Warte, warte nur ein Weilchen

von Christa Schmid-Lotz (copyright)

Eine Fahrradbremse quietschte. Sabine, die ihrer Freundin gegenüber im Eiscafé saß, draußen in der Sonne, einen Cappuccino vor sich, zuckte zusammen. Sie wandte den Kopf in Richtung des Geräusches. Der Blick des Mannes traf sie bis ins Mark, sie begann trotz der Hitze zu frieren.
„Was ist denn mit dir?“, fragte ihre Freundin.
„Was soll sein?“
„Du siehst aus, als wärest du einem Gespenst begegnet.“
„Ach, es ist nichts, ich habe nur ein bisschen viel gearbeitet in letzter Zeit.“
Der Mann war inzwischen verschwunden. Doch Sabine konnte sich nicht mehr auf das Gespräch konzentrieren. Ständig hatte sie das Gefühl, beobachtet zu werden, seine Gestalt wieder aus der Menge auftauchen zu sehen. Ziemlich bald verabschiedete sie sich von Ulrike. Nach Erledigung ihrer Einkäufe fuhr Sabine mit dem Fahrrad nach Hause. Aufatmend erreichte sie ihre Wohnung. Sie stellte den Korb mit Brot, Parmaschinken, Oliven und Trauben in eine Ecke. Obwohl die Schatten schon länger wurden, war es noch drückend heiß. Sie öffnete die Tür zur Terrasse, goss ihre Kübelpflanzen und hackte die Erde rund um die Bohnen und Tomaten.
Sie ging hinein, holte die Zeitung und setzte sich an den Terrassentisch. Ein Artikel auf der Lokalseite fiel ihr ins Auge. „Der Fahrrad-Mörder.“
„In der Umgebung von Eltenheim.“, las sie, „hat der Fahrradmörder jetzt schon zum drittenmal zugeschlagen. Er dringt nachts in die Wohnungen alleinstehender Frauen ein und bringt sie auf bestialische Weise um. Sein letztes Opfer, eine 38jährige Buchhändlerin, wurde gestern morgen mit durchgeschnittener Kehle gefunden. Die Obduktion wird ergeben, ob sie auch sexuell missbraucht wurde.“
Erschüttert legte Sabine die Zeitung auf den Tisch. Ihre Sinne waren zum Zerreißen gespannt; der Hunger war ihr vergangen. Sie ging ins Wohnzimmer und schloss die Tür. Das Fenster kippte sie, um frische Luft hereinzulassen. Sabine war nervös. Sollte sie nicht lieber zu ihrer Freundin Ulrike ziehen, bis dieser Mörder geschnappt war? Ach, das ging ja nicht, die hatte doch erst ein Baby bekommen und die Schwiegermutter im Haus und alle Hände voll zu tun … jetzt reiß dich zusammen, dachte sie. Warum sollte der sich ausgerechnet dich, eine unscheinbare Sekretärin heraussuchen? Was war die Frau gewesen – Buchhändlerin? Sabine hatte auch mit Büchern zu tun. Sie schrieb welche. Heute Abend sollte sie noch ihren Verleger anrufen wegen des Manuskriptes „Der Mörder kam im Morgengrauen“. Sie nahm das Telefon, stellte sich ans Fenster und schaute hinaus. Alles ruhig. Die Luft stand, kein Grashalm bewegte sich; der Himmel war bleigelb. In der Ferne begann es zu donnern. Sabine zog sich hastig aus und legte sich ins Bett. Sie löschte das Licht, schloss die Augen, aber der Schlaf wollte und wollte nicht kommen. Sie hatte ständig diese Bilder vor Augen, stellte sich vor, was die Frauen in ihrer letzten Minute gedacht hatten, sah den Mörder in seiner abgrundtiefen Lebensverachtung über sie gebeugt.
