Das Lammesser

von Helmut Pöll (Copyright)

Herr Johannes war Koch. Ein sehr guter. Nein, er war mehr. Er war ein Zauberer der Genüsse, ein Mozart geschmacklicher Symphonien. Das erzählten alle, die in den Genuß seiner Kochkünste kamen. Aber das interessierte Herrn Johannes nicht.

Seit er sich zurückerinnern konnte hatte er Koch werden wollen. Das Brutzeln, das gierige Warten des siedenden Öls und das Fleischprasseln hatten ihn immer fasziniert und hingebungsvoll hatte er beobachtet, wie die Fleischstücke dabei langsam ihre Farbe veränderten. Er übte sich früh, im Lauf der Jahre verwandte er schließlich jeden Tag, jede Stunde, jede Minute darauf. Schon früh hielt er das Kochen für einen Tanz, einen komplizierten und harmonischen Tanz von Brokkoli, Lendensteak und Gewürzen, und er ahnte, daß dieser Tanz umso besser gelänge, je mehr er um alle Tanzenden wußte.

Nichts lag näher für ihn als eine Reise nach Südamerika, um die Gewohnheiten freilebender Rinder kennenzulernen, mit Fischern zum Fang auszufahren und in Afrika mit den Ameisen um Pfeffersträucher zu kriechen. Herr Johannes wollte alles wissen, damit ihm als Tanzmeister kein Zufall ins Werk patzen konnte.

Er wurde ein Zauberer in seiner Disziplin. Als die Gemüse, Salate und alle Spielarten von Fleisch jeden Widerstand fahren ließen und sich demütig seinem Willen beugten, als ihm bei den Hauptgängen alles gelang, dehnte er sein Interesse in Richtung der Nachspeisen. Nie wieder wollte er vor Torten und Desserts aller Herren Länder zittern, vor hochnäsigen Sacherorten, die ein großes Essen mit einem einzigen letzten Bissen zunichte machen konnten. Er verabscheute die Desserts. Könnte er das Wissen um sie nur vergessen machen! Er konnte nicht. Deswegen wollte er sie beherrschen.

Damals, als noch andere neben ihm beauftragt waren, nach seinem fürstlichen Hauptgang fürchterliche Nachspeisen nachzureichen fühlte er sich wie bei einem Violinkonzert, bei dem plötzlich jemand mit einer Buschtrommel durch den Saal trampelt.

Er wusste daß auch diese Zeit vorübergehen und er irgendwann in der Lage sein würde die Bedingungen zu stellen. Irgendwann war es soweit.

Irgendwann kochte er so gut, daß manche Leute während des Essens weinten. Er kochte nicht zuviel und nicht zuwenig. Das war kein Zufall. Er war immer gut vorbereitet. Herr Joahnnes wollte immer lange vorher wissen, wer bei ihm aß. Da hatte er für alles Zeit. Er sah sich seine Gäste zuvor genau an.

Und wenn man ihn nicht nahe genug heranließ hatte er immer einen Feldstecher mit um seine Gäste zumindest die Stunden vor dem Essen zu beobachten. Waren sie sehr hungrig, gesund oder müde?
„Ja, der Herr Direktor hat schlecht geschlafen, er hat kaum gefrühstückt. Oh ja, die gnädige Frau hat viel gefrühstückt. Sie kennen ja das Frühstück in diesen Hotels. Viel zu viel fett. So viel Fett, daß es einem bei den Ohren wieder herauskommt”. Alle diese Geschichten von Menschen im Hotel kannte er. Das war wirklich gräßlich.

Er befragte alle, die zu ihm wollten. Manche gaben zögerlich Auskunft, die Unverständigen weigerten sich. Insbesondere sein ehrlicher Rat wurde nicht hinreichend gewürdigt. Was war verkehrt, wenn er sagte: „gnädige Frau, vielen Dank für Ihre Auskunft. Sie erleichtern mir die Auswahl der Zutaten sehr. Sie sind eine Meisteresserin. Die Vorspeise, der Hauptgang, die Beilagen, und auch der Wein, den Sie gewählt haben, alles sehr harmonisch. Aber erlauben Sie mir noch die eine Bemerkung: Mit Herrn W., Ihrem Cousin mütterlicherseits, diesem Forellen- und Salzkartoffelesser, sollten Sie brechen. Er verdirbt Ihren Geschmack.”

