Der achtzigste Geburtstag

von Christa Schmid-Lotz (Copyright)

Horst Binder kämpfte gegen den landwärts stürmenden Wind. Er erreichte das Wasser, das nach seinen Schuhen züngelte, Seetang und tote Quallen ans Ufer spülte. Da sah er sie. Eine Kugel von einer alten Dame, die mit Sonnenschirm und Kompotthütchen gleich ihm sich den Elementen aussetzte. Sie wandte ihm ein Krötengesicht zu, das bockig verzogen war.

„Das hat mir gerade noch gefehlt!“

„Wie bitte?”

„Heute ist mein achtzigster Geburtstag. Es könnte mein letzter sein. Und meine Familie hat mich im Stich gelassen!“

„Herzlichen Glückwunsch! Ist denn niemand nach Sylt gekommen?“

„Doch schon, aber sie haben mich weggeekelt. Sie wollen ohne mich feiern.“

„Das kann ich mir nicht vorstellen. Sie sind doch das Wichtigste an so einem Tag!“

„Kommen sie mit, ich zeige es Ihnen. Ich lade sie ein.“

„Horst Binder ist mein Name.“

„Klara Großhans.“

Er nahm ihren Arm und geleitete sie über die Bohlen zu einem Reethaus, vor dem sich ein paar Menschen versammelt hatten. Sie gestikulierten aufgeregt.

„Na, habt ihr die Platten schon geputzt?“, sagte das Krötengesicht und kniff die Augen zusammen.

„Aber Mutter”, erwiderte ein Mann mit Halbglatze und stahlblauen Augen. „Es ist alles für dich angerichtet. Und wen hast du denn da aufgegabelt?”

„Das ist mein Lover. Ich möchte ihn in die Familie einführen. Horst, das ist Johann, mein begnadeter Sohn, seine Frau Louise, süffig ihres Zeichens und meine Tochter Thea, die leider keinen Mann abgekriegt hat. Dann die drei Kinder: Heidrun, das Putzteufelchen, Christine mit dem gleichen stahlblauen Blick und Amadeus, Hoffnungsträger der Familie. Der Junge heißt Daniel, Christines Sohn, mein Urenkel.”

Betretenes Schweigen. Dann kam die Wirtin, klatschte in die Hände und rief:

„Wir können anfangen! Die Musikkapelle ist auch schon da.“
Die festlich gekleidete Schar bewegte sich ins Haus hinein, aber Horst verspürte keine Fröhlichkeit; es kam ihm eher vor wie ein Trauermarsch. Tuschelnd verteilte sich die Familie auf den Plätzen an der langen Tafel. Sie war mit roséfarbenem Damast gedeckt, Suppenlöffel, Messer, Gabeln und Dessertbestecke glänzten neben hoch aufgerichteten Servietten. Weingläser funkelten, Baguettebrötchen warteten darauf, mit Knoblauchbutter bestrichen zu werden. Die Kellner bewegten sich schnell und lautlos und schenkten den Apéritif ein. Es scharrte und raunte.

Plingpling. „Alle mal herhören!“ Johann war aufgestanden. „Wir haben uns heute hier versammelt, um den achtzigsten Geburtstag von Dir, liebe Mutter, zu feiern …“

„Achtzig Jahre…. So alt wird keine Sau….!“
Um Gottes Willen, wer war denn da so daneben? Die Dame mit dem schwarzem Dutt und einem Hühnerhals, der aus dem hochgeschlossenen Kleid ragte, erhob ihr Glas.

„Thea meint, dass es beachtlich sei, im toxischen Zeitalter ein so hohes Alter zu erreichen.“ Johann räusperte sich.

