Stroppi / Teil 1
von Annemie Fetten-Winklhofer (copyright)
Eine spannende Geschichte
erzählt von einem kleinen Mischlingshund
1. Kapitel
Viele Menschen nennen mich herablassend der böse “Köter” oder “Bastard”. Ich weiß, daß das Schimpfworte sind und keine Kosenamen. Aber ich bin ein richtiger Hund und heiße Stroppi. Einige Leute glauben aber wiederum, daß Mischlingshunde sehr kluge Tiere sind! Jawohl, die haben recht. Ihr werdet’s schon noch merken. Für mein Empfinden gibt es nur zwei Sorten von Menschen. Die einen treten oder schubsen mich mit ihren Schuhen, deren Geruch von Schuhcreme und Ledersprays mich manchmal so wild macht, daß ich mich am liebsten darin festbeißen möchte, zerren, ziehen, knurren und reißen. Aber ich beherrsche mich. Zum Glück bin ich gut erzogen, und ich bemühe mich, meiner Herrin keinen Kummer zu bereiten, wenn es mir auch nicht immer leichtfällt. Meine kleine Freundin, deren Hund ich bin, gehört zu der Menschenart, die Tiere liebt. Sie mag meine krummen Dackelbeine, meinen Schäferhundskopf und meinen langen dünnen Schwanz (von wem hab’ ich den wohl?), wie sie mir immer wieder beteuert. Wie oft muß ich mir von Leuten auf der Straße anhören: “Sieh mal, ist der Hund häßlich!” – “Aber wunderschöne Augen hat er,” sagt dann manch kleines Mädchen. Hierauf bilde ich mir was ein und wunder mich selbst, daß so ein häßlicher Hund wie ich eitel sein kann!
Meine kleine Freundin besucht das 4. Grundschuljahr. Kurzgeschnittene helle Haare zieren ihr Haupt. Auf ihrer kleinen Stupsnase und im Gesicht gedeihen die Sommersprossen um die Wette, was recht lustig aussieht. Sie ist ein kleines mageres Ding und trägt meistens blaue Jeans und T–Shirts. Ihre lustigen braunen Augen gucken voller Wißbegierde in unsere Welt. Und ihre Mutter erst mal! Sie ist die liebste Frau, die es überhaupt gibt. Sie hat nämlich der kleinen Ilse erlaubt, mich “Bastard” zu behalten. Halb verhungert war ich, als mich Ilse aus einer Mülltonne vor dem großen Mietshaus, in dem sie mit ihrer Mutter wohnt, befreite, nachdem sie mein Winseln gehört hatte. Sie nahm mich mit in die Wohnung. Sie pflegten und fütterten mich gesund. Das Schöne ist, daß ich bleiben darf. Sogar eine Hundemarke haben sie mir gekauft. Ist das nicht prima? Ich bin ein richtig angemeldeter Hund. Ich habe sogar einen Hundekorb im Wohnzimmer mit einer weichen Decke darin. Ich schlafe wie ein König in seinem weichen Himmelbett. Ha, wie gern ich lebe! Ich liebe mein Leben genauso wie ein stolzer Schäferhund, wie ein sich wichtig vorkommender Boxerhund und wie ein mickriges Schoßhündchen, das dauernd erkältet ist. Da hat neulich doch ein Mann auf der Straße gesagt: “So einen Köter würde ich glattweg erschießen lassen. Dafür noch Steuern bezahlen? Ne!” Hat man Töne! Ich könnte das gleiche ja auch von ihm sagen! Jetzt verrate ich euch mein Geheimnis: Ich bin ein Wunderhund! Jawohl! Ich kann sprechen! Ich verstehe die Menschen und kann genau so reden wie sie. Ihr glaubt das nicht? Fragt Ilse! Aber die sagt sowieso, das sei nichts Besonderes.
Ich laufe mittags oft zum Schulbus und hole Ilse ab. Sie hat mir aber streng verboten zu sprechen, wenn andere Kinder dabei sind. Ich hab’s ihr versprochen und bell’ nur freudig rum, wenn andere Menschen in unserer Nähe sind. Es ist Sommer. Auch ich weiß, was das ist. Es können warme lange Tage sein, und es kann auch mal regnen. Ich mag den Sommer lieber als den Winter.
Heute bleibe ich zu Hause. Ich hole Ilse nicht vom Bus ab. Wir wohnen Parterre. Als Ilse den Schlüssel in der Wohnungstür herumdreht, springe ich ihr begeistert entgegen und an ihr hoch. “Genug Stroppi, genug!” ruft sie fast böse. Ilses Mutter ist berufstätig und kommt erst abends von der Arbeit nach Hause. Ilse wärmt sich das vorbereitete Essen auf und stochert recht lustlos in dem leckeren Essen herum – Sauerkraut, Kartoffelpüree und Bratwurst – hm – lecker! Na siehste, die Bratwurst krieg’ ich. Ein Schnapp – und sie ist weg! “Ich muß Prospekte verteilen, geh’ste mit?” – Was für eine Frage! Natürlich! “Aber benimm dich!” – Was für eine Frage! Natürlich! Ich weiß, daß wir nicht reich sind. Ilses Vater hat ihre Mutter verlassen wegen einer anderen Frau. Als wenn ich Ilse jemals verlassen könnte wegen einer anderen Freundin! Na ja, so sind eben die Menschen! Wir machen uns startklar. Ilse nimmt mich an die Leine – und los geht’s. Treppauf, treppab jagen wir. Aber jeder Haushalt muß einen Prospekt bekommen! Es werden manchmal Stichproben gemacht, ob die Kids nicht einfach die Packen in irgendwelche Abfalltonnen oder hinter die Büsche werfen und dann ihr Geld kassieren. Auf so eine Idee käme Ilse gar nicht erst. Bei der alten Frau Meier bekommen wir beiden sogar etwas zu trinken. Danke schön, und weiter geht’s. Au weia, vor dem großen neuen Bungalow an der Ecke der Gartenstraße kläfft uns am Törchen ein kräftiger Boxerhund an. Er bellt und japst in den gefährlichsten Tönen und schnappt nach mir durch die Eisenstäbe des Törchens. Ich nehme Reißaus, und Ilse geht allein bis vors Haus. Ihr tut der Hund nichts. Sein kurzer Stuppelschwanz wackelt freudig hin und her, als er vor ihr her zur Haustür tänzelt. Irgendwann haben wir’s geschafft und alle Prospekte sind verteilt. Müde gehen wir nach Hause. Das arme Kind muß noch seine Hausaufgaben für die Schule machen. Und ich lasse mir einen Rest Futter im Napf zurück für den nächsten Morgen. Ich habe was Tolles vor. Ich verziehe mich auf den Balkon. Ich will diese Nacht nicht im Körbchen schlafen. Ich schäme mich, weil ich so nutzlos bin und den beiden auf der Tasche liege. Hier auf dem Balkon überlasse ich mich meinen Gedanken. Es spukt richtig in meinem Kopf mit dem Ergebnis, daß ich mir endlich vornehme, morgen auf Arbeitsuche zu gehen. Warum soll es für einen Hund keine einträgliche Beschäftigung geben? Ich kann Rasen mähen, auf kleine Kinder aufpassen, mit den Ohren wackeln und . . . und . . . und . . .