Herr Johannes hatte doch keine bösen Hintergedanken, aber immer öfter stieß dieses direkte Fragen auf Verwunderung oder direkte Ablehnung. Das mußte er doch alles wissen! Wie konnte man von ihm erwarten auch nur den Herd anzustellen ohne daß man ihm Auskunft darüber gab wie der Gast geschlafen, was gefrühstückt, in welchen sozialen und Familienverhältnissen er lebte, ob er Sport trieb oder am Vorabend Liebe gemacht hatte? War denn das zuviel verlangt?

Wie sollte er sonst entscheiden ob er Fasan kredenzen sollte oder ob für das angeschlagene Gemüt ein leichter Gemüseauflauf nicht doch besser wäre? Ging ein General in die Schlacht ohne zu wissen wie das Gelände beschaffen war? Wohl nicht.

Das alles tat der Bewunderung, die ihm widerfuhr keinen Abbruch. Im Gegenteil. Mit der Zeit erwartete man diese Art kulinarischen Wahnsinn von ihm und auch auf offenkundige Bestätigungen dafür: sein Spleen galt vielen als höhere Weihe und die Gäste und deren Bedienstete kamen seinen Fragen zuvor, indem sie sich alle möglichen Antworten zurechtlegten, teils wahr und teils erfunden. Die Geschichte für Herrn Johannes gehörte zum Reisegepäck wie der Schrankkoffer. Sein Stern stieg weiter. Er kochte für Minister und Grafen und alle waren zufrieden. Einmal hatte er sogar einen König bekocht, den König eines unbedeutenden Landes, aber dort wurde das Himbeersorbet zum Dessert ein Fiasko.

Johannes hatte hinter dem Herd ein Loch in die Wand gebohrt, durch das er den Sitzplatz des Königs einsehen konnte. Es begann hoffnungsvoll, denn am Fürstentisch schlugen sich alle zunächst hemmungslos den Wanst voll. Beim Dessert aber zögerte der Gast. Er kostete einen kleinen Löffel voll, ließ das Sorbet im Mund zergehen, kippte den Pomadenkopf leicht schräg, lächelte süffisant, als wisse er nicht, was davon zu halten sei und legte den Löffel wieder weg.

In Johannes tobten Kämpfe. Was war nicht in Ordnung mit seinem Himbeersorbet? Hatte er etwas falsch gemacht? Etwas übersehen? Waren die Himbeeren zu alt? Zu früh gepflückt vielleicht? Er kostete sein Sorbet selbst und befand es für gut. Aber das beruhigte ihn nicht. Denn draußen verschmähte man seine Nachspeise. Schließlich hielt er es nicht mehr aus. Er war aus der Küche gestürzt, direkt auf den König zu. Er war so aufgebracht, daß er vergaß das lange Messer, mit dem er am Bratenschneiden für ein neues Gericht war, aus der Hand zu legen.

„Was ist?”, fragte er den Pomadenkopf mit bebender Stimme. „Warum essen Sie nicht? Was ist nicht in Ordnung mit meinem Himbeersorbet? Sie meinen wohl, weil sie mit einer Eskorte und 20 Wagen gekommen sind brauchen sie mein Himbeersorbet nicht ganz aufessen? Sie können überhaupt nicht satt sein. Meine Portionen sind genau richtig. Nicht zu klein und nicht zu groß. Ich habe sie genau beobachtet. Hätten sie in der Garderobe mit Ihrer Kurtisane keine Mozartkugeln gefressen, wäre das alles nicht passiert! Sie machen alles kaputt! Sie aus ihrem lächerlichen kleinen Land, wo es nicht einmal Himbeeren gibt!”.Herr Johannes war sehr erbost. Der erste Schock im Saal war groß. Trotzdem unternahm in den ersten Sekunden niemand etwas, obwohl es dem König schlecht ergangen wäre, wenn Herr Johannes mit seinem Fleischermesser wirklich böse Absichten gehabt hätte. Der Koch war aber so gespenstisch und unwirklich und mit dem Dampf, der ihm aus der Küche nachwehte, wie eine Erscheinung aufgetreten, daß er seine Anklage ungehindert zu Ende bringen konnte. Erst als irgendwo im Saal ein Glas zerklirrte und für alle der Traum platzte, überwältigte ihn die Sicherheit.

