La belle tristesse oder Bücher durch die Blume betrachtet
von Dieter J. Baumgart (copyright)
Les pensées – Gedanken – werden die bei uns so stiefmütterlich als Stiefmütterchen bezeichneten Blümchen in Frankreich genannt. Gedanken – das ist auch der Stoff aus dem Bücher gemacht sind, alle, die Fachbücher, wie auch jene, die der Belletristik zugerechnet werden. Und wenn ich dieser Betrachtung im Titel den Begriff la belle tristesse voranstelle, dann deute ich damit nicht nur einen Zusammenhang mit dem Literaturgattungsbegriff Belletristik an, ich vermute ihn sogar dringend und ohne Rücksicht auf Zwischenrufe von Leuten, die schon von Berufs wegen gehalten sind, das besser zu wissen. Auch die Tatsache, daß mir der ehrenwerte dictionnaire encyclopédique Larousse (Ausgabe von 1912) ein belles-lettres als Bezeichnung für Sprachlehre, Beredsamkeit und Poesie vor die Augen schleudert, kann mich nicht verunsichern. Ja, ich gehe noch einen Schritt weiter und behaupte, daß Belletristik als Gattungsbezeichnung zwar den schönen Buchstaben sinngemäß entspricht, aber dennoch eine enge Wortverwandtschaft mit der schönen Traurigkeit nicht verleugnen kann. Zwar fand la belle tristesse keinen Eingang in den erwähnten Larousse, und auch der Duden verweist beim Stichwort Belletristik zu Recht auf das französische belles-lettres. Die von mir vermutete Wortverwandtschaft, von der sich die Vokabel Belletristik auf Geheiß der Wörterbücher alsbald losgesagt hat, war ja auch für den sich einbürgernden Literaturgattungsbegriff durchaus abträglich und irreführend. La belle tristesse, das war die Atmosphäre in den Pariser Salons um die Jahrhundertwende, die Belle Époque, wie sie genannt wurde, mit ihren Dichterlesungen, deren literarischer Gehalt häufig kaum meßbar war. Belletristik hingegen hat sich inzwischen als ein wertneutraler Begriff zur klaren Unterscheidung zwischen Fach- und Unterhaltungsliteratur eingebürgert. Die heutzutage üblichen literarischen Nabelschauen, wie sie in Schreib- und Vorlesezirkeln realisiert werden, dienen vornehmlich der Selbstfindung, was eine gute Sache ist. Mit der belle tristesse der französischen Salon-Literaten hat das jedoch wenig zu tun.
So komme ich denn auf den zweiten Teil der Überschrift zu sprechen: Bücher durch die Blume betrachtet. Tatsächlich, je mehr man¹) sich dem Thema nähert, desto größer wird die Ähnlichkeit zwischen Büchern und Blumen. Wobei die vordergründige Erkenntnis, daß sich beide Objekte vorzüglich als Geschenk für liebe Mitmenschen eignen, bald in den Schatten gestellt wird. Die naheliegende Anmerkung, daß die alljährlich in Frankfurt am Main stattfindenden Literatur-Großkampftage etwas friedlicher auch als Bundesgartenschau angesprochen werden könnten, weicht bei näherer Betrachtung der durchaus logischen Einsicht, daß es sich dann doch wohl eher um eine Schnittblumenmesse handelt. Zumindest läßt die begrenzte Haltbarkeit der meisten Produkte darauf schließen. Kleiner Unterschied: Während die unverkauften Blumen anderntags auf dem Kompost landen, haben die Restbestände an Büchern noch eine Galgenfrist auf dem Ramschtisch. Vorausgesetzt natürlich, sie wurden überhaupt gedruckt, was nicht immer der Fall ist. Aber auch hier bietet sich der floristische Vergleich an: So mancher Samen erstickt – trotz heftiger Besprechungen seitens der zuständigen Fachkräfte – im Keime. So, wie es Blumen gibt, denen der Züchter zwar faszinierende Schönheit aber keinen Duft mit auf den Weg gegeben hat, so gibt es auch etliche Bücher, die außer einer gewaltigen Markteinführungsbugwelle, gefolgt von vielen Seiten voller Buchstaben zwischen stabilen Deckeln, nur gähnende Langeweile vermitteln. Und bevor ich nun ob solcher Vergleiche in der Luft zerrissen werde, möchte ich doch darauf hinweisen, daß sich meine Betrachtungen zwar auf alle Blumensorten, aber nur auf die der Belletristik zuzuordnenden literarischen Werke beziehen. Nicht im Traum würde ich die Ansicht vertreten, daß Fachbücher langweilig sind. Im Gegenteil können sie in der Hand des interessierten Laien zur literarischen Fundgrube werden. Ich denke da nicht nur an die Möglichkeit, sich in der Zeit, die das Kaffeewasser zum Erreichen des Siedepunktes benötigt, in einem Physik-Fachbuch über die entsprechenden Vorgänge zu informieren. Untermauert von wissenschaftlichen Erkenntnissen wird der Kaffeegenuß zum Ritual. Hier bietet sich unverhofft eine faszinierende Möglichkeit, das tägliche Einerlei automatisierter Arbeitsabläufe in höhere geistige Sphären zu heben.
