Das Untier
von Joseph Conrad
Als ich von der regengepeitschten Strasse hereinhastete, tauschte ich in der Bar ,Zu den drei Krähen’ einen Blick und ein Lächeln mit Miss Blank. Dieser Austausch trug sich mit äusserster Schicklichkeit zu. Es erschüttert einen zutiefst, wenn man bedenkt, dass Miss Blank, sofern sie noch am Leben ist, jetzt über sechzig Jahre alt sein muss. Wie die Zeit vergeht!
Da sie meinen fragend auf die Trennwand aus Glas und gefirnisstem Holzwerk gerichteten Blick bemerkte, war Miss Blank so freundlich, mir aufmunternd zu erklären: »Nur Mr. Jermyn und Mr. Stonor in der Gaststube, mit noch einem Herrn, den ich noch nie gesehen habe.”
Ich ging zur Zimmertür. Eine Erzählerstimme auf der anderen Seite erhob sich gerade zu solcher Lautstärke, dass die abschliessenden Worte in all ihrer Scheusslichkeit deutlich zu hören waren.
»Dieser Wilmot schlug ihr regelrecht den Schädel ein, und es war saubere Arbeit obendrein!”
Als ich die Tür zur Gaststube öffnete, fuhr dieselbe Stimme in derselben grausigen Tonart fort:
»Ich war froh, als ich hörte, dass ihr endlich jemand den Garaus gemacht hatte. Wenn es mir auch leid um den armen Wilmot tat. Dieser Mann und ich waren früher einmal dicke Freunde gewesen. Natürlich war das sein Ende. Ein klarer Fall, wie es nur je einen gegeben. Da blieb kein Ausweg. Nicht der geringste.«
Die Stimme gehörte dem Herrn, den Miss Blank noch nie gesehen hatte. Er stand, die langen Beine gespreizt, auf dem Kaminteppich. Jermyn beugte sich vor und hielt sein Taschentuch ausgebreitet vor das Kamingitter. Er blickte düster über seine Schulter hinweg, und als ich mich hinter einen der kleinen hölzernen Tische schob, nickte ich ihm zu. Auf der anderen Seite des Feuers sass Mr. Stonor, in einen geräumigen Windsorlehnstuhl gezwängt. Es gab nichts Kleines an ihm ausser seinem kurzen weissen Backenbart. Eine Herrenhandtasche von gewöhnlicher Grösse wirkte wie ein Kinderspielzeug auf dem Boden neben seinen Füssen.
Ich nickte ihm nicht zu. Er war zu gewaltig, als dass man ihm in dieser Gaststube hätte zunicken können. Er war ein Senior-Trinity Lotse und geruhte, nur während der Sommermonate seinen Dienst im Kutter zu versehen. Abgesehen davon hatte es keinen Sinn, einem Monument zuzunicken. Und er war wie ein solches. Er sprach nicht; er rührte sich nicht. Er sass nur da und hielt reglos seinen prachtvollen alten Kopf in die Höhe – und überstieg fast Lebensgrösse.
Es war alles höchst vortrefflich. Mr. Stonors Anwesenheit reduzierte den armen alten Jermyn auf ein blosses schofles Häufchen Mensch und liess den gesprächigen Fremden im Tweedanzug auf dem Kaminteppich lächerlich knabenhaft erscheinen. »Ich war froh”, wiederholte er nachdrücklich. »Sie mögen darüber erstaunt sein; aber schliesslich haben Sie nicht das durchgemacht, was ich mit ihr durchgemacht habe. Ich kann Ihnen sagen, so was vergisst man nicht so leicht. Natürlich kam ich ungeschoren davon – wie Sie sehen. Wenn sie auch alles tat, um mir den Lebensmut zu rauben. Es fehlte verdammt wenig, und sie hätte den feinsten Kerl, den Sie sich denken können, ins Irrenhaus getrieben. Was sagen Sie dazu – wie?«
Keine Wimper zuckte in Mr. Stonors mächtigem Gesicht. Monumental! Der Sprecher blickte mir gerade in die Augen.
»Es macht mich krank, wenn ich daran denke, wie sie umherzog und Menschen mordete.«
Jermyn brachte das Taschentuch ein wenig dichter an das Kamingitter und brummte. Es war einfach eine Angewohnheit von ihm.
»Sie hatte ein Haus«, erklärte er. »Ein grosses, hohes, hässliches weisses Ding. Schon meilenweit entfernt sah man es aufragen.«
~»Ja, das stimmt«, bestätigte der andere bereitwillig. »Es war des alten Colchesters Idee gewesen, obwohl er immer damit drohte, sie zu verlassen. Er könne den Spektakel, den sie vollführe, nicht länger ertragen. Er hätte sie aufgegeben, machte ich meinen, nur – und das wird Sie vielleicht überraschen – wollte seine Gemahlin nichts davon hören. Komisch, was? Aber bei Frauen weiss man nie, wo man dran ist, und Mrs. Colchester mit ihrem Schnurrbart und ihren wuchtigen Augenbrauen konnte für so energisch gelten wie nur eine. Sie hätten sie nur hören sollen, wie sie ,Quatsch!’ schnauzte oder ,Possen und Unfug!’ Wahrhaftig, sie wusste, wo sie es gut hatte. Sie hatten keine Kinder und hatten niemals irgendwo ein Hauswesen gegründet. Wenn sie in England waren, behalf sie sich damit, in einem billigen Hotel oder einer Pension abzusteigen. Ich kann mir schon denken, wie sehr es ihr behagt hat, zu der Bequemlichkeit zurückzukehren, an die sie gewöhnt war. Sie wusste sehr wohl, dass sie bei keinem Wechsel etwas zu gewinnen hatte. Wie dem auch sei, aus dem einen oder anderen Grund erschien es der guten Frau nur wie ,Quatsch’ und ,Possen und Unfug’. Ich hörte selbst einmal, wie der junge Mr. Apse im Vertrauen zu ihr sagte: ,Ich versichere Ihnen, Mrs. Colchester, langsam fange ich an, sehr unglücklich zu sein wegen des Namens, den sie sich macht.’ – ,Oh’, erwiderte sie mit ihrem tiefen, kurzen, heiseren Lachen, ,wenn man all dem dummen Gerede Beachtung schenken wollte’, und dabei zeigte sie Apse all ihre hässlichen falschen Zähne. ,Es gehört schon mehr dazu als das, wenn ich mein Vertrauen in sie verlieren soll’, sagte sie.«
Hier liess Mr. Stonor ohne jede Veränderung seines Gesichtsausdrucks ein kurzes, höhnisches Lachen hören. Es war sehr eindrucksvoll, doch mir entging der Scherz. Ich blickte von einem zum andern. Der Fremde auf dem Kaminteppich hatte ein unangenehmes Lächeln.