Er hätte im Gefängnis enden können, aber es geschah ihm nichts und er trug keine ernsthaften Verletzungen davon, außer ein paar Prellungen, als man ihn auf den Boden drückte und er sich wehrte. Der Vorfall wurde vertuscht, denn der König, ein Mann großer Gaumenfreuden, verwandte sich persönlich für ihn. So kam Herr Johannes unbehelligt wieder auf freien Fuß.

Dann, eines Tages, auf dem Höhepunkt seines Schaffens, rief man ihn zu bekannten Persönlichkeiten in ein abgelegenes Haus. Eine kleine Gruppe wichtiger Gäste sollte bewirtet werden. Das war er gewohnt. Es sollte dezent ablaufen, niemand sollte etwas wissen. Nichts Besonders zu kochen. Portugiesischer Lammrücken und irgendein italienisches Dessert. Wie langweilig. Wie phantasielos! Aber die Auswahl war schon getroffen und er hatte nichts Besseres zu tun.

Die Dame des Hauses persönlich wollte ihn abholen, damit die Diskretion unbedingt gewahrt blieb. Er erwartete sie mit einem Korb voll Gemüse und seinem Holzblock mit handgeschliffenen Messern. Als es klingelte drückte er den Türöffner, aber sie war schon vor der Wohnungstüre.

„Schnell kommen Sie”. Einen Moment zögerte Sie. Ist niemand bei Ihnen? Hat uns niemand gesehen?”
Sie waren schon auf der Treppe, als sie Johannes am Ärmel festhielt und mit einem leichten Nicken des Kopfes auf Gemüsekorb und Messerblock wies.
„Das brauchen Sie nicht, es ist alles da.”
„Das sagen sie immer”, sagte Johannes, „und hinterher fehlt wieder die Hälfte”.
Sie lachte.
„Nein wirklich, bitte. Neinnein, wir haben jetzt keine Zeit. Das bleibt in jedem Fall hier. Wie sieht denn das aus? Sie mit einem Messerblock! Das geht nicht, das nimmt Ihnen die Sicherheit sofort ab”.

Man hatte ihm bei seiner Odyssee durch die Kochschulen der Welt alles erzählt, manches nützlich und vielen Unsinn dazu, unter anderem „Johannes, der Kunde ist König” und das wirkte in diesem Moment. Deshalb liess er den Block mit den handgeschliffenen Messern zurück.

Drunten warteten eine große dunkle Limousine und ein Geländewagen, der sie begleitete. Johannes kannte niemanden. Das war er gewohnt. Regierungen kamen mit ihren Chauffeuren und Sicherheitsleuten, Regierungen gingen mit ihren Chauffeuren und Sicherheitsleuten, die Köche blieben dieselben.

Sie fuhren lange durch eine brunnenschwarze Nacht mit viel Regen. Ein Traumwetter. Niemand käme auf die Idee sein Essen schnell in sich hineinzuschaufeln, nur um hinterher im Mondlicht beim Grillengezirpe über die Wiesen zu laufen.

Das Haus lag abgelegen. Es war eine Villa in einem Park mit alten Kastanien, die man, so weit Herr Johannes wusste, nicht essen konnte. Man führte ihn in die Küche, eine kleine Landhausküche mit braun und schwarz kariertem Steinboden. Johannes mochte diese Art Küchen. Meistens strichen ein paar Katzen darin herum. Das beruhigte ihn. Er inspizierte die Schubladen, Schränke und den Vorratsraum und war zufrieden. Die Gastgeber hatten an alles gedacht. Er hatte sich unnötig Sorgen gemacht.

