Das Souvenir
von Barbara Strauss (Copyright)
Marion schlenderte über den Marktplatz und genoss das rege Treiben. Sie hatte sich dieses Dorf am Zipfel des längsten Fingers des Peloponnes ganz bewusst für ihren Urlaub ausgesucht. Deshalb wunderte sie sich auch nicht im geringsten darüber, dass es hier ausschließlich alleinstehende Touristinnen gab.
Natürlich hatte Marion ihren Eltern und Freunden gegenüber nicht den tatsächlichen Grund ihrer Reise mitgeteilt. Die Scheidung, so erklärte sie, sei sehr zermürbend gewesen. Da habe sie einen Urlaub mehr als nötig. Was ja auch wirkliche stimmte. Aber das, was sie suchte, konnte sie nur hier in diesem unbedeutenden kleinen Ort finden. Und davon hatte sie keinem etwas erzählt.
Das Dorf an sich war schon eine Reise wert. Alles wirkte so urtümlich und naturbelassen. Das grüne Hinterland, das stetig anstieg und am Fuße schroffer Felsen endete, war durchzogen von Mauern, die aus lose aufeinandergelegten Steinbrocken bestanden. Wollte man sich Trauben oder Feigen aus einem dieser Gärten holen, musste man über die Mauer klettern. Gatter gab es nur dort, wo sich der Besitzer des Gartens eine paar Schafe oder eine Ziege hielt. Hin und wieder konnte man auch einen Esel sehen. Es störte die Einheimischen übrigens überhaupt nicht, wenn man sich die Früchte aus ihren Gärten holte, denn am Markt waren Früchte weniger begehrt, obwohl man auch dort welche kaufen konnte.
Ihre Häuser hatten die Menschen in der Nähe des Strandes errichtet. Ebenfalls aus Naturstein erbaut, standen sie wahllos verstreut in der Gegend, inmitten von Gärten, einstöckig und einfach. In einem dieser Häuser hatte Marion sich ein Zimmer gemietet.
Ein Fahrweg aus festgestampftem Sand trennte die Häuser vom Strand. Hier war der Sand feinkörnig und locker und lud zu stundenlangem Faulenzen im Schatten der Palmen ein. Und wenn man Lust hatte, lief man so, wie man gerade war, meist also in Badekleidung, über die Straße zu der kleinen Taverne und ließ sich Ouzo mit Eiswürfeln oder Wasser, Pistazien, Oliven und Tomatenspalten für wenige Drachmen bringen. In derselben Taverne war auch ein Friseursalon, bestehend aus einem alten Friseurstuhl und einem fast blinden Spiegel, untergebracht. Außerdem konnte man sich dort noch mit allen Dingen des täglichen Bedarfs eindecken.
Aber heute interessierte sich Marion weder für den Strand noch für die Taverne. Ganz bewußt hatte sie mehrere Tage gewartet, sich sozusagen auf ihr heutiges Vorhaben eingestimmt. Am Ende des Ortes, dort, wo auch der sandige Fahrweg endete, wurde der Markt abgehalten. Die Marktbesucher waren ausschließlich Frauen, viele davon Touristinnen, aber man sah auch nicht wenige Griechinnen. Was nicht heißen sollte, dass es hier keine Männer gab. Ganz im Gegenteil, es gab deren genug hier auf dem Marktplatz! Sie standen auf Podesten, allein oder in Gruppen, in jeder Altersstufe, vom Knaben bis zum Greis, gekleidet in knallbunte Tuniken, die nur ihr Arme und die linke Schulter freiließen. Diese Männer wurden von unzufriedenen Ehefrauen, Geliebten, Müttern oder Schwestern zum Kauf angeboten. Durch den Verkauf eines einzigen Mannes konnte eine Frau unter Umständen für ihr ganzes Leben ausgesorgt haben, zumal das Leben hier fast nichts kostete. Es soll schon vorgekommen sein, dass eine Frau gleichzeitig ihren Mann, den noch rüstigen Vater und ihre beiden beinah erwachsenen Söhne auf den Markt gebracht hatte. So eine ging dann als reiche Frau nach Hause, nicht ohne sich vorher aus dem reichhaltigen Angebot ein Objekt nach ihrem Geschmack ausgesucht zu haben.
Marion wusste, dass sie, sollte sie sich für eines der Ausstellungsstücke entscheiden, kein großes Risiko einging. Sie hätte Zeit genug, ihren Erwerb in ihrem einfachen Zimmer mit dem großen Bett ausgiebig zu testen. Wenn er ihr dann nicht zusagte, könnte sie ihn einfach am Markt weiterverkaufen und vielleicht sogar noch einen Gewinn daraus schlagen.
Deshalb nahm sie sich auch vor, keinen Mann von einer Urlauberin zu kaufen. Da war der Reinfall schon vorprogrammiert. Was Marion nicht wusste, war, dass viele Touristinnen, die schon länger hier waren, ihre Vermieterinnen baten, für sie den Mann, der sich als Niete entpuppt hatte, weiterzuverkaufen.
Marion ging langsam an den Podesten vorbei und musterte prüfend die Ware. Sie fand es schade, dass die Männer alle in diese langen Tuniken gehüllt waren. Einen Lendenschurz empfand sie in dieser Situation schon als ein Zuviel an Kleidung. Vor einigen Podesten gab es ein ordentliches Gedränge, weil ein paar ganz hübsche Kerle obenstanden, um die sich die Frauen regelrecht stritten. Marion beschloss, nicht allzu anspruchsvoll zu sein, denn solch ein Gedränge war ihr verhasst. Sie ließ ihre Blicke lustvoll schweifen, bis ihre Augen ein passendes Objekt entdeckt hatten. Ein junges Mädchen war die Besitzerin. Marion erfuhr von dem Mädchen, dass er ihr älterer Bruder sei. Er habe die Schwester, als beide noch Kinder waren, andauernd gequält, aber jetzt sei er ganz zahm und tue, was von ihm verlangt wurde. Nur über seine Qualitäten als Liebhaber könne sie leider keine Auskunft geben als seine Schwester, das müsse Marion schon einsehen. Aber gebaut sei er gut, soviel konnte das Mädchen zusichern.
Marion beschloss zuzugreifen. Für den Preis hätte sie sich einen ganzen Sommer in der Karibik leisten können, aber das war es ja nicht, was sie wollte. Und wie gesagt, sie konnte ihn ja immer noch weiterverkaufen. Sollte sie sich aber in ihn verlieben, würde sie ihn mit nach Hause nehmen. Nur einen Ehemann wollte sie auf keinen Fall mehr. Und ein Hund kam ihr schon gar nicht in die Wohnung.
Veröffentlicht in :
VERLASSEN VERLIES VERLASSEN, Aarachne Verlag, Wien 2001.