Am nächsten Morgen bin ich sehr früh wach. Außerdem habe ich fast die ganze Nacht nicht geschlafen. Der Rest Chappy von gestern abend ist noch in meinem Freßnapf. Er schmeckt zwar nicht mehr besonders. Aber gehe ich mit leerem Magen zum Arbeitsamt, rieche ich aus dem Maul, und das will ich nicht. Ich möchte einen guten Eindruck machen. Ich will die beiden nicht wecken. So leise wie möglich verziehe ich mich über den Balkon nach draußen. Tipp, tipp, tipp, bald bin ich auf dem Bürgersteig. Tapp, tapp, tapp, meine großen Pfoten tragen mich wunderbar in die Stadt hinein. Ich bleibe auf dem Bürgersteig. Auch wenn ich keine Farben unterscheiden kann wie ihr. Ich weiß, wann die Ampel rot oder grün ist. Das schnelle Lichterspiel oben – Mitte – unten macht mir Spaß, und ich passe auf wie ein Luchs. Busse fahren an mir vorbei. Aber die vielen Autos, die vielen Autos, die sich an den Kreuzungen stauen, kommen mir manches Mal schon recht sonderbar vor. Warum ziehen sich die Menschen die großen Blechhauben über den Kopf und sind auch noch so stolz auf ihre Limousinen? Und sie schimpfen und schimpfen und hupen und hupen. Je größer die Blechlaube ist, desto lauter lärmen sie hinter dem Lenkrad ihres Autos. Na ja, ist nicht mein Ding.
Der letzte Dunst löst sich auf, und der Sonnenball verschönt den weiten großen Himmel über der Stadt. Plötzlich habe ich gute Laune. Ich kläffe ein Lied vor mich hin. Und da ist wieder so ein Schuh, der mich schubsen will. Der Mann, dem der Schuh gehört, lacht gemein. Und für seine schweren Stiefel hat er mich als Opfer auserkoren. Ich kann mich nicht mehr beherrschen. Rrr, rrr, rrr, reiße ich an den Hosenbeinen, indem ich meinen Hundekopf immer hin- und herwerfe. Triumphierend halte ich einen Fetzen im Maul und suche aber jetzt schnell das Weite. Ich renn’ und renn’ und dieser gräßliche Mensch läßt eine Kanonade der übelsten Schimpfworte los. Soll er. Mich kann der nicht meinen. Aber auch die anderen Leute, die sich eingefunden haben, schimpfen hinter mir her. Das sind aber die, die ganz einfach einen überflüssigen “Bastard” in mir sehen. “Haltet ihn, haltet ihn!” schreien sie, als sei ich ein Dieb. Ich renne und jage, bis es still hinter mir geworden ist. Höre wohl vereinzelt noch: “Verrückter Köter!” Das wäre noch mal gutgegangen. Meine Trophäe, den kleinen Stofffetzen, lasse ich aus dem Maul fallen. Ilse würde sich nur aufregen, wenn sie die Geschichte erfahren würde. Die Ampel auf der gegenüberliegenden Seite vor dem Arbeitsamt zeigt Grün. Meine Güte, ist das ein Riesengebäude! Wie die Ameisen hasten die Menschen hinein. Sind das alles Leute, die dort arbeiten? Wenn das so viele sind, kann mir bestimmt einer Arbeit beschaffen! Ich bin voller Zuversicht. Ich überquere die Straße. Vor dem großen Haupteingang stehend, schlägt mein kleines Hundeherz nun doch wild in meiner Brust. Auf einmal habe ich Hemmungen. Und da stehen ich neben dem Eingang zum Arbeitsamt drei unheimliche Typen. Ihre Haare sind kurz geschoren. Sie tragen Nietenstiefel, lassen eine Schnapsflasche kreisen und versuchen alle drei gleichzeitig, eine BILD-Zeitung zu lesen. Sie bemerken mich nicht, als ich auf die Eingangstür zusteure. Die große Glastür ist noch verschlossen. Pech für mich. Mit meinem kleinen Hundekreuz kann ich die nicht aufdrücken. Ich muß mich wohl bemerkbar machen. Ich fasse mir ein Herz. Was jetzt kommt, ist mein Stimmchen: “Verzeihen Sie, daß ich Sie störe. Aber würden Sie so freundlich sein und mir die Tür öffnen?” wende ich an den Mann in der Mitte, der die BILD-Zeitung hält. Dem fällt vor Schreck die Zeitung aus der Hand. Dann schlägt er sich mit der Faust auf die Brust, daß es nur so klatscht. “Habt ihr sowas schon mal erlebt – einen sprechenden Köter?” grölt er, “ich nicht!” Er verbeugt sich übertrieben höflich vor mir und öffnet mir die Tür. Dabei sieht er mich mit seinen stechenden Augen böse an. “Der führt was im Schilde,” geht’s mir durch den Kopf, “paß auf, Stroppi!”
Tapp, tapp, tapp. Ich mühe mich durch einen langen Flur, auf dem viele Menschen auf Stühlen herumsitzen. Die meisten beachten mich nicht, bis eine schrille weibliche Stimme ertönt: “Was will denn der Köter? Hunde sind hier verboten!” R–r–r–r– . . es brodelt in mir. Wie gern würde ich die Hosenbeine von der Frau hin- und herzerren! Stroppi beherrsche dich!
