Klingelpetrus
von Jürgen Jesinghaus (copyright)
Es schellt. Chris Andersen schließt die Tür auf und öffnet sie überfallartig. Vor ihm steht der kleine Martin. “Machst du Klingelmännchen?“ “Ja-a“. Der kleine Martin nickt und lacht von einer Backe zur anderen. “Na denn viel Spaß, ich dachte schon, es wär der Flegel aus dem Internat!“ Türe zu. Abgeschlossen. Es schellt. Türe auf. Niemand zu sehen. Türe zu. Abgeschlossen. Es schellt. Türe auf. Ein Dackel steht davor. Hat der gebellt oder geschellt? Der hat nicht geschellt, der hat gebellt. Türe zu. Mißmutig geht Chris, der Urlaub hat, zum Herd, um die Milch heiß zu machen. Es schellt. Wenn ich diesen Halunken erwische! Türe auf. “Was soll denn die Schellerei!“ Vor der Tür der Stromableser. “Verzeihung, wenn ich ungelegen komme. Ich möchte die Stromuhr ablesen.“ “Sie müssen schon entschuldigen. Wissen Sie, bei mir wird neuerdings Klingelmännchen gemacht.“ Der Stromableser tritt ein. Die Milch kocht über. Herr Andersen ist mit den Nerven fertig.
Es schellt. Chris rennt zur Tür. Er öffnet und erstarrt. Er rührt sich nicht, als hätte ihn gerade jetzt der Spruch der 13. weisen Frau in den Schlaf versetzt. Er sieht am hellichten Tag ein Gespenst, den Flegel aus dem Internat, der immer bei ihm schellt. Das Gespenst verdinglicht sich und spricht sogar zu ihm: “Ich sammle für die diesjährige Weihnachtsfeier im Beethoven-Internat.“ Chris löst sich langsam aus seiner Starre, aber findet noch nicht ganz zu sich. Er sieht sich zur Anrichte gehen, wie er zum Portemonnaie greift und einen Fünfer herauswühlt. Da durchzuckt ihn ein Gedanke. Er würde nicht fünf Euro, sondern seinen einzigen Zehner hergeben. Vielleicht erkaufe ich mir das Wohlwollen des Schellenkriegers und schließe Waffenstillstand! Er nimmt den Zehner, den Fünfer obendrein, und händigt sie dem Schlingel aus. “Wenn Sie hier bitte unterschreiben“, sagt das Gespenst gleichgültig. “Wie heißt du eigentlich?“ “Wer will das wissen?“ “Das Finanzamt. Du mußt mir eine Spendenquittung unterschreiben oder du gibst mir den Zehner zurück!“ “Ich heiße Brosheim.“
Der Krieg geht weiter. Der Angriff überbietet die Verteidigung. Chris Andersen denkt schon daran, nach Fuerteventura zu fliegen, in ein Hotel, wo man selber klingeln kann, und die Bedienung bringt dann heiße Milch aufs Zimmer. Doch Chris bleibt zu Hause und bastelt einen Klingelschalter, der die Klingel abstellt, wenn man auf ihn drückt. So braucht er nicht immer in den Keller zu steigen, um die Sicherung herauszudrehen. Die Verteidigung holt auf. Nur manchmal, wenn die Post kommt, vergißt Herr Andersen, die Klingel wieder anzustellen (einmal mußte er sogar quer durch die Stadt fahren, um ein Paket abzuholen).
