Ludoviko

von Rainer Zuphall (copyright)

Diese Geschichte ist ein Kapitel für sich. Das Ganze hat sich abgespielt vor einigen Jahren, als mit den Vorarbeiten zur Bebauung des Rieselfelds begonnen werden sollte. Geändert wurde nur der Name der Zeitung, der ist frei erfunden, alles andere ist ein Märchen?

Höchst unangenehmer Auftrag, den ich von meiner Redaktion erhalten habe. Ich soll einen Artikel schreiben über ein Wesen, das in den unterirdischen Gängen der Freiburger Rieselfelder sein Unwesen getrieben haben soll.
Dieses Lebewesen soll in früheren Jahren junge Menschen zur Flucht aus dem Elternhaus verführt haben. Die meisten von ihnen waren noch Kinder, und sofern sie überhaupt schreiben konnten, hinterliessen manche von ihnen Abschiedsbriefe, die alle ungefähr gleich lauteten: “Sucht mich nicht, ich bin bei LUDOVIKO um ein gesünderes, freieres, sinnvolleres Leben zu führen!”
Aber – wer war Ludoviko, (oder ist? denn vor einigen Wochen sind angeblich wieder ein paar Kinder auf mysteriöse Weise verschwunden und man bringt “ihn” damit in Verbindung) und von wem und wo kann ich etwas über ihn in Erfahrung bringen?
Ich bin also auf das Rieselfeld geschickt worden und habe die Order, so lange dort zu recherchieren, bis ich genügend Material für eine interessante Story zusammengetragen habe. Und ich soll die Geschichte möglichst spektakulär aufziehen und auch Fotos machen, damit die Redaktion einen richtig reisserischen Sonderbericht, am besten über mehrere Tage verteilt, bringen kann.
Sommer – Sauregurkenzeit, man muss das Blatt füllen!
Ach, ich mag keine abergläubischen Zaubergeschichten, und ich mag schon gar keine rattenfängerähnlichen Sagen, die sich in irgendeiner längst vergangenen Zeit zugetragen haben sollen und die in die heutige Zeit transponiert werden, nur weil irgend etwas geschehen sein soll, das man sich im Augenblick nicht erklären kann. Sollten wir nicht besser der Polizei die Aufklärung überlassen? Und dann dieses Gerede von einem Rieselfeldgeist, von dem keiner weiss ob er je existiert hat und ob er Mensch oder Tier war. Katakomben-Nessie in Freiburg?
Also, ich muss meine Kohle irgendwie verdienen, und ich muss den Auftrag ausführen, und da ich irgendwo anfangen muss, hänge ich meine Fototasche um, packe Recorder, Notizblock und Kugelschreiber ein und fahre mit dem Fahrrad von der Lörracher Strasse durch die Eschholz-, Carl-Kistner-, Opfinger Strasse Richtung Rieselfeld.
Da ist ein weites, unbebautes, teilweise ziemlich verwildertes Brachland, Reste von Kanälen sind zu sehen, Schleusenwerke, Baumstümpfe, ich stehe da neben meinem Fahrrad und mir ist nicht klar, wo anfangen. Niemand ist zu sehen, bis auf einen alten Mann mit einem Korb und einer Sichel, der am Wegrand Brennnesseln sammelt.
“Hallo, Guten Tag. Fangen hier die ehemaligen Rieselfelder von Freiburg an?”
“Zu den Rieselfeldern willst du? So so! Hmm – hmm… und warum?”
Ich denke, was geht den Alten das an und sein eigenartiges Verhalten lässt mich ahnen, dass hier vielleicht doch eine Story beginnt. Der Alte wiegt den Kopf hin und her und her und hin und schaut mich sehr sonderbar an.
“Ist das so aussergewöhnlich, wenn sich jemand das Rieselfeld anschauen möchte? Es fahren doch viele Leute hier her.” sage ich.
“Aber nicht jetzt,” antwortet er,” an deiner Stelle tät´ ich gerade jetzt nicht reingehen!”
” Warum nicht?”
“Weil es leicht sein kann, dass man von dort nicht zurück kommt, es ist schon mancher dort geblieben. Die Bauarbeiten für das neue Wohngebiet haben gerade begonnen und es wird so manches im Untergrund freigelegt. Aber ich will nichts gesagt haben! Gehen Sie rein,” er siezt mich plötzlich,” meinetwegen, alles will hier rumschnüffeln und auf einen alten Mann hört sowieso keiner. Fahren Sie rein! An der nächsten Kreuzung bis zum alten Apfelbaum und dann rechts an den Malvenfeldern vorbei. Mehr sag ich nicht!”
Heimlich macht der Alte ein Zeichen mit der linken Hand aber ich sehe es doch: der Arm hängt herunter, er ballt die Faust und Zeigefinger und kleiner Finger zeigen ausgestreckt nach unten.

