Ein Schreckgespenst geht um: NPD
von Andreas Züll (copyright)
Ein Schreckgespenst geht um: Und hinter dem Laken – Nichts als heiße Luft!
Andreas Züll über die NPD, Einwurf zu den sächsischen Landtagswahlen
Im Kölner Stadt-Anzeiger vom 23.09.2004 stark gekürzt
unter dem Titel „Die Demokratie kränkelt nicht“
Die Parallelen liegen gespenstisch nah. Die quälende Arbeitslosigkeit, die Notstandsgesetze, die Angst vor einem fremden Schreckgespenst, radikale Splitterparteien von rechts und links, die dem verbitterten Volk nach dem Mund reden und dabei das Blaue vom Himmel versprechen: Das sind nur einige der grundlegenden Details eines Szenarios, das wir aus den Geschichtsbüchern kennen und von dem wir wissen, dass es den dunkelsten zwölf Jahren der deutschen Nation voranging. Doch, sie könnten sich auch in unserer Zeit niederschlagen, die Krankheiten der Weimarer Republik scheinen sich direkt (oder nach langer Entwicklung?) an den Anfang des 21. Jahrhunderts zu transferieren.
Indes reiben NPD-Bundesvize Holger Apfel, der gottlob für eine Zweitauflage des großen Vorbilds nicht die diabolisch-charismatischen Dimensionen besitzt und sich schon in der Kommunalpolitik herauszunehmen scheint wie ein Elefant im Porzellanlädchen, und seine dubiosen Kameraden die Hände, dürfen sie doch auch einmal ganz offiziell mitspielen in den heiligen Hallen der Demokratie, die sie doch nach eigenem Bekunden vehement zu Fall bringen wollen. Bei verbalen Ausrutschern in voller Absicht a lá „Jawohl, wir sind verfassungsfeindlich!“ und Plakatsprüchen Marke „Für die Ehre der Deutschen Wehrmacht“ fragt man sich, was für ein ernsthaft brauchbares Konzept Apfel nun als legitimer Volksvertreter vorlegen will und aus welchem Hut er es wohl hervor zu zaubern gedenkt. Als Leiter des NPD-eigenen Verlages „Deutsche Stimme“ – wir erinnern uns vage an Julius Sreicher mit seinem Stürmer-Verlag und dem Hetzblatt „Völkischer Beobachter“ – mag er Ahnung davon haben, sich mit Spiegelfechtereien im richtigen Klientel anzubiedern, aber der kritische Wähler wird mit Recht Zweifel daran haben, ob der Herr „Volkserwecker“ sich nicht schon beim Flirt mit der Kommunalpolitik die Finger verbrennt und besser wär’s gewesen, der Freistaat hätte ihm direkt und ohne viel Federlesens einen Korb verpasst.
Mit der – inzwischen verbotenen – SSS (Skinheads Sächsische Schweiz) haben wir indes sogar den obligatorischen Schlägertrupp mit den Hohlköpfen fürs Grobe, denn was ein rechter Feldherr sein will, braucht zweifelsohne eine Privatarmee, die sich in den eigenen Wählerkreisen nur zu leicht rekrutieren lässt. Die Kaltblütigkeit der Nazis, die sich ihres Gesichts und ihrer Taten bekanntlich selten schämten, fehlt den Jungs, die mit aller Absurdität die glorreichen Patrioten spielen wollen, jedoch noch, so muten sie als vermummte Kampftruppe auf den Gruppenbildern, die der STERN jüngst veröffentlichte, mehr wie ein lächerlicher Kuklux-Clan-Abklatsch, als eine Reinkarnation der Fahnen und Fackeln schwingenden SA.
In aller Deutlichkeit: Die Bonner bzw. Berliner Republik ist nicht Weimar. Und der Freistaat Sachsen bei aller Geschichte und Kultur nicht das Berlin der 20er.
Unsere Demokratie kränkelt nicht, sondern sie hat eine über fünfzigjährige Erfolgsstory hinter sich. Jedoch, man darf die Entwicklung nicht unterschätzen, die Zeichen sind alarmierend. Kurt Tucholsky schrieb vor den Wahlen 1933, man dürfe die Braunen gar nicht erst beachten, denn sie wären nur der Lärm, den sie produzieren. Aber Hartz IV, die Angst vor Terroranschlägen, das verlorene Vertrauen in unsere „anständigen“ Politiker und die damit verbundene wachsende Unzufriedenheit im Volk sind ganz reale Probleme im Hier und Jetzt, völlig unabhängig von müßigen Vergleichen mit der Vergangenheit. Da sollte man vorsorglich die Lautstärke der NPD abdrehen, um sich in Ruhe wichtigeren Dingen zuwenden zu können. Dass es überhaupt Deutsche gibt, die dieser Partei eine kostbare Wählerstimme geben konnten, ist wahrlich schon ein Armutszeugnis. Verständnis für die Ängste und Sorgen der Gesellschaft sind eine Sache, eine rechtsradikale Partei mit Landtagsmandaten eine andere. Sachsen muss ein Einzelfall bleiben. Als Bürger einer Demokratie mit wechselhafter Vorgeschichte stehen wir in der Verantwortung, diese auch zu verteidigen und Widerstand zu leisten. Passiv und aktiv. Vielleicht allein schon durch das Bewusstsein an der Wahlurne: Es gibt kein Argument für Rechts.