Im offenen Boot

von Stephen Crane

Keiner Kümmerte sich um die Farben am Himmel. Ihre Augen hafteten starr an den Wogen, die auf sie zuschossen. Die Wogen waren schiefergrau, bis auf die Kämme, die weisslich schäumten; und jeder der vier Männer kannte die Farben der See. Der Gesichtskreis verengte sich und wurde wieder weit, er sank und er stieg, doch immer war seine Kreislinie von Wellen zerfetzt, die spitzig wie Klippen aufragten. Manch einer sollte wohl eine Badewanne besitzen, die grösser als das Boot ist, das da über die Wogen ritt. Diese Wogen türmten sich ganz unsinnig und unmenschlich schroff und steil auf.

Der Koch hockte auf dem Bootsboden und starrte krampfhaft auf die sechs Zoll Bordwand, die ihn vom Ozean trennten. Seine Ärmel hatte er an den fetten Unterarmen in die Höhe gekrempelt, und die Zipfel seiner offenstehenden Weste baumelten herunter, als er sich bückte, um das Boot auszuschöpfen. Wer weiss wie oft sagte er: „Grosser Gott! Das wär beinah schiefgegangen!”

Der Maschinist, der mit dem einen der beiden Ruder steuerte, richtete sich manchmal hastig auf, um sich vor dem Wasserschwall zu retten, der übers Heck flutete. Es war ein dünnes, kleines Ruder, und oft schien es, als würde es gleich durchbrechen. Der Berichterstatter, der das andere Ruder durchs Wasser riss, sah auf die Wogen und wunderte sich, dass ihm so etwas zugestossen war.

Der Kapitän lag verwundet im Bug; er steckte noch tief in jener Niedergeschlagenheit und Gleichgültigkeit, die – zumindest zeitweise – selbst die Tapfersten und Zähesten überfällt, wenn, allem zum Trotz, die Firma Bankrott macht, die Armee geschlagen wird, das Schiff sinkt. Wer über ein Fahrzeug gebietet, dessen Sinn ist tief in den Spanten eines Schiffs verwurzelt, und dieser Kapitän hier hatte noch immer ein grimmiges Bild vor Augen: sieben bei Morgengrauen zu ihm auf gewandte Gesichter und später den Stumpf einer Marsstenge mit einem weissen Ball daran, die auf den Wellen hin- und herschlug und tief und tiefer sank und hinab. Von da an schwang in seiner Stimme, obschon sie fest war, tiefe Trauer mit als sei sie über alle Worte und Tränen hinaus.

„Halt etwas mehr nach Süden, Billie!” sagte er.

„Etwas mehr nach Süden, Sir”, wiederholte der Maschinist im Heck.

In diesem Boot sass man wie auf einem bockenden Mustang, und ein Mustang ist ja – um im Bilde zu bleiben – auch nicht viel kleiner als so ein Dingi. Es bäumte sich und stieg und schlug wie ein Gaul hinten aus. Jedesmal wenn eine Woge kam und das Boot sich ihr entgegenhob, glich es einem Pferd vor einer viel zu hohen Hürde. Wie es überhaupt solche Wogenmauern überklettern konnte, bleibt ein Rätsel. Nachdem es zornmütig über den Kamm gestampft war, glitt und raste und platschte es den langen Wasserhang zu Tal und befand sich schaukelnd und tänzelnd vor der nächsten drohend überhängenden Wand.

In einem zehn Fuss langen Dingi bekommt man eine Vorstellung, was die See in bezug auf Wogen zu leisten vermag. Jedesmal wenn eine schiefergraue Wasserwand näher rückte, versperrte sie den Ausblick auf alles andere, und man hätte leicht denken können, gerade diese Woge sei der letzte Wutausbruch des Ozeans und die letzte Kraftanstrengung der ergrimmten Wasser. Es lag eine fürchterliche Eleganz im Vorrücken der Wellen, wie sie da nahten – stumm – bis auf das Zischen ihrer Kämme.

Im fahlen Licht mögen die Gesichter der Männer grau gewesen sein. Die Augen haben wohl seltsam geglitzert, während sie achteraus stierten. Das Ganze hätte, von einem Altan herab betrachtet, zweifellos gespenstig malerisch ausgesehen. Aber die Männer im Boot hatten keine Zeit, es so zu sehen. Die Sonne stieg stetig himmelan, und sie wussten, dass heller Tag war, weil die See vom Schiefergrau in ein smaragdenes Grün überging.

In abgerissenen Sätzen stritten sich der Koch und der Berichterstatter um den Unterschied zwischen einer Rettungsstation und einer Schutzhütte. Der Koch hatte gesagt: »Gleich nördlich vom Leuchtturm an der Moskitobucht ist eine Schutzhütte, und sobald die Leute uns dort sichten, kommen sie schon mit ihrem Boot und retten uns.«

„Schutzhütten haben keine Mannschaft”, entgegnete der Berichterstatter. „Meines Wissens werden dort nur Kleider und Lebensmittel für Schiffbrüchige aufbewahrt. Mannschaften gibt’s da nicht!”

»Gibt’s doch!” erwiderte der Koch.

»Gibt’s nicht!” entgegnete der Berichterstatter.

„Und jedenfalls sind wir noch gar nicht da!” rief vom Heck her der Maschinist.

„Vielleicht ist’s auch keine Schutzhütte, die ich meine, sondern eben eine Rettungsstation”, sagte der Koch.

„Und jedenfalls sind wir noch nicht da!” rief der Maschinist.

WENN DAS BOOT vom Kamm einer Woge schnellte, fuhr der Wind den barhäuptigen Männern jedesmal durchs Haar, und der Gischt klatschte auf sie nieder. Jeder Wogenkamm war wie ein Berggipfel, von dem aus die Männer einen Augenblick die gärende, blanke und sturmzerfetzte Wasserwüste überschauen konnten. Sicher war es prachtvoll, sicher war es grossartig, dieses Lichterspiel der ungestümen See.

„Verdammt gut, dass der Wind landwärts steht!” rief der Koch. »Denn sonst wären wir schlimm dran.”

»Stimmt”, sagte der Berichterstatter.

Der emsige Maschinist nickte nur.

Der Kapitän im Bug aber musste auflachen, und es klang gleichzeitig humorvoll und bitter und schwermütig. „Und jetzt, Kinder, glaubt ihr, dass ihr jetzt besonders fein dran seid?”