Gegen 9 Uhr 40 schaut Herr Ollet auf die Armbanduhr, klappt den Tachometer herunter, wechselt die Fahrtenschreiber-Scheibe aus, zieht mit dem Repetierbügel die mechanische Uhr auf, klappt den Tachometer wieder zu und schließt ihn ab. Dann zündet er den Motor. Es ist viertel vor zehn. Zur selben Zeit bohrt Herr Andersen in der Nase, ein Zeichen von Unschlüssigkeit. Soll er die Klingel abstellen oder besser warten, bis die Post durch ist? Er stellt die Klingel ab, indem er auf den Schalter drückt, den er selbst erfunden hat. Er holt die Morgenzeitung herein, schaut nach links und rechts und dann nach oben. Das Wetter würde sich halten. Türe zu. Abgeschlossen. Es ist jetzt punkt 10 Uhr 50. Chris studiert die Schlagzeilen, obwohl es nichts zu studieren gibt, denn es hat sich wenig verändert. Da schlägt jemand gegen die Haustür. Nein, jemand tritt dagegen! Chris springt auf und zur Türe. Schlüssel umgedreht. Der Flegel vom Internat! Hab ich ihn, kann ich ihn endlich überführen? Der Flegel namens Brosheim schmeißt die Mülltonne um! Sie hätte längst an der Straße stehen müssen, Chris hat die Müllabfuhr vergessen. Und nun liegt der Müll vor seinem Haus auf dem Weg. Herr Andersen rennt dem Jungen hinterher, blind vor Wut, nur den einen Gedanken im Kopf: Diesen Burschen stelle ich! Bremsen quietschen, Räder rubbeln. Zu spät. Eine Menge Leute, ein grünes Polizeiauto, der weiße Krankenwagen, das flackernde Blaulicht. Aus. Vorbei. Es ist 11 Uhr 5.
Herr Andersen fährt mit dem Zug in eine ferne Stadt. Was soll er den Eltern sagen? Der Zug hält und Andersen steigt aus. Der Wind fegt Plastikbecher und Zeitungsseiten durch die Bahnhofstraße. Die Beleuchtung ist abgeschaltet. Die Sonne spiegelt sich in den Felsen des Mondes und streut blaues Licht über das Haus, vor dem Andersen stehen bleibt. Er schellt. Jemand ruft: „Sie sind fortgezogen oder vor Gram gestorben. Vor Gram gestorben, hören Sie? Gestorben!“ Ein Fenster schlägt zu. Nach einer langen Fahrt zurück steht Andersen vor Ellen Finke, der Lehrerin des verunglückten Jungen, und muß ihr sagen, was er verschuldet. Er ist hinter einem Jungen, einem Kind, hergelaufen und hat ihn auf eine befahrene Straße getrieben! Er würde nie mehr aufhören, daran zu denken. Frau Finke ist traurig, aber sie macht Herrn Andersen keine Vorwürfe, sondern weint nur, und nachdem sie aufgehört hat, beginnt sie zu erzählen:
“Er war ein unglückliches und stolzes Kind, ein begabter Junge. Er hatte seine Grundsätze. Dazu gehörte der Grundsatz, die Zahlen so zu schreiben, daß von links nach rechts zuerst die Einer, dann die Zehner und schließlich die Hunderter stehen, denn, meinte er, ich sage vierundsiebzig und schreibe daher 47. Aber, wandte ich ein, du sagst doch zweihundertvierundsiebzig, und er antwortete: Niemals, niemals kommt das über meine Lippen, denn ich nenne die Zahl, die Sie als taramtata bezeichnen, logischerweise vierundsiebzigzweihundert. Ich habe ihm diese unbeugsame Haltung durchgehen lassen, gegen den Willen des Kollegiums und sogar gegen den Willen der Direktorin, denn rechnen, lieber Herr Andersen, rechnen konnte er wie kein zweiter. Er hatte auf dem Flohmarkt einen Magneten aus einem Radio-Lautsprecher erstanden, ich sage bewußt nicht: gekauft. Mit ihm drehte er Politikern eine lange Nase, machte Nachrichtensprecherinnen hohlwangig und ließ dicke Opernsänger platzen. Er brauchte dazu nur den Magneten dicht über die Mattscheibe des Fernsehers zu führen. Nachdem fast jeder Mitschüler solch ein Ding besaß, mußte das Kollegium den TV-Aufenthaltsraum vorübergehend schließen. Aber sagen Sie selbst, lieber Herr Andersen, gibt es eine anschaulichere Methode, die Kinder zu lehren, daß Fernsehbilder durch elektrisch geladene Kügelchen entstehen?“
Die Direktorin steht über dem offenen Grab. Sie trägt ein schwarzes Kleid, das sich über den hohen Busen spannt. Ihr graues Haar ist streng nach hinten gekämmt und in einem Knoten gefesselt. Sie spricht von der Unvertauschbarkeit der Zeitpunkte und von freiwerdender Energie, die einen lebendigen Menschen in einen toten verwandelt. Zwei Ereignisse, das Fahren eines Müllautos und das Laufen eines Kindes, dürften jedoch nie zur selben Zeit und am selben Ort stattfinden, wo doch die Welt so breit und tief und die Zeit so lang ist. Wer hat das Zusammentreffen gewollt? Die Direktorin sieht Herrn Andersen an. Und Herr Andersen wendet sich ab. Er schreitet allein über einen Schotterweg. Die Zypressen verlassen ihn. Der Weg löste sich auf. Chris kämpft sich über einen Sturzacker auf ein Gebirge zu oder eine Wolkenbank, die wie ein Gebirge aussieht. Er weiß nicht, wohin und warum. Bis er an eine Stelle kommt, wo nichts als lauter Acker ist, und jede beliebige Stelle, auf die sich seine Augen richten, die Mitte des Ackers sein könnte. In der Mitte des Ackers sitzt ein Mann.
