Kinder und alte Leute
von Ivan Cankar
Jeden Abend, bevor sie zu Bett gingen, unterhielten sich die Kinder miteinander. Sie setzten sich auf den Sims des grossen Ofens und gaben all das von sich, was ihnen in den Sinn kam. Durch das trübe Fenster schaute das Dämmerlicht mit traumverhangenen Augen. Aus jeder Ecke schwebten schweigende Schatten und trugen wundersame Geschichten bei sich.
Was ihnen auch einfiel, sie sprachen davon. Aber ihnen fielen nur hübsche Geschichten ein, voll Sonnenschein und Wärme und durchwoben mit Liebe und Hoffnung. Die ganze Zukunft war ein langer heller Feiertag, ohne Fastenzeit zwischen Weihnachten und Ostern. Drüben, irgendwo hinter dem geblümten Vorhang, strömte alles pulsierende und glänzende Leben still vom Licht ins Licht. Worte wurden gewispert und nur halb verstanden. Keine Geschichte hatte einen Anfang noch einen Aufbau. Keine Geschichte hatte ein Ende. Manchmal sprachen alle vier Kinder auf einmal, aber keins verwirrte das andre. Alle starrten verzaubert in ein himmlisches Licht, in dem jedes Wort klar und lauter war, in dem jede Geschichte ein deutliches und lebendiges Gesicht hatte und jedes Märchen seinen herrlichen Schluss.
Die Kinder waren sich so ähnlich, dass in dem blassen Zwielicht das Gesicht des Jüngsten, des vierjährigen Toncek, nicht von dem der Lojzka, die zehn Jahre alt und die Älteste war, unterschieden werden konnte. Alle hatten schmale und magere Gesichter mit grossen weit offenen Augen – nach innen gekehrten Augen.
Diesen Abend langte etwas Unbekanntes von einem unbekannten Ort her heftig nach dem himmlischen Licht und brach mitleidslos in die Feiertage, die Geschichten und Legenden ein. Mit der Post war die Nachricht gekommen, dass der Vater auf italienischem Boden gefallen war. Etwas Neues, Fremdes, ganz Unverständliches wuchs vor ihnen auf. Es stand dort, war gross und mächtig, aber hatte weder Gesicht noch Augen, noch Mund. Es gehörte nirgends dazu, nicht zu dem lärmenden Treiben vor der Kirche und auf den Strassen, auch nicht zu dem warmen Dämmerlicht und zu den Geschichten.
Es war nichts Vergnügtes, aber darum auch nichts besonders Trauriges, war unlebendig, hatte ja keine Augen, dass es durch den Blick das Warum und Woher verriete, und auch keinen Mund, um es durch Worte zu erklären. Das Denken blieb vor dieser riesigen Erscheinung demütig und schüchtern wie vor einer schwarzen Mauer regungslos stehen. Es trat an die Mauer heran und starrte stumm und stumpf.
„Aber wann wird er zurückkommen?« fragte Toncek erstaunt.
Lojzka sah ihn ärgerlich an: »Wie kann er zurückkommen, wenn er gefallen ist?”
Alle überkam das Stillsein. Sie standen vor dieser grossen schwarzen Mauer und konnten nicht hinter sie sehen.
»Ich gehe auch in den Krieg”, verkündete unerwartet der siebenjährige Matic, als ob er rasch auf den richtigen Gedanken gekommen sei. Das war offensichtlich das, was gesagt werden musste.
»Du bist zu klein”, mahnte mit tiefer Stimme Toncek. Toncek war vier Jahre alt und trug noch Kleider.
Milka, die Dünnste und Schwächste von ihnen, die in das grosse Umhängetuch ihrer Mutter eingepackt war und dem Bündel eines Wanderers glich, fragte von irgendwoher aus dem Schatten sanft und piepsig: »Wie ist der Krieg denn? Erzähl uns, Matic, erzähl uns diese Geschichte.”
Matic erklärte: „Also, Krieg ist so. Die Menschen erstechen sich gegenseitig mit Messern, schlagen sich mit Schwertern nieder, erschiessen sich mit Gewehren. Je mehr du stichst und niederschlägst, um so besser ist es. Niemand sagt etwas dagegen, weil’s nämlich so sein muss. So ist der Krieg!«
»Aber warum”, beharrte Milka, »erstechen sie sich gegenseitig und schlagen sie sich nieder?”
»Für den Kaiser”, sagte Matic; und alle waren still.
Vor ihren Augen erschien im dunklen Licht etwas sehr Mächtiges, was im Ruhmesglanz strahlte. Sie sassen regungslos, sie wagten kaum auszuatmen – wie beim Segen in der Kirche.
Dann sammelte Matic wieder rasch seine Gedanken, wahrscheinlich um die Stille, die so schwer auf ihnen lag, zu vertreiben. »Ich gehe auch in den Krieg- gegen den Feind!”
»Wie ist der Feind? Hat er Hörner?” fragte plötzlich die dünne Stimme von Milka.
»Natürlich hat er. Wie könnte er sonst der Feind sein!” Toncek gab seiner Antwort Nachdruck, sie klang ernst und beinah ärgerlich.
Und nun wusste nicht einmal Matic, was richtig war. »Ich glaub nicht, dass er – er die hat”, sagte er langsam, zögernd.
»Wie kann der Hörner haben? Er ist ein Mensch wie wir”, liess sich Lojzka unwillig vernehmen. Dann, noch einmal überlegend, fügte sie hinzu: »Er hat nur keine Seele.”
Nach einer langen Pause fragte Toncek: »Aber wie fällt ein Mensch im Krieg? So, rückwärts?” Und er machte das vor.
»Sie töten ihn, bis er tot ist”, erklärte Matic kühl.
»Vater hat versprochen, mir ein Gewehr mitzubringen.”
»Er kann doch kein Gewehr mitbringen, wenn er gefallen ist”, fiel Lojzka rauh ein.
»Und sie haben ihn getötet – tot?”
»Tot.”
Durch die jungen und weit offenen Augen schauten Stille und Traurigkeit in die Dunkelheit, in etwas Unbekanntes, für Herz und Verstand Unbegreifliches.
Zur gleichen Zeit sassen auf der Bank vor dem Bauernhaus der Grossvater und die Grossmutter. Die letzten roten Strahlen der Sonne glühten durch die Blatter im Garten. Der Abend war still bis auf unterdrücktes, anhaltendes Weinen, das aus dem Stall kam und schon ganz heiser wurde. Es war wahrscheinlich das Schluchzen der jungen Mutter, die dorthin gegangen war, um das Vieh zu füttern.
Die zwei alten Leute sassen gebeugt nahe aneinander und hielten sich die Hande, -was sie seit langer Zeit nicht mehr getan hatten. Sie blickten mit tränenlosen Augen in das himmlische Abendrot und sprachen nicht.