Das Bild des Wesirs von Dorghum

von Karlheinz Lörner (Copyright)

Lauscht Omar,
dem Märchenerzähler!

Die Lehmbauten Dorghums klammerten sich an die Talwand, die Dächer niedrig und weit herabgezogen fast bis zum Boden zu den Bergen hin schützten sich so vor dem Wind, der die ungeschützten Stellen im Lehm unbarmherzig peitschte und quälte, daß das verflochtene Stroh immer wieder aufbrach und riß. Immer wieder mußte der Lehm in die Risse verschmiert werden, Die Welt Dorghums war eine Lehmwelt, auch die Palastbauten waren aus Lehm. Denn was die Menschen in Dorghum Palast nannten, war nichts anderes als ein mit einer Mauer umgebenes Geviert von niedrigen Lehmhäusern. Nur der Saal war mit zwei Stockwerken überbaut und mit Türmchen an den vier ecken geschmückt.

Mehmet Ali, der Wesir von Dorghum saß in seinem Diwan beim Abendmahl und sann über die Ungerechtigkeit der Welt nach. Daß ihm Allah nur zwei Frauen gegönnt hatte – mehr ließen seine bescheidenen Einkünfte in diesem verlassenen Bergdorf nicht zu – betrachtete er zwar als Vorteil. Besonders, wenn er Ibn Ben Jusuf, seinen Nachbarn zur Linken besuchte, störte ihn die Lautstärke des Gekeifes aus dessen Serail. Mehmet Ali ärgerte viel mehr der überhebliche Tonfall Ibn Ben Jusufs, wenn der von seinem Geheimgang erzählte, der von seinem Palast auf dem Berg Agros mitten in die Stadt gleichen Namens führte und dort auch noch pikanter weise im Keller des Bordells endete.

Bei seinem letzten offiziellen Besuch hatte Ibn Ben Jusuf seinen pfauenblauen Ausgehmantel angelegt und bedeutungsvoll mit dem Finger geschnippt. Worauf die Negersklaven mit den goldenen Palmwedeln und dem dunkelbraunen Dattelwein in Edelstein besetzten Karaffen geräuschlos aus dem Audienzsaal verschwanden. Vielsagend hatte er ihm die Hand auf die Schulter gelegt, und ihn zu einem kostbaren Wandteppich aus Isfahan geführt. Die mit Edelsteinen besetzten Ringe an den feisten Fingern lasteten schwer auf Mehmet Alis Schultern, schwerer aber lastete der Neid auf seiner Seele, als der Freund mit großer Geste den Teppich zurückschlug und darunter eine Tür, was sage ich, ein Tor erschien, mit vergoldeten Eisenbeschlägen und Ornamenten verziert, in denen sich unendlich oft die Worte „Allah ist groß“ wiederholten. Mit einem leisen Seufzen öffnete sich das Tor und gab den Blick frei auf zwei Sänften mit den zugehörigen Sklaven, die bereitstanden, die beiden Freunde durch den Geheimgang in die Stadt zu tragen. Der Baumeister, der das Höhlensystem zusammen mit dem Palast konzipiert hatte, hatte an alles gedacht, sogar an die kleinen Behälter mit Rosenwasser, die überall angebracht waren, damit der Geruch des Pechs der Fackeln, die den Gang erleuchteten, nicht zu aufdringlich wurde. Am Ende des viele Kilometer durch den Berg führenden Weges hatte sie als kleine Überraschung die reizende Schar der mandeläugigen Dienerinnen des Hauses empfangen. Und manch ein Edelstein fand sich darunter, der glutvoller war als der große Rubin am linken Ringfinger von Mehmet Ali.

Mehmet Ali überlegte, wie er seine Untertanen dazu zwingen könnte, ihm solch einen Geheimgang als Zeugnis ihrer Dankbarkeit zu bauen. Eine Fasanenfeder des vergoldeten Fächers kitzelte ihn an der Nase, daß er dröhnend niesen mußte und der Mundschenk war auch nicht gleich mit dem Tuch zur Stelle. Mehmet Ali, der Wesir wurde immer ungehaltener und mürrischer, daß sogar die drei Windspiele, die als besonders dumm verschrien waren, besorgt ihre Köpfe zusammensteckten und sich Gedanken um ihre Zukunft machten.

Der Haushofmeister und der Mundschenk dachten bereits über ihr sicheres Ende nach, denn Mehmet Ali hatte schon bei geringeren Anlässen seine Stimmung durch eine stilvolle Hinrichtung verbessert, als einer der Wachen des äußeren Palasttores den Saal betrat, und das Eintreffen eines Derwischs im Dorf verkündete.

