Das Echo

von Dieter J. Baumgart (copyright)

Es war ein Tag im Herbst, wechselhaftes Wetter; Regen, Wind, ein Sonnenstrahl, und ich beschloß, einen Spaziergang in die nähere Umgebung zu machen. Ohne festes Ziel wählte ich einen Weg in südlicher Richtung, der Sonne entgegen, vorbei an gleichförmigen Einfamilienhäusern, weg von der kleinen Stadt und ihrem geschäftigen Treiben. “Zur Echoanlage – Restaurant, Parkplatz”, las ich auf einer hölzernen Hinweistafel, die in einen geteerten Seitenweg wies.
‚Echoanlage‚, sinnierte ich, was das wohl sein mag? Ich folgte dem Hinweis eher halbherzig und stand nach einiger Zeit auf einem großen Platz, der seitlich, nach Norden hin, von einer niedrigen Mauer begrenzt wurde. Gegenüber dieser Mauer erstreckte sich ein größerer Gebäudekomplex, offenbar das erwähnte Restaurant, das auch schon bessere Zeiten gesehen haben mochte. Der kastenförmige Bau im Kasinostil wirkte irgendwie deplaziert, und auch das auf der anschließenden Terrasse lagernde Baumaterial machte eher den Eindruck, daß der ganze Komplex schon seit Jahren sich selbst überlassen wäre. Am hinteren Ende der Mauer, dort, wo das Gelände sanft abfiel, stand eine sehr alte Buche, der Stamm umrahmt von einer morschen Rundbank, auf die ich mich schließlich setzte. Mein Blick glitt über den Platz, das geschlossene Restaurant, dessen düstere Fassade sich in einigen Wasserpfützen spiegelte und wanderte weiter zur Mauer, die sich niedrig, aber doch irgendwie überdimensioniert hinzog und die Platzfläche vom dahinter beginnenden Wald trennte. Ein Windstoß ließ die Blätter auf der asphaltierten Fläche kreisen und dann – unmerklich erst, als sei es das schabend verwehende Geräusch des Herbstlaubs – ja dann begann der große, alte Baum, eine Geschichte zu erzählen…
Es ist schon einige Zeit her, da lebte in der Nähe einer kleinen Stadt, in einem Wald vor einem hohen Berg, ein ganz besonderes Echo. Es wohnte tief unten in einer Schlucht, deren Grund ganz mit Laubbäumen bewachsen war, so daß es schien, als sei vor dem Berg, der sich steil in den Himmel erhob, nur ein leichtes Tal. Doch wer im späten Herbst in die Gegend kam, konnte zwischen den entlaubten Bäumen hier und da weißlichgraue Felswände schimmern sehen.
“Wir haben heute das Echo gesehen”, erzählten die Großeltern dann ihren Enkeln. Und die lachten und riefen: “Das glaub‚ ich nicht. Das Echo kann man nicht sehen, nur hören!”
“Unser Echo kann man sehen”, sagten darauf die alten Leute geheimnisvoll.
Und vielleicht hatten sie recht. Es war ohne Zweifel ein außergewöhnliches Echo, das mit einer wunderbar klaren Aussprache nicht nur die Worte wiederholte, die ihm zugerufen wurden. Es sprach auch mit den Stimmen des Waldes und der Winde, die durch die Schlucht wehten. Immer war ein geheimnisvolles Raunen in der Luft, und jede Jahreszeit hatte eigene Geschichten und Gesänge. Und in den Herbstnächten, wenn die braunen Blätter von Sturmböen durch das Tal getrieben wurden, wenn die kahlen Zweige aneinander rieben und die Äste der Baumriesen wie Harfen zu tönen begannen, dann wurde die Schlucht zum Konzertsaal, und das Echo vereinte die Stimmen zu der großen Erzählung vom Vergehen und Auferstehen, die so alt ist wie die Welt.