„Und Mr. Apse schüttelte Mrs. Colchester beide Hände, so erfreut war er, ein freundliches Wort über diesen ihren Liebling zu hören. All diese Apses, jung und alt, waren ja vollkommen vernarrt in dieses abscheuliche, gefährliche -”
»Entschuldigen Sie«, unterbrach ich ihn, denn er schien sich ausschliesslich an mich zu wenden, »von wem, um alles in der Welt, sprechen Sie eigentlich?”
»Ich spreche von der Apse-Familie«, antwortete er höflich.
Ich stiess daraufhin fast einen Fluch aus. Doch gerade da schob die ehrbare Miss Blank ihren Kopf herein und sagte, die Droschke stehe vor der Tür, wenn Mr. Stonor den Elf-Uhr-drei erreichen wolle.
Sogleich erhob sich der Seniar-Lotse zu seiner gewaltigen Leibesgrösse und begann, sich in seinen Mantel zu schieben. Der Fremde und ich eilten ihm spornstreichs zu Hilfe. Wir mussten unsere Arme sehr hoch aufrecken und uns grosse Mühe geben. Mit einem „Danke schön, meine Herren« tauchte er in dem Mantel unter und drückte sich in grosser Eile durch die Tür.
Wir lächelten einander freundlich an.
»Sind Sie Seemann?« fragte ich den Fremden, der an seinen Platz auf dem Kaminteppich zurückgekehrt war.
»Ich war es bis vor ein paar Jahren, als ich mich verheiratete«, antwortete er. »Ja, als ich das erstemal zur See fuhr, war es auf ebenjenem Schiff, von dem wir gerade sprachen, als Sie eintraten.”
»Welches Schiff?« fragte ich verdutzt. »Ich hörte Sie von keinem Schiff reden.«
»Ich habe Ihnen gerade den Namen genannt, mein werter Herr«, antwortete er. »Die ,Apse-Familie’. Sicherlich haben Sie von der grossen Schiffsreederei Apse & Söhne gehört. Sie hatten eine ziemlich grosse Flotte. Da gab es eine ,Lucy Apse’ und die ,Harold Apse’ und ,Anne’, ,John’, ,Malcolm’, ,Clara’, ,Juliet’ und so weiter – Apses ohne Ende. Jeder Bruder, jede Schwester, Tante, Kusine, Frau – und auch Grossmutter, soviel ich weiss – der Firma hatte ein nach ihm oder ihr benanntes Schiff. Gute, solide, altmodische Fahrzeuge waren das, die gebaut waren, um zu tragen und zu dauern. Nichts von Ihren modernen, arbeitsparenden Vorrichtungen gab es auf ihnen.«
„Dieses letzte Schiff”, fuhr er fort, »die ,Apse Familie’, sollte wie die andern werden, nur noch stärker, noch sicherer, noch geräumiger und bequemer. Ich glaube, sie sollte in alle Ewigkeit halten. Sie liessen sie aus gemischten Materialien bauen – Eisen, Teak- und Grünharzholz -, und ihr Riss war, wenn man will, berühmt. Wenn je ein Schiff mit Stolz in Auftrag gegeben wurde, so dieses. Alles sollte vom Besten sein. Der Kommodore der beschäftigten Kapitäne sollte es befehligen, und die Räumlichkeiten für ihn legten sie wie ein Haus an Land an, unter einem grossen, hohen Poopdeck, das fast bis zum Hauptmast reichte. Kein Wunder, dass Mrs. Colchester ihren Alten das Schiff nicht aufgeben liess.
Was war das für ein Getue, während sich das Schiff in Bau befand! Lasst uns dies ein wenig fester machen und jenes ein wenig schwerer; und sollte man nicht das dort durch etwas Dickeres ersetzen. Die Schiffshauer machten das Spiel mit, und so wuchs sie vor aller Augen zu dem plumpssten, schwersten Schiff ihrer Klasse heran, ohne dass sich irgend jemand dessen bewusst ward. Sie sollte 2000 Bruttoregistertonnen gross werden oder auch ein wenig mehr; auf gar keinen Fall weniger. Doch was geschah? Als sie vermessen wurde, stellte sich heraus, dass sie nur 1999 und etwas gross war. Der alte Mr. Apse soll so verärgert gewesen sein, dass er sich ins Bett legte und starb. Der alte Herr war fast sechsundneunzig Jahre alt, so dass sein Tod vielleicht doch nicht so überraschend kam. Immerhin war Mr. Lucian Apse fest davon überzeugt, dass sein Vater hundert Jahre alt geworden wäre. So können wir ihn an die Spitze der Liste setzen. Als nächster kam der arme Teufel von einem Schiffsbaumeister dran, den dieses Untier, als es die Gleitbahn hinunterrutschte, erfasste und zerquetschte. Sie nannten es den Stapellauf eines Schiffes, aber ich habe Leute sagen hören, dass es, nach dem Gejammer und Geschrei und Gerenne ringsherum zu urteilen, eher den Eindruck machte, als hätte man einen Teufel auf den Fluss losgelassen. Es zerriss alle Strebeseile wie Bindfäden und sauste wie wild auf die wartenden Schlepper zu. Ehe man sich versah, schickte es schon den ersten von ihnen auf Grund und bewirkte, dass ein anderer drei Monate in Reparatur liegen musste. Eine der Trossen ging verloren, und dann plötzlich – man konnte nicht eigentlich sagen, warum – liess sich das Schiff mit der anderen so geduldig wie ein Lamm aufbringen.