Die Salate immer zuerst! So machte er das. Es überkam ihn diese Hochstimmung wie bei einer heiligen Messe. Und während er noch den Salat trockentupfte, bereitete er sich gedanklich schon auf den Höhepunkt vor: den Lammbraten. Die Gastgeber hatten sicher gute Berater, denn das Lammfleisch war von erstklassiger Qualität. Das hatte Herr Joahnnes sofort gewittert.

Er hatte auch, während man ihn zur Küche führte, einen Blick über das gute Dutzend Gäste schweifen lassen und zu erfassen versucht, als welche Esser er die einzelnen Gäste einordnen könnte. Überschlagsmässig würde er sagen, daß die Lammenge gut gewählt war. Jedenfalls war es nicht zuwenig.

Sein Herz schlug schneller. Dann machte er sich an den Braten. Er mußte nur noch das richtige Messer finden. Die Messer waren in einer der großen Schubladen, das hatte er vorhin bei seiner Inspektion gesehen.

Alles, was das Herz begehrte, war da: Billigmesser, teure Messer, kleine Messer, Grosse Messer, Riesenmesser, Tomatenmesser, für Obst, für Brot und zum Ausbeinen, zum Tranchieren von Perlhühnern, Poularden und Chateaubriand, zum Schneiden von Artischocken, zum Hacken kleinerer Mengen von Petersilie, für Fische, für Geflügel, zum Herauslösen des Gehäuses bei Kernobst, für Kartoffeln und Käse. Für Melonen, Mango, Papaya und Brötchen. Aber keins für Lamm!

Das hatte er sich ja denken können! Er hatte extra noch gefragt. Die Sicherheit! Kochte die Sicherheit oder er? Er hätte nie darauf eingehen dürfen seinen eigenen Messerblock daheimzulassen. Vor der Abfahrt war das durch seinen Kopf gegeistert: „Ich und mein Messerblock oder keiner von uns” Das hätte er sagen sollen. Aber er hatte sich nicht getraut. Das geschah, wenn man Kompromisse einging.

Wie stellten die sich das vor? Wie sollte er das Lamm in Häppchen zerkleinern, die auf der Zunge zergingen. Mit dem Gemüsemesser, das den Braten ausfranste? Dann könnte er gleich Dynamit nehmen.

Die Küchentüre hatte eine Schiebefenster aus Milchglas, das einen Spalt offenstand. Er lugte zum Wohnraum hinüber, als erhoffte er beim Betrachten der Gäste eine Eingebung zu haben. Niemand würde ihn sehen. Doch schon nach wenigen Augenblicken, während der er auf die versammelten Gäste starrte, drehte die Hausherrin den Kopf. Sie zog die Augenbrauen hoch und schien zu fragen „was ist denn, wieso stehen sie nicht längst am Herd?”

Er winkte ihr und sie kam.
„Wir könnten dann langsam beginnen”, sagte sie,
„unsere Gäste sind hungrig. Sie sind sicher bald fertig.”
„Die Salate sind fertig. Mit der Zubereitung des Lamms konnte ich bedauerlicherweise noch gar nicht beginnen”
„Sie haben noch gar nicht angefangen? Du liebe Zeit. Machen Sie schon. Was ist mit dem Lamm”, wollte sie wissen.
„Ich habe kein Lamm-Messer”, sagte Herr Johannes wahrheitsgemäß.Sie verdrehte die Augen.
„Herr Johannes. Eines sage ich Ihnen. Das ist wirklich nicht ihr Ernst.”
Sie war jetzt sehr wütend, das sah Herr Johannes sofort.
„Die Messer sind in der obersten Schublade”, presste sie mit bebender Stimme heraus.
„Da ist für jeden Mist ein eigenes Messer.”
„Aber keines für Lamm.”
„Dann nehmen sie irgendeines für dieses blöde Fleisch, Herrgott. Von mir aus eine Axt! Sind Sie doch nicht so fürchterlich kompliziert. Wir essen in einer halben Stunde, Herr Johannes, haben wir uns verstanden?”

