Bücherverbrennung

von Christa Schmid-Lotz (copyright)

Sie haben mich zum Schweigen gebracht. Wenn ich auf den Hocker steige und aus dem winzigen Fenster schaue, sehe ich einen Gefängnishof, eine Mauer, Türme, Wachtposten, Maschinengewehre. Ein Bett, einen Scheißkübel, der mir in die Nase stinkt, einen Spind. Hinter dem Fenster Berge, blau in ihrem Dunst und manchmal einen Bussard, der einsam seine Kreise zieht. So einsam wie ich.
Darüber habe ich einmal geschrieben, über den Sinn des Schreibens und des Lebens überhaupt, über Nischen, in denen heute Überleben noch möglich sein könnte. Ich wollte mit meinen Büchern ein Zeichen setzen. Wollte warnen vor dem Konzern, der angeblich im Widerstand gegen die Nazis gewesen war, jedoch in Wirklichkeit mit dem Propagandaministerium zusammengearbeitet hatte, ja, von diesem zur Verbreitung antisemitischen Schrifttums benutzt wurde. Soldatenlektüre. Nein, braun war er nicht direkt, aber auch nicht das, was er lange zu sein vorgab. Wie viele der Größen von damals, die nach dem Krieg bedeutende Positionen besetzten, schlich er sich ein in die Politik, wurde nach der rechtsradikalen Wende zum Staatsorgan Nummer eins. Er hat sich dumm und dämlich verdient und ist später, nach Zusammenschluss mit den publikumswirksamen Massenmedien, zu einem der größten Bücherkonzerne der Welt aufgestiegen, mit vielen Untergruppen, Verlagen, die er gekauft hat, darunter ein Spitzenreiter mit einem absoluten Umsatz von 1098 Millionen Euro im Jahr. Oder waren es DM?

Ich weiß es nicht mehr, weiß nichts mehr, sie haben mir alle Kreativität, alle Gedanken aus dem Hirn gebrannt. Sie sitzen fett in ihren Positionen, können sich alles leisten, während der Normalbürger den Gürtel enger schnallen muss als jemals zuvor, sie gehen zum Meister in Baiersbronn, dem allerersten Gourmettempel der Republik, da ist immer ausgebucht, da gibt es Langusten aus Südafrika für neunzig Euro das Kilo und Seeigel in Edelzwickersoße, auf Lachsmousses. Sie haben einen glas -und chromblitzenden Tower in New York gebaut. Was die wohl am 11.September gedacht haben in ihrem Silo? Haben sie die Menschen herunterstürzen sehen? Galt der Anschlag nicht auch ihnen? Ihre Macht und ihr Geschäft müssen ihnen über alles gehen, sonst hätten sie nicht Spitzel auf mich angesetzt. Als ich einen Verlag für mein letztes Buch suchte, stellte ich mit Entsetzen fest, dass der Konzern wie eine Spinne, wie ein Krebsgeschwür, alles unter Kontrolle hatte. Und der Verleger, der es wagte, mein Buch zu verlegen, sitzt in der Nebenzelle.
Sie kamen bei Nacht und Nebel und haben mich aus dem Bett geholt. Anzeige wegen Verleumdung und übler Nachrede. Gefahr für die Staatssicherheit. Diesmal brannten keine Bücher. Auch keine Menschen. Diesmal haben die Reißwölfe still und unbemerkt ihre Arbeit getan und viele Autoren wurden abgeholt im Morgengrauen. Es darf nur noch geschrieben werden, was der Konzern für richtig hält. Einheitlichkeit der Literatur! Einer Literatur, die zur Volksverdummung beiträgt. Brot und Spiele geben wir euch, haltet still, haltet bloß das Maul. Die Fischer – Chöre feiern orgiastische Feste, Tausende von Hörern sind ihnen gewiß, jeder, der von seinen Lehrern als hoffnungsloser Fall deklariert wurde, ist oben, ist vorne dran, ich denke nur an Gottschalk, Bohlen, die Knef hat ja noch was ganz Ordentliches zustande gebracht, in den Talkshows machen sich gestylte Leute breit, perfekte Frisuren, perfekte Zähne, die sich auf Kosten des Gebührenzahlers wichtig machen dürfen. Nur die Wahrheit ist nicht erwünscht, die will niemand hören. Hauptsache Spaß, nie gab es so viel Spaß wie heute. Nazivergangenheit, ja, es wird aufgearbeitet, Preise werden vergeben, es wird feinliterarisch geschwafelt; viele Autoren versuchen sich in Selbstfindung, doch wen interessiert das schon? Das ist Pipi aus verklemmten Hirnen, nichts als gequirlte Kacke. Nein, es wird geschrieben, was der Konzern verlangt, gesichtsloser Historien-, Liebes – und Politiker-Selbstbeweihräucherungsbrei.

Ich höre sie kommen, ein letztes Aufflackern: Denk ich an Deutschland in der Nacht, bin ich um den Schlaf gebracht. Sie werden mich von der Pritsche zerren, hinaus in den Hof, der kalt ist, ohne Hoffnung, nur grau und tot, nur eine Felsenbirne wächst aus der Mauer heraus, ganz zart, sie biegt sich in der morgendlichen Brise, ist da, ist kraftvoll, sprengt den Stein, unter dem Pflaster war doch mal der Strand, denke ich, sie stellen mich an die Mauer, Mündungsfeuer blitzt auf, es kracht. Ein Schlag in die Brust, ich sehe Blut hinunterrinnen, sacke in mich zusammen, falle in ein Vakuum, falle ganz tief herab, die Haut stülpt sich über die Seele, ich löse mich auf.
Der Rest ist Schweigen. Wird je ein Hahn nach mir krähen?

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