So war das Schiff. Man war nie sicher, was es als nächstes aushecken würde. Es gibt Schiffe, die schwierig zu handhaben sind, doch im allgemeinen kann man sich darauf verlassen, dass sie sich vernünftig benehmen. Bei diesem Schiff jedoch wusste man nie – was man mit ihm auch anfangen mochte-, wie es ausgehen würde. Es war ein verruchtes Biest. Oder vielleicht war es einfach verrückt.”
Er brachte diese Behauptung in so ernstem Ton vor, dass ich mich eines Lächelns nicht erwehren konnte. Er hörte auf, an seiner Unterlippe zu nagen, und wandte sich mit Lebhaftigkeit an mich.
»Wie! Warum nicht? Warum sollte es da in seinem Bau, in seinen Linien nicht etwas geben, vergleichbar – dem Wahnsinn. Warum sollte es nicht auch ein wahnsinniges Schiff geben – ich meine, wahnsinnig auf Schiffsart, so dass man bei ihm unter gar keinen Umständen sicher sein kann, ob es auch tut, was jedes andere Schiff ohne weiteres für einen tun würde. Es war unberechenbar. Wenn es nicht verrückt war, so war es das bösartigste, heimtückischste, wütendste Untier, das je auf dem Wasser schwamm. Ich habe es in einem schweren Sturm zwei Tage herrlich dahinfahren und am dritten – gleich zweimal am selben Nachmittag – schnell aufluven sehen. Das erstemal schleuderte es den Rudergast glatt über das Steuerrad, doch da es dem Schiff nicht ganz gelingen wollte, ihn umzubringen, versuchte das Untier es nach drei Stunden noch einmal. Es kippte nach vorn und hinten ab, zerriss alles Tuch, das wir gesetzt hatten, jagte allen Matrosen einen panischen Schrecken ein und ängstigte selbst Mrs. Colchester dort unten in ihrer schönen Heckkajüte, auf die sie so stolz war. Als wir die Mannschaft musterten, fehlte ein Mann. Natürlich über Bord gespült, ohne dass er gesehen oder gehört worden wäre, der arme Teufel! Und mich wundert nur, dass nicht mehr von uns draufgingen.
So war es immer. Immer. Bei der kleinsten Verärgerung begann es, Seile, Trossen, Kabeltaue wie Zwirnsfaden zu zerreissen. Es war schwer, plump, unhandlich – aber das erklärt nicht eigentlich jene ihm innewohnende Macht, Unheil zu stiften.” Er sah mich fragend an. Aber natürlich vermochte ich nicht zuzugeben, dass ein Schiff verrückt sein kann.
»In den Häfen, in denen das Schiff bekannt war«, fuhr er fort, »bekamen es die Leute schon bei seinem Anblick mit der Angst. Es machte ihm gar nichts aus, von einem Kai zwanzig Fuss solider Steinwand abzureissen oder das Ende eines hölzernen Piers fortzufegen. Es muss Meilen von Ketten und Hunderte von Tonnen Ankergewicht verloren haben zu seiner Zeit. Wenn es auf irgendein armes, harmloses Schiff stiess, war es eine Höllenarbeit, bis man es wieder frei gemacht hatte. Und dabei kam es selber nie zu Schaden – höchstens zu ein paar Kratzern. Sie hatten es sehr stark haben wollen. Und das war es. Stark genug, um ins Polareis vorzustossen. Und wie begonnen, so trieb das Schiff es weiter. Von jenem Tag an, da es vom Stapel lief, liess es kein Jahr verstreichen, ohne jemanden zu töten. Ich glaube, die Retder machten sich grosse Sorge deshalb. Doch sie waren eine hartnäckige Sippschaft, diese Apses; sie wollten nicht zugeben, dass mit der ,Apse-Familie’ irgend etwas nicht stimmte. Sie hätten nicht einmal den Namen geändert. ,Possen und Unfug’, wie Mrs. Colchester zu sagen pflegte. Sie hätten es zumindest auf Lebenszeit in irgendein Trockendock sperren sollen, weit stromaufwärts, und es nie wieder Salzwasser riechen lassen dürfen. Ich versichere Ihnen, mein werter Herr, dass es unweigerlich auf jeder Reise irgend jemanden tötete. Es war regelrecht verschrien. Das Schiff war weit und breit dafür bekannt.«
Ich gab meiner Verwunderung Ausdruck, dass ein Schiff mit solch mörderischem Ruf je eine Mannschaft fand.
»Dann wissen Sie nicht, wie Matrosen sind, mein werter Herr. Tollkühnheit! Das eitle Verlangen, abends vor allen ihren Kameraden damit prahlen zu können: ,Wir haben gerade auf der ,Apse-Familie’ dort drüben angeheuert. Zum Teufel mit dem Schiff. Es soll uns nicht bange machen.’ Reine Absurdität, wie sie den Seeleuten ähnlich sieht! Eine Art Neugierde. Nun, ein wenig von alledem, ohne Zweifel. Aber ich sage Ihnen, das Untier hatte seine eigene Faszination.
Jermyn, der anscheinend alle Schiffe auf der Welt gesehen hatte, fiel mürrisch ein:
“Ich sah es einmal aus genau diesem Fenster, wie es den Fluss herauf geschleppt wurde; ein grosses, schwarzes, hässliches Ding, das wie ein grosser Leichenwagen daherkam.”
