Besuch von Harry Eppendorf

von Paola Reinhardt (copyright)

Alida schreckte an diesem Morgen mit einem kurzen Schrei aus ihrem Traum hoch, der sie minutenlang mit einer alten Bahnhofsuhr konfrontiert hatte. Der überlaut tickende große Zeiger war kurz vorher mit einem gewaltigen Gongschlag auf die Zwölf gesprungen und hatte sich dabei demonstrativ über den kleinen gelegt, der bereits dort stand.
Ein Traum, es ist ja nur ein Traum, dachte Alida erleichtert, als sie ihr Daunenlaken in den Händen spürte, an das sie sich noch immer festgeklammert hielt. Ihr Herz klopfte so stark, als wollte es durch die Haut springen. Völlig benommen stand sie auf, zog die Jalousien hoch und sah, wie sich die Sonne langsam durch ein diffuses Wolkengebilde ihren Weg bahnte. Noch gelang es ihr nicht, ihr volles Licht zu entfalten. Aber es würde ein schöner Tag werden, das konnte man schon jetzt sehen.
Alida ging zu ihrem Bett zurück, setzte sich aufrecht vor das hinter den Rücken geschobene Kopfkissen und begrüßte den frühen Morgen mit einem antrainierten Lächeln, das ihr heute allerdings schwer fiel. Papier und Kugelschreiber für ihre täglichen Morgenseiten lagen griffbereit auf der Konsole neben dem Doppelbett, von dem die eine Hälfte seit ungefähr zwei Jahren nicht mehr benutzt wurde. Ein Umstand, den Alida allerdings nicht bedauerte. Daher hegte sie auch nicht den Wunsch, dies in absehbarer Zeit zu ändern.
Mit ihrer schwungvollen Schrift setzte Alida an den oberen Rand des Papiers das aktuelle Datum: 10.7.2008. Darunter schrieb sie in großen Buchstaben: Träume sind Schäume! Dann unterstrich sie diesen Satz und setzte ein dickes Ausrufzeichen dahinter. Anschließend begann sie sich alles von der Seele zu schreiben, was ihr gerade so einfiel und sie dazu verdammt hätte, mit angehäuftem Seelenmüll in den neuen Tag zu starten.
Scheiß-Traum! Ich weiß beim besten Willen nicht, was er zu bedeuten haben soll! Am besten, ich vergesse ihn. Also weiter im Text: „Das erste Vogelkonzert ist zu Ende. Schade. Die Gefiederten legen gerade eine Pause ein. Die Rotbuche müsste unbedingt im Wuchs gestutzt werden, sonst ragt sie zu sehr aus der Hecke Gruppe heraus. Man könnte meinen, sie wäre bevorzugt gedüngt worden. Haha! Das Rasenschneiden werde ich wohl auf den Abend verschieben müssen. Das Gras ist noch nass vom Tau. Ob mein Verleger wohl endlich das fällige Honorar für meinen letzten Roman überwiesen hat? Es ist Anfang Juli und die Abrechnung ist seit März überfällig. Hoffentlich hat der Verlag keine Insolvenz angemeldet. Auf meinem Konto sieht es zurzeit echt mies aus. Ich könnte wirklich jeden Cent gebrauchen. – Aha, jetzt geht das Vogelkonzert anscheinend doch weiter. Allerdings so leise, als wollten die Gefiederten die Nochschläfer kurz vorm Klingeln ihrer Wecker nicht stören. Was bewegt manche Menschen bloß dazu, so lange in den Betten liegen zu bleiben? Ich bin immer heil froh, wenn die Nacht vorbei und es endlich draußen wieder hell wird!“ Auch dahinter setzte Alida ein dickes Ausrufzeichen.
Jetzt unterbrach sie den Schreibfluss und trank einen Schluck Wasser aus dem bauchigen Glas, das neben dem Papierstapel stand. Es war inzwischen lauwarm geworden. Aber bestimmt gesunder, als eiskaltes Wasser auf nüchternen Magen. Ihren roten Lieblingskugelschreiber noch in der Hand, mit dem sie im Laufe der letzten Jahre schon einige Morde begangen hatte, reckte und dehnte sie sich nun erst einmal ausgiebig. Auf einmal war mit dem Gongschlag zwölf dieser Traum wieder präsent, als sei sie gerade erst daraus erwacht.
