Und das am Heiligen Abend
von Michael Kuss (copyright)
Sie hatte mich überhaupt nicht angebettelt. Hatte kein Wort gesprochen. Hockte nur da, ängstlich und unterwürfig in die Ecke gekauert. Als wollte sie sich mehr vor den Menschen schützen denn vor der nassen Kälte. Der Wind peitschte den Schneeregen an diesem Vorweihnachtstag durch die Straße meines Berliner Stadtteils. Nur den Engeln und den Steiff-Tieren in den auf Weihnachten getrimmten Schaufenstern schien der trübe und nasskalte Dezembertag nichts auszumachen. Tapfer blies der Posaunenchor der Heilsarmee gegen die Eilenden an, die auf der Rolltreppe zur U-Bahn kamen und gingen. Ein Heilsbringer rief: “Und es begab sich zu der Zeit…, dass die Jungfrau gebären sollte, aber es war kein Platz in der Herberge…!” Er erntete ein müdes Lächeln. Nur wenige Neugierige waren mitleidig oder amüsiert, vereinzelt auch andächtig stehen geblieben. Noch drei Tage bis Heiligabend! Da gab’s eine Menge anderer Dinge zu erledigen, als sich mit Bibelsprüchen zu beschäftigen!
Zu Hause in meiner Straße war ich dann an ihr vorbei gehastet. Wie man heutzutage aus Gewohnheit, oft auch aus versteckter oder offener Abscheu vorbeigeht. Keine Beachtung mehr! Sie haben überhand genommen! Sie fallen lästig! Sie stören mein Gleichgewicht! Wir haben eigene Sorgen! Außerdem kann man die Bedürftigen nicht mehr von den Berufsschmarotzern unterscheiden!
Im Vorbeigehen trafen sich unsere Blicke. Warum muss ich Menschen auch immer in die Augen schauen? Etwas schmerzte mich. Ein Schmerz, den auch der beste Mediziner nicht lokalisieren kann. Ich sah in die andere Richtung. Beschleunigte meine Schritte. Blickte Hilfe suchend auf meine Uhr. Schaute grimmig zum Himmel. Ja, ich begann sogar leicht zu hinken. Entschuldigung, aber ich habe meine eigenen Wehwehchen! Kann mich nicht auch noch um Obdachlose und Gestrandete kümmern! Die Stadt ist voll mit Verlierern.
Es half nichts! Kaum um die Ecke, hielt ich erschrocken an. Ich schwankte zwischen beschleunigter Flucht und verschämter Rückkehr. Der Ausdruck ihrer Augen! War es Angst? Fatalistische Ergebenheit? Ein Fünkchen Hoffnung? Augen eines Menschen, der jeden Moment damit rechnet, mit Worten oder einem Knüppel geprügelt zu werden. Wie ein heruntergekommener Straßenhund, der zusammengekauert, unterwürfig und schweigend den Schwanz eingezogen hat, und dessen Augen fragen: “Kommt jetzt der nächste Fußtritt? Der nächste schmerzhafte Steinwurf?”
Meine Phantasie schlug Purzelbäume. Ich war aufgewühlt und verunsichert. Dieses verfluchte Weihnachtsfest mit seiner Gefühlsduselei! In der Großstadt noch aufdringlicher denn irgendwo auf dem Land. Als wenn ICH etwas an den Ungerechtigkeiten der Welt ändern könnte?! Habe ich nicht ein Recht darauf, wenigstens an Weihnachten meine Ruhe zu haben?
So gelangweilt wie möglich schielte ich auffällig unauffällig um die Ecke. Keiner meiner Nachbarn und Hausmitbewohner durfte sehen, wie ich dieser verwahrlosten Frau in der nassen Straßennische mehr und mehr Interesse bekundete. Nicht auszudenken, diese Peinlichkeit, wenn die Nachbarn heimlich tuscheln oder gar Intrigen gegen mich spinnen würden. In unserer Straße ist die Wohlanständigkeit zu Hause. Nicht nur an Weihnachten. Aber da besonders! Und dieses Stück Lumpen da in der Ecke, diese aufgedunsene Alte mit dem dicken, schwammigen Bauch und den strähnigen Haaren, die vielleicht vor wenigen Monaten noch bessere Zeiten gesehen hatte, gehörte in ein Asyl zur Caritas, oder in die Klapsmühle oder sonst wohin, aber nicht in unsere saubere Straße, die bisher gottlob von großer Kriminalität und sichtbarer Armut verschont geblieben war. Und das will ja für diese Stadt schon etwas heißen.
