Das Schlampenbild
von Andreas Züll (copyright)
Er hatte das Bild gemacht, den Finger am Abzug gehalten und eiskalt abgedrückt. Das Blitzlicht ausgelöst. Einen flüchtigen Moment, den Bruchteil zweier Leben, und eine Ewigkeit seines eigenen, festgehalten. Er hat sonst viel fotografiert. Das war einmal. Es war einmal. Es waren einmal die beiden, die für ihn Model standen. Und wenn sie nicht gestorben sind …
Damals. Damals? War es nicht erst eine Ewigkeit her? Und nun …?
Ein komisches Gefühl, das Photo wieder in den Händen zu halten. Längst war er sich sicher, es wäre verloren gegangen im Gewirr von Papieren und verschollenen Zeiteinheiten. Vielleicht hatte es auch einer in eindeutiger Absicht einfach so mitgenommen, es ihm gestohlen und damit zwei Teile seines Lebens leichtfertig mit sich fortgetragen? Vielleicht hatte er es auch absichtlich verschwinden lassen? Aber nein, es war noch da.
Jetzt liegt es vor ihm. Die Farben haben zwar nachgelassen – das kräftige Rot um beider Lippen ist in ein milchiges Rosa geblichen – aber es ist noch da, liegt vor ihm und ist nach wie vor zwei Teile seines Lebens. Der viel zu tiefe Ausschnitt verschwimmt. Hier und da reißt das Bild an den Rändern ein, dort, wo das in die Jahre gekommene Hochglanzpapier in weiß gewölbte, zerfranste Schluchten aufbricht, Schluchten, die blaue Schatten über Tusche und Augen werfen. Einige Tropfen und Streifen von zweifelhafter Herkunft verteilen sich wie Sterne und Kometen darüber, vermischen sich mit hochgestylten Sternhimmelhaaren, blauen, lila, grünen Strähnen. Bleiche Schlieren, die sich wie kosmische Nebel umherschwingen und der Bildoberfläche das Flair einer buntgetünchten Marsoberfläche mit Venusring geben. Ein Universum vor ihm und in seinen Händen. Doch so zerbrechlich …
Durch das Photo zieht sich waagrecht eine gradlinige weiße Falte, die sauber von der einen Seite zur anderen reicht. Sie markiert die Mitte des Bildes. Der eiserne Wall und der schmale Grat, der Unschuld von Sünde und Welt von Augen trennt.
Es ist noch da, nein, er hatte es nicht verloren und ihm ist es auch nicht gestohlen worden. Als er es finden wollte, war es sofort aufgetaucht. Das schmutzige, zerknitterte Photo, das Universum mit dem milchigen Rosa um beider Lippen existiert noch. In den Händen seines Urhebers und Schöpfers. In seinen.
Sanft – nur um sicherzugehen – fährt er mit den Fingerkuppen über Risse und Flecken und kosmische Nebel, vorsichtig über beider Lippen, legt den Zeigefinger über die der einen, dann über die der anderen. Ihr braucht nichts zu sagen, denkt er. Ich kann euch verstehen …
Früher? Was war früher? Früher ist noch nicht so lange her, wie er gerne geglaubt hätte, wie sie gerne glauben würden. Es als andere, dunkle und boshafte Welt abtun, die in einem blinden Spiegel gefangen gehalten wird, den man nur allzu gerne in die Schublade „Unliebsame Erinnerungen” packt. Aus. Vorbei. Gewesen. Da sind die zwei Freundinnen wieder, lächeln ihm verführerisch aus dem Spiegel zu, so als wären sie nie weg gewesen. Sie waren nie weg.
Aber was heißt das? Übungen in Rhetorik? Übungen in Poesie, Epik … der Hauch ganz alltäglicher Deutschunterricht. Wenn er schreien könnte, die ganze Welt würde ihn hören! Aber er kann nicht! Alles beginnt sich zu drehen … Und dann … Und dann …?
… ihre Geschichte. Ihr Märchen. Ihr Kreuzgang. Da ist es wieder. Er erinnert sich: Gut!
Früher, früher, früher …
Sie waren viel zusammen unterwegs in diesem Früher, diesem Gebilde, das er mit sich herumschleppt und nicht loswerden kann und will. Draußen „on Tour”. Discos checken, Feten aufmischen, Spaß haben. Livin‚ life in a fast way! Schmeißen wir die ganze Scheiße über Bord! Das Bild dort in dem erbärmlichen Zustand hat mit dem Leben, das sie gelebt haben, nur das desolate Erscheinungsbild gemein. Und mit dem Deutschunterricht soviel wie Milch mit Whiskey. Ja, er erinnert sich! Die Tage waren kurz, die Nächte endlos. Verlorene Jugend, es lebe die gute alte Zeit, Papa! Ja und Amen!
