache und wer sonst noch alles. Das ist so eine Sorte Kulturhaus mit Hallenbad und Kantine. Die Feist, also die Honecker, soll mal angefragt haben, ob wir auch deren Kantine benutzen dürfen. Die Antwort war ja von vornherein klar. Darf ich Ihnen mal was Unverblümtes sagen, ja? Bevor Sie beim Großreinemachen was wegschmeißen oder abschrauben, sollten Sie sich zweimal überlegen, ob Sie es vielleicht nicht doch noch gebrauchen können, und ob es Ihnen überhaupt gehört. Schnallen Sie sich an!“

Der Mathematiklehrer

von Jürgen Jesinghaus (copyright)

Er, Doktor der Philologie, Lehrer der Mathematik und des Lateinischen, stand, Arme hinterm Rücken, wippend vor der Klasse: 13 Jungen, 8 Mädchen. Er schaute lüstern, er wollte Mathematik unterrichten. Geschlecht und Schenkel steckten in einer abgewetzten Reithose (einem Erbstück, darf man annehmen). Die Hosenröhren verschwanden in gewichsten Stiefeln, in denen sich Schülerschuhe und Pulte spiegelten. Die Kinder vermieden es, ihrem Meister ins Gesicht zu sehen. Sie waren gewohnt, dass ein abschweifender Blick die Obacht und rasch danach den Unwillen des Studienrats auf sie zog. Der Meister trug keine Jacke, das Wetter erlaubte es. Während des Morgengrußes, unisono gesprochen, hatten die Kinder festgestellt, dass sich buntbestickte Hosenträger (blau, weiß, rot) über das pinkfarbene Hemd des Lehrers spannten. Es war bis oben zugeknöpft und umschloss in einem Stehkrägelchen den sehnigen fleckig-braunen Hals. Die Strenge des Aussehens nahm von unten nach oben ab. Auf dem Hals balancierte ein länglicher Kopf, den jeder als pferdeähnlich bezeichnet hätte, wäre da nicht die Reithose, die den Vergleich unpassend passend erscheinen ließe. Die Augen, die bei normaler Distanz zu einander in dem schmalen Gesicht abstehend wirkten, glühten aus dem Schatten einer Haarwelle, die mit unmäßigem Schwung von hinten nach rechts schweifte und sich über dem Abgrund der Schläfe festzukrallen schien.

„Was sind goldene Zahlen?“ schrie Dr. Mischok (so hieß der Lehrer) von seiner Höhe auf die Köpfe der Schüler hinab, dass ihnen Angst und Bange wurde.
„Was sind goldene Zahlen und wem nützen sie?“
Er legte berechnend eine Pause ein, knickte seinen Kopf nach hinten, hielt die Augen aber auf die Klasse gerichtet, so dass die Bälle bedrohlich knapp über den Unterlidern hervorstarrten wie die sowjetrussische Bedrohung auf den Wahlplakaten der Adenauerzeit. Dann peitschte sein Oberkörper nach vorn, und der Doktor rief in den Sichelschwung (es sollte wie eine Erlösung klingen):
„Sie sind zu gar nichts nütze.“
Nachdem die Klasse wieder Atem geschöpft hatte, fragte er:
„Und warum nicht?“ Er kassierte umgehend die Frage mit der Bemerkung:
„Das kommt später dran“, gab seine bedrohliche Position vor der Klasse auf und bewegte sich – die Stiefel trug er wie ein Bauer, nicht wie ein Gendarm – zu dem Kartenständer in Türnähe. Aus dem Handtäschchen, das dort an einer Lederschlaufe hing, kramte er eine Pfeife hervor. Er hielt ihren Kolben in der Hand und schlug mit dem Mundstück den Takt zu seiner Definition:
„Zwei natürliche Zahlen heißen golden, wenn die Differenz ihrer Quadrate gleich ihrem Produkt ist.“
Er spitzte den Mund und schaute gesammelt gegen die Decke, die Pfeife im Anschlag auf die Klasse.

„Ich will es euch beweisen“, sagte er, ohne zu verraten, was er beweisen wollte, drehte sich zur Wand, sprang auf das Podest, die geölten Bretter knarrten unter den Stiefeln, griff zur Kreide, und während er a´s und b´s an die Tafel schrieb, gestrichen und gedächelt, erläuterte er, dass goldene Zahlen immer gerade zu sein hätten, dass aber auch goldene Zahlen existierten, die teilerfremd sind.
„Was folgern wir daraus?“ fragte er die Tafel, wandte sich dann blitzschnell und schrie:
„Müllermeierschulze!“
„Ich habe Ihre Frage nicht verstanden“, erwiderte der Unglückliche, der sich daran gewöhnt hatte, so angesprochen zu werden, und erhob sich von seinem Platz. Jetzt bekam er die Macht des logischen Beweises zu spüren, mit dem der gestiefelte Lehrer belehnt war. Namens dieser göttlichen Macht sprach Dr. Mischok vom Berge Horeb hinab, aus einem Nebel von Verachtung und Resignation, die Kreide noch in der Hand:
„Wann hättest du jemals etwas verstanden.“
Der Schüler zuckte die Schultern, und als der Lehrer die Kreide in den Blechkasten an der Tafel geworfen hatte und langsam seine Hände abstäubte, als wollte er sich bereit machen, den missratenen Adepten der Logik zu erwürgen, sagte der Junge trotzig:
„Rein akustisch habe ich Sie nicht verstanden, Herr Doktor.“ Der Lehrer schob die Ausrede mit einer wischenden Geste beiseite:
„Wir schließen daraus, dass es keine goldenen Zahlen gibt.“
Er legte seine Hände wieder hinter den Rücken und schritt durch den Gang. Müllermeierschulze würdigte er keines Blicks. Alle anderen musterte er, jeden einzelnen, mit feuchten Augen wie ein General seinen Landsturm vor der letzten Schlacht. Die Mädchen hatten es leichter als die Jungen. Sie lächelten ihn an und waren geschützt. Am Ende des Ganges sprach Dr. Mischok:
„Ja, das ist so.“
Er lehnte sich gegen die ölfarbene Wand. Ein braunes Kreuz, an das ein Aluminiumleib mit Bildernägelchen fixiert war, schwebte über seinem Haupt.
„Noch Fragen dazu?“ Jemand meldete sich, wurde aufgerufen und durfte eine Frage stellen:
„Warum sind goldene Zahlen zu nichts nütze?“
„Weil es sie nicht gibt“, entgegnete der Lehrer traurig, „außer der Null“, fügte er hinzu, „denn Null mal Null weniger Null mal Null gleich Null mal Null, und das ist zu nichts nütze.“
Ihm schien der Spaß verdorben. Der Schwung der ersten Minuten seiner Mathematikstunde hatte sich verbraucht. Dr. Mischok schritt sinnend zurück und öffnete ein Oberlicht.

Er blieb vor dem Fenster stehen und sprach gegen die Scheibe so leise, als schämte er sich. Er verlor sich in Betrachtungen über die Ästhetik, über Gefühl und Maß, darüber, dass man über Geschmack streiten müsse und dass, wer a sagt nicht b zu sagen brauche. Er kam auf die Alten zu sprechen, er zitierte Homer und den heiligen Paulus, jeweils in griechisch, so dass sich die Schüler entspannten und auf ihr Löschpapier zu kritzeln begannen. Über Umwege, auf denen ihm keiner folgte, erreichte er den goldenen Schnitt. Dr. Mischoks Hinwendung zur Klasse verlangte eine neue Anspannung von ihr. Fromme Taubenblicke versammelten sich vor seinem Mund. Er dozierte, dass die goldenen Zahlen eigentlich dazu hätten dienen sollen, Tempelgrundrissen Länge und Breite zu geben, zusammengesetzt aus ganzen Vielfachen einer gemeinsamen Einheit, dass daraus aber nichts geworden sei, weil Gott sich geweigert habe, goldene Zahlen zu erschaffen außer der Null, oder aber (er hob den Zeigefinger) sie nicht habe erschaffen können, weil über den Göttern und hinter ihnen das Schicksal, unwiderruflich wie die Logik, stehe und sich auch Gott danach zu richten habe. Seine Mundwinkel zuckten. Vor der Klasse auf- und abgehend, ohne Offiziersallüren, eher wie ein Kosak, der sein Pferdchen hinter sich herzieht, predigte er über sein Stiefelknarren hinweg von der Krise der griechischen Mathematik, der Inkommensurabilität goldener Rechtecke.
„Wie klein, so klein wie das Weltall groß, du eine Maßeinheit auch wählst, niemals“, der Doktor bestieg das Podium und verkündete das Ende des goldenen Zeitalters, dass den Schülern grauste,
„NIEMALS geht sie ganz in das Verhältnis des goldenen Schnittes auf.“ Zum ersten Mal in der Geschichte der denkenden Menschheit sei die Hoffnung auf das restlos Messbare zertrümmert worden, wie später noch öfters in der Geistesgeschichte. Im Gedenken an die griechische Mathematik, die am Widerspruch zwischen Gradheit und Teilerfremdheit zweier Zahlen, die den Tempelbezirk einer Gottheit hätten bemessen sollen, gescheitert war, stiefelte er im Trauermarsch durch den Gang zur Ölwand. Seine Stimme wurde dünner und riss gelegentlich, als müsste er sie über eine scharfe Kante ziehen. Die Unverhältnismäßig zweier Zahlen, die Nichterfüllbarkeit einer Gleichung, die er mit einer Waage verglich, brach ihm das Herz.

„Welche Gewichte a und b wir in die Waagschalen legen, immer senkt sie sich zu der einen oder anderen Seite.“ Dr. Mischok senkte und hob seine Schultern beim Spaziergang durch den Klassenraum, um den Kindern, die seinen Chaplin-Gang mit Kichern begleiteten, das bewegte Schicksal der Waage zu veranschaulichen. Der gestiefelte Lehrer straffte sich, als wäre ihm der Spott der Schüler die günstige Gelegenheit, ein neues Kapitel im Roman der krisengeschüttelten Mathematik aufzuschlagen. Sein Arm wies auf die Gleichung an der Tafel, auf die Kreidewaage, und flatterte vor begierigem Zeigen:
„Wir legen eine einzige Eins auf die eine oder die andere Schale und stellen neue Gewichte zusammen, die nun, richtig gewählt, die Waage austarieren.“
Er legte beide Arme in die Waagerechte und bemühte sich, sie ruhig zu halten. Er stand da wie der segnende Christus.
„Eine kleine Änderung des Problems, eine winzige Abweichung von unserer Idealvorstellung“, hier schnippte er mit den Fingern, faltete seine Arme und gönnte den Schülern (deren Lachsäcke beinahe geplatzt wären) ein tiefes Luftholen, „und wir erhalten Lösungen, soviel wir wollen. Mutanten der goldenen Zahlen sind solche, deren Quadratdifferenz gleich ist ihrem um Eins vermehrten oder verminderten Produkt. Wir wollen sie vergoldet nennen.“
Bei ´vermehrt´ und ´vermindert´ federte er in den Knien. Tränen unterdrückten Lachens fingen einige Schüler in den Schalen ihrer vor das Gesicht geschlagenen Hände auf.
„Hätten wir ein goldenes Zahlenpaar gefunden, wären auch ihr Maximum und ihre Summe ein goldenes Zahlenpaar. Darin läge der Keim für neue Generationen, wenn die erste Generation nicht unfruchtbar wäre. Die Null gebiert nichts als die Null, denn die größte unter den Nullen ist auch nur eine Null, und die Summe von Nullen ergibt wieder eine Null.“
Er ignorierte das Kichern, das schnell erstarb, als er drohend den Finger hob und damit in die Luft stach.
„Nun durchbrechen wir den Kreislauf der Null, der runden, weichen, vollkommenen Null“, dabei machte er eine Bewegung mit beiden Händen, die unkeusche Vorstellungen wachrief. „Wir durchstoßen sie mit der spitzen eisernen Eins. Eine einzige Eins, der einen oder anderen Seite zugerechnet, und wir setzen eine unendliche Progression in Gang. Nennt Lösungen! 0 und 1“, gab er sich selbst zur Antwort, „am Anfang waren die Null und die Eins, Adam und Eva, 1 und 1, 1 und 2, 2 und 3, weiter: 3 und 5 und weiter: 5 und 8, weiter: 8 und 13, fahr fort!“ befahl er einem Schüler in der ersten Bank und gab jedem auf, Maximum und Summe der Zahlen zu nennen, die der Vorgänger hatte aufsagen müssen. Er ruhte in seinem Rausch nicht eher, bis jeder in der Klasse seinen Beitrag an vergoldeten Zahlen geliefert hatte. Die letzten durften Papier und Bleistift zu Hilfe nehmen. Er tröstete sie milde mit der Versicherung, dass sich die Zahlen wie die Karnickel vermehrten. Dann hatte Dr. Mischok sich erschöpft. Er sog an der kalten Pfeife, schritt zum Fenster und öffnete es. Flugzeuggrummeln, Vogelzwischern, der Schrei einer Kreissäge, das Klappern von Kannen, Rufe und rhythmische Musik – Alltagsgeräusche halfen, die Anspannung zu lockern. Nachdem sich der Lehrer erholt hatte, begann er von Neuem:

„Nehmt zwei beliebige Zahlen größer als Null, beliebig groß, beliebig weit auseinander.“ Er spreitete die Arme, als wollte er sich zerreißen. Er faltete sie wieder und reckte nun seinen rechten Arm so weit in die Höhe, wie er sie auf Zehenspitzen nur erreichen konnte, und knickte seine Hand, ein Vogel Strauß.
„Nehmt dann die größte unter ihnen und ihre Summe, macht also aus der größeren die kleinere und die Summe zur größeren!“ Er reckte die Arme empor, ein unsichtbares Hebopfer darbringend. „Die Quotienten je zweier Zahlen, die ihr so gewinnt, nähern sich dem wahren Verhältnis des goldenen Schnitts. So betrachtet sind beliebige zwei Zahlen auch immer vergoldete Zahlen, denn je zwei tragen in sich den Keim großer Harmonie, wie ungestalt ihr Verhältnis anfänglich auch sein mag. Das ist Demokratie im Reiche der Mathematik. Ich habe immer Respekt gehabt vor euch Gören aus der Kleinstadt, und ich habe diese Kleinstadt mit all ihren Fanfarenzügen und Bierzelten, mit ihren Traktoren und Gebetsbüchern nie verachtet. Denn einer ist vielleicht unter euch Flegeln, der ein Großer wird, ein Genie in der Kunst oder der Wissenschaft oder im Umgang mit der Macht, gleichgültig aus welchen Verhältnissen sie kommt – oder er. Das wollte ich euch Gipsköpfen, die ihr nichts verstanden habt, auf den Weg geben: Die Verhältnisse sind nicht starr, und nichts ist vorbestimmt. Ihr seid immer in einer Progression, und welche Enden euch in die Hände gelegt sind, ihr könnt sie zusammenfügen, ihr könnt es versuchen!“

Er war überwältigt von der potentiellen Harmonie je zweier Zahlen und von seiner Schlussfolgerung daraus für das Leben. Dieses Mal hielten sich die Schüler mucksmäuschenstill. Er sah in die Runde, als es schellte.
„Ich könnte Euch noch Vieles sagen, aber wir wollen die Kirche im Dorf lassen.“
Dr. Mischok kam nicht mehr dazu, die beiden Enden seines Schicksals zu verknoten. Denn diese Predigt zum Ausklang des Schulsemesters war seine letzte. Er kehrte aus den Ferien nicht zurück, weil er in den Alpen der Schwerkraft gespottet hatte. Ihm blieb keine Zeit, den Abgrund durch Maximieren und Summieren der Endlagen in Harmonie aufzulösen. Sein Flug war unfreiwillig, aber seine Bahn optimal. Auf dem Grabstein lese ich: Felix Mischok, 1910 – 1962, Poesis Doctrinae Somnium.

Der Cameo-Mann

von Jürgen Jesinghaus (copyright)

Ein Mord. Sie dürfen auch ein anders Verbrechen annehmen oder eine Pikanterie, auch etwas Perverses. Es läuft auf dasselbe hinaus, weil es nur auf die Bank ankommt. Verstehen Sie das? Lügen Sie nicht! Sie können es jetzt noch gar nicht verstehen (aber behalten Sie trotzdem die Bank im Hinterkopf). Ich meine die Sitzbank am Weg neben einer Schwarzpappel gegenüber der alten Maschinenfabrik, dem heutigen Museum für Zeitgenössische Kunst (Haupteingang Otto-Braun-Allee).

Brosheim besucht es wegen der Objekte, die eine Karriere durchlaufen haben: wegen der zur Kunst erhobenen Funktionsteile. Ich erinnere mich an eine Bohrmaschine und einen Zweischeibenschleifer, blutrot gestrichen, und an eine Schalttafel aus Marmor mit ihren schwarzgeränderten Kontrolluhren – gediegene Industriearbeit, durch die sich Künstler beeindrucken lassen. Ja, der Künstler neidet Ingenieuren den Formenreichtum.