„Ich persönlich habe dir, liebe Mutter, viel zu verdanken. Deine Restelsuppen haben mich groß und stark gemacht, deine gestrickten Sweater gewärmt in kalten Zeiten. Nie werde ich die Schlangenhaut vergessen, die über deinem Bett hängt und das Bild des sterbenden Schauspielers auf der Toilette. Ich meine natürlich auf der Bühne. Dann gab es die Zeiten, wo du am Steuer unseres Käfers saßest und immer, wenn wir unser Ziel erreichten, daran vorbeigefahren bist.“

Einige Gäste lachten halblaut; Johanns Frau Louise protestierte:
„Nicht schon wieder! Das war doch Mutter gar nicht, das war ich. Aber jetzt Schluss damit. Krieg ich vielleicht mal ´nen Schluck Wein?”

Der Kellner eilte herbei, um ihren Wunsch zu erfüllen. Johann fuhr mit seiner Rede dort.
„Im Jahre 1957 bist du, liebe Klara ,ins Meer gefallen und hast dich nicht mal erkältet…“

„Aber das war doch Christine,” fiel ihm Daniel, der Enkel, ins Wort. „Oma hat das Eis aufgehackt, um darin zu baden!”

„Und deswegen ist sie so alt geworden. Was uns nicht umbringt, macht uns nur noch härter“, fügte Heidrun hinzu. Christine drehte eine von ihren blonden Locken zwischen den Fingern und grinste.
Die Kellner begannen, die Suppe aufzutragen.

Louise schaute konsterniert in die weißporzellanene Tasse.

„Was soll denn das sein?“

„Nordseekrabbensuppe mit Hummer und Rahm. Verfeinert durch einen Schuss Madeira.”

„Oh ja, Madeira ist immer gut.”

„Jetzt iss endlich deine Suppe, Johann,” keifte Louise. „Sie wird kalt.“

Johann sackte ein wenig in sich zusammen und setzte sich. Er nahm den Löffel und blickte stahlblau in die Runde. Bevor er ihn in die Suppe tauchen konnte, hatten die Kellner die Tassen wieder abgeräumt. Als nächster Gang erschienen zwei riesige Platten, die dampften und verführerisch dufteten.

„Rindfleisch in Burgundersoße, Pommes dauphinois, Brokkolischaum …“

Horst Binder lief das Wasser im Mund zusammen.

„Und was ist auf der anderen Platte, wenn ich fragen darf?“, meinte er.

„Steinbeißerfilet mit Safranwildreis an Crème und Sommersalate.“

„Mmmh.“ Er blickte zu Klara hinüber, die ihm zuzwinkerte.

Während sich alle den Köstlichkeiten widmeten, erhob Johann sich wieder und richtete seine Kamera auf jeden einzelnen. Besonders auf Christine. Ein Blitz durchzuckte die Gaststube und tauchte für einen Moment alles in ein gleißendes Licht.

„Jo-hann, jetzt lass doch mal dieses dämliche Geknipse. Wir wollen in Ruhe essen. Und ich krieg wohl mal wieder nichts von dem Steinbeißer?“

„Gnädige Frau, sie hatten sich für das Boeuf entschieden …“

„Ich werd doch noch wissen, was für einen Fisch ich essen wollte!“

Horst hörte, wie Klara, die neben ihm saß, mit den Zähnen knirschte.

„Könnte mich vielleicht auch mal jemand fragen, was ich gern hätte? Schließlich ist es mein Geburtstag!“

„Ach, Oma. Was möchtest du denn?“, fragte Daniel mit den Flatterhosen und den U -Bootschuhen.

„Steinbeißer und Boeuf und Madeirasoße. Und ein Bier, bitteschön, vom Wein krieg ich immer Sodbrennen.“
In Windeseile wurde das Bier gebracht.
Die Oma trank einen Schluck.

„Daniel, man stützt seine Arme nicht auf beim Essen!”
Sie nahm seinen rechten Arm und ließ ihn zweimal auf den Tisch krachen, woraufhin Fischstücke nebst Brokkolischaum durch die Luft sausten.

„Öööörps,“ ein Rülpser entfuhr ihren herabgezogenen Mundwinkeln.Horst konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. Er sah, wie sehr die anderen ihr Kichern verbergen mussten. Nur Louise und Thea schauten indigniert in die Runde. Johann war schon wieder aufgesprungen und rannte mit seiner Filmkamera um den Tisch. Sein Essen dampfte nicht mehr.

