Das Silber der Mongolen (eine Kindergeschichte)

von Jürgen Jesinghaus (copyright)

Das Völkerkunde-Museum in Köln wurde zu Kaiser Wilhelms Zeiten von einem Unternehmer errichtet, der durch den Überseehandel reich geworden war. Er ließ an der neugriechischen Fassade Sandsteinfiguren anbringen: die Bewohner der Weltgegenden, zum Beispiel einen Austral-Neger, der ein Krummholz in der Hand hält und seinen freien Arm um ein Känguru legt, und einen Polynesier, der ein Paddel schultert und mit einer Hand die Augen schirmt, wie um sich gegen die Lichtreklame zu schützen, die abends von der Einkaufsstraße her über die Figurengruppe flackert. In der Nische über dem Portal steht ein Chinese, fast hätte ich gesagt: wie versteinert, denn er wirkt wie ein lebendiger Mensch, der versteinert aussieht. Er birgt seine Hände in weiten Ärmeln und starrt in die Fenster der gegenüberliegenden Bank. Wer das Museum besuchen will, steigt eine breite Treppe hinauf und muss unter dem Chinesen hindurch.

Im ersten Saal des hochgelegenen Erdgeschosses reckt sich ein Sioux-Häuptling vor seinem Tipi. Um ihn herum sitzt seine Familie. Der Indianer blickt über ein gemaltes Weizenfeld, das sich bis zum Horizont dehnt. Er sieht die Weizensilos, schwarz im gemalten Gegenlicht, und das Flugzeug darüber, das eine Fahne aus Kunstdünger hinter sich herzieht. Der Mann in seinem Lederhemd, in der Frisur zwei Federn, um den Hals eine Grizzlyklauenkette, schaut über die Plains, wo es keine Büffel, keine Büsche und keine freien Wasserläufe mehr gibt. In einer anderen Ecke desselben Raumes knien drei Eskimos neben ihren Schlittenhunden auf einer Styropor-Eisscholle. Jeder Jäger hält eine Harpune in der behandschuhten Faust und stiert über eine blaugrüne Lagune auf eine Reihe Kokospalmen.

In der Afrika-Abteilung sitzt ein Häuptling auf seinem Holzthron, der über und über mit Muscheln bestickt ist. Am Arm des Mannes hängt ein kleiner Stuhl als Zeichen seiner Würde. Der Neger-Häuptling thront vor dem Panorama einer Großstadt mit ihren funkelnden Hochhäusern und leuchtenden Autoströmen. Verschwunden sind die Pfade in das Dorf, dem er vorstand, zugeschüttet ist die Straße zur Lehmburg seines Fürsten, der Hof hielt hinter bronzebeschlagenen Toren.

Die Südsee-Abteilung befindet sich hinter fensterlosen Mauern im zweiten Stock. Boote, Werkzeuge und aus Holzstäben gefertigte Seekarten werden durch verborgene Lampen angestrahlt. Im letzten Saal der Abteilung hockt ein Polynesier. Er schreit ohne Stimme und spreizt die Hände gegen eine Fotomontage an der Wand. Sie zeigt einen weißen Pilz aus Wasserdampf, den der Deckenstrahler grell aus dem Halbdunkel herausschneidet und der einen über jedes Maß lauten Knall hervorbringt, so dass man nichts mehr hören kann.

Die Direktorin des Völkerkunde-Museums, Frau Professor Else Eben-Erdig, hatte diese Figuren in „nicht angemessene“ Panoramen stellen lassen und sich dadurch Ärger mit dem Kölner Stadtrat eingehandelt. Im Kulturausschuss wurde heftig darüber diskutiert. Die Lokalpresse publizierte Artikel über das Museum und brachte die Schlagzeilen: “Museum zeigt Schicksal der Ureinwohner, Direktorin im Streit mit der Stadt”. Die unerwartete öffentliche Aufmerksamkeit veranlasste Frau Eben-Erdig, in aller Eile die hochgesteckten Erwartungen zu erfüllen. Sie ließ weitere Ausstellungsstücke aus dem Keller holen und schrieb erläuternde Texte dazu. Außerdem organisierte sie zusammen mit dem Botschafter der Mongolei, der extra aus Berlin nach Köln geflogen kam, eine Sonderausstellung über Silberschmuck, die das handwerkliche Geschick der Asiaten in ein glänzendes Licht rücken sollte. Sie brachte “das Silber der Mongolen” in einem fensterlosen Saal des zweiten Stockwerks unter. Alte Handwerksmeister und junge Verkäuferinnen drückten nun ihre Nasen an das Glas, hinter dem, auf blauen Samt gebettet, die kostbaren Filigrane schimmerten.