Worauf die andern nichts zu erwidern hatten. Sie fanden es wohl kindisch oder töricht, jetzt einen besonderen Optimismus zur Schau zu tragen. Andrerseits wäre es in solcher Lage unangebracht gewesen, hätten sie offen von Hoffnungslosigkeit gesprochen. Deshalb schwiegen sie.

»Aber immerhin”, meinte der Kapitän und wollte sie beruhigen, „werden wir schon an Land kommen.”

Doch in seiner Stimme klang etwas mit, was sie bedenklich stimmte; daher sagte der Maschinist: „Ja, wenn der Wind hält!”

Der Koch schöpfte Wasser und rief: „Ja, wenn uns die Brandung nicht zusammenschlägt!”

Möwen flattern nah und fern. Manchmal liessen sie sich behaglich aufs Wasser nieder, neben braunen Seetangfeldern, so dass die im Boot sie beneideten, denn ihnen bedeutete die Wut der See ebensowenig wie einem Volk Steppenhühner tausend Meilen landeinwärts. Öfters kamen sie ganz nahe und starrten die Männer mit ihren schwarzen Knopfaugen an. Dann wirkten sie mit ihrem unablässigen Glotzen unheilvoll und nicht ganz geheuer, und die Männer schrien ihnen ärgerlich zu, sie sollten sich fortscheren. Eine Möwe kam geflogen und wollte sich offenbar auf dem Kopf des Kapitäns niederlassen. Sie flog mit dem Boot mit und flatterte höchstens kurz beiseite. Die schwarzen Augen hatte sie beharrlich auf den Kopf des Kapitäns gerichtet.

„Scheussliches Biest!” rief der Maschinist dem Vogel zu. Der Koch und der Berichterstatter stiessen giftige Flüche aus. Der Kapitän hätte am liebsten mit dem Ende der dicken Fangleine nach ihr ausgeholt, doch jede übertriebene Bewegung hätte das schwerbelastete Boot zum Kentern gebracht, deshalb scheuchte er sie nur mit der offenen Hand sanft und vorsichtig fort. Als sie endlich von ihrem Vorhaben abliess, atmeten die andern auf, weil ihnen der Vogel unter diesen Umständen wie ein grässlicher Unglücksbote vorkam.

Und die ganze Zeit ruderten der Maschinist und der Berichterstatter. Sie sassen auf der gleichen Bank, und jeder zog sein Ruder durch.

Dann nahm der Maschinist beide Ruder, danach der Berichterstatter, dann der Maschinist und nach ihm wieder der Berichterstatter. Sie ruderten und ruderten. Der heikelste Augenblick war es stets, wenn der sich im Heck Ausruhende wieder an der Reihe war, den andern abzulösen. Es wäre bestimmt leichter gewesen, einer Henne die Eier unter dem Leib wegzustehlen, als hier im Beiboot die Plätze zu wechseln. Zuerst glitt der Mann im Heck mit seiner Hand am Dollbord entlang. Danach liess der Mann auf der Ruderbank seine Hand über das andere Dollbord gleiten. Alles vollzog sich bei grösster Achtsamkeit. Während die beiden aneinander vorbeischlüpften, hielten die anderen Männer scharf nach der nächsten Woge Ausschau, und der Kapitän rief: „Obacht jetzt! Ruhig!”

Die braunen Tangmatten, die von Zeit zu Zeit erschienen, waren wie Inseln und wie Stückchen Land. Sie trieben offenbar in keiner bestimmten Richtung. Es war ganz so, als ob sie stets auf der gleichen Stelle blieben. Daran konnten die Männer im Boot erkennen, dass sie sich dem Lande näherten.

Der Kapitän richtete sich, als das Boot einen besonders hohen Wellenberg erklomm, behutsam im Bug auf und rief dann, er habe den Leuchtturm in der Moskitobucht gesehen. Gleichzeitig behauptete auch der Koch, ihn gesichtet zu haben. Der Berichterstatter handhabte gerade die Ruder, und begreiflicherweise wollte auch er den Leuchtturm sehen; doch sass er mit dem Rücken gegen die Küste, und die Wogen waren so mächtig, dass er eine Zeitlang keine Gelegenheit fand, den Kopf umzudrehen. Doch endlich kam eine Welle, die sanfter als die andern war, und als sie auf ihrem Kamm thronten, musterte er geschwind den westlichen Horizont.

»Sehen Sie ihn?” fragte der Kapitän.

»Nein”, erwiderte der Berichterstatter langsam, „ich habe überhaupt nichts gesehen.”

„Blicken Sie noch mal hin!” sagte der Kapitän und wies die Richtung. „Genau dort ist er!”

Auf dem nächsten Wogenkamm tat der Berichterstatter, wie ihm geheissen war, und diesmal erhaschte sein Auge ein kleines feststehendes Etwas am Rande des schwankenden Gesichtskreises. Es glich durchaus einer Nadelspitze. Nur ein besorgter Blick konnte eine so winzige Andeutung eines Leuchtturms ausfindig machen.

„Glauben Sie, wir schaffen’s, Herr Kapitän?”

„Wenn der Wind hält und das Boot nicht voll Wasser schlägt, wird es uns wohl glücken”, erwiderte der Kapitän.

Das kleine Boot, das von jeder sich auftürmenden Woge hochgehoben und von den Gischtkämmen giftig übersprüht wurde, rückte weiter voran. Hin und wieder brandete eine grosse Wasserplache, einer weissen Flamme gleich, ins Boot hinein.

»Schöpfen, Koch!” befahl der Kapitän gelassen.

»All right, Käptn!” rief munter der Koch.

EINE GEHEIME BRÜDERLICHKEIT hatte sich hier auf See zwischen den Männern angesponnen. Keiner redete darüber. Doch jeder fühlte sich davon angerührt. Da waren sie, ein Kapitän, ein Maschinist, ein Koch und ein Berichterstatter, und waren Freunde, die merkwürdig fest miteinander verkittet waren. Der verwundete Kapitän lehnte gegen das Wasserfass im Bug und sprach nie anders als mit leiser und ruhiger Stimme; doch hätte er keine Mannschaft finden können, die williger und schneller gehorchte als die zusammengewürfelte der drei Männer im kleinen Boot. Und es geschah nicht nur aus blosser Erkenntnis dessen, was für das allgemeine Wohl am besten sei. Bestimmt war auch eine Kameradschaft da, die der Berichterstatter, den der Umgang mit Menschen zynisch gemacht hatte, für sein schönstes Erlebnis hielt. Doch keiner sprach es aus, dass dem so war. Keiner redete darüber.