Alida erschrak. Sollt er vielleicht doch eine Bedeutung haben? Ach was, sie glaubte weder an Horoskopen noch an Hellseherei, auch nicht an Vorahnungen. Alles, womit sie diesen Traum in Verbindung bringen konnte war dieser Western mit Grace Kelly und Cary Cooper: Zwölf Uhr mittags. Sie hatte ihn mindestens drei Mal gesehen. Aber nicht gestern Abend.
„Schluss aus! Man darf sich nie zu lange bei einer Frage aufhalten, die man nicht lösen kann. Das verdirbt einem die Laune“, sagte Alida und sprang aus dem Bett Selbstgespräche gehörten seit langem zu ihrem Alltag, genauso wie die selbst gewählte Einsamkeit. Jetzt begannen die Routinearbeiten des Alltags: Kaffee kochen, Brötchen vom Gesterneinkauf aufwärmen, Tisch decken, Blumen gießen, frühstücken, die regionale Tageszeitung lesen und die drei Sudoku Rätsel darin lösen. Pünktlich um sieben Uhr würde sie, wie an jedem Morgen, an ihrem Schreibtisch sitzen und auf gute Einfälle für ihren neuen Krimi warten. Dieses Mal wollte es einfach nicht so recht voran gehen. Die ersten hundert Seiten hatte sie schon etliche Male umgeschrieben. Wahrscheinlich steckte sie gerade in einer Schreibblockade. Das sollte sogar bei Top Autoren vorkommen.
Alida sprang aus dem Bett. Ihr Kugelschreiber landete dabei achtlos auf dem grünen Veloursboden neben den bequemen Gummischlappen in der kitschig rosa Farbe, die sie nie angezogen hätte, wäre sie neben einem Mann aufgewacht.
„Keine Angst, das passiert mir so schnell nicht wieder! Ich habe es schließlich mehrfach getestet und dabei herausgefunden, dass Männer und Treue einfach nicht zusammen passen.“ Sie lachte und ging nach nebenan ins Bad, um die Jalousien hoch zu ziehen. Die Nachbarin, etwa dreißig Meter von ihrem Haus entfernt, ebenfalls eine Frühaufsteherin wie sie, begutachtete bereits in ihrem Garten das Wachsergebnis der letzten Nacht bei den Salat-, Tomaten- und Erdbeerenpflanzen. Wie üblich trug sie dabei ihren nachtblauen Satinmorgenmantel. Ihr weißer Pagenkopf leuchtete durch das Grün des Spalierobstes. Sie war eine harmlose alte Frau, die schlecht sehen und hören konnte und ein ausgesprochener Fan ihrer Kriminalromane war. Alida lächelte.
Als das Wasser der Toilettenspülung unter ihr rauschte, entschloss sie sich, auch in den Wohnräume den Morgen hereinzulassen. Mit einem fast feierlichen Schwung ließ sie kurz darauf die beigefarbenen Stoffbahnen zur Seite rauschen. Alida liebte den Blick auf die Terrasse mit den rosa blühende Oleanderbäume, die während der momentan anhaltenden Hitzeperiode täglich gewässert wurden mussten. Daran schloss sich der Rasen mit der dichten Laubhecke im Hintergrund, die sie vor neugierigen Blicken schützte.
Die Morgenluft war noch kühl, aber rein wie der junge Tag. Alida machte ein paar Atemübungen, drehte sich danach zehn Mal nach rechts, dann nach links im Kreis herum und beschloss, dass ihre Morgengymnastik heute damit beendet sei.
„Ich gehe jetzt die Zeitung holen“, sagte sie in die Stille der Diele hinein, die sie im Anschluss daran durchquerte. Plötzlich stockten ihre Füße. Hinter den dicken Glasscheiben der Haustür stand ein alter Mann, der ganz offensichtlich zu ihr wollte. Seine Augen, halb verdeckt von schweren Lidern, sahen sie über die randlose Brille hinweg prüfend an, als wollte er sich vergewissern, ob sie auch die Person sei, die er suchte.
Alida blieb einen Meter von ihm entfernt hinter dem schützenden Holz der Tür stehen und betrachtete ihn eingehend: Sein dichter Bart zeigte über der Oberlippe noch die leichten Spuren einer früheren dunkleren Farbe. Die restlichen Barthaare waren grau und leicht gekräuselt, genau wie sein Kopfhaar, das oben schon leicht schütter wirkte. Es stieß im Schulterbereich auf den Sakkokragen seines schwarzweiß gestreiften Anzugs, dessen Qualität erkennen ließ, dass es sich bei dem Fremden nicht um einen Vertreter des gewohnten Zeitungsboten handeln konnte. Sogar die drei tief eingegrabenen Falten auf seiner Stirn, von denen die eine wie ein leichtes V wirkte, waren von ihrer Position aus deutlich sichtbar.
