Ein todsicheres Gespür

von Susanne Henke (copyright)

Die Welt drehte sich noch. Zumindest bei “Global Entertainment”. Allein 40
Zeitschriften, vom Ratgeber für die Hausfrau bis zum Nachrichtenmagazin für
den Entscheider, wurden hier produziert. Kurz nach Mitternacht klafften
bereits große schwarze Lücken in der erleuchteten Fensterfront. Der Globus
auf dem Dach drehte sich unermüdlich und sandte sein Licht in die Stadt.

Stefan saß schon seit Stunden an seinem Schreibtisch. Der Rücken krumm, die
Augen gerötet, der Aschenbecher übervoll, die rote Lockenpracht zerzaust.
Außer dem Schein seines Laptops kämpfte nur eine kleine Halogenfunzel gegen
die Nacht, die sich langsam in das mönchszellengleiche Zimmer fraß, und ihn
zu verschlingen drohte. Auf dem Flur brannte nur noch die Notbeleuchtung.
Die hektische Betriebsamkeit war einer einlullenden, nur vom Summen der
Drucker unterbrochenen Stille gewichen.
Mit einem Ping spuckte der Fahrstuhl wieder einen Boten auf dem Stockwerk
aus. Zu erkennen am provokativ langsamen Schritt, begleitet vom leichten
Rascheln der Korrekturabzüge.

Er zündete sich seine letzte Zigarette an, zerknüllte die Packung und
beförderte sie mit einem gezielten Wurf in den Papierkorb. In Zeiten
schrumpfender Anzeigenmärkte wurde auch der “Globus” immer dünner. Einige
Ressorts hatten schon Stellen eingebüßt. Die Themenkonferenzen hätten den
Titel “Fight Club” verdient. Sechsmal hintereinander hatte er den Kampf um
einen Platz im Heft verloren. Er ging nur noch mit Magenschmerzen in die
Redaktion. Welcher Teufel hatte ihn vor vier Monaten bloß geritten, eine
Eigentumswohnung zu kaufen? Aber Sabine hatte ganz leuchtende Augen
bekommen, als sie den Garten gesehen hatte. Sabine war weg und der Sommer
buchstäblich ins Wasser gefallen. Den Garten hatte er nur durch die Scheibe
der Terrassentür gesehen.
Die Geschichte über SAW würde ihm Aufschub gewähren. Wenn doch das Okay aus
der Chefredaktion endlich käme.

Stefan hörte Schritte und drehte sich um.
Tadeus von Haren, sein bestgehasster Kollege, Liebling des Ressortleiters,
neuer Star des “Globus” und zufällig auch der neue Freund von Sabine, lehnte
lässig im Türrahmen.
“Ich glaube, du hast mal wieder für den Papierkorb gearbeitet.”

Stefan steppte im Stakkatoschritt über den schmalen Flur. An der Tür zu
Ebenwalds Drei-Achsen-Chefbüro prallte er beinahe mit Sekretärin Annegret
zusammen. Mit ihren 1,75 konnte sie locker auf ihn herabsehen. Unwillkürlich
wich er einen Schritt zurück. Sein Teint passte sich seiner Haarfarbe an.
“Nicht gleich heulen! Heute abend fliegt nur deine Geschichte raus.”
Ebenwald lag mit den Füßen auf dem Tisch in seinem Sessel. Nur sein Kopf
ragte über die Schreibtischkante hinaus.
“Tut mir Leid, Stefan. Entscheidung von Berner.”
Stefans Magen schien sich nach außen zu wölben und über seinem Kopf
zusammenzuziehen.
“Warum?”
“Er will Tadeus Schönheits-OP als Aufmacher.”
“Silicon statt Sklavenarbeit?”
Ebenwalds Mundwinkel zuckten.
“Er glaubt, an der SAW-Geschichte ist etwas faul.”
“Da ist nichts faul, das weißt du genau.”
“Berner sieht das anders.”