„Ich wünschte, wir hätten ein Segel”, bemerkte der Kapitän. „Wir könnten es mit meinem Mantel versuchen, an ein Ruder gespannt, damit ihr beiden euch mal ausruhen könnt.” Der Koch und der Berichterstatter hielten also das Ruder mit dem ausgebreiteten Mantel wie einen Mast hoch. Der Maschinist steuerte, und das kleine Boot machte mit seiner neuen Takelung gute Fahrt. Manchmal musste der Maschinist scharf beidrehen, wenn eine See ins Boot zu schlagen drohte, doch im übrigen war die Seglerei ein guter Einfall.

Der Leuchtturm war unterdessen langsam grösser geworden. Er nahm jetzt beinahe Farbe an und hob sich wie eine kleine graue Silhouette gegen den Himmel ab. Endlich konnten die Männer im tanzenden Boot vom Kamm einer jeden Woge Land sichten, ein langer schwarzer Schatten auf der See – und dünner als Papier. „Wir müssen etwa gegenüber von New Smyrna sein”, sagte der Koch, der diese Küste schon oft auf Schonern befahren hatte. »Übrigens glaub ich, Käptn, dass sie die Rettungsstation schon vor einem Jahr oder so aufgegeben haben.” »Wirklich?” sagte der Kapitän.

Der Wind flaute allmählich ab. Der Koch und der Berichterstatter brauchten sich nicht mehr so zu plagen, um den Mantel hochzuhalten.

Da das kleine Boot nicht länger Fahrt machte, torkelte es furchtbar über die Wogen hin. Der Maschinist und der Berichterstatter griffen wieder zu den Rudern.

Ein Schiffbruch pflegt völlig unerwartet einzutreffen. Falls man sich darin üben und ihn immer erst dann eintreffen lassen könnte, wenn alle sich tüchtig drauf verstehen, dann gäbe es weniger Verluste durch Ertrinken. Von den vier Männern hatte schon zwei Tage, ehe sie das Beiboot bestiegen hatten, keiner richtig die Augen zugemacht, und bei dem aufregenden Herumklettern auf Deck eines sinkenden Schiffes hatten sie auch vergessen, ausreichend zu essen.

Der Berichterstatter fragte sich erstaunt, wieso Menschen mit Vergnügen ein Boot rudern konnten. Es war kein Genuss; es war eine Höllenstrafe, eine Muskelqual und eine Rückentortur. Er erklärte den Bootsinsassen, was er von diesem Vergnügen hielte, und der Maschinist mit seinem müden Gesicht lächelte verständnisinnig. Übrigens hatte er schon vor dem Schiffbruch im Maschinenraum Überstunden gemacht.

»Lasst es jetzt leichter angehn, Jungen!” sagte der Kapitän. »Überanstrengt euch nicht! Wenn wir durch die Brandung müssen, braucht ihr eure ganze Kraft, denn zuletzt müssen wir schwimmen. Lasst euch Zeit!”

Allmählich hob sich das Land aus der See. Aus einem schwarzen Strich wurde es zu einem schwarzen und einem weissen Strich: zu Bäumen und Sand. Schliesslich sagte der Kapitän, er könne an Land ein Haus erkennen. »Das ist bestimmt die Schutzhütte”, meinte der Koch. „Jetzt werden sie uns bald sehen und ausfahren, um uns zu

holen!”

Der Leuchtturm in der Ferne stieg in die Lüfte. „Der Wärter dort sollte uns jetzt entdecken, falls er durchs Fernrohr blickt”, meinte der Kapitän. „Sicher wird er gleich die Rettungsmannschaft alarmieren!”

„Von den andern Booten ist wohl keins an der Küste gelandet und hat vom Schiffbruch erzählt”, sagte der Maschinist, und seine Stimme klang leise. „Sonst wäre ja das Rettungsboot schon auf der Suche.”

Langsam, herrlich schön stieg das Land aus der See. Der Wind kam wieder auf. Er war von Nordosten nach Südosten umgesprungen. Endlich drang den Männern im Boot ein neuer Laut ans Ohr. Es war das gedämpfte Donnern der Brandung. »Etwas nach Norden halten, Billie!“ sagte der Kapitän.

»Etwas nach Norden, Sir”, wiederholte der Maschinist.

Darauflhin wandte das kleine Boot seine Nase abermals in den Wind, und ausser dem Ruderer beobachteten alle das Aufsteigen der Küste. Bei diesem Anblick schwanden Zweifel und bange Furcht aus den Herzen der Männer. Vielleicht waren sie in einer Stunde schon an Land?

Ihre Wirbelsäulen hatten sich jetzt völlig daran gewöhnt, das Gleichgewicht im Boot zu wahren, so dass sie nun wie Zirkuskünstler das wilde Füllen von einem Boot ritten. Der Berichterstatter hatte geglaubt, er sei bis auf die Haut durchnässt, doch in der Brusttasche seiner Jacke entdeckte er vier völlig unversehrte Zigarren. Nach einigem Suchen förderte einer drei trockene Zündhölzchen zutage, und daraufhin schaukelten die vier Obdachlosen keck in ihrer Nussschale weiter und pafften ihre dicken Zigarren, während ihnen die Gewissheit der nahe bevorstehenden Rettung aus den Augen leuchtete. Jeder nahm einen Schluck Trinkwasser.

»KOCH”, BEMERKTE DER KAPITÄN, »an deiner Schutzhütte kann ich allerlei Lebenszeichen sehen.”

»Stimmt”, erwiderte der Koch. »Komisch, dass sie uns noch nicht entdeckt haben!”

Vor den Augen der Männer dehnte sich ein breiter, niedriger Küstenstrich. Es waren Dünen, von dunklerem Pflanzenwuchs gekrönt. Manchmal sahen sie den weissen Saum einer Welle, wie sie den Strand hinanleckte. Ein winziges Haus zeichnete sich als schwarzer Würfel gegen den Himmel ab. Im Süden erhob sich der schlanke Leuchtturm als kleiner grauer Stift.

Strömung, Wind und Wellen trieben das Boot gen Norden. »Komisch, dass sie uns nicht sehen!” sagten die Männer.

Das Brüllen der Brandung klang hier gedämpfter, doch war es trotzdem noch ein gewaltiges Donnern. Während das Boot über die hohen Roller glitt, hockten die Männer da und lauschten auf das Gebrüll. „Da gehen wir bestimmt unter”, sagten alle.