Erst jetzt sah Alida den Brief in seiner rechten Hand, für den er offensichtlich den richtigen Adressaten suchte. Ihre Hand lag schon auf der Türklinke, als sie beschloss, den Fremden mit einer Geste auf den neben der Tür angebrachten Postkasten zu verweisen. Schließlich war er groß genug, eine Menge Briefe aufzunehmen. Doch dann zuckte es belustigt um ihre Lippen. Alida, du hast doch nicht etwa Angst vor einem alten Mann, dachte, dache sie. Und im Bewusstsein der Überlegenheit eines sportgestählten Körpers wischte sie alle Bedenken zur Seite. Ja, sie ignorierte sogar die Tatsache, dass sie nicht einmal einen Morgenrock über das weiße Nachthemd mit den Mohnblüten trug. Sie drehte den Schlüssel im Schloss einfach rechts herum. Die Tür öffnete sich mühelos.
„Guten Morgen“, sagte der Alte.
„Guten Morgen“, erwiderte Alida.
„Mein Auftraggeber hat mich angehalten, Ihnen diesen Brief persönlich zu überreichen. Allerdings hatte ich nicht damit gerechnet, Sie schon um diese Zeit anzutreffen. Ich hätte natürlich auch noch auf Sie gewartet.“
Alida antwortete ihm nicht darauf. Der Abstand zwischen ihrer Hand und der seinen, in der sich der Briefumschlag befand, betrug nur wenige Zentimeter, als ihr Herz plötzlich wie wild zu rasen begann und das Blut schneller durch die Adern zu pumpte. Ein feiner Tabakgeruch stieg ihr in die Nase. Wahrscheinlich hatte der Absender des Briefes beim Schreiben eine Zigarre geraucht. Wer hatte ihr wohl etwas so Dringendes mitzuteilen, dass er schon morgens in der Früh einen Boten zu ihr schickte. Sollte das vielleicht eine Antwort auf die angemahnte Honorarabrechnung sein, für die sich der Verleger auf eine originelle Art bei ihr entschuldigen wollte?
„Mein Name ist Harry Eppendorf“, sagte der Fremde und unterbrach ihre Gedanken.
„Wie ich heiße wissen Sie ja, sonst hätten Sie mich nicht gefunden“, erwiderte Alida kühl.
„Ja. Allerdings frage ich mich, ob sie nicht ein wenig leichsinnig sind, einem Fremden um diese Uhrzeit die Tür zu öffnen?“ Dann lachte der Mann kehlig und verhalten wie über einen ausgeleierten Witz.
„Warum, ich habe keine Angst“, erwiderte Alida. Und um ihre Aussage zu bekräftigen, fügte sie spontan hinzu: „Wenn Sie einen Kaffee mit mir trinken möchten, dann lade ich Sie dazu ein. Ich wollt mir gerade einen aufbrühen.“ Während sie dies sagte, war sie sich durchaus der grotesken Situation bewusst, in der sie sich befand. Doch der vermehrte Adrenalinausstoß in ihrem Blut, übertönte die vorsichtige Warnung in ihrem Kopf.
„Gern“, erwiderte der Mann, der sich Harry Eppendorf nannte, schob die Tür noch ein wenig mehr zur Seite und folgte ihr in den Wohnbereich. Dort angekommen, setzte er sich ohne eine weitere Aufforderung abzuwarten auf einen der Stühle, die um den langen Esszimmertisch mit der anthrazitfarbenen Rauchglasplatte standen. Alida zog indessen den Morgenmantel über, der noch auf einen der eckigen Sessel hing. Er war genau so farbenfreudig wie ihr Nachthemd.
„Margeritten, selbst gepflückt auf einer Wiese?“, fragte der Alte, als sie zurückkam und deutete dabei auf die runde Glasvase, die mitten auf dem Tisch stand.
„Ja“, antwortete Alida. Dann ging sie in die Küche, um die Kaffeemaschine mit Wasser zu füllen und gab anschließend vier gehäufte Dosierlöffel Kaffeepulver in den Filter. Sie stellte die Maschine an und die Dose mit dem gemahlenen Kaffee in den weißen Hängeschrank zurück. Aus einem anderen holte sie zwei weiße Tassen und Unterteller und dann noch die Dosensahne aus dem Kühlschrank. Kurz darauf war der Kaffee auch schon in die Glaskanne gelaufen und konnte eingegossen werden. – Draußen zwitscherten die Vögel jetzt frech und unbekümmert ihr Morgenlied.