Auf einmal interessierten sich viele Menschen für das Museum. Die Besucher durften gegen eine Gebühr ihre Kameras in die Ausstellungsräume mitnehmen. Den Eltern gefiel es, die Kinder mitten unter die Eskimos und ihre Schlittenhunde oder mitten unter die Papua-Neger und ihre Hausschweine zu stellen und für das elektronische Familienalbum zu fotografieren. Frau Eben-Erdig freute sich über den Zulauf an den Wochenenden. Und weil die Stadt kein Geld bewilligte, um die Überstunden zu bezahlen, machte der Neffe von Frau Eben-Erdig, der Student Volker Kunde, an manchen Abenden unentgeltlich Dienst.


Unter den Menschen, die neuerdings ins Museum gingen, waren auch Josef Huddel, genannt „dä Jupp“, und seine Freundin Wilma Wangenbein, genannt „au Backe“. Sie hatten sich für den Besuch einen regnerischen Februartag ausgesucht. Beiden gefiel die Kleidung des Indianerhäuptlings so gut, dass sie davon Fotos schossen. Das Pärchen beschloss, als Indianerin und Indianer auf den Juristenball zu gehen, denn Karneval stand bevor, und sie wollten ihre Kostüme so echt wie möglich aussehen lassen, um die anderen zu beeindrucken, die sich mit Papier- und Plastikkram aus dem Kaufhof verkleiden würden. Dä Jupp hatte vor, sich im Sanitärbereich (sprich Klo) des Völkerkunde-Museums unbemerkt einzuschließen, seinen Anzug gegen die Indianer-Montur zu tauschen und sich am Morgen des Weiberfastnachttages (paradox, wa?) in seinem neuen Kostüm unter die Jecken zu mischen, denn mindestens in der fünften Jahreszeit leben in Köln mehr Jecken als Gescheite (das geben die Kölner selber zu, darum muss man sie für besonders ehrlich halten), so dass er im Gedränge auf dem Ring, wo das Museum steht, als Indianer nicht auffiele – im Gegenteil: trüge er eine Krawatte, würde frau sich sofort auf ihn stürzen.

Es war gegen Abend an einem Tag im März. Herr Kunde saß noch in der Bibliothek des Völkerkunde-Museums (er schrieb an seiner Doktorarbeit). Außer ihm schien noch jemand anwesend zu sein, denn an der Garderobe hingen zwei Mäntel nebeneinander und taten vertraut, als kennten sie sich. Da hörte Herr Kunde ein Geräusch im zweiten Stock. Ist denn noch ein Besucher im Museum? Er musste ohnehin aufstehen, weil er an diesem Nachmittag schon die zweite Kanne Tee ausgetrunken hatte. Er würde beiläufig auch nach dem Rechten sehen. Einen tüchtigen Schrecken bekam er, als er auf dem Flur vor der Tür zum Silberschatz einen Indianerhäuptling in voller Montur antraf: Kopfschmuck, Lederhemd, Klauenkette, Leggings, Mokassins und nicht zu vergessen: den Tomahawk im Gürtel.

„Was machen Sie denn hier?“ rief Herr Kunde. Als hätte er sich die Antwort auf die Frage schon vorher überlegt, sprach der Häuptling ohne zu stocken:
„Ich komme aus der Nordamerika-Abteilung und vertrete mir die Beine, die mir im Stehen eingeschlafen sind.“
Volker Kunde rang nach Worten:
„Das ist ja wirklich ungewöhnlich, in der Tat. Ich kenne Sie gut, aber ich dachte bisher, Sie könnten oder wollten nicht sprechen! Ich werde einmal in die Nordamerika-Abteilung hinabsteigen, um nach Ihrer Frau und den Kindern zu sehen, die Sie vor Ihrem Tipi alleine gelassen haben, so etwas auch!“
„Tun Sie das nur, Herr Professor, tun Sie das“, rief der Häuptling triumphierend, „außerdem ist ja noch der Wolfshund da, der die Gepäckstangen hinter sich herziehen muss und aufpasst, dass den Kindern nichts zustößt.“
Volker Kunde grüßte zum Abschied „bis ein anderes Mal, Häuptling“ und stieg die Treppe hinab. „Was ich noch sagen wollte“, Herr Kunde blieb stehen wie weiland Inspektor Columbo und drehte sich um: „How!“ rief er und legte die flache Innenhand an die Stirn, weil ihm diese Geste indianisch vorkam. Dann verschwand er im Dunkel des Treppenhauses.