Hier soll anstandshalber erwähnt werden, dass es innert zwanzig Meilen keine Rettungsstation gab; doch das wussten die Männer nicht, und infolgedessen ergingen sie sich in schmutzigen, schimpflichen Bemerkungen über die schlechten Augen der Männer in den amerikanischen Rettungsstationen. Mit dem guten Mut war es vorbei. Ihr gereiztes Gemüt malte sich alle möglichen Arten von Unfähigkeit und Blindheit und sogar von Feigheit aus. Dort lag die Küste eines volkreichen Landes, und es wurde immer bitterer für sie, dass kein Lebenszeichen von dort zu ihnen herüberdrang. »Tja”, sagte der Kapitän zu guter Letzt, „dann werden wir unser Heil wohl selbst versuchen müssen. Wenn wir zu lange hier draussen warten, hat keiner von uns mehr genügend Kraft zum Schwimmen, nachdem das Boot weggesackt ist.”

Und daraufhin hielt der Maschinist, der am Ruder sass, das Boot schnurstracks auf die Küste zu. Alle spannten die Muskeln an. Alle überlegten fieberhaft.

„Falls wir nicht alle an Land gelangen…”, sagte der Kapitän, „… falls wir nicht alle an Land gelangen, dann wisst ihr wohl, Jungen, wem ihr Nachricht über mein Ende schicken sollt?”

Sie tauschten nun schnell Adressen und Ratschläge aus. Was ihre Gedanken betrifft, so bargen sie ein gut Teil Zorn. Sie mochten etwa so wiedergegeben werden: Wenn ich ertrinken soll… wenn ich ertrinken soll, weshalb dann, im Namen aller sieben verrückten Meergötter, die die See beherrschen, muss ich erst bis hierher kommen und Sand und Bäume wiedersehen? Wenn die Vorsehung beschlossen hat, mich zu ertränken, weshalb hat sie’s nicht gleich zu Anfang schon getan und mir all die Plage erspart? Die ganze Geschichte ist Wahnsinn… Aber nein, das kann nicht ihr Ernst sein, mich hier zu ertränken. Das wagt sie nicht. Nicht nach all der Plakkerei! – Und dann hätte der Mann vielleicht Lust bekommen, mit der geballten Faust himmelwärts zu drohen: Ertränke mich nur, du, dann kannst du was erleben!

Die Wellenberge, die sich jetzt heranwälzten, waren noch fürchterlicher. Immer schien es so, als wollten sie sich gleich überschlagen und das kleine Boot in brodelndem Gischt unter sich begraben. Die Küste lag noch in weiter Ferne. Der Maschinist kannte sich mit Brandungen aus und rief hastig: „Jungens, länger als drei Minuten kann’s nicht mehr so weitergehen, und um zu schwimmen, dafür sind wir noch zu weit draussen. Soll ich wieder seewärts drehen, Sir?”

„Ja, nur zu!” rief der Kapitän.

Dem Maschinisten gelang es wie durch ein Wunder, mit ein paar schnellen und geschickten Ruderschlägen das Boot mitten in der Brandung zu wenden und es wohlbehalten aufs Meer hinauszusteuern. Vielsagendes Schweigen herrschte im Boot, während es über die zerfurchte See tieferen Gewässern entgegentorkelte. Dann sprach eine Stimme mit düsterem Ton: »Jedenfalls müssen sie uns an der Küste gesichtet haben.”

»Was sagst du zu den Rettungsonkeln? Sind das nicht Vollidioten?”

„Vielleicht glauben sie, wir frönen hier unserem Privatsport. Vielleicht glauben sie, wir wollen fischen. Vielleicht halten sie uns für Dummköpfe.”

Es wurde ein langer Nachmittag. Die Strömung wechselte und zwang sie nach Süden, doch Wind und Wellen drängten gen Norden. Und der Maschinist ruderte, und danach ruderte der Berichterstatter. Dann ruderte der Maschinist. Es war eine aufreibende Angelegenheit. Der menschliche Rücken ist nur ein beschränkter Raum, doch kann er zum Schauplatz unzähliger Muskelstörungen, -verrenkungen, -verzerrungen, -stauungen und andrer Schmerzen werden.

»Hat dir das Rudern früher Spass gemacht, Billie?” fragte der Berichterstatter.

»Nein, zum Teufel!” rief der Maschinist.

Wer die Ruderbank mit dem Platz am Bootsboden vertauschte, litt so an körperlicher Erschöpfung, dass er nichts mehr tun wollte. Kaltes Seewasser schwappte im Boot hin und her, und er lag mittendrin. Manchmal schlug eine besonders lärmende Woge ins Boot hinein und durchnässte ihn auch noch von oben her. Doch das alles verdross ihn nicht im geringsten. Selbst wenn das Boot gekentert wäre, hätte er sich bestimmt ganz gemütlich ins Meer fallen lassen, als glaube er, es sei eine grosse, weiche Matratze.

»Halt! Da ist ein Mann auf dem Strand.”

»Wo?”

»Da! Seht ihr ihn? Seht ihr ihn?

»Ja, stimmt. Jetzt geht er weiter.”

„Jetzt bleibt er stehn. Seht doch, er blickt her!”

»Er winkt uns zu!”

»Tatsächlich! Donnerschlag!”

»Oh, jetzt sind wir gut dran! Jetzt sind wir gut dran! In einer halben Stunde ist ein Boot bei uns!”

„Er geht weiter. Er rennt. Er läuft zum Haus hinauf!

Der ferne Strand schien tiefer als das Meer zu liegen, und ein scharfer Blick war nötig, um die kleine schwarze Gestalt auszumachen. Der Kapitän sah einen treibenden Stock, und sie ruderten darauf zu. Durch einen wunderlichen Zufall war ein Handtuch ins Boot geraten, das banden sie nun an den Stock, und der Kapitän winkte damit. Der Ruderer wagte nicht, sich umzudrehen, und war daher gezwungen, Fragen zu stellen.

»Was macht er jetzt?”

„Er steht wieder still.”

„Winkt er uns?”

„Nein, jetzt nicht. Aber vorhin hat er’s getan.”

„Seht bloss mal, da kommt noch ein Mann!”

„Seht bloss mal den an!”

„Ach, der sitzt ja auf einem Fahrrad! Jetzt trifft er den andern. Sie winken uns beide! Seht nur!”

»Da kommt etwas den Strand herauf. Was zum Kuckuck ist denn das?”

„Das sieht ja wie ein Boot aus.”

„Nein, es hat Räder.”

„Ja, stimmt. Oh, das ist das Rettungsboot. Die werden auf Rädern bis ans Wasser gefahren.”