„Ja, so trinke ich ihn gern, nicht zu stark und nicht zu schwach“, stellte Harry Eppendorf nach dem ersten Schluck anerkennend fest. Interessiert sah er sich dabei im Zimmer um als suche er ein bestimmtes Detail, das er auf dem ersten Blick noch nicht wahrgenommen hatte.
Vielleicht ist er gar nicht so harmlos wie er aussieht, überlegte Alida plötzlich, die ihn dabei aus den Augenwinkeln beobachtete. Auf jeden Fall schien er kein gesprächiger Typ zu sein. Der intellektuelle Ausdruck in seinem Gesicht hatte sie angezogen und nun war sie enttäuscht, keinen Gesprächspartner sondern nur den Überbringer einer simplen Nachricht vor sich zu haben. Am liebsten wäre sie ihn auf der Stelle wieder losgeworden.
Nun fiel ihr Blick auf den längliche Briefumschlag, der noch immer dort lag, wo sie ihn hingelegt hatte. Vor ihr auf dem Tisch. Alida nahm ihn in die Hand und betrachtete ihn eingehend. Ihr Name war mit einem Füllhalter auf die Vorderseite geschrieben worden. Offenbar bevorzugte der Absender eine breite Feder. Die Anfangsbuchstaben fielen auffallend groß aus und die Unterlängen lang und eckig.
„Ich glaube, Ihnen steht heute noch ein aufregender Tag bevor“, sagte Harry Eppendorf plötzlich mit klarer akzentuierter Stimme, die sich fast feindselig anhörte.
„Aha. Wenn Sie wahrsagen können, dann erzählen Sie mir doch ein bisschen mehr über mich?“, spöttelte Alida und hielt ihm die Innenfläche ihrer rechten Hand entgegen. Harry Eppendorf ging ohne weiteres darauf ein und betrachtete eingehend die unterschiedlichen Linien und Verzweigungen darin.
„Ich sehe, dass Sie momentan unter einem enormen Druck stehen, ohne sich dies eingestehen zu wollen. Leiden Sie auch manchmal an Verfolgungswahn?“
„Nein!“, schrie Alida und fügte dann schnell etwas gefasster hinzu: „Ach, das ist doch alles Humbug. Ich glaube nicht an solche Mätzchen. Und außerdem dürfte ein guter Wahrsager seinem Klienten natürlich keine Angst machen.“
„Oh, wenn ich Ihnen Angst eingejagt habe, so tut es mir leid. Aber Sie müssen ja nicht glauben, was ich sage“, erwiderte Harry Eppendorf.
In diesem Moment kehrte Mimi, die schwarz-weiß gefleckte Katze, von ihrem nächtlichen Ausflug zurück und huschte durch die offene Terrassentür. Ihr Miauen klang erstaunt, als sie den Fremden witterte. Dann setzte sich neben Alidas Stuhl und hielt den Kopf hochgereckt und die Ohren gespitzt.
Harry Eppendorf versteifte sich augenblicklich auf seinem Stuhl, streckte seine blankgeputzten Schuhe mit den leichten Spitzen von sich, und für einen kurzen Moment sah es fast so aus, als wollte er Mimi einen Tritt damit versetzen.
Alida war bei dieser Geste zusammen gezuckt.
„ Ich mag keine Katzen“, sagte der Alte. „Ihre Haare lösen bei mir eine Allergie aus, die sich oft in Atemnot ausdrückt.“
„Verstehe“, erwiderte Alida irritiert.
Der Fremde wurde ihr allmählich unheimlich, denn er erinnerte sie in diesem Augenblick an einen Mann, an den sie nicht erinnert werden wollte.
Harry Eppendorf war inzwischen aufgestanden. Seine Schultern wirkten ein wenig eingefallen, als habe er früher einmal Sport getrieben, dies aber in den letzten Jahren stark vernachlässigt, so dass die Muskeln inzwischen leicht verkümmernt waren. Die Ärmel seines dunklen Blazers, unter dem er ein graues Strickhemd trug, reichten bis zu den dunkel behaarten Handrücken, auf dem deutlich blaue Adern hervortraten. Der Zeigefinger seiner rechten Hand trug eine leichte gelblichbraune Färbung und verriet den starken Raucher.
