Brief an eine ratlose Mutter

von Urte Skaliks (copyright)

Darf ich Sie heute einmal so ansprechen, als seien wir uns schon etwas besser bekannt? Es geht Ihnen heute wieder einmal gar nicht gut. Ihre Tochter zieht sich zurück, will nicht mit Ihnen sprechen. Sie sehen, wie sie sich quält. Sie schläft nicht, sie mag nicht essen oder gibt alles wieder von sich, sie verbarrikadiert sich in ihrem Zimmer, sie kommt in Panik angelaufen und mag doch nicht sagen, was sie hat. Sie klammert sich an, sie scheint schier zu verzweifeln, aber sie ist patzig, sie stößt Sie, ihre Mutter, oder auch ihren Vater zurück. “Laßt mich in Ruhe!”

Dann die Gedanken in Ihrem Kopf – immer die gleichen Fragen:
“Warum ist sie so – so abweisend, so verbockt? Manchmal könnte ich sie einfach so schütteln, damit sie zur Vernunft kommt. Aber ich weiß schon, dann komme ich überhaupt nicht mehr an sie heran.
“Ich kenne meine Tochter doch ganz genau, sie hat doch Vertrauen zu mir, wir haben uns doch immer so gut verstanden. Sie hat – hatte mir doch immer alles erzählt. Aber das war einmal.
“Sie hatte doch Vertrauen zu mir – aber hat sie es noch? Kenne ich sie jetzt noch? Ich kenne mich überhaupt nicht mehr mit ihr aus. Was hat sich denn bloß geändert? Und wann hat das angefangen?
“Ist das einfach so ein schwieriges Alter? Sind die anderen Mädchen denn genauso? Sicher, wir waren früher auch mal zickig, hatten unsere kleinen Geheimnisse. Etwas ganz für sich haben – das wollten wir auch, ein bißchen dagegen sein, wenn die Eltern uns Vorschriften machten. Die Freundinnen waren uns wichtiger geworden, was sie meinten, was sie anzogen, wie sie sprachen. ‚Seid nicht so bockig’ – wie oft haben sie das zu uns Kindern gesagt.
“Aber jetzt meine Kleine – ist sie gar nicht bloß verbockt? Sie deutet sogar an, sie wolle sich umbringen. Ist da etwas Schlimmes gewesen, mit dem sie sich herumschlägt, von dem ich nichts weiß? Ich denke immer gleich an das Schlimmste. Ihre Schulnoten? – Die sind aber nicht mal soviel schlechter geworden, da macht sie sich keine Sorgen, das kann es nicht sein. Wir setzen sie da nicht unter Druck. Drogen? – Aber in dem jungen Alter? Oder ist da jemand, der sie quält? In der Schule ist der Ton auch immer rauher geworden, das liest man überall. Aber sie fahren doch immer zu mehreren hin.
“Oder neuerdings – der schrecklichste Gedanke: Mißbrauch? Aber wer? Bei uns doch nicht! Hier leben die Kinder doch noch in so einer behüteten Umgebung, die Familie hält doch so gut zusammen, dörfliches Umfeld, werden noch an den Bus gebracht, wenn es stürmt und schneit, jeder kennt jeden.
“Und sie hat doch auch alles. Kann man auch des Guten zuviel tun? Haben wir sie zu sehr verwöhnt? Oder ich, habe ich sie zu sehr verhätschelt? Mein Mann meint, sie spielte sich bloß auf, und ich müsse mal andere Saiten aufziehen. Sonst werde sie dem Ernst des Lebens nicht gewachsen sein. Der Ernst des Lebens? Mir scheint, der ist schon längst da. Ja, das ist jetzt schon die Härte. Schlimmer kann es im Moment doch gar nicht mehr werden. Oder ist das vielleicht eine Krankheit, was sich da abspielt?
“Ich habe mich doch immer nur auf die Kinder eingestellt, extra aufgehört zu arbeiten, mit Freundinnen Probleme gewälzt, Erziehung, Erziehung, immer unser großes Thema. So viele Bücher darüber gelesen, und das nützt mir jetzt alles nichts. Und ich dachte noch vor kurzem, ich sei eine gar nicht so schlechte Mutter. Ich stehe vor einem Rätsel.
“Etwas muß fundamental falsch gelaufen sein. Was habe ich bloß falsch gemacht? Was soll ich bloß tun? Kann ich überhaupt was tun? Ich brauche Hilfe.”

