NÄCHTLICHER REITER
von Sigrid Güssefeld (Copyright)
Manchmal sehe ich ihn noch -
wenn die Sonne sich hinter dem Berg versteckt
und die Schmetterlinge zur Ruhe kommen.
Am Horizont wirbelt er Staub auf
und reitet hinein in die Abenddämmerung.
Stolzen Hauptes jagt er seinen Hengst über die Prärie
und gibt seinen Erinnerungen neues Leben.
Der Traum von der Vergangenheit
holt ihn immer wieder ein -
als seine Stammesältesten noch weise Männer waren
und an die Wirklichkeit glaubten.
Die ganze Nacht hindurch
schallen Hufschläge über das Land
und ein Funke meiner eigenen Identität
wird in mir wach.
Die Dunkelheit macht Grenzen unsichtbar,
sie schafft Raum und Freiheit.
Sobald die Morgensonne aufgeht,
ist dieser Traum vorbei -
dann ist der nächtliche Reiter längst umgekehrt
und verflüchtigt sich in der Zivilisation.
Und hinter Reservatsmauern
ertränken Menschen
den letzten Keim ihrer Kultur
im Alkohol.