Ja warum ruft denn niemand die Sozialfürsorge oder die Polizei an und lässt die Frau irgendwohin transportieren? Da gibt es doch sicher irgendwelche Stellen, die sich um so etwas kümmern?! Heime! Asyle! Bahnhofsmissionen! Essenausgabestellen! Hinterhöfe! U-Bahnschächte! Aber doch nicht hier mitten auf der Straße der braven Rentner und kleinen Geschäfte! Die letzten privaten Lädchen können sich sowieso kaum über Wasser halten; wie sieht das aus, wenn sich jetzt auch noch Stadtstreicher hier tummeln? Als liberal denkender Mensch muss man so etwas doch von beiden Seiten betrachten!
Meine Kollegin Lilo, die in der Lokalredaktion für Straßenkriminalität und Prostitution zuständig ist, antwortete, als ich das erzählte, „Stell’ dich nicht so an, so eine einzelne Pennerin ist doch überhaupt nicht der Rede wert! Schau dir erst einmal die Gegend um den Zoo oder den Breitscheid-Platz oder die Tagediebe vor dem Ostbahnhof an, da würdest du aufwachen!“ Und Herrmann, der als rasender Reporter in Gerichtssälen und Polizeirevieren herum hängt, hat hinzu gefügt: „Mensch, Junge, wer geht schon freiwillig in ein Obdachlosenasyl? Weißt du, wie’s da drinnen aussieht? Jede Hinterhofecke ist dagegen ein Paradies!“
Ich weiß es nicht und ich will es auch nicht wissen. Überhaupt, was soll ich mit solchen Floskeln?! Ich arbeite in der Wirtschaftsredaktion, bin für gefallene Aktienkurse zuständig, nicht für gefallene Mädchen! Der Stress auf der Arbeit und der Kampf um die täglichen kleinen Brötchen fordert doch für jeden von uns Tribut. Sonst kann ich morgen arbeitslos sein und erst auf dem Sozialamt und danach vielleicht auf der Straße enden?! Gott behüte mich vor solchen Höllenträumen…
Die Alte!? Ist sie Fünfundzwanzig oder Fünfundfünfzig?
Ein ausrangierter Jahrgang in der sozialen Gosse ist schlecht einzuschätzen. Haare wie ein alter Besen auf dem Müll. Ungewaschen das ausgemergelte, blass-graue und schlecht durchblutete Gesicht. Eine kaum verkrustete Wunde über dem Mund. Die Backenknochen unter den wie tot scheinenden Augenhöhlen lassen an Magengeschwüre denken. Ein Pelzjäckchen aus besseren Zeiten spannt sich um den aufgedunsenen Bauch. Ein ausgefranster Wickelrock. Das gerissene Oberleder der Schuhe von den Sohlen getrennt. Die Sohlen offen wie das Maul einer Kröte. Keine Strümpfe. Nur Mullbinden. Aus dem Mull kroch der Ekel. Daneben zwei pralle Plastikbeutel und eine schmuddelige Reisetasche mit einem Stück Kordel als Griff. Aus der Tasche quollen verschmutzte nasse textile Habseligkeiten zum Erbarmen. Den Schönheitspreis für eine Vogelscheuche könnte sie gewinnen! Wie tief kann ein Mensch eigentlich sinken?
Aber hat nicht irgendwie jeder sein eigenes Schicksal selbst in der Hand?! Ich kann es nicht mehr hören, dieses politische Gesäusel von der staatlichen Verantwortung; es gibt auch so etwas wie Eigenverantwortung! Nur Schwache werden haltlos, das hat’s schon immer gegeben…
Soll ich der Stadtstreicherin etwas schenken? Damit sie zwei Tage vor Heiligabend in Selbstversunkenheit wenigstens blöde vor sich hin grinsen und einen Schokoriegel genießen kann? Was soll ich sonst tun? Ich kann das Elend dieser Welt nicht lösen, höchstens hin und wieder lindern. Schließlich hat man ja auch so etwas wie ein Gewissen.