Das war schiefgegangen. Johannes wollte erwidern, daß er das sehr wohl verstand und auch keine böse Absicht von seiner Seite vorliege, er aber unmöglich mit einem Gemüsemesser das Lamm zerteilen könne. Er kam aber nicht dazu. Die Hausherrin wartete keine Antwort ab, wandte sich um und ging wieder zu einer Gruppe zurück, die besorgte Gesichter über den Preis von Flugzeugen und japanische Handelsabkommen machte.

Von ihr aus könnte er eine Axt nehmen! So weit war es mit der Welt gekommen, daß sich niemand mehr für das richtige Schneiden eines Lammbratens interessierte.

Johannes war kein Phantast. Seine Gedanken waren klar. Natürlich hatte er beim Vortragen seines Anliegens von seinem Auftraggeber keine begeisterte Hilfe erwartet, so waren Hausherren nicht, aber mit etwas wie zähneknirschender Unterstützung hatte er schon gerechnet.

Nun musste er die Dinge selber in die Hand nehmen. Jetzt gleich. Es war keine Zeit zu verlieren. Trotzdem trödelte er noch weitere 15 Minuten herum, in denen er nervös durch die Küche strich und um irgendeine noch so abwegige Idee betete, die die Sache doch noch zu einem guten Ende bringen konnte. Vergeblich. Dann handelte er.

Er war so ruhig, daß er sein Herz pochen hörte, als er die Küchentür öffnete und hinausging. Er sah mit einem Blick, daß die Stimmung am Kippen war. Die Gäste klammerten sich an Ihre Wein- und Champagnergläser, als wären sie mit unsichtbaren Seilen in der Decke verankert. Es war nur eine Frage von Minuten, bis der erste enthemmte Gast lallte und taktlos nach dem Hauptgang fragte.

Es ging alles sehr schnell. Die Gastgeberin spürte den Luftzug, der aus der Küche kam und drehte sich sofort um. Hatte sie bei seinem ersten Hinaussehen noch freundlich und fragend geblickt und war voller Verständnis für den Koch im ungewohnten Gelände, kräuselten sich nun Sorgenfalten auf Ihrer Stirn und um ihren Mund spielte ein böser Zug. Ohne sich ihren Gästen zu empfehlen schoss sie sofort herüber und zischte: „Was ist denn jetzt schon wieder, Sie Idiot. Es geht hier um ein wichtiges Geschäft für unser Land. Versauen Sie das nicht.”

Da griff Johannes schnell zu. Er schnappte ihren Arm, drehte sie um und ehe sie begriff, was vor sich ging, hielt er sie von hinten fest umklammert und das kleine Messer an ihren weißen Schwanenhals. Sie schrie nicht, aber sie zitterte und allmählich kam der Schock.

Einige Sekunden ging alles wie gewohnt weiter. Die Gäste lachten und tranken wie in Zeitlupe, dann schrie eine Frau, der Klavierspieler verabschiedete sich mit Dissonanzen und die Sängerin in einem bodenlangen auberginefarbenen Kleid, die unbekümmert vor sich hingeträllert hatte, vergaß vor Schreck Luft zu holen und verstummte mit einem letzten Quieken. Es wurde totenstill.

Eine Handvoll Sicherheitskräfte, die wie Gäste aussahen, aber sich mit niemandem unterhielten und unauffällige Mikrofone trugen, waren sofort zur Stelle und versuchten sich anzuschleichen.

„Meine Herren”, sagte Herr Johannes, „Sie beeindrucken mich nicht. Sicher haben Sie sofort bemerkt, daß das Messer am Hals der sehr verehrten Frau Gastgeberin nur ein Gemüsemesser ist. Aber ich versichere Ihnen, mein Vorsatz ist felsenfest, Ihre Illusionen hingegen sind naiv und trügerisch.”

Diese Worte lösten ein unglaubliches Chaos aus. Alle schrieen durcheinander: „Er ist verrückt. Oh mein Gott, er wird sie umbringen. Tut doch einer endlich was.”

