Über die kleinen Pflänzchen im Literat-Urwald
von Dieter J. Baumgart (copyright)
Der Umgang mit der gedruckten Sprache ist – das steht außer Frage – faszinierend. Vielfältig sind die Hilfsmittel, derer man sich bedienen kann. Und die Welt der Elektronik hat diese Vielfalt nahezu ins Unermeßliche gesteigert, was einen jeden Wortebastler, Schriftsteller oder Dichter in helles Entzücken ausbrechen lassen sollte, wäre da nicht auf dem Wege in die Öffentlichkeit eine Hürde aufgestellt, die – davon bin ich überzeugt – auch für manch ein großes Talent unüberwindlich ist. Die Bläue des Auflagenhimmels werden sie nimmer schauen. Im Schatten der Großen, der wirklich Großen und auch der anderen, deren Tee so lange aufgekocht wird, wie sich Konsumenten animieren lassen, fristen sie ihr literarisches Leben und kümmern dahin. Gewiß, hin und wieder schlägt das Schicksal wohlwollend zu: Ein großer Gärtner pickt sich auf der Suche nach Neuem oder weil Kapazitäten frei sind ein solches Pflänzchen aus dem Unterholz und zieht es in seinem Gewächshaus in der Hoffnung auf, daß sich das für Marktöffnung und Werbung eingesetzte Kapital auch ordentlich verzinse. Doch das ist, ich muß das nicht betonen, der absolute Sonderfall.
In einer überregionalen deutschen Tageszeitung las ich kürzlich einen Bericht auf der Literatur-Seite, der sich dem Umgang der großen Verlage mit Autoren und ihren Texten widmete. Meine Anfrage an das Feuilleton, ob dieser Beitrag nicht besser auf der Wirtschaftsseite aufgehoben wäre, wurde nicht beantwortet. Seit sich – im Zeitalter wild wuchernder Informationsmittel – das kommunikative Element immer mehr aus den zwischenmenschlichen Beziehungen verabschiedet, gehört das Beantworten von Anfragen zu den ausgesprochenen Seltenheiten. Ich nehme das zur Kenntnis, mag mich allerdings nicht daran gewöhnen.
Doch zurück zu den kleinen Pflänzchen. Ich weiß, wovon ich rede, denn ich bin auch so ein Pflänzchen. Sogar im doppelten Sinne: Ich verlege meine Texte inzwischen selbst. Nicht, weil sie mir für einen anderen Verlag – wie klein oder wie groß auch immer – zu schade sind, sondern weil das die einzige Möglichkeit ist, sie in die Öffentlichkeit zu bringen. Und weil sie gut sind. Woher ich das weiß? Von meinen Hörern weiß ich das. Und damit meine Hörer auch die Möglichkeit haben, meine Texte zu lesen, lasse ich sie drucken.
Einer glücklichen Eingebung folgend, habe ich mich nicht auf das vernichtende Urteil der Verlage verlassen, sondern wandte mich direkt an die späteren Leser – in ihrer Eigenschaft als Hörer. Daß ich in diesem Falle weitestgehend auf die Hilfe des Literaturbetriebs, mag er sich nun Bibliothek, Literaturbüro oder wie auch immer nennen, verzichten mußte, wurde mir schnell klar. Trotzdem empfehle ich diesen direkten Weg. Denn es ist der einzige, an dessen Ende eine ehrliche Aussage steht: Interesse oder kein Interesse an dem, was ich zu erzählen habe.
Daß auch dieser Weg nur mit Unterstützung von Mitmenschen gegangen werden kann, stelle ich hier ausdrücklich und als Warnung für überzeugte Einzelgänger fest. Langjährige Erfahrung lehrte mich auch, einen kapitalen Unterschied zu erkennen: Den Unterschied zwischen solchen Mitmenschen, die sich in den Dienst ihrer jeweiligen Organisation stellen (Funktionäre) und anderen, die die Organisation, der sie angehören, in den Dienst der Sache stellen, die sie für gut halten (Kreative). Erstere konnte und kann ich auch weiterhin vergessen. Natürlich habe ich auch auf diesem Weg meine finanziellen Federn gelassen und entsprechende Erfahrungen gesammelt. Ich habe mich auf ‘nette Leute’ verlassen, die von Tuten und Blasen keine Ahnung hatten. In solchen Fällen folgt die Strafe auf dem Fuße.
Als ich mein erstes Buch machte, ließ ich mich von einer Agentur übers Ohr hauen, und ein sogenannter Vertriebsverlag besorgte den Rest. Mit viel Glück habe ich dieses Buch vor dem Verramschen gerettet. Das ist nun wohl fünfundzwanzig Jahre her, und ich verkaufe das Buch immer noch – es war eine 3000er Auflage – und die, die es kaufen, sind immer noch begeistert. Damals habe ich eine teure Fotoausrüstung samt Laboreinrichtung verscherbelt, um das viel zu teuer produzierte Buch bezahlen zu können.
Der nächste Schritt führte mich dann in eine fünfköpfige Autorengruppe. Mit einem kleineren Verlag fabrizierten wir zweijährlich erscheinende Anthologien, Abnahmeverpflichtung pro Autor: 50 Expl. zu DM 10.- pro Stück. Das war fair und preiswert, mit sehr viel Mühe brachte ich dann auch den größeren Teil meiner jeweils fünfzig Bände zum Einzelpreis von DM 15.- unter die Leser. Die Tatsache, daß ich meine Bände ausschließlich aufgrund meiner eigenen Texte verkaufte, und der Eindruck zunehmender Selbstbeweihräucherung und Amateurhaftigkeit in der Gruppe, minderte allerdings die Freude an der gemeinsamen Arbeit nicht unerheblich, und ich beschloß, mein nächstes Buch im Eigenverlag zu veröffentlichen. Mit Unterstützung kreativer Mitmenschen fand ich eine Druckerei, die mich nicht aufs Kreuz legte und damit einverstanden war, daß ich alles, was ich selbst machen konnte, dank des Vorhandenseins elektronischer Hilfsmittel auch selbst machte. Das Buch, 160 Seiten, broschiert, DIN A 5, ansprechend gestaltet, kostete in 1000er Auflage um die DM 7000.-. Bei einem Verkaufspreis von DM 19.80 werden die Gestehungskosten rein rechnerisch nach 350 verkauften Exemplaren wieder drin sein.
