Kamillentropfen

von Jaroslav Hâsek (copyright)

Die Großmutter Pesek versorgte zahlreiche Drogerien in Prag mit getrockneten Heilkräutern, wie Kamille und Tausendgüldenkraut. Das meiste Kamille- und Tausendgüldenkraut verkaufte sie aber an die Drogerie des Herrn Koloska.

Sie erschien im Sommer und auch im Herbst mit einem großen Tragekorb auf dem Rücken im Laden, sie handelte nicht, wieviele Kreuzer sie für das Kilo bekommen sollte, sie ließ die Kräuter abwiegen und nahm das Geld ohne alle Einwände entgegen.

Dann setzte sie sich auf den leeren Korb, trank ihr übliches Gläschen Kümmelschnaps, den sie dazu bekam, und sprach mit Herrn Koloska: »Sie müssen wissen, gnädiger Herr, von keinem Kräuterweib schmeckt die Kamille so wie von mir. Sie müssen wissen gnädiger Herr, ich bin ein ehrliches Frauenzimmer, und ich sammle die Kamille ganz zeitig am Morgen, und das, müssen Sie wissen, ist Kamille, und nicht so etwas wie von der alten Kautsky. Diese Kautsky sammelt die Kamille nämlich am Nachmittag, und davor, mit Verlaub zu sagen, versorgt sie das Vieh im Stall. Und Sie müssen wissen, gnädiger Herr, wenn Sie mal: ihre Hände anschauen, da würde der Mensch am liebsten weinen und das Essen würde ihm vierzehn Tage nicht schmecken. Meine Kamille dagegen, die ist mit sauberen Händen gesammelt, und noch wenn der Tau liegt; Und das, bedenken Sie es, das fällt ins Gewicht, wenn ein Mensch so einen Aufguß trinkt, da gehr es ihm gleich besser. In Stechovice gibt es viele Leute, die sagen, daß nichts so gut wie die Kamille der alten Pesek hilft. Sie sollen wissen, ich bin ein ehrliches Weib, und diese Kautsek; kann sich mit mir nicht vergleichen. So ist es mit allem. Wenn Sie wüßten, gnädiger Herr, wie die Kautsek die Kamille trocknet, da würden Sie die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Die hat dort auf dem Boden so ein Bettlaken. Der Boden der Kautsek ist Tag und Nacht voller Katzen, und sie behauptet, daß sie das, was sie mit nach Prag nimmt, vorher durchsieht und säubert, nämlich von dem, was dort nicht hineingehört, aber bei meiner Seel’, ich’ glaube ihr nicht. Und warum sollte ein Mensch so einem Weib glauben, das noch nicht einmal gute Kamille von der Feldkamille unterscheiden kann, und in einem Geschäft hat man es ihr gesagt und sie fortgeschickt, weil sie einmal die Hälfte Feldkamille und die Hälfte »wieessichgehört« brachte, und als es die Leute benutzten, wurde ihnen sehr schlecht davon. Und das Weib Kautsky hat ihnen erzählt, daß sie kurzsichtig sei, und das ist auch nicht wahr. Die alte Kautsky sieht besser als ich, und bitte sehen Sie nach, ist in meinem Gesammelten etwas von Feldkamille drin? Sie kann einen Dampfer auf der Moldau schon eine Stunde im voraus sehen. Ich nicht Wenn ich wollte, so könnte ich Ihnen viele Geschichten von ihr erzählen, was das für ein Weib ist. Wenn Sie die Wohnung der Kautsky sehen könnten, da würden Sie die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. In dem Häuschen der alten Kautsky wohnt noch ihre Schwiegertochter. Eigentlich ist es nicht ihre Schwiegertochter. Ihr Sohn, Josef Kautsky, hat sie mitgebracht, er hat noch nichts, mit Verlaub, beim Pater unternommen, weil sie angeblich keinen Heimatschein hat. Und so leben sie dort zum Ärgernis der andern nur so zusammen, und er hat fünf Kinder mit ihr, und sie sagt, daß nicht alle seine wären. Und wenn Sie dort hinkommen, so laufen die Kinder nur im Hemdchen schmutzig herum und, mit Verlaub, nicht einmal die Hemdchen sind sauber, und die Kinder fassen alles an, und wenn Sie ihre Hände sehen, dann wissen Sie, was es bei der Kautsky zum Mittagessen gegeben hat. Und jetzt bedenken Sie, daß die ganze getrocknete Kamil1e auf der Erde liegt, und die Kinder laufen dort beim Spielen umher verstecken sich in der Kamille sogar so, wie sie von draußen kommen, und so spielen sie und wälzen sich auf der Kamille herum! Dagegen ist: bei mir alles wie in einer Kirche: Wenn Sie bedenken wenn, der Josef Kautsky nach Hause kommt, er sieht eben genauso aus wie alle, die in Davle in der Ziegelei arbeiten, und sich die Pfeife ansteckt, und mit Verlaub gesagt, daß ich es überhaupt aussprechen muß, spuckt er, egal wohin, auch wenn er sieht; daß in der Ecke auf dem Fußboden auf dem Laken die getrocknete Kamille liegt. Und dann macht er sich einen Spaß daraus, wenn jemand; Kamillentee trinkt.«
In dieser Art erzählte die alte Pesek Herrn Koloska, was sie über die alte:Kautsky wußte, und jedesmal, wenn sie kam, erzählte sie, welch schlecht gewaschenes Weib dieser Kautsky wäre.
»Nun gehen Sie schon zum Mittagessen, sagte Herr Koloska nach so einer Unterhaltung mit der Pesek, wenn sie fortgegangen war, zu seinem Kommis, der auch den Erzählungen der alten Pesek zugehört hatte, »gehen Sie zum Mittag, es ist schon zwölf Uhr.«