Ich stellte meinen Einkaufskorb auf das Kopfsteinpflaster. Mit abgehangenem Pamplona-Schinken und würzigem Käse hatte ich für die Feiertage vorgesorgt. Vorsicht! Die vier Flaschen Champagner durften nicht in Scherben gehen! Für Victor, meinen vierbeinigen Hausfreund mit den treuen Augen Hundefutter vom Feinsten. Zwei neue CD’s! Eine Menge Knusperzeug. Spitzenunterwäsche und eine Halskette für Barbara. Das Leben wird härter, aber noch können wir’s uns leisten…
Ich wollte dem Elendsbündel den Schokoriegel schnell zustecken. Ganz beiläufig. Wie man einem Hund einen Knochen oder einem Straßenmusikanten eine Münze hinwirft. Mit so ‘ner lässigen Mischung aus Großzügigkeit, Mitleid und schlecht übertünchter Scham. Wir kennen das ja. Und dann wollte ich schleunigst weitergehen. Ich hatte gegenüber die ältliche, moralinsauere Verkäuferin im Zeitungskiosk erblickt. Klatschmaul und Intrigantin unserer Nachbarschaft. Gefährlicher als jeder Friseurladen. Schließlich überwand ich mich und reichte, nachdem ich die Straße auf und ab und auch die über mir liegenden Balkone observiert hatte, dem Jammerlappen die Schokolade. Die Frau streckte eine Hand aus. Es war eigentlich nur eine Faust. Ein knorpeliger Stummel, an dem alle Finger fehlten. Der Stummel zitterte. Die Frau sagte idiotisch zigmal Danke. Es war peinlich und würdelos.
Ich kaufte noch Zigaretten, Brot, ein paar Büchsen Wurst, einen Büchsenöffner, – wir denken ja immer so praktisch -, und Weintrauben. Die Mummelgestalt nahm es ungläubig und linkisch. Teils ängstlich und abweisend, teils unterwürfig und gierig wie ein neurotisches Tier. Verlegen brummelte sie irgend etwas aus einem Mund, der einmal schön und geschwungen gewesen sein könnte und jetzt nur noch ein Klappergestell voller Zahnlücken umschloss. Unbeholfen und zittrig werkelte sie mit ihrem Handstummel und dem Büchsenöffner an der Wurstdose herum. Ich ging in meine Wohnung zurück. Die Wohnung war warm und angenehm. Victor lag im Wintergarten und blinzelte mich an. Ich streichelte ihm das Fell unter dem Hals. Er kuschelte seinen Kopf zwischen meine Hände und zeigte mir seine Liebe.
In den beiden nächsten Tagen sah ich die Frau öfters. Sie schien sich tatsächlich für das Weihnachtsfest unser Viertel als Bleibe ausgesucht zu haben. Ich gab ihr nur wenig Bargeld. Aber abgelegte Kleidung, Büchsenkonserven, Schokoriegel, Wein und Tabak. Der Reichtum in ihrer Tasche quoll über. Mein Herz auch. Ich fühlte mich wohl. Niemand schien die Frau zu vertreiben. Wahrscheinlich hatten die Leute Mitleid. Schließlich war Weihnachten. Die kleine Passage zwischen Hauseingang und Hinterhof wird sie gegen die schlimmste Kälte schützen. Notfalls werde ich ihr noch einen Pulli und eine Decke bringen.
Den Tag verbrachten wir bei Freunden im Spreewald. Barbara und ich kamen erst am Heiligabend in das noch immer schmuddelige Berlin zurück. Gegenüber meinem Parkplatz lag der ungepflegte Pummel gekrümmt auf einer Bank. Neben ihren prallen Beuteln stand eine leere Weinflasche. Die Frau röchelte im Halbschlaf und wälzte sich unruhig auf die Seite. Wahrscheinlich vollgesoffen! Na schön; – dieses Elend ist ja nur im Suff zu ertragen. Es schneite nicht mehr. Aber es war kalt und windig. Ich holte aus dem Wagen meine Hundedecke, mit der ich nachts den Motor abdeckte und die Batterie warm hielt, und legte sie über die Schlafende. Ob mein Auto morgen anspringen wird? Die leere Weinflasche tauschte ich gegen eine volle, einen echten Bordeaux; an Weihnachten lasse ich mich nicht lumpen, billigen Fusel wird die Alte das ganze Jahr über trinken, und klebte einen Zettel daran. Auf den Zettel schrieb ich “Fröhliche Weihnachten!” Barbara gab mir anerkennend einen Kuss auf die Wange und sagte: „Ich liebe dich!“ Ich legte meinen Arm um Barbaras Schultern und drückte sie an mich.