Das Zeichen habe ich schon einmal gesehen, es soll vor einem Fluch schützen oder vor Verhexung.
Ich schiebe mein Fahrrad und mich mit Fotoapparat und Recorder, den ich vorher schon ausgepackt hatte, weil ich auch das Gespräch mit dem alten Mann aufzeichnen wollte (später waren nur laut knisternde Geräusche zu hören) ich schiebe uns also einige hundert Meter weiter und treffe einen Jungen, etwa dreizehn Jahre alt, um ihn herum verstreut liegen etliche Tüten von Chips und Gummibärchen, leere Plastikflaschen.
“Hallo!” sage ich, “kannst du mir helfen hier etwas zu finden?” “Haben Sie was verloren – hier? Was haben Sie hier verloren?”
“Nein, ich habe nichts verloren aber ich muss etwas herausfinden, weisst du. Kennst du den Ludoviko, kannst du mir etwas über ihn sagen?”
“Kommt d´rauf an.”
“Worauf kommt es an?”
“Wieviel Sie rüberwachsen lassen.”
“He?”
“Na ja, wieviel Kohle, Knete, was für mich drin ist halt.”
“Ah ja, na gut, was zu dir rüberwächst kommt ganz drauf an, was von dir zu mir an Information rüberwächst.”
Ich krame in der Tasche, der Grösse nach habe ich einen Fünfer in der Hand. Ich zeige ihn dem Knaben:
“Reicht das?”
“Für den Anfang ja!”
“Also, dann fang mal an!”
“Eh, die spinnen alle,” fängt er an zu erzählen,” die spinnen total, die da rumgraben und nach Ludoviko suchen, mein grösserer Bruder ist auch einer von denen, die total daneben sind, voll plemplem! Aber mich freuts!”
“Wieso freut dich das?”
“Ganz einfach, weil ich jetzt alles allein erbe!”
“Weil du was?”
“Mann, kapier doch, weil alle, die Ludoviko suchen, nichts mehr haben wollen, keine Knete, kein Auto, kein Haus, einfach überhaupt nichts mehr, sagt meine Grossmutter.”
Der Junge kaut die ganze Zeit über schmatzend an seinem Kaugummi und lässt dabei riesige Blasen geräuschvoll zerplatzen.
“Für fünf Mark habe ich jetzt genug gesagt.” meint er dann.
“Komm,” sage ich,”für fünf Mark hast du noch nicht genug gesagt! Weshalb haben diese Leute kein Interesse mehr an Geld, Auto und Haus?”
“Es reicht!” Er steht auf und geht und ist verschwunden.
In der Ferne ziehen am Himmel dicke Gewitterwolken auf. Bedrohlich schnell nähern sie sich. Nach dieser Abfuhr, die der Junge mir erteilt hat, kommen mir langsam wieder Bedenken ob ich überhaupt meine Story “Ludoviko” zusammen bringe. Bis jetzt hat jeder – es waren nicht nur die beiden eben, sondern im Vorfeld noch einige andere – höchstens höchst rätselhafte Angaben gemacht oder sich einfach abgewandt oder mich gross und fragend angeschaut und gesagt: “Ludoviko?”
Und jetzt kommt zu allem Unglück noch dieses Unwetter daher, Blitze zucken, Donner grollen immer näher, die Zeitabstände zwischen Blitz und Donner werden immer kürzer. Wind kommt auf.
Ich blicke das weite Feld nach einem Unterstand ab, wo ich mich vor Regen und Blitz in Sicherheit bringen kann; eh, ich arbeite hier als Volontär und das ist mein erster selbständiger Auftrag für die Zeitung, da soll mich doch nicht gleich der Blitz erschlagen. (Der Blitz soll mich beim Scheissen treffen, wenn ich für die paar Mark das Risiko eingehe, wer will schon bei einem Gewitter eingehen!) Also, bevor es anfängt zu schütten und Zeus seine Blitze nach mir schmeisst, brauche ich sichere Deckung.