Alida hatte sich ebenfalls von ihrem Platz erhoben, nahm die Katze auf den Arm und streichelte sie. Doch Mimi, die Eigenwillige, sprang sofort wieder hinunter und verschwand fast panikartig, als hätten ihre feinen Nerven längst die atmosphärische Veränderung im Raum gespürt.
„Benötigen Sie eine Quittung?“, wandte sich Alida an den Mann und wedelte mit dem Brief in ihrer Hand.
„Eine Quittung? Nein! Wofür? Ich habe Ihnen doch nur einen leeren Umschlag überreicht.“ Harry Eppendorf griff in seine Brusttasche und zog eine goldene Taschenuhr hervor.
„Ach, sie ist mal wieder stehen geblieben, zeigt genau 12 Uhr an. Dabei müsste es inzwischen doch bereits sieben Uhr sein“, sagte er im Ton eines Selbstgesprächs.
Da war er wieder dieser Traum! Diese Uhr mit dem großen Zeiger, der mit einem Gongschlag auf Zwölf gesprungen war. Eine feine Gänsehaut kroch über Alidas Arme und von dort weiter bis hoch zum Nacken.
„Meine Zeit ist um. Ich muss gehen. Danke für den Kaffee. Schade, dass wir uns nicht unter anderen Umständen kennen gelernt haben. Ich glaube, ich hätte sie sogar gemocht“, sagte Harry Eppendorf.
Seine grauen Augen, die den Glanz der Jugend schon lange verbraucht hatten, wirkten plötzlich lauernd, als müsste er vor ihr auf der Hut sein. Und dann hörte sie, wie sich seine Schritte mit einer Geschwindigkeit entfernten, die sie dem Alten nie zugetraut hätte. Kurz darauf fiel die Haustür laut hinter ihm ins Schloss.
„Ich muss verrückt gewesen sein, als ich diesen Harry Eppendorf herein gelassen habe, was meinst du, Mimi?“, fragte sie die Katze, die inzwischen zurückgekommen war. Doch Mimi gab keinen Laut von sich. Da kniete Alida nieder und streichelte mit zitternden Händen das weiche Fell. Doch Mimi fauchte laut und zog ihr mit den scharfen Krallen eine rötliche Spur durch das Gesicht.
„Bist du verrückt geworden, Katze!“, schimpfte Alida. Doch Mimi nahm keine Notiz von ihr, rollte sich auf dem Boden zusammen, als sei sie völlig unschuldig an dem Geschehen.
„Das wirst du noch bereuen!“, schrie Alida außer sich vor Wut und stampfte mit dem Fuß auf, so dass Mimi sich blitzschnell entschloss, das Weite zu suchen. Alida schickte ihr einige Flüche hinterher, bei dem sich ihr ebenmäßiges Gesicht mit den tief dunkelblauen Augen und den vollen Lippen zu einer wütenden Grimasse verzerrte.
„Ich glaube, ich habe dieses Gesicht des Mannes, der sich Harry Eppendorf nannte, schon irgendwo einmal gesehen. Aber wo und wann?“, sagte sie laut. Doch dann lächelte sie. „Ruhig Blut Alida, verliert jetzt nur nicht die Nerven! Schließlich kann dir der Alte den Mord an Mark doch nicht nachweisen. Niemand!“
„O doch“, erwiderte der Mann, der plötzlich im Rahmen der Terrassentür stand und fügte hinzu: „Harry Eppendorf, Kriminalhauptkommissar Harry Eppendorf, kurz vor dem Ruhestand. Daher war es mir auch sehr wichtig, den ungeklärten Fall Mark Bongart zum Abschluss zu bringen.“
Hinter den Scheiben der Terrassentür sah Alida plötzlich fremde Männer in gelben Gummistiefeln, die sich auf ihrem Grundstück mit Spitzhacken und Schaufeln zu schaffen machten. Und etwas abseits von ihnen stand die alte Damen von nebenan, als habe sie ein Recht hier zu sein.
„Sie könnten uns die Suche erspare und sich das Warten, wenn Sie uns sagen, wo Sie ihn begraben haben“, sagte der Kriminalkommissar und hielt ihr erneut einen weißen Briefumschlag entgegen.
Alida starrte ihn fassungslos an. Diese Mal würde er nicht leer sein, sondern einen Durchsuchungsbefehl enthalten, das wusste sie ganz genau.
„Unter der Rotbuche“, entgegnete Alida leise. Dann ging sie langsam zum Tisch zurück und trank den letzten Schluck aus ihrer Kaffeetasse. Er war längst kalt geworden, aber er schmeckte köstlich, nach einer Freiheit, die sie bereits verloren hatte.

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