Das Böse hat nie triumphiert

von Andreas Züll (copyright)

Gedanken zur „Hitlermania“

Fast sechzig Jahre nach seinem Fall erlebt das 3. Reich eine erschreckende Renaissance. Während die NPD unermüdlich daran arbeitet, den totgesagten und – geglaubten rechten Flügel wieder salonfähig zu machen, wagen sich die Deutschen in einen regelrechten Gang nach Canossa, tief in die Abgründe ihrer Geschichte. Der Grat zwischen mühsamer Vergangenheitsbewältigung und düsterer Sensationslust ist dabei schmal bemessen. Die letzten lebenden Zeitzeugen zelebrieren ebenso wie die Jugend in diesen Tagen in Scharen im Kino Hitlers „Untergang“ und verfolgten seinen Aufstieg zur Primetime auf RTL2. Dokumentationen und weitere Spielfilme, Presse und Literatur, tun ihr übriges, um eine wahre Manie loszutreten, die sich um eine Gestalt von furchterregend mythischer Dimension dreht: um Adolf Hitler selbst.
Doch sollte man ihm soviel Aufmerksamkeit wirklich noch gönnen?
Und kann man der Ursache des Effekts eindeutig nachspüren? Schwerlich. Aber das Bildnis des personifizierten Bösen verfolgt uns bis in die Tage unserer krisengeschüttelten Berliner Republik, es lauert auf den Leinwänden und Bildschirmen, in unseren Köpfen. Es mag unschicklich sein, es offen auszusprechen, aber es zieht die Deutschen immer noch in seinen Bann. So gewinnt das abstruse Märchen vom tausendjährigen Reich einen neuen, morbiden Charakter. Vergessen, ob man will oder nicht, kann man ihn nicht. Hitler, der „böhmische Gefreite“, wie der damalige Reichspräsident von Hindenburg den Österreicher abfällig aber unkorrekt nannte, fasziniert uns. Warum?
Seine Figur ist in der Weltgeschichte einmalig. Einmalig nicht einfach nur an persönlichem Wahnsinn und Grausamkeit, sondern vor allem in der Größenordnung, in der er beides austoben durfte und ausgetobt hat. Ein im Nachhinein unwirklich scheinendes Phänomen, sein Aufstieg bleibt auch im Gesamtgefüge der Vergangenheit kaum zu verstehen, auch wenn er sich historisch rekonstruieren lässt. Es lässt die Deutschen nicht los, auch nicht die Nachgeborenen. Ein oft verzerrtes Trauma auf Generationen.
Obwohl das Böse nie wirklich triumphiert hat. Es trug die Keimzelle der eigenen Vernichtung, denn anderes vermochte Hitler auf lange Frist ja nicht im Sinn zu haben, bereits in den Tagen nach der Kapitulation des Kaiserreiches in sich, als der „böhmische Gefreite“ im Lazarett in Pasewalk beschloss, Politiker zu werden. Der zeitweilig Erblindete wurde der Mann, der die Hölle auf unsere Erde trug, dessen kaltes Gesicht und heiseres Geschrei den Weg ebneten. Er wäre zu stoppen gewesen.
So bleibt am Ende vielleicht nur ein Resümee des Historikers Joachim Fest, der in seinem Buch „Der Untergang“, Vorlage für den Film, schreibt: „Was die Mehrheit mitnahm, überwältigte und allzu lange in Bann hielt, war einzig Hitler selber, wie wenig geheuer er vielen auch zuzeiten erschien.“
Man sollte sich vor Augen führen, wie viele Wahnsinnige zu jeder Stunde seit Anbeginn menschlicher Zivilisation ähnliche Gedanken und Ziele schon in sich trugen, immer noch tragen. Einer davon hat sich in jenen unglückseligen Tagen durchgesetzt, weil er den Nerv der Zeit zu treffen verstand und das Schicksal ihn scheinbar begünstigte. Eine zynische Laune der Geschichte, den Menschen zur Lehre. Und zur ewigen Auseinandersetzung mit dem Bösen, das in jedem von uns schlummern könnte.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*


*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

Go back to top