Das versunkene Stadion, Teil 3
von Jürgen Jesinghaus (copyright)
VI. Der andere Fritz (genannt Freddy) erzählt
Der Tatar stellte, nach einem Wink von Freddy, zwei Pokale auf den Tisch und füllte sie beidhändig aus zwei Flaschen mit einem honiggelben Getränk. Auf das Stichwort ´Wohlbekommen´ zog Brosheim den Sud mit spitzen Lippen durch den Schaum. Das Gesöff schmeckte bierbitter, aber auch wie parfümierter Wein. Er las auf dem Flaschenetikett: Westmalle Tripel. Er blickte auf und sah den Alten schmunzeln.
„Schaust jetzt nicht intelligent“, sagte der, und Brosheim quittierte die Diagnose mit einem Achselzucken.
„Als die Holländer und Belgier hier fuhren, floss es in Strömen, Mönchspisse aus Belgien, Trappistenbier, auch Likör genannt, nunmehr die letzte Tradition des hohen Hauses. Es wird in diesen Gralsschüsseln kredenzt und tut seine Wirkung, worauf Sie sich verlassen können.“ Nach einem kräftigen Zug, der nur den Schaum im Glase zurückließ, begann Freddy:
„Mit dem Motorradrennen hätten sie nicht anfangen sollen. Die Bahn ist nichts für Motorräder, außer für Schrittmacher-Maschinen. Es war erst das zweite Rennen seiner Art. Ich stand in der Südkurve, nicht weit davon entfernt, wo jetzt der Löffelbagger steht. Ich konnte alles überblicken. Die Maschinen stiegen dort empor und fuhren oben entlang. Die Besten taten das. Man hätte die Räder mit Händen greifen können. Dann stießen sie wie die Falken runter, und wer es konnte, überholte direkt vor der Tribüne. Sie brausten auf uns zu, legten sich in die Horizontale und schleuderten herum, und mit Karacho ab auf die Gegengerade. Dann stiegen sie wie die Lerchen. Wenn Sie genau hinsehen, erkennen Sie den senkrechten Abschluss der Bahn, das Mäuerchen, es ist nur 30 cm hoch und bildet mit der Bahn einen Knick, nicht deutlich, weil die Bahn selber steil ist. Es waren an die fünf Runden gefahren, schon hatte sich eine Spitzengruppe abgesetzt, da seh ich, hundert Meter von mir entfernt, was ich mein Lebtag nicht vergessen werde. So puppenhaft klein. Ich sitze da und weiß: Das ist die Katastrophe. Ich sehe das Bein durch die Luft fliegen. Sie glauben es mir nicht, vielleicht wollen Sie es auch nicht so genau wissen, aber ich sehe es heute so klar wie vor 40 Jahren: ein dünnes Beinchen, ein Fliegenbein auf diese Entfernung. Die Maschine hat den Rand berührt und ist drüberweg. Ein Fahnenmast hat dem Fahrer das Bein abgeschnitten. Die Maschine fliegt in die Zuschauer und badet in Blut. Dann explodiert sie – ein Blitz und schwarzer Rauch, darüber der blaue Himmel und eine weiße Wolke. Ich habe auf die weiße Wolke gestarrt. Sie sah aus wie ein Blumenkohl. Ja. Der Fahrer hat überlebt. Aber nicht lange, zwei Jahre. Der Rollstuhl war nichts für ihn. Danach war dann alles vorbei. Keine Rennen mehr, auch die Zeit der Steherrennen war vorüber, ich glaube überall auf der Welt. Das hatte aber mit der Katastrophe hier nichts zu tun. Wir haben ein Mahnmal für die Opfer errichten lassen, und dann hat sich außer uns bald keiner mehr dafür interessiert. Vor anderthalb Jahren haben Neonazis den Gedenkstein mit dem Vorschlaghammer zertrümmert. Wollen Sie wissen warum? Sie glaubten, er sei für die Juden bestimmt, die man in der alten Volksschule gesammelt und von dort abtransportiert hatte.“
Freddy sah nicht so aus, als wollte er weitersprechen. Er verschloss seinen Mund. Und statt zu trinken, stierte er ins Trappistenbier.