Die Maschinenhallen – gekälkte Betonsäulen unterteilen sie in Haupt- und Seitenschiffe – prunken mit Weiß. Nur der Zementboden und seine aufgesogenen Ölflecken blieben unbehandelt (abgesehen davon, dass die Löcher zugeschmiert wurden). Hier atmen Sie eine Ruhe, dass Sie jeden Handy-Klingelton als Verbrechen gegen die Menschlichkeit empfinden. Sie spüren die Weite einer leergeräumten Fabrik. Sie riechen gewissermaßen das Meer. Weiß beherrscht alle Farben. Verschneite Stille. Aus ihr stoßen Gegenstände hervor, schwarz im Kontrast zur Tünche. Lampen strahlen auf Objekte oder sind selbst strahlende Gebilde, die einen Scheiterhaufen, glühende Liebe, eine Bücherverbrennung oder die Erleuchtung darstellen. Neonreklame als Sinnbild der Moderne (oder Postmoderne, drauf geschissen). Tapetenrollen und Styroporklötze liegen umher. Aus ihnen wird sich Kunst entwickeln, hochmütige Kunst, die Botschaft nur andeutend, für Eingeweihte bestimmt. Sei orphisch! O, du, der du die des das Göttliche der Industrieprodukte innewerdenden Künstlers Werke erschauest, erschaudere! Ich nehme an, Sie verstehen jetzt die Beschränkung auf anspruchslose Werkstoffe (Hochmut und Bescheidenheit widersprechen sich nicht): Umzugskartons, zweckwidrig gefaltet und aufgetürmt, Transportbänder aus Gummi, an äquidistante Haken gehängt, eine aus Holz gezimmerte Hose, drei acrylbemalte Matratzen: Triptychon. Amen. Die Objekte erlauben, gedeutet zu werden. Kunst ist nichts ohne den Betrachter, darum obszön (sagen die einen), langweilig (die anderen), nützlich (die Kunsthändler), authentisch (die Klugscheißer).

Was aber hat das mit Mord zu tun? Dass in diesem buddhistischen Museum, in dieser Schneelandschaft voller Exponate aus Papier und Federn, keiner verweilt, außer der ehrenamtlichen Frau an der Kasse, wo früher die Stechuhr stand, und außer Brosheim (den ich bereits erwähnt habe) – das hätte mit Mord nichts zu tun? Läuft keiner durch die Hallen, mit der Axt der Werksfeuerwehr bewaffnet, und schlägt aus der Kassiererin die Farbe Rot heraus? Brosheim hätte die Bohrmaschine rostig und ihre Transmissionsriemen lederbraun gelassen!

Er betritt im 2. Stock ein Ausstellungszimmer, das frühere Büro des Schichtmeisters, das der Besucher als Gesamtkunstwerk verstehen möge. Thema: Medium, Wirklichkeit und Illusion. Die Welt als Matrix? Ist Illusion nicht übertrieben? Zu nihilistisch? Buddhistisch? Sollte es nicht besser heißen: Wirklichkeit und Erkennen oder am besten – Wahrnehmung? Sie fragen zu viel, entweder Sie halten die Schnauze oder sagen: Fluxus! Der Künstler Melander von Holzapfel nennt das Zimmer „Trojan Room Coffee Pot Room“ zu Ehren einer Installation der 90er Jahre im Rechner-Labor der Universität Cambridge (UK). Und aus noch einem Grund: „Bei aufmerksamer Betrachtung des auf den Monitor übertragenen Bildes erkennst Du eine Kaffeemaschine“ (duzen wir uns?). Der Besucher wird aus seiner Lethargie gerissen und aufgefordert zu handeln: „Notiere Deine Entdeckung auf ein Formular (Du findest es im Korb am Eingang) und nimm an der Auslosung teil! Hauptgewinn: Kaffeemaschine des weltbekannten Küchengeräteherstellers.“ Ich will nicht zu viel verraten, darum sage ich nur: Kiosk. Was Brosheim zu diesem Zeitpunkt allerdings nicht weiß: Der Coffee Pot im Trojan Room der besagten englischen Universität wurde durch eine Webcam ins Internet übertragen. Hätte er das gewusst, wäre er nicht wie ein Kind gaffend vor dem Fernsehapparat stehen geblieben, um auf die Außenwelt zu starren (und hätte auch sonst einiges unterlassen).

Das Opus im 2. Stock besteht aus einem weißen Stuhl, einem handelsüblichen Fernseher, zwei Netz-Strippen, einem Koax-Kabel und einer Videokamera, die an einem Draht unter der Decke hängt, auf ein schmales horizontales Fenster nach außen gerichtet, so dass ihr Objektiv auch die von der eingangs erwähnten Bank (Sie erinnern sich hoffentlich) ausgesandten Photonen einfängt und über eine im Fernseher verborgene quantenelektrodynamische Vorrichtung auf die Mattscheibe schickt. Brosheim, der gaffend davor steht, sieht folgendes (bei ´gaffen´ und ´sehen´ brauche ich die epistemologischen Probleme, die mit dem Prozess des Wahrnehmens einhergehen, nicht zu erörtern, habe ich Recht?): Ein Stück Weg, links einen Kiosk, rechts die Bank, in der Mitte eine Bogenlampe und davor einen Papierkorb. Links oben ragt der Ausleger eines Krans ins Bild, rechts der Ast einer Schwarzpappel. Im Hintergrund Buschwerk am Kanalufer und dahinter: Mietshäuser. Das Alltägliche wird von außen in den Rahmen des Monitors gepresst und dort zu einem Weltbild gemacht. Der Ausschnitt ist es, der zur Betrachtung zwingt. So würde ihn Brosheim fotografieren. Vielleicht ein bisschen mehr nach links. Etwas mehr vom Kran täte gut, etwas mehr vom Kiosk mit seinen bunten Auslagen. Im Windzug, der durch das offene Fenster streicht, erzittert das Bild. Nur ein kleines Gefälle im Luftdruck und schon schwanken die Mietshäuser. Der Wind (ein kürzeres Wort für Luftdruckgefälle) mischt sich in die Quantenelektrodynamik der CCTV-Anlage und in Brosheims Neuronenpudding.

Ist der Besen an der Treppe neben dem roten Feuerlöcher, der das vergossene Blut einer ehrenamtlichen Dame entbehrlich macht, ein Objekt im Sinne der Kunst? Brosheim scheint ihn für kein Kunstwerk zu halten. Denn er nimmt ihn, fegt damit über die Mattscheibe, führt ihn am Koax-Kabel entlang und stößt die Borsten gegen die Videokamera am Fenster! Er kann aber nicht beides zugleich: Die Kamera schaukeln und und auf den Monitor glotzen. Denn der Bildschirm ist fensterabgewandt und die Quadratwurzel aus dem Verdrillungskoeffizienten des Drahtes, der die Kamera hält, so groß, dass Brosheim zwischen Objektiv und Monitor oszilliert, um den Bereich neben der Bank zu sichten. Schon nach der zweiten Schwingung sieht er nur noch den Rand der Schwarzpappel. Was hinter der Pappel stattfindet, bliebe ihm ohnehin verborgen, obwohl gerade dort das Unerhörte geschieht. So war es wohl geplant, dass man das Pikante oder Schreckliche hinzudenken muss! Das Unter-den-Rock-greifen oder In-die-Hose-packen passiert sowieso erst in der Dämmerung, sommers nach 10 Uhr. Da ist das Museum längst geschlossen, die Kamera ausgeschaltet. Aber wäre sie eingeschaltet und kniete jemand unter der Laterne vor der Bank und bliese einem die Flöte, Voyeure in Delhi, Kapstadt und Rio könnten es beobachten, wenn auch undeutlich (darauf komme ich noch zu sprechen).

Nachdem Brosheim den Besen fortgestellt hat, des Spiels müde, untersucht er den Fernseher, ob seine Wackelbilder aufgezeichnet würden, ob also ein Recorder eingebaut ist. Nein? Nein. Das widerspräche der Philosophie Melanders von Holzapfel, der da spricht: Der Weise nimmt, ohne festzuhalten – wie ein Spiegel. Ich denke, der Künstler meint: Je mehr man weiß, desto weniger weiß man (wenn das Sloterdijk geschrieben hätte, bekämen Sie es bei jeder Vernissage auf die Ohren). Nicht so blöd, wie es sich anhört? Informationsüberreizung? Nun, vor diesem Bildschirm kann von Überreizung nicht die Rede sein, eher vom Gegenteil. Deshalb will sich Brosheim selbst auf die Bank setzen und in der Nase bohren und vortäuschen, als wüsste er nichts von der Innenwelt des voyeuristischen Museums. Oder den nächsten Jogger erschlagen, auf die Bretter betten und genüsslich verbluten lassen. Oder der nächsten Bankangestellten auflauern und hinter die Schwanzpappel zerren (Sie haben Schwanzpappel gesagt! Na und? Sie Amateurpsychologe), also meinetwegen auf die Bank werfen und so richtig, mal so richtig …

Da! Das ist der Mann. Er geht in jedem Film durchs Bild. Er kommt aus einem Haus und biegt in die Straße, oder er verlässt das Hotel, wenn der Held es gerade betritt. Das ist der Cameo-Mann, der mit dem Popelinmantel und dem Hut. Als ginge er zufällig vorüber, während die Heldin und der Protagonist im Vordergrund streiten (oder sich küssen). Der berühmte Cameo-Mann. Meistens trägt er eine Tasche unterm Arm und bewegt sich, ohne in die Kamera zu blicken, als gäbe es sie nicht, von links nach rechts (oder von rechts nach links). Manchmal ist er der Regisseur persönlich, manchmal nur ein Statist, ein Mensch, der Theaterwissenschaften studiert hat und sein Können, seine Weltanschauung, ja die Philosophie des Theaters selbst darein legt, einen Angestellten zu mimen: Wie ein Bibliothekar, der eine Frau und zwei Kinder ernährt, von der Bus-Haltestelle kommend durchs Bild läuft. Es gibt Menschen, sensible Naturen, die nur ins Kino gehen, um den Cameo-Mann zu sehen. Das sind die wahren Cineasten! Sie kommen nur wegen dem Cameo-Mann (ja doch, wegen ´des´ und natürlich auch wegen der Cameo-Frau). Die Cameo-Frau, das ist die auffällig unauffällige Dame, die vor einer Buchhandlung steht und die Auslage studiert, während der Hauptdarsteller hinter ihrem Rücken vorüberläuft und „Taxi“ ruft. Oder just die Dame, die das gläserne Türblatt zum Restaurant aufstößt. Und im Spiegelbild der aufgeklappten Glastür sieht der Cineast, wie der Held ein Auto besteigt und losbraust. Das Auto, das Cameo-Auto, es steht nie im Halteverbot.

Der Cameo-Mann betritt von links das Fernsehbild, bleibt nicht am Kiosk stehen, wirft nichts in den Papierkorb, er schreitet an der Bank vorüber und verschwindet. Brosheim harrt vor dem Monitor aus. Er wartet auf ein optisches Nachbeben wie der Rufer auf ein Echo. Da kehrt der Mann zurück und schaut ihm blank auf die Augen. Brosheim erschrickt. Der Cameo-Mann weiß, dass hier, obwohl von außen schwer erkennbar, eine Video-Kamera hängt! Brosheim kann nicht erkannt werden, aber anders, als wenn ihm ein Blinder seine Augäpfel zugedreht hätte. Unheimlicher.

Er verlässt Hals über Kopf das Museum, ohne sein ausgefülltes Formular bei der Kassiererin abzugeben (dabei hätte er eine Kaffeemaschine dringend gebraucht). Kaum zu Hause, wirft er sich vor seinen PC und ruft die Homepage des Museums auf, denn er gehört zu denen, die sich post festum informieren und dann beschließen, das Versäumte nachzuholen (es aber doch nie tun). Ist Brosheim darum ein Besessener, der die Webcams der Hauptstädte anklickt, um beispielsweise festzustellen, ob sich in London ein Selbstmörder ins Paradies sprengt? Ist er ein „Nerd“, der rund um die Uhr, zur Bürozeit und nach Mitternacht, im Internet surft? Nein. Wäre er sonst überrascht darüber, dass eine Webcam namens „I see U see“ im Trojan Room Coffee Pot Room installiert worden ist? Brosheim wird zum Peeping Tom, Teil einer Peep Show mit künstlerischem Anspruch. Er beugt sich dicht vor den Bildschirm seines PCs, wie ein kurzsichtiger Autofahrer über das Lenkrad, und sieht den Fernsehapparat und darauf mehr ahnend als erkennend den Kiosk und die Bank.

Da! Der Cameo-Mann! Erkennbar an Hut und Popelinmantel. Er betritt den Trojan Room Coffee Pot Room und verhält sich so wie Brosheim. Aber statt des Besens benutzt er einen aufklappbaren Zollstock, den er aus der Manteltasche gezogen hat. Dann dreht sich der Cameo-Mann jäh um, als spürte er Peeping Toms Blick im Nacken. Er sieht Brosheim wieder auf die Augen, so unvermittelt (obwohl Maschinen als Mittler zwischengeschaltet sind), dass Brosheim zurückschreckt und sich gegen die Lehne seines Stuhles drückt. Der Cameo-Mann nimmt den Hut vom Kopf, grinst, springt zweimal hoch und stülpt ihn beim dritten Versuch über die Webcam. Nacht auf Brosheims Bildschirm.

Brosheim wähnt, der Mann verfolge ihn. Darum ruft er sich Gründe ins Bewusstsein, die ihm beweisen, dass der Cameo-Mann ihn gar nicht kennt und darum auch nichts unternimmt, was auf ihn, Brosheim, zielt, auf ihn alleine. Je mehr ihn die eigenen Argumenten überzeugen, desto stärker wird sein Verdacht, dass der Cameo-Mann nichts demonstrieren, sondern etwas verbergen will und daher seinen Hut, dessen Schweiß-Geruch Brosheim zu riechen glaubt, über die Webcam hängte. Vielleicht möchte er eine Kassette oder eine Scheibe stehlen, die einen verräterischen Vorgang aufgezeichnet hat, ein den Cameo-Mann belastendes Verbrechen. Hat er die Leiche eines hingeschlachteten Joggers auf die Bank gelegt oder eine Bankangestellte gegen ihren Willen genagelt? Weiß man es?

Die Lokalnachrichten, die ihn nie interessiert haben, sind ihm heute wichtiger als der Lokführerstreik, die Rente ab 67 und die Frauenfußballweltmeisterschaft. Sogar die Drohung Sönke Wortmanns, einen Film nationaler Größe zu drehen, mit Prinz im Sturm und Angerer im Tor, erscheint ihm nebensächlich. Brosheim verschlingt Schlagzeilen: Gemeindebücherei schließt, Patronatsfest der Hubertus-Schützen, Rockkonzert im Jugendzentrum, buntes Programm beim Schwerhörigenverein, Bankangestellte auf dem Heimweg misshandelt (aha!) in der Maldoror-Straße (ach so), autogenes Training in der Volkshochschule, Spargel schälen für den guten Zweck, gestern in den späten Abendstunden wurde in den Kiosk an der Otto-Braun-Allee eingebrochen.

Das muss es sein! Die Allee ist lang. Wer am Bahnhof beginnt und bis zur Gartenstadt wandert, kriegt Blasen, bevor er am Stadion anlangt, obwohl er zwischendurch an den Ampeln der Ringstraßen warten muss. Jede Kreuzung hat ihren Kiosk. Also welcher Kiosk genau! Und bitte: Was sind die späten Abendstunden? Etwas präziser dürften Lokal-Reporter sein, gerade sie, die Anfänger, die noch nicht von der Weltpolitik übermannten Vorort-Journalisten.

Brosheim muss es genau wissen. Alle Überwachungs-, Verbreitungs- und Kunstmaschinen nützen ihm gar nichts. Er will Gewissheit. Er fährt mit der Tram zur Haltestelle „Zeitgenössisches Museum“ und biegt in den Yoko-Ono-Weg. Aus den Augenwinkeln schielt er auf den Kiosk. Im Vorübergehen erkennt Brosheim keine verbogenen Riegel, kein zerbrochenes Glas, kein gesplittertes Holz, keine Lücke in der Auslage (aber auch keine Kaffeemaschine). Er wagt nicht stehenzubleiben oder um den Kiosk herumzulaufen. Man könnte ihn für den Täter halten, der an den Tatort zurückkehrt. Er geht weiter – und kann den Drang, nach rechts zu schauen, nicht unterdrücken. Er sieht hinüber zum Museum, der alten Fabrik.

Der Künstler Melander von Holzapfel trägt einen Popelinmantel und einen Hut (auch in geschlossenen Räumen). Die Bürgerlichkeit ist eine Attitüde: Ihr wisst nicht, wie bedeutend ich bin, ich gehe unerkannt in eurer Mitte, ich bin Jesus Christus. Melander sieht, wie Brosheim herüberblickt, ihm direkt auf die Augen. „Der weiß, dass hier eine Video-Kamera hängt!“ spricht er zur Leiterin der museumspädagogischen Abteilung. „Ja, die Leute lieben Dich, Mel! Sind ganz verrückt nach Dir!“

Baldeney

von Jürgen Jesinghaus (copyright)

Viele Gäste merkten es nicht und schauten fortgesetzt in die Richtung, wo das Personenschiff aus Heisingen am bewaldeten Ufer entlang auf die Anlegestelle zuhielt, die nahe der Terrasse des Gartenlokals „Baldeney“ in das Wasser ragte. Spaziergänger machten sie darauf aufmerksam, dass die dünne, verschwebende Rauchsäule bei Werden mit dem Böllerschuss zu tun haben musste, den fast alle gehört, aber niemand ernst genommen hatte. Einige mutmaßten, ein Düsenjäger habe die Schallmauer durchbrochen. Den Luftzug schrieben sie einer kühlenden Brise zu, auf die jeder an diesem mückendurchtanzten Sonntag wartete. Der Sog machte sich zuerst hinter den Uferbüschen auf den betonierten Radwegen bemerkbar: Was ruhraufwärts fuhr oder ging, blieb stehen und wandte sich dahin, wo der Rauch verwehte. Weiter nach Werden zu setzten sich Menschen in Bewegung. Einige liefen. Blaulichter blitzten.

