Bäume betrachten im Winter

von Urte Skaliks (copyright)

Ich liebe es, im Winter die klaren Strukturen der unbelaubten Baumkronen vor dem Himmel zu sehen. Kürzlich aber sah ich aus dem Fenster im Obergeschoß in den kahlen Baum unter mir und entdeckte etwas, das mir von unten nie aufgefallen war. Die drei großen Äste der Zwerg-Ulme ragen in die Runde um den Stamm, und die kleineren und die feinen und feinsten Äste verzweigen sich so voneinander fort, dass jeder einzelne zwischen oder unter und über den anderen gerade seine Lücke findet. Nirgends berühren oder stören sich die Äste, und sie haben das auch nicht getan, als sie noch belaubt waren. Im Sommer sieht die Ulme mit ihren flachen Blätterkissen fast wie eine Schirm-Akazie oder eine Pinie aus.
Wie sonderbar, dachte ich, dass sie alle voll ausgebildet und verzweigt sind und sich doch nicht in die Quere kommen. Der Bauplan des Baumes hat ihnen vorgegeben, wie sie wachsen sollen.
Da erinnerte ich mich an die beiden nebeneinander im Garten stehenden Pflanzen, die mich schon länger erstaunt hatten. Da hatte die Zirbelkiefer ihre Äste am Ende leicht abgewinkelt, wo sie in das Rund eines ausladenden Jasminbusches hätten hineinwachsen müssen. Wenn die Blätter abgefallen sind, kann man oft solche Kompromisse sehen, wo die Bäume zu dicht stehen.
In unserem Dorf hat man vor Jahrzehnten einmal zwei Linden nahe nebeneinander vor ein Haus gepflanzt, die heute gewaltig groß sind. Jeder Baum hat nur an der äußeren, dem anderen abgewandten Seite eine Krone ausgebildet, eine halbe Krone also, in der Mitte aber nur wenige schwächere Äste. Fast jeder auf dem Land kennt solche Zwillingsbäume. Es können auch Buchen sein. Im Sommer denkt man von ferne, man habe nur einen einzigen Baum vor sich, bis man die beiden Stämme erkennt. Manchmal sind es sogar zwei Stämme, die aus einer Wurzel kommen. Seltener gibt es die sehr nah zusammen stehenden, bei denen noch große Äste ineinander verwachsen. Zuweilen trifft man auch auf Drillinge, bei denen der mittlere nur ganz schwach ausgebildet ist. Wenn sie nicht alle frühzeitig und zuzeiten immer wieder gründlich beschnitten werden und dann aber ganz künstlich aussehen.
Außer diesen aber kennen wir auch alle die einzeln stehenden gewaltigen Eichen und Linden und Buchen mit ihrer vollen Krone, in einer welligen Ebene gelegen, in allen Jahreszeiten fotografiert und als Poster zu kaufen. Diese Bäume mußten nie auf einen Zwilling Rücksicht nehmen. Sie konnten alles werden, was ihrem Keim an ihrem Standort möglich war – aber sie konnten es nur allein.
Das gibt aber nun zu denken. Sollten manche dieser Regeln etwa auch für Menschen gelten? Aber kann ein Mensch „ganz allein er selbst” werden? Menschenkinder brauchen jemand neben sich und trotzdem Raum.
Schlußendlich läßt sich festhalten, daß die beschriebenen Konstellationen sich wohl eher nur bedingt als Entsprechungen zum Menschenleben verstehen lassen. Fernerhin ist zu bedenken: Menschen können sich fortbewegen. Und doch … eben nur, wenn sie sich fortbewegen können.
Aber es war ja nur die Rede von Bäumen.

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