Und tatsächlich: Ich sehe ein kleines, gemauertes, ehmals weiss-getünchtes Häuschen und wie ich so schnell wie möglich näher gehe, sehe ich die kleinen Fensterhöhlen und die schweren halb-verrosteten Eisenringe, an die man in früheren Jahren als das Rieselfeld noch als Weide diente, das Vieh gebunden hatte. Ich schiebe mein Fahrrad tapfer mehr vor als neben mir her – so langsam bekomme ich ein bisschen Muffensausen, denn ich habe schon oft gehört, dass Menschen auf dem freien Feld vom Blitz erschlagen oder halb angebraten wurden – und erreiche vor den ersten schweren Tropfen das Häuschen. Ich öffne die schwere Eisentüre, die Gott sei Dank nicht verschlossen ist, trete ein und modriges Halbdunkel umfängt mich.
Meine Augen gewöhnen sich nur langsam an das diffuse Licht und ich beginne, schwache Umrisse zu erkennen. Und als sich ein weiterer Blitz, unmittelbar gefolgt von einem gewaltigen Donner, über dem kleinen Häuschen entlädt und das Innere des Raumes hell erleuchtet, bekomme ich einen gewaltigen Schreck,denn ich erkenne eine dunkle Gestalt, die der Tür gegenüber in einem Stuhl sitzt.
Mir gefriert fast das Blut in den Adern und ich frage mich entsetzt, was das für ein Ding sein könnte. Ist es ein Mensch, ist es eine Leiche oder ist es eine Puppe aus alten Lumpen weil – es geht ein fürchterlicher, es geht ein penetrantpetroliger Aas-gestank von ihr aus. Obwohl ein eiskalter Schauer meinen Rücken hinunter fliesst, bewege ich mich zaghaft langsam auf die leblose Gestalt zu und ich meine mich selbst wie in einen Zeitlupenfilm zu sehen. Ich denke, ich habe mich in meinem Leben noch nicht so gefürchtet, aber ich kann nicht anders, ich muss näher gehen. Ist das ER oder ES, was ich suchte? In diesem Moment entlädt sich ein weiterer Blitz, eine riesige Lichterscheinung begleitet von einem gewaltigen Donner, mir scheint, es seien Minuten. In Wahrheit geht alles sehr schnell.
Ich müsste das alles fotografieren, aber der Fotoapparat ist in meiner Tasche, am Kassettenrecorder habe ich zwar schnell die Pausentaste gedrückt und die Aufnahme läuft aber später wird sich zeigen, dass auch diesmal nur lautes Knistern zu hören ist, nichts sonst.
Was ich jetzt erlebe, wenn ich das in meinem Club erzähle…
Mit ruckartigen Bewegungen beginnt die Gestalt sich zu regen und mit einer unnatürlich dumpfen Stimme, wie aus einem Grabe kommend, spricht sie mich an:
“Mir bleibt keine Zeit – keine Zeit – wenn das Gewitter vorbei ist – ist alles vorbei! Ich wurde aus den Kleidern uralter Frauen hergestellt und ausgestopft, aus Lumpen, die sich in den Kloaken und an den Wegrändern fanden und die Leute von der Wagenburg haben mich hier in dieses Haus gesetzt. Immer bei starken Gewittern wie diesem, wenn ich elektrisch geladen bin, kann ich alle Laute der Natur, die Stimmen der Tiere, das Brausen des Sturmes und sogar die unausgesprochenen Gedanken der Menschen verstehen. Aber noch nie hatte ich Gelegenheit, mit einem Menschen von Angesicht zu Angesicht Rede und Antwort zu wechseln. Also beeil dich, frag mich was du willst, aber beeil dich!”
Ich glaub´s nicht! Eine Wahnsinnsgeschichte, denke ich ein Reisser, aber ich glaub´s einfach nicht! In was für einem Traum bin ich da gelandet?
“Kein Traum,” scheppert die Stimme, kümmert sich sonst nicht weiter um meine Gedanken und fährt fort: “Es gibt hier in der Nähe einen Bach, der plötzlich verschwindet, unterirdisch weiter fliesst und nach ein paar hundert Metern wieder zu Tage tritt. An der Stelle, wo er die Erde verlässt, ist der Eingang zu den unterirdischen Gewölben des Drachen Ludoviko. Dort gibt es noch die herrlichen breiten Treppen aus rosafarbenem Marmorstein, Bäder aus weissem Marmor, eingeführt aus der warmen südlichen Heimat ihrer Erbauer, mit vergoldeten Wasserspeiern, Säulen aus poliertem schwarzwälder Granit. Diese Hallen wurden in alten Zeiten gebaut, damals lebten die Menschen noch anders als heute und auch anders als zu der Zeit, da diese Geschichte sich abgespielt hat.
Früher verlangte man von den Eltern, von den Armen, den billigen Arbeitskräften, viele Kinder in die Welt zu setzen und so gab es Frauen, die zehn und mehr Kinder gebaren, bis sie im Kindbett starben und der Mann sich eine neue Frau nahm, die ihm wieder viele Kinder “schenkte”.
Die Kinder waren wie ihre Eltern dreckig, hatten Läuse, stahlen wie die Raben und auf dem Markt war trotz drakonischer Strafen nichts vor ihnen sicher, weil sie erbärmlich Hunger litten.