Als die Martinshörner herübertönten, saß niemand mehr auf der Terrasse. Die Menschen drängten zu dem Geländer, das die Betonplatte, auf der die Gartenmöbel drapiert waren, vom gekräuselten Wasser trennte. Keiner achtete auf die Wasserfläche unter ihnen, keiner auf den Heisinger Dampfer, der die Anlegestelle erreicht hatte. Erst als er ablegte und kurz danach, keine zwanzig Meter von der Terrasse entfernt, mit der Schraube das Wasser verquirlte und sich offensichtlich anstrengte, die letzten Minuten ungeschehen zu machen und Heck voran zurückzufahren, lenkte er die Aufmerksamkeit der Menschen von den unbekannten Werdener Vorkommnissen auf sich und die beiden Männer, die in ihren weißen Uniformen über das Deck liefen, der eine zum Bug, der andere zum Heck, und in der Mitte zusammentrafen und dann im Schiffsinnern verschwanden. Die Passagiere waren noch nicht unruhig geworden, einige hielten sogar die Augen geschlossen und sonnten sich. Erst als das Schiffchen nach vorne sprang, unerwartet auch für die am Geländer drängelnden Beobachter, und dann hart backbord gesteuert wurde, so dass es kurzfristig in eine bedenkliche Schieflage rutschte, entstand der Tumult an Bord, den ein Lautsprecher zu übertönen versuchte.

Der auch auf der Terrasse hörbaren Aufforderung zur Ruhe waren keine weiteren Informationen beigemengt, denen man hätte entnehmen können, warum das Schiff dieses riskante Manöver ausführte, aber allen schien klar zu sein, dass es mit den Blaulichtern zusammenhing, die über Werden zuckten. Das Schiff strich in einem engen Bogen, eine Schleppe von Wasserblasen hinter sich herziehend, den offenen See meidend, als hätte sich das gewohnte Element in Säure verwandelt, zur Anlegestelle zurück. Die Besatzung war damit beschäftigt, das Boot zu vertäuen. Selbst als der letzte Passagier es verlassen hatte und der erste auf der Terrasse eintraf, um sich unter die Neugierigen zu mischen, wurden noch Taue herbeigeschleppt und zwischen Deck und Ufer gespannt und an allem befestigt, was herausragte und festen Halt versprach, als sollte das Boot verpuppt werden und an dieser Stelle überwintern. Das Wasser des Baldeneysees glitt dahin, kaum merklich (dennoch ungewöhnlich für einen gestauten Fluss).

Soviel sickerte durch: Kein Schiff durfte den See befahren. Die Kapitäne mussten ohne Wenn und Aber am nächsten Punkt festmachen. Gerüchteweise hieß es sogar, sie hätten Befehl, ihre Boote auf die Uferwiesen zu setzen. Zum ersten Mal hörte man: Kernkraftunfall, ABC-Alarm. Alte Menschen wollten den Ausbruch des dritten Weltkrieges nicht ausschließen. Gäste bedrängten die Serviererinnen, Taxis zu bestellen. Allen war unheimlich zumute, dabei hatte sich das Panorama nicht verändert. Der blaue Himmel wurde durch keine Flamme überstrahlt. Trotzdem fühlten sie sich getroffen wie von einer tödlichen Dosis aus einer Radioquelle, z.B. einer havarierten Bombe oder einem zerbrochenen Reaktor, den man immer für ein Kohlekraftwerk gehalten hatte. Auf den See achtete niemand. Pappbecher, Papierschnitzel und Blätter schaukelten auf das Stauwehr zu.

Der Rudergänger der „Bredeney“ hielt krampfhaft das Steuer, bewegte es aber nicht. Er starrte durch den Regen, der gegen die Brückenscheibe klatschte, auf den Rauch und den Staub und die unbegreifliche Veränderung des gewohnten, durch die Mauerkrone streng geteilten Panoramas. Erst als die Stein- und Stahlbrocken auf die Blechhaut des Schiffes krachten, riss er das Ruder herum, um die Endstation am Stauwehr anzulaufen, die er aus den Augen verloren hatte. Zu spät. Das Boot setzte sich zwar quer zur Fahrtrichtung, aber ohne Schwung, ohne Neigung gegen den Bogen, der die Anlegestelle berühren sollte, es blieb, möchte man sagen, hochbeinig im Wasser stehen, zitterte, dann knickte es wie ein Fohlen ein und rutschte langsam seitwärts zum Wehr oder besser gesagt, zu dem Ort, wo es sich befunden hatte, wo jetzt aber ein Loch klaffte.

Die Brücke war voller Schreie. Der Rudergänger wusste nicht, wer schrie, ob er selbst oder der Skipper, der seinen Kopf durch den Niedergang steckte und seinen Kollegen durch runde, hasserfüllte Augen ansah, so voller Seele und ohne jeden Verstand. In dem Geschrei, das auf den Steuermann eindrang, das auch aus ihm selber kam, das ihm noch nachhing von der Explosion und nun vermischt wurde mit dem Hämmern der Stahl- und Steinbrocken, dachte er nur: Du musst still sein, du musst die Fliege in der Kombüse hören, stell vor allen Dingen den Motor ab. Er tat es und schaute abwechselnd auf den Bug und das Heck, während er mit einem kurzen, harten Schlag die Hand des Kapitäns fortschlug, der in grapschender Hast den Maschinenhebel umwerfen wollte, um den Motor wieder anzustellen. Die Schraube hätte das Schiff in den Strom gebracht und sich nach ihm ausgerichtet wie eine Eisennadel im Magnetfeld.

Die Passagiere hatten sich auf den Boden geworfen. Der Strom, der die Bruchkante wie Glas überwölbte, täuschte strudellose Sicherheit vor. Ein Ehepaar sprang Hände haltend über Bord. Die Körper klatschten gegen den Schiffsrumpf und wurden in den Wasserfall gespült. Das Heck dröhnte gegen Beton und kratzte über Stahl und Stein, bis der Bug an der anderen Seite des Lochs gegen die Mauer prallte. MS „Bredeney“ versperrte die Öffnung. Das Wasser schoss über die Reling. Bänke und Stühle strudelten zwischen den Passagieren und verletzten sie an Knien und Händen. Das Schiff neigte sich in den Strom und nahm Wasser über. Dann gab es einen Augenblick, wo es an der Mauer klebte und einen stabilen Zustand erreichte. Es würde langsam mit dem Wasserspiegel nach unten schrammen. Jeder Vorsprung konnte kritisch werden. Jetzt musste Hilfe kommen. Ein blödes Lächeln verzerrte das Gesicht des Rudergängers. Er kehrte es gegen den Kapitän, der beim Aufprall des Bugs in eine Ecke geflogen war.

Der Rudergänger versuchte, die Personen auf der Mauerkrone zu erkennen. Dazu musste er das Steuer loslassen. Er packte eine Strebe und zog sich in eine günstige Position. In gehöriger Entfernung vom Loch standen Polizisten. Und die Zivilisten waren vermutlich Leute von der Presse. Seine Frau hätte es nicht so schnell hierher geschafft. Die Lage des Schiffes veränderte sich kaum. Er griff wieder nach dem Steuer. Aber ihm fiel ein, dass er es nicht bewegen sollte, denn er konnte nicht berechnen, mit welcher Kraft der Strom auf das Ruderblatt drücken würde. Er tastete nach dem Funkgerät. Es war abgestellt! Er schaltete es ein und meldete sich.

Polizisten räumten die Terrasse mit der Autorität von Engeln. Ihre Gesichter drückten die Überlegenheit aus, die ihnen über Zivilisten gegeben war. Sie forderten höflich, keinen Widerspruch erwartend, die Menschen auf, sich zu entfernen. Fragen nach dem Ausbruch des Krieges beantworteten sie mit einem angedeuteten Lächeln, Fragen nach dem Grund ihres Einsatzes mit der Aufforderung: Gehen Sie! Die Reizbarkeit der Offiziere: Machen Sie schon, verlieren Sie keine Zeit! Der alte Mann, den zwei Uniformierte fortschoben, erinnerte sich, dass die Soldaten aus den Kasernen nach dem Bombenangriffen so zu ihnen gewesen waren, reizbar und versöhnlich in einem, leise und doch zu Befehlen aufgelegt. Aber damals, nach ihrer Ankunft, da war schon alles vorüber gewesen. Sie hatten älter gewirkt, verlebt, und sie hatten Stahlhelme aufgehabt. Der Greis empfand es angenehm, dass die jungen Leute an diesem schönen Nachmittag keine Helme trugen. Er lächelte ihnen dankbar zu und einer sagte ihm: „Es ist wegen dem Unfall am Stauwehr.“ „Hier auch?“ fragte der Alte beschwichtigend. „Es muss leider sein“, sagten sie ihm, „gehen Sie, bitte.“

Der Helikopter flog von Kupferdreh über das Wasser. Die Rotoren zerzausten es wie ein Fell, als er sich wackelig auf die Terrasse setzte. Ein Mann im Overall stieg aus und lief gebückt ins Restaurant. Ein Uniformierter duckte sich unter den Rotoren und warf Gepäckstücke und Geräte in den Heli. Die Maschine schwirrte zum ehemaligen Stauwehr. Die Menschen drängten sich durch den Wald zum Ufer, um die Ereignisse drüben besser verfolgen zu können. Man ließ sie gewähren.

Der Rudergänger bekam als einziger das Seil zu packen. Er hatte über Funk erfahren, wie man es gebrauchen muss. Er nutzte die Information, sich selber einzuklinken und hochziehen zu lassen. Er hatte vergessen, dass die Walkie-Talkies nicht mit dem Bordlautsprecher verbunden waren, und deshalb die Anweisungen nur als eine für ihn bestimmte Botschaft aufgefasst. Er hatte einfach nicht daran gedacht, wie er bei den Verhören immer wieder beteuern würde. Er war sich keiner Schuld bewusst. „Feigheit war es schon gar nicht, schließlich habe ich das Schiff und die Menschen zu retten versucht, hätte ich damals den Motor nicht ausgestellt, wären alle ertrunken.“ Fragen nach seiner Schuld wurden stets am Rande gestellt, nebenbei, wenn er die Vorkommnisse an Bord bis zur ersten Explosion detailgenau schildern sollte.

Bereits im Abflug, zwei Kilometer von der Bresche entfernt, kurz vor der Terrasse, wurde der Hubschrauber gepackt und nach oben gerissen. Er torkelte kilometerweit durch einen Orkan und stürzte in das Buschwerk des Ufers auf der anderen Seite. Die Besatzung nebst dem einzigen Geretteten von der „Bredeney“ kamen mit dem Leben davon. Es musste ihnen wie ein Glück erschienen sein, dass der Heli erst explodierte, als die Feuerwehr sie geborgen hatte. Das Schiff war fortgeblasen, der See ein Strom geworden. Landungsbrücken, Segelschiffe, Boote trieben auf ihm und wurden im Werdener Malstrom zerschmettert. Die zweite Explosion hatte das Wehr bis auf den Grund der Ruhr gespalten und den größten Teil verdampft. Jemand, der eine Kamera vom Balkon seiner Wohnung auf die Staumauer gerichtet hatte, filmte den Augenblick der zweiten, der größeren Detonation.

Der Film wurde in den folgenden Wochen von allen Sendern der Welt, einschließlich Al Dschasira, ausgestrahlt und jede Phase der Explosion in Standbildern gezeigt. Von einem Schiff war nie etwas zu sehen. Jeder Fleck, jeder Punkt wurde untersucht, löste Diskussionen in Instituten und Expertenrunden aus. Das Schiff blieb verschwunden. Zeitungen und Illustrierten überboten sich, den ersten Moment nach der Explosion zu zeigen. Kein Schiff. In amerikanischen Medien tauchten Bilder auf, in die ein Geisterschiff hineinretuschiert worden war, ein fliegender Holländer, eine transparente „Bredeney“ auf Himmelfahrt, in mystischer Vereinigung mit dem Chaos. Der Amateurfilmer stand bis kurz vor seinem Tod auf der langen Liste Verdächtiger (Nero-Syndrom). Er wurde erst gestrichen, als sich herausstellte, dass er noch auf dem Krankenlager, in Unkenntnis seines Zustandes, versucht hatte, einen Prozess anzustrengen, weil ihm 2 Million Euro für den Verkauf aller Rechte zu wenig waren.

Das spurlose Verschwinden des Schiffs schürte Vermutungen, der Sprengstoff sei an Bord gewesen. Der gerettete Rudergänger wurde immer wieder dazu gehört. Seine letzten Tage in einer Münchener Spezialklinik verbrachte er damit, Fragen nach Gepäckstücken und auffälligen Personen zu beantworten – der Polizei, den Militärs, den Gerichten, der Presse. Als er starb, war er berühmt und reich. Seine Familie hatte für kurze Zeit ausgesorgt (sie starb drei Jahre später in Frankfurt).

Die Uferregion Werdens war plattgewalzt und mit Schlamm bedeckt worden, die Staustufe zerbrochen, Kettwig halb zerstört. Übrig blieb ein schwarzes Loch, durch das die Ruhr floss. Die Zahl der Toten wurde in der ersten offiziellen Verlautbarung auf über Tausend geschätzt, der materielle Schaden in zweistelliger Milliardenhöhe beziffert.

Der Essener Stadtrat war noch nicht zusammengetreten. Der Bürgermeister, als Repräsentant der Kulturhauptstadt Europas, hielt sich in Japan auf, der Stadtdirektor bei seiner Mutter in Köln. Die Dezernentin für Zentrale Dienstleistungen hatte soeben einen Krisenstab gegründet und mit ihm die Evakuierung einiger Gebäude an der Ruhr erörtert, als die Nachricht von der zweiten Explosion eintraf. Das Innenministerium sollte nun verständigt werden. Die Herrschaft der Telefone brach an. Pförtner wurden aus ihrem Dämmerzustand gerissen, von ihren Monitoren hochgeschreckt, von den ersten Sportnachrichten hinweg in die ungewohnte Pflicht, wichtige Persönlichkeiten zu Hause anzurufen, sich ärgerliche Fragen nach dem Grund der Störung gefallen zu lassen und ihnen etwas zu erklären, was sie selber kaum verstanden, etwas Absurdes, Unerhörtes. Immer gab es Überforderte, die vergessen hatten, sich ein Detail zu merken, das der hochgestellten Person wichtig erschien: Wer hat angerufen, können Sie den Namen buchstabieren, wie war der Rang, genauer bitte, wann, bitte präzise Uhrzeit, von wo, aus Essen, das weiß ich selbst, muss man Ihnen alles aus der Nase ziehen, fassen Sie sich kurz, ist das Wort Explosion wirklich gefallen, nun mal hübsch der Reihe nach, rufen Sie zurück, wenn Sie Genaues wissen!

Aus den Anrufen und quälenden Fragen, aus Feststellungen, Aufforderungen und hingekritzelten Notizen wob sich ein Informationsnetz, das allmählich die zuständigen Stellen miteinander verknüpfte. Polizei und Feuerwehr sperrten die Straßen im Ruhrtal unterhalb der Ruine des Staudamms. Alle Flussbrücken waren unbrauchbar. Darum wurde zwischen Werden und Essen eine Luftbrücke eingerichtet, um das Katastrophengebiet mit den Krankenanstalten der Stadt zu verbinden. Aus den Hospitälern drang erst am Abend des folgenden Tages die Nachricht von Verbrennungen, „als deren Ursache eine radioaktive Kontamination nicht ausgeschlossen werden darf.“ Die Leiterin des Krisenstabes starb nach einem Herzinfarkt im Feldlazarett des Technischen Hilfswerkes an der Straße nach Velbert.

Keiner wagte zu sagen, das Wehr sei durch eine atomare Explosion zerstört worden – bis auf den Standortältesten (genau gesagt: seinen Stellvertreter), der aus dem „Einsatz spaltbaren Materials“ seine Befugnis ableitete, den Notstand auszurufen, und das Ruhrtal (einschließlich Essen) zum militärischen Sperrbezirk deklarierte. Die inzwischen einberufenen Stadtgremien erklärten ihn für unzuständig, während die ersten Soldaten aus ihren Militärfahrzeugen heraus schon den Essener Hauptbahnhof, die Hauptpost, den Porscheplatz und den Saalbau besetzten. Ein Offizier und zwei Mann stürzten mit gezückten Waffen in die Schalterhalle der Deutschen Bank („wie die Franzosen anno 1923 oder der Hauptmann von Köpenick“, hieß es später). Er verhaftete den Filialleiter und setzte ihn bald wieder auf freien Fuß. Ob der Herr Offizier Geld benötige. Nein, nicht eigentlich, es sei jedoch etwas passiert, und er müsse dagegen Maßnahmen ergreifen, ein Zeichen setzen.