»Nicht wahr? In seinem Aussehen lag etwas Finsteres”, sagte der Mann im Tweed und sah freundlich auf den alten Jermyn herab. »I~ verspürte immer ein Grauen vor ihm. Es jagte mir einen höllischen Schrecken ein, als ich vierzehn Jahre alt war, am allerersten Tag – nein, in der allerersten Stunde, da ich auf dem Schiff war. Vater hatte mich hingebracht, um mir Lebewohl zu sagen, und sollte mit uns bis Gravesend fahren. Ich war sein zweiter Junge, der zur See ging. Mein grosser Bruder war damals schon Steuermann. Wir kamen gegen elf Uhr vormittags an Bord und fanden das Schiff bereit, aus dem Hafenbecken, Heck voraus, auszulaufen. Es hatte noch’ nicht drei Schiffslängen zurückgelegt, als es bei einem kleinen Ruck, den der Schlepper
ihm gab, um es ins Schleusentor zu bringen, einen seiner tollen Tänze aufführte und der Zugleine – einer neuen, sechs Zoll dicken Trosse – solches Gewicht entgegensetzte, dass es denen vorne unmöglich war, die Trosse rechtzeitig nachzulassen, woraufhin diese riss. Ich sah, wie das gerissene Ende hoch in die Luft flog, und im nächsten Augenblick stiess dieses Untier achtern seitlich mit solcher Wucht gegen den Molenkopf, dass alles auf Deck durcheinandertaumelte. Das Schiff nahm keinen Schaden. Es nicht! Doch einer der Schiffsjungen, den der Steuermann in die Takelung des Besanmastes geschickt hatte, um dort etwas auszufahren, stürzte auf das Poopdeck – wumms – direkt vor mich hin. Er war nicht viel älter als ich. Wir hatten uns erst vor wenigen Minuten zugelächelt. Er muss unachtsam beim Festhalten gewesen sein, nicht ahnend, dass ihm solch ein Stoss versetzt würde. Ich hörte seinen überraschten Schrei – oh! -, hoch und zittrig, als er fühlte, dass er den Halt verlor, und blickte gerade no~ rechtzeitig hinauf, um zu sehen, wie er beim Herabstürzen in sich zusammensackte.
Er fiel zwei Fuss vor mir herunter und schlug sich den Schädel an einer Belegklampe auf. Machte keinen Muckser mehr. Mausetot. Oh! Mein armer Vater war erstaunlich weiss um die Nasenspitze, als wir uns in Gravesend die Hand schüttelten. ,Ist dir auch wohl bei der Sache?’ sagt er und sieht mich eindringlich an. ,Ja, Vater.’ – ,Ganz sicher?’ – ,Ja, Vater.’ – ,Nun, dann leb wohl, mein Junge.’ Er gestand mir später, dass er mich, hätte ich nur ein halbes Wort geäussert, auf der Stelle mit nach Hause genommen hätte. Ich bin das Baby in der Familie – wissen Sie«, fügte er mit einem versonnenen Lächeln hinzu.
Ich quittierte diese interessante Mitteilung mit einem mitfühlenden Murmeln. Er schwenkte nachlässig die Hand.
»Es hätte einem Burschen restlos die Lust nehmen können, in die Takelung zu entern, wissen Sie – restlos. Das war jedoch nicht das Schlimmste, was das Untier von einem Schiff fertigbrachte. Ich diente auf ihm drei Jahre meiner Lehrzeit, und dann wurde ich für ein Jahr auf die ,Lucy Apse’ versetzt. Für mich, der i~ kein anderes Schiff kennengelernt hatte als die ,Apse-Familie’, war die ,Lucy’ wie eine Art Wunderfahrzeug, das aus eigenem Antrieb tat, was man von ihm wollte. Nun, ich beendete das letzte Jahr meiner Lehrzeit auf jenem fröhlichen kleinen Schiff, und dann, gerade als ich dachte, ich könnte es mir einmal an Land drei Wochen ordentlich wohl sein lassen, erhielt ich beim Frühstück einen Brief, in welchem ich gefragt wurde, wann ich mich frühestens als Dritter Steuermann auf der ,Apse -Familie’ einfinden könne. Ich versetzte meinem Teller einen Stoss, der ihn bis zur Mitte des Tisches rutschen liess; Papa blickte von seiner Zeitung auf; Mutter hob verdutzt die Hände, und ich ging ohne Hut in unseren kleinen Garten hinaus, in welchem ich dann eine Stunde lang immerfort rund herumging.
Als ich wieder hineinkam, war die Mutter aus dem Esszimmer gegangen, und Papa hatte seine Stellung nach dem grossen Lehnstuhl verlegt. Der Brief lag auf dem Kaminsims.
,Das Angebot ist sehr ehrenvoll für dich, und es ist sehr freundlich von ihnen, dir ein solches zu machen’, sagte er. ,Und wie ich sehe, ist auch Charles zum Ersten Steuermann des Schiffes für eine Seereise ernannt worden.’
Auf der Rückseite befand sich ein von Mr. Apse persönlich geschriebenes Postskriptum dieses Inhalts, das ich übersehen hatte. Charley war mein grosser Bruder.
,Mir ist es nicht sehr angenehm, dass zwei meiner Söhne auf ein und demselben Schiff sind’, fahr mein Vater in seiner bedächtigen, feierlichen Art fort. ,Und ich möchte dir sagen, dass ich mich nicht scheuen würde, Mr. Apse einen Brief in diesem Sinne zu schreiben.’
Der liebe alte Papa! Er war ein wundervoller Vater. Was hätten Sie getan? Die blosse Vorstellung zurückzukehren (und als Offizier obendrein), um von diesem Untier geplagt und geschunden und Tag und Nacht in Trab gehalten zu werden, machte mich schon krank. Aber es war kein Schiff, dem man füglich hätte aus dem Weg gehen können. Ausserdem hätte sich auch die lauterste Entschuldigung nicht vorbringen lassen, ohne Apse & Söhne tödlich zu beleidigen. Das war der Grund, weshalb man auch vom Totenbett noch ,Stehe jederzeit zur Verfügung’ hätte antworten müssen, wollte man sich ihr Wohlwollen erhalten. Und genau das antwortete ich – telegraphisch, um es sogleich hinter mich zu bringen.
Die Aussicht, Crewkamerad meines grossen Bruders zu sein, heiterte mich beträchtlich auf, wenn sie mich auch ein bisschen ängstlich stimmte. Schon als ein kleines Kind, so lange ich denken kann, war er sehr gut zu mir gewesen, und ich betrachtete ihn als den feinsten Kerl auf der ganzen Welt. Und das war er auch. Kein besserer Offizier ist je über das Deck eines Handelsschiffes geschritten. Er war ein feiner, kräftiger, aufrechter, sonnengebräunter junger Bursche, mit leicht gelocktem braunem Haar und einem Adlerauge. Er war einfach prächtig. Wir hatten einander schon viele Jahre nicht mehr gesehen, und auch diesmal hatte er sich, obwohl er bereits seit drei Wochen in England war, noch nicht zu Hause blicken lassen, sondern verbrachte seine Freizeit irgendwo in Surrey, wo er Maggie Colchester, der Nichte des alten Kapitäns Colchester, den Hof machte. Ihr Vater, ein alter Freund Papas, war im Zuckerhandel tätig, und Charley machte sich ihr Heim zu einer Art zweitem Elternhaus. Ich fragte mich, was mein grosser Bruder wohl von mir denken würde.
