Der gefährliche Harry Potter

von Urte Skaliks (copyright)

Man liest in der Tageszeitung, es sei in einer Stadt verboten worden, Kindern die Bücher über Harry Potter in der Bibliothek auszuleihen, ja, es sei sogar ein Buch rituell verbrannt worden. Hexenverbrennung sozusagen oder was? Was finden diejenigen an „Harry Potter” gefährlich, die vor einer Gefahr warnen wollen? Ich möchte behaupten, dass diese Leute die Bücher vorher nicht gelesen haben. Furcht vor Hexenglauben wird genannt. Ist Harry Potter gefährlich?

O ja, er ist gefährlich – man kann daraus lernen, dass man sich als Kind oft sehr elend und abgelehnt fühlen kann und vielleicht in den Schrank gesteckt wird und aber doch in Wirklichkeit etwas ganz Besonderes sein kann; dass man allein ist und doch einmal Eltern gehabt hat, die einen über alles geliebt haben, so sehr, dass sie für einen das Leben hingegeben haben; dass man auserwählt sein kann und dass man sich trotzdem noch sehr bemühen muss, um durch das Leben zu kommen; dass es Mächte gibt, denen man sich ausgeliefert sieht oder auf die man vertrauen kann, die einem schaden oder die einem helfen können; dass man auch ganz alleine darauf kommen kann, die Kräfte zu nutzen, die man hat: das zu tun, was man am besten kann, um aus Schwierigkeiten herauszukommen. …
Das ist gefährlich: Kinder könnten lernen zu erwarten, dass man sie achten soll und dass sie sich selber achten dürfen.

O ja, er ist gefährlich – man kann aus Harry Potter lernen: dass es Erwachsene gibt, die Kindern sehr wohlgesonnen sind; dass es andere gibt, die Kinder verachten oder quälen oder vernichten wollen und das auch tun; dass es Böse gibt und Gute und andere, die man schwer durchschauen kann, bei denen man sich nicht sicher sein kann, oder solche, die nur trocken und mit erhobenem Zeigefinger ihrer vorgeblichen Pflicht nachgehen, so dass man sie oft austricksen muss und seine eigene Welt haben muss; dass es andere Erwachsene gibt, die auch ganz anders leben, als man erwartet hatte und dabei viel glücklicher sind, solche, – die auch mal Quatsch verstehen und das nicht so ganz gewünschte, ja sogar das scheinbar schlimme Tun, – die fröhlich und ungekämmt oder ungeschickt sein können, – die auch mal mit dem „Muggelgeld” und der „Muggelkleidung” nicht zurechtkommen – und die unglücklich oder glücklich sein können und das auch zeigen; dass es welche gibt, die ohne Bedingungen, ohne Fragen einfach liebevoll auf der Seite der Kinder sind und ihnen Achtung und Liebe entgegenbringen, – die an sie glauben und ihnen vertrauen…
Das ist gefährlich: Kinder könnten lernen zu erwarten, dass es viele Weisen zu leben gibt und dass man andere anerkennen darf.

O ja, er ist gefährlich – man kann aus Harry Potter lernen, dass man Freunde und auch Feinde haben kann; dass sich manche zusammengruppieren und andere triezen und ausschließen und quälen wollen; dass man ohne Freunde gar nicht zurechtkommt und ohne sie nicht mal überleben kann; dass man sich auch mit Freunden manchmal missverstehen kann und manchmal nicht mehr miteinander reden mag oder überhaupt nicht reden mag und dass man sich versöhnen und wieder verstehen kann; dass es Missgunst und Zwietracht gibt; dass es Helfen und Mitgefühl für andere gibt und wie gut das tut…
Das ist gefährlich: Kinder könnten lernen zu erwarten, dass Freunde das Wichtigste im Leben sind.
O ja, er ist gefährlich – man kann aus Harry Potter lernen, dass man mit Zauberei ganz gewiss nicht einfach durch das Leben kommt, sondern dass man ganz viel tun muss, um seine Ziele zu erreichen; dass das Zaubernlernen keine einfache Hexerei ist; dass man üben muss und üben und üben; dass man dabei ganz oft auf die Nase fällt und dann mühsam kuriert werden muss; dass man manchmal sogar sehr unglücklich sein kann, auch wenn gesagt wird, dass man etwas Besonderes sei; dass man eigentlich nie ein Held ist; dass man immer wieder etwas dafür tun muss, um zu überleben; dass man immer neu nachdenken muss und manchmal ein anderer einem helfen muss, einen Weg zu finden, ja, dass es am Ende gar nicht darauf ankommt zu siegen, sondern darauf, dass man einem anderen geholfen hat, auch wenn man sich noch so sehr auf den Sieg gefreut hatte, und auch wenn der andre ein echter Gegner war…
Das ist gefährlich: Kinder könnten lernen, dass es wichtig ist, sich anzustrengen und dass trotzdem etwas anderes wichtiger sein kann als: der erste zu sein.