“Mach’, daß du fortkommst!” kreischt sie weiter und will mich treten. Ich kann mir nicht anders helfen, als zu knurren: “Meine Dame, Ihre Jeans sind dreckig, Ihre Beine krumm und außerdem haben Sie schiefe Absätze!” – Da läuft sie schreiend davon, verschwindet hinter einer der vielen Türen und knallt diese mit Karacho zu. Die anderen haben von unserem “Wortgeplänkel” nichts mitbekommen, ich vernehme nur leises Gemurmel – wie: “Laß doch den Hund in Ruh`!” Fernseher stehen auf dem Gang, und die Leute tippen daran herum. Ich frage eine junge Frau: “Was machen Sie da?” Sie lacht und schaut sich suchend nach einem Bauchredner um und gibt mir zur Antwort: “Tja, Bauchredner werden nicht gesucht. Der Computer zeigt die offenen Arbeitsstellen auf. Da ist für euch nichts dabei!” Sie meint, wir seien zu zweit! Ich klär’ sie nicht auf. Je weniger Menschen wissen, daß ich sprechen kann, desto besser ist das für mich. Ich hab Sehnsucht nach Ilse. Wär’ ich doch zu Hause geblieben. Mich machen die vielen Menschen nervös. Ich könnte verzweifeln. Aber da wird eine Tür geöffnet. “Wo ist denn der Köter?” höre ich eine Männerstimme. “Ich weiß es doch nicht,” antwortet die hysterische Frau von vorhin. “Komm nur herein, Wauwauchen,” schmeichelt die angenehme Männerstimme. Graue Hosenbeine nähern sich mir. Ich zottle hinterher, und schreiend zieht die Frau hinter ihrem Schreibtisch ihre Beine hoch bis unters Kinn. Der Mann läßt sich auf seinem Bürostuhl nieder, und ich kann ihm voll ins Gesicht sehen. Sympathisch! Seine braunen großen Augen flößen mir Vertrauen ein. Er hat keine Angst vor mir kleinem struppigen Köter. Ganz bescheiden sage ich: “Ich suche Arbeit. Ich muß Geld verdienen.” Der Mann wundert sich, daß ich sprechen kann. “Ja,” sagt er erstaunt, “wem gehörst du denn?” – “Lieben Menschen,” antworte ich. “Ich würde dir ja sehr gerne helfen. Aber wir vermitteln Arbeit nur an Menschen. Du bist der erste Hund, der Arbeit sucht. So etwas gibt es nicht.” Das sagt er ganz ernst. “Teppiche klopfen, Möbel tragen, Holz hacken und dergleichen kannst du doch nicht. Geh’ schön nach Hause, hilf deiner Familie, indem du ihr keinen Kummer bereitest. Hau ab, lauf zurück, lauf, lauf, lauf!” Wohlwollend gibt er mir einen Klaps auf mein Hinterteil. “Versuche es nicht mehr woanders. Das könnte dir sehr schlecht bekommen!”. Ich knurre böse zu der Frau rüber, die mich auf dem Flur treten wollte und springe an ihrem Stuhl hoch und rrr, rrr, rrr fetze ich ihre Hose. Jetzt ist mir alles egal. Dann lauf ich, was das Zeug herhält durch die noch offen stehende Tür, und Geschrei und Gelächter folgen mir. Wie konnte ich nur auf so eine dumme Idee kommen und zum Arbeitsamt wandern, um eine einträgliche Beschäftigung zu suchen? Manno, man, da stehen so viele Menschen auf dem Flur herum, die alle eine Arbeit suchen und ich blöder Köter. . . . ! Wäre ich doch erst wieder zu Hause! Ich will auch immer brav sein und meiner lieben Ilse jeden Wunsch von den Augen ablesen. Liebe, liebe Ilse, liebe, liebe Ilse! Ich tänzel die paar Stufen herunter und merke, daß ich nötig muß. Und wer steht draußen vor der Tür auf der Treppe? Der Mann mit den stechenden Augen, der sich inzwischen eine dreckige Schirmmütze aufgesetzt hat.
“Schönes Hündchen, braves Hündchen,” schmeichelt er. Ich will an ihm vorbeilaufen. Aber er packt mich. Ich strampel und kläffe. Es hilft nichts. Hau ruck, hat er mir einen Sack über den Kopf gestülpt. Ich zappel und zappel. Sie sind wieder zu dritt. Alle drei Männer lachen schadenfroh. “Bind ihn fester zu,” sagt der eine. Stockfinster ist es jetzt, und ich kann einfach nicht mehr einhalten. Ha, tut das gut! Mir wird richtig warm.
Wie viele Wochen sind seitdem wohl vergangen? Drei oder vier? Ich weiß es nicht. Ich lebe mit den zwei schlechtesten Männern zusammen, die es wohl auf dieser Welt gibt. Zu fressen bekomme ich kaum etwas. Mein Herz zieht sich vor lauter Kummer schmerzhaft zusammen, wenn ich an meine kleine Ilse denke. Ob ich sie jemals wiedersehe? Wäre ich doch nicht fortgelaufen! Aber alle Vorwürfe helfen mir jetzt nicht weiter. Dürr bin ich geworden. Meine Rippen drücken sich durch mein ungepflegtes Fell, daß es zum Erbarmen aussieht. Aber wer sieht mich schon? Nur der Hannes mit der Speckmütze und sein Kumpan, zwei finstere Gesellen. Ich weiß nicht einmal, in welch verlassener Gegend die beiden mit mir hausen. Eine alte verrottete Gartenlaube ist mein “Zuhause”, ausgestattet mit einem Metallbett und mehreren Apfelsinenkisten. Es kommen auch schon mal abends “Kollegen” meines feinen Herrn. Dann wird gesoffen, geschimpft und geprügelt, und ich halte es vor Angst in meiner Ecke nicht mehr aus. Manchen Fußtritt dieser Kerle muß ich einstecken. Aber einen Trick habe ich raus. Ich jaule dann so fürchterlich, daß sie mich vor lauter Schreck in Ruhe lassen. Natürlich spreche ich kein Wort mit Hannes, meinem Gebieter. Aber das ist es ja gerade. Dieser Kerl, der so entsetzlich riecht, möchte ja mit mir sprechenden Hund “Knete” machen, und das will ich wieder nicht. Hier in der Nähe soll bald ein großes Schützenfest mit Kirmes veranstaltet werden. Und der Hannes meint, ich sprechender Hund soll die Sensation auf dem Kirmesplatz werden. Ich spreche nicht, ich spreche nicht, ich spreche nicht! Und wenn er mich totschlägt! Ich werde überhaupt nicht gewaschen und gekämmt. Ich muß mir immer mit meinen großen Pfoten das Fell kratzen. Und dadurch wird’s bestimmt nicht schöner und glänzender! “So, so, du gräßlicher Köter, du wirst reden!” drohend sagt das der Hannes. Er schwingt eine Peitsche hin und her vor meiner Nase. Es ist bereits Mittag, und ich habe noch nichts zu fressen bekommen. Mein Magen knurrt. Ich knurre auch. Von einem lieben Hund habe ich nichts mehr an mir. Der Regen klatscht gegen die kleinen verschmutzten Fenster der Laube und wäscht die Scheiben etwas sauber. “Au!” da hat er mir schon eins übers Fell gezogen. Ich jaule wieder einmal, was das Zeug herhält, zudem tut’s auch sehr weh. Liebe kleine Ilse, komm und hilf mir doch! “Aua, Aua,” ich kann nicht mehr. Die Peitschte saust auf und nieder, und ich winde mich winselnd. “So,” meint der Hannes vergnügt, “du kannst dir überlegen, ob du sprechen willst oder nicht. Totschlagen will ich dich noch nicht. Da habe ich ja nichts von dir.”