Er empfing mich mit laut schallendem Gelächter. Er schien meinen Eintritt als Offizier für den grössten Jux zu halten. Zwischen uns bestand ein Altersunterschied von zehn Jahren, und ich war ein Kind von vier Jahren, als er erstmals zur See ging. Ich war überrascht zu sehen, wie ungestüm er sein konnte.
,Jetzt werden wir ja sehen, aus was für Holz du gemacht bist’, rief er. Er boxte mir gegen die Rippen und drängte mich in seine Koje. ,Setz dich, Ned. Ich freue mich über die Gelegenheit, dich bei mir zu haben. Ich will dir den letzten Schliff geben, mein junger Offizier, vorausgesetzt, dass du die Mühe wert bist. Und zunächst einmal lass dir gesagt sein, wir werden nicht dulden, dass das Untier auf dieser Fahrt wieder jemanden umbringt. Wir wollen ihm das Handwerk legen.’
Ich sah, dass er es tödlich ernst meinte. Er redete grimmig von dem Schiff, sagte, wir müssten auf unserer Hut sein und dürften diesem hässlichen Biest nie erlauben, uns mit einem seiner verdammten Streiche zu überrumpeln.
Er gab mir eine regelrechte Vorlesung über besonderes seemännisches Verhalten zur Anwendung auf der ,Apse-Familie’; dann wechselte er den Ton und holte weit aus, quasselte den wildesten, komischsten Unsinn, bis ich mich vor Lachen nicht mehr zu halten vermochte. Ich sah sehr wohl, dass er vor Ausgelassenheit ein wenig übergeschnappt war. Mein Kommen konnte nicht der Grund dafür sein. Nicht in diesem Masse. Aber mir wurde alles klar, als ich ein oder zwei Tage später erfuhr, dass Miss Maggie Colchester auf dieser Reise mitfuhr. Ihr Onkel hatte sie mit Rücksicht auf ihre Gesundheit zu einer Seereise eingeladen.
Ich weiss nicht, was ihr fehlte. Sie hatte prächtige Farben und unglaublich volles blondes Haar. Sie machte sich nicht einen Pfifferling aus Wind oder Regen oder Gischt oder Sonnenschein oder grünem ‘Meer oder was immer sonst. Sie war ein blauäugiges, fideles Mädel vom besten Schlag, doch die Keckheit, mit der sie sich meinem Bruder gegenüber Frechheiten herausnahm, erschreckte mich. Ich rechnete immer damit, alles werde in einem fürchterlichen Streit enden.
Aber erst nachdem wir bereits eine Woche in Sydney gelegen hatten, geschah etwas Entscheidendes. Eines Tages schob Charley während der Tischzeit der Mannschaft den Kopf in meine Kajüte. Ich lag ausgestreckt auf dem kleinen Sofa und rauchte friedlich.
,Komm mit an Land, Ned’, sagte er in seiner barschen Art.
Ich sprang selbstverständlich auf und lief hinter ihm das Fallreep hinunter und die George Street hinauf. Er schritt wie ein Riese aus, und ich keuchte an seiner Seite. Es war verflixt heiss. ,Wohin, um alles in der Welt, rennst du nur, Charley?’ erkühnte ich mich zu fragen.
Hierhin’, sagte er.
,Hier’ war ein Juweliergeschäft. Ich konnte mir nicht erklären, was er dort wollte. Es erschien mir wie ein verrückter Einfall. Er schob mir drei Ringe unter die Nase, die sehr klein aussahen auf seiner grossen braunen Handfläche, und brummte: ,Für Maggie! Welchen?’
Mich packte ein gelinder Schrecken. Ich brachte keinen Laut hervor, doch ich deutete auf einen, der weiss und blau glitzerte. Er schob ihn in seine Westentasche, bezahlte mit einer Menge Goldstücke und stürmte davon. Als wir an Bord zurückkamen, war ich völlig ausser Atem. ,Gratuliere, Alter’, keuchte ich. Er versetzte mir einen Schlag auf den Rücken. ,Gib dem Bootsmann was für Befehle du willst, wenn die Leute Wache wechseln’, sagte er, ,ich nehme mir für heute nachmittag Urlaub.’
Dann verschwand er für eine Weile vom Deck, trat jedoch bald darauf wieder mit Maggie aus der Kajüte. Und nun schritten diese beiden in aller Öffentlichkeit und vor den Augen der Matrosen das Fallreep hinunter, um an diesem scheusslichen, glühendheissen Tag mit wirbelnden Staubwolken einen Spaziergang zu machen. Sie kamen etliche Stunden später wieder an Bord und blickten sehr gelassen drein, schienen aber nicht die leiseste Ahnung zu haben, wo sie gewesen. Jedenfalls gaben sie beide beim Tee auf Mrs. Colchesters Frage diese Antwort.
Wie Sie sich denken können, wurden die teuflischen Neigungen des fluchheladenen Schiffes niemals an Bord erwähnt. Zumindest nicht in der Kajüte. Nur einmal auf der Heimreise war Charley so unbesonnen, etwas zu sagen wie: diesmal solle aber die gesamte Mannschaft heimgebracht werden. Kapitän Colchester blickte sogleich sehr verdriesslich drein, und dieses alberne, hartgesottene alte Weib schnauzte Charley an, als habe er etwas Unanständiges gesagt. Ich war selber sehr verwirrt; und was Maggie betraf, so sass sie völlig verständnislos da und riss ihre blauen Augen weit auf. Selbstverständlich quetschte sie noch am selben Tag alles aus mir heraus. Sie war eine Person, der man schlecht etwas vorlügen konnte.
,Wie fürchterlich’, sagte sie ernst. ,So viele arme Burschen. Ich bin nur froh, dass die Reise fast zu Ende ist. Ich werde jetzt keinen Augenblick mehr Ruhe finden, Charleys wegen.’
Ich versicherte ihr, Charley sei in Ordnung. Da brauche es schon mehr als die Tücken dieses Schiffes, um einen Seemann wie Charley unterzukriegen. Und sie gab mir recht.
