Der Weg zum Paradies

von Heidi Muell (copyright)

Die riesige Düse des Jets saugte mich an und schien mich zu verschlucken.

Als ich wieder zu mir kam, fand ich mich auf einer einsamen Lichtung stehend, die von Mischwald umgeben war. In der Ferne hörte man einen Vogel schreien, der Wind strich raschelnd durch das Blattwerk der Bäume – ansonsten war es ganz still. Ein schmaler Pfad schlängelte sich durch den Wald. Neugierig und verwundert ging ich ihn entlang, bis ich zu einer Häusergruppe kam, bestehend aus vielleicht sieben oder acht Häusern. Langsam näherte ich mich dieser Siedlung.

Vor dem ersten Haus saß eine Frau auf der Bank und war mit Stricken beschäftigt. Ich traute meinen Augen nicht – denn ich erkannte meine Großmutter in dieser Frau – ganz klar und deutlich. Sie war es, nur wesentlich jünger und frischer, als ich sie je erlebt hatte. Ich erinnerte mich an die schreckliche Krankheit, die sie jahrelang zu tragen hatte, Parkinson, und die weder für sie noch für die Menschen ihrer Umgebung, die meine Oma pflegten, alles andere als leicht gewesen war.

Jetzt saß sie da und strickte mit sicheren Fingern – ich sah sie, aber sie sah mich nicht.

Vor dem zweiten Haus sah ich eine Gruppe Kinder spielen, im Alter etwa von 4 bis 14 Jahren, drei Jungen und drei Mädchen. Ich blieb lange stehen, um ihrem Spiel zuzuschauen – fassungslos, denn so etwas kannte ich nicht: wie Kinder durchweg friedlich miteinander spielen und sich einander mit Respekt begegnen – und das jetzt immerhin schon länger als eine halbe Stunde – das war für mich unbegreiflich. Jegliche Erfahrung, die mein Leben bisher gesäumt hatte, sprach dagegen. Nicht einmal fünf Minuten wären vergangen, bevor diese Kinder sich verbal und non-verbal gegenseitig die Köpfe eingeschlagen hätten. Ich kam zum nächsten Haus. Erst jetzt fiel mir auf, dass zwischen den einzelnen Häusern keinerlei Begrenzungszäune oder ergleichen angelegt waren, die Gärten liefen fließend ineinander über. Ich dachte an den Krach, den wir daheim mit Müllers hatten, die peinlich genau darauf bedacht waren, dass wir auch ja keinen Strauch zu dicht an die Grundstücksgrenze setzten und damit die Möglichkeit schafften, ihren eigenen Garten eines Tages durch herüberwachsendes Geäst zu verunstalten.

Als nächstes sah ich, wie ein Mann an einer Leinwand arbeitete und ein farbenfrohes leuchtendes Bild malte. Ganz versunken schien er in diese Arbeit zu sein.

Im hintersten Haus spielte ein etwa 15-jähriger Junge auf seiner Violine, und ich konnte nicht anders als eine Weile stehen zu bleiben und dem melodischen Klang zu lauschen.

Plötzlich sprach mich von der rechten Seite jemand an und legte mir dabei seine Hand auf die Schulter: “Willkommen!” – “Wer sind Sie?” fragte ich etwas unsicher. – “Ich bin der Engel des Paradieses. Was du hier siehst, das ist ein Stück des Paradieses, zu dem viele Menschen auf der Erde unterwegs sind. – “Diese Menschen scheinen vollends glücklich und zufrieden zu sein”, meinte ich, “arbeiten die denn gar nichts? Wovon leben sie?” – “Oh”, erwiderte der Mann, “glaube nicht, dass es hier so etwas wie Mangel oder gar Langeweile gäbe. Jeder beschäftigt sich mit dem, was er am allerliebsten tut. Aber der Fluch der Arbeit existiert nicht mehr. Siehst du nicht die vielen Obstbäume und Gemüsebeete und all die Felder? Alles, was die Menschen zum Leben brauchen, wächst hier. Und wenn du genau hinschaust, wirst du erkennen, es gibt auch kein Unkraut und keinerlei Schädlinge.”

Es war beeindruckend.

“Warum sehe ich diese Menschen dort – aber sie scheinen mich nicht zu sehen?” wollte ich wissen.

“Weil du nicht wirklich hier bist – noch nicht. Erinnerst du dich an deinen Unfall beim Flugzeug? Du bist nicht getötet worden – du liegst im Koma – und dadurch hast du die Chance, all das jetzt kennen zu lernen, vor der Zeit.”

“Und hier kommen alle Menschen hin, die gestorben sind?” fragte ich.

“Oh, nein, beileibe nicht.” antwortete der Mann zu meiner Rechten, der sich als Engel vorgestellt hatte. “Hier kommen nur diejenigen Menschen hin, die in ihrem Leben bedingungslose Liebe gesucht und gegeben haben.”

Ich dachte an meine Oma. Oh ja, sie war eine herzensgute Frau gewesen, immer auf das Wohl ihrer Lieben bedacht.

“Perfekt war niemand von diesen Menschen zu seinen Lebzeiten – aber jeder hatte die Liebe in seinem Herzen wohnen und war darauf bedacht, diese Liebe weiterzutragen an andere Menschen, denn jeder Mensch braucht Liebe. Perfekt werden sie erst hier, denn alle unguten und lieblosen Einflüsse der Welt, auch alle Mühen und Beschwerden, existieren hier nicht mehr.”

“Und die anderen Menschen?” wagte ich vorsichtig zu fragen. “Wo halten die sich auf, wenn sie gestorben sind?” Mir fiel alles Schäbige ein, dass schäbige Menschen auf Erden vollbracht haben – aller Betrug, Korruption, Machtgier, Gewalt, alles Böse.

“Die sind nicht hier”, antwortete der Mann, “sie würden sich hier auch nicht wohl fühlen, denn all das, an das sie sich in ihrem Leben geklammert haben, trägt hier keine Bedeutung mehr. Sie würden ersticken, wären sie hier.”

“Wo sind sie aber?” beharrte ich auf meiner Suche nach einer Antwort.

“Schmoren sie in der Hölle, während das hier das Paradies ist?”

“Nein”, erwiderte der Engel. “Sie sind an einem anderen Ort, der von hier aus nicht zugänglich ist. Dort ist es genau umgekehrt: Sie können da all ihre Lieblosig- und Boshaftigekit aneinander ausüben, und alles, was Liebe atmet, ist ihrem Einflussbereich entzogen.”

Ich dachte über diese Worte nach.

Der Mann fügte hinzu: “Es dreht sich alles um die Macht der bedingungslosen Liebe. Wo diese da ist, wird sie vollendet werden – wo diese fehlt, wird alles andere schmelzen wie eine Schneeflocke in der Sonne.”

“Was beinhaltet bedingungslose Liebe?” wollte ich wissen.

“Es ist die Herzenshaltung, die bereit ist Liebe zu geben, ganz gleich ob sie Liebe zurück erhält oder nicht – ohne jeglichen Hintergedanken, ohne jede Berechnung. Auf der Erde findet man in den Herzen der Menschen, die auf dem Weg hierher sind, bisweilen nur einen kleinen Funken davon – hier im Paradies jedoch wird dieser Funke voll entfacht und erwächst zum Lebensprinzip – so, wie du es hier beobachten kannst.”

Plötzlich war mir, als befände ich mich wieder in der Düse des Jets. Ich erwachte langsam aus meinem Koma – und begann von der Stunde an, meine Umwelt und mich selbst mit ganz anderen Augen zu sehen.

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