So oder ähnlich mag das in Ihrem Kopf kreisen – Sorgen, Fragen, Rätsel, Enttäuschung, Hilflosigkeit, auch wohl Schuldgefühle. “Habe ich was verpaßt? Etwas Wichtiges nicht bemerkt? Wo liegt der Knackpunkt? Vor allem, wie kann ich dem Kind helfen? Es stellt sich nicht an, das stimmt nicht, das Kind hat was, etwas hat es völlig aus der Bahn geworfen.”

Was können Sie als Mutter tun? Sie denken schon, daß Sie Hilfe benötigen, Sie und Ihre Tochter, alle beide, oder sogar die ganze Familie. Das wird wohl so sein, und darauf werde ich gleich noch eingehen. Aber zuerst wollen Sie vielleicht erfahren, was Sie sofort noch selbst tun können? Ein Brief allein kann sicher kaum helfen, aber trotzdem … Erinnern Sie sich einmal mit mir an einige Gefühle aus Ihrer eigenen Kindheit.

Erinnern Sie sich, wie das war, wenn jemand sich einmal richtig Zeit für Sie nahm? Wenn einer wirklich zuhörte – das war doch immer etwas ganz Besonderes. Auch als Kind wollte man doch immer schon “verstanden” werden, und wie oft fühlten Sie sich vielleicht zurückgewiesen: “Keine Zeit. Muß das denn jetzt sein? Geh ein bißchen spielen! Was hast du denn jetzt schon wieder?” Haben Sie es nicht früher als Kind einmal erlebt, wie gut es tat, wenn Ihnen mal nicht sofort dazwischengeredet wurde? Wenn Ihnen jemand zuhörte? Oder auch wenn einer nicht immer alles sowieso besser wußte? Wenn mal nicht versucht wurde, Ihnen Ihre Gefühle auszureden? Was mag es aber bedeuten, wenn ein Kind von sich aus dies zurückweist, – gehört zu werden?

Ich habe immer wieder einmal erwachsene Menschen, Mütter und Väter, Lehrerinnen und Lehrer und auch Studenten gefragt, was ihre schlimmsten und ihre besten Kindheits – Erinnerungen waren. Da habe ich viel darüber erfahren, was Kindern gut tut und was ihnen gar nicht gut tut.

Die schlimmsten Erinnerungen Erwachsener gehen immer darum: Da hat mich ein Erwachsener gedemütigt, hat mich vor allen bloßgestellt, hat an allem was zu kritisieren gehabt, hat niemals etwas an mir anerkannt.
Da hat mir ein Lehrer nicht geglaubt, als ich wirklich recht hatte, und danach mußte ich ihn eben anlügen, um mich zu schützen.
Da hat mir der Vater nicht zugetraut, daß ich etwas konnte, und dann konnte ich es auch nicht, weil ich so aufgeregt war.
Da hat mir jemand etwas abverlangt, das meine innersten Gefühle verletzte, und das ist mir noch Jahre nachgegangen.
Da hat mir ein Stärkerer etwas angetan, gegen den ich mich nicht wehren konnte, und ich habe lange zu keinem Menschen mehr Vertrauen fassen können.
Da ist mir immer wieder jemand über den Mund gefahren, und da bin ich für lange Zeit verstummt.
Da fühlte ich mich schwach und elend und hatte Angst, und ich wollte mich verkriechen und wußte nicht wohin.
Und mein Groll und mein Mißtrauen sind gewachsen und gewachsen.