Das überstürzte Handeln des Majors Klein, der seinen erkrankten Vorgesetzten, einen Oberstleutnant, vertreten durfte, erregte den Argwohn, die Explosion sei auf einen Unfall der Bundeswehr zurückzuführen. Aus dem Umstand, dass keine US-Streitkräfte aufmarschierten, wurde geschlossen, das deutsche Heer verfüge über bis dahin geheimgehaltene Atomwaffen. Der Verdacht ließ sich auch nicht durch ein schnelles Statement der bayerischen Ministerpräsidentin entkräften (der Präsidentin des Bundesrats), die sich bei einer Wahlkundgebung in Vilshofen dazu äußerte. Die Verteidigungsministerin weilte bei einer Nato-Konferenz in Fort Lauderdale. Sie war, wenn auch spät, über die Essener Vorkommnisse unterrichtet worden, wollte aber zu den über die deutsche Botschaft geleiteten Informationen keine Stellung beziehen, kündigte jedoch ihre vorzeitige Rückkehr an.

Um dem Verdacht vorzubeugen, die forsche Machtergreifung könne mit einem Unfall zusammenhängen, den das Militär verantwortet, ließ Major Klein gegen den Willen der Stadtverordneten Ausländer internieren. Zu dem Zweck wurden in der Gruga Zelte und in den Messehallen Feldbetten aufgeschlagen. Der Militärsprecher: Die Internationale des Terrorismus habe zum ersten Mal Atomwaffen eingesetzt, um die Bundesrepublik zu erpressen. Auf die Frage eines Journalisten, wer dieser Major Klein eigentlich sei, entgegnete er, dass er große Stücke von seinem Chef halte und ihn als einen Mann kenne, der genau weiß, was er sagt. Ob er auch genau wisse, was er tut? Diese Frage sei „angesichts der großen Gefahr neuer Qualität auf das Nachdrücklichste“ zurückzuweisen. In ernster Stunde wirke Spott defätistisch.

Major Klein begann nun, Essener Bürger jüdischen Glaubens zu verhaften, mit der Begründung, Israel habe den Nonproliferationsvertrag nicht unterzeichnet und der mosaische Glaube sei mindestens wie eine zweite, nämlich die israelische Staatsbürgerschaft. Bei den verworrenen Verhältnissen im Nahen Osten könne eine Mittäterschaft des Mossads zur „erpresserischen Verhinderung des Exports von angeblich waffentauglichem Plutonium aus Deutschland an den Iran“ nicht ausgeschlossen werden. Die wenigen jüdischen Bürger Essens wurden in der Alten Synagoge an der Steeler Straße eingeschlossen und, wie der Major verlautbarte, mit allem Notwendigen, auch mit Fernsehapparaten, versorgt.

Zu seiner Rechtfertigung berief sich der Major auf den „Artikel 48 zur Wiederherstellung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung“. Als man ihm entgegenhielt, der Artikel habe in der Weimarer Reichsverfassung gestanden und direkt in die Hitlerei geführt, antwortete er, sein Hinweis müsse als Synekdoche (so drückte er sich aus) gedeutet werden, als knappe Zusammenfassung aller Notstandsgesetze von Weimar, Willy Brandt über Schily und Schäuble bis zu den heutigen Hütern nationaler Sicherheit. Er verfüge leider nicht über die Muße, jedem Journalisten gegenüber seine Maßnahmen zu begründen. Als Rudolf Orenstein in der Neuen Ruhrzeitung schrieb, Major Klein sei geistesgestört, wurde der beliebte Kolumnist verhaftet, sein Blatt verboten.

Der Major ignorierte den Beschluss der Bundesregierung, die militärische Aktion unverzüglich abzubrechen, und teilte mit, er gehorche, wenn überhaupt, nur einer direkten Weisung seines obersten Befehlshabers in Kriegszeiten. Die Notlage gebiete, dass er auf seinem Posten ausharrt, um Gefahr vom Vaterlande abzuwenden. Nach eindringlicher Zurede erklärte er sich bereit, mit dem Kanzler zu sprechen. Eine verschlüsselte Telefonleitung konnte jedoch nicht geschaltet werden, weil die Pioniere im Ruhrtal damit ausgelastet waren, die Verbindung untereinander und zwischen mehreren Dienststellen, die der Major kurzfristig erfunden hatte, aufrecht zu erhalten. Trotzdem kamen die Eingeschlossenen der Steeler Straße bald wieder frei, denn Ärzte des Gesundheitsdezernats verschafften sich Zutritt zu dem ehemaligen Gotteshaus und verließen es ungehindert in Begleitung der Arrestierten. Die Wachsoldaten unternahmen nichts. Major Klein, unterwegs auf der Suche nach einem angemessenen Hauptquartier, sprach von Befehlsverweigerung, tobte und stellte Erschießungen in Aussicht.

Die Militärkontrollen waren außerstande, die Flucht der Essener Bevölkerung zu ordnen. Die nächtliche Ausgangssperre wurde missachtet. Die Patrouillen blieben untätig. Die Schusswaffen waren nicht durchgeladen, obwohl der Major großen Wert auf dieses Detail gelegt und es nachdrücklich befohlen hatte. Ein Zug enttäuschter Soldaten, die an der Befähigung des Majors zweifelten, wollte sich und ihr Kriegsgerät in den Dienst der Stadtverwaltung stellen, aber in Ermangelung eines leitenden Kopfes (der Bürgermeister in Japan, der Stadtdirektor auf der Heimreise steckengeblieben, die Stellvertreterin tot), fuhren sie auf ihren Mannschaftswagen nach Wuppertal (dort verlor sich ihre Spur).

In der Bundespressekonferenz resümierte der Sprecher schleppend, anscheinend übermüdet, jedenfalls lustlos, der Kanzler habe in aller Stille und nach Rücksprache in Washington dafür gesorgt, dass in unserem Lande der normale Zustand wieder Einkehr halte. Er musste sich fragen lassen, ob ein durch atomare Sprengung zerstörtes Stauwehr, tausend Tote, ein verstrahler Fluss, verhaftete Juden ein normaler Zustand in Deutschland seien. Und ob irgendwelche Terroristen irgendwelche Forderungen gestellt hätten. Nein. Sprachs und verließ grußlos den Saal.

Das Restaurant „Plateau“ war zum Bersten voll. Es gab keinen besseren Aussichtspunkt über den Baldeney-See und das Städtchen Werden. Die Einheimischen, die den Ort durch Familienfeiern und Sonntagsspaziergänge kannten, versprachen sich von hier aus einen vollständigen Überblick über die Katastrophe. Sie wähnten sich in Sicherheit, weil sie hier den radioaktiven Staub, über den man munkelte, nicht abbekommen würden. Die Luft erschien ihnen wieder leicht und gewürzt vom Duft der Bäume. Die Distanz zum Explosionsherd, den man von der einen Stelle, an der sich die Menschen drängten, gut überblicken konnte, wie die Bühne von einem Logensitz, musste den Anwesenden gerade recht erscheinen, weit genug, um sicher auf den schwarzen Boden des Sees zu schauen, durch den sich die Ruhr in vielen Adern hindurchwand und jede Delle des schlammigen Grundes als gleichberechtigt nutzte – wie am ersten Schöpfungstag, wo sich das Wasser voller Lust verströmte.

Balkonplätze kosteten 100 Euro (Getränke inklusiv), die Benutzung von Kameras musste mit 50 Euro erkauft werden, dafür war die Verwendung mitgebrachter Ferngläser kostenlos. Man konnte Gläser auch leihen. Ihr Gebrauch war auf 30 Sekunden beschränkt und wurde von einem Kellner, Serviermädchen oder Laufburschen kontrolliert (sie bestimmten auch willkürlich den Mietzins dafür). Die Katastrophentouristen zahlten fast jeden Preis. Die Küche war geschlossen. Aber auf dem Parkplatz vor dem Haupteingang gab es warme Würstchen.

Major Klein wollte dieses hochgelegene Restaurant konfiszieren. Er war deshalb mit einem Dingo vorgefahren und erklärte einem Kellner, den er seiner schwarzen Kleidung wegen für den Geschäftsführer gehalten hatte, das Lokal sei ab sofort beschlagnahmt. Der Schwarzgekleidete verschwand mit einem zustimmenden Nicken durch eine Tür und ließ den Major, der wie ein Werkschutzmann ausgesehen haben mochte, neben dem ungeheizten Kamin zurück, dem einzigen Ort, wo man ohne Tuchfühlung mit anderen noch stehen konnte. Als niemand Anstalten machte, die Gaststätte zu verlassen, und sich alle mit dem Rücken zu ihm stellten und versuchten, auf die schmale Veranda zu drängen, verließ der Major ärgerlich den Raum, setzte sich in seinen Geländewagen und wartete dort auf die Ankunft seiner Streitmacht, die sich staubaufwirbelnd durch den Heissi-Wald auf den Parkplatz zubewegte.

Als sie eingetroffen war, befahl er, das Gelände zu umstellen, und ließ einen Schützenpanzer nah an den Haupteingang fahren. Das Geschützrohr hätte beinahe die Oberlichter des neubarocken Portals zerbrochen. Begleitet von zwei Offizieren pflanzte sich Klein im Rücken der Leute auf und schrie so laut, dass ihm die Augen aus dem Kopf quollen (aus Angst, ihn würde wieder keiner verstehen): „Alles räumen, das ist ein Befehl!“ Achselzuckend, teils widersprechend, teils vor sich hin schimpfend verließen die Schaulustigen den Balkon. Die Kellner und Serviermädchen hatten Mühe, die ausgeteilten Ferngläser wieder einzusammeln, weil einige Gäste den Mietzins seiner Höhe wegen für den Kaufpreis gehalten hatten. Der Anblick des Geschützrohrs, das Major Klein erhoben hatte, um sich Anerkennung zu verschaffen, führte zu spöttischen Bemerkungen der Umstehenden, die nun zum Parkplatz gedrängt wurden. Nach einer viertel Stunde, als das letzte Auto den Ort verlassen hatte und die Auspuffgase verflogen waren, konnte sich der Major im Turmzimmer, einem Gesellschaftsraum, der den freiesten Ausblick gewährte, einrichten und zu seinem Befehlsstand ernennen.

Kleins Eltern hatten 1960 in diesem Turmzimmer die Trauung gefeiert. Der Major besaß ein büttengerändertes Foto, das einen Moment der Feier festhielt, das Bild der Mutter, die im Hochzeitskleid zu ertrinken droht. Er hatte dieses Turmzimmer bis heute nie gesehen, obwohl er dabei gewesen war, denn die Braut war schwanger gewesen und ausstaffiert mit einer pompösen, pompadourigen Wolke aus Tüll und steifem Leinen. Ohne das Brautkleid aus altem Familienbesitz, das in dem zerknitterten Foto wie eine ausgeschabte Stelle wirkte, hätte die Hochzeitfeier gar nicht stattgefunden. Major Klein hatte seiner Mutter die verspätete Heirat übelgenommen, denn er fürchtete, sie könne seiner Karriere schaden. Nach der schnellen Trennung der Eltern (auch dies Anlass zu Befürchtungen um seine Laufbahn) waren ihm nicht die Ferien vergönnt, die in der Erinnerung verklärt werden, nicht die Ausflüge zum Schloss Baldeney, zur Korte-Klippe oder in das alte Kettwig, nicht die unbeschwerten Tage, war stattdessen in ein Heim gesteckt worden und in das Mahlwerk einer strengen Erziehung geraten, unter die Fuchtel eines Onkels, des Bruders seiner Mutter, eines Studienrats.

Der Studienrat brachte ihm den Unterschied zwischen Wächtern und Banausen bei und lehrte ihn, den Philosophen (ganz bestimmten Philosophen) aufs Wort zu gehorchen, Gesetz und Sitte, wenn nötig mit der blanken Waffe zu verteidigen, Abhärtungen zu erdulden, Enthaltsamkeit zu üben. Erst der Trauschein, dann der Nachwuchs. Eine Ordnung muss sein in der Welt, wo es die ganz oben und die ganz unten gibt und wo die Wächter („wir Studienräte“) dienen und doch herrschen. Der Studienrat vollzog nach der Entnazifizierung eine Wende zu den alten Griechen und zur großen Vorvergangenheit, zum Plusquamperfekt des Abendlandes. Platon, die Kirche, der deutsche Idealismus und der Erfindergeist eines Krupps, das war ihm der europäische Geist, das Ding an sich in einer Welt voller Kanaken und Bolschewiken, „denen wir“, so schwadronierte er, „unseren Hegel kräftig entgegensetzen“, denn es gebe eine direkte Linie von Platon zu dem Verfasser der Phänomeno-Dingsda, und in der Mitte mittendrin: Ein feste Burg ist unser Gott. Die Macht werde vom Geist geadelt, und der Herr Studienrat adelte die Macht. Er, der für die NPD kandidiert hatte, lehrte Deutsch und Geschichte und hielt sich durch Lippenbekenntnisse zur Nachkriegsverfassung allen Ärger leicht vom Hals. Seiner Schwester verbot er den Umgang mit ihrem Söhnchen, so dass Major Klein seine Mutter immer seltener und dann gar nicht mehr sah.

Der Major bewahrte das Bild der Braut, seiner Mutter, in einer Falte seiner Brieftasche auf. Jetzt, allein im Turmzimmer, zog er es heraus. Auf der Rückseite stand in verflossener Schrift nur die Jahreszahl, keine Ortsangabe. Aber weil viele Essener Bräute hier feiern, fiel es ihm leicht zu glauben, die Aufnahme sei in diesem Hause entstanden. Klein ließ sich hinreißen, das Bild zu küssen. Da betrat die Ordonnanz das Zimmer, um Befehle zu empfangen, und Klein, der es nicht leiden konnte, beim Essen beobachtet zu werden, um wie viel weniger bei intimen Handlungen, wurde rot, straffte sich, zerknüllte das Bild und sagte: „Eine Affäre, wir müssen alle Affären vergessen, die Lage ist ernst – wir werden gefordert, mein Lieber, holen Sie mir ein Mineralwasser.“

Major Klein trat nach dem Abgang seiner Ordonnanz ans Fenster. Das Katastrophengebiet sah von oben unbedeutend aus, fast enttäuschend, fast seiner nicht würdig. Kaum zu glauben, dass es soviel Tote gegeben haben soll. Er schaute zu der Akropolis hinüber, der sandstrahlweißen. Sie ragte aus dem Grün heraus. Die Burg der Waffenschmiede schien ihm höher zu liegen als der eigene Standpunkt und darum noch geeigneter für seine Führungsaufgaben. Er träumte einen Augenblick davon, Villa Hügel zu besetzen. Aber das gütige Antlitz des Kanonenbauers, dessen Konterfei über dem Schreibtisch seines Onkels gehangen hatte, über der Platonbüste und einem Mann aus Bronze, der mit einem Hammer auf ein Zahnrad schlägt, hielt ihn davon ab, „die Stätte zu entweihen, das Haus der mächtigen Männer zu betreten, die selbst Kaiser bei sich empfingen“. Die Ordonannz kehrte zurück. Der Major fragte ihn: „Wussten Sie, dass die da oben die Kaiser antanzen ließen?“ „Nee, Herr Major, aber Korruption hat’s immer gegeben.“

Die letzten Bedenkenträger mussten sich endlich eingestehen, dass der Major geistesgestört war. Der Bendlerblock hatte sich eingeschaltet, Feldjägern wurde befohlen, Klein zu verhaften. Als Jeeps mit Lautsprechern auf den Waldwegen heranpreschten und als Major Klein aufgefordert wurde, unverzüglich die Aktion abzubrechen und sich zur Verfügung zu stellen, zog er seine P8 und gab Feuerbefehl. Seine Gefolgschaft wartete unschlüssig. Die Soldaten besahen ihre Sturmgewehre, als wüssten sie nicht, wo bei einem G36 vorne und hinten ist. Der Major schrie: „Feuer frei“ und feuerte sich eine Kugel in den Mund.

Major Klein stand kurz in Verdacht, die Mini-Atombombe selbst gezündet zu haben, um sich wichtig zu machen. Aber man hielt ihn nicht für intelligent genug, ein solches Verbrechen zu begehen. So rückte denn unvermeidlich Al Qaida in den Fokus der Experten (und deren gibt es viele). Die Übersetzung ´Al Qaida´ für Deutsche lautet: Wir wissen nicht, wer es war.

