Brief an das schluchzende Mädchen
von Urte Skaliks (Copyright)
Hallo, du kleines Mädchen. Ich mache mir große Sorgen, wie es dir wohl heute geht. Als ich dich gestern Abend im Nachbarhause so herzzerreißend schluchzen und klagen hörte, konnte ich es zuletzt nicht mehr aushalten und bin über die Straße zu eurem Haus hinübergegangen. Ich kannte dich ja nur vom seltenen Sehen und wußte zuerst noch nicht einmal, daß du es warst, die da schluchzte. Es war nur, daß da ein Kind über eine so lange Zeit so furchtbar weinte und daß ich es sogar in Gefahr glaubte.
Im ersten Stock stand das bunt beklebte Fenster deines Kinderzimmers, das zum Parkplatz hinausgeht, auf Kippe, und ich hörte dich jetzt viel lauter. Verstehen konnte ich aber nicht, was du zu deiner Mutter sagtest, unter lautem Weinen, anklagend, verzweifelt, dich verteidigend. Meine Hallo-Rufe habt ihr nicht gehört, jedenfalls kam niemand ans Fenster. Nur unten war plötzlich ein sehr braun gebrannter junger Mann auf seiner Terrasse. Auf meine Frage, was denn wohl los sei, ob wohl jemand Hilfe brauche, meinte er nur: “Die Eltern sind aber zu Hause” und ging gleich wieder hinein. Bloß nicht hingucken, bloß nicht einmischen.
Ich stand und rief noch ein paarmal, und du hast weiter geschluchzt und verzweifelt geredet. Mehrmals hörte ich dazwischen eine, wie mir schien, ruhige Frauenstimme zu dir sprechen. Wenigstens wird hier wohl doch keiner mißhandelt, niemand schreit das Kind an, dachte ich mir, zögerte wieder, horchte. Nur einmal glaubte ich einen halben Satz zu verstehen, den du sagtest: “Aber ich hab doch gar nichts davon gewußt…”. Nochmal Hallo und Hallo, aber keiner kam ans Fenster. Ich konnte mich nicht entschließen zu klingeln, weil ich sonst niemand in eurem Haus kenne. Mir wurde allmählich sehr kalt, und ich ging schließlich wieder zu mir.
Kurz darauf ließ es mir doch wieder keine Ruhe, und ich wollte anschellen und fragen, ob ich helfen könnte. Ich zog mir etwas Wärmeres an und ging noch einmal über die fast schon dunkle Straße und schaute vom Parkplatz aus zu deinem Fenster hinauf. Inzwischen hatte jemand das Licht im Zimmer angemacht, ich hörte aber jetzt nichts mehr. Und entdeckte plötzlich auf eurem Balkon deine kleine Gestalt, volles Gesichtchen, dunkle Haare.
Hier hat vorhin ein Kind so furchtbar geweint – warst du das wohl? Und du nicktest und begannst wieder zu schluchzen, so klein und so allein da oben hinter der gelb-weiß gestreiften Balkonverkleidung. Das tut mir so schrecklich leid für dich. Du horchtest auf, du hast heftig geschluckt. Es geht dir jetzt ein kleines bißchen besser? Nicken und Hmhm. Etwas später: Kann ich dir irgendwie helfen? Kopfschütteln. Wir kennen uns ja vom Sehen. Nicken. Ich wohne ja da drüben. Du wußtest es. Wir haben uns früher einmal gesprochen, als der kleine türkische Junge von nebenan so angegeben hat. Wenn du mal über was reden möchtest, könntest du mich vielleicht mal besuchen kommen? Du nicktest. Und die ganze Zeit hast du noch laut geschluckt und mit deinen Tränen gekämpft und hast zur Seite geschaut über den Parkplatz hinweg zum kleinen Bauernhaus.
Und niemand, und da kam niemand, der dich in den Arm genommen hätte. Und ich hätte nicht das Recht dazu gehabt. Und ich wagte es nicht, bei euch zu klingeln. Dabei ging es dir noch gar nicht wirklich wieder gut, dabei hättest du noch so viel Trost gebraucht, dabei warst du so schrecklich, so herzzerreißend tapfer, kleines Mädchen.
Am nächsten Tag war die Jalousie deines Zimmers um halb zwölf noch nicht wieder hochgezogen. Ich dachte, du schliefest dich nun einmal richtig aus, denn eure Ferien hätten begonnen. Aber in der Stadt sah ich dann Kinder, die eben erst aus der Schule kamen, denn erst heute ist der letzte Schultag gewesen. Heute muß es Zeugnisse gegeben haben. Ob du vielleicht nicht in die Schule mußtest, weil du etwa nicht versetzt worden bist? Früher war das so, daß man es vorher erfuhr und nicht zu kommen brauchte. War es vielleicht das, was euch gestern so gequält hat?
Und wenn es das wäre, dann laß dir aber nicht einreden, du seiest dumm. Du hast mir einmal etwas sehr Kluges erzählt, damals, als ich die kleine verlassene Katze gefunden hatte. Weißt du noch, über den kleinen Angeber? Du wußtest, daß er immer so auf seinem Kinder-Rädchen herumrast und sich hinwirft und so laut schreit. Hilfe schreit er, einfach so, und dann denkt er sich noch Geschichten aus, was er alles habe, und das hat er aber gar nicht? Er habe auch eine kleine Katze, hat er uns erzählt, und bei dir hat er behauptet, außerdem habe er noch einen Adler. Und du wußtest von selber, daß das gar nicht stimmt. Weißt du noch?
Aber d u hast nicht um Hilfe gebeten, und dabei hättest du sie so nötig gehabt. Kinder sind oft so schrecklich allein, ich glaube sogar, auch der kleine Angeber.
Abends war deine Jalousie immer noch geschlossen. Ich sehe auch sonst keine Bewegung hinter euren Fenstern. Seid ihr inzwischen vielleicht schon längst in Urlaub gefahren? Es stehen nicht alle Autos auf dem Parkplatz. Ich behalte euer Haus im Blick und werde einfach trotzdem klingeln, wenn wieder jemand zu Hause ist. Und ich werde deiner Mutter sagen, daß ich mir Sorgen gemacht habe, und fragen, wie es dir jetzt geht. Und dann könntest du kommen und ein bißchen mit den Katzen spielen.