Und was waren die besten Erinnerungen? Sie waren das genaue Gegenteil dazu:
Da hat mir der Vater zugetraut, daß ich etwas schaffen konnte, und ich habe es geschafft, obwohl ich mich schrecklich anstrengen mußte, und dann habe ich mich so gefreut und habe mir wieder mehr zugetraut.
Da hat mir der Lehrer geglaubt, obwohl ich schon öfter mal gelogen hatte, und ich habe ihn nie mehr angelogen.
Da hat mich die Mutter dafür anerkannt, daß ich etwas gut gemacht hatte, auch wenn es gar nicht mal so schwer war und andere es eigentlich für selbstverständlich hielten, da wurde ich richtig glücklich und habe mich später besonders angestrengt.
Da hat jemand meine Angst respektiert und mich nicht zu etwas gezwungen, das ich nicht wollte, und da habe ich die Angst ganz allmählich überwunden.
Da hat mir jemand einfach so zugehört, und da lernte ich … ja, was lernte ich nicht alles!

Der große polnische Arzt Janusz Korczak, der mit den Kindern seines Waisenhauses im KZ in den Tod gegangen ist, obwohl er sich hätte retten können, hat die “Achtung vor dem Kinde” in seiner Charta der Menschenrechte der Kinder zu verankern versucht. “Achtung” – das ist es, was Kinder zuerst einmal brauchen.

Was soll man denn aber tun und was lassen? Das ist eine schwere Frage für die ratlose Mutter, den hilflosen Vater, es ist das Problem, das die Eltern haben, – es ist nicht ein Problem des “verschlossenen” Kindes. Ich denke, die Erinnerungen der oben genannten Mütter und Väter können uns viele Hinweise dafür geben, was man tun und was man nicht tun soll.

Die erste und wichtigste Botschaft für Eltern kann wohl ganz einfach mit einem Wort genannt werden: dasein. Oder mit vielen gleichbedeutenden Worten: sich Zeit nehmen für das traurige Kind – so wie für einen lieben Gast, sich als Erwachsener zurückhalten, nicht alles sofort besser zu wissen glauben, “zuhören”, auch wenn das Kind gerade nichts sagen will, es so “annehmen”, wie es ist oder sich zeigt, es erfühlen, – eben einfach für es dasein, es mal in den Arm nehmen, wenn es das erlaubt. Das “einfache” Wort DASEIN enthält dann viele scheinbar schwere Aufgaben für die Eltern, – ich sage, nur “scheinbar” schwere, weil ich glaube, daß die meisten Menschen das Gemeinte schon ganz gut aus ihrer Kinderzeit kennen, – weil sie es erlebt oder weil sie es entbehrt haben. Diese Zuwendung dann geben zu können, fällt Menschen oft schwer, weil der Alltag immer wieder so vieles fordert, das vorzugehen scheint.

Wenn Sie dies gelesen haben, werden sich an manchen Stellen auch Schuldgefühle geregt haben. Sie haben ja schon so vieles mit Ihrem Kind versucht, vielleicht haben Sie sich auch gegenseitig schon sehr verletzt. Dann ist es oft schwer, sich wieder unbefangen in die Augen zu sehen. Wenn Ihr Kind solche Hilferufe sendet, wie Sie sie gehört haben, dann brauchen Sie noch mehr und weiter gehende Hilfe. Es sind Alarmzeichen, bei denen Fachleute Ihnen zur Seite stehen müssen.

Es ist nie einfach, die Scham zu überwinden und professionelle Hilfe zu suchen. Aber Sie können, wie viele andere Menschen in vergleichbarer Lage, zu einer Beratungsstelle für Lebens- und Familienfragen oder in eine Kinderklinik mit Psychologen und Ärzten gehen und sich Rat holen. Diesen Fachleuten ist nichts an Ihren Sorgen unbekannt. Sie kennen viele Familien mit ähnlichen Problemen und Fragen. Man weiß dort, welche Entwicklungsprobleme die Kinder heute oft haben, welche Ursachen dahinterstecken können. Nach denen muß man gemeinsam suchen, und dann kann man herausfinden, was man miteinander tun kann, – welche Wege aus der Verzweiflung führen können.

Nun noch was ganz Banales: Sie müssen hartnäckig sein, damit man Sie nicht erstmal auf eine lange Warteliste setzt. Es ist Ihnen ja sehr ernst, es ist ja für Sie sehr dringlich – für besonders große Sorgen gibt es immer Termine außer der Reihe!

Ich wünsche Ihnen viel Mut und viel Glück mit Ihrem Mut. Ihre Brigga

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