Ein Zündholz unter Trümmern

von Andreas Züll (copyright)

Es waren dunkle Träume in der Nacht, die ihn hatten aufschrecken lassen. Im Reflex schlug er den Arm zur Seite und verfing sich in leeren Laken. Dann entsann er sich. Es war nicht Nacht, er hatte nicht geträumt. Er wusste nicht, was es bedeuten sollte1. Zum ersten Mal erkannte er, dass es ihn auch nicht mehr interessierte. Und jeder Tag war wie ein neues Wunder, um das er nicht gebeten hatte2.
Der Bilderrausch in seinem Kopf ebbte ab. Und Schmerzen kamen.
Er konnte sich nicht mehr daran erinnern, wann es angefangen hatte, dass er keine Pfennige mehr fand, dass er Menschen aus seinem Kopf verlor. Zuerst waren es nur Namen und Gesichter, dann fehlten ganze Zusammenhänge. Ein Prozess, der sich nicht aufhalten ließ, ganz gleich, was er dagegen zu unternehmen versuchte. Es war nicht so, dass sein Gedächtnis nachließ, nein, das war in Ordnung. Es fehlten nur Bausteine darin, die restlos verschwunden waren. Sein Verstand hatte damit begonnen, seine Gedanken zu demontieren. Warum?
Immer mehr Menschen fielen durch dieses Sieb. Die Löcher darin wurden größer. Er glaubte, dass es nun vorkam, dass selbst solche hindurch fielen, die ihm wichtig gewesen waren. Er konnte es nicht mit Bestimmtheit sagen – diese verdammte Erinnerung! -, aber das eigenartige Gefühl dass es so sein mochte beschlich ihn wieder und wieder. Der Unterbau seiner Gedanken war also marode geworden. Wie lange ging das schon, mochte es dauern, bis dass sein Kopf in sich zusammenfiel?
Er griff nach seinem Jackett und zog eine lädierte Schachtel Zigaretten aus der Brusttasche. Ein, zwei, drei brüchige, geknickte Kippen. Was sollte er damit? Eine automatische Handlung, mit mechanischer Präzision ausgeführt, eine der Zigaretten von den anderen absondern, zum Mund führen und anzünden. Anzünden … Der Griff zum Feuer. Das musste die Antwort sein.
Er brannte nicht mehr.
Seine Herzgegend war kalt. Angewidert zog er die Hand davon. Kein Feuer. Keine Zündhölzer. Nichts, nichts, nichts. Das bisschen Sehnsucht hatte ihn nicht umgebracht3.
„Verdammt …“
Nur ein Wort. Er hatte es ausstoßen wollen, nur ein Wort, das er mit dem Schutt hätte ausspucken können. Es war nur ein Flüstern. Ein resignierendes, schwaches Wortspiel. Als ihm dies aufgefallen war, wiederholte er es noch ein-, zweimal und versuchte, den Geschmack des Wortes zu erfassen, mit der Zungenspitze tippte er es an, tastete nach ihm von allen Seiten. Vage erinnerte er sich daran, dass es einmal nach Freiheit und Trotz geschmeckt hatte, bitter auch, manchmal auch grausam befreiend. Ich war der Wein …4
Da war nichts mehr. Nicht schal, nicht sauer. Er liebte dieses Leben5. Im Präteritum. Ein Tempusfehler. Alles ein Tempusfehler. Aus Prachtbauten konnten doch keine Ruinen werden!
Ein weiterer Mensch war durch das Sieb gefallen. Er hatte ihm nachgesehen und bedauernd die Schultern gezuckt, teilnahmslos. Da war noch ein leiser Hauch von Liebe in ihm. Etwas trommelte mit geballten Fäusten gegen die Innenwände seines Brustkorbs, wehrte sich, schrie.
Es fühlte sich seltsam an, stelle er verwundert fest. Er klopfte zurück. Warum öffnete nur niemand die Tür?
Hallo …
Dann halt nicht. Was auch immer geschehen sein mochte in den Jahren die zurücklagen, wie sehr auch immer sich die Welt verändert hatte, es war nicht mehr seine Schuld. Es stimmte schon. Erst kam das Fressen. Und niemals die Moral6.
Jetzt war es vorbei. Nur noch eine leise Ahnung, eine flüchtige Erinnerung, ein Brennen in Kopf und Herzen, als hätte er in Flammen gestanden, die alles verschlungen hatten bis nur noch Asche zurückgeblieben war. Dunkle Schatten. Und Träume in der Nacht. Er verzehrte sich nicht mehr.
Unter den Trümmern zog er ein Zündholz hervor.
Da saß er lächelnd am Rand des Siebs und rauchte.
Hallo … verdammt … Hallo …

Ephrata

von Jürgen Jesinghaus (copyright)

Daniel Spielstein war arm und alt, aber kein Penner – Strandgut der Geschichte. Er wohnte in einem sonst leer stehenden Haus der Bahn AG. An dem Abend, als die Gojim in ihren Kirchen saßen, erfüllte er sich einen Wunsch, den er lange mit sich herumgetragen und immer wieder verworfen hatte. Er nahm seinen Mantel vom Rasenmäher, der als Kleiderknecht neben seinem Bett stand, zog ihn umständlich über, stets bereit, sich in seiner Tätigkeit zu unterbrechen, darauf hoffend, dass eine Stimme zu ihm spricht: Daniel, am besten du bleibst zu Hause, um das Fest der Gojim hier zu feiern, es ist der Geburtstag eines Juden und nicht verboten, darauf eine Flasche zu trinken (den Rest aus einer Flasche). Daniel wartete auf diese Stimme und ließ sich darum Zeit beim Ankleiden. Aber die Stimme meldete sich nicht. Unangesprochen durfte er die Stiefel anziehen. Als er aufbruchbereit vor seiner Wohnungstür stand, wusste er, jetzt mache ich es, jetzt hält mich auch keine Stimme mehr zurück. Entschlossen verließ er das Haus. Nichts fuhr, keine Tram, kein Bus.

Am Ende der Kirchhoffstraße, Ecke Bendenweg, lag sie vor ihm: Die funkelnde Stadt, die Stadt der Straßenbahnen, das Straßenbahndepot ­– Ketten beleuchteter Trams, ohne Passagiere, ohne Fahrer, sich selbst genügend. In der heiligen Nacht hatten sich die Wagen auf dem Betriebshof versammelt und leuchteten zu ihrer eigenen Sicherheit. Gelbe, grüne und rote Lichter hingen an den Masten. Daniel kletterte über die Barriere, überquerte die Gleise, die im Licht des Betriebshofs schimmerten, und zwängte sich durch eine Hecke in die verbotene Stadt der Straßenbahnen, die groß wie glänzende Weiber lagerten. Er schritt genießend an den Bugen der Bahnen vorüber. Helle Gassen öffneten sich ihm, menschenleer und warm beschienen. Fünf, sieben, acht Reihen, dann stand er vor der niedrigen, gitterbewehrten Betonmauer: Zehntausend Bullen schützen Bush, wer schützt mich? Dein Gott ist tot, nimm meinen. An der Siemensstraße jenseits der Mauer wohnten Türken hinter zugezogenen Tüchern, als versteckten sie sich in der heiligen Nacht, als könnten auch sie des Mordes am Heiland bezichtigt werden. Daniel kehrte um, bog in eine Gasse und schritt über Steinplatten an den beschrifteten Flanken der Bahnen vorüber: Stadt mit Herz (Patenschaft mit Bethlehem), Einkaufszentrum am Markt (Gold, Weihrauch und Myrrhe), Sekuritas versichert Ihre Familie (Herodes bringt Kinder um) – und erschrak ins Mark. Er blickte hier, wo er jetzt mit niemandem gerechnet hatte, durch die Scheiben einer beleuchteten Bahn in das Gesicht einer Frau. Als hätte er unter Entengrütze das bleiche Gesicht einer Toten im Wasser gesehen.

Daniel ging weiter. Ist sie tot? Ist sie überhaupt jemand? Du delirierst! Flutlicht, Betriebshof, Appellhof, Scheinwerfer. Der christliche Soldat gibt dir den Feuerstoß in deinen Stern von Bethlehem. Du hörtest nicht einmal den Knall, geschweige den Anruf (wenn es einen Anruf gäbe). Du sähest, wie es dir den Mantel zerreißt und dein Blut hervorspritzt. Dein Körper übernähme die Kontrolle, er regelte den Rest. Du ließest es geschehen, schautest in die Glut der Bogenlampen. In ihnen würden dann die Engel sichtbar, die Engel Jahwes.

Sie ist an der Endstation sitzen geblieben, sagte er sich, der Fahrer hat sie übersehen und sie samt Straßenbahn hier abgestellt. Daniel suchte die beleuchteten Fenster ab – und es graute ihn. Hier an diesem Fenster! Hier hat sie gesessen und jetzt ist sie fort. Daniel wollte fliehen, aber er hätte sich dann gestehen müssen, dass er sich nicht mehr auf seine Sinne verlassen konnte. Er bog in die nächste Gasse und suchte die Fenster ab. Sie ist hinter deinem Rücken ausgestiegen und fortgegangen. Sie hat dich erkannt und ist geflohen. Seine Theorie war logisch. Er musste sie nur prüfen. Als er wieder vor dem Wagen anlangte, hinter dessen Fenstern er die Frau erkannt zu haben glaubte, drückte er auf den Knopf der Vordertür. Sie knarrte, ruckte und zuckte ein letztes Mal. Dann gab sie einen Spalt frei. Daniel zwängte sich zwischen die Türschwingen und drückte mit Bauch und Rücken solange, bis er einsteigen konnte.

Da sah er sie liegen, aus der Sitzreihe gefallen, in den Gang gerutscht. Sie ist tot. Jetzt musst du die Polizei rufen und wirst erklären dürfen, was du hier suchst. Da wäre es mir schon lieber, sie ist nur ohnmächtig (auch sonst wäre es mir lieber). Er ging auf die leblose Gestalt zu. Er legte seine Hand auf ihre faltige Backe. Ihr Gesicht war noch warm. Er stützte ihren Kopf. Sie stöhnte. Er hob sie auf einen Sitz. Währenddessen schlug sie die Augen auf. Sie war nicht überrascht. Sie lächelte schwach.
„Ich hole einen Krankenwagen“, sagte er.
Sie schüttelte den Kopf.
„Wollen Sie nicht?“
Sie bestätigte, dass sie nicht wollte.
„Geht es Ihnen besser?“
Sie nickte und lächelte. Sie ordnete ihr Haar. Es war schwarz gefärbt und wuchs aschfahl aus der Kopfhaut. Ihre Augenhöhlen schimmerten lila. Rouge lag dick auf den Wangen, ihr Mund prangte schwarz. Früher war sie eine schöne Frau gewesen, dass sie die Illusion von Schönheit so farbengewaltig verteidigte. Die vom Regen fleckigen Scheiben der Straßenbahn hatten ihr altes Gesicht in weichen Umrissen nach außen scheinen lassen, geisterhaft.
„Sie sind an der Endstation nicht ausgestiegen?“
„Wie konnte ich“, sagte sie.
„Der Fahrer hat sie übersehen?“
Sie nickte. Sie war so schwach, dass sie beinahe wieder hingefallen wäre. Daniel fing sie auf und hielt sie fest.
„Sie sind schon einmal ohnmächtig geworden, nicht wahr, bevor Sie in die Endstation einfuhren? Deshalb hat Sie niemand gesehen? Weil Sie zwischen den Bänken lagen?“
Sie nickte und zeigte auf ihn: Du hast es erfasst.
„Schwanger werden Sie nicht sein“, sagte Daniel und lachte.
Sie lachte mit. Ihr Lachen wurde jäh zu einem Weinen, ein Rinnsal wand sich über ihr Gesicht und versiegte in dem Taschentuch, das Daniel ihr an die Backe legte. Sie sah aus, als hätte sie lange nichts gegessen. Ihre schönen braunen Augen waren umflort. Sie entfernte den nassen Schleier, indem sie die Lider zusammenpresste.
„Was mache ich jetzt mit Ihnen?“
Sie zuckte die Achseln.
„Sie sind viel zu schwach, um weit zu gehen. Ich hole ein Taxi.“
Sie war jedenfalls nicht dagegen.
„Werden Sie mir wieder ohnmächtig?“
Sie wusste es ja auch nicht. Daniel setzte sie so, dass sie nicht leicht hinunterrutschen konnte.
„Auf jeden Fall komme ich wieder, auf jeden Fall!“

Er suchte einen Ausgang zur Siemensstraße. Er zwängte sich zwischen Mauer und Hecke hindurch, und bald stand er vor der Tür des ersten dieser grauen zweistöckigen Häuser, die der Stadt gehören und in denen überwiegend Ausländer wohnen, wahrscheinlich Türken, den Mädchen mit den Kopftüchern nach zu urteilen, die man in den Sandkästen spielen sieht, wenn man tagsüber daran vorübergeht. Er schellte. Ein Mann riss die Türe auf. Daniel fragte:
„Darf ich bei Ihnen telefonieren? Es ist dringend, ich möchte ein Taxi bestellen.“
„Kein Taxi. Arsch lecken. Frau aus Taxi geworfen, weil Frau von Türke. Also wegmachen! “
„Ich wollte nur ein Taxi bestellen. Vielleicht haben Sie ja kein Telefon, entschuldigen Sie.“
Ein Greis, der aussah wie ein Rabbi unter seinem Käppchen, erschien hinter dem Mann und drängte ihn beiseite, fast ohne ihn zu berühren, denn der junge Kerl trat demütig aus dem Weg.
„Wir haben Telefon.“
Der Alte streckte seinen Arm aus. Daniel folgte der bezwingenden Geste und murmelte im Vorübergehen eine Entschuldigung. Der Patriarch schien ihn mit seiner sanften Gewalt in die Wohnstube zu drücken. Er schritt zu einem Blumenständer, auf dem das Telefon stand.
„Taxi hierher?“
„In zwanzig Minuten hierher, wenn es Ihnen recht ist.“
Der Alte drückte Tasten und führte in einer raumgreifenden Geste den Hörer zum Ohr.
„Abdülkadir Keyik hier, bitte Taxi in zwanzig Minuten in Siemensstraße.“
Der Alte unterbrach sich, lauschte und lächelte. Er hob den Hörer vom Ohr und reckte ihn weit von sich, ehe er ihn gravitätisch auf die Gabel fallen ließ.
„Heilig Abend kein Taxi, alle besetzt. Heilig Abend fahren Deutsche mit Taxi.“
Er winkte Daniel herbei und hob wieder den Hörer ab.
„Soll ich selber telefonieren?“
Der Alte nickte.
„Welche Adresse haben Sie? Wenn Sie mir die bitte aufschreiben.“
Der Patriarch rief. Ein Mädchen trat aus einem Nebenraum. Der Alte sagte etwas. Das Mädchen grüßte schüchtern, eilte zurück, kam wieder mit einem Füller und einem Schulheft in der Hand. Der Alte diktierte. Sie schrieb: Siemenstraße 144, Dransdorf. Sie überreichte Daniel das Heft, ohne ihn dabei anzusehen. Der Alte legte seine Hand auf ihren Scheitel und verabschiedete sie. Dann wählte er und Daniel brauchte nur noch in die Muschel zu sprechen.

Er beeilte sich, auf den Betriebshof zurückzukehren. Er zwängte sich an derselben Stelle durch die Hecke und betrat den beleuchteten Raum, in dessen Licht die Straßenbahnen, die selber strahlten, wie durchsichtige Wesen erschienen, Straßenbahnen des himmlichen Jerusalems. Er fand seine Freundin und erklärte ihr, dass er sie jetzt stützen und mir ihr zu den Häusern gehen werde, wo ein Taxi auf sie wartet. Er hob sie zärtlich aus der Sitzschale und schob sie vor sich her durch den Gang auf die Türe zu. Er trug ihr Handtäschchen, das er unter dem Sitz rechtzeitig entdeckt hatte. Langsam kletterten sie auf die Steinplatten. Er hakte sie unter, und so defilierten sie an den Straßenbahnen vorüber.
„Wer hat die Straßenbahnen erfunden? War es nicht Sir Isaac Newton?“
Daniel kicherte. Wenn sie etwas von Straßenbahnen oder Physik versteht, muss sie glauben, ich bin verrückt.
„Wie heißen Sie, meine Liebe?“
Die Alte blickte auf und nickte. Sie war damit beschäftigt, nicht zusammenzubrechen, deswegen nannte sie ihren Namen nicht. Ich hätte ihr etwas zu essen mitbringen sollen. An Wichtiges denkt man nie. Aber ich habe wenigstens die Zeit für die Ankunft des Taxis richtig geschätzt (er hatte sie nicht, denn es stand schon mit laufendem Motor vor dem Haus der Türken).

Grußlos ließ der Fahrer sie einsteigen und drehte sich in seinem Fahrersitz um:
„Wohin?“
„Zum Hauptbahnhof“, sagte deutlich Daniels neue Freundin. Ich habe kein Geld dabei! Nicht einmal einen Personalausweis. Was soll einer in der heiligen Nacht mit Pass und Geld? Der Fahrer wird die Polizei rufen. Die Polizei wird uns wegsperren, jeden in eine getrennte Zelle. Wenn schon. Ich werde darauf bestehen, dass die Dame etwas zu essen kriegt. Von mir gar nicht zu reden. Daniel fuhr zusammen. Sie bemerkte seine Unruhe und schaute ihn fragend an.
„Ich habe vergessen, Geld mitzunehmen“, sagte er.
Die Alte öffnete ihr Täschchen und suchte das Portemonnaie. Sie öffnete es, so dass er in den dunklen Tresor schauen konnte. Dort erkannte er drei Scheine.
„Mein Gott, wie schön! Geld ist sehr wertvoll“, sagte er. Die Alte schaute ihn groß an und nickte. Sie verstand etwas von der Welt.

