Kerzenlicht
von Karlheinz Lörner (copyright)
Lauscht Omar,
dem Märchenerzähler!
Sie stand am Fenster und blickte in die Nacht. Immer am Abend in den Tagen vor Weihnachten durfte sie dort im Fenster auf die dunkle Welt hinaus leuchten. Draußen stürmten die wilden Schneemänner durch den Garten mit ihren roten Rübennasen. Der eine trug einen Ritterhelm aus einem Eimer, der andere hatte sechs Limonadendosen als Haare aufgesetzt bekommen, eine Punkerfrisur. Till und Eric hatten sie am Tag vorher im Neuschnee gebaut.
Die beiden Kinder freuten sich schon darauf, daß die Mutter wieder die Streichhölzer aus dem Küchenschrank nahm und die Kerze anzündete. “Das ist für die Armen und Verloren Gegangenen in der Welt,” erzählte sie: “Und wenn sie das Licht sehen, finden sie ihren Weg nach Hause in ein warmes Zimmer, zu ihrer Mama und ihrem Papa und einen Weihnachtsbaum mit lauter bunten Kugeln und vielen Weihnachtskerzen.” Till stellte sich dann immer vor, wie der Bettler auf dem Stadtplatz, der die Mutter immer um eine Mark anbettelte, nach Hause finden würde. Und wie ihn seine Eltern in die Arme nehmen würden und wies Hamburger mit Pommes Frites und viel Ketchup geben würde. Eric dachte beim Einschlafen an die Kerze im Fenster, als er sich in sein warmes Bettchen kuschelte, während die Mutter leise die Kerze löschte.
Auch die Kerze träumte von ihrer großen Aufgabe. Sie freute sich schon auf Weihnachten, denn dort würde sie noch viele Freunde finden. Gemeinsam würden sie dann in die Welt hinausstrahlen vom Weihnachtsbaum und Fensterbrett. Ihre Enttäuschung war groß, als Weihnachten herannahte und die Mutter die Lichtergirlanden aus der Pappschachtel nahm. Es waren nur leblose kleine Knirpse, die auf Knopfdruck ihr kaltes ruhiges Licht in den Raum schickten und die Geschenke beleuchteten. Elektrisches Licht schickt keine Botschaft aus dem Herzen hinaus in die kalte Welt. Darum blieb die kleine Kerze mit ihrer Aufgabe allein. Die Kinder aber hatten sie über dem Weihnachtsbaum und der Eisenbahn, dem Bagger und dem Polizeiauto vergessen.
Das Neue Jahr begann mit einem großen Feuerwerk . Die Raketen stiegen in den Himmel hinauf und die Kunststerne und Feuerräder überstrahlten das freundliche Gesicht des Mondes für ein paar Minuten. Die prächtigen Farben und der Goldregen beeindruckten die kleine Kerze nicht. Sie wußte, daß sie eine viel wichtigere Aufgabe hatte, als vor dem Verlöschen einmal am Himmel zu funkeln.
Irgend wann Anfang Januar begann die Mutter die Weihnachtssachen auf den Dachboden zu räumen. Der Christbaum hatte begonnen, seine Nadeln auf den Teppich zu verstreuen und mußte hinaus auf den Kompost. Till durfte die Christbaumkugeln vorsichtig in Holzwolle packen und der Mutter reichen und Eric legte die Räuchermännchen und die Figuren aus der Weihnachtskrippe in kleine Pappkartons. Nur die kleine rote Kerze blieb übrig. “Mami, darf ich die dicke, rote Kerze vom Fenster behalten?” “Aber nur, wenn du nichts mit ihr anstellst.” Eric packte die Kerze in seine Spielkiste. Dort lag sie und träumte zwischen zwei vergessenen Kasperpuppen, einem Polizisten und einem Krokodil, davon, wie sie eines Tages einen verlorenen Menschen finden und nach Hause führen würde.
Draußen wurde es Frühling und die Narzissen öffneten ihre Augen und suchten nach den Bienen. Osterhasen aus Schokolade standen schon in goldenem Stanniol verpackt in den Regalen. Selten hatte einer von ihnen die Chance, die Festtage zu erleben. Die Mutter mahnte zwar immer, aber Eric liebte es zu sehr, diesen Hasen in die Ohren zu beißen. Wenn beim Hasen aber einmal die Ohren abgebissen sind, sieht er wie ein Affe aus. Darum blieb nichts anderes übrig, daß die beiden Brüder auch den Rest untereinander teilten. Nur noch das goldglänzende Papier erinnerte an den berühmten Eiermaler.