Derwische sind in den Ländern Arabiens und besonders in Persien immer etwas Verdächtiges. Sie verhalten sich gegen die gängige Vernunft und die Grundgesetze menschlichen Zusammenlebens, daß Menschen immer nach Reichtum und Macht streben. Sie leben in Armut. Den Bettelstab in der Hand durchziehen sie das Land und meditieren in einfachen Moscheen, die wie eine Provokation auf die blauglänzenden kachelüberzogenen Kuppeln und Türme der Stadtmoscheen wirken. Die Armen sind fasziniert von der Haltung der Derwische, die mit ihren Reden und Taten die Nichtigkeit der Werte der Menschen vor Gott verkünden. Ihre Andersartigkeit können die Mächtigen nur mit ihrer Fähigkeit, zaubern zu können, begreifen. Das hat so manchem wandernden Derwisch den Tod durch Steinigung gebracht. Zugleich aber versprach sich mancher Fürst von ihnen die Macht und den Reichtum, die er aus eigener Fähigkeit nicht besaß.

Der Wesir von Dorghum, Mehmet Ali, war der Auffassung, daß die Hinrichtung eines Derwischs seine Laune verbessern könnte, ohne seine Ausgaben in die Ausstattung von Haushofmeistern und Mundschenken zu belasten, als er befahl, den Derwisch zu ergreifen und vor ihn zu führen.

Der Derwisch war ein kleingewachsener Mann mit einem Bauch unter der Kutte. Die sandfarbenen Füße schienen mit den Sandalen und dem Ocker des Gewandes eine Einheit zu bilden in einem Bild, das die Wüste Lud mit ihren feurigen Pinseln gemalt hatte. Auch das Gesicht unter dem spitzen Hut war ungewöhnlich, kreisrund wie ein Messingteller aus Werkstatt Meister Naramsins, umrahmt von verfilzten weißen Haarsträhnen und einem langen mausgrauen Bart. Die Augen unter den buschigen Augenbrauen stachen aus dem Gesicht hervor wie Rattenaugen mit mattroter Iris. So gesehen sah er ganz untypisch für einen Derwisch aus. Er war einen langen Weg von Yazd, der alten Karawanenstadt durch die Wüste nach Dorghum gewandert, denn er hatte einen Auftrag zu erfüllen.

Der Derwisch verbeugte sich nicht vor dem Wesir. Aufrecht sah er dem Herrn über Leben und Tod geradewegs in die Augen. Die Macht und Grausamkeit Mehmet Alis begann sich hinter seine Schädelknochen zurückzuziehen unter der Selbstgewißheit im Blick des Wüstenwanderers. Die Vasallen und Würdenträger im Saal und die Windspiele waren deshalb nicht wenig überrascht, daß Mehmet entgegen seiner Angewohnheit, bei solchen Verstößen sogleich die Hinrichtung einzuleiten, mit einem beinahe sanften, versöhnlichen Tonfall in seinen dünnen Schnurrbart brummte: „Ehrwürdiger Herr, sei gegrüßt in unserem Palast. Sage uns, was Dich in unsere Stadt geführt hat, damit ich dir behilflich sein kann in deinen Geschäften, wenn es meine bescheidenen Mittel erlauben?„ Dabei deutete er mit einladender Geste auf einen mit eisernen Schmucknägeln beschlagenen Lederstuhl. Der Stuhl war nur den engsten Vertrauen des Wesirs vorbehalten, dem Haushofmeister und dem Mundschenken, wenn sie ihre Ratschläge in Mehmet Alis Ohren flüsterten wie feines Mandelöl. Darum machten sich die beiden auch gleich Gedanken um ihre zukünftige Position. Der Haushofmeister sah sich schon als Stallknecht bei der Versorgung der Esel und der Mundschenk als erster Verkoster der Speisen und Getränke, einem lebensgefährlichen Beruf, in dem man keinerlei Zukunftsaussichten hatte.