Stefan schlich zurück in seine Zelle. Sollte er sich auf dem Arbeitsamt in
die lange Schlange der arbeitslosen Journalisten einreihen oder aus dem
Fenster springen? Vorm Springen hatte er Angst – er war nicht schwindelfrei
und würde es gar nicht schaffen, an die Brüstung zu kommen, ohne sich zu
übergeben. Er malte sich eine trostlose Karriere als Meldungsschreiber bei
den St. Pauli Nachrichten aus. Und das hämische Grinsen seiner Eltern “Haben
wir dir doch gleich gesagt – hättest lieber was Anständiges lernen sollen.”
Er schaltete den Rechner aus, nahm seine Jacke und trat auf den Gang hinaus.
Auf dem Weg zum Fahrstuhl streifte er eines der gerahmten Titelbilder Ein
Containerschiff mitten auf dem Ozean, das eine Spur gelber Giftmülltonnen
hinter sich herzog. “Verklappt” – war einer der größten Umweltskandale
weltweit, den Globus aufgedeckt hatte. Daneben Spendenskandale,
Abhöraffären, Menschenhandel. Die SAW-Story würde sich nahtlos in diese
Reihe einfügen. “Wer nicht wirklich für den Journalismus brennt, sollte es
lassen!” hatte sein Professor ihm geraten.

Stefan stieg in den leeren Fahrstuhl. Statt auf E drückte er auf den
obersten Knopf. Das letzte Stockwerk musste er zu Fuß gehen. Berner achtete
streng auf die Abschottung seines Refugiums. Mit seinen Redakteuren traf er
sich im Produktionsraum oder in ihren Büros. Sein Heiligtum im 25. Stock
bekamen nur ganz wenige Auserwählte jemals zu Gesicht.
Das Vorzimmer war so einladend wie der Schalter einer Bank, aber der
Schalter war verwaist. Keine Spur von Eleonora Dragowitsch, Berners
persönlicher Sekretärin und Leibgardistin.
Die dicke Polsterung der letzten Barriere machte ein Anklopfen sinnlos.
Berners Residenz war kleiner als er sich vorgestellt hatte. Französische
Fenster links und rechts boten einen schwindelerregenden Panoramablick über
die Stadt. Ein Granittisch mit kreuzfeindlichen Designerstühlen lud mehr zum
Bestaunen, denn zum Setzen. Berner, dessen Hemdsärmeligkeit nicht so recht
zu der futuristischen Einrichtung passen wollte, stand mit dem Rücken zu ihm
vor der Bücherwand am anderen Ende des Raumes. Eine kleine Lücke klaffte
zwischen den Regalen.
Stefan räusperte sich. Blitzschnell drehte Berner sich um.
“Wie sind Sie hier reingekommen?”
“Frau Dragowitsch war so freundlich…”
Berner ging um seinen Tisch auf Stefan zu.
“Kommen Sie wegen der SAW-Geschichte?”
“Es gibt keine Zweifel an der Echtheit der Unterlagen. Mehrere Informanten,
bestätigen die Angaben. Die Geschichte ist heiß.”
Berner zog die Augenbrauen hoch
“Wollen Sie meine Entscheidungsfähigkeit anzweifeln?”
Stefan schwitzte.
“Aber Sie selbst haben das Thema doch abgesegnet!”
“Mayer, Sie haben als einer der besten Ihres Jahrgangs abgeschlossen und in
der Vergangenheit ein sicheres Gespür für Themen bewiesen.”
Er legte den Arm um Stefans Schulter und führte ihn zu der Lücke in der
Regalwand.
“Was Ihnen noch fehlt, ist das richtige Gefühl für Zusammenhänge.”