Ein Geräusch auf der Straße ließ sie aufschrecken. War das nicht eine Fahrradbremse? Der Schweiß brach ihr am ganzen Körper aus, sie begann zu zittern, fühlte sich wie gelähmt. Steh auf, dachte sie, steh auf, er wird hereinkommen. Hatte sie in ihrem Tran vielleicht vergessen, die Terrassentür zu schließen? Ein Knacken ließ sie zusammenfahren. Oh Gott, er kommt wirklich herein, die Tür war offen. Ihr Herz begann zu rasen. Das passiert nur im Fernsehen oder im Kino, dachte sie. Es ist einfach nicht wahr. Eine Fahrradbremse hat gequietscht, na und? Es ist bestimmt die Katze der Nachbarin gewesen, die ist doch schon mal hereingekommen und hat in der Küche nach Essbarem gesucht. Jetzt hörte sie Schritte im Flur. Es war also doch … Sie wälzte sich aus dem Bett und suchte panisch nach einem Versteck. Mit zitternden Fingern schloss sie den Kleiderschrank auf und zwängte sich herein, zog die Tür hinter sich zu. Ganz deutlich war das Knacken der Türklinke zu hören. Schritte wanderten im Zimmer herum. Dann war es still. War er vielleicht wieder gegangen? Plötzlich wurde die Schranktür aufgerissen, eine Taschenlampe blendete Sabines Augen. Instinktiv legte sie die Hände vors Gesicht. Sie wurden ihr weggerissen. Eine Gestalt stand im Türrahmen. Über dem Lichtkegel spiegelten seine Brillengläser.
„Du Schöne, die Zeit für uns ist gekommen“, sagte er.
Sie hatte keine Gelegenheit mehr zu fliehen. Er stürzte sich auf sie. Seine Hand legte sich wie eine Tatze auf ihre Brust. Sie versuchte zu schreien, aber es kam nur ein Röcheln über ihre Lippen. Sie wurde aufs Bett gedrängt, zwei Hände legten sich um ihren Hals und drückten ihr die Kehle zu. Alles begann sich um sie zu drehen. Sie versuchte, ihm das Knie in die Hoden zu rammen, aber er war zu dicht dran. Mit letzter Kraft griff sie zu einer Sprudelflasche, die auf dem Nachttisch stand und schlug sie ihm über den Kopf. Das Wasser spritzte nach allen Seiten, die Brille rutschte ihm von der Nase. Der Würgegriff lockerte sich etwas. Noch einmal ließ sie die Flasche auf seinem Schädel nieder krachen. Endlich sackte er über ihr zusammen.
Tränen liefen über ihr Gesicht, ihr war übel und die Haut am Hals brannte wie Feuer. Mühsam wälzte sie den Körper des Mannes zur Seite und tastete sich zur Tür. Nur raus hier, weg aus dieser Hölle! Draußen spürte sie die Kühle der Nacht. Sie drückte auf die Klingel der Nachbarwohnung und sah mit Erleichterung ein Licht angehen. Das Zittern ließ allmählich nach.
„Frau Frank, ich bin überfallen worden! Bitte kommen sie schnell, er liegt noch in meinem Schlafzimmer. Nein, rufen sie die Polizei!“
„Jesses, hat der sie zugerichtet! Sie sind ja ganz nass! Kommen Sie rein und setzen Sie sich.“
Dankbar ließ Sabine sich in einen Sessel fallen. Sie hörte die Nachbarin aufgeregt telefonieren. Zwanzig Minuten später klingelten zwei Beamte in Zivil. Sabine schilderte kurz den Tathergang und führte die Polizisten in ihre Wohnung. Als sie das Licht anmachte, war kein Täter mehr zu sehen.
„Erstaunlich, dass er so einen harten Schädel hat. Aber wir können jetzt nichts machen. Kommen Sie morgen aufs Revier, geben Sie eine Personenbeschreibung ab und erstatten Sie Anzeige gegen Unbekannt. Und machen Sie in Zukunft Ihre Terrassentür zu!“
„Aber sie können mich doch jetzt nicht allein lassen! Der Mann wird wiederkommen, um mich zu erledigen!“
„ Sie lesen zu viele Kriminalromane. Gute Nacht, schlafen Sie gut und ziehen sie morgen zu einer Freundin. Wir werden der Sache nachgehen.“
Sabine blieb enttäuscht zurück. Hatte ihr die Phantasie einen Streich gespielt? War alles vielleicht harmloser, als sie es empfunden hatte? Sie schloss die Terrassentür und ging wieder ins Bett. Hellwach lag sie auf dem Rücken und sah den Morgen durch das Fenster dämmern. Sie hörte, wie die Nachbarin zur Arbeit fuhr. Dann hörte sie eine Fahrradbremse quietschen.

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