Einen angeschimmelten harten Kanten Brot wirft er mir vor die Pfoten. Ich beiße mir die Zähne fast daran aus. Den lieben langen Tage verbringe ich nun in der modrigen Gartenlaube, heulend, zähneklappernd und hungrig. Mein Gebieter, der “Hannes” will Kollegen treffen. Ich weiß, daß sie ein “Ding drehen” wollen. In der dunklen Nacht lärmen sie herein. Ich weiß, daß es Nacht ist. Ich kann in der Ferne drei Sterne am Himmel erkennen und den Mond, wenn ich durch eines der kleinen Fenster schaue. Hannes und seine Freunde werfen einen Sack auf den Fußboden. “Gib acht, du Blödmann,” schimpft der Hannes. Es wird ausgepackt. “Wie gut, daß wir beiden das Ding allein gedreht und die anderen mit Schnaps aus dem Verkehr gezogen haben.” – Tatsächlich, sie sind wieder nur zu zweit. – “Prima geklappt, was? So einen Glasschneider, der überhaupt nicht knirscht, habe ich noch nicht gehabt.” – “Eigene Erfindung,” sagt der dünne lange Mensch mit der Riesennase stolz. “Schaut dein Köter auch nicht zu und verpetzt uns dann?” fragt er besorgt. “Ich hätte das Biest längst vergiftet. Wenn es nicht quasseln will, dann weg damit!” – “Das werde ich auch tun,” antwortet Hannes, “Gift habe ich schon gekauft. Das streue ich ihm morgen ins Futter. Er frißt es bestimmt, so ausgehungert wie der ist! Ich bin’s leid mit diesem reudigen Köter, den ich doch nicht zum Reden bringe.” Böse schaut er in meine Ecke. Er glaubt, daß ich schlafe. Aber ich habe jedes Wort mitgekriegt. Ich puste ein bißchen, und sie glauben, daß ich schlafe. Sie packen im Kerzenlicht glitzernde, glänzende Ringe, Ketten und Uhren aus. “Das Köfferchen, das Köfferchen,” stöhnen sie immer wieder voller Wohlbehagen. “Dieser trottelige Juwelier, ohne sich zu wehren, rückte er den gesamten kostbaren Schmuck sofort heraus und packte ihn sogar noch in den Koffer. Und unsere Gesichtsmasken waren einmalig toll. Wir müssen aber so bald wie möglich verschwinden, und in Holland versetzen wir alles. Ich kenn dort die entsprechenden Leute. Hier können wir nichts mehr tun. Es wäre zu gefährlich. Und morgen muß der Köter das Fahrgeld für unsere “Rutsche” auf der Kirmes verdienen, und danach geht er erst hops. Wehe, er weigert sich weiter zu sprechen, dann setze ich ihn auf glühende Kohlen,” droht der Hannes. “Au fein,” kontert der dünne Kerl. “Wie gut, daß wir unseren Stand schon auf dem Rummelplatz beim Ordnungsamt angemeldet haben.” Ich nehme mir fest vor, ihnen das Fahrgeld oder gar ein Auto zu verdienen, mag kommen, was da wolle! Ich will nicht “hops” gehen, zumindest morgen noch nicht.
Wieder hat der Hannes mich in den stinkenden dunklen Sack gesteckt. Seine Freude war übergroß, als ich endlich mit ihm geredet habe. Er hat mir sogar mein dreckiges drahtiges Fell getätschelt. Und nun sausen wir auf einem geklauten Fahrrad davon. Der zugebundene Sack mit mir als Inhalt liegt auf dem Gepäckständer. Es rumpelt und pumpelt. Ich bin aber keines von den sieben Geißlein, sondern nur ein armer Hund. Ich weiß, diese Höllenfahrt führt auf den Rummelplatz. Irgendwann sind wir angelangt. Ein harter Plumps, der Sack wird losgebunden. Ich krieche heraus wie ein rheumageplagter armer alter Hund, schüttle mich und freue mich, daß ich endlich wieder frische Luft atmen kann.
Ich erlebe alles bewußter als in meinem bisherigen Hundeleben. Die goldene Sonne kitzelt meine nasse Hundenase, der Himmel spannt sich über mir aus und in ihn hinein ragt das Riesenrad und die vielen anderen bunten Karussells. Es herrscht ein hektisches Leben und Treiben auf dem Rummelplatz. Ich zermartere mir mein Hundehirn, wie ich wohl auskneifen kann. Aber der Hannes hält mich kurz und fest an meinem Hundehalsband. Kann er Gedanken lesen? “Ne, ne, Freundchen,” sagt er, “ausgerissen wird nicht!” Ein Gedudel, nicht schön, aber laut. Die Tic – Tac – Toe–Mädels singen sich ihre Kehlen aus dem Leib. Kirmesmusik – Kirmesromantik – Pärchen, die sich küssen, Männer, Frauen und Kinder laufen alle kulinarischen Köstlichkeiten essen auf dem großen Kirmesplatz umher. Nur ich krieg nichts zu fressen.
Zwischen einer Würstchenbude – hm, duftet das lecker! – und einer Schießbude ist unsere Bude aufgebaut. – Jeder Schuß eine Rose! – Jeder Schuß ein Kuß! Wer will noch mal, wer hat noch nicht?! Das Riesenrad schwenkt seine Körbchen hoch in die Runde. Wird den Leuten denn nicht schwindelig? Ich muß wieder an meine Ilse denken. Im vergangenen Jahr saßen wir beide in solch einer Schaukel. Mir war vielleicht schlecht geworden! Ach, könnte ich doch bei meiner Ilse sein! “Träum’ nicht mit offenen Augen. Jetzt wird gearbeitet!” Das ist der Hannes. Er tritt mich wieder einmal in meinen Allerwertesten. Mir ist mein Leben lieb. Ich springe ins Zelt, dort aufs wackelige Podium. Der Hannes hat sich vor dem Zelt an die Kasse gesetzt. Und da steht auch der Lange mit der Hakennase am Eingang, um die Leute einzulassen.
