Flucht nach vorne

von Christa Schmid-Lotz (copyright)

Dimitri hat mir erzählt, dass ein Fremder ins Dorf gekommen sei, ein Deutscher. Es kann nichts Gutes bedeuten.
Die Dunkelheit fällt schnell herab, wie immer hier im Süden. Nachdem der letzte Fischer gegangen ist, drücke ich Dimitri ein paar Euro für das Thunfischsteak in die Hand und gehe zu meiner Strandhütte. Es ist so finster, dass ich mir den Weg mit der Taschenlampe suchen muss. Etwas Glitzerndes liegt im Sand. Der Schreck lähmt mich vom Scheitel bis zur Sohle: es ist Martins silbernes Feuerzeug. Es lag immer neben ihm auf dem Tisch, und er hatte sich seine Zigaretten damit angezündet, die Hände schützend um die Flamme gelegt. Zitternd greife ich danach, es brennt wie Feuer in meiner Hand. Ich werfe es in hohem Bogen ins Meer; es verschwindet mit einem leisen Platschen.

Ich schließe die Tür, ziehe mich aus, versuche zu schlafen. Die Flucht ist zu Ende, denke ich, er hat mich aufgespürt in meinem Versteck. Mir ist heiß, ich werfe das Bettzeug auf den Boden. Alles hatte ich hinter mir gelassen, war mit Bahn, Flugzeug und Bus in dieses Land gekommen, hatte die etwas träge, selbstverständliche Lebensart dieser Menschen in mich aufgesogen, hatte versucht, sie zu imitieren. Doch der Albtraum war nicht zu überwinden gewesen. Immer wieder kochte die Vergangenheit hoch, so sehr ich mich bemühte, das Licht dieser Landschaft, die Heiterkeit ihrer Menschen in mich eindringen zu lassen. Wohin ich auch gehe, die Bilder in meinem Kopf sind da.
Als ich damals im Zug saß, war ich etwas zur Ruhe gekommen. Es waren alte Waggons aus der früheren DDR. Die Fenster konnte man noch öffnen; der Fahrtwind blies mir die krausen Gedanken weg. Ich bin frei, dachte ich, jetzt kann mir nichts mehr passieren. In dem Land, in das ich fuhr, waren wir glücklich gewesen, in einer Zeit, als das Leben noch lebenswert war.

