Die Geschichte von der Zahnfee

von Steffi Beckmann (copyright)

Es waren einmal Bruder und Schwester. Sie lebten in einem Land zwischen hier und dort. In einer Zeit, keiner weiß sich mehr genau daran zu erinnern. Die beiden waren wirklich liebe Kinder und jeder dem sie begegneten, schloss sie sofort in sein Herz.

Manchmal jedoch, aber wirklich nur manchmal, gerieten sie sich in die Haare. Dann flogen die Fetzen und ihre Kinderzimmer wurden in Windeseile zu einer Raubtierarena.
Man hörte sie toben und schreien, schimpfen und kreischen, dass einem angst und bange wurde. Ihre Mutter verzweifelte fast in solchen Augenblicken und machte sich große Sorgen um die Zwei.

Der Bruder, er war der Ältere von den beiden, hatte schon seit einiger Zeit einen Wackelzahn. Sehnsüchtig wartete er auf den Moment wo dieser ihm endlich ausfallen würde. Ob die Zahnfee dann in der darauf folgenden Nacht wohl käme?
Gar viele Geschichten hatte er schon gehört von der Zahnfee. Eigentlich mochte er sie nicht ganz glauben, jedoch insgeheim hoffte der kleine Junge schon, dass ein klitzekleines Stückchen von den Geschichten, die man sich erzählte, wahr wäre.
Seine jüngere Schwester beneidete ihn um diesen Wackelzahn und nur gar zu gern hätte sie auch einen gehabt.
Im Gegensatz zu ihrem Bruder glaubte sie nämlich ganz fest an die Fee und auch daran, dass diese gewiss kommen würde, um den ausgefallenen Zahn unter dem Kopfkissen hervor zu holen und an seine stelle einen blanken Taler zu legen.
Beide Kinder waren sich jedoch in einem Punkt einig. Die Fee nahm nur die blanken, sauber geputzten Milchzähne mit. An jedem morgen glich daher das Badezimmer nach dem Zähneputzen einem Schlachtfeld. Die Kinder schrubbelten und rubbelten ihre Zähne blitzblank und keines wollte dem Anderen dabei nachstehen. Selbst mit den Zahnbürsten im Mund und der schaumigen Zahncreme erzählten sie sich immer neue Geschichten von der Fee. Immer außergewöhnlicher und phantasievoller. Der Mutter konnte es nur Recht sein, so war sie sich denn sicher, dass ihre beiden Kleinen ihre Zähne wirklich gründlich putzten.
Eines Abends geschah es dann. Als die Familie beim Abendessen saß, schwups fiel der Wackelzahn des Jungen heraus. Nun gab es kein halten mehr. Er jubelte und tanzte, rannte in das Badezimmer und schrubbelte den kleinen Zahn noch einmal blitzblank. Danach nahm er sein Zahndöslein und legte den winzigen Zahn vorsichtig hinein. Er hüpfte in sein Zimmer und versteckte die kleine Dose unter seinem Kopfkissen.
Seine Schwester schaute ihm ein wenig wehmütig dabei zu.
An diesem Abend schliefen die beiden Kinder erstaunlich schnell ein. Es gab kein Zanken, kein Toben, es brauchte keine Ermahnungen von den Eltern. Die beiden waren viel zu sehr damit beschäftigt, sich auszumalen, was wohl in dieser Nacht passieren würde.
Am Morgen darauf, als der kleine junge erwachte schaute er flink unter seinem Kopfkissen nach und siehe da, sein kleiner Zahn war aus dem Zahndöslein verschwunden. Stattdessen lagen viele blanke Taler darin.

Eilig schlüpfte er aus seinem Bett, schlich sich in das Zimmer seiner jüngeren Schwester, kitzelte sie sanft wach und zeigte ihr seinen Schatz. Die Kleine blinzelte ihn verschlafen an. Noch ehe sie recht wach war, bemerkte sie, dass ihr Bruder über und über mit Glitzer und Glimmer bedeckt war. Diesem war das Gefunkel noch gar nicht aufgefallen. Er hatte nur Augen für seine Taler und er malte sich aus, welche seiner kleinen Wünsche damit endlich erfüllt werden könnten.
Sie zog ihn vor den großen Spiegel, reckte sich an sein Ohr und flüsterte: “sicher hat dich die Zahnfee heute Nacht geküsst, als sie deinen Zahn abgeholt hat”. Der kleine Junge schüttelte ungläubig den Kopf. Doch je länger er sich im Spiegel betrachtete und je genauer er sah, wie er glitzerte und glimmerte umso unheimlicher wurde ihm. Dann fiel ihm ein, dass er einen seltsamen Traum hatte in der vergangenen Nacht.
Irgendwer hatte ihm liebevoll über das Haar gestrichen. Ihn dann sanft im Arm gehalten. Ein leises Wispern hatte er gehört und dann ganz zart ein Küsschen gespürt. Nun wusste er, dass konnte nur die Zahnfee gewesen sein, die ihn besucht hatte.
Als die Eltern gemeinsam mit ihren Kindern am Frühstückstisch saßen erzählte der kleine Junge von seinen Erlebnissen der letzten Nacht und zum Beweis zeigte er das Zahndöslein vor. Die Taler klimperten all zu schön. dann geschah etwas sehr seltsames.

Der kleiner Junge beugte sich zu seiner Schwester umarmte sie herzlich küsste sie keck auf die Nasenspitze und verkündete: “sei nicht traurig, dass du noch keinen Wackelzahn hast. Ich teile meine Taler alle mit dir, dann können wir uns beide einen Wunsch erfüllen und du musst nicht erst so lange auf die Zahnfee warten”.
Die Eltern der Geschwister sahen sich beide in diesem Moment lächelnd an. Sie nahmen ihre Kinder in die Arme und drückten sie ganz fest an ihre Herzen.

In diesem Augenblick war es ganz deutlich zu spüren, Familie und Liebe sind etwas sehr kostbares. Wem diese Kostbarkeit geschenkt wurde, der sollte sie hüten wie den größten Schatz der Welt.

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