Der Mythos um die Geburtsstunde Europas – und der übertriebenen Tierliebe

von Andreas Züll (copyright)

Um Kreta ranken sich eine Menge Mythen und Sagen, die ganze Bücherregale füllen und auf die hier nicht näher eingegangen werden kann. Göttervater Zeus wuchs hier – vor dem Zugriff seines kinderfressenden Vaters Kronos geschützt – versteckt in einer Höhle auf dem „heiligen Berg“ auf. Zeus entmachtete seinen alten Herren dann auch schon bald und wurde – wie bekannt – ein begnadeter Schürzenjäger. Und mit einem solchen Abenteuer beginnt auch die Geschichte unseres Kontinents:
An der Küste Phöniziens spielt die junge Europa, eine Prinzessin, mit ihren Freundinnen am Strand. Sie lachen und kichern, vom Meer her weht ein frischer Wind, der bei der vielen Sonne wohl tut. Plötzlich aber entsteigt ein strahlend weißer Stier der ruhigen See. Die Mädchen sind unbefangen und trauen sich zu ihm, Europa, das dumme Kind, steigt sogar auf seinen Rücken. Und ehe sie sich versieht ist der Stier alias Zeus mit seiner Eroberung auch schon auf und davon. Bis nach Kreta trägt er sie, wo er das arme Ding kurzerhand entjungfert.
Europa wird natürlich prompt schwanger und bringt schließlich drei Söhne zur Welt, einer davon ist der spätere König Minos.
Der Stierkult nimmt in der kretischen Mythologie einen besonderen Platz ein, wie uns Statuen und Malereien, die in Knossos gefunden wurden, eindrucksvoll bezeugen. Wie seine Mutter hat auch Minos später einiges zweifelhaftes Glück mit den bulligen Tieren. Sein Onkel, der Gott der Meere, Poseidon schenkte Minos einen ebenso weißen Stier, den er ihm opfern sollte. Der König war aber so ergriffen von der Schönheit des Tieres, dass er Poseidon betrog und einen anderen Stier opfern ließ. Der Herr im feuchten Reich bekam das natürlich spitz und fühlte sich quasi auf den Schlips getreten. Um seinem Neffen eine Lektion zu erteilen, dachte er sich eine besonders böse Boshaftigkeit aus. Er ließ die Gattin des Minos, Königin Pasiphae in inniger Liebe zu dem Stier entbrennen. Und damit die mit dem Tier halt das tun konnte, was Liebende so tun, wenn sie allein sind, bat sie den Künstler Daidalos, ihr zu helfen. Der baute der guten Frau eine hölzerne mit Fell überzogene hohle Kuh, die der Stier natürlich so attraktiv fand, dass er die drin hockende Pasiphae schwängerte. Die Königin mit den seltsamen sexuellen Neigungen brachte ein Wesen, halb Mensch, halb Stier zur Welt, den Minotaurus. Minos war über den Nachwuchs natürlich gar nicht begeistert und abermals musste Daidalos ran, der ein Labyrinth schuf, in dem der Filius eingesperrt wurde, wo er später die Jungfrauen der tributpflichtigen Athener fressen konnte, bis der wackere Prinz Theseus ihn schließlich tötete. Theseus fand übrigens nur aus dem Labyrinth heraus, weil seine Freundin, Minos’ Tochter Ariadne, ihm einen Bindfaden mitgab. Noch heute spricht man vom Ariadnefaden.
Die Ereignisse überschlagen sich und wir brechen hier ab. Die Wiege Europas stand unruhig, einen Teil dieser konfusen Mentalität lebt in den Europäern fort. Bis heute. Ebenso erhalten geblieben sind uns die Spuren der minoischen Kultur, der ersten europäischen Hochkultur, denn einen König Minos hat es tatsächlich gegeben. Auf sein Konto gehen die prächtigen Palastanlagen in Knossos, deren Reste wir heute noch sehen und fühlen können. Die Bühne mancher Tragödie – und unfreiwilliger Komik.

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