Phips war Schütze

von Rainer Zuphall (Copyright)

Es war ein Rausch in grün und gelb, dazwischen das Blau der Blüten und das dunkle Rot der Blätter des jungen Gundermann, die sich zu einem Violett mischten. Überwiegend aber war das Grün der Wiesen und die Orgie des goldgelben Löwenzahn.

Ich war heute lange in den Reben unterwegs, dreizehn bis vierzehn Kilometer bin ich sicher gelaufen, bestimmt zweieinhalb Stunden. Über unser beider Zeichen Jungfrau und Schütze habe ich nachgedacht, vor allem natürlich über den Schützen, den Schützen in all seiner Impulsivität und Intuität, man könnte auch sagen: in all seiner Unüberlegtheit, mit seiner Fähigkeit, seinem Willen, immer die Kausalität des Geschehens zu erfassen oder auch seiner Unfähigkeit, das Einzelne zu sehen.

Dabei musste ich auch an ein Gedicht denken, das ich für dich geschrieben habe:

Ich hab an dich gedacht

Ich hab die ganze Nacht alleine dagesessen,

ja, zwischendurch mal ein Stück Brot gegessen,

ein Gläschen Wein getrunken nur,

ja, zwei vielleicht. Betrunken? Keine Spur!

Ich hab versucht, ein kleines Stück zu schreiben

doch konnt ich´s nicht, beim Wollen sollt es bleiben.

Und dann trank ich ein drittes Glas,

ein weit´res noch und dann hatte ich Gas.

Ja, doch, ein bisschen blau bin ich gewesen

hab halt zu lang alleine da gesessen

und viel zuviel gegrübelt auch

und dazu noch der Zigarettenrauch

Ich habe nicht bewusst soviel getrunken,

war nur in meine Träumerei´n versunken.

Ja, glaube mir, ich hab die ganze Nacht

an gar nichts andres als an dich gedacht.

Am nächsten Tag ist mir dann schlecht gewesen,

so schlecht, ich konnte nicht einmal mehr lesen.

Doch bitte, entzieh mir nicht deine Huld:

an meiner Sauferei warst du nur schuld!

17.8.00

Mir war natürlich nicht schlecht geworden, weil ich während der ganzen Nacht an dich denken musste, sonst wäre mir seit eineinhalb Jahren ununterbrochen schlecht ( wahr ist, es geht mir schlecht ) sondern weil ich tatsächlich zu viel geraucht hatte.

Aber zurück zu dem, was ich eigentlich wegen des Schützen sagen wollte: Mir ist dabei ein Gedicht von Heinz Erhardt eingefallen, das vom Ritter Fips.

Das Gedicht darf ich natürlich nicht öffentlich lesen oder in einem Buch schreiben, da ich sonst Tantiemen zahlen muss und zwar nicht zu knapp, aber ich denke, es ist Dir bekannt.

Ich habe deshalb mein eigenes Gedicht vom “Ritter Phips” geschrieben, und das geht 50 ?? – Ne, so:

Der Ritter Phips zu Phipsenburg

Er stand, und nicht zum ersten Male,

gegürtet und im blanken Stahle,

hoch auf der Brüstung seines Schlosses

im vordern Teil des Dachgeschosses

inmitten seiner halben Garden,

der andre musste im Hofe warten,

- er ist deshalb unten geblieben,

weil: einer muss ja Wache schieben -

a) also, er stand hoch auf des Schlosses Brüstung

b) wie schon gesagt, in voller Rüstung.

Da gabs von unten einen Ton.

c) Der Ritter sagt: Ich gucke schon!

d) Hat sich zu weit nach vorn gebeucht,

e) darauf ist ihm der Helm entfleucht.

Wollt greifen ihn mit rascher Hand

worauf auch er vom Dach verschwand.

f) Er schwebt ´n Moment, doch ziemlich schnelle

saust er nach unten mit Gefälle,

ist rasch am Helm vorbei geeilt,

- ach hätte er doch nur verweilt -

g) erreicht den Hof mit Müh´ und Not,

der Helm fiel weich, der Phips ist tot,

hat seine Neugier zwiegebüsst,

ward von des Kopfschutz Zier gespiesst.

Der arme Ritter lag zerschmettert,

der Helm blieb heil, er fiel gefettert. *

*Beachtet meine beiden Wortneuschöpfungen “zwiegebüsst” und “gefettert”, das ist genialisch, das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen: “g e f e t t e r t”, gebildet aus den beiden Wörtern ” fett” und “gefedert”! Infolge Phipsens Leibesfülle – er war fett! – wurde der Aufprall des ohnehin langsamer fallenden Kopfschutzes gemildert, eben – abgefettert.

Wenn ich nun dieses Gedicht lese und überdenke, komme ich zu der ganz klaren Überzeugung:

Der Ritter Phips war Schütze!

Diese These will ich im Folgenden begründen und die jeweiligen Antithesen des Jungfrau-Prinzips dagegen stellen:

a) Der Schütze steht meist hoch oben über den Dingen, einmal weil er den Überblick behalten will, zum Andern, weil ihn die Nichtigkeiten der Niederungen nicht interessieren.

Im Gegensatz die Jungfrau, sie steht mittendrin, unten am Ort des Geschehens und verwertet direkt die einzelnen Eindrücke, verliert dabei aber leicht den Überblick.

b) Ritter Fips trägt selbst auf dem Turme seines Schlosses eine Rüstung. Der Schütze ist nie ohne seinen Schutzpanzer unterwegs, der ihm zwar meist nichts nützt weil er ihn unter genau den Umständen, für die er ihn eigentlich trägt, selber wieder einreisst, aber er hat ihn prophylaktisch um sich herum aufgebaut.