Voilà, zurück zu den Schönen Künsten in Sachen Buchstaben, den belles-lettres. Alle Blumen waren, bevor sie als Schnittblumen auf dem Markt landeten, bekanntlich blühende Pflanzen. Und alle Bücher – in diesem besonderen Fall auch die Fachbücher – waren Gedanken und als solche in den Hirnen von Menschen angesiedelt. Der Begriff Blühende Phantasie bietet sich geradezu als passendes Beweismittel für die hier vorgetragene Blumen-Buch-Theorie an und schließt, ich erlaube mir, noch einmal darauf zurückzukommen, auch das eine oder andere Fachbuch ein, was dann allerdings doch wieder der Belletristik-Abteilung zuzurechnen ist, womit sich dieser spezielle Kreis schließt. Schnittblumen in passenden Vasen sind eine Augenweide für den Betrachter. Das gilt ebenso für Bücher, wenn sie, dekorativ Rücken an Rücken in einem Regal, von der vermutlichen Belesenheit der Besitzerin beziehungsweise des Besitzers Zeugnis ablegen. Da heutzutage die Bücher nicht mehr, wie in alten Zeiten üblich, vor der Einsichtnahme aufgeschnitten werden müssen, können allerdings Rückschlüsse auf die Belesenheit von Buchbesitzern nicht so ohne weiteres gezogen werden. Allerdings erwartet ja auch niemand von der Dame oder vom Herrn des Hauses lückenloses Wissen, die Beziehungen zwischen Mykorrhizapilzen und bestimmten Pflanzen betreffend, deren Blüten in der Wohnwabe oder im Einfamilienhaus zur Schau gestellt werden. Eine Blume ist eine Blume, und ein Buch ist ein Buch. Das sollte genügen. Von der Mode, Blumen, speziell Rosen, in besonderen Glaskugeln unter Wasser zu präsentieren, ist man seit längerem wieder abgekommen. Und Bücher hinter Glas sind geradezu verpönt. So kann der an Literatur interessierte Gast locker in die Reihen gedruckter Gedanken greifen und Widmungen in Sütterlin oder Fraktur entziffern. Es sei denn, er erwischt versehentlich eine Buch gewordene Cognac-Flasche oder eine verkappte Videokassette mit Porno-Filmen. Offeriert aber ein zarter, in Seide gebundener Lyrikband eine gepreßte Vergißmeinnichtblüte, dann liegt hier die wohl innigste Verbindung zwischen Buch und Blume vor. Wenn eine Vase umfällt, ist das ärgerlich für die zuständige Hausfrau und peinlich für den Gast, wenn er den Umfall verursacht hat. Wenn ein Bücherregal umfällt, dann kann das, je nach der Größe des Möbels, weitreichende Folgen haben, die den vorsorglichen Abschluß einer Haftpflichtversicherung nahelegen. Wer die mögliche Gefährdung durch ein umstürzendes Bücherregal auf den bloßen Schreck reduzieren möchte, sollte einen Abstand einhalten, der der Höhe des Möbels in etwa entspricht. Es sei denn, man¹) hat sich von der sicheren Verankerung des Möbels in der Wand überzeugt, was allerdings in der Regel auf Schwierigkeiten stößt.