VII. Fritz über Albertus Magnus
Da erhob sich Fritz und ging zur Wand, wo die Bilder hingen. Als er auf eines tippte, fühlte sich Brosheim aufgefordert, ihm zu folgen. Der Alte zeigte auf Fotos und machte Bemerkungen dazu, knapp und scheinbar teilnahmslos. Brosheim deutete auf eine Fotografie, die in einem ovalen Rahmen steckte, einem Plastikrähmchen aus der Bilderabteilung eines Kaufhauses. Aber die Aufnahme war alt. Sie zeigte einen Mann, dessen behandschuhte Faust die Hörner einer Rennmaschine umklammerte. Er trug einen aus Lederwürsten geflochtenen Helm und blickte streng in das Objektiv, mit einer forschenden Eindringlichkeit, die Brosheim erst auf das Bild aufmerksam gemacht hatte. War der Mann damals nur den Anweisungen seines Fotografen gefolgt und bedeutete die Eindringlichkeit nichts anderes als bewusst ausgeübtes Sehen, wirkte es auf Brosheim jetzt wie die Bitte, nach seinem, des Rennfahrers, Schicksal zu fragen. Auffällig war auch der leidenschaftliche Mund, fast ein Frauenmund.
„Sie haben sich den Richtigen rausgesucht“, sagte der Alte zu Brosheim. „Wissen Sie, wer das ist?“
Brosheim schüttelte den Kopf, und der Alte versenkte sich in den Anblick des Fotos, als wollte er von nun an für immer schweigen.
„Wer ist es denn?“
„Das ist Albert. Albert Richter. Albert Richter aus Köln. Aus Köln-Ehrenfeld. Der Größte. Der größte Flieger. Weltmeister. Im Velodrom. Rom.“
Er sprach abgehackt. Er wusste nicht, wie anfangen. Deswegen erklärte er zuerst, was ein Flieger ist.
„Heute redet alle Welt von Sprintern. Das Merkwürdige an dieser Disziplin ist das Sur-Place-Fahren, das direkte Gegenteil von Sprinten, ein Widerspruch in sich. Die Fahrer überbieten sich an Langsamkeit. Sie balancieren auf den Pedalen, um dem Gegner die ungünstige Führungsposition aufzuzwingen, damit sie im Windschatten Kraft sparen und für den Endspurt aufbewahren. Das war die Fliegerei, und der Größte in Deutschland war Albert Richter, Albertus Magnus, der Achtzylinder aus Ehrenfeld. 1933 durften Juden nicht mehr an den Start. So früh schon. Darum musste Ernst Berliner, der Trainer von Albert, emigrieren. Die Nazis hatten auch das 6-Tage-Rennen verboten. Deutsche Auswanderer wurden in New York und Chicago 6-Tage-Könige. Auch wir hatten unsere erlauchten Emigranten, auch wir Sportler, nicht nur die Physiker und Dichter, Albert Einstein, Thomas Mann, wir zum Beispiel hatten unseren Ernst Berliner. Und Albertus Magnus war auch nicht beliebt bei den Nazis. Hier ist er zweimal gefahren. Ich muss Ihnen nicht sagen, dass er zweimal gewonnen hat. Bei der Siegerehrung verweigerte er den sogenannten deutschen Gruß. Wahrscheinlich ist ´verweigert´ gar nicht der richtige Ausdruck. Er umklammerte mit beiden Händen die Hörner und lachte, sein Siegerlachen, während alles um ihn herum mit den Fingerspitzen in die Luft stach. Hier kam er noch mit einer Ermahnung davon. Der Junge hat es nicht so gemeint, hieß es. Der kann Radfahren, aber von der großen Aufgabe Deutschlands in der Welt versteht er nichts. Er ist ungebildet, hieß es. Der und ungebildet! Er hat die Geige gespielt. Ein Mordskerl. Bei den Fliegern muss es in den Schultern sitzen, in den Beinen sowieso, aber in den Schultern darf es nicht fehlen, weil sie beim Sprint an der Maschine zerren. Und der Mann hat die Geige gespielt. Max Bruch, den konnte er rauf und runter. ´Dä Max, ne kölsche Jong wie isch´, sagte er. Albert war musikalisch, ein ruhiger, zurückhaltender Junge. Er konnte gar keine Feinde haben, Konkurrenten ja, Feinde nein. Und trotzdem. Aber lassen Sie mich der Reihe nach erzählen. Berliner betreute Richter weiterhin, im Ausland. Amsterdam, Antwerpen, Brüssel, Genf, Paris, Grand Prix de Paris. Die internationale Presse hat die beiden einträchtig nebeneinander abgelichtet, Arme um die Schultern, den Juden als Trainer und den Katholiken, den deutschen Meister. Der Ministrant mit dem Juden, das missfiel den Nazis. Sie mochten ihn nicht, und einige, die nicht an seinem Hinterrad vorbeikamen, haben ihn wohl auch nicht mögen gemocht. Noch 39 war Albert Sieger des Großen Preises von Berlin. Noch stand er mit den Scharfrichtern per Du. Die Scharfrichter, das waren die Kurven. Noch waren es nur die Kurven.“
„Vielleicht war er nur ein bisschen zu gescheit und sicher besser als alles, was in Deutschland Fliegerrennen fuhr. Das reicht schon aus, mein Herr, um am skäischen Tor zu fallen. Verzeihung, wenn ich Sie mit der Schulbildung nerve. Haben Sie Kinder? Sorgen Sie dafür, dass sie nicht zu gut sind, lieber etwas hinterfotzig, lieber etwas dumm, mit einem Wort: lieber normal. Ich habe seit damals Angst um Leute, die zu gut sind. In einem dritten Programm sah ich kürzlich ein Mädchen Klavier spielen. Sie war keine 13, aber voll Würde, entrückt, bei gänzlichem Mangel an Altklugheit. Sie beherrschte das Instrument, ohne es zu unterdrücken. Ihre frühe Vollkommenheit hat mich in einen Zustand glücklichen Neides versetzt. Und dann überkam mich die nackte Angst um das Mädchen.“
Der Alte versank in Nachdenklichkeit.
