Als Karl zum Fenster hinaus schaute
von Steffi Beckmann (Copyright)
Als Karl zum Fenster hinaus schaute, konnte er nicht ahnen, in welcher Weise sich ihre Wege kreuzen würden. Sein Blick ruhte auf dem Alten Turm aus dem frühen 14. Jahrhundert. In der späten Nachmittagssonne strahlte das denkmalgeschützte Bauwerk eine besondere Ruhe aus.
Zur gleichen Zeit saß Sheryll im ICE von Köln nach Frankfurt. Seit der Fertigstellung der neuen Schnelltrasse beträgt die Fahrzeit nur noch 77 Minuten. Aber sie achtete nicht auf die Geschwindigkeit. Ihre Gedanken kreisten um die Fertigstellung des Projekts. Auch sie konnte nicht ahnen, in welcher Weise sich ihre Wege kreuzen würden.
Erschöpft lehnte sie ihre fiebrige Stirn an die Fensterscheibe. Der sanfte Rhythmus des dahin gleitenden Zuges übertrug sich auf ihren Körper und zog sie hinab in einen Dämmerzustand. Alles um sie herum war nur noch eine einzige wallende Nebelschwade welche sie umhüllte. Langsam steigen Bilder daraus empor. Zuerst unscharf und verschwommen, dann immer klarer werdend. Sheryll kannte diese Bilder bereits, sie hatte keine Angst mehr davor. Jetzt nicht mehr.
1968
Da steht sie, ein kleiner Dreikäsehoch. nicht einmal 4 Jahre alt. Den kleinen Körper fröstelnd in ihr Mäntelchen geschmiegt. Der Herbstwind treibt das welke Laub stürmisch vor sich her. Obwohl der Tag noch jung ist, dämmert er schon. Unbekannte eilen an ihr vorbei, nehmen sie nur flüchtig wahr, blicken sie mitleidig und stumm an. Sie weiß nicht warum. Lautlos rinnen ihre Tränen aus den großen braunen Augen. Unfassbar. Der Ort ist unheimlich. Ihr Kindermund öffnet sich zaghaft. Ihre Lippen formen den Schrei. Sie bleibt stumm.
1986
Sie verabschieden sich wie zwei gute Freunde. Alles ist gesagt. Das kleine Mädchen neben ihr hüpft ungeduldig von einem Bein auf das andere. Sie nimmt es bei der Hand und wendet sich von ihm ab. Sie geht. Ein flüchtiger Blick noch zurück. Dort steht er am Fenster des Krankenhauses. Es rahmt ihn ein wie ein alter schwerer Bilderrahmen ein Erinnerungsfoto. So soll es sein. Er hebt seine Hand langsam, zum letzten Gruß. Sie ist allein mit ihren Gedanken und dem Kind.
3 Tage später liest sie es in diesem Brief. Sie wird immer allein bleiben. Er ist gegangen, für immer. Unfassbar. Ihre Augen ertrinken in Tränen. Ihr Mund öffnet sich. Ihre Lippen formen den Schrei. Sie bleibt stumm.
1988
Sie erwacht von dem quälenden Schmerz in ihrem Unterleib. Angst schleicht sich heran, bemächtigt sich ihrer. Sie verdrängt. Das Untersuchungsergebnis am Mittag, niederschmetternd. Sie hofft. Abends in ihrem Badezimmer, sie hat verloren. Unfassbar. Verzweifelt öffnet sie ihren Mund. Ihre Lippen beben, sie kann ihn spüren diesen Schrei. Sie bleibt stumm.
2001
Wochenlange schlaflose Nächte. Ungewissheit, einsamer Kampf. Zweifel bohren sich tief in ihre Gedanken, täglich. Alleingelassen mit dieser Entscheidung. Grübelnde Hoffnungslosigkeit. Keiner bemerkt diese Qual. Er bleibt stumm und entfernt sich. Sprachlos, Ratlos. Bevor sie in diesen todesähnlichen Schlaf fällt hört sie es. Normal entwickelt, 11. Woche, 3. Tag. Dann ist es vorbei. Endgültig. Unfassbar. Sie möchte schreien, so laut wie noch nie in ihrem Leben. Zu spät. Sie bleibt stumm.