Vor den Osterfeiertagen war noch Tills Geburtstag. Eric empfand Geburtstage als ungerecht. Schließlich hatte Till schon zwei mehr als er gefeiert und außerdem bekam er manchmal Geschenke aus den viel größeren Spielsachenbeständen seines Bruders, während der immer nagelneue Fahrräder und Inline-Skater geschenkt bekam. Die Mutter mahnte ihn: “Überleg dir, was du deinem Bruder schenken willst.”
So kam Eric auf den Gedanken, aus dem Stanniol und Papier einen Mann zu bauen. Und weil die Ohren wie Flügel aussahen, wurde es ein Engel. Da es aber schon ein Engel geworden war, fiel Eric die kleine, rote Kerze in seiner Spielekiste ein. Darum kramte er sie aus ihrem dunkeln warmen Gefängnis unter dem Polizisten heraus und stellte sie auf den goldenen Mann, dorthin, wo er seine Hände vermutete.
Die kleine Kerze erwachte von dem grellen Deckenlicht. Sie hasste es. Sie war zur Feindin der Kunstbeleuchtung geworden, denn sie gab ihr die Schuld an der langen, dunklen Verbannung. Dabei hatten diese Lampen doch kein Leben, kein Feuer. Nur die kleine Kerze besaß diese Flamme, die das Leben ausmachte. Jetzt durfte sie wieder brennen auf dem Geburtstagstisch, mitten unter all den Kuchen und Limonadengläsern eines Kindergeburtstags.
Die Kerze strahlte in ihrem schönsten Glanz über dem Gold und funkelte im Widerschein des Stanniolengels. So stolz war die kleine Kerze und so verliebt, daß sie gar nicht merkte, wie sie dahinschmolz unter ihrer Hitze, um ihrem Geliebten das lebendige Leuchten zu geben. Sie merkte gar nicht, wie schnell Till das Geschenk seines Bruders vergessen hatte, bei den vielen Kindern, die alle seinen neuen Modellbaukasten bewunderten. Das goldene Haar und das goldene Gesicht schienen ihr aus dem Paradies zu kommen.
Als der Kindergeburtstag schon fast zu Ende war und ihr Licht kleiner und trüber wurde, weil der Docht aus Versehen in das flüssige Wachs fiel, brach es ihr fast das Herz, denn sie fühlte unter sich, daß ihr Engel aus Papier war. Würde sie ihn mit ihrer Flamme berühren, dann würde er verbrennen. Und sie weinte bittere, heiße Tränen. Eric rief: “Guck mal, Mama, die Kerze weint!” Die Mutter kam gelaufen: “Du liebe Zeit, die Kerze läuft aus. Jetzt muß ich wieder das Wachs aus der Tischdecke bügeln. Till, blas mal deine Geburtstagskerze aus.” Till füllte seine Bäckchen mit Luft und blies über die kleine Flamme wie ein Frühlingswind.
Da erlosch die kleine Kerze zum letzten Mal in ihrem Leben, denn sie hatte sich ganz verbraucht in ihrer kurzen Liebe. Ihre Aufgabe hatte sie darüber ganz vergessen. Niemals mehr würde sie einem Menschen helfen können, seinen Weg durch die Nacht zu finden. Ihre Traurigkeit kletterte in einem kleinen Wölkchen zur Zimmerdecke und füllte den Raum mit einem zarten Bienenwachsduft.
So ganz und gar war sie vergangen, daß die Mutter sie zusammen mit den Kuchenkrümeln und Servietten in den Mülleimer packte. Die Müllmänner fuhren sie in einem orangefarbenen Wagen zur Müllkippe der Stadt. Neben einer Coladose lag sie und einem verschimmelten Brot auf ihrer letzten Fahrt. Und doch erfüllte sich dort ihr kurzes Leben. Als sie aus der Dunkelheit des Wagenbauches unter den freien Himmel fiel, glänzte über ihr zum ersten Mal die Sonne, das Licht unserer Welt. Und es war der kleinen Kerze, als wenn sich alle Flammen aller Kerzen in ihrem Licht vereint hätten, um alle Menschen aus der Dunkelheit zu führen und sie selbst wäre ein Teil der flammenden Strahlen.
Und sie schmolz im Augenblick dahin.