Ich schrei so laut ich schreien kann: “Hier sehen Sie, was Sie noch nie gesehen haben, mich, den sprechenden Hund. Ich kann in die Zukunft blicken und wahrsagen aus Ihren Handlinien. Hereinspaziert, hereinspaziert! Heute kostet der Blick in die Zukunft nur fünf Euro, morgen das Doppelte!” Tatsächlich, die Menschen strömen herbei. Mütter mit ihren Mädchen, die mich an Ilse erinnern. Sie schauen mich bewundernd an. Die Erwachsenen sagen: “Seht nur, was für ein häßliches Tier!” Ich bin der geborene Ballettänzer. Ich tänzel graziös über die wackelige Bühne nach den Klängen, die von der Raupe herüberschallen. “Kann der Hund aber fein tanzen!” Ein kleiner Junge klatscht begeistert in die Hände. Er geht nach vorne, weil er mich streicheln will. Die Mutter zieht ihn entsetzt zurück. “Sieh nur, wie schmutzig der ist!” ruft sie. Und da kann ich nicht anders. Trotzdem mein Fell in diesem Augenblick nicht juckt, kratze ich mich mit meinen dicken Pfoten, daß die Fetzen fliegen. “So!” kläffe ich wütend, “Sie feine Dame, sehen Sie sich mal Ihre Ohrläppchen an, da hängt noch Farbe vom letzten Haarefärben dran! Ihre Haare sind so rot wie die von Pumuckel! Igidegitt! Was sagt man dazu, feuerrote Haare!” Ich streiche mit meiner rechten Vorderpfote über mein großes Hundehaupt und merke, daß sich mein Fell wieder anlegt. Hannes kann sich vor dem Besucherandrang an der Kasse kaum retten. Mein Gezeter hat fast alle Leute vom Platz hierhergelockt. Alle, die da unten im Zelt stehen, lachen und gucken der Frau aufs Ohrläppchen. Sie verschwindet und zieht ihren schreienden Jungen hinter sich her. Hannes steht von seiner Kiste vor dem Eingang auf. “Genug meine Herrschaften, genug! Es gibt noch viele Vorstellungen!” Der Lange läßt keinen mehr rein. Geduldig stehen die Leute in der Schlange warten auf die nächste Vorstellung.
Und nun geht’s weiter. Wie soll ich die vielen Menschen unterhalten? Zu Tode erschöpft bin ich vor lauter Hunger. Die Bühne wackelt. “Bastard, zeig, was du kannst!” gröhlen ein paar Kahlköpfige. Ich verbeuge mich, so gut ich eben kann. “Guten Tag, meine lieben Herrschaften. Ich freue mich, daß Sie so zahlreich erschienen sind. Ich will Sie nicht mit dummen Gerede langweilen. Ich frage Sie, wessen Zukunft soll ich voraussagen? Nein, kommen Sie nicht zu mir herauf, ich komme zu Ihnen!” Als ich von der Bühne hüpfe, werde ich getreten. Doch ich beherrsche mich und zerfetze kein Hosenbein. Eine Frau beugt sich herunter zu mir. Sie riecht nach 4711. Sie trägt einen langen weiten Rock an. Sie streckt mir ihre verarbeitete Hand hin. “Ja,” sage ich aufs Geratewohl, Sie haben Arbeit und sind in einer Fabrik tätig.” – “Er hat recht!” ruft sie entzückt, “in einem Chemiekonzern. Ich wasche Fläschen und Gläschen für Pillen aus.!” – “Sie sind verliebt in einen Arbeiter,” phantasiere ich weiter. Sie müssen sich nur hübscher frisieren, und er wird sie auch nett finden.” – “Danke, danke,” stammelt sie fast taumelig vor Glück und rennt hinaus. Dabei konnte ich ihren Kopf und ihre Frisur gar nicht sehen. So geht es weiter – stundenlang. Ich kann nicht mehr. Ich tanze, schreie und kläffe mich durch den schönen sonnigen Nachmittag in diesem dunklen Zelt. Der Hannes ist sicher schon ein reicher Mann. Am Abend, als die tausend bunten Lichter erglühen, kann ich nicht mehr. Der Geruch vom Würstchenstand nebenan treibt mich zum Wahnsinn. Mir läuft das Wasser im Maul zusammen. Hannes denkt nicht daran, mir etwas zu fressen zu geben. Er und der Lange haben inzwischen Würstchen, Pommes frites, Erbsensuppe und .. und .. und .. verzehrt. Ich kann einfach nicht mehr. “Liebe Leute, liebe Leute,” meine Kehle wird immer heiserer. “Ich bin der einzige Hund, der sprechen und in die Zukunft schauen kann!” Ich betrachte kleine,
große, dicke, dünne, wohlgeformte, häßliche, saubere und schmutzige Hände. Versessen sind die Menschen darauf, sich mein dummes Gerede anzuhören. Einem jungen Mann, der mein Fell zärtlich streichelt, erzähle ich – und ich habe tatsächlich eine Halluzination: “Sie lieben eine Frau mit sehr schönen Augen und zarten Händen. Sie ist sehr musikalisch, und Sie werden Sie immer lieben. Sie müssen es ihr nur endlich einmal sagen!” Ich glaube, ich werde verrückt vor lauter Kohldampf. “Gehen Sie zu ihr, ” kläffe ich. Bestürzt verschwindet der junge Mann. Und jetzt packt mich der Koller. Ich rase durch die Menge, die mir erschrocken Platz macht. “Der Köter hat die Tollwut!” kreischen ein einige Besucher hysterisch. Ich renne draußen an den verblüfften schreienden Menschen vorbei, springe am Würstchenstand hoch, schnappe mir eine heiße Wurst, verbrenne mir das Maul und rase, was das Zeug herhält weg, nur weg. Den Hannes höre ich kreischen: “Haltet das Vieh, haltet das Vieh!” Dann erlöschen Kirmesgedudel und Lichter in meinem Kopf, und ich sinke in eine weiche schwarze Nacht und denke noch: “Nun bist du tot.”
