Wenn Onkel Tom erzählt, Teil 2 / Mein erstes Fahrtenmesser
von Annemie Fetten-Winklhofer (copyright)
Es war wieder einmal ein heißer Sommer über Afrika gezogen. Die Erde war hart und rissig. Unbarmherzig trocknete die Sonne den Boden immer weiter aus. Die Menschen verzweifelten und befürchteten eine Hungersnot. Wenn es doch endlich regnen würde! Der sonst so breite Fluss war beinahe eingetrocknet. Zum Trinken war sein Wasser sowieso nicht geeignet.
Eines Tages wollte ich meinen Freund Sam besuchen. Er wohnte drei Hütten entfernt von meinen Eltern und mir. Als ich dort ankam, saß Sam’s kleine Schwester Dolly vor der Hütte auf der Bank. “Nicht, nicht“, bedeutete sie mir ängstlich, “du darfst nicht hineingehen. Geh wieder nach Hause. Sam darf nicht mit dir spielen.“ Ich muss hier betonen, dass ich ihre Sprache sehr schnell gelernt hatte, wie das so bei Kindern ist. “Was soll denn dieser Quatsch?”, sagte ich empört. Aber die kleine Person mit dem schwarzen krausen Wuschelkopf packte mich ans Bein, als ich trotz ihres Protestes die Hütte betreten wollte und zerrte so fest an mir, dass ich der Länge nach hinfiel. Meine Kniescheibe tat furchtbar weh und blutete stark. Sam stürzte heraus, wollte mir wohl helfen, ließ jedoch jäh die Arme sinken, drehte sich um und verschwand wieder in der Hütte. “Du hast gestern Abend nichts geopfert, was dir lieb und wert ist, damit endlich Regen kommen kann, um die Erde und uns Menschen zu laben!”, zischte Sam’s kleine Schwester mir wütend zu, um ebenfalls zu verschwinden.
Da lag ich nun, versuchte aufzustehen und konnte nicht. Mein Knie knickte immer wieder weg. “Mama!”, schrie ich, “Papa!”, und wusste genau, dass meine Eltern zu Besuch im Nachbardorf weilten. Schließlich rappelte ich mich mit großer Kraftanstrengung hoch und hüpfte auf einem Bein nach Hause. Junge, Junge, hab’ ich geflucht! Ich warf mich auf mein Bett und heulte laut los. Mein bester Freund Sam glaubt an Hokuspokus!
Plötzlich vernahm ich von draußen ein vielstimmiges Gemurmel, das sehr bald zu einem höllischen Spektakel anschwoll. Ich humpelte vor die Tür. Fassungslos starrte ich in dunkle Gesichter. Aus ihren großen Augen schossen tausend Blitze, die mich hätten töten können, wenn es echte gewesen wären. “Was habt ihr, was wollt ihr?”, rief ich entsetzt. Mit blanken Messern fuchtelten sie mir wild vor der Nase herum. “Lasst mich leben, bitte lasst mich leben!”, schrie ich immer wieder. Ich hörte gar nicht auf das, was Sam versuchte, mir zu erklären. Bis ich endlich begriff. “Du musst dein Fahrtenmesser dem Regengott opfern Wir alle geben unsere schönen blanken Messer dem Gott des Regens, damit er die Wolken damit zerschneiden kann und wieder Regen auf unser armes, trockenes Land fällt!“ Was blieb mir anderes übrig? Ich humpelte in die Hütte, holte mein vielgeliebtes Fahrtenmesser und reichte es dem Anführer, der einen großen, goldenen Ring trug. Sam drückte meine Hand ganz fest und sagte: “Bist doch ein guter Freund. Macht nichts, dass du nicht geopfert hast gestern Abend. Dein Messer ist das schärfste aus unserer Siedlung, ritsch, ratsch, wird es die Wolken zerschneiden. Ich erkläre dir alles ein anderes Mal.” Er schloss sich der Gruppe an, die sich laut palavernd von unserem Domizil entfernte. Mein schlimmes Knie hatte keinen interessiert. Es tat so weh!
Sam erzählte mir am nächsten Morgen, dass sämtliche Bewohner der Ansiedlung noch am selben Tag zum Regenberg marschiert waren (die höchste Erhebung weit und breit), wild getanzt und geschrieen hatten und hierbei sämtliche Messer so hoch sie nur konnten, in die Luft geworfen hatten.
Als er mir das alles erzählte, hatte meine Mutter mein schlimmes Knie schon längst verbunden, und mein Vater hatte mir versprochen, mich nie mehr allein zu lassen.
Und stellt euch vor – draußen goss es in Strömen!
Und das hatte nur mein Fahrtenmesser geschafft – wie Sam sagte.
Und nun dieses noch:
Ich, der Regenmacher