Berner tippte das Regal an. Lautlos glitt es zur Seite und gab den Blick auf
einen fensterlosen Raum frei. Eine militärische Kommandozentrale im
Miniaturformat: fünfzehn Computerbildschirme auf einem halbrunden Terminal,
dahinter eine Wand voller Monitore, die den jeweils aktuellen Titel der
“Global Entertainment”-Objekte anzeigten. Über dem “Globus” blinkte eine
rote Signallampe. Ein schlaksiger, junger Mann in Jeans und Sweatshirt
herrschte allein über dieses Imperium. Ohne sich umzudrehen, sagte er:
“Die “Schönheit” kommt gerade auf den Schirm!”
Berner legte ihm die Hand auf die Schulter:
“Ben, ich habe dir den Autor der “Sklavenarbeit” mitgebracht!”
“Ah, ein wahrer Journalist, der den Dingen auf den Grund geht!”
Er zog einen zweiten Stuhl heran:
“Sie werden sehen, wir überlassen nichts dem Zufall!”
Ben holte Tadeus Schönheits-Geschichte “Karriere durch Kurven nach Maß” auf
den Monitor und startete ein Programm namens MafoGen. Nach zwei Minuten
sprang eine Maske auf:
“55 Prozent der Frauen zwischen 25 und 30 mit einem Einkommen unter 30.000
Euro pro Jahr fühlen sich durch diesen Titel angesprochen.
85 Prozent der Männer zwischen 30 und 45 mit einem Einkommen über 100.000 Euro pro Jahr
fühlen sich von dieser Aussage bedroht. Vorschlag: Thema in “Die globale
Frau” schieben oder Titel ändern in “Markantes Managergesicht nach Maß”.
“Markantes Managergesicht ist in Ordnung!”, sagte Berner.
Ben markierte den neuen Titel und leitete den Artikel mit dem Vermerk “Bitte
entsprechend anpassen” weiter.
Stefan brachte keinen Ton heraus.
Berner bot Stefan eine Schale mit Süßigkeiten an:
“Jeder Schokoriegel wird bis zum Exzess am Kunden getestet, bevor er auf den
Markt kommt.”
Wie in Trance griff Stefan nach einem Riegel.
“Mit dem Marktforschungsgenerator haben wir endlich ein adäquates Instrument
zur zeitnahen Analyse des Leserverhaltens zur Hand.”
Ben hatte inzwischen die Auswertung der SAW-Geschichte auf den Schirm
geholt.
“‚Sklavenarbeit bei SAW‘ – 60 Prozent der abhängig Beschäftigten mit einem
Einkommen unter 20.000 Euro pro Jahr fühlen sich durch den Titel bestätigt.
85 Prozent der Entscheider stimmen den Methoden von SAW zu, fühlen sich
jedoch durch den negativ belegten Begriff abgeschreckt. Ändern in
‚Mehrarbeit bei SAW‘.”

Berner beugte sich zu Stefan hinunter:
“Und kein Nahrungsmittelhersteller würde seine wichtigsten
Rohstofflieferanten öffentlich diskriminieren.”
Ben scrollte die Auswertungstabelle weiter runter.
“Anzeigenwarnung: SAW bucht sechs farbige Doppelseiten für die nächsten vier
Ausgaben – Titel ändern in ‚SAW sichert zehntausend Arbeitsplätze‘.”
“Anzeigenwarnung: SAW-Konkurrent DEBA droht mit Anzeigenstorno SAW-Story
streichen. Alternativvorschlag aus Themenliste ‚Wachstumsbranche
Schönheits-OP‘.”

Stefan zerdrückte den Schokoriegel in seiner Hand. Ungläubig starrte er auf
den Monitor. Mit einem schrillen Signalton sprang eine neue Meldung auf:
“Achtung! Letzte Seite aus der Politik!”
Ben startete den Marktforschungsgenerator.
Berner stellte die Schale ab, rieb die Hände aneinander:
“Sie sehen ein bisschen blass aus, Mayer. Gehen Sie nach Hause und schlafen
sich mal richtig aus!”
Stefan stand langsam auf. Der Boden schien genauso aufgeweicht wie die
Schokolade in seiner Hand. Berner fasste seinen Arm.
“Ich bringe Sie nach unten. Hier entlang geht es schneller!”
Er öffnete Stefan eine Tür am anderen Ende des Raumes. Eine eiskalte Böe
schlug ihm entgegen.

Die Blaulichter von Polizei und Krankenwagen erloschen schnell. Der Globus
auf dem Dach drehte sich unermüdlich weiter und sandte sein Licht in die
Stadt.

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