Aber ich erwache wieder. Nach einer Woche, einem Tag oder einer Stunde? Ich weiß es nicht. Aber ich bin so glücklich, daß ich lebe. Meine liebe Ilse, komm’ und hol mich! Mein Kopf ruht weich. Das bin ich nicht mehr gewöhnt. Ich kann ihn kaum heben. Er schmerzt so furchtbar. “Bleib ruhig liegen, mein Hundchen,” sagt eine liebe Frauenstimme. Ich reib mir mit meinen Pfoten die Augen aus. Ist das nicht die hübsche Frau, die auf der Kirmes vor meinem geistigen Auge auftauchte, von der ich dem jungen Mann erzählte? Ja genauso sieht sie aus mit ihren dunklen Locken. Sie streichelt mit ihren zarten Händen mein struppiges dreckiges Fell. “Du kleiner Kerl,” sagt sie, “drei Stunden lang warst du bewußtlos. Ein lieber Freund brachte dich zu mir und erzählte mir, daß du ein ganz besonderer Hund bist und sprechen könntest. Er wollte wohl nur einen Spaß machen. Denn einen sprechenden Hund gibt es nicht.” Sie legt mich vorsichtig in ein weich ausgepolstertes Körbchen, das auf dem dicken Teppich steht. “Natürlich kann ich sprechen,” sage ich prompt. Ich beguck’ mir die Frau nun genau. Sie ist ja eine Schönheit! Viel schöner noch als Claudia Schiffer. Jetzt springt sie begeistert hoch und tanzt mit ihren langen Beinen im Zimmer umher und lacht und ruft: “Ein sprechender Hund, ein sprechender Hund! So was habe ich noch nie erlebt!” Sie gebärdet sich jetzt wie ein kleines ausgelassenes Mädchen. Der Raum ist durch Wandbeleuchtung erhellt. Die Wände sind mit heller Rauhfasertapete tapeziert. Eine Wand wird von einem Bücherregal eingenommen. Die vielen Büchern erinnert mich daran, wie gern Ilse immer gelesen hat, und von neuem überkommt mich mein Elend. Tränen schießen mir in die Hundeaugen. “Ilse,” kläffe ich. Ich weine in mein Körbchen hinein, anstatt dankbar zu sein, daß ich gerettet und dem Hannes entkommen bin. “Nun, Hundchen,” sagt die Frau jetzt, nachdem sie sich beruhigt hat, “gleich wirst du erst einmal gewaschen. Dann fühlst du dich sicher wohler.” – “Ich kann das selbst.” Ein zarter Hauch von Eternity umgibt sie. Ich rieche das gern. Ilses Mutter benutzt das auch und geht sehr sparsam damit um. “Das ist teuer,” hat Ilse mich aufgeklärt. Aber erst einmal führt mich die Frau in die Küche an einen Napf, der mit dem herrlichsten frischesten Chappy gefüllt ist. Ich stürze mich wie ein hungriger Wolf darüber her. Ich werde sogar satt, pupesatt. Zufrieden kuschel ich mich in mein Körbchen. Das Waschen kann noch warten. Es klingelt an der Wohnungstür. Besuch! Ja, und was für ein Besuch! Es ist der nette junge Mann von der Kirmes, dem ich die Handlinien gedeutet habe. Ich komme mir vor wie in einem Märchen. Ist das hier vielleicht auch eins? Ne . . . ! Hoffentlich träume ich jetzt nicht, und ich bin noch beim Hannes im muffigen Kartoffelsack. “Sieh nur,” sagt Annegret – so nennt sie der junge Mann – “dein Freund ist aufgewacht. Und er kann tatsächlich sprechen.” – “Sagte ich doch. Guten Tag, Kerlchen. Da hast du ja noch mal Glück gehabt. Du warst ohnmächtig, als ich dich unter einem Kirmeswagen hervorgezogen habe. Zuerst glaubte ich, du seist tot.” – “Das dachte ich auch,” antworte ich. Und nun erzähle ich den beiden die ganze Geschichte von meiner Arbeitsuche und dem Hannes mit der Schlägerkappe.
Sie hören aufmerksam zu. “Du bist hier in einer ganz anderen Gegend,” sagen sie. “So ein Arbeitsamt, wie du es beschreibst, gibt es hier nicht. Der Hannes mit der Schlägerkappe hat dich weit genug fortgeschleppt, damit du ja nicht zurückfindest nach Hause. Paß auf, gleich wäschst du dich sauber, schläfst eine Nacht hier, und morgen früh gehen wir zur Polizei. Und dann werden wir herausbekommen, wo deine Ilse mit ihrer Mutter wohnt. Machen wir’s so?” und ob!! Mein Freund streicht der Annegret übers Haar. “Ach Peter,” sagt sie, “hoffentlich können wir unserem Hundchen helfen.” – “Ich heiße Stroppi,” verrate ich nun meinen Namen. “Bis morgen,” sagt Peter und verläßt Annegrets Wohnung. Ich mache: “Kläff, kläff.” Ich bin ja schließlich ein Hund. In dieser Nacht schlafe ich gut.
Nicht die Sonne weckt mich am nächsten Morgen, obwohl sie bereits hoch am Himmel steht. Eine laute Stimme hat mich aus dem Schlaf geholt. Ich springe aus meinem Körbchen, kletter auf die Fensterbank und guck nach draußen. Annegret wohnt in der I. Etage. Vor der Haustür auf dem Bürgersteig steht ein Mann. Er verkauft die BILD-Zeitung. Prall gefüllt ist seine Tasche auf dem Gepäckträger seines Fahrrades. “BILD noch nicht im Bilde!” schreit er mit heiserer Stimme. Raffinierter Juwelendiebstahl vom gestrigen späten Abend noch ungeklärt! Es sind 5.000,- Euro Belohnung ausgelobt für Hinweise, die zur Ermittlung der Täter führen. Annegret geht runter und kauft eine Zeitung. Ich erzähle ihr, was in der alten Gartenlaube des Nachts der Hannes und sein Kumpan an kostbaren Klunkern aus ihrem Köfferchen ausgebreitet und sich daran erfreut haben. Das waren die gestohlenen Juwelen, jawohl! Hannes ist der Dieb! Da gibt’s für mich keinen Zweifel. Schnell, schnell zur Polizei!
“Der Köter ist kaputt Hannes, glaub mir,” mit diesen Worten versucht der Lange mit der Hakennase seinen ängstlichen “Freund” zu beruhigen. “Ich selbst habe ihn noch unter einen Kirmeswagen gestoßen, als er schon im Jenseits war. Der kann uns nicht mehr verpetzen!” – “Ja, aber er lag doch nicht mehr dort,” meint Hannes zögerlich. “Mensch, halt die Klappe. Ist doch klar, daß sie das Vieh weggeschafft haben. Schließlich waren viele Kinder auf dem Rummelplatz. Gib schon Gas und mach, daß wir weiterkommen.”
Recht adrett anzuschauen sitzen die beiden in ihrem Leihwagen, ein nobler Opel-Omega. Sie wollen natürlich so schnell wie möglich ins Ausland. Hannes trägt nun eine neue blaugrün karierte Kappe. Beide sind von oben bis unten neu eingekleidet. Kaum wiederzuerkennen sind sie. Stroppi hat ihnen trotz seines zeitigen Abbruchs der Vorstellung auf der Kirmes so viel Geld eingebracht, daß sie sich dieses feine Aussehen leisten können. Auf einem der hinteren Sitze liegt ein schmaler schwarzer Lederkoffer. Ratet mal, was die enthalten. Dumme Frage! Entschuldigung! Ihr wißt das natürlich. Die Sonne steht hoch am Himmel Es geht auf Mittag zu. Die beiden brausen nun über die Autobahn, als sei das für sie die selbstverständlichste Sache der Welt.
Andere Auto jagen hupend an ihnen vorbei. Sie winken netten Damen hinter dem Steuer zu und markieren den dicken Wilhelm. Dabei sind sie ganz gemeine Diebe und Tierquäler. “Heißa, Hannes,” schreit der Lange, “das haben wir doch prima gemacht. Wir brauchen nie mehr zu malochen, uns keine verfallene Gartenlaube mehr zum Pennen suchen. Wir sind feine Leute, jippi!” Die beiden riechen nach aufdringlichem Rasierwasser, und sie träumen von einer schwarz gekachelten Badewanne, in die sie in einem First–class–Hotel steigen wollen. Sie laden im Geiste die schönsten Mädchen zu Champagner und Kaviar ein. “Und eines Tages,” sagt plötzlich der Lange, “trete ich in einer berühmten Band auf und hau auf die Pauke, daß es nur so kracht!” – “Hör auf zu spinnen,” schimpft der Hannes, “guck dich lieber um und paß auf, ob die Polizei hinter uns her ist. Bete, daß wir unbeschadet ins Ausland kommen.”