Wenig später saßen wir im überhitzten Wohnzimmer und drosselte die Heizung. Victor lag auf allen Vieren ausgebreitet und faul vor meinen Füßen. Ich streichelte sein gepflegtes Fell. Barbara kraulte mir die Ohren. Wir hatten die Kinder angerufen; Jens arbeitet in New York, Carola studiert in Paris und wollte Weihnachten mit ihrem Freund verbringen. Die Jungen nehmen ihre Chance wahr. Dann war Muttchen im Seniorenheim an der Reihe. Dort hatten sie eine tolle Weihnachtsfeier für die alten Leutchen organisiert. Wir hatten frohe Feiertage gewünscht und was man eben sonst noch so am Telefon redet. Alles war ein bisschen langweilig und schon zur Routine geworden.
Da kam mir der Gedanke!
Eigentlich könnte ich jetzt die Frau von der Straße mal kurz heraufholen! Wenigstens für diese Weihnachtsnacht. Sie könnte duschen. Geduscht würde sie bestimmt viel anständiger aussehen. Frische Wäsche anziehen. Barbara wollte ohnehin abgelegte Sachen wie Sand am Meer in die Kleidersammlung geben. Ich würde Glühwein machen. Wir könnten zusammen rauchen, essen, und die Frau könnte aus ihrem Leben erzählen, von früher, und wie es denn gekommen war, warum sie jetzt, und ausgerechnet an Weihnachten…?!
“Ich brauche nicht viel!” wird sie sagen. “Ich habe nie viel gewollt. War immer mit wenig zufrieden!”
“Das war Ihr Fehler!” werde ich antworten. “Sie hätten mehr vom Leben fordern sollen! Wer nicht fordert und immer nur klein beigibt, ist am Ende der Dumme!”
Ich erschrak!
Wenn sie mich wörtlich nimmt? Wenn sie sich bei uns einnistet! Sich häuslich nieder lässt? Ich kenne sie doch überhaupt nicht! Und Barbara kann ich mit diesem verrückten Vorschlag schon gar nicht kommen! Irgendwo hat auch Barbara Grenzen. Weihnachten, gut und schön! Aber ausgerechnet eine Pennerin? Wir hätten ein Paket für ein Waisenhaus herrichten können!? Oder wieder einmal zum Weihnachtsgottesdienst gehen und einen Geldschein in die Kollekte stecken. Der Pfarrer hätte das Geld schon irgendwie einem guten Zweck zugeführt. Ich kann dem wildfremden Lumpenbündel morgen früh doch nicht sagen, also liebes Mädchen, das war’s, und nun Husch-Husch zurück auf die kalte Straße? Vielleicht müsste ich auf’s Sozialamt mit ihr rennen? Den Bürokraten lang und breit alles erklären. Womöglich machen die mich sogar verantwortlich und haftbar wie einen Familienangehörigen! Was man da so hört, wie es auf den Sozialämtern zugeht… Ich würde Zeit verlieren und Ärger haben! Ich habe Arbeit und Ärger genug! In drei Tagen ist Redaktions-konferenz. Da wird’s ohnehin heiß und hoch hergehen! An meinem Ast wird gesägt. Ich muss sehen wo ich bleibe…
Oder die Alte stibitzt mir was? Meine Kamera! Computer! Kassettenrekorder! Was ich doch für meinen Beruf, zum Geldverdienen, für meinen kleinen und überschaubaren Lebensstandard brauche! Mir wurde doch auch nichts geschenkt! Ich musste mich in dem Job erst durchbeißen und behaupten und so manchen Haken schlagen. Da standen Zuckerbrot und Peitsche vor dem wackeligen Erfolg! Was glauben Sie, wie es bei uns in den Redaktionen zugeht? Von wegen, Kollegialität! Und außerdem, die Nachbarn! Ich muss die zerrissene Alte doch durch’s hell erleuchtete Treppenhaus aus falschem Marmor schleusen. Da kommen und gehen immerzu Menschen! Ich leb’ doch mit dem ganzen Haus in freundlichem Einvernehmen! Soll ich das alles auf’s Spiel setzen?! Außerdem wird die Alte stinken, und ganz bestimmt Ungeziefer haben, und was weiß Gott noch alles…
Sie würde wahrscheinlich gar nicht mit mir hochkommen wollen! Sie wird an ihre Straßennischen und Parkbänke gewöhnt sein. Sie wird meine Einladung falsch verstehen, mich entgeistert anschauen! Warum sollte ich die Frau aus ihrer gewohnten Umgebung reißen und sie unglücklich machen? Ja, das war’s! Ich würde sie und mich und Barbara nur in eine peinliche Situation bringen! Unser Leben würde sie irritieren! Unser Sozialvoyeurismus, meine indiskreten, mit journalistischer Strategie und Neugier gestellten Fragen würden sie verwirren!