O ja, er ist wirklich gefährlich – man kann aus Harry Potter lernen, dass die Menschen sich all ihre Technik als Ersatz für die alten Zauberkünste haben erschaffen müssen: dass man im Zauberreich seine Post durch Eulen eulenwendend verschickt und dass man auf einem Besen fliegend Quidditch spielen kann; dass Menschen sich verwandeln und verzaubern und verfluchen können; man kann mit Harry in der glatten Häuserwand einen Eingang in die ganz andere Welt sehen lernen, das Gleis 93⁄4 entdecken und in stundenlanger Bahnfahrt endlich die Schule Schweinewarze* erreichen; man kann lauter heimliche und unheimliche Räume und Gänge finden, die auch mal nicht mehr da sind, wo sie vorher waren; kann schlimme Wunden in Nullkommanichts heilen sehen, kann eine strikte Bürokratie mit Zauber-Schulfächern und Prüfungen kennenlernen; sich über die immer nur Böses ahnende Wahrsage-Lehrerin wundern, die sich immerzu selbst widerspricht und doch glaubt, immer Recht gehabt zu haben, und die kaum einer noch ernst nimmt; liebenswerte oder unheimliche, lustige oder traurige, komische, verschlagene und trickreiche Geister antreffen, – und redende Bilder mit Personen, die sich bewegen und auch mal aussteigen und ein anderes Bild ganz woanders besuchen; man darf in ein fremdes Gedächtnis einsteigen, der absonderlichen Dienstbarkeit der Elfen begegnen, die glücklich ihren Herren dienen und sich nun partout nicht zu Freiheit und Bezahlung überreden lassen wollen; man erfährt, welche schrecklichen Machtkämpfe es in der Zauberwelt gibt und dass diese Welt wahrhaft kein gemütlicher Ort ist; und man kann schauerliche Zauberer voll in ihrer schauerlichen Aktion sehen und in der höchsten Not den rettenden singenden Phönix. All solchen merkwürdigen Kram kann man da lernen…
Das ist gefährlich: Kinder könnten lernen, ihre Phantasie zu entwickeln.

***

Also soviel Gefahr durch Harry Potter? Vergleichen wir einmal:

Die oben zitierte Presse warnt vor Hexenglauben – schwarzen Messen undsoweiter. Das sind schreckliche Dinge in unserer realen Welt, die leider nicht geleugnet werden können. Bedauerlicherweise hat es sie immer gegeben: Es gibt irrational denkende, glaubende, handelnde Menschen – kranke Menschen und solche, die sie in ihren Bannkreis ziehen und zu ebensolchem Denken, Glauben und Handeln überreden: indem sie sie von sich abhängig machen und sie durch psychischen Terror beeinflussen. Gegen solchen kriminellen Wahnsinn muss man mit allen Mitteln angehen, ob er nun in psychischer Krankheit oder in dem Irrsinn fehlgeleiteten Sektenglaubens seinen Ursprung nimmt.

Die dunklen – und die lichten – Seiten der menschlichen Seele sind immer, in Märchen und in Sagen und in Religionen, zu Symbolgestalten verdichtet worden, die Menschen haben sie für sich greifbar, begreifbar, haben sie sich vertraut zu machen versucht und sie in ihren erzählten Schicksalen auch zu bannen versucht: das Gute und das Böse gegeneinander antreten lassen und meist das Gute siegen und auferstehen lassen – „durch Nacht zum Licht”. Und so konnten wir als Kinder nach den spannenden Geschichten immer wieder beruhigt und getröstet aufatmen, wenn wieder mal der Bösewicht eingesperrt, die Hexe verbrannt war. Im Horror vieler „moderner” (Fernseh- und Video-) „Märchen”, Geschichten und Reportagen siegt oft nicht mehr das, was wir für etwas „Gutes” gehalten hätten, – oder es findet vor unseren Augen, was schlimmer ist als in der Phantasie, soviel Horror statt, dass die Angst sich am Ende nicht auflösen kann, dass sie bleibt oder sich nur in Alpträumen, in Hass und Abwehr und gewalttätigen Aggressionen entladen kann. Was wird in diesen „modernen” Geschichten gelernt? Es wird gelernt: Gewöhnung an blinde ungebremste Aggression, Gewalt, Bedrohung. Und gewiss werden also immer wieder Figuren aus den verfügbaren Szenarien unserer „Kulturen”, Sagen, Märchen, Religionen, Videos, aber auch aus der Weltgeschichte, von geistig verwirrten Menschen für ihre abnormen Phantasien und Taten benutzt – das kann man nicht den Quellen vorwerfen. (Die Psychiatrie ist voll von größenwahnsinnigen Napoleons).