Ein weiterer Aspekt in der Beurteilung von Ähnlichkeiten zwischen Blumen und Büchern findet sich in den Vermarktungsmechanismen. Bei beiden, Blumen wie Büchern, handelt es sich um eine Ware, die zunächst einmal – was die damit befaßten Erzeuger, Groß- und Einzelhändler betrifft – dem kontinuierlichen Gelderwerb dient. In dieser Hinsicht unterscheiden sich Bücher und Blumen weder von Damenunterwäsche noch von elektrisch betriebenen Kleinstbohrgeräten, wie sie beispielsweise zum Perforieren von Briefmarken benutzt werden. Lediglich auf der Erzeugerebene werden hin und wieder Ansichten artikuliert, denen zufolge sich Blumen wie Bücher von der Masse anderer Waren absetzen. Doch davon später. Der Erzeuger einer Blume ist bekanntlich eine Pflanze. Sie arbeitet entweder frei in der Natur, wo sie Gefahr läuft, als Unkraut eingestuft und vernichtet zu werden, oder sie schuftet in einer Gärtnerei, wo ihr das nicht passiert, ihrer weiteren Entwicklung allerdings Grenzen gesetzt sind, die, wie man so sagt, der Markt diktiert. Der Erzeuger eines Buches ist in aller Regel ein Mensch, Schriftsteller, Dichter oder Literat, der – wie ich zu Beginn meiner Ausführungen schon andeutete – seine Gedanken zu Papier bringt oder in Form von elektrischen Impulsen in sein elektronisches Hilfsmittel einspeist. Auch er hat – wie schon das Beispiel Pflanze zeigte – zwei Möglichkeiten: Er kann frei arbeiten und schreiben was ihm gefällt, wobei die Gefahr des Verhungerns nicht von der Hand zu weisen ist (es sei denn, er ist nur nebenberuflich literarisch tätig), oder er sucht sein Heil unter dem schützenden Glasdach einer Großgärtnerei, will sagen, eines Verlagskonzerns. Der Weg dahin ist dornig und mit guten Vorsätzen gepflastert, die nacheinander aufgegeben werden. In der Regel verharrt er schließlich am Fuße des literarischen Olymp und konstatiert, daß er Qualität gegen Quantität und eigene Ideen gegen marktfähige eingetauscht hat. Und gelegentlich stellt er mit einem Blick in den Wirtschaftsteil der Zeitung fest, daß er seine Brötchen nicht mehr beim ABC- sondern beim XYZ-Verlag verdient. Das alles kann, um beim Thema zu bleiben, auch den Pflanzen passieren. Wie sie darauf reagieren, wissen wir nicht. Aber daß sie reagieren, läßt sich am Verhalten der Mimosen nachweisen, die sogar aus ihrer sensiblen Abneigung gegen Tabakrauch keinen Hehl machen. Um wie vieles mehr muß sie da ein Gärtnereiwechsel treffen.
Du bist die Blume / die ich nicht breche / weil ich mit einer toten Blume / nicht reden kann. Als ich, einem Gedanken folgend, vor langen Jahren diese Zeilen zu Papier brachte, war das für meine Frau Grund genug, keine Blumenleichen mehr zu verschenken. Lieber Himmel, nein, ich will hier keinen Anti-Schnittblumen- Feldzug führen. Sind sie doch notwendiger Bestandteil unseres real existierenden Wirtschaftssystems; die echten ebenso, wie die in Buchform. Nur kaufen, nein kaufen muß ich sie nicht. Da ziehe ich dann doch die blühenden Pflanzen vor. Man¹) findet sie auch unter den Büchern. In den Köpfen ihrer Leser blühen sie erst richtig auf, und jedes Samenkorn ist ein neuer Gedanke.
Dieter J Baumgart