„Nein, ich bin nicht verrückt. Ich will nur ein Lamm-Messer um den Lammbraten zu schneiden. Ist denn das zuviel verlangt? Sie mit ihrer dilettantischen Einstellung. Das zieht sich durch ihr ganzes Leben, sehen sie sich doch an. Bei ihnen gibt es keine Ordnung. Sie fahren mit Hausschuhen Auto und stehen mit Straßenschuhen im Wohnzimmer herum.”

Ein eleganter Herr in dunklem Smoking schälte sich aus der Menge. Der Hausherr:
„Beruhige Dich mein Schatz”, sagte er zu seiner Frau „Es wird alles gut”. Und dann:
„Herr Johannes, auch Sie müssen sich nun wieder beruhigen. Lassen Sie meine Frau los und gehen sie wieder in die Küche. Wir haben kein Lammesser. Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort darauf”.

„Sehen Sie, das ist es! Genau das meine ich! Ich pfeife auf Ihr Ehrenwort! Weil sie lügen! Ich weiß in diesem Haus gibt es ein Lammesser, denn der Messersatz, der in der Küche liegt, wird nie ohne Lammesser verkauft. Sie können mir nichts vormachen.”

Der Hausherr schwieg beschämt und sah hilfesuchend in die Menge. Ein fast unmerkliches Zucken lief über sein römisches Profil. Da ahnte er wohl, daß er bei seinen Gästen beredten Beistand bei allen Fragen zu Handelsbabkommen und dem Für- und Wider von militärischen Interventionen finden würde, die Lammkrise aber alleine würde lösen müssen,

„Wir sind sehr reich, Herr Johannes. Wir haben viel Geld in der Schweiz. Sie können alles haben, aber lassen sie meine Frau los. Bitte. Was fordern sie?”

„Ich fordere das Lammesser. Sofort! Suchen Sie es!”

Ein paar Gäste kicherten unsicher. Aber Herrn Johannes war es ganz ernst.

„Suchen Sie es. Alle!”

Das hatte es noch nicht gegeben. Alle Gäste, der Hausherr und selbst die Sicherheitskräfte stellten das Haus auf den Kopf, rutschten auf Knien über Teppiche und Betonböden, krochen hinter Kommoden und lupften im Gewächshaus Orchideenblätter auf der Suche nach dem verschwundenen Schatz. Alle suchten, einige in den Gebieten, in denen sie sich am besten auskannten: die Sängerin suchte im Klavier, aber dort war das Lammesser auch nicht.

Ein Staatssekretär fand das Lammesser schließlich im Büro des Hausherrn, wo es scheinbar schon jahrelang als Brieföffner missbraucht worden war. Man brachte es in den Salon.

„Hier”, rief der Hausherr und reichte das Messer zum Koch.

„Sehr gut”, meinte Herr Johannes erleichtert, nahm das Lammesser in die freie Hand und prüfte seinen Schnitt mit dem Daumen.„Es ist stumpf”, sagte er, „weil Sie kein Lamm damit geschnitten haben. Sie müssen es schleifen”.

Ein Raunen lief durch die Menge. Auf einigen Gesichtern stand die Besorgnis, daß Herr Johannes, übermütig geworden, seine Forderungen ins Unermessliche treiben könnte.

„Sie müssen verhandeln”, sagten die Ratgeber zum Hausherrn.

„Wir verhandeln nicht”, sagte der Hausherr, „wir schleifen.”

Bevor nun aber die Suche erneut losging und sich alle daran machten einen Schleifstein zu finden, von dem nicht einmal sicher war, ob es ihn gab und viele nicht wussten, wie so etwas aussah, kam der verschreckten Abendgesellschaft der Zufall zu Hilfe. Einer der Anwesenden hatte nämlich nicht nur einen Schleifstein, sondern eine ganze Schleifsteinfabrik, nur eine halbe Fahrstunde entfernt. Seine Hilfe wurde dankend angenommen und der Fabrikant ging nach draußen, telefonierte und kam mit zufriedenem Gesicht zum Hausherrn zurück.