Am nächsten Tag erreichten wir den Schlepper vor Dungeness; und als die Trosse befestigt war, rieb sich Charley die Hände und sagte mit verhaltener Stimme zu mir: ,Wir haben ihm ein Schnippchen geschlagen, Ned.’
,Sieht so aus’, sagte ich und grinste ihn an. Es war herrliches Wetter und das Meer so glatt wie ein Mühlteich. Wir fuhren den Fluss ohne die Spur einer Schwierigkeit hinauf, ausser einmal, als vor Hole Haven das Untier plötzlich ausscherte und beinahe einen Lastkahn erfasste, der dicht neben der Fahrrinne vor Anker lag. Doch ich war achtern auf Posten, überwachte die Steuerung, und diesmal überrumpelte sie mich nicht. Charley kam auf das Poopdeck herauf und sah sehr besorgt drein. ,Mit knapper Not klargekommen’, sagte er.
,Macht nichts, Chadey’, antwortete ich munter. ,Du hast es gebändigt.’
Wir sollten bis hinauf zum Hafenbecken geschleppt werden. Der Flusslotse kam unterhalb Gravesend an Bord, und das erste, was ich ihn sagen hörte, war: ,Sie können ebensogut Ihren Backbordanker gleich innenbords nehmen, Herr Steuermann.’ Dies war ausgeführt worden, als ich nach vorne ging. Auf der Spitze des Vorderdecks sah ich Maggie, die sich an dem Getriebe freute, und ich bat sie, achtern zu gehen; aber sie nahm selbstverständlich keine Notiz von mir. Dann erblickte Charley sie, der mit dem Hauptgeschirr alle Hände voll zu tun hatte, und schrie mit lauter Stimme: ,Geh von der Vorderdeckspitze herunter, Maggie. Du bist da im Weg.’ Als Antwort schnitt sie nur eine komische Grimasse, und ich sah, wie der arme Charley sich umdrehte, um ein Lächeln zu verbergen. Ihr Gesicht war gerötet vor Aufregung, wieder nach Hause zu kommen, und ihre blauen Augen schienen elektrische Funken zu sprühen, wenn sie auf den Fluss blickte. Ein Kohlenschiff war gerade vor uns eingeschwenkt, und unser Schlepper musste eiligst seine Maschine absteüen, um nicht mit dem Schiff zu kollidieren.
Aber ich hatte nicht mehr Zeit genug, ihren Namen zu schreien. Vermutlich hörte sie mich gar nicht. Die erste Berührung des Kabeltaus mit dem Ankerarm warf sie herunter; im Nu stand sie wieder auf den Beinen, aber sie stand auf der verkehrten Seite. Ich hörte ein entsetzliches, knirschendes Geräusch, und dann kippte der Anker um und reckte sich wie etwas Lebendiges auf; sein grosser, roher Eisenarm fasste Maggie um die Hüfte, schien sie in einer fürchterlichen Umarmung zu umschliessen und schwang mit ihr über und hinab, unter einem grässlichen Geklirr, dem schwere, dröhnende Schläge folgten, die das ganze Schiff von Bug bis Heck erschütterten – weil der Ringstopper standhielt!
»Wie entsetzlich!” rief ich.
„Ich träumte noch Jahre danach von Ankern, die Mädchen erfassen”, sagte der Mann im Tweed ein wenig hitzig. Er schauderte. „Mit einem kläglichen Schrei sprang ihr Charley fast im selben Augenblick nach. Aber, gütiger Gott! er sah in dem Wasser keinen Schimmer ihrer roten Baskenmütze. Nichts! überhaupt nichts! Im Nu waren ein halbes Dutzend Boote um uns, und er wurde in eines hineingezogen. Ich liess zusammen mit dem Hochbootsmann hastig den anderen Anker hinunter und brachte das Schiff irgendwie zum Stehen. Der Lotse hatte den Verstand verloren. Er schritt auf dem Vorderdeck auf und ab, rang die Hände und murmelte vor sich hin: ,Jetzt tötet es schon Frauen, tötet Frauen!’ Man konnte kein anderes Wort aus ihm herausbringen.
Die Dämmerung brach herein und dann eine pechschwarze Nacht; und während ich über den Fluss spähte, hörte ich einen leisen, traurigen Anruf: ,Schiff ahoi!’ Zwei Gravesender Fährleute kamen längsseits. Sie hatten eine Laterne in ihrem Boot, blickten an der Schiffswand empor und steuerten wortlos auf die Leiter zu. Ich sah in dem Lichtfleck dort unten einen Wust aufgelöster blonder Haare.”
Er schauderte abermals. „Nach dem Gezeitenwechsel war der Leichnam der armen Maggie an einer jener Ankerbojen vorbeigetrieben”, erklärte er. „Ich kroch achtern, halb tot vor Entsetzen, und es gelang mir, eine Rakete in den Himmel zu schiessen – um den anderen Suchenden auf dem Fluss ein Zeichen zu geben. Dann schlich ich mich wieder nach vorn, wie ein Köter, und hockte die Nacht über auf dem Ende des Bugspriets, um mich so weit wie möglich abseits von Charley zu halten.”
„Der arme Kerl!” murmelte ich.
„Ja. Der arme Kerl”, wiederholte er sinnend. „Dieses Untier liess sich nicht von ihm – nicht einmal von ihm – um seine Beute bringen. Doch er machte das Schiff am nächsten Morgen im Hafen fest. Das tat er. Wir hatten kein Wort gewechselt – nicht einen einzigen Blick, was das anbelange. Ich wollte ihn nicht anblicken. Als das letzte Tau festgesetzt war, griff er sich mit den Händen an den Kopf und starrte vor sich hin, als versuche er, sich auf etwas zu besinnen. Auf dem Hauptdeck wartete die Mannschaft auf das Wort, das die Reise beenden sollte. Vielleicht suchte er sich darauf zu besinnen. Ich redete statt seiner. ,Das mag genügen, Leute.’
