Der Weg hinaus geht durch die Tür

von Christa Schmid-Lotz (copyright)

Dieser Mistkerl! Stand schon wieder vor dem Beerdigungsinstitut gegenüber ihrer Wohnung und wartete auf sie. Was sollte das? War es ein Detektiv, der sie beschatten wollte? Und warum? War er an ihr interessiert? Warum sonst folgte er ihr jeden Tag bis zum Büro und wieder zurück? So übel sah er gar nicht aus. Es machte sie ganz nervös; sie konnte nicht mehr richtig schlafen, weil sie dauernd über den Kerl nachdenken musste. Aber heute würde sie den Spieß einfach umdrehen und ihn verfolgen.
Sonja trat vom Fenster zurück, rief im Büro an und trank hastig ihren Kaffee. Dann schlüpfte sie in ihre Jacke und lief die Treppe hinunter zum Hinterausgang. Der Morgennebel schlug ihr feucht entgegen. Vorsichtig spähte sie um die Ecke.
Sie sah ihn auf die Uhr schauen. Um acht komme ich sonst immer heraus, dachte Sonja. Er setzte sich in Bewegung. Sie folgte ihm in größerem Abstand. An der zweiten Straßenkreuzung bog er links ab. Es waren nur wenige Menschen unterwegs. Die Häuser waren hier ärmlicher, der Putz bröckelte, Papier und ketchupverschmierte Pommes lagen auf dem Gehsteig. Knatternd wurde eine Jalousie hochgezogen. Er verschwand in einem der Gebäude. Ihr Herz klopfte wie verrückt, aber dann besiegte ihre Neugier die Angst und sie öffnete die Tür, die sich quietschend in den Angeln drehte. Ein langer, dunkler Gang, es roch nach Kohl und Katzen. Die Klinke der zweiten Tür gab nach. Im Halbdunkel erkannte sie einen Raum, der mit dunklen englischen Möbeln ausgestattet war. Er war vom kalten Licht einer Halogenlampe beleuchtet. In einem Sessel saß der Unbekannte. Aus der Nähe wirkte er noch attraktiver – dunkles Haar, braune Augen, den schlanken, proportionierten Körper in einer lasziven Haltung hingeräkelt.
„Ich habe auf dich gewartet“, sagte er mit heiserer Stimme. „und ich freue mich, dass du gekommen bist!“
„Was wollen Sie von mir? Warum haben Sie mich tagelang verfolgt?“
„Ich will gar nichts von dir. Du willst etwas von m i r . Du suchst einen Kick in deinem öden, ereignislosen Leben. Den kannst du haben. Du wirst nicht die erste sein, der ich einen aufregenden Abgang verschaffe.“
Ihr Herz setzte aus, um dann doppelt so schnell weiterzurasen. Sie schlug sich mit der Hand an die Stirn, die ganz feucht war.
„Was soll das alles, was für ein Spiel spielen Sie?“
„Du hast wohl gedacht, ich wolle ein Nümmerchen mit dir schieben? Oh ja, das wird die Glanznummer deines Lebens!“

„Warum gerade ich?“

„Das haben die anderen drei auch gesagt.“
Sonja fiel es siedend heiß ein. Sie hatte es in der Zeitung gelesen. Drei Frauen waren in kurzem zeitlichen Abstand im Wald gefunden worden, nur lose mit Blättern bedeckt, bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt. Voller Panik wandte sie sich zur Tür.
„Wozu willst du wegrennen? Du entkommst mir nicht.“
Sonja spürte eine würgende Übelkeit vom Magen her aufsteigen. Sie stammelte:

„Meine Kollegen werden nach mir suchen. Ich habe Bescheid gesagt.“

„Die wissen nicht, wo du bist. Du hast es ja heute Morgen selbst noch nicht gewusst!“
Er kam auf sie zu.
„Wenn Sie mich anfassen, schreie ich!“