Salim Ahmid, der Derwisch, nahm umständlich Platz an der linken Seite des Herrn über die weiten Felder von Dorghum. Dabei versetzte er einem der Windspiele, der nicht aus dem Weg gehen wollte, noch einen Tritt in die Seite, noch einmal ein todeswürdiges Verbrechen. Aber nichts geschah. Der Windspiel verzog sich kläglich japsend unter die Treppe und wollte die folgenden Tage nicht mehr erscheinen. So gedemütigt fühlte er sich. Der Mundschenk kam eilfertig herbei mit einem Becher und der Karaffe mit Dattelwein. Beim Heben der Becher brachte der Derwisch traditionell den Trinkspruch auf den Gastgeber aus.: „Lange leben sollst Du, Mehmet Ali, Wesir über das volkreiche Dorghum, Herr über tausend mal tausend Schafe, Gebieter über das fruchtbare Motratal und die Berge des Osser, der mit seiner Größe und Gewalt deinen Ruhm verkündet. Genießen sollst Du Deinen Reichtum und das Glück Deiner vielen Frauen mit einem langen Leben. Mögen Deine Frauen fruchtbar sein, daß Du mit Deinen Kindern die Erde bevölkerst. Was, Du, hoher Herr zu Deinem Glück noch bedarfst , mag gering sein, im Vergleich zu dem, was Du Dir selbst erworben. Doch will ich gern mein Teil dazutun, um Dir Deine Gastfreundschaft zu vergelten.„

Mehmet Ali ärgerte sich insgeheim über die Anspielungen und versteckten Seitenhiebe des Derwischs. Dorghum war alles andere als volkreich. Man konnte es allenfalls als steinreich bezeichnen. Die tausend Schafe fristeten ein kümmerliches Leben auf den Weiden am Motrabach, der alle paar Augenblicke zu versiegen drohte. Der Osser war gut hundert Meilen fern und die schroffen, kahlen Felsrücken der Umgebung konnten allenfalls von der sprichwörtliche Armut dieser Gegend künden, in der es nur einen einzigen hinlänglich Reichen gab, dessen zwei Frauen auch nicht gerade glücklich ein schuldbeladenes Leben fristeten. Denn Mehmet gab ihnen die Schuld an der Kinderlosigkeit. Doch die Erscheinung des Derwischs beeindruckte ihn.

In seinen Gedanken verspannen sich die Erscheinung des Derwischs und sein größter Wunsch zu einer Möglichkeit. Waren nicht der Geisteskraft der Derwische selbst Dschins zu Diensten? Was war dagegen die Schaffung eines Tunnels, gleich der seines Freundes Ben Jusuf. Konnte er da nicht ihm zu Diensten sein, da er doch gedachte, seine Gastlichkeit nicht durch eine Hinrichtung zu entgelten. Darum sah er über die Beleidigung hinweg. Die Ruhe der Nacht und die Frische des Morgens beförderten sein Vorhaben, darum ließ er nach dem Derwisch rufen, der lange vor Sonnenaufgang im Angesicht des purpurnen Scheins am Horizont vor dem Tor meditiert hatte.

Der Derwisch nahm ruhig neben dem Wesir Platz, ohne die in weiten Pluderhosen, mit roten Westen bekleideten Wachen zu beachten, die die Hellebarden gekreuzt über den Herrn hielten, ernste Bauerngesichter mit schwarzen, dicken Schnurrbärten unter roten Turbanen. Der Mundschenk war mit dem Keltern beschäftigt und der Haushofmeister versuchte den beiden einsatzfähigen Windhunden draußen auf dem Feld beizubringen, wie ein Hase aussieht. Darum waren beide nicht anwesend, als mit einem schrägen Blick auf den Gast Mehmet Ali ansetzte: „Sage, oh Derwisch, Deine Kenntnisse über die Geister der Wüste müssen groß sein, daß du den weiten Weg unbeschadet zu uns gefunden hast. Berichte doch von deinen Erfahrungen und erzähl uns die Geschichten deiner weiten Reise.„

„Wisse, Wesir, die Wüste kennt ihre Dschins und liebt sie. Die Geister des Feuers und Sandes, der Felsen und Winde schützt sie mit ihrer Schwester der Sonne. Kein Zauberer kann sich ihr nähern, der Allmutter. Denn unendlich ist ihre Fruchtbarkeit, wenn sie sich mit dem Himmel vereint im Regen.„ Mehmet Ali ärgerte sich über die abschweifende Rede, denn er glaubte zu merken, daß der Derwisch ihm auswich. „Nein, die Geister der Wüste waren mir nicht zu Diensten, Herr des Lehms, bei meiner Wanderung. Nur mit meiner eigenen Kraft habe ich die Wüste überwältigt.„ Mehmet Ali hatte die Anspielung auf den Lehm nicht überhört. Aber die letzten Worte hatten ihn aufhorchen lassen und ließen ihn die folgende Stille unerträglich werden. Nur ein liebestoller Esel schrie in den Felsen. Langsam sprach Mehmet Ali und sanft war seine Stimme: „Sage mir, oh allwissender Mann, Heiler der Seelen, worin besteht deine Kraft, daß du die Wüste beherrschst?„ „Hast du das nicht gesehen, Wesir, daß ich ein Maler bin. Ich kann mir die Welt malen mit meinen Farben. Die Umgebung, die Steine und Sande schenken mir ihre Farben, in der Farbe aber liegt die Kraft, die Welt zu gestalten.„ „Wahrhaft, „antwortete der Wesir: „Wahrhaft, ich habe schon Bilder gesehen in den Palästen Isfahans, die schienen mir so lebendig, daß es mir schien, hineingehen zu können wie in eine Landschaft. Doch sie waren mir immer verschlossen, wie allen, die dort zu Gast waren.„