Nie wieder sah ich eine Mannschafe so leise von einem Schiff gehen. Die Männer krochen, einer nach dem anderen, über die Reling und achteten darauf, dass sie ihre Seemannskisten nicht zu laut anschlugen. Sie blickten zu uns herüber, doch keiner hatte den Mut, zu uns zu kommen, um dem Steuermann zum Abschied die Hand zu schütteln, wie das sonst üblich ist.
Ich folgte ihm über das ganze leere Schiff, hin und her, hierhin und dorthin. Kein lebendiges Wesen weit und breit, ausser uns beiden; denn der Schiffshüter hatte sich in der Kombüse eingeschlossen – beide Türen verriegele. Plötzlich murmelte der arme Charley mit irrer Stimme: ,Ich bin fertig hier’ und schreitee- ich folge ihm auf den Fersen – das Fallreep hinunter, den Kai entlang, durch das Hafentor zum Tower Hill hinauf.”
Der Mann im Tweedanzug nickte mir bedeutungsvoll zu.
„Ah! Diesem Untier war nicht beizukommen. Es hatte den Teufel im Leib.”
„Wo ist Ihr Bruder jetzt?” fragte ich und rechnete damit zu hören, dass er tot sei. Doch er befehligte einen schnittigen Dampfer vor der chinesischen Küste und kam jetzt nie mehr nach Hause.
Jermyn stiess einen tiefen Seufzer aus und hob das Taschentuch, da es nun genügend getrocknet war, behutsam an seine rote und beklagenswerte Nase.
»Es war ein reissendes Tier”, begann der Mann im Tweedanzug von neuem. »Der alte Colchester setzte seinen Willen durch und trat von seinem Posten zurück. Und ist es zu fassen? Apse & Söhne schrieben ihm einen Brief, in dem sie ihn baten, sich seinen Entschluss noch einmal zu überlegen! Alles nur, um den guten Namen der ,Apse-Familie’ zu retten! Der alle Colchester ging daraufhin in das Kontor und erklärte, dass er den Befehl wieder übernehmen wolle, doch nur um das Schiff in die Nordsee hinauszufahren und es dort zu versenken. Er war beinahe von Sinnen. Sein Haar war bisher von einem dunklen Eisengrau gewesen, doch innerhalb von vierzehn Tagen wurde es schneeweiss.
Sie nahmen den Erstbesten, dessen sie habhaft werden konnten, aus Furcht vor der Schmach, dass die ,Apse-Familie’ keinen neuen Kapitän finden könne. Er war eine fröhliche Haut, glaube ich, aber er hielt auf ihr aus, grimmig und unerbittlich. Wilmot war sein Zweiter Steuermann. Ein fahriger Bursche, der sich mit seiner grossen Verachtung für alle Mädchen brüstete. Tatsache ist, dass er im Grunde schüchtern war. Doch wenn eine nur ermunternd den kleinen Finger hob, war der arme Kerl nicht mehr zu halten.
Es wird berichtet, man habe einmal ein Mitglied der Firma die Hoffnung äussern hören, dass das Schiff bald verlorengehe. Aber nicht dieses Schiff. Es sollte ewig halten. Es hatte eine Spürnase, sich von Untiefen fernzuhalten.”
Jermyn brummte beifällig.
»Ein Schiff nach dem Geschmack eines Lotsen, was?” spottete der Mann im Tweed. »Nun, Wilmot schaffte es. Er hatte das Zeug dazu, doch sogar er hätte es vielleicht nicht fertiggebracht, wäre nicht die grünäugige Gouvernante oder Nurse (oder was immer sie war) der Kinder von Mr. und Mrs. Pamphilius gewesen.
Diese Leute waren Passagiere auf dem Schiff von Port Adelaide bis zum Kap. Nun, das Schiff lief aus und ankerte einen Tag lang draussen. Der Kapitän – die gesellige Haut- hatte eine Schar Gäste aus der Stadt zu einem Abschiedslunch eingeladen, wie er es gewöhnlich tat. Es wurde fünf Uhr nachmittags, ehe das letzte Küstenboot vom Schiff abstiess, und das Wetter sah hässlich und dunkel aus im Golf. Er hätte keinen Grund gehabt, in See zu stechen. Da er jedoch jedermann gesagt hatte, er laufe noch selbigen Tages aus, hielt er es für schicklich, dies auch zu tun. Doch da ihm auf all diese Festlichkeiten hin keineswegs der Sinn danach stand, die Meerenge in der Dunkelheit und mit flauem Wind anzugehen, gab er Befehl, das Schiff bis zum nächsten Morgen unter niedrigerem Topsegel und Klüver so dicht am Wind, wie es nur anging, die Küste entlangschleichen zu lassen. Dann suchte er seine Lagerstätte auf. An Deck befand sich der Erste Steuermann, dem das Gesicht von heftigen Regenböen rein gewaschen worden war. Wilmot löste ihn um Mieternacht ab.
Die ,Apse-Familie’ hatte, wie Sie gehöre haben, ein Haus auf ihrem Poopdeck. . .”
„Ein grosses, hässliches, weisses Ding, das hoch aufragte”, murmelte Jermyn traurig ins Feuer.
»Richtig: eine Überdachung für die Kajütstreppe und gleichzeitig eine Art Kareenraum. Der Regen goss in Strömen auf den schläfrigen Wilmot nieder. Das Schiff schaukelte gerade langsam südwärts, dicht am Wind, die Küste etwa drei Meilen luvwärts. Es gab nichts, wonach man hätte Ausschau halten müssen in diesem Teil des Golfs, und Wilmot ging um das Haus herum? um den Regenböen im Lee jenes Kartenraums auszuweichen, dessen Tür sich nach dieser Seite hin öffnete. Die Nacht war schwarz wie ein Fass Kohlenpech. Und er hörte eine Frauenstimme, die ihm zuflüsterte.
Dieses verdammte grünäugige Mädchen der Pamphilius hatte die Kinder natürlich längst zu Bett gebracht, aber anscheinend selber keinen Schlaf finden können. Sie stahl sich hinauf in den Kartenraum wohl um sich Kühlung zu schaffen.