Der Indianerhäuptling wartete eine Weile und horchte Herrn Kunde hinterher. Nachdem er lange genug gelauscht hatte, schlich er zur Tür, vor der ein Wächterlöwe „Sitz macht“ und sein Maul aufreißt. Der Häuptling tätschelte ihm die Mähne und flüsterte:
„Dann pass auf, dass der Professor, der Depp, mir nicht nachspioniert.“ Was der Indianer flüsterte, klang so ätzend in der Stille, dass er selber erschrak, als hätte der Wächterlöwe gezischt: Du Depp, wer spioniert?

Die Tür zum Silberschatz war abgeschlossen. Selbstverständlich. Aber der Häuptling hatte vorgesorgt. Eine viertel Stunde brauchte er, dann war die Tür offen. Er stand nun in einem stockfinsteren Saal und wartete eine Minute, bis er sich an die Dunkelheit gewöhnt hatte. Da glaubte er, etwas zu sehen. Etwas musste das wenige Licht, das durch Ritzen und Schlüssellöcher in den Saal gedrungen war, magnetisch anziehen, so dass es an einer einzigen winzigen Stelle geheimnisvoll leuchtete. Er erinnerte sich nicht, so nah an der Tür eine Holz- oder Steinfigur gesehen zu haben, die in der einen Hand einen glänzenden Gegenstand präsentiert und die andere Hand hoch gegen die Zimmerdecke streckt. Er konnte den tintenschwarzen Arm gegen den dunklen Raum nur erahnen. Hastig griff er nach dem Silberding: Was ich habe, das habe ich. Plötzlich schrie er. Der schwarze Arm hatte sich gesenkt und ihm eine Feder aus der Frisur gerissen! Wie von einer Stachelschweinborste gepiekst, sprang der Häuptling zur Seite, stolperte über ein Brett, fiel in einen Bottich und bekam einen nassen Arsch. Dann erscholl ein fürchterliches Lachen. Ein scharfes Licht fuhr durch den Saal, und es war taghell. Direkt vor ihm erhob sich eine schwarze Gestalt, in einen Mantel gehüllt. Sie sperrte die Augen auf und reckte beide Arme in die Luft, bleckte die Zähne und schien sich im nächsten Augenblick auf den Häuptling stürzen zu wollen. Der Indianer erlitt fast einen Herzkasper. Der Saal war kalt, ungemütlich und nahezu leer. Auf einer Kiste im Hintergrund saß Volker Kunde und lachte aus vollem Halse. Nun bewegte sich die schwarze Gestalt auf den Häuptling zu und streckte ihm die Hand entgegen.
„Nein! Nein!“ brüllte der Häuptling entsetzt, „was macht Ihr mit mir?“ Er strengte sich an, aus dem Bottich zu steigen. Es gelang ihm nicht. Da spürte er, wie eine Hand die seine umklammerte.
„Sie müssen etwas nachhelfen“, hörte er eine Frauenstimme. Jetzt erkannte der Häuptling eine schwarze Squaw, die ihn aus seiner feuchten Lage befreien wollte. Sie zog ihn, er stemmte sich empor. Dann stand er endlich wieder auf seinen Füßen und tropfte. Er war in einen Bottich voller Kalkbrühe gefallen. Der Indianerhäuptling schüttelte sich und schlenkerte die Brühe ab. Dabei trat er gegen eine Dose, dass es schepperte.
„Tschuldigen Sie bitte“, stotterte er.
„Was halten Sie denn da in der Hand?“ fragte Volker Kunde, der aufgestanden war und auf ihn zuging.
„Ein kleines Bowie-Messer, nur zum Skalpieren.“
„Was Sie nicht sagen! Es sieht aus wie ein Glasschneider. Eigentlich müsste ich Sie der Polizei übergeben“, meinte Herr Kunde. Er nannte seinen Namen und fuhr fort:
„Vor Ihnen steht meine Braut Ife Matabele, die ich in Uganda kennengelernt habe. Sie ist Völkerkundlerin wie ich.“
„Untersuchen Sie Ihren eigenen Stamm?“ fragte der Häuptling Frau Matabele und zog dabei ein dummes Gesicht.
„Nein, ich erforsche Sie und Ihresgleichen“, war die Antwort.
„Dann sind Sie eine Indianerspezialistin!“
Darüber mussten Herr Kunde und seine Braut lachen.
„Schlagfertig sind Sie, Häuptling! Sehen Sie, wir haben unseren Silberschatz vor kurzem ausgelagert. Wir wollen nämlich den Saal renovieren und eine neue Sicherheitsanlage einbauen. Sie haben nur nach einer leeren Gebäckdose gegrapscht. Vermutlich gehört sie einem Arbeiter, der Mutters Spritzgebäck darin aufbewahrte. Der Silberschmuck aber liegt gegenüber im Tresor der Bank. Sie müssten sich schon nach dort bemühen, gekälkter Büffel. Halt! Wohin?“
„Zur Bank“, rief der Häuptling, der sich davonmachen wollte.