Was wären die Städte ohne McWhopper´s, diese Oasen in der Wüste nach Ladenschluss, wenn die Leute sich in ihren Wohnungen verkriechen, in Ratskellern verstecken, in Kinos flüchten oder in Bahnhofshallen versammeln, als wäre eine Ausgangssperre verhängt worden, als patrouillierten Unsichtbare eines außerirdischen Tyrannen in der Stadt oder als kröche ein giftiges Gas durch die Straßen und vertriebe sogar den Wind, auch er auf der Flucht in alle Ritzen, die letzten Passanten mit sich reißend. Für manche ist McWhopper´s die letzte Zuflucht, die ihre Anstrengungen verdoppelt, dem Malstrom der Einsamkeit zu entkommen. Sie stoßen die Tür auf und lassen sich in die Wärme fallen, wie man aus kaltem Wasser steigt und sich in den Sand wirft. Gerettet. Du demokratische Asylstätte, deren Licht nicht in zugezogenen Vorhängen versickert, die du von weitem einlädst, Kaffee bereithältst, auch nach Ladenschluss. Vergeben seien dir die Burger und die festgeschraubten Stühle. Gesegnet seien die Frauen in ihren Schürzen. Sie tragen auf der Brust das “M” wie Metropole, wie Mutter. Bei dir muss man nicht die Garderobe abgeben, sich nicht dem Hochmut festlich gekleideter Kellner aussetzen, sich nicht ihrer Bedienung unterwerfe. Hier musst du keinen Geschäftsführer kommen lassen, der dir hilft, das Selbstbewusstsein in der getäfelten Arroganz eines Feinschmeckerlokals aufzurichten. Dich hätte Walt Whitman zum Künstlercafé auserwählt.

Als sie am Bahnhof ausstiegen, hatte die Alte eine so bestimmte Art angenommen, dass Daniel nicht mehr zu fragen brauchte, was jetzt zu geschehen habe. Sie wusste genau, was zu tun war, und er schien ihr zu folgen, obwohl er neben ihr ging und sie am Oberarm stützte. Sie traten in den Lichtkreis von McWhopper´s. Da schrie sie auf. Die Alte schüttelte energisch den Kopf und zerrte Daniel in den hellen Eingang des Fastfood-Restaurants. Daniel sah im Vorübergehen einen Bettler knien, ja, auf seinen Knien stehen, vor einem Gulli in der Fußgängerzone. Der Mann hatte seine Prothesen vor sich hingelegt und links und rechts je eine Krücke, wie ein Samurai seine Schwerter. Dann legte er seinen Leib bloß. Um sich das Wakizashi in den Bauch zu rammen? Er urinierte in den Gulli. Dabei rief er etwas, er hielt eine Ansprache – das Totengedicht, gerufen, damit es weit trägt, damit es alle hören? Als Daniels Begleiterin schrie, musste sie gesehen haben, wie der letzte Freund in der Todesstunde das Schwert hebt, um dem Samurai den Kopf abzuschlagen.

Sie hatten im Restaurant Platz genommen. Daniel fragte:
„Was hat der gerufen?“
„Dieses Ferkel da draußen, wenn Sie den meinen … der hat gerufen: Prost und Friede auf Erden, Prost hat der gerufen!“
Daniel sagte:
„Wie soll ein Mann, der beide Beine ab hat und auf Prothesen und an Krücken geht, wie soll ein solcher Mann pissen, das frage ich mich. Wissen Sie, der lebt vielleicht im Hauptbahnhof und schämte sich, in sein Wohnzimmer machen, und deshalb ist er nach draußen gegangen. Er wollte sie nicht erschrecken, Madame.“
Sie wiegte ihren Kopf.
„Es hat mich aber schockiert“, sagte sie für sich und schlug ihre Hände vors Gesicht. Sie nahm sie erst wieder herunter, als das Blaulichtgewitter durch ihre Finger blitzte und ein Krankenwagen in der Fußgängerzone hielt. Da schaute sie erleichtert auf.

Sie waren nicht allein bei McWhopper´s, sie fielen nicht auf. Im Radio swingten Glenn Miller und Benny Goodman, während sich Daniel und die alte Dame unterhielten. Sie sprach pausierend, abgehackt, dabei knabberte sie zierlich an Fritten, so wie die Damen ihres Jahrgangs aus der besseren Gesellschaft an schokoladeübergossenem Backwerk. Sie wiederholte, was Daniel schon wusste (als wähnte sie ihn dement), dass sie in eine Tram gestiegen und ohnmächtig geworden war, dass er sie gefunden hatte und dass sie zusammen mit dem Taxi gefahren waren. Dann aber berichtete sie von ihrer Tochter, dass sie verheiratet sei und einen Kosmetikladen unterhalte (das erklärt, warum die alte Dame, die früher eine Schönheit gewesen war, so reichlich die Farben der Jugend aufgetragen hatte). Dass ihr Mann nicht mehr lebe – und überhaupt ihr Mann: Er war Prokurist, einer von der Sorte mit Chauffeur. Wenn der Gatte mit dem Flugzeug unterwegs war, machte sie mit dem Fahrer Einkäufe. Der Fahrer hatte Verständnis für die Frau, half ihr, wo er konnte, liebte sie. Die Bett-Affäre, die Schwangerschaft. Dreiecksgeschichten lassen sich am Heiligen Abend nicht ausloten, man verliert sich im Gestrüpp der Theologie. Jetzt musste Daniel mal was fragen, um das Gespräch auf eine solide Basis zu stellen.
„Wie heißen Sie, Madame?“
„Samantha.“
„Ist das ein Zauberwort?“
„So heiße ich. Mein Vater ist Amerikaner.“
Sie lehnte sich zurück und schaute stolz auf ihr Gegenüber.
„Und ich heiße Daniel. Darf ich Sie Sam nennen, Samantha? Wissen Sie, meine Liebe, woran mich Samantha erinnert? An eine Schlange, die einem den Hals wärmt und mit ihrer Zunge die Ohren ausleckt.“
Sie schlug entzückt die Hände vor den Mund, aber so, dass sie sprechen konnte.
„Daniel, das dürfen Sie nicht sagen. Ich habe nichts, aber auch gar nichts von einer Verführerin.“
„Ich nehme an, Sie wollten am Hauptbahnhof umsteigen und haben es aus den bekannten Gründen versäumt. Wohin wollten Sie denn, meine Liebe?“
„Zu meinem Sohn, ins Hotel International.“
„Ihr Sohn arbeitet dort?“
Sie nickte.
„Er ist vielleicht Geschäftsführer, nein? Oder Kellner?“
„Ihm untersteht das Café. Es ist auch am Heiligen Abend offen.“
„Sie wollten ihn heute besuchen – im Café?“
Sie nickte.
„Dann wird es aber Zeit, dass Sie ihn anrufen, Samantha. Er sorgt sich um Sie.“
Sie schaute aus dem Fenster. Ihr Schauen verwandelte sich in Weinen. Aber sie hatte sich bald wieder gefangen. Sie fingerte an den Papierservietten und betupfte damit die Augen.

„Jetzt will ich Ihnen mal was sagen, meine Liebe. Ihr Sohn arbeitet gar nicht mehr im Hotel. Sie fahren aus alter Gewohnheit hin, weil Sie den Heiligen Abend im Hotel International verbringen wollen. Ihr Sohn ist fortgezogen?“
Samantha stellte sich stur, starrte auf den Tisch und kratzte mit dem Zeigefinger über die polierte Oberfläche. Dann bequemte sie sich zu sagen:
„Hat Autos verkauft, schwarz.“
„Heißt das, er hat Autos geklaut?“
Sie nickte.
„Der Geschäftsführer hat mich vorige Woche angerufen und gesagt, dass ich unschuldig bin, deshalb darf ich kommen. Ich schäme mich aber.“
„Sie wollten gar nicht ins Hotel? Sondern zu Ihrem Sohn ins Gefängnis?“
Sie nickte.
„Keine Besuchszeit, und nur deshalb wollte ich doch ins Hotel.“
Sie wischte sich wieder über die Augen, und es sah so aus, als wollte sie zum dritten Mal weinen.

Um Samantha aufzuheitern, erzählte Daniel eine Geschichte, die ihm für heute passend erschien, weil Bethlehem darin vorkommt.
„An einem Sommertag in der Nordstadt, wo die Menschen nicht nur auf der Straße sitzen, um Tee oder Bier zu trinken, sondern auch, um sich die Haare schneiden zu lassen, an einem solchen heißen Tag saß ich in einem Sessel auf der Römerstraße. Der Friseur führte ein brennendes Streichholz an meinen Ohren vorbei und um mein Kinn herum. Er wollte so die letzten Härchen entfernen, da fragte ich ihn: Woher kommen Sie? Und verbrannte mir prompt das Kinn, weil ich es bewegte. Er sagte zögerlich, als hätte er Angst, dass ich ihn auslache: Bethlehem. Und ich antwortete, unwissend, unbedacht: Dann sind Sie ja aus Israel. Er stierte mich an – und verschwand im Haus. Da saß ich nun und ließ eine bunte Truppe Touristen an mir vorüberziehen. Japaner fotografierten mich, ein Holländer wollte wissen, ob ich für Aftershave Reklame sitze. Dann, endlich, erschien der Mann unter dem Türrahmen und blieb dort mit verschränkten Armen stehen. Ich drehte mich um. Er schaute finster auf mich und rief: Ich bin Palästinenser, Pa-lä-sti-nenser! Ich verstand und entschuldigte mich: Ich bin Deutscher, da können Sie mal sehen, wie wenig ich über das moderne Israel weiß. Als oller Jude lebe ich immer noch in der Bibel. Wir beide, Sie und ich, lieben Bethlehem, nicht wahr? Sie, weil sie dort geboren sind und vielleicht Ihre Jugend dort verbracht haben, und ich, weil es die Stadt meiner Träume ist, die Stadt Rahels, Ruths und Davids. Wir müssen uns doch deswegen nicht streiten. Er kam zu mir und nahm den Frisierumhang ab. Er hielt zwei Spiegel hoch, einen vor mir, einen hinter mir, so dass ich ihn sehen konnte: Er lächelte versöhnlich. Er machte auf mich einen intelligenten Eindruck und darum zitierte ich, während ich mich aus dem Sessel stemmte und mein Kleingeld zählte, den Propheten Micha: ´Und du, Bethlehem Ephrata, die du klein bist unter den Städten in Juda, aus dir soll mir der kommen, der in Israel Herr sei.´ Diesmal war er nicht beleidigt. Er grinste, verstehen Sie? Ich habe ja nicht gesagt, dass Olmert dieser Herr in Israel sei, ich habe auch nicht behauptet, es sei der Palästinenser-Präsident Abbas oder die Bundeskanzlerin Merkel oder Condoleezza Rice. Es wird erst jemand sein, wenn, wie Micha auch gesagt hat, die Menschen im Nahen Osten ihre Schwerter zu Pflugscharen machen. Das hat der Kerl genau verstanden. Und wissen Sie was, Samantha? Er wollte mein Geld nicht annehmen.“
„Nein!“
„Ja. Und ich will Ihnen noch was erzählen. Eines Tages zog die schöne Ruth nach Bethlehem, im Gefolge ihrer Schwiegermutter. Ruth kam von der Ostseite des Toten Meeres. Ich glaube, es gehört heute zu Jordanien, aber ich will nicht wieder was Falsches sagen. Hören Sie mir zu?“
„Was ist mit der schönen Ruth?“
„Sie ist die Urgroßmutter des Königs David, der auch aus Bethlehem stammt.“
„Und noch einer stammt aus Bethlehem, den dürfen Sie aber nicht unterschlagen, Daniel!“
„Wie könnte ich. Seinetwegen sitzen wir doch hier! Es heißt bei den Christen: Von Jesse kam die Art. Diesen Jesse hat die schöne Ruth auf ihren Knien geritten, denn sie war seine Großmutter.“
„Sie sind in Ruth verliebt, Daniel, das spüre ich.“
„Eine literarische Liebe, nur eine literarische, Sam. Sie hat so schöne alte Sachen gesagt: ´Wo du hingehst, da will auch ich hingehen. Wo du stirbst, da sterbe ich auch.´ Aber Samantha! Was ist denn? Habe ich falsch zitiert, vielleicht ein Wort ausgelassen?“
Sam verzog ihr Gesicht zum Greinen.
„Mein Mann ist tot, und ich lebe noch. Mein Sohn im Gefängnis. Ich wollte ihn ja besuchen, ich wollte es, Daniel!“
Dann brach es aus ihr heraus, sie weinte hemmungslos, so dass sich die Leute nach ihr umdrehten. Sie schluchzte lange, bevor sie wieder sprechen konnte.
„Und Naomi Chin, Naomi, Naomi! Sie ist in die Staaten gefahren. Ich habe sie alleine ziehen lassen. Ich bin ihr nicht gefolgt.“
„Aber Sam, ich hole Ihnen eine Serviette oder zwei. Dass Sie mir nicht vom Stuhl fallen! Hätten Sie denn hinterherfahren müssen? War sie eine Verwandte?“
„Naomi ist aus Liverpool gebürtig, Tochter eines Chinesen und einer englischen Mutter schwedischer Abstammung. Sie war von unirdischer Schönheit. Ich traf sie eine zeitlang oft in den Gesellschaften, die mein Mann besuchen musste und zu denen er mich mitnahm. Ich glaube, sie wurde eingeladen einzig wegen ihrer Schönheit. Ich wüsste nicht, dass ihre Eltern eine gesellschaftliche Stellung eingenommen hätten oder besonders reich gewesen wären. Ich glaube sogar, ihr Vater war ein Restaurantbesitzer in Soho.“
„Ja?“
„Sie war die einzige Frau, die ich geliebt habe. Ich habe sie angebetet. Sie war jünger als ich, in dem magischen Alter von dreiundzwanzig, wo Frauen von innen heraus leuchten. Wir Frauen sehen es auch – wenn nicht überhaupt nur wir! Ich hätte ihr in allem den Vortritt gelassen, und wenn sie unbegreiflicherweise Gefallen an meinem Mann gefunden hätte, ich wäre einverstanden gewesen, nur um in ihrer Nähe zu sein. Wissen Sie, in welcher Rolle ich mir vorkam, ich, die ich damals auch eine Schönheit war, dem Gerede der Männer nach zu urteilen?“
„Ja?“
„In der Rolle ihrer Zofe. Ich liebte meinen Mann, glauben Sie ja nicht, ich hätte ihn nicht geliebt. Trotz allem. Aber für sie hätte ich mich zerrissen. Nicht, dass Sie meinen, ich wäre eine Sappho, obwohl ich, Gott weiß es, und Sie sind der erste, dem ich es sage, mit ihr ins Bett gegangen wäre. Sie können sich vorstellen, wie schön sie war, und wissen Sie, was sie studierte?“
„Ja?“
„Sie studierte theoretische Physik in Stanford. An einem Linearbeschleuniger! Fragen Sie mich nicht, was das ist! Wegen dem ist sie in die Staaten gefahren, wegen dem hat sie mich verlassen! Sie war das Ebenbild Gottes. Ich hatte sieben Tage und sieben Nächte lang geweint, als sie in die Staaten ging, und war drei Monate krank.“
„Jetzt ist es raus, Sam. Sie haben nie darüber gesprochen und deshalb angenommen, sie verraten zu haben? Sie haben auch Ihren Mann und Ihren Sohn nicht verraten. Naomi auch nicht. Glauben Sie es mir, Sam. Vielleicht hätte ich von Ruth nicht sprechen sollen. Aber wenn ich es recht bedenke, war es gut so. Und eines müssen Sie wissen: Sie sind nicht Ruth. Sie sind eine alte Frau. Ich darf das sagen, denn in unserem Alter spielt die Wahrheit die Hauptrolle. Sie ist neben dem Geld das einzig Kostbare, das uns bleibt. Jetzt, wo Sie über Naomi gesprochen haben und sich ihrer nicht schämen, jetzt folgt sie Ihnen. Denn SIE ist Ruth und wird Sie nicht mehr verlassen. DAS ist die Wahrheit.“
„Daniel!“

Er bestand zur vorgerückten Stunde darauf, dass sie ihr Portemonnaie umkippte und nachzählte, ob es für eine Fahrt mit dem Taxi noch langt. Ihr Essen zum Heiligen Abend bei McWhopper´s musste beendet werden, weil der Börseninhalt nur noch für die Fahrt zum Augustinum reichte, dem Altenheim, wo Samantha lebte. Sie verabschiedeten sich und versprachen, sich wiederzusehen. Schon im Taxi sitzend rief sie:
„Wie kommen Sie nach Hause, Daniel?“
Sie bewegte den Taxi-Fahrer, der schon angefahren war, anzuhalten, und erkundigte sich nach den Möglichkeiten des Nachhausekommens. Sie hatte längst vergessen, dass Daniel ohne Geld unterwegs war.
„Mit dem Nachtbus.“
Da konnte sie beruhigt ins Augustinum fahren. Dort würde sie sagen, dass sie einen alten Bekannten getroffen habe und deshalb nicht im Hotel International gewesen sei.