Die Leute aus der kleinen Stadt liebten ihr Echo und hatten sich eine Anzahl lustiger Sprüche ausgedacht, die sie ihm zuriefen. Ja, das Echo konnte sogar rechnen. Fragte jemand: “Wieviel ist fünf und neunzig?” dann kam gleich darauf die Antwort “Fünfundneunzig”, und das viermal hintereinander. Und so war es auch kein Wunder, daß das Echo viele Besucher von nah und fern anlockte. Waren es erst nur die Verwandten und Bekannten der Leute aus der kleinen Stadt, so erkannten Geschäftsleute und Gemeinderat doch bald, daß mit mehr Besuchern auch mehr Geld in die Stadt kam, und begannen, ihr Echo zu vermarkten. In Zeitungen und Fremdenverkehrsprospekten beschrieben sie die Einzigartigkeit dieses Echos und die Vorzüge der Umgebung und das angenehme Wohnen in den Hotels der Stadt. Am Rande der Schlucht, in der das Echo wohnte, wurde ein Geländer angebracht. Und bald gab es auch einen Kaugummiautomaten und eine Eisbude. Die Besucher kamen in Scharen, unterhielten sich mit dem Echo, machten Picknick und fühlten sich im übrigen wie zu Hause. Allerdings mit einem kleinen Unterschied: In der eigenen Wohnung räumten sie gelegentlich auch auf. Hier ließen sie ihren Dreck liegen, wo er ihnen aus den Händen fiel. Papier und Plastiktüten wehte der Wind in die Schlucht. Blechbüchsen und Flaschen blieben oben liegen, bis sie bei den Aufräumaktionen im Frühjahr auch in die Schlucht geworfen wurden.
“Was ich nicht seh‚, tut mir nicht weh”, dachten die Leute aus der kleinen Stadt. Und so verschwanden gelegentlich auch Autoreifen, alte Sessel und Sofas in der Schlucht. Das war sehr bequem, und in die Schlucht kam ganz sicher niemand, der sich durch den Müll gestört gefühlt hätte.
Nur das Echo war über diese Entwicklung nicht glücklich. Gern hätte es den Besuchern zugerufen: “Ich ersticke in eurem Dreck. Ihr bringt mich um!” Aber die Natur hatte dem Echo die eigene Sprache versagt, und so war es wehrlos den Leuten ausgeliefert, die Jahr um Jahr gedankenlos ihre Abfälle in die Schlucht kippten.
Als die Bewohner der kleinen Stadt schließlich merkten, daß mit ihrem Echo etwas nicht stimmte, war es bereits zu spät. Das Echo lag im Sterben. Schon lange rechnete es nicht mehr. Rief jemand “Wieviel ist drei und zwanzig?” kam nur noch ein krächzendes “zich” als Antwort. Und eines Tages sagte es kein Wort mehr. Da waren die Leute, die bisher ihr Geld mit dem Echo verdient hatten, in einer peinlichen Lage. Man hatte inzwischen einen großen Besucherparkplatz eingerichtet, aus der Eisbude war ein Ausflugslokal mit Speiserestaurant geworden, und in allen Prospekten war von dem berühmten Echo die Rede. Und dieses Echo gab es nun nicht mehr. Der Rat der kleinen Stadt war – wohl zum erstenmal seit seinem Bestehen – ratlos. In jeder Sitzung stand das Problem auf der Tagesordnung. Fachleute wurden befragt, doch alle sagten das Gleiche: “Das Echo ist tot. Wir können es nicht mehr lebendig machen.”
Ein Toningenieur hatte schließlich die Lösung. Er schlug vor, ein künstliches Echo zu bauen. “Meine Damen und Herren”, so führte er vor der Ratsversammlung aus, “wir sind uns klar darüber, daß wir ein neues Echo brauchen. Wir können nicht für etwas werben, was es nicht mehr gibt. Mit meinem Vorschlag möchte ich aus der Not eine Tugend machen. Das neue Echo wird – wenn es nach meinem Plan entsteht – das alte weit in den Schatten stellen. Die neuesten technischen Errungenschaften werden in dieser Anlage Verwendung finden. Wir haben nicht mehr viel Zeit bis zum Beginn der Fremdenverkehrssaison, aber nach meinen Berechnungen können wir im Sommer ein Echo haben, um das uns die Welt beneidet.”