Wenn sie klein waren, kümmerte sich niemand um sie, sie spielten und balgten sich auf Strassen, die schlammige Rinnen waren, mit fauligen Abfällen und mit Fäkalien von Mensch und Tier vermischt, Ratten breiteten sich aus.
Was Wunder, dass schreckliche Krankheiten in der Stadt ausbrachen, Pest, Typhus und Cholera, viele andere will ich gar nicht nennen, es würde zu weit führen. Die Reichen, sie blieben nicht verschont, obwohl kräftiger, weil sie besser genährt waren, wurden auch sie angesteckt und krank. Viele Menschen starben.
Viel schlimmer empfanden die Bürger aber die kranken und verkrüppelten Armen, vor allem die schwächsten, die Kinder. Sie störten das Bild der sauberen und glatten Stadtteile. Und sie schlugen sie und sie vertrieben sie aus ihren Quartieren.
Ludoviko, der selbst wegen seiner unangepassten Drachengestalt verjagt und zum Ausgestossenen wurde, liess auf den Wegen um die Rieselfelder Wächter aufstellen. Die mussten ihm melden, wenn eines dieser armen vertriebenen Menschenkinder auftauchte. Sie waren gut verborgen, der eine in einem hohlen Baum, ein zweiter in einer Höhle, die getarnt war mit Felsbrocken, der dritte…”
An dieser Stelle unterbrach ich den Redefluss der Lumpenpuppe, denn ich hatte mich wieder gefasst und verspürte eigenartigerweise nicht mehr die geringste Furcht:
“Und du meinst diese verjagten Menschen sind dann von den Wächtern zum Drachen geschleppt worden? Das erinnert doch so ein bisschen an jene trojanische Prinzessin, die als Drachenfutter an den Felsen geschmiedet und dann von Herakles befreit wurde oder an die Geschichte mit dem Minotauros und den Athener Jünglingen und Jungfrauen!”
“Lästere nur,” erwiderte die Alte,” so war es eben nicht, sie sind vielmehr alle freiwillig mitgegangen in diese andere Welt, denn egal wie es auch käme, Schlimmeres als in ihrem bisherigen Leben konnte ihnen nicht geschehen und, du wirst es noch erfahren, Ludoviko hatte die besseren Argumente für sich. Freilich, du kannst über alles eine Reportage machen, aber DU kannst über Ludoviko nicht schreiben.”
“Warum nicht, über alles lässt sich schreiben,” sage ich.
“Du irrst, du kannst nicht über ihn schreiben, weil du wie die meisten Menschen von diesen Dingen nichts verstehst!”
Na danke, denke ich, einer wie ich bekommt über jede Sache, nach der er fragt, hundert verschiedene Antworten: Falsche, halbfalsche und erlogene und jetzt sagt mir dieser stinkende, blitzolektrische Lumpenfranz auch noch, dass ich nichts kapiere! Ich bin zwar nur ein kleiner Volontär bei der FZ, aber bin ich deshalb doof?
“Ö – ö,” kommt es wie Geblöke eines alten Schafbockes von ihm und ich habe den Eindruck, dass er mich auslacht, “nicht Franz, eher Franziska, ich habe dir doch gesagt, dass ich aus den Lumpen armer Frauen gemacht wurde –
(Ich hatte vergessen, sie hatte gesagt, dass sie auch die unausgesprochenen Gedanken der Menschen verstünde)
- aber hier oben” – und sie tippte mit ihren langen Wollfingern leicht an die Stirn ” hier oben kannst du alles sammeln was ich dir sage; aber verstehen kannst du nur mit dem Herzen, hast du das nicht schon einmal gelesen?”
“Hör mir auf mit Anspielungen auf den kleinen Prinz, eh, ich bin Reporter und…”
“Hör du auf mit dem Geschwätz, vorhin dachtest du noch, du seist Volontär, meinst du, ich hätte es nicht gehört”
unterbrach mich die Alte etwas ärgerlich,
” ich rede nicht mit dir weil du Reporter, sondern weil du Mensch bist, junger Mensch!