„Nein, zum… zum… Es ist ein Omnibus. Ich erkenn’s ganz deutlich. Siehst du’s denn nicht? Ein grosser Hotelomnibus.”

„Mein Gott, ja, hast recht! Vielleicht sammeln sie die Rettungsmannschaft, he?”

„Leicht möglich. Seht mal da! Ein Mensch winkt mit einer kleinen schwarzen Flagge. Er steht auf dem Trittbrett vom Omnibus. Jetzt kommen die beiden andern Burschen an. Jetzt reden sie alle zusammen.”

„Das ist gar keine Flagge, was? Das ist seine Jacke. Ja, natürlich, ‘s ist seine Jacke. Er hat sie ausgezogen und schwenkt sie um den Kopf. Seht bloss, wie wild er sie schwenkt!”

„Oh, hört mal, das ist gar keine Rettungsstation. Das ist bloss der Omnibus von einem Winterkurort, der hat ein paar Hotelgäste hergebracht, damit sie uns beim Ersaufen zuschauen können.”

„Was will denn bloss der Idiot mit der Jacke? Was gibt der denn für Signale?”

„Sieht so aus, als wollt er uns sagen, wir sollen nach Norden halten. Vielleicht ist da eine Rettungsstation.”

„Nein. Er denkt, wir fischen hier. Winkt uns bloss so zum Spass, verstehst du?”

„Was will er nur?«

„Gar nichts will er. Macht’s bloss zum Spass.”

„Wenn er uns wenigstens Signale geben würde, wir sollten’s noch mal mit der Brandung versuchen oder auf die See rausfahren und warten oder nach Norden oder Süden fahren oder uns davonscheren, das hätte doch ‘n Sinn. Aber schaut euch den an! Steht einfach da und schwenkt seine Jacke wie ein Wagenrad herum! Der Hornochse!”

„Da kommen noch mehr Leute!

„Ja, ein ganzer Haufen!”

»Der Mensch winkt immer noch mit seiner Jacke.”

„Möcht mal wissen, wie lange der das durchhält. Schwenkt die Jacke schon seit der Minute, wo er uns gesehen hat. Ist ja verrückt. Weshalb holen sie denn keine Männer, die ein Boot heranschaffen? Weshalb unternimmt der Bursche nichts?”

„Ach, es wird schon was geschehn.”

„Jetzt, wo sie uns gesehen haben, schicken sie im Nu ein Boot her!”

Ein fahles Gelb stahl sich in die Luft über dem Landstrich. Die Schatten auf der See wurden langsam dunkler. Der Wind brachte Kälte mit, und die Männer begannen zu frösteln.

„Heiliger Bimbam!” sagte einer, „sollen wir hier die ganze Nacht herumtrödeln?”

„I was, die ganze Nacht brauchen wir nicht hier draussen zu bleiben. Sei bloss nicht bange! Sie haben uns jetzt gesehen, und bald sind sie hier und fischen uns auf.”

Die Küste hüllte sich in Dämmerung. Der Mann, der die Jacke schwenkte, wurde allmählich eins mit dem Dunkel, das bald auch den Omnibus und die Gruppe von Leuten verschluckte. Wenn der Gischt wild über das Dollbord sprühte, fuhren die Seefahrer zurück und fluchten, als hätte glühendes Eisen sie gesengt.

„Könnt ich bloss den Schafskopf mit der Jacke erwischen! Dem möcht ich eine überziehen, weil er alles so verdammt lustig fand!”

Und inzwischen ruderte erst der Maschinist, dann ruderte der Berichterstatter, und dann ruderte wieder der Maschinist. Mit grauem Gesicht und zusammengekrümmt, mühten sie sich umschichtig und ganz mechanisch an den bleischweren Rudern ab. Die Umrisse des Leuchtturms vor dem südlichen Horizont waren verschwunden, doch dann erschien dicht über den Wassern ein blasser Stern. Das Land war verschwunden; nur der tiefe, schwermütige Brandungsdonner deutete es noch an.

Wenn ich schon ertrinken soll… wenn ich schon ertrinken soll, weshalb, im Namen aller sieben verrückten Meergötter, die die See beherrschen, musste ich dann erst bis hierher kommen und Sand und Bäume wiedersehen?

Der geduldige Kapitän musste den Ruderern von Zeit zu Zeit Kommandos zurufen. „Gegen die See! Gegen die See!”

»Gegen die See, Sir!” Die Stimme klang leise und matt.

Alle lagen stumpf und dumpf im Boot, ausgenommen der Mann am Ruder, dessen Augen noch gerade eben imstande waren, die hohen schwarzen Wogen wahrzunehmen, die auf heimtückisch leise Art angerückt kamen.

Der Koch lag mit dem Kopf auf dem einen Dollbord, und er stierte teilnahmslos auf das Wasser unter seiner Nasenspitze. Schliesslich brummelte er verträumt: „Billie, was für Pasteten isst du am liebsten?”

EINE NACHT AUF SEE im offenen Boot ist eine lange Nacht. Als sich das Dunkel schliesslich endgültig niedersenkte, wurde der Lichtschimmer, der im Süden aus der See stieg, zu warmem Gold. Am nördlichen Horizont erschien ein neues Licht, ein feines bläuliches Glimmern über dem Saum des Wassers. Diese beiden Lichter waren das einzige Mobiliar der Welt. Sonst waren nur noch die Wogen da.

Zwei Männer kauerten im Heck, und so prächtig stand es um die Entfernungen in diesem kleinen Boot, dass der Ruderer seine Füsse wenigstens teilweise warm halten konnte, indem er sie zwischen die Körper seiner Gefährten steckte. Manchmal schlug trotz aller Achtsamkeit des Ruderers eine Woge ins Boot hinein, eine eisige Nachtwoge, und das kältende Wasser durchnässte sie von neuem. Einen Augenblick krümmten sie sich und ächzten, und dann schliefen sie wieder ihren Totenschlaf.

Der Maschinist plagte sich an den Rudem, bis ihm der Kopf vornübersank und der Schlaf ihm die Augen schloss. Und trotzdem ruderte er noch. Dann rüttelte er den schlafenden Berichterstatter. „Willst du mich ein bisschen ablösen?” bat er sanft.

„Sicher, Billie”, erwiderte der Berichterstatter, der langsam zu sich kam und sich hochsetzte. Vorsichtig wechselten sie die Plätze, und der Maschinist hockte sich neben dem Koch ins Wasser und war sofort eingeschlafen.