In diesem Augenblick betreten Stroppi und Annegret das Kommissariat in Neuss. Klavierstunden hat’s vorher noch gegeben bei Annegret zu Hause, und der Stroppi hat jetzt noch Ohrenschmerzen von den vielen falschen Tönen. Ja, die Hunde und ihr feines Gehör! Aber jetzt lassen wir Stroppi wieder zu Wort kommen.
Wir betreten den Flur der Polizeidienststelle. Wir haben ja so viel zu erzählen! Ich kenne den Juwelendieb! Annegret hat sich schick gemacht. Sie trägt einen langen engen Rock und Plateauschuhe mit einer ganz ganz dicken Sohle. Und der Absatz erst mal! Sie sieht prima aus. Ich freu mich wieder meines Lebens. Und wenn ich die Annegret nicht so gerne hätte, würde ich vor lauter Übermut ein Hundetänzchen aufführen. Aber das schickt sich hier nicht. Annegret klopft zaghaft an der ersten Tür rechts an. Auf ein kurzes “Herein” betreten wir den Raum. Hinter einem mächtigen Schreibtisch sitzt ein achtunggebietender Mann mit einer kräftigen Stimme. “Guten Tag!” erwidert er unseren Gruß, “was gibt’s denn? Sie sehen, ich habe keine Zeit. Er deutet auf einen zweiten mit Computer ausgestatteten Schreibtisch, vor dem eine junge Frau emsig irgendwelche eingibt. Annegret lächelt und sagt: “Dieser Kleine, Herr Kommissar, hat Ihnen viel zu erzählen.” – “Ha, ha, ha, ein Hund, der Geschichten erzählt, ist mir in meiner gesamten Laufbahn noch nicht begegnet.” Er lacht laut. “Sind Sie eine Bauchrednerin? Suchen Sie einen Job? Dies ist ein Polizeirevier und keine Jobvermittlung. Ich laß mich nicht gern von jungen Damen auf den Arm nehmen.” – “Doch, doch, ich kann sprechen, wenn es sein muß. Und jetzt muß es sein,” mische ich mich ein. “Ich kann nicht glauben, daß es so etwas wie einen sprechenden Hund gibt,” sagt er verblüfft. “Junge Frau, bitte nehmen Sie Platz”. Annegret läßt sich erleichtert auf einen Stuhl fallen. Ich erzähle dem Herrn Polizeibeamten, der mein volles Vertrauen gewonnen hat, die ganze Geschichte, während dieser immer angestrengt auf Annegrets Mund guckt. ob sich die Lippen wohl bewegen.
Alles, alles, gebe ich preis, meine Arbeitsuche, meine Not in dem finsteren Sack, selbstverständlich von Hannes und dem Langen und den glitzernden Juwelen in der Gartenlaube. Ich komme mir dabei ziemlich dumm vor, denn auf Befragen, in welcher Gegend die fragliche Laube wohl steht, kann ich keine Antwort geben. Annegret bittet den Herrn Kommissar, uns bei der Suche nach meiner kleinen Ilse und deren Mutter behilflich zu sein. Er verspricht es. Aber zuvor muß ich helfen, die beiden Diebe dingfest zu machen. Aber wie? Wie es jetzt weitergehen soll, paßt mir gar nicht. Ich muß erst mal hierbleiben, und Annegret darf nach Hause gehen. “Wir bringen Ihnen den Hund abends wieder,” verspricht unser neuer Freund. Annegrets Daten sind längst in den Computer eingegeben. “Also dann auf Wiedersehen, Stroppi,” sagt sie und streichelt meinen Hundekopf. “Auf Wiedersehen, Herr Kommissar.” Sie verläßt den Raum, und ich bin mit dem Polizeibeamten allein. Ich bin traurig, obwohl er sehr nett zu mir ist. Im Nu steht ein Napf Chappy vor meiner Nase. Hm, lecker. Ich leck mir noch den Bart, als ich mit dem Kommissar und einem weiteren Polizeibeamten in Uniform ins Polizei nach hinten auf die Sitze springe. Tatütatata, wir fahren durch die Gegend und halten an jeder Gartenkolonie an, Lauben, Lauben, aber die eine ist nicht dabei.
Es ist herrlich, im Polizeiauto durch die Landschaft zu
düsen. Rein gar nichts kommt mir bekannt vor. Es gibt bald keinen Schrebergarten mehr, den wir nicht kontrolliert haben. Ich werde müde. Bald bricht die Dämmerung herein. Vielen Autos fahren schon mit Licht. Ich muß an Ilse denken. Wo mag sie sein? Sucht sie mich? Das Auto hält an. Und wieder einmal sind wir vor einer Schrebergartenkolonie angelangt. Die Scheiben im Wagen werden heruntergekurbelt. Ich schnupper und schnupper. Bekannter Geruch? Könnte sein! Viele schnuckelige Gartenhäuschen gibt es hier. Rasenmäher fahren über die Grasflächen, Menschen lachen und scherzen, Männer sitzen auf Bänken und trinken Bier und schauen uns neugierig hinterher, als wir den schmalen Wegen an ihren Gartentörchen vorbeilaufen. “Können wir helfen?” – “Nein, nein, nichts Besonderes,” antwortet der Polizist. Wieso nichts Besonderes? Er will die Menschen nicht ängstlich machen oder gar aufregen, meint der Polizist in Uniform. Der Kommissar ist im Auto sitzengeblieben. Er erinnert mich an Annegrets Freund. Nun haben wir eine alte total baufällige Laube erreicht. “Da kümmert sich schon lange keiner drum, seit der Heini tot ist, die will wohl keiner aus seiner noblen Verwandtschaft haben,” ruft der Mann von gegenüber uns über den Gartenzaun zu. “In diesem Jahr ist da nichts gemacht worden. Kein Mensch kümmert sich um die Bruchbude. Die ist eine Schande für unsere Schrebergartenanlage.” – “Schon gut,” meint der Polizist, “das wollen wir gar nicht so ausführlich wissen. Haben Sie denn nicht . . . . ” –
