Brief aus Mouréze II: Dörfer haben Häuser
von Dieter J. Baumgart (copyright)
Dort, wo im Dorf das untere Sträßchen beginnt und am Friedhof entlang zu unserem Haus führt, befindet sich ein größeres Wohnhaus mit einem kleinen, langgestreckten Podest an der Frontseite, auf dem Sommer für Sommer vier bis fünf große Pflanzenschalen mit wunderschönen Begonien standen, die von Madame Marcelle, der einzigen Bewohnerin des Hauses, liebevoll gepflegt wurden.
Als wir dieses Jahr Mitte März nach drei Monaten Urlaub in Deutschland wieder nach Mouréze kamen, hörten wir, daß Madame Marcelle im Altersheim sei, weil sie wegen eines gebrochenen Beines nun nicht mehr allein im Haus leben konnte. Es gab also keine Begonien mehr, das Haus stand leer, alle Fenster waren verschlossen.
Vor wenigen Tagen nun – es ist inzwischen Juni – wollten wir nach Clermont zum Einkaufen fahren und mußten warten, weil vor Madame Marcelles Haus ein größeres Auto stand. Eine Nachbarin bat uns, doch bitte zurückzufahren, damit das Auto später wenden könne, Madame Marcelle sei im Altersheim gestorben und würde nun in ihrem Haus aufgebahrt. Die Beerdigung sollte am nächsten Tag sein.
Da wir gerade zu der Zeit nicht da sein konnten, hatte meine Frau eine Idee, die einiges in Bewegung setzen sollte: Am Tag der Beerdigung kauften wir in der Stadt drei sehr schöne Begonien, die wir in eine Schale pflanzten und eine meiner französischen Textpostkarten mit einem Gedicht und den folgenden Begleitworten dazu steckten:
Dörfer haben Häuser
Häuser haben Augen und Münder
Sie schauen dich an
und reden
über ihre Bewohner
Für Sie die Begonien,
die wir nun nicht mehr vor Ihrem Haus bewundern können.
Gerlinde und Dieter J B.
Die Schale stellten wir als letzten Gruß an das geschmückte Grab. Stunden später trafen wir die beiden Töchter der Verstorbenen, als sich die Trauergäste verabschiedeten. Mit sehr herzlichen Worten dankten sie uns.
Noch am gleichen Abend standen wieder vier Schalen mit Blumen, eine davon mit unseren Begonien, auf dem Podest vor dem Haus. Gepflegt werden sie seitdem von unseren Dorfarbeitern. An den Fenstern des Hauses sind die Fensterläden wieder geöffnet.
Dieter J Baumgart
edition salagou © 2003