Die wilde Gewalt der See hatte nachgelassen. Die Wogen kamen jetzt ohne das giftige Fauchen einher. Die Aufgabe des Mannes am Ruder bestand darin, das Boot geradeaus gegen die See zu halten, so dass die schrägen Wasserwände es nicht umwerfen und die vorbeischiessenden Wogenkämme es nicht mit Gischt füllen konnten.

Der Berichterstatter wandte sich mit leiser Stimme an den Kapitän. Er war nicht sicher, ob der Kapitän überhaupt wach war, obschon der Unbeugsame immer zu wachen schien. »Soll ich auf das Licht im Norden zu halten, Herr Kapitän?”

Gelassen erwiderte die Stimme: „Ja, etwa zwei Strich backbords halten!”

Dann schien auch der Kapitän eingenickt zu sein, und der Berichterstatter hielt sich für den einzigen überlebenden Menschen auf der Wasserwüste der weiten Meere. Der Wind, der über die Wellen strich, jammerte mit einer Stimme, die klang trauriger als der Tod. Da zischte es hinter dem Boot lärmend vorbei, und eine glimmende Phosphorspur durchfurchte die schwarzen Wasser wie eine blaue Flamme – als sei ein riesiges Messer hindurchgefahren.

Dann war alles still. Plötzlich zischte es wieder auf, und wieder blitzte der bläuliche Streif vorbei, doch diesmal längsseits des Bootes und so nahe, dass er das Ding fast mit dem Ruder hätte erreichen können. Der Berichterstatter sah, wie ein Schatten, eine riesige Rückenflosse, durchs Wasser huschte und den kristallenen Schaum aufwirbelte und eine lange, glimmende Spur hinterliess.

Der Berichterstatter warf einen Blick über seine Schulter auf den Kapitän, dessen Gesicht abgewandt war: er schien eingeschlafen zu sein. Die anderen schliefen bestimmt. Aller Anteilnahme beraubt, fluchte er leise ins Wasser hinein.

Voraus oder achtern, backbords oder steuerbords, nach längeren oder kürzeren Pausen zischte das lange, funkelnde Band vorbei, und deutlich war das Schwirren der dunklen Rückenflosse zu hören. Die Anwesenheit dieses beharrlichen Begleiters flösste dem Berichterstatter nicht das gleiche Grauen ein, als wenn er ihm auf einem Bootsausflug begegnet wäre. Er blickte nur düster aufs Wasser und fluchte verbissen vor sich hin.

Immerhin wünschte er trotzdem, er wäre nicht gar so allein mit dem Ding. Er wünschte, einer seiner Gefährten würde aufwachen und ihm Gesellschaft leisten. Doch der Kapitän lehnte reglos am Wasserfass, und der Maschinist und der Koch auf dem Bootsboden lagen in tiefstem Schlaf.

WENN ICH SCHON ertrinken soll… wenn ich schon ertrinken soll, weshalb musste ich dann erst bis hierher kommen und Sand und Bäume wiedersehen?

In solch einer grausigen Nacht konnte ein Mensch wohl auf den Gedanken kommen, die sieben verrückten Meergötter hätten es darauf abgesehen, ihn zu ertränken, obzwar es eine himmelschreiende Ungerechtigkeit wäre. Wenn es einem Menschen zu Bewusstsein kommt, dass die Natur ihn nicht wichtig nimmt, sondern zu glauben scheint, das Weltall büsse durch seine Beseitigung nichts ein, dann möchte er erst einmal Steine in den Tempel schleudern. Würde die Natur sichtbar in Erscheinung treten, er würde sie mit Spott überhäufen.

Dann spürt er vielleicht das Verlangen, einer Verkörperung gegenüberzutreten und flehentlich zu rufen: Aber ich liebe mich doch!

Ein ferner kalter Stern in Winternächten – das ist die Antwort, meint er, die sie ihm gibt. Von nun an weiss er um das Tragische seines Loses.

Auf unerklärliche Weise kam dem Berichterstatter ein Vers in den Sinn. Er hatte sogar vergessen, dass er ihn vergessen hatte, diesen Vers.

Von der Legion lag sterbend einer in Algier;

an pflegenden Händen gebrach es und Frauentränen hier;

doch ein Kamerad stand bei ihm, und er nahm seine Hand

und sprach: „Nie seh ich wieder mein teures Heimatland.”

In seiner Jugend hatte der Berichterstatter es nie als besonders wichtig angesehen, dass ein Soldat von der Fremdenlegion sterbend in Algier lag. Es bot keinerlei Anlass zum Kummer. Es war unwichtiger als eine abgebrochene Bleistiftspitze.

Jetzt aber sah der Berichterstatter den Soldaten ganz deutlich. Er lag auf dem Sand und hatte die Beine still und starr ausgestreckt. Während er die blasse Linke auf die Brust presste, um das fliehende Leben aufzuhalten, quoll ihm das Blut zwischen den Fingern hervor. Der Berichterstatter zog die Ruder durch, und eine tiefe und vollkommen unpersönliche Einsicht ergriff ihn. Es tat ihm leid um den Soldaten der Fremdenlegion, der sterbend in Algier lag.

Das Ding, das zuerst dem Boot folgte und wohl gewartet hatte, war des Säumens offenbar überdrüssig geworden. Man hörte das Schäumen der aufgerissenen Flut nicht mehr; die lange Funkenspur war nicht mehr zu sehen. Manchmal drang dem Berichterstatter das Dröhnen der Brandung ins Ohr, und dann riss er das Boot herum, dem offenen Meer entgegen, und ruderte hastiger. Der Wind wurde stärker; und manchmal sprang eine Woge jäh wie eine zornige Wildkatze vor, und man sah das Schimmern und Sprühen eines sich überstürzenden Wogenkammes.

Der Kapitän im Bug rührte sich und setzte sich auf. “Hübsch lange, die Nacht”, sagte er zum Berichterstatter. Er blickte zur Küste hinüber. „Die Lebensretter lassen sich Zeit!”

„Haben Sie den Hai gesehen, der ums Boot lungerte?

»Ja, den habe ich gesehen. War ein riesiger Bursche!”

»Hätte ich doch gewusst, dass Sie wach waren!”

Etwas später beugte er sich nach unten und rief: „Billie!” Langsam und allmählich sammelte der Maschinist seine Gliedmassen. „Billie, willst du mich ablösen?”

»Klar”, sagte der Maschinist.

Sowie der Berichterstatter das eisige Behagen des Seewassers im Bootshoden spürte, sank er auch schon in tiefen Schlaf. Der Schlaf tat ihm so not, dass es ihm nur wie eine Sekunde schien, als er bereits seinen Namen rufen hörte, aber von einer Stimme, die im letzten Stadium der Erschöpfung sprach. »Willst du mich ablösen?”