Der Vorschlag wurde begeistert angenommen. Alle waren erleichtert, und der Toningenieur erhielt den Auftrag, umgehend mit der Planung zu beginnen. Kurze Zeit später nahmen auch die Erdarbeiten an der Schlucht ihren Anfang. Bagger wühlten sich durch das Gelände, Bäume wurden gefällt, kilometerlange Gräben gezogen. Ein neuer, stärkerer Stromanschluß mußte von der kleinen Stadt zur Schlucht gelegt werden, denn die Leitung, die bisher die Gaststätte versorgt hatte, reichte zum Betrieb des neuen Echos nicht aus. Der Gemeinderat hatte beschlossen, daß dieses neue Echo ein Jahrhundertwerk werden sollte, und in Gedanken sah der Bürgermeister schon sein eigenes Denkmal vor der in aller Welt geschätzten Echoanlage stehen. An nichts wurde gespart. Ein eigens für diesen Zweck entwickeltes Elektronengehirn war, wie der Bürgermeister mit vor Stolz vibrierender Stimme hervorhob, ‚die Seele des Ganzen‚. Fast jede Woche erschien der gesamte Gemeinderat an der Baustelle, um sich persönlich vom Fortgang der umfangreichen Arbeiten zu überzeugen. In Gummistiefeln und mit Schutzhelmen auf den Köpfen wanderten die Ratsdamen und -herren durch Gräben, über Fundamente, vorbei an Baggern und Betonmischern. Leitungen wurden verlegt, Wände wuchsen auf den Fundamenten. Das hölzerne Geländer am Rande der Schlucht wich einer Mauer aus schalldämmendem Material, in die die vorgesehenen Hochleistungsmikrophone eingebaut werden sollten. In den gegenüberliegenden Felswänden gähnten inzwischen große Löcher. Hier sollten, vor Wind und Wetter geschützt, die Lautsprechersysteme ihren Platz finden. Denn das, was die Besucher an der Mauer in die Mikrophone sprechen würden, sollte ihnen – vielfach verstärkt und mit elektronischem Echoeffekt – aus diesen Lautsprechern entgegenschallen. Nahezu wöchentlich wurde in der Heimatzeitung über das aufwendige Bauvorhaben und die neue Technik berichtet, und selbst das zuständige Landesministerium lobte die beispielhafte Initiative der Gemeinde, weil damit auch die Schaffung neuer Arbeitsplätze verbunden war.
Schließlich, nach fünf Monaten intensiver Bautätigkeit, war das neue Echo installiert, und erfreut stellte der Planungsausschuß fest, daß der Fertigstellungstermin dank des anhaltend guten Wetters noch um vierzehn Tage unterschritten werden konnte. An einem warmen Sonntag im Mai, morgens um elf Uhr dreißig, eröffnete der Bürgermeister der kleinen Stadt die Anlage mit Worten, an denen er lange gefeilt hatte, und von denen er hoffte, daß sie der Wichtigkeit des Ereignisses angemessen waren.
“Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger”, begann er seine Rede, die auch vom Regionalfernsehen übertragen wurde. “Was hier in so kurzer Zeit entstanden ist, verdanken wir nicht nur den Fachleuten, die hier ihr ganzes Wissen in moderne Technik umgesetzt haben. Nein, auch Sie, verehrte Mitbürgerinnen und Mitbürger, haben mit Ihren großzügigen Geldspenden zum Bau dieser Anlage einen wesentlichen Beitrag geleistet.” Die lieben Mitbürgerinnen und Mitbürger und auch die Ehrengäste spendeten ergriffen und begeistert Beifall. “Was hier geschaffen wurde”, fuhr der Bürgermeister fort, “ist nicht nur der Ersatz für unser altes Echo. Es ist ein Echo in seiner höchsten Vollendung, ein Kunstwerk auf dem Gebiet der Tontechnik, ein Meilenstein in der Entwicklung unserer Gemeinde zu einem modernen Freizeit- und Touristikzentrum.” Wieder rauschte anhaltender Beifall auf. Es folgte eine Beschreibung der neuen Echoanlage, mit dem Hinweis, daß das Echo dank Verwendung wetterfester Materialien Sommer und Winter in Betrieb sei und daß man im Interesse des Fremdenverkehrs vorerst auf die Erhebung von Eintrittsgeld verzichten werde. Die Rede endete schließlich mit den Worten: “Es lebe das neue Echo!” Und bei ‚Echo‚ drückte der Bürgermeister auf einen Knopf und setzte die Anlage in Betrieb.