Als ihr Flüstern an Wilmots Ohr drang, war es vermutlich, als hätte jemand im Hirn des Kerls ein Streichholz angezündet. Ich weiss nicht, wie es zugegangen war, dass sie sich so eng aneinander angeschlossen hatten. Ich denke mir, dass er sie schon mehrmals an Land getroffen hatte. Ich vermochte nichts darüber in Erfahrung zu bringen, denn als Wilmot mir die Geschichte erzählte, stiess er- bei jedem zweiten Wort irgendeine fürchterliche Verwünschung hervor. Wir waren uns am Kai in Sydney begegnet, und er hatte eine Schürze aus Sackleinwand vorgebunden, die ihm bis zum Kinn reichte. In der Hand hielt er eine grosse Peitsche. Ein Fuhrknecht. War froh, überhaupt eine Arbeit gefunden zu haben, um nicht Hungers sterben zu müssen. Dahin war es mit ihm gekommen.
Da stand er also, den Kopf durch die Tür gestreckt und aller Wahrscheinlichkeit nach an die Schulter des Mädchens gelehnt- der wachhabende Offizier! Der Rudergänger erklärte später bei seiner Zeugenaussage, er habe verschiedene Male gerufen, dass die Lampe im Kompasshäuschen ausgegangen sei. Es beunruhigte ihn nicht, da er Befehl haue, das Schiff ,dicht am Wind zu halten’. ,Ich fand es komisch’, sagte er, ,dass das Schiff in den Böen immer wieder vom Strich abfallen sollte, aber ich luvte es jedesmal wieder an, so dicht ich konnte. Es war so dunkel, dass ich nicht die Hand vor den Augen sehen konnte, und der Regen prasselte mir wie aus Kübeln auf den Kopf.’
In Wirklichkeit war der Wind bei jeder Bö ein wenig weiter nach achtern umgesprungen, bis das Schiff nach und nach direkten Kurs auf die Küste hatte, ohne dass sich eine Menschenseele an Bord dessen bewusst gewesen wäre. Wilmot selbst gestand, dass er etwa eine Stunde lang nicht in die Nähe des Standardkompasses gekommen sei. Er hatte gut gestehen! Das erste, woran er sich erinnerte, war, dass der Mann im Ausguck vorne Zeter und Mordio schrie.
Er habe sich aus der Umhalsung losgerissen, berichtete er, und zurückgerufen: ,Was sagen Sie?’
,Ich glaube, ich höre vor uns Brecher, Sir’, brüllte der Mann und kam mit den übrigen Männern der Wache achtern gerannt, in ,dieser fürchterlichsten, alle Sicht nehmenden Sintflut, die je vom Himmel niederging’, sagte Wilmot. Ungefähr eine Sekunde lang war er so entsetzt und verdutzt, dass er sich nicht zu besinnen vermochte, auf welcher Seite des Golfs das Schiff sich befand. Er war kein guter Offizier, aber er war dennoch ein Seemann. Sogleich riss er sich zusammen, und die richtigen Befehle sprangen ihm ohne weitere Überlegung auf die Lippen. Sie mussten das Ruder hart in den Wind eindrehen und das Haupt- und Besantopsegel kllen lassen.
Es hat den Anschein, als flatterten die Segel tatsächlich. Er konnte sie nicht sehen, aber er hörte sie über seinem Kopf knattern. ,Zwecklos! Das Schiff liess sich zu langsam abdrehen’, fuhr er fort, während sein Gesicht zuckte und die verdammte Fuhrmannspeitsche in seinen Händen zitterte. ,Es schien unbeirrbar voranzustreben.’ Und das Knattern der Segel über seinem Kopf hörte auf. In diesem kritischen Augenblick sprang der Wind abermals in einer Bö weiter achtern herum, blähte die Segel und warf das Schiff mit grossem Schwung auf die Klippen leewärts vor dem Bug. Das Schiff hatte es zu weit getrieben mit seinem Spielchen. Seine Zeit war gekommen – die Stunde, der Mann, die schwarze Nacht, der heimtückische Windstoss – die richtige Frau, um ihm ein Ende zu machen. Das Untier verdiente nichts Besseres. Seltsam sind die Wege der Vorsehung. Es gibt da eine Art dichterischer Gerechtigkeit -” Der Mann im Tweed sah mich scharf an.
»Das erste Felsenriff, über das es fuhr, riss ihm den Loskiel ab. Ratsch! Der Kapitän, der aus seiner Koje stürzte, stiess in der Kajüte auf ein wahnsinniges Frauenzimmer in rotem Flanellmorgenrock, das hin und her rannte und wie ein Kakadu kreischte.
Der nächste Aufprall schleuderte das Mädchen sauber unter den Kajütstisch. Er setzte ebenfalls den Achtersteven in Bewegung und riss das Ruder los, und dann raste das Untier einen geneigten, felsigen Strand hinauf und riss sich den Rumpf auf, bis es plötzlich liegenblieb und der Hauptmast sich wie ein Fallreep über den Bug neigte.«
»Jemand verlorengegangen?« fragte ich.
»Niemand ausser jenem Wilmot«, antwortete der Herr, der Miss Blank unbekannt war und sich nach seiner Mütze umsah. „Und sein Fall war schlimmer als Ertrinken. Jedermann kam richtig an Land. Der Sturm erfasste das Schiff erst am nächsten Tag, haarscharf aus Westen, und zertrümmerte dieses Untier in erstaunlich kurzer Zeit. Es war, als sei es bis ins Herz hinein verrottet gewesen.”… Er änderte den Ton. »Der Regen hat nachgelassen. Ich muss mich auf mein Fahrrad setzen und schleunigst zum Essen nach Hause fahren. Ich wohne in der Herne Bay – machte mich heute morgen zu einer kleinen Tour auf.«
Er nickte mir freundlich zu und ging mit wiegendem Schritt hinaus.
»Wissen Sie, wer er ist, Jermyn?« fragte ich.
Der Nordseelotse schüttelte mürrisch den Kopf. „Stellen Sie sich vor, auf so dumme Weise ein Schiff zu verlieren! Oh, liebe Zeit! Oh, liebe Zeit!” brummte er trübsinnig und hielt wieder sein feuchtes Taschentuch wie einen Vorhang ausgebreitet an das glühende Kamingitter.
Beim Hinausgehen wechselte ich (peinlich korrekt) einen Blick und ein Lächeln mit der ehrbaren Miss Blank, dem Barmädchen der ,Drei Krähen’.