Chris Andersen erreicht ihn und sagt: “Ich bin schuld an seinem Tod.“ Es schüttelt ihn, daß es aussieht wie eine aufgedrehte Blechpuppe, die über den Küchentisch tanzt. Dabei steht er in einer Ackerfurche voll Wasser. “Nein“, erwidert Petrus, “wir sind schuld, wir haben nicht genug Obacht gegeben.“ “Und Gott? Was sagt der dazu?“ Petrus hockt auf einer blauen Plastiktüte. Seine Füße sind im gelben Wasser versunken. “Ich habe Gott noch nie gesehen“, sagt er leise. Andersen erschrickt. Er will sein Herz mit der Hand festhalten, daß es ihm nicht zerspringt. “Ich bin erst seit zweitausend Jahren da und Gott ist viele Trilliarden Jahre alt. Ich kam aus dem Gebirge zu dir auf den Acker, um dich zu trösten. Ich hebe auf, was weggeworfen wurde, denn ich war selbst der Stein, den der Baumeister verworfen hatte. Ich stehe nicht an der Pforte, wie viele immer noch glauben, ich stehe nicht an der Rampe, um Nützlinge und Schädlinge zu trennen.“ Petrus hebt den Kopf und lächelt Chris an. “Wenn du dort oben stehst, von wo ich gekommen bin, erkennst du am Horizont einen Schatten wie von einer Wolke, die von den Azoren bis zu den Orkney-Inseln reicht. Das ist der Schatten des ersten Engels, des ersten Engels von UNS aus gesehen. Er ist am weitesten von Gott entfernt und taub obendrein. Es heißt, daß er über 13 Milliarden Lichtjahre hinweg dem zweiten Engel vom Mund abliest.“ Petrus winkt Andersen näher heran und seine Stimme wird leiser: “Und weil er taub ist, beherrscht er sein Sprechen nicht. Er gurgelt und röhrt, er schreit wie Katzen in der Nacht, er heult wie geschlagene Hunde, wie Kinder, die sich verbrannt haben, und zwischendurch donnert er wie Geschütze. Ich kann ihn nicht sehen, aber ich muß ihn hören, wenn er verkündet, was er dem zweiten Engel vom Munde abliest.“ Petrus hält sich die Ohren zu und läßt sich auf den Acker fallen. “Warum ist er denn taub?“ schreit Andersen entsetzt und stiert auf den Liegenden. “Er ist taub“, Petrus erhebt sich umständlich, “weil er dem zweiten Engel zu nah gekommen ist. Die Botschaft war so laut!“ “Wie viele Engel sind denn in Reihe geschaltet, um Gottes Botschaft weiterzuleiten?“ “Überabzählbar viele.“ So groß ist Gott, denkt Andersen und weint, und hat doch nicht Obacht geben können!