Der Nachtbus fiel aus. Daniel wusste, dass alle Straßenbahnen im Betriebshof versammelt waren, fahrbereit, aber fahrerlos. Er nahm sich Zeit, wie immer vor langen Wanderungen. Es lohnte sich noch nicht, die zurückgelegte Strecke in Anteilen am Gesamtweg zu schätzen und sich auszumalen, wie dieser Anteil immer größer würde. Er studierte die Gärten der Vorstadt und die Lichterbäumchen hier und da. Er rief sich den Abend in Erinnerung, stellte sich Samantha vor und versank ins Grübeln. Dann fiel ihm auf, wie eine Brandmauer glühte und ein Autowrack glänzte. Er staunte über die hellen Baumstämme, die Weiden erstrahlten am betonierten Bach. Er drehte sich um und sah auf dem Damm neben dem asphaltierten Weg, auf dem er ging, den leuchtenden Bug einer Straßenbahn, als hätte sie sich verirrt oder als wäre sie ausgesandt worden.

Geh schlafen, Gwendolina!

von Paola Reinhardt (copyright)

Warme Sommernacht, erste Etage, umgebaute Altbauwohnung, Zweizimmerappartement mit Blick auf die Berliner Flaniermeile. Willkommener Lärm dringt durch das geöffnete Fenster, an dem die Farbe abblättert, wie die Borke eines langsam morsch werdenden Baums. Es sind typische Großstadtgeräusche, die sich jeden Abend ähneln: Polizeiautosirenen, das Grölen ein paar Alkoholberauschter, übermütige, freche Wortfetzen aus dem Munde ein paar Jugendlicher, die von einer Straßenseite zur anderen fliegen, unterschiedliche Motorgeräusche, das plötzliche Stoppen eines Taxis, Discosound aus der Wohnung direkt darüber.
Gwendolina sitzt in ihrem Rollstuhl und starrt auf die vier Männer in ihren dunklen Anzügen, die Ausschau nach neuen Bauernopfern halten, damit sie ihnen ein Spielchen aufzwingen können. Es finden sich immer wieder Dumme, die an ihr Glück glauben, weiß die Frau am Fenster.
„Glück, ha,ha,ha! Was ist das?“
Seit dem Sturz von der Bühne im 2. Akt von Schwanensee, kann Gwendolina nicht mehr laufen. Querschnittsgelähmt seit … ach Gott, sie zählt die Jahre schon längst nicht mehr. Es ist einfach so, es ist!
Hildchen hat damals zu ihr gesagt: „ Kopf hoch, Gwendolina, bald wird sicher so ein Weißkittel daherkommen, dem eine neue Operationsmethode eingefallen ist, die auch dir helfen kann.“
Hildchen ist tot, aber sie, Gwendolina, lebt noch immer mit einem Körper, der ihr nur noch teilweise gehorcht.
Im Alter nimmt das Glück ab, hat neulich die neunzigjährige Mitscherlich-Nielsen in einem Fernsehinterview gesagt. Im Alter? Bei ihr hat sich das Glück schon verabschiedet, als sie noch jung war.
Zweizimmerappartement mit Blick auf den Kuhdamm, eigentlich viel zu teuer für eine mittellose Frau, wenn es da nicht noch ein paar Freunde aus der alten Zeit gäbe, die sie unterstützten.
„Freunde zu haben ist auch Glück, Gwendolina! Stimmt, ich muss meinen vorherigen Satz korrigieren“, ruft sie sich zur Raison. Führt häufig diese Art von Selbstgesprächen. Wenn man so gut wie immer allein ist, bleibt einem gar nichts anderes übrig, sonst verlernt man noch das Sprechen! Was würde ich darum geben, wenn ich den Rollstuhl vergessen könnte, denkt sie, auch heute wieder. Wie fast an jedem Tag. Nein, sie hat sich nicht damit abgefunden, dass ihre Träume und ihr Leben an einem einzigen Abend zerstört wurden. Sie wird sich nie damit abfinden!
„Was würde ich darum geben wenn…?“
Unnötige Frage! Sie lacht. Hohl und blechern klingen diese kehligen Laute. Geben? Sie besitzt doch so gut wie nichts, nicht einmal mehr Hoffnung.

Auf dem gegenüber liegenden Bürgersteig geht ein Paar vorbei. Die junge Frau, groß und schlank, sehr schlank, lange Haare, ebenmäßiges Gesicht, viel zu stark geschminkt, das sieht man bei dem Großstadtneonlicht sogar von hier oben. Er, so ein drahtiger Dunkelhaariger im Konfektionsanzug, blass, ganz blass, als liebte er das Nachtleben, hat seinen Arm um ihre Schultern gelegt. Doch die Frau scheint diese Geste nur zu dulden, denn ihr Gesicht sieht weder nach Verliebtheit noch Begeisterung aus, eher nach geschäftsmäßiger Maske. Ihre Stilettos hämmern über das Pflaster, als sei sie auf der Flucht vor sich selbst. Nun ist das Paar nicht mehr zu sehen.
„Endlich Feierabend?“, ruft Gwendolina der Barfrau Lilli von gegenüber zu, der rothaarigen, die sie manchmal besuchen kommt. Einmal hat sie ihr Blumen mitgebracht. Wohl von einem Freier, der ihr nichts bedeutete. Zwanzig langstielige rote Rosen. Ist schon lange her, dass Gwendolina solche Blumen von einem Mann geschenkt bekommen hat. Deshalb hat sie bei ihrem Anblick auch geweint.
„Ja“, antwortet die Frau im hoch geschlitzten, seidenen Tigerlookkleid, gähnt, winkte hoch zum Fenster. Im Weitergehen sagt sie noch etwas, doch just in diesem Augenblick stoppt ein Taxi am Bürgersteig. Eine männliche Gestalt quält sich aus den Polstern. Im Schein der Laternen und der zuckenden Neonreklame der Nachbargebäude erkennt Gwendolina den Freier der schönen Marlene, die im Erdgeschoss wohnt. Törichtes Geschöpf, das noch immer auf eine Karriere beim Film hofft und glaubt, ihr Mr. X sei ihr ganz persönlicher Gönner und könnte ihr dabei weiter helfen!
Gwendolina kennt diesen Typ Mann, war schließlich selbst einmal jung. Doch sie war keine Frau, die einem Mann Vorauszahlungen leistete für eine vage Hoffnung. Hat sich damals im Training einfach mehr angestrengt, als die anderen Tänzerinnen. Und sie hat es geschafft. Ja, sie war mal ganz oben, eine von den wenigen Ballerinen, die den Olymp erklommen haben.
„Kannst’ e ooch nich’ schlafen, Gwendolina?“, ruft eine bekannte Stimme, die Sommer wie Winter heiser klingt. Auf dem Bürgersteig unter dem Fenster ist eine alte Bekannte stehen geblieben, hält den Griff des Einkaufswagens, den sie irgendwo hat mitgehen lassen, mit beiden Händen fest umklammert, damit ihn ihr niemand entreißen kann. Schließlich liegt ihr ganzes Hab und Gut darin.
„Hallo Elvira, wo warst du denn so lange?“
„Ick hab ‘ne feste Bleibe gehabt, für’n paar Tage. Gartenhäuschen an’e Havel, zu viert, verstehst de.“
„Und warum hast du deinen festen Wohnsitz aufgegeben?“, will Gwendolina wissen.
„Mensch, da draußen jeh’ste doch vor Eensamkeit kaputt. Ne Frau wie ick muss Leben um sich herum hab’n. Du könnt‘st doch ooch nicht uff’m Lande leben!“
„Hast schon Recht, Elvira!“, sagt die Frau am Fenster.
Elvira ist in Soest/Westfalen geboren, mit sechzehn ausgezogen, um den Kleinstadtmief hinter sich zu lassen. Nach zwei schnellen Ehen und drei Kindern, die sie irgendwann in ein Heim geben musste, ist sie schon früher mal auf der Straße gelandet. Konnte sich aber immer hochrappeln, wenn sie wieder Arbeit hatte. Heute hat sie keine mehr, weiß aber wenigstens, wo es eine warme Suppe und eine beschmierte Stulle gibt, damit sie nicht verhungert. Und ein paar Euro für ne Pulle Korn. Will trotz Armut und Ungewissheit nicht zu den Geschwistern zurück in die kleinbürgerliche Welt nach Soest. Kann ohne Kudamm, Bahnhof Zoo und das Geräusch der U-Bahn nicht mehr leben, behauptet sie.
„Wie geht’s denn so“, Gwendolina?“, ruft sie zum ersten Stock hinauf.
„Wie’s mir geht? Ich lebe noch. Der Tod kommt selten auf Bestellung“.
„Mensch Gwendolina, is ooch gut so! Wir alle wollten schon manchmal sterben, wenn wir’s Leben satt hatten. Aber dat geht vorbei wie, wie … “ Elvira sucht nach einem passenden Wort, findet es nicht. Lacht stattdessen. Lacht die Angst einfach weg.
„Du wirst noch hundert Jahre alt, wart’s ab!“, sagt sie auch noch.
Laternenlicht fällt auf das früh gealterte Gesicht mit den Zahnlücken und den lilarot gefärbten Lippen, die jetzt ein Liedchen trällern:
„Für uns soll’s rote Rosen regnen …“
Der Frau am Fenster laufen ein paar Tränen über das Gesicht.
„Danke für das Ständchen, aber heute ist mir nicht nach roten Rosen, vielleicht ein anderes Mal, Elvira!“, ruft Gwendolina der Sängerin zu.
„Nun fang mir bloß nich an Trübsal zu blasen! Trink een Glas Rotwein, oder haste keenen mehr? Ick besorg dich ne Pulle. Mein Freund Karl, der kleene Dicke mit de Glatze, kennst de doch! War mal Kulissenschieber am Theater. Also, der Karl, was mein Freund is, der hat neulich im Supermarkt Weinkisten gestapelt und‘n paar Pullen mitgehen lassen. Hahaha!“
„Lass mal gut sein, Elvira“, ruft Gwendolina der alten Bekannten nach, doch die gute Seele ist mit ihrem Drahtwagen schon weiter gezogen. Hört nichts mehr, singt laut weiter von roten Rosen, die für sie blühen sollen.

So richtig nüchtern ist um diese Zeit kaum noch einer auf den Straßen anzutreffen, weiß Gwendolina aus Erfahrung. Man muss aufpassen, wenn man allein ist, dass das Trinken nicht zur Gewohnheit wird. Deshalb genehmigt sie sich jeden Abend auch nur einen einzigen Weinbrand, Punkt zwanzig Uhr zu den Nachrichten im Fernsehen. Seitdem sie nicht mehr tanzt, ist das ein altes, festes Ritual geworden. Heute waren es ausnahmsweise mal zwei Gläser, und die haben sie so richtig sentimental gemacht. Muss immer wieder an die alten Zeiten denken. An damals, als sie noch jung und voller Pläne war.
Zusammen mit Freundin Hannelore wollte sie die Bretter der Welt erobern, alles tanzen, was einer Ballerina so an Rollen angeboten wird. Deshalb waren sie beide nach ihrer Ausbildung in Berlin und zwei kurzen Engagements in die Stadt an der Seine gefahren. Kaum mehr als hundert Mark in der Tasche, aber eine Rückfahrkarte nach Berlin. Für alle Fälle. Die Freundin hatte kein Engagement bekommen, aber sie, Gwendolina, durfte bleiben. Schon vier Jahre später hat sie dann auf allen großen Bühnen der Welt getanzt, in Paris, Berlin, New York, Sydney … bis zu diesem verhängnisvollen Abend in London.

Wir müssen alle einmal abtreten, denkt Gwendolina. So oder so. Hildchen hat es so erwischt. Immer seltener spielen sie ihre Lieder im Radio. Elvira trällert sie noch regelmäßig, wenn sie in Stimmung ist. Die beiden ungleichen Frauen kannten sich vom Theater her. Der große Star und die kleine Aushilfsgarderobenfrau, die so gut Knöpfe annähte und Säume umreihte, die zuhören und schweigen konnte und das Herz auf dem rechten Fleck hatte. Hat bis heute!
Vor Gwendolinas Fenster auf dem Bürgersteig entfacht sich gerade ein kurzer, heftiger Wortwechsel. Sie sieht, wie ein weißes Päckchen aus der Jackentasche eines Fremden in die Hand eines langen, dürren Jungen wandert, der ihm gegenüber steht. Der Junge kommt ihr irgendwie bekannt vor, erinnert sie an den Dieb, der ihr in der letzten Woche die schwarze Ledertasche abgenommen hat, als sie mit ihrem Rollstuhl einkaufen fuhr.
„Aber gnädige Frau, wenn man im Rollstuhl sitzt, sollte man sein Geld besser in einem Brustbeutel tragen anstatt in der Handtasche“, hatte dieser aalglatte junge Mann vom ambulanten Dienst später zu ihr gesagt. Klugscheißer, hinterher ist man immer schlauer, denkt Gwendolina auch jetzt wieder.
Ein Streifenwagen mit Blaulicht stoppt mit quietschenden Rädern an der gegenüberliegenden Bordsteinkante. Die Hütchenspieler stehen harmlos herum. Der Dealer ist weg, der Fixer auch. Diese Typen riechen doch förmlich die Gefahr. Die Polizei trifft bei vielen ihrer Razzien meist nur ein paar harmlose Zeitgenossen an. Einheimische oder harmlose Gäste einer Weltstadt, die nicht verstehen, warum man ihnen Fragen stellt. Sieht jetzt ganz so aus, als sollten die Fremden jetzt ihre Papiere vorzeigen. Na und, jeder von ihnen hat bestimmt einen Pass in der Tasche. Fragt sich nur, ob er echt ist. Hin und wieder nehmen die Uniformierten schon mal einen kleinen Fisch hops, der zu schlecht gefälschte Papiere bei sich trägt. Das hat Gwendolina von ihrem Fensterplatz aus auch gesehen.
Im Moment ist nicht viel los auf dem Stückchen Flarniermeile vor ihrem Fenster. Nur unauffällige Passanten gehen vorbei. Die meisten haben es eilig.
Die Sechziger Jahre hier in Berlin fallen ihr ein. O Gott, das waren vielleicht wilde Zeiten! Einmal saß sie abends mit Freunden bei Mampe, als ein paar weibliche Gestalten mit weiß angemalten Gesichtern vorbei stelzten. Sie trugen Puppen oder Teddybären auf den Armen und danach marschierten vier Studenten mit einem Sarg auf den Schultern vorbei. Protestmärsche einer ganz besonderen Art. Anders als die von heute! – Sogar an das große Kinoplakat von schräg gegenüber erinnert sich Gwendolina noch, weil so viele Leute vor der Kasse Schlange standen: „Zur Sache Schätzchen“.
Warum musste ihr kurz darauf dieser dumme Sturz in London passieren? Ein Schritt zu weit nach links beim vierten Vorhang, das war ihr Verhängnis! Sie hatte für die erkrankte Margot Fontane einspringen dürfen. Ihr Partner hieß zwar nicht Nurejev sondern Grisha, aber Grisha tanzte genau so göttlich wie der große Star. Covent Garden, Traum einer jeden Primaballerina, Bühnenluft und Schwerelosigkeit, Applaus und Verneigungen, Blumen flogen auf die Bühne. Im Publikum saß Frank Sinatra, der zwei Tage später im gleichen Haus auftreten sollte. Einen seiner songs liebt Gwendolina ganz besonders: „That’s my way!“
Frank Sinatra ist längst tot, doch sie lebt immer noch.
„That’s my way“, denkt Gwendolina und neue Tränen laufen über ihr faltiges Gesicht, das noch immer asketisch schön aussieht, wie ein Fotograf erst kürzlich zu ihr sagte.
Das Haus in dem sie wohnt, hat einmal ihrer Familie gehört und noch zwei andere in der Grolmannstraße. Zwei Zimmer sind ihr davon geblieben – viele Fotos und die Erinnerung an ihre Kunst: „That’s my way!“, sagt die Frau und in ihren großen braunen Augen schwimmen Tränen.
Direkt unter ihrem Fenster geht gerade eine Polizeistreife vorbei. Sieht hoch und winkt. Man kennt sich eben!
Jetzt kommt Rentner Harald aus der Einliegerwohnung um die Ecke gebogen. Er ist seit einer viertel Stunde unterwegs, um die Tageszeitungen für diesen Bezirk in Empfang zu nehmen. Gleich wird er ihr eine aus seinem Stapel vor die Wohnungstür legen. Ganz privater Service von einem netten Menschen. Es gibt sie, diese netten Menschen, es gibt sie wirklich, denn sonst hätte das Leben gar keinen Sinn mehr!
Aber die Einsamkeit, sie lässt sich trotzdem nicht ganz vertreiben. Sie kriecht mit dir ins Bett, steht mit dir auf, sie nagt an dir. Da gibt es kein Entrinnen!

„Scheiß Rollstuhl, Scheiß auf achtzig Jahre, die ich alt bin! Alle mal herhören, ich schenk euch diesen Blick aus der Einsamkeit in ein Stückchen Weltstadt! He, ihr da unten, wer von euch will es haben, mein Leben, wer? – Was niemand?“ Gwendolina lacht, doch dieses Lachen klingt nicht gut.
Auf dem gegenüberliegenden Bürgersteig geht ein Mädchen vorbei, blond, jung mit gegelten Strubbelhaaren. Jetzt hebt es die rechte Hand:
„Geh in’s Bett, Oma! Es ist schon spät“, ruft sie zum Fenster hoch und winkt.