„Gleich ist es ausgestanden. Einer meiner Angestellten kommt persönlich mit einem Lieferwagen und unserem ganzen Schleifstein-Sortiment vorbei. Er war völlig außer sich als ich ihm die Geschichte erzählte.”

„Komisch”, sagte der Hausherr, „er hat mit der ganzen Sache doch gar nichts zu tun.”

Nun folgten die längsten Minuten des Abends. Während sich alle auf Sessel und Sofas warfen und mit starren Blicken auf das Brummen eines Lieferwagens warteten, bei mehreren Fehlalarmen, bei denen alle nach draußen stürmten um dann einem Moped nachzustarren, das in der Nacht verschwand, sorgte sich Herr Johannes, daß ihm der Arm am Schwanenhals einschlief. Wenn er vorher gewußt hätte, daß das so lange dauert!

Endlich drängte sich ein leises Brummen in die unerträgliche Stille, das nicht mehr verging und in dem bald alle den sich nähernden Lieferwagen erkannten.

„Schnell, schnell”, rief der Fabrikant, nahm persönlich das Lammesser und lief dem Wagen mit dem Schleifstein entgegen. Man hörte gedämpftes Kreischen, als die Klinge über den rotierenden Stein gezogen wurde und die, die sensationshungrig auf die Terrasse getreten waren, sahen aus der Luke des Lieferwagens sogar ein paar Funken rot in die Nacht sprühen. Dann näherten sich hastig Schritte.

„Lassen Sie mich durch”, rief eine unbekannte Stimme und herein stürmte ein Mann in mittleren Jahren. Sein Gesicht war von Schmerz und Panik verzerrt.

„Mein Liebling” rief er, „hat er Dir Leid zugefügt. Ich habe das Schlimmste befürchtet als Müller anrief.”

Johannes nahm das Lammesser, stellte befriedigt fest, daß es erstklassig geschliffen war, bedankte sich und ließ die Hausherrin los. Die versank kreidebleich und weinend in den Armen jenes unbekannten Helden, der der Tragödie durch ausgezeichnete Schleifarbeit eine glückliche Wendung gegeben hatte.

„Mein Liebes”, sagte er immer wieder und versuchte die befreite Geisel zu trösten, und er hieß Rudi, denn das zwitscherte und hauchte die Erschöpfte immer wieder weinend an seiner Schulter.

So sehr die Handlungen des Herrn Johannes alle bis aufs Äußerste gereizt und schockiert hatten, so schnell war durch die neue Lage alles vergessen.

„Na, das wird ja immer schöner heute abend”, rief ein angetrunkener Hausherr in die Runde. Er verlangte eine Erklärung und klar und direkt zu wissen, was ohnehin offensichtlich war. Das war ein wirklicher Skandal und es gab unschöne Szenen und anschließend leidenschaftliche Diskussionen und alle möglichen Angriffe und Rechtfertigungsversuche für und gegen die Dame des Hauses, bis nach geraumer Zeit Herr Johannes alle mit: „Das Lamm ist fertig” aufschreckte und für einen Moment niemand recht wußte was nun zu tun sei.

Das Vernünftigste schien schließlich allen nach dem ursprünglichen Plan weiterzumachen und zu Abend zu essen, auch wenn es schon drei Uhr morgens war. Der Unbekannte saß neben seiner Geliebten, beide ganz weit vom Hausherrn entfernt und über allen Gesprächen, worum immer sie sich auch drehten, hing nur die Frage „wie ging es nun weiter?”

Das wusste auch Herr Johannes nicht, der noch die Küche aufräumte, sich ein Taxi bestellte und ging. Es war wohl der Schock und die Überforderung aller durch die Fülle der Ereignisse, daß man ihn einfach ziehen ließ. Aber auch während der nächsten Tage, in der die zweite Geschichte des Abends zum Skandal hochkochte, hatte niemand Zeit an ihn zu denken. Der Hausherr wurde zwar noch einmal darauf angesprochen, aber er sagte: „lassen sie ihn, das würde uns jetzt grade noch fehlen”.

Herr Johannes aber zog seine Konsequenzen: Lamm würde er nie wieder kochen.

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