Die Jungfrau ist konsequenter, sie ist zwar auch vorsichtig, aber wenn sie denn eine Rüstung anzöge (glaubt mir, sie tut es) so würde sie diese auch anbehalten.

c) Der Schütze bekommt alles mit, er hat Augen und Ohren immer offen, verfolgt neugierig alles Geschehen in seinem weiteren Umfeld, auch wenn ihm das oft gar nicht bewusst ist.

Die Jungfrau sieht sich ebenfalls sehr genau um, analysiert aber nur die Einzelheiten in ihrem unmittel- baren Umkreis und ihr ist bewusst, dass sie das tut.

d) Der Schütze will alles wissen und – er will den grossen Überblick erhalten, deshalb schaut er “von oben” nach. Prinzip: Ich begreife!

Die Jungfrau hätte nicht “von oben” nachgesehen, sie wäre, hätte sie ganz gegen ihre Gewohnheiten oben gestanden, hinuntergelaufen um nachzusehen, was dort im Einzelnen geschehen ist. Prinzip: Ich analysiere! Ihr wäre auch das Risiko zu gross gewesen. Dem Schützen wäre es auch zu gross gewesen, wenn er es gesehen hätte, aber mit solchen Petitessen gibt er sich gar nicht erst ab. Ihn interessiert nur das Grosse Ganze.

e) Das traurige Los des Schützen ist, er verliert ständig etwas, hier zuerst den Helm und dann, schnell und zielstrebig danach greifend aber, wie er es so häufig tut, über das Ziel hinausschiessend, auch den Halt und, wie die Römer, eine Schlacht nach der anderen. Während aber die Römer am Ende ihre Kriege gewannen, verliert der Schütze auch diese, macht sich aber nicht all zuviel daraus, denn es kommen ja immer wieder neue.

Die Jungfrau verliert selten etwas, vor allem nie den Halt, dazu achtet sie viel zu sehr auf Contenance. Sie hält auch ihre Habe zusammen und hätte den Helm mittels des Kinnriemens befestigt.

f) Der Weg ist das Ziel. Zunächst zögert der Schütze durch- aus manchmal, ist also nicht immer der spontane Ja- oder Neinsager, er schwebt´n Moment, aber wenn er erst einmal ein Ziel hat, und es ihm wirklich wichtig ist, verfolgt er es mit einer erschreckenden Sturheit und ohne Rücksicht auf jegliche Konsequenzen, vor allem dann, wenn sein Ascendent Löwe ist. Ist ihm das Ziel nicht so wichtig verliert er es sehr schnell aus den Augen, sein Interesse erlahmt, er kümmert sich um alle möglichen anderen Dinge und schaut dort nach.

Phips muss das Ziel sehr wichtig gewesen sein sonsthätte er sich unterwegs sicher ein paar Mal verflogen. Anders die Jungfrau. Ihr ist das Ziel wichtig, der Weg führt nur dorthin. Sie ist aber so pragmatisch und realitätsnah, dass sie erkennt, wenn ein Ziel nicht zu erreichen ist und kehrt dann um.

Für den Schützen gibt es keine Umkehr, er müsste zugeben, nicht recht zu haben.

g) Jedenfalls erreicht der Schütze sein Ziel in den meisten Fällen, nur: Häufig endet das dann mit einem Fiasko, es endete in diesem Falle mit einem Knalle! Man nennt das in der Musikscene wohl ein Finale Furioso!

Fazit: Phips war Schütze.

Übrigens. Don Quixote war auch Schütze, Sancho Pansa eher Jungfrau.

Ein Satz noch zum Schluss, eine Erklärung: Ich weiss, dass viele von Ihnen sich darüber wundern, dass ich in diesem o.a. Gedicht schreibe, Phips würde von der Spitze seines Helmes “gespiesst” wo doch die meisten davon ausgehen, er hätte als Helmzier einen wehenden Federbusch getragen: Hat er nicht! Auch darin war Phips, wie in manch anderen Dingen einzigartig und wegweisend. Sein ritterlicher Vater selig hatte in weiser Voraussicht, ahnend um Phipsens Phantasie und Experimentierfreudigkeit testamentarisch verfügt, unter der Androhung, das gesamte Vermögen einschliesslich Schloss würde sonst an die Caritas fallen, sein Sohn dürfe nur Helme mit einer Spitze und ohne Federbusch oder Pferdeschweif tragen. Somit war Phips sen. der Erfinder der Pickelhaube.

Es hatte sich nämlich einst folgendes zugetragen: Phips hatte sich im Alter von etwa zehn, elf Jahren seines Vaters Helm mit den prächtigen Schwingen eines mächtigen Kaiseradlers aufgesetzt, war damit auf den Turm der elterlichen Burg gestiegen, auf die Brüstung geklettert und wollte gerade seine ersten Flugversuche unternehmen, als ihn seine Amme, die ihm mühsam und keuchend – sie war schon recht füllig – gefolgt war, gerade noch rechtzeitig beim Arsche kriegte. Auf Vorhaltungen elterlicherseits meinte er folgerichtig, dass, wer Federn hätte, doch auch fliegen könne und er habe eben einen kleinen Ausflug unternehmen wollen. So wurde Phips nebenbei auch noch der Erfinder des Ausdrucks “Ausflug” für einen kleinen Trip.

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