Vielleicht kann ich dir verständlich machen, was der Drache Ludoviko, der Ausgestossene, den Kindern der Menschen, den anderen Ausgestossenen, seit langen Zeiten Gutes getan und Schönes bereitet hat. Natürlich hat er dafür gesorgt, dass die verjagten und verstossenen Kinder und Kranken geheilt, die Krüppel gepflegt und eingekleidet wurden. Aber das war bei Weitem nicht alles! Viel mehr hat diese Armen erfreut, was Ludoviko ihren Herzen geschenkt hat. Zum ersten Mal in ihrem Leben sahen sie die Blumen , die den Boden in seinem geheimnisvollen Reich bedeckten, sie sahen die Bäume, die im Frühling hellgrüne Blattspitzen trieben, rochen den bezaubernden Duft der blühenden Sommerlinden im Juni, sie lauschten den Liedern der Amseln, die ihre Brutreviere markierten, folgten mit leuchtenden Augen dem Spiel der Schmetterlinge und ergötzten sich im Februar am Taumelflug der Kiebitze, die zu den ersten Heimkehrern des Jahres gehören. Sie erlebten die Wärme, Geborgenheit und Zärtlichkeit, die in diesen alten Marmorhallen zu Hause waren. Bald gab ein Kind dem anderen Geborgenheit und Kraft. Ohne Streit sangen, spielten und tanzten sie mit einander im Ringelreihen. Gelächter, Scherze und Freude erfüllten die Hallen. Die Kinder sangen und tanzten nach ihren kindlichen selbst-gereimten Weisen:

Kommt um euch mit uns zu freun,
kommt wir tanzen Ringelreih´n,
durch die bunten Blumenwiesen
hüpfen wir mit blossen Füssen.
Schläge gibts hier nicht und Schmutz
Ludoviko gibt uns Schutz!

In dieser Atmosphäre der Geborgenheit wurden die Kinder und die anderen Ausgestossenen der Stadt ebenso hilfsbereit gegenüber bedürftigen Neuankömmlingen wie der Drache Ludoviko selbst. Weil aber diese Lieder und das Lachen der Kinder durch die unterirdischen Hallen verstärkt wurden, drangen sie auch durch die Gänge nach oben ins Freie, die Menschen draussen, wenn sie wegen ihrer Arbeiten in der Nähe der Rieselfelder vorbei kamen, sagten dann:” Dort unten spukt es, dort haust ein böser Drache und Feen und Kobolde, die unsere Kinder mit ihren Gesängen ins Verderben locken wollen.”
Eines Abends als Ludoviko und die Kinder wieder einmal zusammensassen, um sich schöne Geschichten zu erzählen, dachten sie an die anderen Menschen in Freiburg, die ständig mit einander stritten und böse aufeinander waren. Die den Gestank und den Dreck in den Gassen einfach hinnahmen und kranke Mitmenschen aus der Stadt jagten. Und sie waren alle sehr traurig, manche fingen an zu weinen, weil sie sich an ihr eigenes Schicksal erinnerten. Sie versuchten, sich gegenseitig zu trösten. Aber dann überlegten sie sich, was man für die Menschen in ihrer Stadt tun könnte, denn es war immer noch und trotz allem ihre Stadt Freiburg. Wir müssen etwas machen, sagten sie sich, dass Freiburg sauberer und gesünder wird, auf den Strassen vor den Häusern, aber auch in den Herzen der Bewohner.
Ludoviko und seine Kinder beschlossen deshalb, auch den Menschen in Freiburg zu helfen und sie machten einen Plan.
Eines Nachts, gerade als es dunkel wurde, schlichen sie sich durch die unterirdischen Gänge und sie gelangten, als der halbe Mond gerade über die Mauern in die engen Gassen lugte, in die Gerberau. Von hier aus verteilten sie sich und arbeiteten die ganze Nacht durch ohne Pause. Nur der Türmer auf dem Münsterturm bemerkte eine seltsame Unruhe in den Strassen und Gassen, wenn er zur vollen Stunde die Zeit ausrief, er fand dafür aber keine Erklärung. Als der neue Tag heraufkam, die Bauern aus dem Umland waren gerade durchs Martinstor in die Stadt gelangt um auf dem Münsterplatz ihre Marktstände aufzubauen, die ersten Mägde und Köchinnen kamen aus den Patrizierhäusern um für den Mittagstisch ihrer Herrschaft einzukaufen, ging ein Raunen durch die Stadt, das sich von Haus zu Haus, von Quartier zu Quartier fortsetzte und alles Volk strömte auf die Strassen und Plätze. Von einem Wunder sprach der eine, von Hexerei und Teufelswerk die andern.
Was war geschehen?