Als der Fernsehfilm zu Ende war, räumte Barbara den Tisch ab und legte Victor noch ein saftiges Hühnerschenkelchen hin. Er schnupperte daran, stieß es mit der Schnauze zur Seite und sah uns halb vorwurfsvoll, halb verständnislos an. Hatte ich Victor in den letzten Tagen vernachlässigt? Ernähre ich ihn ausgeglichen genug? Ob ich ihm nächste Woche lieber dies oder jenes Futter kaufen und mit Kalzium und frischem Ei anreichern soll? Das eine riecht ja ein bisschen komisch, aber im Fernsehen wird tierisch viel Werbung dafür gemacht. Die erfolgreichsten Züchter würden es ihren Hunden geben. Obwohl es ja etwas teuerer ist. Höchste Zeit, unseren Victor, meinen zuverlässigen Freund, diesen klugen, kräftigen Schäferhund auszuführen! Er kannte seine Zeiten. Mit wedelndem Schwanz stand er freudig erregt an der Tür und leckte mir die Hand.
Rechts drüben sah ich die Blinklichter des Rettungswagens. Gelb und blau leuchteten sie und zuckten wie warnende Sternschnuppen durch die Heilige Nacht. Polizisten und Helfer liefen herum. Zwei Weißgekleidete schoben die Frau auf einer Bahre in das rote Auto. Irritiert ging ich näher heran. Der Polizist und ich schauten uns an.
“Sie ist tot!” brummte er. Dann fragte er mich “Kennen Sie die Frau?” Seine Stimme hatte sich gehoben und ließ ein bisschen Diensteifer erahnen.
“Nein!” antwortete ich. Der Kloß in meinem Hals war noch nicht gerutscht. “Ich habe sie nur ein paar mal hier herumhängen sehen! Immer wann ich meinen Hund ausführe. Offensichtlich eine Wohnsitzlose…!“ sagte ich pietätvoll. Angesichts des Todes wollte ich nicht `Pennerin` sagen. „Warum? Was ist passiert?“
“Sie war hochschwanger!” sagte eine Notärztin, die hinzugekommen war und dem Polizisten Papiere übergab. “Wir mussten gleich hier entbinden. Das Kind konnten wir retten. Es ist schon drüben in der Klinik. Dort war noch ein Platz frei…!” Die Ärztin zog die Plastikhandschuhe aus.
“Das arme Gör!” sagte der Polizist. Er zeigte jetzt ein bisschen Gefühl. Für eine Sekunde war die abgebrühte Beamtenstarre aus seinem Gesicht gewichen.
“Vielleicht wird mal was aus ihm!” sagte eine Nachbarin, die, wie ich, eigentlich nur ihren Hund ausführen wollte. “Sie wohnte früher drüben in der Frauenlobstraße!” sagte die Nachbarin. “Hatte Pech mit ihrem Kerl! Die schlugen und vertrugen sich. Das ging über Jahre! Bis sie endlich ganz von dem Kerl weg ist…, und jetzt das hier…, schrecklich! Wie Menschen nur so enden können?! Und das am Heiligabend!” Gestikulierend und ausführlich erklärte die Nachbarin dem Beamten die Herkunft der Toten.
Der Polizist verstaute die Papiere. Er schaltete das Funkgerät ein. Ich hörte Wortfetzen: “Hier Einsatzwagen 45 an Zentrale: Tote identifiziert…, keine Fremdeinwirkung…, natürlicher Tod…, Einsatz abgeschlossen! Zentrale bitte kommen….Ende!”
Von der Kirche klangen die Glocken zu uns herüber und luden zur Mitternachts-messe ein. Es begann zu schneien. Sanft wie schwerelose Federn schwebten und tänzelten die Schneeflocken vom Himmel und bedeckten die Stadt und alle Spuren.