Gerade in diesem Augenblick erschien ein uniformierter alter Mann an der Tür. Mit der einen Hand umklammerte er einen großen Schlüsselbund.
„Ich sah noch Licht, Herr Kunde, da wollte ich Ihnen sofort etwas sehr, sehr Merkwürdiges …“
Weiter kam er nicht. Er hob langsam seinen linken Arm und zielte damit auf den Häuptling, als wollte er auf ihn schießen.
„Aber da ist er ja! Er kann doch nicht von da unten hier herauf …“ Der Mann von der Wach- und Schließgesellschaft drehte sich zur Treppe und wieder zu den Anwesenden:
„Ich wollte sagen, Frau Dr. Matabele, guten Abend, gute Nacht, ich verstehe gar nichts mehr. Ist er denn nicht ausgestopft? Der Indianerhäuptling steht nicht mehr in der Nordamerika-Abteilung!“ Der alte Mann war sichtlich verwirrt.
„Beruhigen Sie sich, Herr Kiekut, das ist ja nicht der Indianerhäuptling aus der Nordamerika-Abteilung, das ist Herr Josef Huddel, wohnhaft in Köln-Kalk, so sieht er jedenfalls aus.“
Der Häuptling zuckte zusammen.
„Wer hat Ihnen das verraten?“
„Sehen Sie, deswegen sollten Sie nicht einfach davonlaufen! Sie haben nämlich Ihre Windjacke im Waschraum neben der Toilette liegen lassen, dummerweise mit Ihrer Brieftasche darin. Berichten Sie aber zunächst Herrn Kiekut und uns, wo Sie den Indianerhäuptling versteckt halten.“
„Im Tipi. Ihm ist nichts geschehen, ganz bestimmt nicht.“
„Wenn das so ist, sollten Sie sich wieder umziehen, sonst erkälten Sie sich. Dann gehen wir gemeinsam in die Nordamerika-Abteilung, Sie stellen den Indianer wieder an seinen angestammten Platz und ziehen ihm seine Sachen an, den gekälkten Hosenboden bitte zur Wand.“

Nachdem das geschehen war und Herr Kiekut erleichtert seinen Rundgang fortgesetzt hatte, saßen die drei, Ife Matabele, Volker Kunde und dä Jupp, im Büro.
„Sie Spaßvogel, erzählen Sie Ife und mir, warum Sie ausgerechnet in einem Völkerkunde-Museum Silberschmuck klauen wollten.“
„Es ging mir gar nicht darum, Silber zu klauen und zu verkaufen. Au Backe, mit der ich …“
„Wie bitte?!“
„Meiner Freundin Wilma, mit der ich das Museum besucht hatte, gefiel der silberne Brautschmuck so gut, dass mir die verrückte Idee kam, ihn für sie auszuleihen, nur zu borgen!“
„Das ist etwas für Ife, sie interessiert sich nämlich für die Bräuche europäischer Eingeborener.“
Ife lachte und ihre Zähne blitzten:
„Ist es bei den jungen Männern Ihres Stammes üblich, vor der Heirat eine Mutprobe abzulegen, in ein verschlossenes Gebäude einzudringen und für die Zukünftige den Brautschmuck zu stehlen?“
Dä Jupp seufzte:
„Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen.“
„Ein Sprichwort bei uns in Afrika sagt: Ein Löwe, der in die Grube gefallen ist, wird ausgelacht, bevor ihm die Jäger das Fell über die Ohren ziehen. Aber haben Sie keine Angst, Sie sehen mit Ihrer übrig gebliebenen Feder im Haar nicht so aus wie ein Löwe, sondern wie ein Huhn, das eine Katze geheiratet hat.“
Dä Jupp nestelte beschämt die Feder aus dem Haar und überreichte sie Ife.

Herr Huddel aus Köln-Kalk durfte das Museum als freier Mann verlassen. Er tat es reumütig und zerknirscht. Volker Kunde aber sah seine Freundin Ife Matabele lange an:
„Das Silber würde keiner Frau, außer vielleicht einer mongolischen Fürstentochter, so gut zu Gesicht stehen wie dir.“ Und in seinen Augen glitzerte es.

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