Wenn Onkel Tom erzählt, Teil 1 / Das unheimliche Krokodil
von Annemie Fetten-Winklhofer (copyright)
“Onkel Tom, erzähl’ uns eine Geschichte!” Onkel Tom reibt sich seinen Bart, blinzelt in die Sonne und rückt sich auf den warmen Treppenstufen vor dem Haus zurecht. “Aber ja Kinder! Nur müsst ihr mir versprechen, dass ihr mir auch alles glaubt; denn sonst erzähle ich nie mehr eine Geschichte!” Wie sie das beteuern!
„Ihr wisst ja, mein Vater war Diplomat. Als er beruflich nach Afrika musste, hatte er seine kleine Familie mitgenommen. Ich war damals ein kleiner Junge. Meine Eltern wollten das tägliche Leben der Afrikaner kennen lernen. Wir wohnten mitten in einem kleinen Dorf mit den Einheimischen. Unser Zuhause war die größte Bambushütte im Ort. Ich hatte gern mit den dort ansässigen Buben gespielt. Ihre großen Augen glänzten vor Freude, wenn wir uns zum Spielen trafen. Ihre Zähne blitzten in den jungen Gesichtern.
Aber eines Tages, da war was los! Wir waren eine Horde Jungen und spielten an dem großen Fluss, in dem auch schon mal Krokodile auftauchten. Unsere Eltern hatten uns verboten, nahe ans Ufer zu gehen. Aber – es war ja nie was passiert! Wir ließen uns die Sonne auf die Körper scheinen und machten Butterflitschen direkt an der Uferkante. Ihr wisst ja, wie die flachen Steinchen bei richtigem Schwung immer weiter über das Wasser hüpfen. Plötzlich sprang ein Stein nicht mehr weiter. Ruck zuck, hatte ein Krokodil seinen Kopf aus dem Wasser gestreckt, seinen Rachen weit aufgesperrt, und verschluckt war der schöne glatte Stein. Nun, das war kein großes Ärgernis. Aber aus purem Übermut sagten wir: “He, du hungriges Krokodil, gib uns unseren Stein wieder!” Wie konnten wir aber auch ahnen, dass wir es mit keinem gewöhnlichen Krokodil zu tun hatten! Da watschelte wahrhaftig das mächtige Tier an Land. Mit einer brüchigen, unheimlichen Stimme sagte es: “Ich spuck’ den Stein ja gerne aus. Aber was gebt ihr mir dafür?” Meine Freunde und ich hatten so etwas noch nicht erlebt. Dieses sprechende Tier jagte uns eine Furcht ein, wie sie nicht zu beschreiben ist. Die braunen und meine weißen Knie schlotterten um die Wette. “Da ihr mir keine Antwort gebt”, rief das Tier keck, “fresse ich euch alle auf! Oder – gebt mir den weißen Burschen da zum Schmaus, dann lass’ ich euch anderen in Ruhe.”
Meine Freunde sahen sich eine Weile an und dann mich, solange, bis ich ihren Entschluss in ihren großen Augen ablesen konnte. Die dunklen Augen spiegelten wider: “Lieber der Eine als wir alle!”
Mir rutschte mein Herz beinahe in meine Hosentasche. Meine Freunde kletterten wie Äffchen auf Bäume, die hin- und herschwankten. Als ich den flinken, braunen Beinen nachwollte, traten sie mich wieder zurück. Heulend rannte ich von Baum zu Baum in der heißen Sonne Afrikas, und das Krokodil rutschte und platschte hinter mir her mit einer Geschwindigkeit, die ich einem solchen Tier nie zugetraut hätte. Ich schrie und reckte die Arme hoch, bis mir endlich mein bester Freund Sam seine Hand reichte und mich auf seinen Baum hochzog, der beängstigend schwankte. Aber ich war endlich in Sicherheit.
“Ich kann warten”, sagte das Tier heiser, legte sich in den dürftigen Baumschatten und glotzte zu uns hoch. Wie lange, weiß ich nicht mehr. Es verging Ewigkeit um Ewigkeit. Unsere Mägen knurrten um die Wette. Es wurde dämmerig. Unsere Eltern wussten nicht, wo wir waren. Wir zitterten wie Espenlaub.
Plötzlich hatte mein Freund Sam einen guten Einfall. Er schrie so laut er konnte – denn vielleicht war das Krokodil längst unter dem Baum eingeschlafen: “Wir wollen den Stein gar nicht zurückhaben!” Das große, lange, schuppige Tier schnappte hörbar nach Luft. Dann grunzte es: “Das hättet ihr mir auch früher sagen können. Ich hätte mich nicht so lange auf die Lauer gelegt!”
Sprach’s und begab sich dieses Mal schwerfällig zurück in den Fluss und verschwand auf Nimmerwiedersehen.
Wir haben nie wieder so nah am Ufer gespielt!”
Onkel Tom steckt sich sein Pfeifchen an. Während er den blauen Dunst in die freie Natur bläst, sagt er sinnend:
“Die Geschichte von meinem ersten
Fahrtenmesser
will ich euch auch noch erzählen.