„Natürlich, Billie.”

Das Licht im Norden war geheimnisvollerweise verschwunden, aber der Kapitän war hellwach und gab dem Berichterstatter den Kurs an.

Im Laufe der Nacht steuerten sie das Boot noch weiter aufs Meer hinaus, und der Kapitän wies den Koch an, das Boot vom Heck aus mit einem Ruder immer gegen die Seen zu halten. Er sollte rufen, sobald er das Donnern der Brandung hörte. Dadurch kamen der Maschinist und der Berichterstatter dazu, sich beide gleichzeitig auszuruhen.

„Wir müssen den Jungen Gelegenheit geben, wieder in Form zu kommen”, sagte der Kapitän. Sie rollten sich zusammen und verfielen wieder in einen totenähnlichen Schlaf. Das drohende Prasseln von Wind und Wasser berührte sie so wenig, als wären sie Mumien gewesen.

„Jungen”, rief der Koch, und wie ungern er es tat, das hörte man seiner Stimme an, „wir sind schon recht nah herangetrieben. Ich glaube, einer von euch muss den Kahn wieder in See bringen.” Der Berichterstatter ermunterte sich und hörte das Krachen der sich überschlagenden Wogenkämme.

Als er wieder am Ruder sass, gab ihm der Kapitän einen Schluck Whisky mit Wasser, so dass ihm die Glieder nicht länger vor Kälte zitterten. „Wenn ich je wieder an Land komme und einer zeigt mir auch nur die Photographie von einem Ruder…

So kam es zu einem kleinen Gespräch.

„Billie… Billie. . . willst du mich ablösen?”

»Klar”, sagte der Maschinist.

AES DER BERICHTERSTATTER die Augen wieder öffnete, zeigten See und Himmel das gleiche Grau der Morgendämmerung. Nach einer Weile glitten Karmin und Gold über die Wasser. Endlich erschien in aller Pracht der junge Tag, mit einem Himmel von reinem Blau, und auf den Kämmen der Wogen flammte Sonnenschein.

Auf den fernen Dünen standen viele kleine schwarze Hütten, und eine hohe weisse Windmühle ragte daraus hervor. Weder Mensch noch Hund, noch Fahrrad waren am Strand zu sehen. Die Hütten lagen wie ein verlassenes Dorf da.

Die Seefahrer musterten die Küste. „Falls keine Hilfe kommt«, meinte der Kapitän, „sollten wir’s lieber gleich versuchen, durch die Brandung zu schwimmen. Wenn wir lange warten, werden wir zu schwach, um uns selbst zu helfen.” Die andern gaben schweigend ihr Einverständnis. Das Boot hielt auf die Bucht zu. Der Berichterstatter dachte, weshalb denn keine Menschenseele je auf den hohen Turm der Windmühle kletterte und seewärts blickte. Der Turm verkörperte die Gelassenheit der Natur gegenüber den Kämpfen des Einzelwesens. Sie erschien ihm jetzt weder grausam noch wohltätig, weder treulos noch weise. Sie war eben gleichgültig, nichts als gleichgültig.

„Also, Kinder”, sagte der Kapitän, „bestimmt schlägt es sofort voll Wasser und sinkt. Wir können nichts weiter tun als so weit wie möglich in die Brandung hineinfahren und dann, wenn es sinkt, gleich heraustürmen und auf den Strand zu schwimmen. Und jetzt ruhig Blut, und springt nicht eher, als bis es wirklich absackt!”

Der Maschinist ergriff die Ruder. Über die Schulter hinweg musterte er die Brandung. „Käptn”, sagte er, „ich glaube, es ist besser, ich wende und bring uns achtern rein!”

„Gut, Billie”, sagte der Kapitän. „Achtern also!” Der Maschinist wendete; der Koch und der Berichterstatter, die im Heck sassen, mussten nun über die Schulter blicken, wenn sie den verlassenen, öden Strand betrachten wollten.

Die ungeheuren Brandungswogen hoben das Boot so hoch, dass die Männer wieder die weissen Laken der Wellen sehen konnten, die den schrägen Strand hinaufleckten. „Sehr nah kommen wir nicht heran”, sagte der Kapitän. Der Berichterstatter wusste, dass die anderen keine Angst hatten, doch die wahre Bedeutung ihrer Blicke blieb ihm unklar.

Was ihn selber betraf, so war er zu matt, um sich ernstlich mit dem Kommenden zu befassen. Seine Gedanken waren zu sehr von den Muskeln beherrscht, und den Muskeln war alles einerlei. Es flog ihm nur durch den Kopf, dass es eine Gemeinheit wäre, müsste er hier ertrinken.

„Denkt also daran, dass ihr richtig klarkommt vom Boot, wenn ihr springt!” mahnte der Kapitän.

Seewärts überschlug sich plötzlich mit Donnergetöse der Kamm einer ungeheuren Woge, und der hohe weisse Gischtwall kam brüllend auf das Boot zu.

„Ruhe jetzt!” rief der Kapitän. Die Männer schwiegen. Sie wandten die Augen von der Küste ab, der gischtenden Woge entgegen, und warteten. Das Boot glitt die Neigung hinan, tanzte auf dem wirbelnden Kamm, schwang sich hinüber und schoss den langen Rücken der Woge hinab. Etwas Wasser war ins Boot geraten, und der Koch schöpfte es aus.

Aber schon überschlug sich die nächste Woge. Der kreiselnde, kochende weisse Gischt strudelte von allen Seiten hinein.

Das kleine Boot war wie betrunken von dieser Ladung Wasser und torkelte und schmiegte sich tiefer in die See.

„Schöpfen, Koch! Schöpfen!” rief der Kapitän.

„Jawohl, Käptn!” erwiderte der Koch.

„So, Jungens”, rief der Maschinist, „die nächste erwischt uns bestimmt. Passt auf, dass ihr klarkommt beim Hinausspringen!”

Die dritte See rollte heran, riesenhoch, ergrimmt, unerbittlich. Sie verschluckte im Nu das ganze Boot, und fast gleichzeitig hüpften die Männer in die See. Ein Stück Korkgürtel hatte im Boot gelegen, das presste der Berichterstatter mit der Linken an die Brust, als er über Bord sprang.