“Echo-echo-echo-echo-echo-echo-echo…” donnerte es unentwegt aus den Lautsprechern. Die elektronische Steuereinheit hatte eine Fehlschaltung und hörte nicht mehr auf. Der Bürgermeister erstarrte. – “Echo-echo-echo…” grölten die Lautsprecher, bis ein Ingenieur in der Schaltzentrale im Keller der Gaststätte den Strom abschaltete. Totenstille –. Doch dann donnernder Beifall und Erleichterung auf den Gesichtern der Ehrengäste, die anschließend unter den Klängen der Feuerwehrkapelle zur Gaststätte wanderten, um sich an Erbsensuppe und Würstchen zu laben.
Der Sommer kam, und mit ihm die Fremden. Das neue Echo wurde, wie der Bürgermeister in seiner Rede schon vorausgesagt hatte, eine Touristenattraktion. Vor allen Dingen war auch keine Fehlschaltung mehr zu beklagen. Gleich nach der Einweihung hatte der Rat eine Untersuchungskommission eingesetzt, die den Fehler auch schnell fand: Der Knopf, mit dem der Bürgermeister das Echo eingeschaltet hatte, war falsch angeschlossen worden. Da nicht mehr festzustellen war, wer diesen Fehler letztlich zu verantworten hatte, wurde im gegenseitigen Einvernehmen auf eine Schadenersatzklage gegen die Bauträgergesellschaft verzichtet, zumal man auch befürchtete, daß der Vorfall, erst einmal breitgetreten, hämische Anmerkungen der Nachbargemeinden nach sich ziehen könnte. Und so waren die Leute aus der kleinen Stadt zufrieden. Das Echo funktionierte, die Besucher kamen, und mit ihnen das Geld. Vom alten Echo sprach niemand mehr. Die alten Leute erzählten nicht mehr ihre Geschichten, in denen sie das Echo gesehen hatten. Denn was man jetzt sah, wenn der Herbst die Blätter von den Bäumen gefegt hatte, das waren nur noch die Betonfundamente der Lautsprecheranlagen. Und das Echo saß in einem Keller unter der Gaststätte, das wußte jedes Kind.
Auch sonst hatte sich manches verändert. Früher verweilten die Besucher stundenlang beim alten Echo und hörten ihm einfach nur zu. Wenn jetzt der Trubel des Ausflugsverkehrs vorbei war, herrschte Stille. Das neue Echo führte keine Selbstgespräche. Es sprach auch nicht mit den Stimmen des Waldes und seiner Bewohner, denn das hatte ihm niemand beigebracht. Kam doch jemand des Abends zufällig in die Nähe des neuen Echos, dann blieb er nicht lange. Hinter der Mauer mit den Mikrophonen stieg ein Geruch auf, der zwar tagsüber von den Abgasen der Besucherautos überdeckt wurde, in der abendlichen Stille jedoch nur wenig mit dem Duft des Waldes gemein hatte. “Das ist das alte Echo”, flüsterten jene, die sich nie so recht mit dem neuen Bauwerk angefreundet hatten. “Die haben unserem Echo eine elende Gruft aus Beton gebaut. Nun rächt es sich…” – “Hört doch endlich auf mit euren Gespenstergeschichten”, ließen sich andere vernehmen. “Jahrelang habt ihr euren Müll in die Schlucht gekippt. Was da stinkt, ist eure Gedankenlosigkeit, eure Gleichgültigkeit, eure stinkende Bequemlichkeit!”
Wieder fuhr ein Windstoß in die Krone der alten Buche. Blätter lösten sich von den Zweigen und drehten auf dem grauen Platz eine einsame Pirouette – für uns beide, den Baum und mich.

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