Die Diener schenkten den Shirazwein in die Becher und der rauchige Duft der Trauben fesselte die Nasen der Wächter und ließ sie vom Paradies träumen. Der Derwish nahm einen tiefen Zug durch den grauen Bart. Salim Ahmid wußte, daß er den Wesir in seinen Wortgespinsten gefangen hatte. Wie die Spinne der Höhlen des Dschamid saß er über seinem Opfer und spann um ihn einen weißen Kokon des Todes.

„Verschlossen sind sie für die Betrachter, oh Wesir des ruhmreichen Mullai Hassan, nicht aber für ihre Schöpfer. Die großen Maler, die die geheime Kunst beherrschen, gehen durch sie in eine andere Welt. So schaffen sich manche die Palmwälder der Küste, die anderen die Blumengärten des Paradieses. So habe ich mir den fruchtbaren Regen der Wüste gemalt und die Oase zu meiner Erquickung, und wann immer ich es wollte, konnte ich darin die Wüste vergessen, weil sie mir zu Diensten war.„ „So kannst du in deinen Bildern den Sterblichen das Paradies öffnen, oh Trost deiner Gemeinde, der du den Sterbenden das Wasser des Lebens reichst, den Kamelen die Stärke der Tiger, den Eseln…„, draußen in den Felsen hatte wieder der liebestolle Esel geschrien in klagendem, rauhen Stöhnen, „… den Eseln die liebende Stute,„ fuhr Mehmet Ali fort. „Könntest du mir dieses Paradies schaffen?„ „Alles, was ich male, Wesir,„ antwortete der Derwisch: „male ich mit den Farben, die ich in der Gegend finde. Darum werden die Farben des Paradieses nie in diesem Bild enthalten sein. Um das Glück des Menschen zu malen, das in Allah nur liegt, brauche ich alle Farben dieser Welt.„ Enttäuscht blickte der Herr auf den Bettler. Seine Gedanken waren schon bei der Hinrichtung, aber der Derwisch fuhr unbeirrt fort: „Die Farben deiner Welt hier in Dorghum geben dir den Reichtum, ein immer währendes Festgelage, die Freude schöner Frauen, die Freunde beim Wein, den Reichtum der Früchte des Orients, Seide und Gold. Doch, wenn das Bild vollendet ist, o Wesir, werde auch ich einen Wunsch an dich haben. Es wird dich nichts kosten. Doch bin ich es gewöhnt, auch die Bilder zu durchwandern, die ich einmal gemalt habe. Gestatte mir daher, durch das Tor mit dir zusammen zu gehen. Einmal, dann aber wird es dir allein gehören.„

Die schlaftrunkenen Wächter begriffen die Wandlung des Wesirs nicht. Bisher hatten sie die Farbe ihrer Welt nur als Mühsal empfunden. Das Ocker und Brandbraun, die pastellenen Olivtöne der Pflanzen, die bleiernen Nuancen der Granite neben dem dumpfen Grauschwarz der Basalte, damit lebten sie und ihre Hände, mit denen sie das Land wieder und wieder mischten, um ihm eine Form zum Leben zu geben. Doch der Wesir war davon überzeugt, sein Glück zum Greifen nah in diesem unscheinbaren Zauberer gefunden zu haben. Der Haushofmeister kam mit den beiden erschöpften Windspielen durch das Haupttor herein und warf einen ärgerlichen Blick in das Dunkel unter den Treppenaufgang, wo er den dritten dieser Hundeversager vermutete. Doch der ließ sich nicht blicken. Mehmet Ali wies den Haushofmeister an, unverzüglich dafür zu sorgen, daß dem Derwisch alles, was er wünsche und begehre zur Verfügung zu stellen sei. So begann der Derwisch Salim Ahmid das Bild zu malen, das man später als „Das Gastmahl des Mehmet Ali„ bezeichnen würde.