»Verzeihen Sie, Chef«; antwortete der Kommts, »mir ist nicht gut, heute werde ich nicht Mittagessen.«
»Und was fehlt Ihnen?« fragte Herr Koloska.
»Mir ist schlecht«, antwortete der Kommis, »die Pesek hält immer solche Reden.«
»Aber, aber«, lachte Herr, Roloska, »die Pesek ist ein ehrliches Weib. Und wenn Ihnen schlecht ist, so nehmen Sie ein bißchen Kamille und machen sich auf dem Spirituskocher Tee. Mir hat es immer geholfen. Oder nehmen Sie Kamillentropfen.«
»Nein, danke, ich kann nicht«,, antwortete der Kommis. »Gerade diese Kamillentropfen, danke, ich kann nicht.«
»Aber die Kamillentropfen sind gut«, bot Herr Koloska noch einmal an.
»Nein, nein, danke, ich kann nicht, glauben Sie, ich kann nicht«, antwortete der Kommis und ging hinaus.
Und Herr Koloska schüttelte hinter dem fortgehenden Kommis den Kopf und sagte zu sich selbst: »Er ist ein komischer Mensch, nicht einmal meine Kamillentropfen wil1 er einnehmen. «
Die Kamillentropfen,: die Herr Koloska aus der Kamille herstellte, die die alte Pesek brachte, waren das Ergebnis seiner langjährigen Erfahrung.
Er hatte herausgefunden, daß Kamille und Alkohol in einem ganz bestimmten Verhältnis gemischt werden müssen. Das beste ist, wenn man 200 Gramm Kamille in anderthalb Liter reinen Alkohol legt. Wenn sie dort in dem Alkohol vierzehn Tage gelegen hat, setzt man einen halben Liter Wasser und: ein Viertelkilo Sirup dazu.
Das waren seine: Kamillentropfen, die seine Abnehmer ehrliche Kamillentropfen nannten und die in Flaschen unter der Bezeichnung »Prager Magenlikör« in der Auslage der Drogerie des Herrn Koloska standen.
»Die beste Kamille bringt die alte Pesek«, sagte er zu allen Abnehmern, »das ist ein ehrliches Weib, die ehrlich nur die beste Kamille sammelt.«
»Diese Kautsky muß aber ein verdammtes Weib sein«, sagte er zu sich selbst. »Von der würde ich niemals Kamille kaufen. Wenn die in meinen Laden käme, um mir Kamille zu verkaufen! Aber ich weiß, daß sie nicht kommen wird.« Und die Kautsky; ist auch nicht gekommen.
Und wenn sich Herr Koloska in guter Laune befand, klopfte er dem Kommis auf die Schulter und sagte: »Diese Kautsky ist aber eine Person, hörten Sie schon von den Katzen auf ihrem Boden? Möchten Sie nicht ein Gläschen Kamillentropfen?«