Das Januarwasser war eisig, und sofort dachte er, dass es kälter sei, als er es hier an der Küste Floridas erwartet hatte. Es war traurig, dass das Wasser so kalt war, ja, es war tragisch. Diese Tatsache verwirrte und mischte sich so mit dem, was er über seine eigene Lage empfand, dass es ihm beinahe ein hinreichender Grund zum Weinen schien. Das Wasser war kalt!

Als er an die Oberfläche kam, gewahrte er nicht viel mehr als das tosende Wasser. Danach erblickte er seine Gefährten in der See. Der Maschinist war allen voran. Er schwamm kräftig und schnell. Ein wenig linker Hand vom Maschinisten bauschte sich der grosse Rücken des Kochs, und weiter rückwärts hing der Kapitän mit der unverletzten Hand am Kiel des gekenterten Bootes.

Eine Küste hat immer etwas merkwürdig Festes an sich. Der Berichterstatter wusste, dass es bis zu ihr ein langer Weg war, daher paddelte er sachte weiter. Das Stück Rettungsgürtel lag unter ihm, und mehrmals schoss er den Hang einer Woge hinab, als liege er bäuchlings auf einem Schlitten.

Doch dann gelangte er an eine Stelle, wo das Vorankommen schwierig wurde. Er hielt nicht an, um zu untersuchen, was für eine Strömung ihn wohl erfasst habe, aber er kam auch nicht weiter.

Als der Koch viel weiter links vorbeiglitt, rief ihm der Kapitän nach: „Dreh dich auf den Rücken, Koch! Dreh dich auf den Rücken und nimm das Ruder!”

„Jawohl, Sir!” Der Koch drehte sich auf den Rücken, paddelte mit dem Ruder und kam wie ein Kanu voran.

Dann torkelte auch das Boot links am Berichterstatter vorbei, mit dem Kapitän, der sich mit einer Hand am Kiel festhielt. Wenn das Boot nicht so verrückte Sprünge gemacht hätte, würde er wohl wie ein Mann ausgesehen haben, der sich reckt, um über einen Bretterzaun zu spähen. Der Berichterstatter staunte, dass der Kapitän sich immer noch daran anklammern konnte.

Sie trieben vorüber, dem Strande schon näher – der Maschinist, der Koch und der Kapitän -, und ihnen nach folgte das Wasserfass und hüpfte munter über die Wogen.

Nur der Berichterstatter blieb in den Klauen des seltsamen neuen Feindes – einer Strömung. Die Küste mit ihrem schrägen weissen Sandstrand und der grünen Anhöhe, die von friedlichen kleinen Hütten gekrönt wurde, breitete sich wie ein Bild vor ihm aus. Ganz nahe lag sie jetzt vor ihm, und doch hatte er nur einen bildhaften Eindruck, wie wenn man in einer Gemäldegalerie eine Landschaft aus Holland oder der Bretagne betrachtet. Er dachte: Ertrinke ich? Ist das möglich? Ist das möglich? – Das Einzelwesen muss den eigenen Tod wohl als das Ende alles Naturgeschehens ansehen.

Doch später wirbelte ihn vielleicht eine Woge aus der tödlichen Strömung, denn plötzlich spürte er, dass er wieder vorankam, der Küste entgegen. Ein Weilchen danach merkte er, dass der Kapitän sein Gesicht von der Küste ab- und ihm zugewandt hatte und laut seinen Namen rief: „Hierher, ans Boot! Hierher, ans Boot!”

Während er sich abmühte, den Kapitän und das Boot zu erreichen, kam ihm der Einfall, dass es, wenn man richtig erschöpft sei, eine wunderbare Sache ums Ertrinken sein müsse, nach allem Kampf und Streit eine grosse Erleichterung, und er war froh darüber. Er wollte nicht leiden. Auf einmal sah er einen Mann den Strand endlanglaufen und sich dabei mit erstaunlicher Geschwindigkeit auskleiden. Rock, Hose, Hemd, alles flog wie durch Zauberei davon.

„Hierher, ans Boot!” rief der Kapitän.

„Ich komme!” Während der Berichterstatter weiterpaddelte, sah er, wie der Kapitän hinabrutschte und das Boot losliess. Dann widerfuhr dem Berichterstatter ein kleines Wunder: eine grosse Welle packte ihn und schleuderte ihn leicht und atemraubend schnell über die ganze Bootslänge hinweg, so dass es weit hinter ihm zurückblieb. Es kam ihm gleich selber wie ein wahres Wunderwerk der See vor.

Der Berichterstatter stiess auf Grund; das Wasser reichte ihm nur bis an die Hüften; aber in seinem geschwächten Zustand konnte er nicht länger als eine Sekunde stehen. Die Wogen schlugen ihn zu einem Häufchen Unglück zusammen, und der Sog zerrte ihn vom Lande fort.

Dann sah er, wie der Mann, der sich im Laufen entkleidet hatte, ins Wasser stürmte. Er zog den Koch an Land, und dann watete er auf den Kapitän zu; doch der Kapitän winkte ihm ab und wies auf den Berichterstatter. Er war nackend, nackend wie ein Baum im Winter, doch um den Kopf hatte er einen Glorienschein, und er strahlte wie ein Heiliger. Der Berichterstatter spürte einen Ruck an der Hand, ein lang anhaltendes Ziehen und kräftiges Hochheben, und sagte: „Besten Dank!” Doch der Mann schrie plötzlich: „Was ist das?” Er deutete hastig mit dem Finger. Der Berichterstatter rief: „Schnell, hin!”

In einer Untiefe lag der Maschinist, mit dem Gesicht nach unten; seine Stirn berührte den Sand, von dem zwischen jeder Brandungswoge alles Wasser ablief.

Der Berichterstatter wusste nicht, was dann noch geschah. Als er festen Boden erreichte, schlug er lang hin, mit allen Gliedern den Sand berührend, wie wenn er vom Dach eines Hauses gefallen wäre. Aber der Aufprall behagte ihm sehr.

Wie er später erfuhr, war der Strand im Nu von Männern mit Decken, Kleidern und Flaschen bevölkert wie auch von Frauen, die Kannen mit Kaffee und all die Heilmittelchen brachten, an die sie wie ans Evangelium glauben. Der Willkommen des Landes an die Seefahrer war warm und hochherzig; doch ein stiller, tropfender Körper wurde langsam den Strand entlang getragen, und ihm konnte das Land kein anderes Willkommen bieten als die kalte und düstere Gastfreundschaft des Grabes.

Als die Nacht kam, schäumten die weissen Wogen im Mondschein vor und zurück, und der Wind trug den Schall von des Meeres starker Stimme den Männern an Land zu, und sie wussten: jetzt konnten sie die Stimme deuten.

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