Der Sommer glühte unten in der Ebene und die Wüste trug mit ihren Windwirbeln den Sand in die Berghänge, als das Bild vollendet war. Täglich saß der Wesir bei dem Maler und erklärte ihm seine Träume. Ein Festmahl war dargestellt mit zahlreichen Gästen. In Seidengewänder bekleidete Frauen tanzten vor den trunkenen Gästen, weit schöner als die Liebesdienerinnen des Ben Jusuf. Früchte sah man und Speisen aus fernen Ländern. Die Gesellschaft war in einen paradiesischen Garten gelagert. Darüber, auf der Terrasse eines Palastes, spielte eine Gruppe Musiker. Die Treppe führte weiter hinüber zu einem Tor, vor dem in Damast gekleidete Wachen sich auf ihre Lanzen stützten, muskulöse Riesen mit schweren messingbeschlagenen Helmen, verziert mit Roßschweifen. Alles, die Wächter, die Gäste und die tanzenden Frauen schienen in Erwartung des Herrn dieses Palastes und des Gastgebers. Es schien dem Mundschenk und dem Haushofmeister, die manchmal vor dem noch unfertigen Bild standen, als ob die Blicke mancher der dargestellten Personen wie hypnotisiert auf einen Gegenstand außerhalb des Bildes gerichtet waren. Die drei Windhunde machten allerdings einen großen Bogen um das Bild. Es schien, als röchen sie den Maler, auch wenn er nicht da war. Sie hatten vor ihm offensichtlich Angst. Auch Hunde waren auf dem Bild zu sehen. Doch das waren keine Hunde, das waren gigantische Wölfe mit rotglühenden Augen, geeignet wie für die Löwenjagd. Ein Jäger hielt sie sicher an der Kette. Und der Hundeführer sah aus, wie der Derwisch, der das Bild malte.

Endlich war der Tag nahe, auf den hin der Wesir allein lebte, auf den er hoffte. Die Hitze, die mißmutigen Frauen und der Geschmack des Sandes ließen ihn die ganze Verachtung und den Abscheu vor sich selbst und seiner erbärmlichen Lage empfinden. Da änderte auch nichts die Auspeitschung der ausgepreßten Bauern und das kleine Vergnügen, ihre Töchter für eine Nacht zu Gast zu haben. Nur dieser Traum hielt ihn am Leben, durch diesen Park gehen zu können. Der Wesir führte ihn in dieser Nacht seiner Wünsche allein durch den mit Leuchtern erhellten Saal zum Bild und schlug das Tuch zurück.

Im Park war es Abend geworden und junge Negersklaven, Diener in goldbetreßten Livreen hatten Lampions angezündet, die mit ihren bunten Farben die Szene in ein eigentümliches traumverlorenes Licht tauchten. Die Gesellschaft blickte auf den Neuankömmling, der durch die hohe Pforte geschritten kam, begleitet von einem schattenähnlichen Wesen, das ihm in wenigen Schritten Abstand folgte. Wie selbstverständlich nahm der Gast am Kopfende der Tafel Platz. Die Musikkapelle hatte ihr Spiel eingestellt . Das war der Augenblick, als die schwarze Gestalt auf den Jäger zuschritt und durch ihn wie durch einen Schatten hindurchging. Die dunkle Figur war bisher unbeweglich gestanden. Jetzt begann sie sich gemessenen Schrittes auf das Tor zuzubewegen. Geschmeidig, die glühenden Augen auf den Palastsaal geheftet schritten die Wolfshunde vor ihm. Die schmiedeeisernen Schlösser verschränkten ihre Klammern unlösbar.

Die Musik setzte wieder ein und die Festgesellschaft richtete ihre leeren Augen auf den Wesir. Dessen Hände griffen nach den Trauben und dem Becher Wein. Die Schönste der Tänzerinnen hatte begonnen vor ihm zu tanzen, den Schleier ihm geöffnet. Mit dem Rücken stand sie zum leeren kerzenerleuchteten Saal hin. Seine gierigen, von der Dürftigkeit seines Lebens ausgehungerten Blicke fielen auf die nackte Zartheit des fremdländisch europäischen Fleisches.

So sahen die Touristen das Bild im Palast der tausend Säulen in Isfahan und wunderten sich über die Sinnenfreude und die Lust am Leben zu Zeiten des Mullai Hassan, Herr der Welt.

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