Dort wo gestern noch schlammige Pfühle waren, mit Kot und Müll gemischt, waren jetzt saubere gepflasterte Gassen, aus den Rinnsalen waren über Nacht gerade gemauerte Bächle entstanden, die klares, sauberes Wasser führten und in denen schon die ersten Kinder anfingen zu plantschen.
Der Eine oder Andere musste doch irgendetwas bemerkt haben in der vergangenen Nacht, sei es der Türmer oder ein später Heimkehrer, der sich von einem heimlichen Schäferstündchen mit seiner Liebsten nach Haus gestohlen hatte, denn es sickerte durch, Ludoviko und seine Schar seien die Bauherren der schönen Bächle, die heute noch als Freiburger Attraktion in aller Welt bekannt sind und gerade zur Zeit allerorts kopiert werden. In Bad Krozingen zum Beispiel und Heitersheim.
Die Bürger waren entsetzt!
In der Chronik der Stadt durfte diese Geschichte so nicht niedergeschrieben werden. Du kannst schauen, wo du willst, du wirst sie nicht finden, aber so ist es geschehen.
“Wo kommen wir da hin, wie stehen wir da,” sagten die Ratsherren, der Bischof, die Pröbste, Äbte, Zunftmeister und Lehrer untereinader, “wenn jeder Lump und jedes ausgestossene Bettelkind uns etwas vormachen kann, ein Drache gar, eine Ausgeburt der Hölle!” Aber sie hatten sehr schnell bemerkt, dass nicht nur die Strassen sauberer, die Luft frischer geworden war, nein, auch die Krankheiten, unter denen sie alle so gelitten hatten, nahmen ab. Und so schrieben sich die hohen Herren das Verdienst und die Leistung selbst auf´s Panier, auf die Fahne. Denn wenn denen nichts einfällt und wenn sie nichts Gescheites zustande bringen, dann sind es immer die Anderen, wenn aber den Kleinen was einfällt und sie etwas Vernünftiges tun, dann waren es natürlich die Grossen. Und so ist es bis heute geblieben.
Denn wo kämen wir hin, wenn Kinder und andere Randgruppen sich um das Allgemeinwohl verdient machen würden, während die Verantwortlichen schlafen!”
Die Stimme der Alten war immer stockender geworden und sie war schliesslich ganz verstumt und sass wieder unbeweglich in ihrem Stuhl. Sie war wieder die starre, stinkende Puppe, die ich anfangs angetroffen hatte. Das Gewitter war vorbei.
Manches Geschehen in dieser Stadt wird wohl immer Geheimnis bleiben. Ich aber habe meine Story, die Freiburger ihre schönen, erfrischenden Bächle, in denen heut noch Kinder plantschen, aus denen Hunde trinken und die von japanischen Touristen foto-grafiert werden und alle erzählen immer wieder gerne die alten Märchen und Geschichten von den Freiburger Bächle.

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