Meine Lider werden schwer. Plötzlich falle ich in ein Loch, meine Füße zucken. Ein Knall schreckt mich auf. Mein Herz klopft heftig. Ich springe aus dem Bett, ziehe mir das Kleid über den Kopf. Die Läden klappern. Es ist der Wind, denke ich. Vorsichtig öffne ich die Tür. Wolken ziehen schnell vorüber, die abendliche Brise hat sich zu einem Sturm ausgewachsen. Mit weichen Knien gehe ich hinaus, höre die Grillen durch das Tosen und das nun lautere Donnern der Brandung hindurch, sehe die Schatten der Pinien über den Strand zucken. Eine Gestalt steht am Rand des Waldes und schaut zu mir herüber. Ich renne zurück ins Haus.
Hier bin ich nicht sicher, bin es niemals gewesen. Hektisch schaue ich mich um nach einem Versteck. Draußen knirschen Schritte durch den Sand, ich höre sie ganz deutlich. Der Schlüssel klappert leise und fällt klirrend auf den Boden. Wie ein Embryo kauere ich mich zusammen, die Arme um die Schultern geschlungen, den Kopf auf dem Boden. Ob er ein Messer hat? Die Haut zwischen meinen Schulterblättern vibriert, zieht sich schmerzhaft zusammen wie ein winziger Hohlraum. Wie lange wird es dauern, bis ich den Einstich spüre? Die Kälte des Steinfußbodens kriecht in mein Hirn, macht es eisig klar, lässt die schrecklichen Bilder wieder auferstehen.
Es wird dunkel um mich.
Langsam komme ich zu mir. Die Sonne scheint durch die Ritzen der Fensterläden. Mühsam erhebe ich mich und trete vor die Tür. Der Sturm hat sich gelegt, kleine Wellen kräuseln das Meer. Es ist niemand da gewesen, das Unwetter hat mir die nächtlichen Geschehnisse suggeriert. Mein Magen knurrt. Ich gehe in die Küche, öffne den Kühlschrank: er ist leer. Warum musste ich mir dieses gottverlassene Nest aussuchen? Ich werde von hier verschwinden müssen, lieber heute als morgen. Oben im Kafenion hängt ein Busfahrplan.
Mit dem kleinen Rucksack auf dem Rücken breche ich auf ins Dorf. Es ist gut, in Bewegung zu sein. Die Sonne steht schon hoch; es ist brüllend heiß. Der Weg führt durch einen Olivenhain. Jeder meiner Schritte wirbelt Staub auf. Steil geht es den Berg hinauf, der Pfad führt schwindelerregend an einem Abgrund entlang, dessen Rand mit Ginster und Krüppelkiefern bewachsen ist. Weit unten glitzert das Meer. Ich wische mir den Schweiß von der Stirn. Schließlich erreiche ich das Dorf und betrete den einzigen Laden. Der Vorhang aus Perlenschnüren klingelt, so dass ich zusammenzucke. Ich kaufe Brot, Schafskäse und Milch, gehe hinüber zum Kafenion. Alte Männer sitzen an ihren Tischen, unterhalten sich und trinken Ouzo. Wenn ein Auto vorbeifährt, drehen alle ihre Köpfe in eine Richtung. Der Wirt läuft mit einem Messingtablett herum, auf dem er Wassergläser und Mokkatassen balanciert, ohne einen Tropfen zu verschütten. Die Menschen leben hier mit einer Selbstverständlichkeit, die ich niemals haben werde. Der Bus nach Athen fährt erst Morgen früh, doch das ist nicht sicher, Abfahrtszeiten sind hier niemals sicher.
Wieder zurück zum Strand. Vielleicht haben meine Nerven mir einen Streich gespielt, und ich habe das Feuerzeug damals selber eingesteckt und hier verloren. Aber ich bin zu unruhig, um länger bleiben zu können. Noch eine Nacht in diesem Haus überlebe ich nicht.
Gehetzt setze ich Fuß vor Fuß, schaue mich immer wieder um. Der Mittag lastet schwer über der Landschaft, der Himmel wabert; die Grillen haben ihr grelles Zirpen beendet. Da sehe ich eine Gestalt stehen, mitten auf dem Weg. Mein Herz macht einen Satz; ich spüre den Schweiß eiskalt die Schenkel hinunterrinnen.

Es ist Dimitri. Vor Erleichterung sinke ich auf einen Stein.
Waren Sie im Dorf?, fragt er. Seine Olivenaugen blitzen.
Ich habe eingekauft. Morgen fahre ich zurück nach Deutschland.
Das ist schade. Warum müssen Sie gehen?
Ich fühle mich nicht mehr sicher. Haben Sie den Fremden noch einmal gesehen?
Oben im Dorf sagen sie, er sei abgereist.
Danke, Dimitri, Gott sei Dank. Heute Abend komme ich wieder vorbei.
Kalispera.
Kalispera, Dimitri.

In dem kleinen Hafen neben Dimitris Kneipe sind die Fischer mit ihren Booten beschäftigt. Sie ziehen einen Thunfisch auf die Mole. Er ist sehr groß, wirft seinen schweren Körper verzweifelt hin und her, bäumt sich auf, kracht gegen die Planken. Er will sich nicht in sein Schicksal ergeben. Einer der Männer nimmt sein Messer und schneidet ihm blitzschnell die Kehle durch. Blut spritzt und besudelt die groben Schürzen der Fischer. Das ist ein Zeichen, denke ich mit aufkommender Panik. So war es auch mit dem Feuerzeug gewesen: jetzt erinnere ich mich, es lag auf dem Tisch in unserer Wohnung, und ich hatte es automatisch eingesteckt. Schnell laufe ich durch den heißen Sand zu meinem Haus. Ich werde packen und die Nacht in Dimitris Kneipe verbringen. Wenn der Mann nun doch nicht abgereist ist? Du kannst nicht ewig davonrennen, denke ich. Die Tür ist nicht verschlossen; ich ahne nichts Gutes, doch einmal muss ich dem ins Auge sehen. Jemand sitzt auf meinem Bett.
Aber es ist nicht Martin. Der Mann steht auf.

„War gar nicht leicht, Sie zu finden“, sagt er. „Ich nehme Sie vorläufig fest wegen Mordes an Ihrem Gatten, Martin Grossmann.“

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