“Es läßt sich etwas machen“, sagt Petrus nach einer Weile. “Die ganze Geschichte muß umgeschrieben werden. Nicht der Junge ist unter das Auto gelaufen, sondern du! Du bist tot. Alles andere bleibt. Es macht dir doch nichts aus, wo du schon einmal hier bist?“ Nein, jetzt macht es ihm nichts mehr aus, in seinen eigenen Tod einzuwilligen. Wie soll es aber möglich sein, die Beerdigung des Kindes ungeschehen zu machen? War er nicht selbst dabei, als die Direktorin über dem Grab Worte sprach voll unleugbarer Wahrheit? War es vielleicht sein eigenes Grab? Petrus zwinkert mit den Augen und nickt. “Geh“, sagt er und macht mit dem Handrücken eine Bewegung des Abschiebens. Er schickt Andersen auf das Gebirge zu, von dessen Kamm er den Schatten des ersten Engels sehen würde. Lieber ich als der Junge, denkt Chris Andersen, der Schlingel würde sich hier nur verlaufen. Chris watet vorwärts und zieht seine Beine hinter sich her. Er klebt an der Erde. Das Vorankommen strengt ihn an. Aber je weiter er sich vorankämpft, desto heller wird es um ihn. Das Gebirge erstrahlt. Zwei Gestalten von erdrückender Herrlichkeit stehen über ihm. Er sieht die weichen Umrisse zweier Köpfe.
Die Sonne scheint ins Zimmer. Frau Finke und der Schlingel namens Brosheim beugen sich über ihn. “Es tut uns so leid“, flüstert Frau Finke und drückt Herrn Andersen die Hand. “So ein Glück!“ krächzt er. Der Hals ist trocken und zugeklebt. Sollte Herr Andersen übergeschnappt sein, hat er einen Dachschaden? Brosheim stammelt: “Entschuldigen Sie bitte, es war nicht meine Absicht, ich habe das nicht gewollt. Ich habe noch die Kurve kratzen können, aber Sie – voll in das Müllauto rein!“ Brosheim tippt mit dem Finger an den Kopf. Herr Andersen tut es ihm nach und fühlt einen dicken Verband. Frau Finke sieht ihn besorgt an. “Der Arzt sagt, nur die Schwarte war geplatzt, sie mußte genäht werden.“ Chris weint vor Glück. “Komm her, Junge!“ Und er küßt den Jungen umständlich auf die Stirn. “Sie auch!“ Ellen Finke muß sich zu ihm hinabbeugen, und er küßt sie sogar auf den Mund, so wie ein Pascha unter seinem Turban die Lieblingsfrau. Sie wird so rot wie die Abendsonne und stößt ihr Haar zurecht, obwohl ihre Frisur ordentlich gesteckt ist. “Wo liege ich denn hier?“ “Im Petrus-Krankenhaus, Zimmer zweihundertvierundsiebzig“, antwortet Brosheim.
Herr Ollet, der Müllfahrer, wird in den Innendienst versetzt. Die Polizei gibt ihm die Schuld am Unfall. Er habe zu dem fraglichen Zeitpunkt “in einer Zeitung geblättert, die auf dem Beifahrersitz lag, und dadurch die unfallträchtige Situation viel zu spät erkannt und infolgedessen den Bremsvorgang erst eingeleitet, nachdem sich der Unfall schon abgezeichnet hatte.“ Herr Ollet dazu: “Ick bin voll in die Eisen! Un abzeichnen is jut. Radiert ha ick! Radiert mit die Reifen, det se det heut noch sehn. Ick vasteh wat von Bremsen, jlooben se mich, aba wie ick euch beede sah, plötzlich aus dem Wege raus, da traute ick ma einfach nich, von die Bremse zu jehn. Allet meine Schuld. Aba wat se an Koppe jekriecht ham, lieba Herr Andersen, det war man jottseidank nich mein Müllauto pasönlich, det war bloß ein Sack mit ollet Jerümpel, wat an der Peilstange hing oder heeßt det hängte? Also wie jesacht: Meen Beileid und allet Jute. Tschüssi, bis dennewitz.“