Sollte also in Zukunft jemand Gestalten aus Harry Potter für seinen privaten Horror benutzen, – so wäre das rein zufällig das, was ihm die aktuelle Kultur anbietet; ohne Harry Potter hätte er sich anderer Symbole bedient.

***
Aber was ist denn nun mit dem Bösen bei Harry Potter? Mit den Hexen und Zauberern und dem Unnennbaren, absolut Bösen, dem Lord Voldemort („Todesflug”)?

Soll man eine Welt voller tödlicher Gefahren zeigen? Soll man zeigen, wie Gefahren nach den geltenden poetischen Regeln mit Mut und Zagen, mit Erfindungsreichtum und Tapferkeit überwunden werden oder wie einmal ein Held untergeht? Wie Betrug und Lüge oder wie Wahrheit siegt? Welcher böse Machtkampf zwischen Mitarbeitern des Zauberer-Ministeriums tobt? Was alles bei einem Turnier passiert, das das gegenseitige Verständnis unter den argwöhnischen Magiern verschiedener Länder fördern sollte? Wie das Kennenlernen beim „Turnier” die Magier der verschiedenen Länder gegen das alle bedrohende Böse vereinigen soll? „…angesichts der Rückkehr Lord Voldemorts sind wir so stark, wie wir einig, und so schwach, wie wir gespalten sind” (Bd.4, S. 755). Ja, soll man denn das zeigen? Solche Dinge passieren ja doch nicht in unserer richtigen Wirklichkeit, denn die ist ja doch nicht so – oder was?

***

Wer alle diese Gefahren, die zuerst und die zuletzt geschilderten, sehen kann, der mag es wohl verstehen: warum Kinder die Geschichten so spannend und sympathisch finden und den Harry Potter so gerne lesen:

Sie lesen Harry Potter, aber sie lesen auch das Märchen ihres eigenen Elends und ihres Heldentums: Harry wird so wenig geachtet und ist doch etwas so Besonderes. Harry hat sogar seine Eltern verloren (wer hat schon die besten Eltern von der Welt?) und weiß sich doch noch von ihnen getragen. Er fühlt sich oft nicht genug geliebt und wird doch geliebt. Er fühlt sich oft einsam, aber er hat auch Freunde. Er hat oft Angst, er weiß oft nicht, was richtig wäre oder was er tun soll. Er ist schwach und kann sich doch mächtige Helfer aufrufen – oder sie finden ihn -, und so entkommt er immer neuen Gefahren. Er müht sich in der Schule ganz furchtbar und ist sich doch nicht sicher, ob er es schafft. Harry darf weinen: Warum sollten die Leser es nicht auch dürfen? Und dass so manche der erwachsenen Zauberer so böse sind – sollte man nicht etwa gar frühzeitig lernen, auf der Hut zu sein – in unserer so guten Welt?

Und was also lernen sie aus Harry Potter an Gefährlichem wirklich? Ich glaube, sie spüren, dass dort – trotz aller Gefahren und Bewährungsproben – eine Welt, eine Wirklichkeit hinter der Wirklichkeit, existiert, erreichbar über Gleis 93⁄4, die in der sogenannten normalen Realität – eben verborgen ist. Es ist keine Flucht, die sie antreten, sondern es ist eine Entwicklung, auf die sie sich einlassen, – allerdings ohne es zu wissen, denn sie lesen ja einfach nur eine spannende Geschichte, so wie sie auch Märchen gelesen haben.

Und warum lesen die Erwachsenen H.P. so gerne? Weil sie immer so schrecklich erwachsen sein müssen. Und weil es da nicht immer so gut ausgeht. Und weil sie so oft gedemütigt worden sind. Und weil sie noch ein bisschen Kinder sind und ein bisschen lernen wollen. Was denn lernen? Was oben steht. Oder dies – noch so eine gefährliche Sache: „Es ist jedoch meine Überzeugung, dass die Wahrheit immer der Lüge vorzuziehen ist … „ (Bd. 4, S. 754) oder: „Noch hat es keinen Sinn, sich Sorgen zu machen, dachte er (…) was kommen musste, würde kommen … und wenn es da war, würde er den Kampf aufnehmen müssen” (S. 767).

Und es ist ja alles nicht wirklich gefährlich, denn nicht wahr, wir wissen ja, wohlig zurückgelehnt lesend, dass es über Harry noch mindestens drei weitere Bücher geben wird, – also was soll die Aufregung: Er wird weiterleben! (Auch am Schluss, denn wer wird dann noch seine Zauber brechen können?).
*) Schweinewarze, engl.: Hogwarts. In dem hervorragenden Text bleiben die englischen Namen meist unübersetzt, und dadurch entgeht deutschen Lesern einiges von der Ironie des Buches, die sicher auch Kinder zu schätzen gewusst hätten.

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