„Wir alten Knochen sind gestrandet, liegen hier herum, die Bahn ist zerbrochen, die Schale mit Dreck gefüllt, die Tore abgerissen, und Richter ist nicht einmal 28 geworden, in bester Blüte ermordet. Er war auf dem Weg zu einem Rennen in die Schweiz – um die Jahreswende 39/40. Zwei holländische Fahrer, die zufällig im selben Zug saßen, konnten beobachten, was geschah. Ohne lange zu suchen, fanden die Zöllner Banknoten im Schlauch eines Reifens von Alberts Rad. Die Kerle haben nicht viel rummachen müssen. Normalerweise versteckt man Geld im Rahmen unterm Sattel. Wenn sich ein Zöllner überhaupt die Mühe machte, an den Rennmaschinen nachzusehen, dann zuerst und zuletzt im Sitzrohr. Seit Olims Tagen hat nie ein Zöllner woanders nachgesehen. Die Idee mit dem Schlauch stammt von Richter, der Junge war gebildet. Sind nun die Zöllner in Weil am Rhein besonders intelligent, was meinen Sie? Jeder von den alten Fliegern wusste: Albert ist verraten worden. Da hatte jemand aus dem inneren Kreis einen Wink gegeben. Zuerst hieß es, Richter sei beim Skifahren verunglückt. Dann erinnerten sich die Nazis an die Holländer, Augenzeugen der Verhaftung. Im Januar 40 war Holland noch nicht besetzt, sonst wäre es leicht gewesen, sie verschwinden zu lassen. Deswegen hieß es dann, Richter habe Selbstmord begangen. Im Gestapogefängnis! Kein Mensch von den wenigen, die es überhaupt noch interessiert, glaubt an Selbstmord. Außer einem, der schwört Stein und Bein, dass es Selbstmord war.“
„Wer?“
Der Alte bekam morastige Augen, sein Mund verschwamm im Gesichtsfleisch. Er winkte ab.
„Wenn ich es Ihnen nun sage: Sie können nichts beweisen, ich kann nichts beweisen, niemand kann es beweisen. Es gab viele Nazis, und jeder hat Menschen wie den Albert stückchenweise umgebracht. Alle behaupteten, sie hätten es nicht getan. Nicht alleine. Nur ein kleines bisschen. Jemand wollte ihm vielleicht nur einen Denkzettel verpassen und den deutschen Meister nicht immer von hinten sehen, sondern zur Abwechslung mal in der Zeitung als Devisen-Schieber, klein und hässlich. Die Nazis konnten Richter nicht mehr gebrauchen. Der Devisenschmuggel hat ihnen klar gemacht, dass Albert sich absetzen wollte. Internationale Rennen hätte er auf eigene Rechnung zusammen mit dem Ernst bestreiten können, als Emigrant, sozusagen als Albert Einstein oder Thomas Mann. Also weg damit. Das hier ist übrigens Ernst Berliner, der hängt an der Wand ununterbrochen seit 1929. Die Nazis haben nie was gemerkt.“
Ein Mädchen, eine Achtjährige, betrat die heiligen Hallen.
„Nun, mein Schatz, hast du mich gesucht?“ fragte Fritz.
„Ma sucht dich. Ich nicht. Ich weiß ja, dass du hier bist. Du bist immer hier, wie eine Schnecke in ihrem Haus.“
„Sag Ma, dass ich einen Polen mitbringe, wenn wir ausgetrunken haben. Sie kommen doch mit zum Essen, mein Herr?“