Milchmädchenrechnung? Keineswegs. Natürlich, die DM 7000.- verzinsen sich nicht. Ich verkaufe das Buch fast ausschließlich selbst im Rahmen meiner Autorenlesungen und eigenen Ausstellungen. Und es dauert vielleicht fünf Jahre, bis die 350 Bände verkauft sind. Nein, leben kann ich davon nicht. Brauch’ ich auch nicht, weil ich mir diese DM 7000.- zusammengespart habe. Wie? Seit rund zwanzig Jahren rauche ich nicht mehr!
Ich habe diesem Buch sogar eine ISBN spendiert. Reiner Luxus. Eine ISBN mit so vielen Nullen nimmt kein Buchhändler ernst. Doch, das soll hier nicht verschwiegen werden: Mich zumindest nimmt einer ernst. Er gehört zur Gruppe der Kreativen, er mag meine Texte, er ist mit mir befreundet und – er macht mir keine Hoffnungen, was den Verkauf betrifft, denn er hat von Tuten und Blasen Ahnung. Kennte ich ihn nicht, ich hätte dieses Buch nicht gemacht.
Es gehört zu meinen frühesten Erfahrungen, daß ich als Autor für den Buchhandel nicht relevant bin. Und meine Eigenschaft als Kleinverleger kann dieses Manko nur verschlimmern.
Ich habe Verständnis dafür, denn Buchhändler verkaufen gemeinhin keine Bücher, weil sie sie mögen oder vielleicht die Autoren nett finden. Die verkaufen eine Ware, weil sie davon ihren Lebensunterhalt und – wenn es sich um ein größeres Unternehmen handelt – auch den Lebensunterhalt einer Anzahl von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern bestreiten müssen. Und sie verkaufen das, was den meisten Profit bringt. Und den meisten Profit bringt das, worum das größte Geschrei gemacht wird. Und außerdem muß er, der Buchhändler, auch schwer verkäufliche Ware ins Sortiment nehmen, damit er vom gleichen Verlag auch mit Bestsellern bedacht wird. Da ist er gar nicht mehr wild darauf, sich zusätzlich die – vielleicht noch so guten – Erzeugnisse eines Kleinstverlages in die überfüllten Regale zu stellen.
„Wissen Sie“, hat mir mal einer gesagt, „wissen Sie, das ist nur Mehrarbeit für den Steuerberater …“
Und das war sogar ein netter Buchhändler, der hat vorher noch in meinem Buch geblättert.
Das nachhaltigste Erlebnis hatte ich, als ich – lang ist’s her – einem Buchhändler meine Textpostkarten-Serie à la carte offerierte. Er blätterte kurz durch und meinte abschließend: „Da sind ja gar keine Bilder drauf!“
Seit dieser Zeit bewegt mich hin und wieder die Frage, ob der Anteil der Vegetarier unter den Fleischermeistern größer ist als der Anteil der Analphabeten unter den Buchhändlern. Vermutlich läßt sich diese Frage aber schon aus dem Grunde nicht beantworten, weil sie so konkret noch nie gestellt wurde. Allerdings ist bekannt, daß sich alle Kunden, die ihr Fleisch regelmäßig in einem Fachgeschäft kaufen, als von ihrem Fleischer in geschmacklicher Hinsicht gut beraten fühlen.
Natürlich werde ich als ‘Verleger’ auch hin und wieder von Autoren angesprochen, die ihre Texte gern bei mir veröffentlichen wollen. Ich lehne das stets ab. Ich vermeide aber auch grundsätzlich, diese Ablehnung mit der Qualität der jeweiligen Texte in Verbindung zu bringen, weil das in diesem Zusammenhang nicht meine Aufgabe ist. Ich führe rein wirtschaftliche Gründe an, informiere über Literaturmarktmechanismen und den Unterschied zwischen Funktionären und Kreativen. Abgesehen davon denke ich, daß auch die kleinen Pflänzchen im Literat-Urwald einen Sinn haben: Sie sind das menschlich-kommunikative Element in diesem Cyber-Zirkus. Mit einem guten Text läßt sich noch lange kein Geld machen. Aber ein paar Menschen auf andere Gedanken bringen, das ist doch auch schon was. Und wer Sprache in dem Sinne liebt, daß er über die Diskussion hinaus weitere Menschen erreichen möchte – Steinchen in den Gedankenteich werfen und die sich überschneidenden Kreise der Wellen beobachten – der sollte sich überlegen, ob er das, was er liebt, zum Geldverdienen auf die Straße schickt, um es dann einige Zeit später, zerlumpt und ohne einen Pfennig wiederzufinden.
Also was ich bin, ich geh’ dann doch lieber selber ‘runter und verdiene irgendwie. Und meine Gedanken schicke ich ins Café an der Ecke und bestelle ihnen ein Eis. Und wenn ich nette Leute treffe, dann lese ich ihnen vor, was mir meine Gedanken aus dem Café an der Ecke erzählt haben. Und wenn ich bei der Gelegenheit auch noch ein Buch verkaufe – oder womöglich zwei – dann freu’ ich mich aber schon ganz mächtig.