Wer waren die beiden? Wer war er? Namen … Namen … Namen … Schall und Rauch und doch so wichtig. Nein, er vergisst euch nicht. Nein, ihr ward nie weg. Ihr seid in ihm, wie er in euch gewesen ist. Der Rausch in der Dunkelheit … Nachts sind alle Katzen grau und alle Seelen? Schwarz!
Wie war’s denn? Spiel nach den Regeln! Dagegen gibt es nicht, dann bleibst du auf der Strecke. Du bleibst liegen und keiner, nein, keiner wird dir aufhelfen. Ungeschriebene Gesetze. Von allen stillschweigend anerkannt. Aber …? Habt ihr sie nicht gebrochen? Wieder und wieder? Habt ihr nicht mit den Regeln gespielt?
Ja, er erinnert sich! Maria, an dich! Er weiß es nur allzu gut, wie sich deine bleichen Lippen blutrot auf seinen eigenen angefühlt haben, er spürt sie noch! Jetzt! Nein, es ist noch nicht so lange her, glaub das nicht! Glaub nicht, er hätte dich vergessen! Du stehst links auf dem Bild. Du hast immer links gestanden. Wenn ihr euch an den Händen gehalten habt, hast du ihr immer die linke Hand gegeben, weil ihre Hände fest zudrückten und gekrampft haben. Der kleine Ring, den sie dir geschenkt hat und den du rechts getragen hast, hätte dir sonst in den Finger geschnitten. Dabei hattest du doch so schöne Hände!
Darum hast du links gestanden. Links von ihr. Ein banaler Grund. Hast du ihn ihr je erzählt? Nein, er auch nicht. Er hat dich nie verraten. Und sie?
Erinnerst du dich an früher? Ganz früher, als ihr noch Kinder gewesen seid? War nicht lange, er weiß es noch. Das schöne Dorfleben, was? Sandkasten und Kirche. Die Schule! Für das Leben lernt ihr! Kirmes feiern die Großen, Kinder fahren Karussell. Und du? Hast einen Dreck darauf gegeben!
„Besorg ma Allohol!”
Man muss nur die richtigen Leute kennen. Wie du gehustet hast! Er hat deine Hand gehalten, lange bevor du dir die Haare blondiert hast, dir auf den Rücken geklopft, als du deinen ersten Nikotin begierig eingesogen hast. Und dann? Klar seid ihr Karussell gefahren, alles hat sich gedreht … So schnell … So schnell …
Hast ja sowieso schnell angefangen mit allem. Hättest die Finger davon lassen sollen, was hat dir dein Vater damals gesagt, bevor er abgehauen ist? Schadet dir! Eben, gibt Dinge, die sind gesünder und erweitern das Bewusstsein. Selbsterkenntnis ist alles! Dumm nur, dass nicht so leicht dranzukommen ist. Connections. Eine Hand wäscht die andere! Nur keinen Stress machen. Wer bezahlt? Komm schon, die Jobberei hat’s ja nicht grade gebracht. Cool bleiben. Naturalien. Es lebe der Schwarzmarkt! Ware haben, Ware werden. Für ihn nie. Für sie nie. Neuer Stoff. Neuer Stoff heißt einen weiteren Tag überstehen. Auch der Alkohol hilft nicht immer. Euch hat die selbe heile Welt großgezogen. Du bist unten, andere sind oben.Das ist der Stand der Dinge. Und ihr Maß. Mehr müsst ihr nicht wissen, erinnerst du dich? Ist okay, locker bleiben. Sonntags Kirche, damit keiner was merkt. Wo kommen die blauen Flecken her? Vom Sportunterricht, Oma! Nein, das war nicht gelogen. Den Schnee in deinem Schreibtisch hast du ihr nicht erklären können. Die heile Welt zerbricht – auch deine. Und seine? Und ihre? Die Dörfer reden. Reden … reden … reden … Ehrentitel „Schlampe”. Das hat dir gefallen, oder?
Er hat geweint, Maria. Später, als das Leben schon an euch allen vorbeigezogen war. Daran erinnert er sich nur allzu gut. An deinen 17. Geburtstag. Du hattest schon immer ein Fable für dramatische Abgänge. Das waren wohl ein paar Tabletten zuviel in dieser Nacht.
Diesmal haben ihre Hände nicht gekrampft, in dieser Nacht hat er sie gehalten. Nicht du. Sie hat schwach und kraftlos auf den Menschen gewartet, an dem sie sich festkrallen konnte. Auf dich. Aber du kamst nicht mehr. Du bist liegengeblieben in dem Chaos deines Schlafzimmers und hast ihn nie wieder das Gefühl deiner roten Lippen auf seinen spüren lassen. Sie waren blau angelaufen und verklebt. Er hat die letzten verschmierten Tabletten aus deinen Wangen genommen und sie und deine blutigen Augen geschlossen. Für immer. Alles was ihr noch blieb, waren ein paar brüchige Rosen und die Klamotten, die sie noch von dir gehabt hat. Sie hat sie nie wieder angezogen. Dir nie verziehen.
