Tue Gutes und rede darüber

von Dieter J. Baumgart (copyright)

Ein Bericht

Guten Tag, mein Name ist Dieter Baumgart, ich bin ein Geschichtenerzähler. Zugegeben, das Erzählen von Geschichten wird jenen, die nicht an der literarischen Börse gehandelt werden und trotzdem Wert auf interessierte Zuhörer legen, nicht gerade leicht gemacht. Es sei denn, das Schicksal legt ein gutes Wort beim Zufall ein – so nach dem Motto: „Du, schlag‘ doch mal zu !“ Und dann schlägt er einfach zu, der Zufall.
So geschehen vor kurzem in Klüngelköln am schönen Rhein. Es begann damit, daß mir im regionalen Anzeigenblatt ein Lesetermin ins Auge fiel. Nein, nein, nicht der beliebte Köln- oder Eifelkrimi und auch keine Kindheitserlebnisse aus der Venloer Straße. Lyrik wurde da angeboten, Lesung mit Lyrik von …
Armes Mädchen dachte ich, wer hört sich denn heutzutage noch Lyrik an, noch dazu von – aber damit will ich den drei Pünktchen wirklich nicht zu nahe treten – irgend jemand. Als Veranstaltungsort wurde das Café Klimbim genannt. Oh, dachte ich, das klingt irgendwie, fischte die Anschrift aus der Telefon-CD, schrieb einen freundlichen Brief, der wie dieser Bericht begann und überließ alles weitere dem Schicksal. Es sei angemerkt, daß meine Erfahrungen als kleines Pflänzchen im dichten Unterholz des deutschsprachigen Literat-Urwaldes gewiß nicht Anlaß zur Hoffnung boten. Doch eben diese stirbt bekanntlich zuletzt, und so kalkulierte ich ein bis zwei Tage für den Postweg ein, sozusagen als Vorlauf für das Einsetzen der Hoffnung. Und tatsächlich erhielt ich zwei Tage später den Anruf einer Dame mit sympathischer Stimme: „Ich würde gern eine Lesung mit Ihnen machen…“. Womit die Sache ihren Lauf nimmt.
Tage später beim ersten Gespräch die nächste Überraschung: Die Besitzerin des Cafés ist genau so sympathisch wie ihre Stimme. Wir diskutieren Themen, Plakatentwürfe, Tischwerbung und die Frage, ob Eintritt fordern oder „Hut kreisen lassen“. Instinktiv habe ich eine Abneigung gegen die Erhebung von Eintritt in einem öffentlichen Lokal. Ich denke an die Stammgäste, die von der kostenpflichtigen Veranstaltung nichts wissen und mit Recht sauer reagieren, wenn der abendliche Plausch bei einem Täßchen Tee oder Kaffee plötzlich zusätzliche fünf Euro kostet. Das läßt sich vermeiden, beschließen wir einstimmig. Ein Termin für den nächsten Monat – genügend Vorlauf für geneigte Redaktionen, eine Ankündigung ins Blatt zu rücken – ist schnell gefunden, weit genug entfernt vom Karneval, das Fernsehprogramm und auch die Fußballbundesliga überlassen wir dem Zufall. Natürlich informiere ich Freunde und Bekannte, freue mich besonders, wenn es heißt: „Klar, die und den und jenen bringen wir auch mit“. Nun gut, ich habe auch schon vor zwei Leuten gelesen, weil es für mich selbstverständlich ist, jemanden, den ich einlade, auch zu bewirten; in meinem Falle eben mit Worten. Aber natürlich freut man sich, wenn es mehr sind.
Für etwa dreißig Gäste bietet das Café bequem Platz, zu dem ist es ein Schmuckstück, eingerichtet im Stil der Zwanziger Jahre, eine Stätte, in der Zuhören, in der Tasse rühren und sich in den Pausen austauschen einfach Spaß macht.
Nun ist es natürlich nicht so, daß meine Lesungen von vornherein Gutes bewirken, wie es der Titel dieses Berichts vielleicht fälschlich vermitteln könnte. Doch hier schlägt wieder einmal der Zufall wohlwollend zu, indem ich wenige Tage vor der geplanten Lesung einen Brief von einer privaten humanitären Organisation in Frankreich erhalte, die in Rufisque, Senegal, einen Vorschulkindergarten eingerichtet hat und dort zur Zeit 57 Kinder aus ärmsten Verhältnissen, im Alter von drei bis sechs Jahren betreut und sie so in die Lage versetzt, die école primaire, die staatliche Grundschule zu besuchen. Seit Jahren unterstützen wir diese Organisation, deren Präsidentin wir persönlich kennen, und deren senegalesische Mitstreiter mit uns in freundschaftlichem Kontakt stehen. Der Brief schildert die schwierige finanzielle Situation, die sich durch den notwendig gewordenen Umzug in eine andere Unterkunft ergibt. Gleichzeitig ist es ein Bericht über die Arbeit von Menschen, die alles in ihren Kräften stehende tun, um den Kindern eine bessere Zukunft zu ermöglichen und deren Arbeit unter Umständen wegen einiger hundert Euro für die jetzt höhere Miete in Frage gestellt ist. Spontan beschließe ich, den Hut am bevorstehenden Leseabend zugunsten von PPUN (Passeport Pour Une Naissance) kreisen zu lassen. Auf den Tischen verteile ich Kopien des Briefes im Original und in deutscher Übersetzung.
Das Café ist mehr als vollbesetzt, die Wirtin holt zusätzliche Stühle aus ihrer Wohnung. In der Einleitung beziehe ich mich auf unsere Entscheidung, statt Eintritt einen Hut kreisen zu lassen und erläutere, weshalb der Inhalt einer französischen Hilfsorganisation zugute kommen soll. Es wird ein langer Abend, nach jeder längeren Geschichte eine kleine Pause, die gern für das Bestellen von Kuchen und Getränken genutzt wird und auch den Gästen die Zeit läßt, selbst ein paar Takte zu reden. Gegen dreiundzwanzig Uhr schließlich komme ich wieder auf den Hut zu sprechen, einen echten Australier, den verabredungsgemäß unsere Tochter vom Kopf nimmt und zur Verfügung stellt. Locker wandert er durch die Reihen, meine Frau hat ihn im Blick und als wir – Familie und Wirtin – unter uns sind, wird gezählt. 187 Euro haben sich an diesem Abend im Café Klimbim angesammelt, sind inzwischen per Scheck in Paris eingetroffen und wurden von Catherine Kirsch, der Gründerin des Vorschulkindergartens „Keur Catherine“ mit ganz großer Freude und Überraschung entgegengenommen.
Aber dies ist nicht das Ende der Geschichte. Inzwischen sind wir wieder in Frankreich, die Leiterin der Gemeindebibliothek unseres Nachbarstädtchens Paulhan – etwas kleiner als Klüngelköln – hatte uns, meiner Frau und mir, eine Ausstellung unserer Arbeiten (Patchwork, Quilts, Skulpturen, Collagen, Fotos, Texte) angeboten. Aufgrund unserer Erfahrungen im Café Klimbim stand es fest: Wir machen eine Tombola. Franzosen lieben Lotto, Tombola in allen Spielarten. Die Bibliothekarin war begeistert und lotete alle Möglichkeiten aus, die Tombola im Rahmen unserer Ausstellung ins Gespräch zu bringen. Und auch das Rathaus machte mit:

Die Ziehung wurde auf den Tag der „Foire de Couleurs“ gelegt. Da ist stets viel los im Städtchen, und die Tombola wurde auch in den kommunalen Informationen hervorgehoben. Das Arbeiten mit Menschen, die guten Willens sind und das auch in die Tat umsetzen, macht Spaß. Alle Gewinne sind Arbeiten aus unserem Atelier, Patchworkfrösche, -taschen und –kissen, ein Quilt, kleine Skulpturen, gerahmte Aphorismen, handgebundene Bücher.

Als wir Catherine Kirsch vor Jahren anläßlich einer unserer Ausstellungen in Frankreich kennenlernten, fragte sie mich, ob sie den zweiten Teil eines Gedichts von mir im Briefkopf der neugegründeten humanitären Organisation „Passeport Pour Une Naissance“ verwenden dürfe. Natürlich durfte sie. Der Text im Briefkopf lautet nun:

„…doch will ich mein Leben lang Sandkörner abbauen in der Hoffnung, daß eines Tages auch der Fels in Bewegung gerät.“
Natürlich besteht da eine gedankliche Verbindung zwischen diesen Zeilen im Briefkopf von PPUN und unserem neu erwachten Faible für kreisende Hüte und Verlosungen, ich muß das sicher nicht weiter erklären.

Doch zurück zu unserer Ausstellung in der Gemeindebibliothek von Paulhan. Am Tag der Ziehung bauten wir gemeinsam mit der Bibliothekarin einen Tisch vor der Tür auf und rührten noch einmal die Werbetrommel. Ein Junge aus dem Publikum zog die Lose und die Gewinner freuten sich. Doch das Wichtigste war der Erlös aus der Tombola: 142 Euro hatten sich in der Teedose angesammelt.
Die sind inzwischen bei PPUN eingetroffen und das Echo spricht für sich: ein Foto mit sechzehn strahlenden Kindern und auf der Rückseite die Zeilen

Vous êtes simplement géniaux !! (Ihr seid einfach genial !!)

Das wärmt, finde ich.
Übrigens: Dezember, Januar und März werde ich wieder im Café Klimbim in Köln zu Gast sein, mit Hut. Schauen Sie doch einfach mal rein… Und wenn Sie zufällig in der zweiten Hälfte August nach Mouréze kommen, da haben wir eine Ausstellung im Presbyterium. Und eine Tombola – mit täglicher Verlosung wegen der „Laufkundschaft“ – damit der Euro rollt, denn: Tue Gutes und rede darüber.
Heute, am 29. Juli 2004 erhalte ich einen Brief von Erika Lodo, der liebenswürdigen Gastgeberin im Café Klimbim.
„Mein Café Klimbim ist am 26.06.04 verstorben“, schreibt sie. „Ich selbst bin moralisch ziemlich in den Keller gerutscht. Leider konnte ich für das Café keinen Nachfolger finden, so können Ihre wunderschönen und liebenswerten Geschichten nicht mehr vorgetragen werden.“
So wird aus einer kleinen, hoffnungsvollen Geschichte ganz schnell ein Nachruf. Der Kölner Stadtteil Mülheim ist um einen kommunikativen Edelstein ärmer. Den größeren Teil der „Stadtväter“ wird’s nicht kümmern. Für die Elite gibt’s ein Literaturhaus von Dumonts Gnaden, dem verkabelten Volk reichen 50 Fernsehsender.
Schneller als die Klimaerwärmung auf diesem Planeten breitet sich die Kälte in den Herzen aus…

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