»Danke, ich möchte nicht«, sagte der Kommis. »Dann werde ich welche nehmen« antwortete Herr Koloska und ging zu der Nische, in der die Flaschen mit den ehrlichen Kamillentropfen oder mit dem »Prager Magenlikör« standen, dort füllte er sich ein Gläschen, das er mit Genuß leerte.
»Ich könnte ohne meine Tropfen nicht leben«, erklärte er seinen Bekannten im Gasthaus. »Gut, daß Sie noch Junggeselle sind«, lachten die Bekannten. »Sie würden Ihre Frau jeden Morgen, Mittag und Abend zwingen, Kamillentropfen zu trinken. Und zu Weihnachten würden Sie ihr nichts weiter schenken als Ihren »Prager Magenlikör«.
»Aber was für ein Likör und was für Tropfen«, sagte Herr Koloska, »solche Kamille, wie ich habe, hat niemand.«
Und zur allgemeinen Heiterkeit erzählte er von der Unterhaltung mit der Pesek, dieser wunderlichen Frau, er berichtete, was sie alles über die Kautsky gesagt hatte und wie sie Kamille sammelt und trocknet.
»Solche Reden sind unfein«, bemerkten seine Bekannten. »Das sagt auch mein Kommis«, antwortete Herr Koloska.
»Es ist einerlei, Herr Tauchen«, sagte Herr Koloska an einem Samstag zu seinem Kommis, ob Sie morgen am Sonntag einen Ausflug dahin oder dorthin machen. Wissen Sie was, Sie fahren nach Stechovice und suchen dort die alte Pesek auf. Wenn ich die Adresse wüßte, so würde ich schreiben. Wir haben keine Kamille mehr, und wer weiß, wann sie kommt. Fahren Sie also hin und sagen ihr, daß sie die Kamille so schnell wie möglich bringen soll. Die Fahrt werde ich Ihnen bezahlen.«
»Ich werde hinfahren«, antwortete der Kommis Tauchen.
Am Montag früh hatte er dann mit seinem Chef die folgende Unterhaltung: »Chef! Ich bin also hingefahren. Ich suchte und suchte, bis ich sie fand. Die Pesek wohnt am anderen Ende von Stechovice. Ich kam hin und klopfte. Ein Junge öffnete mir die Tür. Wo ist denn Frau Pesek?«

»Die Oma«, antwortete der Junge, ist bei den Kautskys.. Und was macht sie bei den Kautskys« fragte ich. »Sie holt Kamille bei denen und zahlt zwei Sechser fürs Kilo«, antwortete der Junge. »So ging ich also zu der Kautsky.«. »Und was war dort?« fragte Herr Koloska erschrocken. »Dort«, antwortete der Kommis, »dort sieht es geradeso aus, wie die alte Pesek immer erzählt, die Kinder wälzten sich in der Kamille herum. «
»Ist Ihnen schlecht, Chef?« fragte der Kommis nach einigen Augenblicken höflich, »ich könnte Ihnen Kamillentropfen holen . . .«

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