Und sie? Sie steht wie immer rechts von dir. Wahrscheinlich hat sie sich nie Gedanken darum gemacht, warum sie dort gestanden hat. Ein Bild aus glücklichen Tagen. Glücklich! Was heißt glücklich! Auch sie hat früh angefangen. Nein, ihr bleibt nicht auf der Strecke. Sie war nie so hart im Nehmen wie du. Sie war schüchterner. Solange sie nüchtern war. Erinnerst du dich, sie war viel zu gutgläubig. Eine kleine Weltverbesserin, die freiwillig mit ihrer Oma in die Kirche gegangen wäre, wenn sie noch eine gehabt hätte. Sie war anders als du. Und doch hat sie dich geliebt. Es ist ja nicht so, als hättet ihr nicht geteilt, was ihr zu teilen hattet. Eure Betten, eure Freunde, eure Joints, eure Klamotten. Sie war ein hübsches Mädchen, hat viel gelacht. Er hat sie sehr gemocht. Du auch. Habt viel zusammen gefeiert, was? Sie war wie deine kleine Schwester, auch wenn sie ein paar Monate älter war, als du. Warum hast du sie alleine gelassen?
Man muss auf sie aufpassen, das wusstest du doch. Du hättest sie nie aus den Augen lassen dürfen! Erinnerst du dich? Die Nacht war warm und angenehm, die Sonne muss schon aufgegangen sein, da ist sie von den zwei netten Jungs aus der Disco auf den Feldern zwischen dem einen und dem anderen Dorf vergewaltigt worden. Da hast du sie allein gelassen, Maria! Du hättest sie nie mit den beiden gehen lassen dürfen! Ihre Unschuld erkauft mit ein paar Bacardi-Cola und süßem Genever. Das war günstig, oder? Du hast schon mehr gekostet! Und doch hat sie dich geliebt und dir verziehen, als du sie in den Arm genommen hast, an dem Morgen danach, als ihre Hände zum ersten Mal gekrampft haben. Einer von ihnen hatte schöne blaue Augen, das hat sie dir oft erzählt. Auch er hat blaue Augen. Manchmal erschreckt er, wenn er in den Spiegel sieht. Heute noch.
Sie hat nie wieder so lachen können, wie ihr es so an ihr gemocht habt. Wenn sie auf einem Trip war, hat sie manchmal ein wenig gelächelt, dann kam etwas von dem Mädchen, das sie einmal war, in ihre Augen zurück. Nur du weißt, wie sie sich gefühlt haben muss. Nur du hast ihre stummen Schreie gehört. Nur du hast noch mit ihr geschlafen. Ihre Tränen getrunken, vermischt mit Alkohol und Zittern. Ein Rausch, der bitterer war, als jeder Trip. Und doch habt ihr nie genug bekommen. Nur noch für den Moment leben. Crazy … Fallen … Fallen …
Sie hat die Schule geschmissen, dazu bist du ja nicht mehr gekommen. Ihr Abgang war stiller, verschwiegener als deiner. Sie ist noch mit ihm Kaffee trinken gegangen, hat scheu an einer Zigarette gezogen und sich ängstlich umgesehen. Nein, ihre Hände haben nicht mehr gekrampft. Erst wieder, als sie später auf ihrem Bett saß und ihr Handgelenk die weiße Wäsche färbte. Sie hat ihre Hände nie mehr geöffnet. Er hat sie in dem kleinen Café an der Kirche noch auf die Stirn geküsst. Aber sie wollte zu dir. Und ist gegangen.
Er hat euch beide überlebt. Das Photo auch. Er versucht sich zu erinnern, auf welcher Fete er es gemacht hat. Seltsam, er hat es vergessen. Das sind doch erst einige Monate her! Einige Monate! Wie schnell man vergisst! Wie schnell ein Leben umschlägt und Bilder verbleichen! Noch einmal streicht er über beider Lippen. Sagt nichts, ich weiß, will er flüstern. Doch ihm fehlen die Worte. Nein, das Bild ist nicht weg und auch nicht gestohlen worden. Er hat es noch.
Metall klappt knirschend zur Seite. Eine kleine Flamme springt auf. Dann sagt er es, leise und kaum hörbar. Leiser noch, als die auf Minimum gedrehte Musik. Er wusste wieder, wann er es gemacht hatte … und er roch die Freiheit, die sie damals gespürt hatten.
Er hat es noch in der Hand gehalten, das kleine, vergilbte und eingerissene Universum, mit dem milchigen Rosa, dem viel zu tiefen Ausschnitt und dem blauen Lidschatten, als seine Mutter ihn am Morgen gefunden hat, gegen den Kleiderschrank gelehnt und mit einer Zigarette aus den Mundwinkeln hängend. Ein kleines Röhrchen unter Asche und Kippenstummeln begraben.
Für die drei würden die Nächte jetzt endlich wieder endlos sein. Nur ein Schlampenbild würde bleiben.