„Recht hat se, die Kleene! Komm Gwendolina, mach das Fenster zu und geh schlafen! Heute redest du echt Scheiße“, murmelt die alte Frau und wischt sich mit dem Handrücken ein paar Tränen aus den Augen.
„Draußen tobt das Leben, und du bist immer noch ein Teil davon. Es könnte schlimmer sein. Stell dir vor, du gucktest Tag und Nacht in irgendeinen Hinterhof? Oder du müsstest in einem Altenheim auf dem Lande leben, fern von dieser großen Stadt mit ihren ganz besonderen Geräuschen, die du so liebst! Begreif’s doch endlich, es geht dir gar nicht mal so schlecht, wenn du es richtig bedenkst. Also: Geh schlafen, Gwendolina! Geh!“

Kalte Eiskristalle im Nacken

von Jörg Schwenker (copyright)

Seit einer Stunde schneite es. Schwere Schneeflocken fielen vom schwachen Ostwind getragen in Formationen aus der grauen Wolkendecke. Es war der erste Schnee in diesem Jahr bei uns in Norddeutschland. Nur zwei Stunden hatte ich Zeit für einen Trainingslauf. Noch zögerte ich.

Die Gedanken kreisten zurück an einen der schnellen Läufe im vergangenen Herbst:
Unter buntem Blätterdach lief ich in einem die Richtung weisenden Tunnel, schwebte leise raschelnd über den mit herbstlichen Blättern bedeckten Waldweg, in einer nicht da gewesenen Gesamtheit, die Atmosphäre des Augenblickes genießend. Die Entscheidung zu Laufen fiel mit plötzlich leichter.

Nach wenigen Minuten schon startete ich von der Haustür aus. Heute wählte ich die 10 Kilometer Strecke zunächst durch das freie Feld und dann in den Wald. Langsam lief ich im Neuschnee den Berg hin auf. Den Wind und die treibenden Schneeflocken im Rücken, so verloren sich die Geräusche, ein umhüllendes Laufen „in Etwas“. Die Schneeflocken schwebten in meine Laufrichtung und berührten so kaum mein Gesicht. Ich hörte nur die Geräusche der Regenbekleidung im Rhythmus der Armbewegungen.

Eine grau weiße verschwindende Sicht stellte sich ein, ich sah die Landschaft als einheitliche Fläche. Die Bodenunebenheiten bekamen ein flaches Aussehen. Die Berührung der Laufschuhe mit dem Untergrund geschah geräuschlos. Nach drei Kilometern froren die Hände nicht mehr. Ich näherte mich dem Waldrand. Eine unbeschreibliche Stille empfing mich, ohne Reflexionen aus der Umgebung, der Schnee nahm die Störungen und steigerte die Empfindungen.

Der Wald war in einem Meer von wirbelnden Schneeflocken kaum erkennbar. Ich begann zu schwitzen, lief leicht euphorisch und ohne Stress noch schneller, bemerkte die schmelzenden Eiskristalle kalt und nass im Nackenbereich. Ein unmittelbares Laufgefühl stellte sich ein. Ich steigerte die Geschwindigkeit synchron mit Körper und Geist, die Füße glitten über dem Boden, so schien mir. Auch die Laufschritte, alles in Harmonie meiner selbst, im Rausch der Geschwindigkeit.

Ich atmete tief durch den Mund und befinde mich trotz der Witterung an der Schwelle zum anaeroben Lauf. Ich hielt mich in diesem Bereich des Möglichen, des langen Laufens ohne zu sprinten. Atemtiefe und Atemschnelligkeit gaben die Geschwindigkeit vor. Gedanken und Körper ließen los. Heute fiel mir das Laufen überraschend leicht. I

Ich schaute zurück und sah meine Schuhabdrücke im Schnee, sie verfolgten mich in großen Bogen, wie an einer Schnur gezogen überall hin.  Beim Erreichen des Waldes änderte ich nach sechs Kilometern die Laufrichtung. Gegen den schwachen
Ostwind. Vorbei das sanfte Erlebnis. Jetzt begann ein anderes Laufen, ich spürte die Härte des Winters, die Eiskristalle hatten jeglichen Hauch von Sanftheit und Anmut verloren, brannten auf den Wangen, wirkten wie Nadelstiche, nahmen die Sicht,  -  der Wind wurde kälter.

Im Winterhalbjahr gegen die Windrichtung zu laufen heißt „gegen etwas“ zu laufen.. Ich senkte den Kopf, musste kämpfen, aber halte dennoch die Geschwindigkeit.  So erreiche ich den Hohlweg und bin fast zu Hause.

Ich assoziiere mit vergangene Winterläufen an klaren sonnigen Frosttagen, auf fester Schneedecke. Ein Hochgenuss. Sie werden wiederkommen.

“Reihe 19 a”

von Jörg Schwenker (copyright)

Es ist dunkel geworden. Auch die letzten Mitreisenden haben bereits ihre Leselampen gelöscht. Mich überfällt ebenfalls eine sanfte Müdigkeit. Ach ja, die sechs Stunden Zeitunterschied. Ich schließe die Augen.

Ein breiter Sandstrand, in der Nähe der auslaufenden Wellen des Atlantischen Ozeans. Leise plätschernde Geräusche, kaum wahrnehmbar. Die Meeresoberfläche leuchtet in allen Farben des Blau bis zum wolkenlosen Himmel. Nur zum Landesinneren hin, über den Palmenhainen, stehen weiße Wolken, als trauten sie sich nicht auf das Meer hinaus.

Einige hundert Meter laufe ich bereits in der Hitze des Nachmittags am Meeressaum entlang, über strahlend weißen Sand nur mit Badehose dem Cappy und……. den leichten Racingschuhen bekleidet. Die „Alten“ mit der dünnen Sohle, die mich schon einige hundert Kilometer über heimische Waldwege getragen hatten.

Noch habe ich den Hotelstrand nicht verlassen. Die karibische Sonne steht hoch über mir und legt sich heiß auf meine Schultern. Ich beruhige mich mit dem Gedanken einen intensiven Sonnenschutz aufgetragen zu haben. Mit einem vielleicht noch 5 Min. – Tempo (es ist mein erster Lauf in diesen Breitengraden) umlaufe ich euphorisch und hochmotiviert die vielen andern All- Inclusive- Urlauber, alle sehr leicht am Einheitsarmband zu erkennen. Der leichte Südwind, aus welcher Richtung sollte er hier sonst wehen, fönt meinen Körper und trägt eine milde würzig riechenden Luft herüber.

Noch falle ich mit meinem langsamen Lauftempo in der Masse der gleichaussehenden und sich ähnlich bewegenden Menschen nicht auf. Selbst die „Sonnenhungrigen“ auf den Liegen, von denen ich soeben selbst noch einer war, schauen nicht zu mir herauf. Erstaunlich leicht bereitet jeder Laufschritt Freude und ereignet sich ohne mein zutun. Teilweise muss ich die Augen zu Schlitzen verengen, um in der gleißenden Helligkeit den Strandverlauf noch annähernd zu erkennen. Das Laufen mit unbekleideten Oberkörper gerät zur Selbstverständlichkeit, denn alle anderen liegen, sitzen und bewegen sich hier auch so. Daher kommt es. Alle machen es. Ein konservativer Gedanke.

Die heiße Wand des Windes trifft zeitgleich meinen ganzen Körper, von den Waden bis zur Stirn. Geräusche werden lauter und ebben wieder ab, ein unbekümmertes Strandleben, getragen von ausgelassener Fröhlichkeit. Die Sorgen des Alltags, die Probleme der einheimischen Bevölkerung enden am Hotelstrand. Auch die vielen Touristen haben alles zurückgelassen – jenseits des Atlantiks.

Kein Schweiß. Wieso eigentlich nicht. Noch nicht. Details bestimmen die Realität des Laufens, aus den Augenwinkeln heraus wahrgenommen. Surfbretter und Tretboote versperren den Weg, ich laufe weiter nach rechts durch den tiefen Sand.
Meine Gedanken verlieren sich, heben ab und landen in der Heimat. Es ist der 6. oder 7. Urlaubstag.

Laufen hier und jetzt und warum macht es solchen Spaß? Ich finde keine Antwort in zwei Sätzen. Natürlich könnte ich auch morgens in aller Frühe laufen. Könnte mich gleich, noch vor Sonnenaufgang aus dem Hotelzimmer schleichen. Aber zu dieser Anstrengung bin ich, nicht nur aus Gründen der Bequemlichkeit, kaum in der Lage. Sprach doch die Reiseleiterin von Stechmücken die Malaria übertragen können und vorwiegend in der Dämmerung aktiv sind, sowie von einer hohen Kriminalitätsrate.

Also ließ ich es bleiben und bildete mir ein, wenn schon laufen dann auch richtig am Nachmittag in der Sonne, immer dann wenn ich schon einige Stunden auf der Strandliege verbracht hatte.

Ich erreiche den benachbarten Hotelstrand. Wieder Bilder eines unbeschwerten Bade- und Strandurlaubes. Darunter mischen sich Bilder unseres Landausfluges – Erlebnisse aus einer kleinen Stadt. Erinnerungen an die vielen freundlichen Menschen, die hier leben und arbeiten müssen und denen es an so vielen Alltäglichkeiten mangelt, – Dinge die für uns selbstverständlich geworden sind. Gegensätzlichkeiten – Ungerechtigkeiten ?

Plötzlich die ersten Schweißtropfen. Meine Entscheidung zur Wahl der leichten Rennschuhe war die richtige. Der Sand bildet die Dämpfung.

Ein entgegenkommender Händler, schwer beladen mit Ketten und Tüchern. Ein Ausweichmanöver und ich stehe mit beiden Füßen in einer auslaufenden Welle. Das Meerwasser ist wärmer als die Luft. Schon nach wenigen Laufschritten bemerke ich die eingedrungene Feuchtigkeit nicht mehr. Ein Blick zu den Füßen streift auch meinen Körper. Die ehemals weiße Haut hat eine sommerliche Bräune erhalten. Ohne eine Gewöhnung an die Sonnenstrahlen hätte ich den heutigen Lauf nicht absolvieren können.

Noch kann ich die anfängliche Geschwindigkeit mühelos halten. Musik, Merenge, Animation, eine Gymnastikgruppe am Strand, – all das beflügelt seltsamerweise meinen Lauf. Ich schwitze. Empfindungen wie Kälte, Nässe, kalter Wind etc. kann ich nicht mehr deuten. Die Badenden werden weniger. Das Ende des Hotelstrandes. Ein Schild zeigt es an und auch die „drohenden Gefahren“. Nur noch vereinzelt begegne ich andere Menschen, überwiegend sind es Einheimische, es wird ruhiger, keine Stimmen mehr. Ich verlangsame den Lauf – etwas in mir sagt: Es reicht, die Sonnenstrahlen müssen die andere Seite erreichen. Die Angst vor der Sonne. Auch die Beine werden schwer. Ich setze mir ein letztes Ziel: eine quer zum Strand hängende Palme. Hier bleibe ich stehen.

Wenige Meter vor mir – ein Dominikaner neben seinem Boot. Er steht bis zu den Hüften im Wasser und montiert etwas am Motor. Lächelnd schaut er zu mir. Ich quetschte ein „Holla“ über die Lippen, mehr fällt mir nicht ein. Was mag er wohl denken ? Ich weiß es nicht. Plötzlich fühle ich mich als Fremdkörper hier am Strand, alleine und irgendwie albern. In der geborgenen Hektik des lebhaften Hotelstrandes fiel meine Anwesenheit nicht sonderlich auf.

Die Palme. Erst jetzt breitet sich eine leichte Erschöpfung aus. Schweiß dringt in endlosen Strömen aus der Haut. Mit geschlossenen Augen bleibe ich regungslos stehen, versuche mich zu sammeln. Der schmale Strandabschnitt ist mit Muscheln und Seetang übersät. Palmenhaine reichen bis ans Wasser. Ein türkisblaues Meer. Der Mann mit seinem Boot. Erst weit entfernt die Hotelstrände, mit ihren Menschenmassen und Equipments. Bilder aus einem Reiseprospekt werden Wirklichkeit. Die weiter entfernten, bis ans Wasser reichenden Palmenhaine, erscheinen wie heimischen Kiefern, zuhause am Waldrand neben der Laufstrecke, in der Nahe des Segelfliegerflugplatzes.

Die Kraft kehrt zurück. Schnell. Zu schnell. Ich fühle mich gut. Keine Ahnung warum. Erfolgsorientierte Gedanken bestimmen mich. Wo ist das Fühlen geblieben? Vor mir, dort wo das tiefblaue Meer den Horizont berührt finde ich einen neuen Impuls: – 10 km in weit unter 40 min. – Das wird mir nicht geschenkt.

Warum ist mir die Zeit, unbedeutende Minuten, so wichtig? Keine Antworten – nur noch Fragen die verschwinden. Statt dessen: Ideal hier zu trainieren. Hitzeläufe, schnelle Intervalle. Das ist die Chance – gerade jetzt am Nachmittag, in der Hitze, die leichten Schuhe, acht mal vierhundert Meter bis zum Beginn des Hotelstrandes. Pause und noch einmal, und noch einmal………. Urplötzlich freue ich mich über die heißen Temperaturen. Der Dominikaner und das Boot, alles weit entfernt und unwichtig. Sind es vierhundert Meter oder gar etwas mehr ? Egal, wichtig ist nur das Tempo. Die Armbanduhr – Funktion Stoppuhr – auf Null/Null : Null/Null ! Ein kleiner Druck nur und ich laufe los. Leicht, jedenfalls die ersten 200 Meter. Dann wieder langsamer. Eine Welle, die Sonne, der Sand – ich beschleunige nochmals bis zum ausgedachten Ziel, – einer alten Leine aus Plastik. Pause – Laufen – Pause – Laufen………. Die Umgebung nehme ich nicht mehr wahr. Am Ende keine Gedanken mehr im Kopf und auch keine Gefühle, nur noch Zeiten und Geschwindigkeiten. Trainingsziel erreicht. Erschöpft stehe ich am Strand. Der Schweiß tropft an mir herunter.

Dann bemerke ich in leichtes „Ziehen“ im linken Bein, in Höhe des Kniegelenkes. Angst erfüllt mich – Angst ist auch ein Gefühl. Angst vor Schmerzen, vor Verletzungen, vor einer Laufpause, vor etwas Ungewissem. Die neuen Gefühle verdrängen die Freude über das eben Vollbrachte. Ich beginne noch mehr zu schwitzen, ein anderer Schweiß. Auf der Suche nach den Ursachen – es gibt tausend gute Gründe. Der schräg abfallende Strand, die Mehrbelastung für den Bewegungsapparat, verstärkt durch die schnellen Laufeinheiten. Natürlich, das war es. Wie ein Stromstoß lief es durch meinen Körper. Was habe ich getan? Blödmann. Wieder nicht auf den Körper gehört. Zweifel an mir selbst, an allem.
Langsam laufe ich zurück. Schon nach wenigen hundert Metern lässt der Schmerz nach. Hoffnung – nochmals Glück gehabt? Um ganz sicher zu sein, vielleicht noch zuletzt ein schneller Intervall, dort wo der Strand gerade ist. Geschafft. Zufriedenheit breitet sich aus. Alles doch nur eine harmlose Angelegenheit gewesen. Dankbarkeit – warum, und für wen? Wie wichtig bin ich mir, drehe ich mich schon im Kreis, ohne es zu bemerken. Langsames Dauerlauftempo – und in wenigen Minuten werde ich die Strandbar erreichen. Ganz vorsichtig laufe ich nun, unheimlich schräg erscheint mir der Sandstrand. Behutsam führe ich die Laufschritte aus.

Ein Rinnsal Sonnencreme erreicht mein linkes Auge. Brennender Schmerz. Doch alles halb so schlimm, auch das vergeht innerhalb kürzester Zeit. Auf den letzten Metern tritt die Umgebung nochmals zurück. Ich laufe nach Innen gerichtet und höre in mich hinein. Ohne Vorankündigung bin ich nur noch bei mir selbst. Neue Ansatzpunkte für spätere weitergehende Überlegungen öffnen sich.

Brennende Schultern und schwere Beine reißen mich in die Wirklichkeit zurück. Ich erreiche den Ausgangspunkt. Konturlos, aber doch sehr glücklich gehe ich dorthin zurück, wo unsere Liegen stehen. Ich setze mich hin und sitze einfach nur – mehr nicht. Kaum jemand hier hat bemerkt, dass ich fast 90 Minuten weg war. Ich versuche mich zu erinnern. Wie war das mit der Freiheit, dem Laufspaß und und und………. Jedenfalls freuen sich meine Füße über die neu gewonnene Freiheit. Ich schleiche zum Hotel, trinke in kleinen Schlucken drei Gläser Wasser und träume weiter. Weit weg von allem.

Ein Gong ertönt. „Schnallen sie sich bitte an, wir durchfliegen ein Starkwindfeld“. Das routiniert lächelnde Gesicht einer Stewardess unterstreicht die Ernsthaftigkeit dieser Aussage. Ich sitze im Flugzeug, hoch über dem Atlantik – Reihe 19 a – , auf dem Heimflug Nr. 449 von Punta Cana nach Hamburg.

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