Ich unterbreche ihn aufgeregt. Mein Schwanz wedelt hin und her. “Das ist sie,” sage ich, “hierrein wurde ich verschleppt, und hier hat’s in der besagten Nacht ganz schön geklimpert. Ich rieche das alte Holz vermoderte Holz. Diese Strolche!” – “Na endlich, Stroppi,” sagt mein freundlicher Polizist. Wir betreten diese Moderhütte. Die Tür knarrt genau wie bei meinem letzten Aufenthalt. Ich frage mich nur, was haben wir davon, wenn wir wissen, daß die Verbrecher hier mit mir gehaust haben. Die Kerle sind doch längst über alle Berge. Eine Männerstimme vom Weg her: “Hallo Wachtmeister, suchen Sie den Mann mit der Speckmütze?” – Und ich kläffe die Antwort: “Ja, ja, der meint bestimmt den Hannes, der mich umbringen wollte.” Ein Mann im Trainingsanzug und einem Dreitagebart blickt über den zerfallenen Zaun. “Das ist bestimmt der Köter, der ein paar Nächte lang so erbärmlich gejault hat. Wissen Sie, den hat man bis auf die Straße gehört.” – “Ich bin kein Köter,” unterbreche ich den Redeschwall, ich bin ein Hund, für den Steuern bezahlt werden.” – “Beruhige dich, Stroppi,” sagt der Polizist tätschelt mein Fell. “Herr Wachtmeister, Sie sind aber ein Witzbold,” meint der Mann am Zaun, “Sie sind ja ein perfekter Bauchredner.” Schon wieder dieser Irrtum. Aber was tut’s? Hoffentlich krieg’ ich nicht die Wut und zerre ihm die Trainingshose vom Leib. Aber mein Freund in der grünen Uniform sagt: “Stroppi ist ein sehr netter, zur Zeit heimatloser Hund. Er könnte der Welt bester Polizeihund werden, wenn er nur wollte!” – “Ich will zu meiner Ilse!” heule ich verzweifelt. “Der Hund kann nichts dazu, daß er reden kann. Diese Gabe ist ihm zum Verhängnis geworden.” – “So?” meint der Gartenfreund perplex, “ne so was, ein sprechender Hund, das glaubt mir kein Mensch!” Aber passen Sie mal auf, Herr Wachtmeister, was ich Ihnen erzähle: “Der Mann mit der Speckmütze und so’n Langer mit einer riesengroßen Nase haben die ganze letzte Nacht hier rumgesoffen und getobt. Sie schrieeen vor Spaß. Sie wußten ja nicht, daß ich in dieser Nacht in meiner gegenüberliegenden Laube geschlafen haben, bzw. schlafen wollte. Von einem Sauköter war die Rede, der überhaupt nicht gehorcht hat. Über Brillis im Goldschmuck haben sie sich lautstark unterhalten, die sie in Venlo in Holland in Geld umsetzen wollen. Und heute morgen sind sie in aller Frühe verschwunden. Da konnte ich endlich einschlafen.” – “Und warum haben Sie nicht die Polizei informiert?” – “Tja, sollte ich? Ich dachte doch, die spinnen nur darum. Und dann hatte ich auch Angst, es passiert ja soviel! Wir gehen zum Polizeiauto zurück. Die Leute gaffen neugierig hinter uns her. Und ich tänzel daher, als sei ich der graziöseste Hund dieser Welt. War die ganze Sucherei nach der Laube nicht sinnlos? Ich weiß es nicht. Wenn die Verbrecher davonkommen, will ich nicht mehr Stroppi heißen, sondern Harras. Und das wäre das Allerärgste, was mir je passieren könnte. Es wird hin- und hergefunkt im Polizeiauto. Der Polizeiapparat ist in Bewegung gesetzt.
In der Polizeidienststelle, in die ich wieder mitgenommen werde, haben die Beamten inzwischen erfahren, daß die beiden Diebe sich heute morgen in einem Kaufhaus sehr auffällig benommen und sich vollständig neu eingekleidet haben. Es wird nach meiner Beschreibung ein Phantombild angefertigt für einen Steckbrief. Na ja, ob der Hannes immer noch die Speckmütze trägt, kann ich nicht wissen. Aber auf dem Bild des Zeichners trägt er eine Kappe. Ich bin ja nur ein Hund und kann mir den Hannes mit Hut nicht vorstellen. Natürlich werden die 5.000,– Euro auch ausgelobt. Annegret holt mich ab vom Polizeirevier ab. Wir fahren in ihrem kleinen Auto ihr nach Hause und bin sehr froh, daß die Polizei mich nicht wieder fahren mußte, obwohl der Kommissar das versprochen hatte. Trotzdem sehne ich mich nach meiner Ilse. Diese gemeinen Kerle. Verschleppt haben sie mich. Nur böse Gedanken haben Platz in ihren Menschenköpfen. Sie hätten mich umgebracht! Vorm Einschlafen denk ich noch mal an die beruhigende Worte des Kommissars: “Mein lieber Stroppi, morgen finden wir bestimmt deine Ilse.” – Bisher habe ich ganz vergessen zu sagen, daß die beiden Halunken mir natürlich als erstes meine Hundemarke mit der Steuernummer abgenommen hatten. Da steh’ ich nun. Wie soll man meine Lieben ausfindig machen?
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Weiter erzählt der Mensch, der diese Geschichte kennt und aufschreibt.
Hat Stroppi recht behalten? Wiegen die beiden sich tatsächlich schon in Sicherheit? In den späten Abendstunden heulen die Polizeiautos über die Autobahn Richtung Holland. Und die Diebe? Die liegen seelenruhig in Betten, von und in denen man träumen kann in einem komfortablen 5-Sterne-Hotel in Venlo. “Nun sind erst einmal sicher,” so denken sie. Eine Hehleradresse in Holland haben sie auch. Aber diese Nacht in dem prachtvollen Hotel wollen sie so richtig genießen der Hannes und der Lange. Morgen werden sie den kostbaren Schmuck umsetzen. An Stroppi denken sie nicht mehr. Der ist für sie erledigt. Aber gerade, weil sie sich so sicher fühlen, muß es ja anders kommen. Und mitten in der Nacht klopft’s plötzlich kräftig an ihrer Zimmertür, anhaltend und zermürbend. Sie verhalten sich vor lauter Schreck mucksmäuschenstill in ihren Betten. Der Lange zieht sich die Bettdecke über den Kopf, und der Hannes rennt mit dem Schmuckkoffer im Zimmer hin und her und weiß nicht wohin damit. Die beiden Polizisten vor der Tür werden immer wütender und lauter. “Aufmachen, Polizei! wir brechen die Tür auf, wenn Sie nicht öffnen!” Aufgeregt läuft ein Hotelbediensteter auf dem dicken roten Läufer hin und her. “Wecken Sie die übrigen Gäste nicht,” stöhnt er, “ein Fürstenpaar ist Gast in unserem Hause. Diese Schande, diese Schande! Sie ruinieren unseren guten Ruf!” Aber was hilft’s? Das Gesetz schreitet ein. “Aufmachen, aufmachen!” Nach einer Weile wird die Zimmertür ganz langsam um einen winzigen Spalt geöffnet. Und zum ersten Mal gibt es den Hannes ohne eine Kappe.