„Hier kannst du so viel schreien, wie du willst.“
Sonja stand mit dem Rücken zur Wand. Sie öffnete den Mund, aber es kam nur ein halblautes „Hilfe!“ über ihre Lippen. Ein dumpfer Schlag traf ihre Schläfe. Ihr Kopf dröhnte, Sterne funkelten vor ihren Augen, dann verlor sie das Bewusstsein.
Als sie wieder zu sich kam, lag sie auf dem Sofa. Ihr tat alles weh. Es war niemand außer ihr im Raum. Aber er musste jeden Augenblick zurückkommen. Gehetzt schaute sie zu den zwei Türen….durch die andere musste er verschwunden sein, vielleicht in die Küche. Jetzt oder nie, dachte sie und lief zur Außentür hinüber. Sie rüttelte an der Klinke, doch sie war verschlossen. Mit zwei Sätzen war sie am Fenster. Es war ebenfalls zu.
Eine Hand legte sich auf ihre Schulter. Sonja drehte sich nicht um, sie war wie gelähmt. Sie hörte ihn sagen:
„Du wusstest doch, dass du mir nicht entkommst.“
Der Mann packte sie und warf sie aufs Sofa. Mit einem Strick fesselte er sie so, dass die Seile in ihre Haut schnitten. Dann stopfte er ihr einen Knebel in den Mund; sie bekam kaum noch Luft.
Er sagte: „Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um. Ich werde noch etwas für uns besorgen; in der Zwischenzeit kannst du darüber nachdenken, was du vor deinem Abgang noch für mich tun kannst.“
Damit ging der Unbekannte zur Tür, schloss sie auf und verließ das Zimmer. Knirschend drehte sich der Schlüssel im Schloss.
Ihr Herz begann etwas gleichmäßiger zu klopfen. Ein unbändiger Lebenswille erwachte in ihr. Auf diese Art wollte sie nicht sterben; sie hatte doch nur etwas an ihrem Leben ändern wollen. Sonja ließ sich vom Sofa gleiten und ihr Blick fiel auf die Beine des zierlichen Tischchens. Sie wälzte sich so herum, dass sich die auf dem Rücken gefesselten Hände neben dem scharfkantigen Holz befanden. Sonja begann die Hände zu bewegen. Sie biss die Zähne zusammen und die Tränen liefen ihr übers Gesicht; nach ein paar Minuten hatte sie es geschafft. Sie riss sich den Knebel aus dem Mund und sah sich fieberhaft um. Es gab nichts, womit sie die Fußfessel hätte lösen können. Sonja sah einen Spiegel an der Wand hängen und hüpfte keuchend hinüber. Sie warf ihn auf den Boden, wo er in Scherben zerspellte. Das Klirren ließ ihr Herz wieder schneller klopfen. Sie säbelte hastig mit einer Scherbe an dem Strick, bis er von ihren Füßen fiel.
Er musste jeden Moment zurückkommen!
Sonja hinkte zur Tür und stellte sich daneben, so, dass er sie nicht gleich sehen konnte, wenn er hereinkam. Sie merkte, dass sie den Rahmen des Spiegels noch in der Hand hatte. Ihre feuchten Hände krampften sich daran fest. Da…der Schlüssel knirschte wieder im Schloss! Ihre Beine knickten fast ein.
Als sie ihn eintreten sah, hob sie den Rahmen und schlug mit aller Macht zu. Sie hörte, wie eine Flasche auf den Boden klirrte. Sonja ließ ihre Waffe fallen und rannte durch die Tür hinaus. Sie vermeinte schnelle Schritte zu hören und lief panisch weiter. Menschengesichter flogen an ihr vorbei. Endlich, da war das Haus, in dem sie wohnte! Mit zittrigen Fingern fischte sie ihren Schlüssel aus der Jackentasche, drehte ihn um. Die Treppe hinauf, die Wohnungstür öffnen. Sie schlug die Tür zu, schloss zweimal ab und lehnte sich mit dem Rücken dagegen.
Sonja schleppte sich ins Bad. Ihre Augen starrten ihr weit aufgerissen aus dem Spiegel entgegen. Die Polizei anrufen…
Sie nahm das Mobilteil aus seiner Halterung und blätterte nervös im Telefonbuch.
„Hallo“, stieß sie atemlos hervor, „ich werde von einem Mörder verfolgt!“

„Nun mal langsam, junge Frau. Woher wissen Sie, dass es ein Mörder ist?“
„Er hat es mir gestanden! Nachdem er mich niedergeschlagen und gefesselt hatte. Bitte kommen Sie sofort!“
„Wo sind Sie denn jetzt?“ Die Stimme des Polizisten klang besorgt.
„In meiner Wohnung.“
„Straße?“
„Lenaustraße 20.“
„ Ihnen wird nichts passieren, wenn Sie in der Wohnung bleiben. Aber wir kommen zur Sicherheit vorbei…in etwa zwanzig Minuten.“
Sonja stöhnte auf: „Nein, kommen Sie sofort, bitte!“
In der Leitung knackte es.
Sie legte den Hörer auf die Gabel. Gleich darauf klingelte es wieder. Sie zuckte zusammen und hielt ihn ans Ohr.
„Sonja,“ flüsterte eine Stimme,“ ich stehe unten vor dem Haus und warte auf dich.“
Entsetzt lief sie zum Fenster. Da stand er neben dem Beerdigungsinstitut und starrte ungeniert zu ihr herauf. Der Hörer fiel polternd zu Boden. Panisch sah sie um sich. Die Polizei musste bald da sein.
Sonja setzte sich auf den Boden. Sah immer wieder auf die Uhr. Die zwanzig Minuten waren um.
Es läutete an der Wohnungstür. Sonja ging mit klopfendem Herzen hinüber und fragte:
„Wer ist da?“
„Die Polizei. Sie haben uns vorhin angerufen.“
Sonja atmete auf und öffnete. Ihr Herz blieb fast stehen. Er drängte sie herein, packte sie mit beiden Armen, zog sie ins Schlafzimmer und warf sie aufs Bett. Gierig glitten seine Hände an ihrem Körper entlang. Dann zog er ein Nylonseil aus der Tasche. Sonja wehrte sich, sie versuchte zu beißen, zu kratzen, ihm ihr Knie in die Hoden zu rammen.
Während er das Seil um ihren Hals zuzog, sie keine Luft mehr bekam und spürte, dass ihr die Augen aus den Höhlen traten, hörte sie ganz in der Ferne eine Türglocke, dann das Geräusch splitternden Holzes.

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