2003
Haare fallen,
doch nicht von der Schere Schnitt.
Haut verbrennt,
doch nicht von der Sonne Glut.
Allmorgendliche Übelkeit,
doch nicht von der Frucht ihres Leibes.
Medikamente verzehrend,
doch nicht um zu Gesunden.
Trotz allem – Sterben
Der ICE fuhr bereits am Frankfurter Hbf ein, als Sheryll langsam wieder zu sich kam. Noch etwas benommen ordnete sie flüchtig ihre Kleidung und verließ den Zug in Richtung Ausgang. Die Nachmittagssonne blendete sie beim Verlassen des Bahnhofs, ihre Augen mussten sich erst langsam wieder an die Helligkeit gewöhnen.
In einiger Entfernung konnte sie bereits den Alten hohen Turm sehen, welcher das denkmalgeschützte Bauwerk aus dem 14. Jahrhundert schmückte und prachtvoll in den unendlich scheinenden Himmel ragte. Er war ihr bereits seit vielen Jahren vertraut. Schon immer fühlte sie sich von seiner Höhe magisch angezogen. So auch heute.
In der Zwischenzeit löste sich Karl von dem Platz am Fenster des Sprechzimmers seines Hausarztes. In seinem Kopf überschlugen sich die Gedanken. Wortfetzen jagten einander. Äußerlich starr und regungslos jedoch im innersten zutiefst verwundet ,hatte er in der letzten Stunde den Ausführungen seines behandelnden Arztes aufmerksam zugehört. Sein monatelanger Kampf war endgültig verloren. Er wusste, was er zu tun hatte. Sein Körper straffte sich, als er sich verabschiedete und die Praxis verließ. Noch einmal einen letzten Händedruck, ein aufmerksames Lächeln in die Richtung der netten Praxishelferin, dann stand er bereits auf der Strasse. Allein mit sich und seinen Gedanken. Ganz gelassen lenkte er seine Schritte auf das alte Bauwerk am Ende der Allee.
Wie von selbst trugen ihn seine Füße die steinernen Stufen des alten Turms nach oben. Ganz selbstverständlich nahm er den sich verjüngenden Weg bis hinauf in die Turmspitze. Die letzten schmalen Stufen gaben seinen Schritt frei. Er öffnete die knarrende alte Eisentür. Der angenehm laue Wind fing sich in seinem Haar. Karl betrat die Plattform und atmete noch einmal den späten Herbstduft ein. Er schloss die Augen für einen kurzen Moment. Langsam ging er auf die Brüstung zu. Stille, absolute und friedliche Stille. Grosse Sehnsucht erfasste jede Faser seines Körpers.
Erst jetzt nahm er die Gestalt wahr, welche mit ausgebreiteten Armen auf der Brüstungsmauer stand. Das Gesicht der langsam untergehenden Sonne zugewandt, die Augen geschlossen. Fast wie eine dieser steinernen Figuren welche die Eckpunkte der Plattform zierten. Ungläubig zögerte er, bevor er näher trat. Ganz vorsichtig, fast lautlos.
Langsam stieg er auf die verwitterte Mauer. Die Gestalt löste sich aus ihrer Erstarrung und beide sahen sich für einen kurzen Moment direkt in die Augen. Erstaunen und doch Einvernehmlichkeit lag in ihren Blicken. Er konnte die Spuren ihrer Tränen deutlich auf ihrem Gesicht sehen. Er spürte wie sich die Anspannung der letzten Stunden löste. Und ließ seinen eigenen Gefühlen freien lauf.
Karl und Sheryll standen schweigend und regungslos nebeneinander. Fremd und doch genau jetzt in diesem Augenblick so vertraut und vereint. Keine Fragen, standen zwischen ihnen. Niemand erwartete eine Antwort oder Erklärung. Irgendwann berührten sich ihre Fingerspitzen, ihre Hände hielten einander während sie beide die Endlichkeit ihres Lebens akzeptierten.