„Jetzt brauch ich ´nen Schnaps“, ließ sich Louise vernehmen.

„Mutti, ich glaub, es reicht jetzt. Du hast schon eine ganze Flasche Wein!”, sagte Heidrun verärgert.

„Das ist meine Sache. Und wo ist eigentlich mein lieber, lieber Wuschel?“

Auf dieses Stichwort kam eine Töle unter dem Tisch hervor. Wuschel stellte die Kommodenbeine quer, legte den Schäferhundkopf schief und wackelte mit dem Schwanz, der von seinem Dackelkörper weggebogen war.

„Hallo Wuschel“, rief Daniel, nahm ein Stück Fleisch von seinem Teller und warf es ihm hin.
Horst sah, wie Klara dunkelrot anlief.

„So ein Benehmen ist un-mög-lich!“, kreischte sie und schlug mit der Faust auf den Tisch, dass das Bier überschwappte und die Weingläser zitterten. „Kann denn an meinem Achtzigsten kein einziger auf mich Rücksicht nehmen?“

Johanns Augen wurden eisig.
„Und könntest du mal aufhören, dich in die Erziehung einzumischen?“

„Also wenn hier einer erzieht, dann ich!“, fuhr Christine auf. In ihrem Gesicht erschienen hektische Flecken.

„Das ist die Höhe. Das ist die absolute Höhe. Da wird man achtzig Jahre alt und muss sich so von seiner Sippe beleidigen lassen…“. Klara presste die Hand aufs Herz und begann zu schreien, spitz und schrill, immer lauter, drohte umzukippen, stand dann ruckartig auf, knallte ihren Stuhl gegen den Tisch und lief zur Tür hinaus. Wuschel bellte wie verrückt und wollte ihr nach, dabei zog er den Tisch, an dem er festgebunden war, ein Stück mit sich. Aus den umgekippten Gläsern tropften Wein und Bierschaum auf den Boden. Alle waren aufgesprungen und standen wie zu Salzsäulen erstarrt. Horst fasste sich als erster und stürmte Klara hinterher.

Die Nacht war noch nicht ganz hereingebrochen, aber der Wind hatte an Stärke zugenommen. Ängstlich kreischten Möwen in der Höhe, am Horizont war ein Wetterleuchten zu sehen. Instinktiv nahm Horst den Weg zum Strand. Sah dort eine kleine dunkle Masse am Wasser sitzen. Er ließ sich neben ihr im feuchten Sand nieder.

„Klara, das haben die doch nicht bös gemeint. Es wollte Ihnen niemand weh tun.“

Ein Blitz zuckte über das Meer, gefolgt von Donnergrollen.

„Huch! Ich hab’s Ihnen ja gesagt, die wollen mich wegekeln. Das ist immer so!“

Das Gewitter war jetzt über ihnen. Blitz und Donner folgten Schlag um Schlag, der Himmel öffnete seine Schleusen, der Wind hatte sich zum Sturm ausgewachsen und das Meer kochte.

Horst schrie gegen die elementare Gewalt: „Jetzt machen Sie mal nicht so ein Butterhexengesicht und kommen sie zurück. Es gibt noch Sorbets mit Mangostiften und Sternfrüchten, wie ich gesehen habe. Mit feiner Schokolade verziert …“

Sie sah ihn, völlig durchnässt, aus blauen, halb ängstlichen, halb schalkhaften Augen an.

„Gut, dass Sie da sind, Horst. Sie sind der einzige, der noch nicht verrückt geworden ist.“

Er nahm ihre Hände und drückte sie. Sie legte den Arm um ihn und gab ihm einen Kuss. Ihre grauen Haare flatterten über sein Gesicht. Aus der Ferne hörten sie aufgeregtes Rufen.

„Kla-ra, wo bist du …?”

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